Im Kino
Das Leben, eine bittersüße Frucht
Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
07.05.2025. Um drei Anstrengungen kreist Alex Parkinsons "Last Breath". Und doch herrscht im Zentrum dieses Films über einen Tauchunfall am Grund der Nordsee völlige Ruhe."Last Breath" ist der Film eines Versprechens. Tiefseetaucher Chris Lemons (Finn Cole) begibt sich zum Grund der Nordsee, um dort Wartungsarbeiten an einer Pipeline durchzuführen. Zu Hause wartet seine Verlobte Morag (Bobby Rainsbury), der immer wieder versichert wurde, dass das alles trotz der lebensfeindlichen Bedingungen kein Problem sei, trotz des enormen Drucks, trotz der Kälte, trotz der Dunkelheit, trotz des fehlenden Sauerstoffs. Die Zweifel bleiben dennoch - und ihr nur die Versicherung Chris', dass er wiederkommen wird.
Dem Langfilmdebüt von Regisseur Alex Parkinson steht ins Gesicht geschrieben, dass doch etwas schief gehen wird. Während die Taucherglocke mit Chris und seinen beiden Kollegen Duncan (Woody Harrelson) und Dave (Simu Liu) in die Tiefen abgelassen wird, bricht ein Sturm los, die Computertechnik am Schiff versagt und bald befindet sich Chris allein, verlassen und mit schnell schwindendem Sauerstoff am Boden der Nordsee, während Taucherglocke und Schiff und damit die einzige mögliche Rettung immer weiter abgetrieben werden.
Die Ausgangslage und deren Umsetzung sind simpel: Ein Mann in einer extremen Notsituation, in der alles gegen sein Überleben spricht, muss gerettet werden. Eine Schiffsbesatzung tut das Wenige, was in ihrer Macht steht. Viele Möglichkeiten, das auf wahren Begebenheiten beruhende Geschehen zu strecken und aufzumotzen, gibt es nicht, und sie werden auch kaum gesucht. Mit etwas mehr als 93 Minuten ist der Film angenehm schlank und überhaupt ziemlich luftig. Ziehen wir die Exposition, die ausgedehnten glücklichen Aufräumarbeiten am Ende und den Abspann ab, dann bleiben gute vierzig Minuten Suspense. Was aber nicht heißt, dass diese nicht intensiv wäre. Die Auslieferung an die Elemente und die verrinnende Zeit sind eindringlich eingefangen, vor allem macht Parkinson die Rettung von Chris zur Kraftanstrengung an drei Fronten.

Auf dem Schiff, inmitten nicht nachlassender Wellen, kämpft die Crew mit der Technik. Ohne einen Computer sind sie mehr oder weniger hilflos, weshalb ihr Kampf nicht nur das Überleben eines Tauchers zum Ziel hat, sondern auch den Beweis erbringen muss, dass der Mensch sein Schicksal in der eigenen Hand hat. Immer wieder werden uns Monitore, Kabel, Hebel und Joysticks gezeigt - und damit ein Ringen um die Herrschaft über die Technik und gegen die Versklavung durch sie. Passend dazu sieht die Brücke des Schiffs wie die des Raumschiffs Enterprise aus. Mit einem Käpt'n in der Mitte auf einem Sessel und seinen technischen Offizieren und Steuerleuten um ihn herum, die alle ihre besonderen Probleme überwinden müssen. Heißt: Mensch muss hier das Leben in der realexistierenden Science-Fiction meistern.
Unten in der Glocke und auf dem Boden sieht es ganz anders aus. Dort sind die Taucher auf sich und ihre Fähigkeiten zurückgeworfen. Hier braucht es Orientierungssinn und die Kraft, sich mitsamt Ballast an einem Seil hochzuziehen. Strukturen müssen erklommen werden, und vor allem braucht es Nerven aus Drahtseilen sowie endlose Geduld. Die Taucher hängen an einer sogenannten Nabelschnur, die sie mit Luft, Wärme und Energie versorgt. Nur wird Chris von diesem Band getrennt. In einem nicht lebensspendenden Uterus verkümmert er langsam. Sein Kampf ist einer um Selbstbestimmung in einem Leben, in dem jeder existentiell auf sich selbst verwiesen ist.
Zuletzt schwelt auch noch die ganze Zeit, als Drittes, ein psychologisches Drama. Die Titelsequenz zeigt, wie Chris an Bord geht. Heitere Betriebsamkeit herrscht. Er grüßt alle herzlich, und alle grüßen ebenso zurück. Die Idylle zwischen den Leuten, den Metallrohren und der Technik ist allgegenwärtig, bis die Teams zugeteilt werden und Chris erstmals auf Dave trifft. Der zeigt ihm die kalte Schulter - mehr ist es nicht, nur der frostig bleibende Dave, der alles Zwischenmenschliche gegenüber Chris abprallen lässt und auf Konzentration aufs Wesentliche, das Überleben, pocht. Sofort ist das Behagliche dahin. Nie wird der Film zum großen Melodrama, aber diese kleinen Stiche nagen doch. Auch weil sich im kalten Professionalismus Daves die Sorgen Morags um ihren Verlobten und dessen schlechtes Gewissen spiegeln. Hier vollzieht sich introvertiert ein Kampf um Anerkennung und gegen die Enttäuschung anderer.
Mit diesen drei Anstrengungen in einer durchgängig grimmig nassen, dunklen, kalten, stürmischen Welt ist "Last Breath" durchaus reichhaltig und ein schönes konzentriertes Spektakel. Es ist aber schon auch so, dass es vor allem um jemanden geht, der die meiste Zeit über am Boden der Nordsee liegt und auf Rettung warten muss. Im Zentrum der Action herrscht völlige Ruhe. Die drei Fronten, so hart umkämpft sie sind, sind letztlich nicht entscheidend. Denn der Aufhänger des Films ist ein Wunder, ein real geschehenes Wunder. So sehr er sich auch anstrengt, am Ende liegt es nicht in der Hand des Menschen, ob er überlebt oder nicht. Das könnte die Botschaft des Films sein.
Gott wird während alldem nie erwähnt, und doch ist er der Fluchtpunkt des Films, seiner Frage, wie das, was geschieht, hat geschehen können - am Ende erklären uns Texttafeln, dass die Wissenschaftler ratlos sind. Dass Gott nicht erwähnt wird, dass jedem seine eigenen Interpretation belassen wird, gehört zu den entspannten Seiten des Films. Und doch, weil es um das Wunder geht, bleiben die äußeren Kämpfe bei aller kinetischen Schönheit etwas schwach. Der Film macht sich ein wenig zu sehr von dem einen unerklärlichen Umstand abhängig.
Vielleicht ist der entscheidende Moment aber auch ein Nebenumstand des Endes. Chris, Duncan und Dave gehen nach ein paar Wochen Pause wieder an den Grund der Nordsee und beenden ihre Arbeit. Nur sehen wir nicht die Schauspieler zurückkehren, sondern Archivaufnahmen der echten Personen. Die fiktiven Figuren hatten Erlösung erfahren, die Dramaturgie hatte sie ins Happy End entlassen, in einen ewig glücklichen Tod des Endes einer Geschichte. Ihr erneuter Abstieg wäre widersinnig gewesen. Also kommen die realen Aufnahmen zum Einsatz. Die drei echten Taucher, und ebenso wir die Lebenden, müssen weitermachen, wo der Held des Films entlassen ist. Das Leben, es ist in "Last Breath", eine bittersüße Frucht, die endlos umkämpft bleibt.
Robert Wagner
Last Breath - USA 2025 - Regie: Alex Parkinson - Darsteller: Woody Harrelson, Simu Liu, Finn Cole, Cliff Curtis, Bobby Rainsbury
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