Im Kino

Undendliche Qualen des Verliebtseins

Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
07.05.2025. Wenn der Schulschwarm die eigene Lehrerin ist: Dag Johan Haugeruds Berlinale-Gewinnerfilm "Oslo-Stories: Träume" fächert das Gefühlschaos einer jungen Liebe auf. Sorgfältig, ernsthaft - und manchmal ein bisschen zu vernünftig.

Wenn man in den 2000er-Jahren ein weiblicher Teenager war, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass man irgendwann einmal eine Mädchenzeitschrift, wie zum Beispiel die "Bravo-Girl" durchgeblättert hat. Dieses Teenie-Magazin (dessen latenter Sexismus dann irgendwann in den Fokus der Öffentlichkeit geriet) beriet Mädchen (und alle, die es lesen wollten) immer mal wieder darin, wie sie ihren "Schulschwarm" auf die effektivste Weise bezirzen können. Ich erinnere mich, dass mir schon damals die Formulierung "Schulschwarm" unheimlich verniedlichend und verharmlosend erschien - im Verhältnis zu den unendlichen Qualen des jugendlichen Verliebtseins (speziell natürlich, wenn es unerwidert blieb).

Die Protagonistin in Dag Johan Haugeruds Abschlussfilm seiner "Oslo-Trilogie" würde mir in diesem Punkt wahrscheinlich zustimmen, obwohl man stark bezweifeln kann, dass sie jemals den Drang verspüren würde, die "Bravo-Girl" zu lesen. Aber das große Leid der ersten unerwiderten Liebe muss auch sie durchleiden. Das Brisante daran ist, dass es sich bei ihrem "Schulschwarm" um eine junge Lehrerin handelt, die neu an die Schule kommt. Johanne spürt vom ersten Moment an, dass diese Frau in ihr etwas auslöst. Zunächst ist ihr nicht klar, was da in ihr vorgeht, bis sie erkennt: diese um einiges ältere Frau ist ihre große Liebe.

Dag Johan Haugerud lässt uns im Berlinale-Gewinnerfilm "Oslo-Stories: Träume" ("Drømmer") an den Gedanken Johannes teilhaben, die poetisch-psychologisch das Gefühlschaos auffächert, das diese mehr oder weniger verbotene Liebe in ihr auslöst. Ihre junge und schöne Lehrerin, die bezeichnenderweise den so ähnlichen Namen Johanna trägt, wird zum Mittelpunkt ihrer Wahrnehmung; jeder Blick, jede kleine Geste, ja selbst das bloße Wissen um ihre Anwesenheit in der Schule erhellen Johanne den Tag. Ist sie nicht da, bleibt alles kahl und bedeutungslos. Um sich ihres emotionalen Ballasts zu entledigen, beginnt Johanne ihr Martyrium aufzuschreiben: nüchtern, analysierend, klug.


Hier liegt die größte Stärke und gleichzeitig die Schwäche von Haugeruds Film. Er breitet die Reflexionen seiner Protagonistin (Ella Øverbye) über ihr unglückliches Verliebtsein als fein ausgearbeitete, psychologisch grundierte Erzählung vor dem Publikum aus, lässt uns teilhaben an sehr klugen und richtigen Gedanken über die Beschaffenheit einer einseitigen und vielleicht etwas unerfahrenen Leidenschaft. Die Problematik der Situation, der Altersunterschied, das Machtgefälle, wird natürlich nicht ausgelassen: Weil Johanne nicht weiter weiß, gibt sie ihre Aufzeichnungen ihrer Großmutter zu lesen, über diesen Umweg kommt der Text auch zu ihrer Mutter. Haugeruds Figuren zeichnen sich durch eine große emotionale und psychologische Reife aus, was hier ebenfalls zum Tragen kommt: Zwar sind beide Frauen zunächst schockiert, rätseln vor allem angesichts der expliziten Sex-Szenen darüber, was  Fiktion und was Realität ist (darüber lässt uns der Film bis zum Ende im Unklaren). Aber es wird nicht Zeter und Mordio geschrien angesichts der Liebe einer Schülerin zu ihrer Lehrerin, niemand wird angezeigt, und niemand startet eine Hetzkampagne.

Die Charaktere aus "Träume" sind allesamt sehr reflektiert, reif, tolerant, ein bisschen bewandert in Psychologie, offen - einerseits würde man sich wirklich wünschen, jeder wäre so (die Welt wäre eine bessere). Andererseits wird man das Gefühl nicht los, dass uns der Regisseur eine Lektion in Sachen "achtsamer Umgang mit herausfordernden Situationen" erteilen will. So interessant und richtig und weitsichtig die Gespräche zwischen den weiblichen Figuren sind, so vermisst man doch hin und wieder ein kleines bisschen Spontanität, eine wilde Emotion, ein Herausfahren aus der Haut, etwas Unerwartetes, Irrationales.

Haugerud nimmt sich mit viel Fingerspitzengefühl eines sensiblen Themas an, und er lässt uns dank seiner tollen Darstellerinnen auch nicht in der Abstraktion allein. "Träume" räumt der gesprochenen und geschriebenen Sprache eine sehr große Rolle ein - die Bilder unterstreichen mehr die anregenden Gedanken und Gespräche der Figuren, als dass sie aus sich selbst sprechen. Die Filmbilder in den Dienst der Sprache zu stellen - das ist eine ungewohnte und ungewöhnliche Perspektive in der Gegenwart, in der das Visuelle immer mächtiger zu werden scheint verglichen mit der Reflexion oder dem gesprochenen Wort. Der norwegische Regisseur gibt uns viel Stoff zum Nachdenken, aber verzichtet weitgehend auf die visuelle Kraft der Kinobilder - das ist interessant, inspirierend, ein bisschen anstrengend und manchmal ein bisschen zu vernünftig.

Alice Fischer

Oslo-Stories: Träume - Norwegen 2024 - OT:  Drømmer - Regie: Dag Johan Haugerud - Darsteller:  Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen - Laufzeit: 110 Minuten.