Im Kino

Hilflos vor den Bildern

Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
08.01.2025. Aus der Perspektive eines amerikanischen Fernsehteams rekonstruiert Regisseur Tim Fehlmann in "September 5" das blutige Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Sommerspiele 1972 durch Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September. Geschickt führt der Film vor, wie die journalistischen Versuche, die Bilder zu kontrollieren, angesichts des Terrors in Chaos enden.

In den frühen Morgenstunden des fünften September 1972 drangen acht palästinensische Terroristen der Gruppe Schwarzer September bei den Olympischen Sommerspielen in München in die Unterkunft der israelischen Athleten ein, ermordeten zwei Sportler und nahmen neun weitere als Geiseln. Nachdem sich die Verhandlungen den ganzen Tag hinzogen, mündete der Versuch der Polizei, die Geiseln am Militärflughafen Fürstenfeldbruck, von wo sich die Terroristen nach Kairo absetzen wollten, zu befreien, in einem Blutbad: Am Ende wurden neun Sportler und ein Polizist ermordet, fünf Terroristen von der Polizei erschossen.

Die 20. Olympiade war die erste, die vom Fernsehen live und in Farbe in die ganze Welt übertragen wurde. Für die Bundesrepublik Deutschland war sie in erster Linie eine große Imagekampagne: Sechs Kilometer entfernt vom Gelände des einstigen Konzentrationslagers Dachau, 36 Jahre nach Olympia 1936 in Berlin, einem großen Propaganda-Coup des Nazi-Regimes, sollten die - so der offizielle Werbe-Slogan - "heiteren Spiele" der Welt das Bild eines geläuterten, weltoffenen Deutschlands präsentieren. Der Terroranschlag, die Unfähigkeit der Staatsgewalt, ihm etwas entgegenzusetzen, aber auch die mehr als fragwürdige Entscheidung der Veranstalter, die Spiele im Anschluss einfach weiterlaufen zu lassen, verwandelten dieses intendierte Bild in sein glattes Gegenteil: in eine Demonstration der Kontinuität des Antisemitismus, der sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs insbesondere gegen Israel, den einzigen jüdischen Staat, richtet.

Mit dem Anschlag, seinen Umständen und Folgen, beschäftigten sich in den letzten fünf Dekaden verschiedene Spiel- und Dokumentarfilme. Während sich deren erster, der Fernsehfilm "Die 21 Stunden von München" (1976), noch um größtmögliche Nähe zu den Ereignissen bemühte, indem er die Entführung als blutrünstiges Spektakel am Originalschauplatz nachstellte, wählt Regisseur und Co-Drehbuchautor Tim Fehlbaum in "September 5" nun einen distanzierteren Zugang: Er zeigt die Ereignisse aus der Perspektive des Reporterteams von ABC Sports. Das im bräunlich-fahlen Licht der Fernsehbildschirme schimmernde Studio, in dem fast der gesamte Film spielt, ist ganz buchstäblich ein Medium, ein sonderbares Zwischenreich, in dem sich entscheidet, was die Welt von einem Ereignis sieht.


Ein Dialog zu Beginn, bevor die Schüsse, die aus dem Olympischen Dorf zu hören sind, die routinierte Programmplanung aus dem Ruder laufen lassen, diskutiert, inwieweit die politische Komponente eines Boxkampfs zwischen einem Kubaner und einem US-Amerikaner in der Berichterstattung berücksichtigt werden soll. Die Szene ist ein Schlüssel zum Film, in der sich dessen verschiedene Diskurse verschränken: Ist der sportliche Wettstreit der Nationen auch eine sublimierte Form kriegerischer Auseinandersetzungen, dann trachtet der Terror danach, diese Sublimierung in einer blutigen Schlacht um die Kontrolle der Bilder und der Geschichte, die sie erzählen, aufzuheben.

Fehlbaums Fokus auf die Rolle der Medien fügt der Geschichte vom Versagen der Institutionen ein weiteres Kapitel hinzu. Wenn die Live-Übertragung via Fernseher in dem Zimmer, in dem sie sich mit den Geiseln verschanzen, den Terroristen einen taktischen Vorteil verschafft, weil sie so über das Vorgehen der Polizei draußen informiert werden, entwickelt das Scheitern des Fernsehteams an seiner Aufgabe eine bitter-tragische Komik. Das Zeitkolorit, zu dem auch die Referenz auf die finster-fatalistische Grundstimmung der Polit-Thriller der 1970er gehört, wird durchsetzt mit ganz und gar gegenwärtigen Momenten der Reflexion; etwa des Alltagssexismus: Zu dumm, wenn die einzige Deutsche im ABC-Team zwar ständig als Dolmetscherin gebraucht wird, aber im entscheidenden Moment nicht da ist, weil sie als einzige Frau zum Kaffee holen geschickt wurde.

Zum Kulminationspunkt wird in Fehlmanns Rekonstruktion der Ereignisse eine besonders bittere Wendung: Im Verlauf der stundenlangen Schießerei am Flughafen führt die unübersichtliche Lage zu der später korrigierten Falschmeldung, dass die Geiseln befreit worden seien. Das geschäftige Treiben im Studio, der detaillierte Blick auf Arbeitsabläufe, der Umgang mit der Technik und der Streit um Kompetenzen - all das endet mit Menschen, die vollkommen hilflos vor den Bildern stehen, die sie ursprünglich einmal kontrollieren sollten. Wo die Ordnung der Bilder und Erzählungen sich in Chaos auflöst, hat der Terror gewonnen.

Nicolai Bühnemann

September 5 - Deutschland, USA 2024 - Regie: Tilm Fehlbaum - Darsteller: Peter Sarsgaard, John Magaro, Ben Chaplin, Leonie Benesch, Zinedine Soualem, Georgina Rich - Laufzeit: 95 Minuten.