Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2024 - Kunst

Provokation und Ironie bestimmen das Werk der feministischen Künstlerin Valie Export, das Jens Hinrichsen für den Tagesspiegel im C/O Berlin gesehen hat. "Eindrucksvoll" findet er diese große Retrospektive, die Werke aus den späten 1960er- bis in die frühen 1980er-Jahre in den Fokus nimmt: "Als 'erweitertes Kino' lässt sich die Installation 'Fragmente der Bilder einer Berührung' von 1994 auffassen. 18 leuchtende Glühbirnen tauchen in mit Altöl, Milch oder Wasser gefüllte Zylinder ein. Das lässt an einen Schwarz-Weiß-Film denken, der am Lichtfenster eines Filmprojektors vorbeirattert. Doch die Bewegung ist entschleunigt und sanft - ein simulierter Liebesakt. Die 'Fragmente' verweisen auf Körper, auf Sexualität und zugleich auf die für Valie Export ungebrochene Faszinationskraft von Medien und Bildermaschinen, diese zwiespältigen Apparate der Erkenntnis und des Verkennens."

Weiteres: Der Historiker Julien Reitzenstein kritisiert in der taz den internationalen Umgang mit der Restitution von Kunstwerken, die jüdische Menschen bei ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland verkaufen mussten: "Wer die deutsche Demokratie ernst nimmt, wird keine Probleme damit haben, den vor 1945 als Juden verfolgten Deutschen - viele von ihnen waren schon seit Generationen Christen - ihr Grundrecht auf Eigentum ohne Einschränkung zuzugestehen. Wer aber beim Eigentumsrecht zwischen Juden und Nichtjuden unterscheidet, bewegt sich auf dem Pfad des Antisemitismus - einem Kern der NS-Ideologien."

Besprochen werden eine Jeff Wall-Retrospektive in der Fondation Beyerler bei Basel (FAZ, NZZ tsp), eine Anna Opermann-Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn (tsp), die Ausstellung "Sieh dir die Menschen an! Das neusachliche Typenporträt in der Weimarer Zeit" im Kunstmuseum Stuttgart (SZ) und die Ausstellung "Postkartenkilometer. Künstlerkarten in Europa von 1960 bis heute" im Residenzschloss Dresden (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2024 - Kunst

 James Ensor, Skeletons Fighting Over a Pickled Herring (Squelettes se disputant un hareng-saur) - Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brussels (oil on wood, 16 x 21,5 cm)

Jörg Restorff feiert in der NZZ mit den Bildern des belgischen Malers James Ensor das Leben - obwohl dieser ein Faible für die Darstellung von Skeletten und Totenköpfen hatte. Zum 75. Todestag Ensors gibt es zahlreiche Ausstellungen zu sehen, annonciert Restorff, vor allem in Ostende und Antwerpen. Mit seinen karnevalesken Darstellungen kritisierte Ensor die "bürgerliche Maskerade" der Gesellschaft des Fin de Siècle - ihn aber nur als "Maler der Masken und Skelette" zu verstehen, würde ihm nicht gerecht, betont der Kritiker: "Das Ensor-Haus bündelt in einer Sonderschau (März und April) die Selbstporträts des Malers: Zeitlebens hat er sich zeichnend und malend selbst befragt, hat unablässig Rollen ausprobiert, um die Facetten seiner Persönlichkeit auszuloten. Mehr als hundert Selbstporträts umfasst das Werk - selbst Rembrandt, von dem 'nur' achtzig Selbstbildnisse überkommen sind, vermag in dieser Hinsicht mit Ensors Output nicht mitzuhalten. Kühn und auch kurios ist eine kleinformatige Radierung von 1888, betitelt "Mein Porträt im Jahre 1960". Hier imaginiert sich Ensor als Hundertjährigen: ein am Boden liegendes Skelett mit aufgerichtetem Oberkörper, dessen wache Augen die Umgebung mustern. Diese Darstellung, geschaffen von einem 28-Jährigen, ist eines der ungewöhnlichsten und radikalsten Selbstporträts der Kunstgeschichte."

Der Intendant das Kunstmuseums Bonn, Stephan Berg, beklagt in der FAZ in den Debatten um "kulturelle Aneignung" in der Kunst mangelnde Offenheit und Cluster-Denken. Das ursprüngliche Anliegen, den weißen, westlichen Blick zu erweitern und zu hinterfragen, ist ihm sehr wichtig. Aber in der aktuellen Diskussionen werde zu absolut gedacht und vergessen, dass "Kunst grundsätzlich von Anverwandlung lebe": "Ja, es ist bisweilen schwierig, Meinungen auszuhalten, die dem eigenen aufgeklärten Denken zuwiderlaufen oder nicht mehr dem heutigen Stand entsprechen. Aber das Ausradieren, das Löschen von Inhalten, die zu Recht oder zu Unrecht als nicht mehr tragbar, passend oder vermittelbar erscheinen, war noch nie ein guter Weg. In diesem Sinne sollten wir zu einer Debattenkultur zurückkehren, die hart und engagiert, aber immer mit dem Respekt vor der Meinung des anderen um den richtigen Weg ringt. Dabei sollte sie die Fähigkeit der Kunst, widersprüchlich, unvorhersehbar und mehrdeutig zu agieren, nicht als Defizit, sondern als eine Qualität begreifen, die für unsere gesellschaftliche Zukunft eminent wichtig ist."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2024 - Kunst

Jeff Wall, After 'Invisible Man' by Ralph Ellison, the Prologue (Nach 'Der unsichtbare Mann' von Ralph Ellison, der Prolog), 1999-2000. Grossbilddia in Leuchtkasten, 174 x 250,5 cm. Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel © Jeff Wall 

Die "Sichtbarmachung des Unsichtbaren" beobachtet Hans-Joachim Müller für die Welt auf den Fotos von Jeff Wall in der Fondation Beyerler. Geradezu magisch findet der Kritiker, wie Wall den Erzähler aus Ralph Ellisons Roman "Invisible Man" auf einem seiner berühmtesten Bilder zum Leben erweckt, als "schwarzen Mann, der unter seinem mit Glühlampen bewachsenen Zimmerhimmel im Lebensmüll hockt und die blecherne Salatschüssel abtrocknet." Was genau ist das Faszinierende an diesen Bildern, überlegt Müller. Es hat wohl auch damit zu tun, meint er, dass Walls Szenen so alltäglich scheinen - aber doch immer etwas Fremdes enthalten: "Immer herrscht auf dem Set dieser Foto-Inszenierungen millimetergenaue Ordnung. Kein Detail ist dem Zufall überlassen. Es ist Stellungskunst. Und zugleich die Kunst, in der Geometrie der Figuren, im Mosaik der Dinge, in der Regie über Himmel und Horizont die unmessbaren Erregungen, die Verwirrungen der Gefühle zu verstecken. Die Differenz zwischen den ordentlichen Begriffen von Welt und den unordentlichen Bildern von Welt, der unüberbrückbare Abstand zwischen Sehnsucht und Sehnsucht heißt Angst. Ganz wohl, ganz geheuer ist einem im Cinema des Jeff Wall selten."

Tazlerin Julia Hubernagel hat sich in der Kunstszene Taiwans umgesehen. Obwohl die politische Bedrohung durch China überall präsent ist, begegnet ihr bei den Kunstschaffenden in Taipeh, Kaohsiung und Tainan "weniger Pessimismus als eine gewisse trotzige Gefasstheit". Kritik gibt es, aber sie muss sehr subtil sein, erfährt die Kritikerin: "Grillen zirpen. Etwa hundert Stück. In einem dunklen Raum im Kaohsiung Museum of Fine Arts singen einzeln in kleine Gläsern gesperrte Insekten von einer Videowand auf die Besucherin herab. Hochhaussiedlungen kommen einem in den Kopf, Wohnungsknappheit, der Mensch als Legehenne im Kapitalozän. Eine Dystopie? Der Künstler Chen Yen-Chi lächelt. 'Die Grillen sind doch glücklich in ihrem Käfig', sagt er. 'Sie haben genug Nahrung und leben in Frieden. Würde man sie zusammen halten, gingen sie aufeinander los."

Weiteres: FAZ, NZZ, Tagesspiegel, FR und Welt schreiben Nachrufe auf den Bildhauer Carl André.

Besprochen wird die Ausstellung "Africa and Byzantium" im Metropolitan Museum of Art in New York (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2024 - Kunst

Der Minimal Art-Künstler Carl Andre ist im Alter von 88 Jahren in New York gestorben. Seine Kunst "hatte sich auf radikale Art dem Minimalismus verschrieben: Er arbeitete meist mit einer limitierten Anzahl von Materialien wie Metallen, Ziegeln, Granit oder Holz und ordnete sein Material so schlicht an, dass es an Steinhaufen erinnerte", erinnert der Spiegel. Seine Karriere war allerdings auch von schwerwiegenden Vorwürfen überschattet: Es hieß, "er sei am Tod seiner damaligen Frau, der kubanisch-amerikanischen Künstlerin Ana Mendieta, beteiligt gewesen. Sie war im Alter von 36 Jahren aus dem Fenster der gemeinsamen New Yorker Wohnung im 34. Stock gestürzt. 1985 wurde Andre verhaftet und wegen des Todes von Mendieta angeklagt." Die Vorwürfe blieben allerdings unbewiesen.

Ingeborg Ruthe setzt sich in ihrem Nachruf in der Berliner Zeitung mit den Gefühlen auseinander, die Andres Kunst bei ihr ausgelöste: "Andre beschäftigte der 'Schnitt im Raum' und die raumgreifende Anordnung von Linien, Reliefs und Flächen. Bis ins hohe Alter ging es ihm um sinnliche Wahrnehmung von verschiedenen Standorten aus. Wer so ein Platten-Feld betritt, die Materialien unter den Füßen spürt, die Klänge und Töne beim Betreten hört und die Veränderungen des Lichts auf den Materialien durch seinen eigenen Schatten sehen kann, weiß, wie sehr Kunst auch herausfordert." In der Welt schreibt Gesine Borchert: "Mit den einzelnen Elementen, die er zu geometrischen Formen kombinierte, orientierte sich Andre stets am menschlichen Maß. Das macht seine Skulpturen nahbar und regelrecht sinnlich."
Stichwörter: Andre, Carl

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2024 - Kunst

Bild: Gundula Schulze Eldowy. Papst, New York, 1990 aus der Serie In einem Wind aus Sternenstaub  © Gundula Schulze Eldowy

Mit "Halt die Ohren steif!" in der Berliner Akademie der Künste und "Berlin in einer Hundenacht" im Bröhan Museum widmen sich derzeit gleich zwei Ausstellungen der Fotografin Gundula Schulze Eldowy. Mehr als verdient, findet taz-Kritikerin Sophie Jung, die hier auch über viel seit 1985 währende Künstlerfreundschaft der Ostdeutschen zum Amerikaner Robert Frank erfährt: "Gundula Schulze hatte zu dem Zeitpunkt mit ungewohnter Direktheit in Schwarz-Weiß das von Krieg und Teilung gezeichnete Ostberlin porträtiert. Ihre Fotografien abseitiger, skurriler Charaktere der Stadt haben sich heute ins allgemeine Bildgedächtnis eingebrannt. Man kennt vielleicht ihr Bild von einem lieblich verwahrlosten Paar, das nie das Geld für ein Hochzeitsfoto besaß, oder das der Greisin Tamerlan, die nach einer Beinamputation fahl von ihrem Krankenhausbett in Schulzes Kamera blickt. Manchmal wirken ihre Motive derart aus der Zeit gefallen, als entsprängen sie den sozialkritischen Stadtszenen eines Hans Balluschek aus dem preußischen Berlin."

Nach dem Schulze Eldowy Frank 1990 in den USA besucht, "weitet sich der Kosmos der Fotografin ins Unendliche", erkennt Christiane Meixner im Tagesspiegel: "Immer noch lenkt sie den Blick auf das Abseitige im Alltäglichen und seine schmutzige, manchmal schmerzende Schönheit, die es zu ergründen gilt. Doch 'ihr fotografisches Werk transzendierte zunehmend zur Bildenden Kunst' schreibt Boris Friedewald als einer der Kuratoren der Ausstellung in seinem Katalogtext. Farbe und Mehrfachbelichtungen tauchen auf, die großen Formate im letzten Raum der Ausstellung zeigen diesen Wandel in Schulze Eldowys Arbeit."

Bild: graphic Thought Facility (1990, UK). Playing dress-up with AI, 2023

Zwischen Porträts von Hitler, der Rehbabys füttert, erwachsenen Männern, die Ponykunst schaffen und jede Menge Katzenbabys gefriert dem Guardian-Kritiker Oliver Wainwright das Lächeln in der Ausstellung "Cute" im Somerset House in London, die untersucht, welche unheimliche Blüten der Drang nach Niedlichkeit treibt. Und das seit dem 19. Jahrhundert, wie Wainwright lernt: "Wir finden die abgefahrenen psychedelischen Visionen des schizophrenen Malers Louis Wain und das, was Catterall als 'die ersten Katzen-Memes' bezeichnet, kleine fotografische Grußkarten, die Harry Pointer in den 1870er Jahren von seinen Hauskatzen anfertigte, die Teepartys feiern und Dreirad fahren. Es ist eine Erinnerung daran, dass der menschliche Drang, Kätzchen zu vermenschlichen, lustige Bildunterschriften hinzuzufügen und sie als Bilder im Taschenformat weiterzugeben, eine altehrwürdige Tradition ist, die nicht erst durch das Internet erfunden wurde."

Weiteres: Wie in einem Zettelkasten fühlt sich Alexandra Wach (Tagesspiegel) in der Anna-Oppermann-Retrospektive in der Bundeskunsthalle Bonn, die die "Ensembles" genannten Hausaltäre der Konzeptkünstlerin nun zwischen Zeichnungen, Fotos und Collagen rekonstruiert hat." Tobias Timm unterhält sich mit dem Fotografen Jeff Wall für die Zeit über Pferde, Realismus und die Autonomie der Kunst. Besprochen wird der Podcast "How To Make Money As An Artist In The Art World" des Frankfurter Konzeptkünstlers Michael Riedel (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2024 - Kunst

Honoré Daumier: Le Passé - le présent - l'avenir, 1834 ©Privatsammlung

Im Frankfurter Städel ist derzeit eine Auswahl der Arbeiten des französischen Karikaturisten und Malers Honoré Daumier zu bewundern. FAZ-Kritiker Stefan Trinks hält Daumier für einen der einflussreichsten europäischen Künstler des 19. Jahrhunderts überhaupt. Von Picasso bis zur Titanic hat sich praktisch alle Welt bei seinem Schaffen bedient. Kaum jemand prägte außerdem das politische Frankreichbild so sehr wie der Karikaturist: "Durch Daumier kommt die innerfranzösische Politik europaweit zur Aufführung, wird der Börsenmakler Robert Macaire zum Inbegriff des Wirtschaftsliberalen und werden der verschlagene Napoleon III., das politische Stehaufmännchen Émile Ollivier, das mehrere Regimes überlebte und zeitweilig sogar Ministerpräsident Frankreichs war, und natürlich vor allem die 'Parlamentarier' die mit ihren unverwechselbaren Charakterköpfen sowohl grafisch als auch in Bronze gegossen in der Ausstellung präsent sind, zum Stammpersonal auf allen Karikatur-Bühnen des Kontinents - sei es in der belgischen Ausgabe des Charivari oder selbst des Punch in England, der im Untertitel die Abkunft von Daumiers Hauptblatt benannte."

In der FR zeigt sich Lisa Berins vor allem fasziniert von Daumiers Arbeitsweise: "Seine detailliert ausgearbeiteten Charakterköpfe zeichnete Daumier spiegelverkehrt und mit sicherer Hand auf den Lithographiestein, der vom Kurier schnell zum Verlag gebracht wurde. Statt mit zeichnerischen Vorstudien arbeitete Daumier mit plastischen Modellen, die er selbst aus Ton entwarf und die posthum in Bronze gegossen wurden. Die physiognomischen Eigenheiten der Politiker modellierte er in kleinen Büsten überspitzt heraus: lange Nasen, Knollengesichter, verfettete Kinn-, wulstige Stirnpartien."

Nein, stellt Thomas Grist in Monopol klar, Marcel Duchamps berühmte "Fountain", das zum Kunstwerk erhobene Pissoir, ist keineswegs eigentlich ein Kunstwerk seiner Freundin Elsa von Freytag-Loringhoven, wie zuletzt unter anderem Glyn Thompson und Julian Spalding insinuierten. Sondern eben ein Kunstwerk Marcel Duchamps. Grist zeichnet die aus seiner Sicht gut belegte Genese des Werks dar und kritisiert die versuchte Umdeutung: "Bei Thompson und Spaldings versuchter Neuzuweisung steht eben nicht Aussage gegen Aussage sondern dünne Vermutungen gegen harte Fakten. So räumt [der die Geschichte aufgreifende] Rauterberg schließlich selbst ein, 'sehr wenig spricht für die Baroness als Fountain-Erfinderin'. Aber die Geschichte um das Urinal ist eben kein 'Wettbewerb der Unwahrscheinlichkeiten' und mitnichten ein vollends freies Spiel der Zuschreibungen. Vor allem war Duchamps 'Fountain' nie eine 'Heldengeschichte ohne jedes Fragezeichen', die nun erstmals angezweifelt werden darf. Die Fragezeichen hat Duchamp stets selbst zuhauf gestreut und am Helden (französisch 'héros') hat den wortspielenden Kanon-Zerschmetterer stets nur der 'Éros' interessiert." 

Weitere Artikel: Olga Kronsteiner und Katharina Rustler beschäftigen sich im Standard mit der aktuellen Lage im Wiener Mumok, das derzeit saniert wird und eine neue Leitung sucht.

Besprochen werden eine Fotoausstellung des senegalesischen Künstlers Omar Victor Diop im Berliner Fotografiska (Tagesspiegel) und die Schau "Vogelkäfig" des Kollektivs Pegasus Product in der Showroom Galerie Georg Nothelfer (taz Berlin)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2024 - Kunst

Henri Toulouse-Lautrec: At the Circus: The Encore, 1899
Black and coloured chalks on paper. 35.5 x 25 cm. Collection of David Lachenmann

FAZ-Kritiker Kevin Neuroth ist verblüfft: Die Werke der großen französischen Impressionisten kennt er, aber die Royal Academy of Arts in London schafft es mit der Ausstellung "Impressionists on Paper" nochmal einen ganz neuen Blick auf "Degas bis Toulouse" zu werfen, in dem sie vor allem die Skizzen der Künstler zeigt. Fasziniert schaut der Kritiker in dieser Schau dem Impressionismus "beim Werden zu": "Der letzte Teil der Schau widmet sich denn auch einigen jener Künstler der Neunzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts, die in ihren Zeichnungen die Ideen des Impressionismus aufgegriffen und weiterentwickelt haben. Dazu gehört Henri de Toulouse-Lautrec, der in den Varietétheatern, Bordellen und Cafés des Montmartre die Inspiration für seine Werke fand. Eine meisterhafte Zeichnung von ihm aus dem Jahr 1899 zeigt eine grotesk wirkende Zirkusprobe, in der Abgründigkeit und Unterhaltung zusammenfließen. Ebenso sensationell sind die traumwandlerischen Arbeiten von Odilon Redon, der wie Monet eine Faszination für gotische Kathedralen hatte. Auf einer seiner Zeichnungen sticht zunächst ein blau-golden leuchtendes Kirchenfenster aus einer düsteren Szenerie hervor. Je näher man herantritt, desto intensiver werden jedoch die Konturen der umgebenden Dunkelheit, bis die Verwitterung der opulenten, mit dunkelgrau-schwarzer Kohle gezeichneten Säulen und Fensterrahmen geradezu greifbar scheint."

Besprochen wird die Ausstellung "Meredith Monk. Calling" im Haus der Kunst München (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2024 - Kunst

In der FAZ beleuchtet Konstantin Akinscha die Vereinnahmung sakraler Kunst durch die russisch-orthodoxe Kirche. Unlängst ließ Putin die berühmte Ikone der "Alttestamentlichen Dreifaltigkeit" von Andrej Rubljow aus der Tretjakow-Galerie entfernen und übergab sie an die Kirche: "Das macht klar, dass sowohl der Patriarch als auch der Präsident Wunder erwarten. Die 'militärische Spezialoperation' ist Putins Kreuzzug geworden, der dabei göttlichen Beistands bedarf." Seitdem sind sakrale Symbole auch an der russischen Front in der Ukraine allgegenwärtig, so Akinscha: "Bemühungen, die religiösen Bedürfnisse der angeblich nach Christus dürstenden Truppen zu erfüllen, beförderten Innovationen wie eine aufblasbare Gummizeltkirche, die für Fallschirmjägertrupps entwickelt und auf der Rüstungsausstellung 'Army 2023' vorigen August präsentiert wurde. Die aufblasbare Kirche kann zusammen mit Priestern an jedem gewünschten Ort abgeworfen werden. Zudem nutzt man moderne Technologien wie den 3-D-Druck zur Massenproduktion von Reliefikonen aus Kunststoff, die in großer Zahl an die Front geschickt werden. Ukrainische Soldaten melden, in von den Russen zurückeroberten Schützengräben fänden sie neben Exkrementen und Müll Unmengen solcher Plastikikonen und Kreuzen vor."

In der Welt fragen sich Swantje Karich und Jan Küveler, was man von der Bespielung des deutschen Pavillons durch die israelische Künstlerin Yael Bartana und dem deutsche Theaterregisseur Ersan Mondtag (unser Resümee) zu erwarten hat. Das Ergebnis, wird sicherlich provozieren, meinen sie, aber es liegt viel Potential in dieser Zusammenarbeit: "In Erinnerung an die Ausstellung im Jüdischen Museum scheint der Deutsche Pavillon für Yael Bartana der perfekte Ort, um sich abzuarbeiten - an der Nazi-Geschichte, dem 'Germania'-Schriftzug am Architrav. Und sie wird es anders machen als alle vor ihr. Viele Künstler haben es schon mit Ablehnung versucht, ihn umgeschrieben oder ganz getilgt, den Boden herausgerissen oder nur das Dach bespielt. Yael Bartana aber wird vielleicht die erste Künstlerin sein, die keine Angst hat vor der Schuld, Propaganda, nicht vor historischen Traumata, politischen Symbolen. Und auch Mondtag scheut keine Auseinandersetzung, ist sich seiner Verantwortung aber bewusst."

Weiteres: Ebenfalls in der Welt zeichnet Tilman Krause die Geschichte der "Venus von Milo" nach.

Besprochen wird die Ausstellung "Lay down with me" von Madeleine Roger-Lacan in der Berliner Galerie "Eigen+Art" (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2024 - Kunst

Wir haben uns so an den "White Cube" im Museum gewöhnt, also an den "neutralen, sachlichen Ausstellungsraum", dass wir ihn nicht mehr hinterfragen, bekennt in der FAZ (Bilder und Zeiten) Georg Imdahl, für den dann Brian O'Doherty Essay von 1976, "Inside the White Cube", ein Augenöffner war. Und Doherty ist inzwischen nicht mehr der einzige, der die Neutralität des White Cube in Frage stellt: "Der White Cube, in den Worten des Berliner Kritikers und Kurators Hans-Jürgen Hafner, ist ein 'für die Kunst zugerichteter und diese selbst zurichtender Ort' - ein architektonischer, 'idealtypischer Funktionsapparat' für eine 'von aller Schlacke befreite Kunst'. Tatsächlich wird diese anders wahrgenommen und fühlt sich auch ganz anders an, wenn man ihr im Atelier des Künstlers oder einer Kunstakademie begegnet. Oder in einer privaten Sphäre, wo sie in persönliche Lebensströme eingebunden ist und sich der Fokus nicht unbedingt allein auf sie richtet; wenn Kunst beiläufig sein darf, um dann eher unvermittelt ins Blickfeld zu geraten. Im White Cube hingegen gleichen sich die Konditionen der Wahrnehmung überall auf der Welt an, sie suggerieren Objektivität, und wenn der Eindruck nicht täuscht, sind die Museen seit dem Erscheinen des Essays vor knapp fünfzig Jahren noch stromlinienförmiger geworden. Früher, so Hafner, 'waren sie rumpeliger', will sagen: individueller, weniger stylish und angepasst."

Sophie Jung unterhält sich für die taz mit der Kuratorin Çağla İlk über deren Auswahl für den deutschen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig: "Kein Beitrag für den deutschen Pavillon kann der faschistischen Architektur des Pavillons entkommen. Dieses Gebäude spricht die Sprache einer Ideologie von Endgültigkeit und Ewigkeit. Mit 'Thresholds' setzen wir der statischen Machtgeste des Hauses drei Szenarien entgegen. Thresholds, das soll die Perspektive unserer Besucher sein. Die Schwelle interessiert uns als Punkt zwischen einer Vergangenheit, die verschwindet, und einer Zukunft, die ich noch nicht betreten habe. Räumlich bedeutet Thresholds in unserer Arbeit das Infragestellen von nationalstaatlichen Konstruktionen und eine Sehnsucht nach Deterritorialisierung der politischen Fantasie."

Zu den Künstlern, die Ilk ausgewählt hat, gehören Yael Bartana und Ersan Mondtag. Nicola Kuhn erwartet sich im Tagesspiegel viel von den beiden: "Sofort mobilisiert sich eine Vorstellung davon, wie die beiden Künstler den Pavillon rocken könnten. Es dürfte krachen, aber auf eine konstruktive Art: nicht beckmesserisch mit erhobenem Zeigefinger, sondern als starker Eindruck, Irritation, wildes Denken, das gerade in Zeiten eines polarisierten Kulturbetriebs gebraucht wird, den Meinungsmacher und Bekenntnisträger dominieren."

Weiteres: Nach dem Streit um ihre offenbar etwas undurchsichtige Ernennung, ist jetzt die Kuratorin Iwona Blazwick von der Leitung der privat organisierten Istanbul-Biennale zurückgetreten. Es ist der zweite Schlag für die Biennale, nachdem sie die für den Herbst geplanten Ausgabe auf das Jahr 2025 verschieben musste, erklärt Ingo Arend in monopol. Ebenfalls in monopol: Maja Goertz stellt die Malerin Harriet Backer vor, der das Nationalmuseum Stockholm demnächst eine Ausstellung widmet. Jens Hinrichsen gratuliert Cindy Sherman zum Siebzigsten, Saskia Trebing gratuliert Kiki Smith ebenfalls zum Siebzigsten. Besprochen wird eine Ausstellung mit den Alben-Covern der britischen Design-Agentur Hipgnosis in der Ludwiggalerie Oberhausen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2024 - Kunst

Jan Davidsz. de Heem, Memento mori. Ein Totenkopf neben einem Blumenstrauß, um 1655/60. Bild: Gemäldegalerie Dresden/Elke Estel und Hans-Peter Klut.

Im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn, dass die Ausstellung "Zeitlose Schönheit. Eine Geschichte des Stilllebens" nach langer Vorlaufzeit nun endlich in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister zu sehen ist: Sie erlebt eine beeindruckende Schau, "die zwar um ein einziges Genre kreist, durch die Untergattungen aber in viele Richtungen weist. Vor allem hält sie die Zeit für einen Moment fest, lässt den Sturm da draußen vorübergehend vergessen. Was schlicht mit einer Madonna mit Kind und zwei Heiligen von Lorenzo di Credi Anfang des 16. Jahrhunderts begann, zu deren Füßen ein kleiner Strauß in einer Vase steht, so dass es für die Kirchenbesucher wie ein realer Altarschmuck aussah, führte im 17. Jahrhundert zu opulenten Arrangements, überladenen Bouquets. Auch wenn das Stillleben an die Vergänglichkeit und Gottesfürchtigkeit gemahnt, in Bescheidenheit übten sich dessen Maler nicht." Und sie lernt: "Im 17. Jahrhundert erlebte das Stillleben einen Boom. Das zu Wohlstand gekommene Bürgertum dekorierte seine neuen Häuser großzügig mit Malerei, um es dem Adel gleichzutun. Rund zwanzig Werke schmückten im Goldenen Zeitalter durchschnittlich einen Haushalt, in den prosperierenden Städten gab es ebenso viele Maler wie Bäcker."