Die türkische Malerin Melek Celal hat nicht viele Bilder gemalt, kann taz-Kritiker Ingo Arend im Sakıp Sabancı Müzesi in Istanbul beobachten, aber ihr Werk hat es in sich. Die "historischen Umbrüche" der Türkei spiegeln sich in ihm wider und vor allem der türkische Kampf für Frauenrechte. Celal malte, schrieb und entwarf immer im Sinne der Frauen und war 1935 die erste Künsterlin mit einer Solo-Ausstellung. Das ist natürlich, so Arend, auch ein politisches Zeichen in der heutigen Türkei: "Die Schau betont ihre 'hidden agenda' nicht demonstrativ. Auf die Präsentation eines ihrer zwanzig Aktbilder, die Melek Celâl in der Galatasary-Ausstellung des Jahres 1922 gezeigt hatte und mit denen sie zu einer der ersten türkischen Künstlerinnen aufstieg, die dieses Genre in ihrem Land ausstellten, verzichtet die Schau. Deren Botschaft teilt sich freilich auch ohne 'nudes' oder feministische Parolen klar genug mit. Mögen Celâls Lebenswerk und Kunst auch ein bourgeoises Exempel abgeben. In ihnen spiegelt sich eines der, wenn nicht das zentrale Emanzipationsversprechen der türkischen Republik und ihres Gründers, das in der Türkei des gegenwärtigen Präsidenten, nicht zuletzt nach dessen 2021 erfolgtem Austritt aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor Gewalt, ausradiert zu werden droht."
Weiteres: Stefan Trinks schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Neoexpressionisten Karl Horst Hödicke. Der "Birkenau-Zyklus" von Gerhard Richter wird dauerhaft in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz ausgestellt, berichtet Viktoria Grossmann in der SZ. Ann-Kathrin Nezik schildert ebenfalls in der SZ den juristischen Kampf der amerikanischen Künstlerin Karla Ortiz gegen das KI-Unternehmen Stability AI. In der FAS schreibt Katja Petrowskaja über die Fotografin Marta Syrko aus Lemberg, die in ihrer Foto-Serie "Skulpturen" Kriegsversehrte aus der Ukraine zeigt. Phillipp Meier nimmt für die NZZ die apokalyptischen Bilder des Malers John Martin unter die Lupe.
Besprochen werden die Valie Export-Retrospektive im C/O Berlin (FAS) und die Ausstellung "Sehnsuchtsblaue Ferne! Der Münchner Landschaftsmaler August Seidel (1820-1904) und Weggefährten" in der Städtischen Galerie Rosenheim (FAZ).
Erich Büttner: Porträt Willy Kurth, 1917. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett.In der Berliner Zeitungfreut sich Ingeborg Ruthe, mit der Ausstellung "Die gerettete Moderne" im Berliner Kupferstichkabinett nicht nur wichtige von den Nazis als "entartet" gebrandmarkte Werke der Moderne zu sehen, sondern auch die Geschichte ihrer Rettung kennenzulernen. Willy Kurth war 1937 der zuständige Mitarbeiter für Druckgrafiken: "700 Blätter des Kupferstichkabinetts wurden beschlagnahmt. Der Museumsmann Kurth versuchte, noch Schlimmeres zu verhindern. Er selbst hatte (gegen den Willen seines den Nazis willfährigen Direktors Friedrich Winkler, der die Moderne ablehnte) noch Anfang 1937 Grafiken von Otto Mueller, Wassili Kandinsky, Otto Dix, George Grosz und auch Ernst Barlachs 'Totentanz' erworben. Kurth riskierte Kopf und Kragen, als er klammheimlich aus den Sammlungsbeständen solche vom Stigma bedrohten, meist farbgrafischen Meisterblätter und kostbaren Mappenwerke herausnahm. Er schaffte sie trickreich beiseite, versteckte sie raffiniert in Schüben mit alten, unbedeutenden, vergessenen Grafiken, die eh nie hervorgeholt wurden. Wer von den NS-Inquisitoren hätte schon die zumeist von Kurths Vorgänger Curt Glaser angeschafften Holzschnitte Kirchners und seiner Gefährten Heckel, Schmidt-Rottluff, Pechstein, die auf Blatt 4 den Rosa-Luxemburg-Mord darstellende 'Höllen'-Mappe Max Beckmanns (...) von 1904 unter Stapeln von uninteressanten Drucken vermutet?"
Frans Hals: Malle Babbe, um 1640. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie.Nach 35 Jahren gibt es endlich wieder eine Frans Hals-Retrospektive, freut sich Bernhard Schulz für monopol, in der Londoner National Gallery wurde sie zuerst gezeigt, jetzt im Amsterdamer Rijksmuseum, ab dem Sommer ist sie in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen. Hals hatte insbesondere um 1900 einen Hype erfahren: "Warum gerade Hals?", fragt er sich. "Frans Hals war vor allem Porträtmaler, (...) Hals malte alle: beileibe nicht nur die wohlhabenden Bürger der Handelsnation Holland, die sich mit teurer Kleidung und rosigen Wangen im Zenit ihres Erfolgs abbilden ließen. Sondern ebenso Kinder, Trinker, Musikanten und eine ganze Anzahl von Außenseitern, Ausgestoßenen, mental Geschädigten. Berlin besitzt das berühmteste dieser Porträts, die Hals ohne Auftrag, aber mit größtem künstlerischen Einsatz gemalt hat, die 'Malle Babbe' von 1640, eine in eine Anstalt eingewiesene, gleichwohl lebensfrohe Frau mit Bierkrug und Eule auf der Schulter." Die Begeisterung für ihn hing auch mit seiner Malweise zusammen: "Die Berliner 'Malle Babbe' ist auch in dieser Hinsicht ein absolutes Meisterwerk. Der Kopf ist mit wenigen Pinselstrichen umrissen, die Kleidung aber ist mit Pinselhieben von links und rechts, oben und unten buchstäblich hingehauen. Die Pinselstriche vermitteln, was der Moderne so wichtig wurde: Unmittelbarkeit, Bewegung, Augenblick. Und sind im Augenblick zugleich zeitlos gültig."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Seit gestern Abend liest die kubanische Aktivistin und Künstlerin Tania Bruguera abwechselnd mit anderen Lesenden im Hamburger Bahnhof hundert Stunden lang aus Hannah Arendts "Element und Ursprünge totalitärer Herrschaft", berichtet Birgit Rieger im Tagesspiegel: "Ihr Ziel ist es, einen politischen Raum mittels Kunst herzustellen. Vielleicht jene Polis, die Hannah Arendt in ihren Schriften so leidenschaftlich verteidigte, ein öffentlicher Raum, in dem es weder Herrscher noch Beherrschte gibt und ein freies Spiel der Meinungen möglich ist." Vor zehn Jahren wurde sie wegen der Performance in Kuba inhaftiert, erinnert Peter Neumann, der sich für die Zeit mit Bruguera getroffen hat: "'Für einige Linke mag Kuba immer noch ein sozialistisches Paradies sein. Aber dem ist nicht so.' Tania Bruguera wird unter Hausarrest gestellt und von der Biennale in Havanna 2015 ausgeschlossen. Sie ist jetzt ganz offiziell ins Visier der kubanischen Staatsgewalt geraten. Anonyme Kräfte, die sich vorher unsichtbar im Hintergrund hielten, laden sie vor. Sie wird verhört. ... Inzwischen könne sie fast darüber lachen, sagt sie. Aber nur fast. Was sieht man, wenn man der Repression, dem Vernehmer ins Gesicht schaut? 'Angst', sagt Tania Bruguera. 'In den Augen der Regierung sind Menschen wie ich gefährlich, man nennt uns kulturelle Terroristen.'"
Auch die Meinungsfreiheit in Deutschland sieht Bruguera bedroht, bemerkt Sören Kittel, der für die Berliner Zeitung den ersten Stunden der Lesung beiwohnte. Kurz nach Beginn liest die Künstlerin Namen von Menschen vor, "die in den vergangenen Tagen gecancelt wurden. Sie liest die Namen von Candice Breitz vor, die ebenfalls im Publikum ist, aber auch Deborah Feldmann und Nura Habib Omer, hinter der sich die Sängerin Nura verbirgt. Sie postete nach dem Attentat der Hamas auf Israel: Free Palestine. Die Sängerin wurde anschließend von Pro Sieben gecancelt. Candice Breitz wiederum lässt gerade ihre Mitgliedschaft in der Akademie der Künste ruhen, nachdem ein Statement der Akademie ihr nicht weit genug ging. (...) Bruguera nimmt kurz darauf in ihrer Lesung das Thema Meinungsfreiheit auf. Sie sagt, dass sie in Kuba immer wieder Zensur erfahren habe. 'Der Staat will uns Künstler immer dazu bringen, dass wir uns selbst zensieren.' Es könne auch dazu führen, dass man es gar nicht merke, dass es passiere. Genau das erlebe sie derzeit in Deutschland."
Schon im Frühjahr 2022 wurden insgesamt drei Bilder von Andy Warhol und Cy Twombly an die Erben von Erich Marx zurückgegeben, der Sammler selbst hatte verfügt, dass seine Sammlung als Einheit im Hamburger Bahnhof zusammengehalten werden sollte. SPK-Präsident Hermann Parzinger hatte die Rückgabe genehmigt, aber anderthalb Jahre verheimlicht, resümiert Hubertus Butin, der in der FAZ bei den Verantwortlichen auf eine "Mauer des Schweigens" trifft und Rechenschaft der SPK fordert: "Die SPK spielt den Verlust herunter, indem sie darauf verweist, dass es immer noch einen 'sehr umfangreichen Kernbestand' gebe. Das ist in etwa so, als würde der Louvre dem Verkauf der Mona Lisa zustimmen und dies dann mit folgenden Worten kommentieren: Stellt euch nicht so an, wir haben ja noch viele andere schöne Bilder. Des Weiteren wird in der Presseerklärung behauptet, bei dem im Bau befindlichen Museum der Moderne 'Berlin modern' am Berliner Kulturforum handele es sich 'nicht um ein Sammlermuseum'. Das ist Augenwischerei, denn das neue Museum, in das die Sammlung Marx einziehen soll, wird nicht nur für Bestände der Nationalgalerie und des Kupferstichkabinetts errichtet… Speziell für die Werke von Erich Marx sind vertraglich mindestens 2000 Quadratmeter reserviert."
In der tazschreibt Annett Gröschner einen Nachruf auf die im Alter von 85 Jahren verstorbene Fotografien Helga Paris. In der SZ erinnert Peter Richter, in der FR Ingeborg Ruthe. (Mehr in unserem gestrigen Efeu) Freddy Langner gratuliert dem Fotografen Sebastiao Salgado in der FAZ zum Achtzigsten. Besprochen wird die große Valie-Export-Retrospektive im C/O Berlin (taz).
Die Attacken der Letzten Generation und anderer Klimaaktivisten auf berühmte Kunstwerke haben sich totgelaufen, moniert Giovanni Aloi im Guardian. Selbst Tomatensoßeangriffe auf die Mona Lisa locken medial kaum noch jemand hinter dem Ofen hervor. Aloi empfielt der Gruppierung, sich an erfolgreicheren aktivistischen Aktionen im Kunstbereich ein Beispiel zu nehmen: "Heutzutage manipulieren aktivistische Gruppierungen die Aufmerksamkeit der Medien, anstatt sich von den Medien in die Ecke drängen zu lassen. Im Jahr 2016 beendeten Anti-Öl-Aktivisten das 26 Jahre währende Sponsoring von BP bei den Tate Gallerien, indem sie eine Reihe hochgradig einfallsreiche Performances, Veranstaltungen und Sit-ins in Tate Modern und Tate Britain organisierten. Nan Goldins Kampagne gegen die in die Pharmaindustrie involvierte Sackler-Familie war ebenfalls außergewöhnlich erfolgreich, mehrere Institutionen haben ihre Verbindungen zur Familie gekappt und den Namen der Sacklers von ihren Ausstellungswänden entfernt. Diese Demonstrationen waren erfolgreich, weil sie fokussiert und spezifisch waren; die Forderungen waren auf die Zielorganisationen abgestimmt und auch auf die jeweiligen ethischen Probleme."
Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe schreibt in der FR über das neu eröffnete Otto-Dix-Archiv in der Berliner Akademie der Künste. In Gmunden sorgen Plakate mit kontroversen Motiven, die der Künstler Gottfried Helnwein seit letzter Woche im Rahmen der Salzkammergut-Festwochen im öffentlichen Raum plakatiert, für Aufregung, berichtet Olga Kronsteiger im Standard. Eine weitere Meldung aus Österreich (via Standard): Mann will Marmortisch umwerfen - und scheitert. Besprochen wird Zhao Gangs Ausstellung "China Stories" in der Galerie Nagel Draxler in Berlin (taz).
Weiteres: Die kubanische Künstlerin Tania Brugueraunterhält sich mit Tom Mustroph in der taz über ihre einhundertstündige Lesung von Hannah Arendts "Elemente und Ursprünge des Totalitarismus" ("Where Your Ideas Become Civic Actions"), die im Februar im Hamburger Bahnhof in Berlin stattfinden wird. Andreas Hergeth spricht, ebenfalls in der taz, mit den beiden neuen berliner Atelierbeauftragten Lennart Siebert und Julia Brodauf über die prekäre Lage der KünstlerInnen in der Hauptstadt. In der FAZ erinnert Peter Kropmanns an den Ausstellungsraum "Galerie Montaigne" in Paris, wo Auguste Rodin, Modigliani und viele andere ihre Kunst zeigten.
Besprochen wird eine Ausstellung mit Werken von Honoré Daumier im Städel Museum in Frankfurt (tsp), die Ausstellung "Günter Fruhtrunk. Retrospektive 1952-1982" im Kunstmuseum Bonn (FAZ), zwei Ausstellungen mit Werken der Fotografin Gundula Schulze Eldowy: "Halt die Ohren steif!" in der Berliner Akademie der Künste und "Berlin in einer Hundenacht" im Bröhan Museum (FAZ), die Ausstellung "Die gerettete Moderne. Meisterwerke von Kirchner bis Picasso" im Kupferstichkabinett am Kulturforum (tsp).
Annihilation Core, Inherited Lore ٩(͡๏̯͡๏)۶" von Noura Tafeche, 2024. Foto: Luca Girardini. Ganz schön düster, wie in der Ausstellung "This is perfect, perfect, perfect" im Kunstraum Kreuzberg die Welt der digitalen Medien reflektiert wird, findet Tilman Baumgärtel in der taz. Im Rahmen des Medienkunstfestival Transmediale zeigt die Ausstellung die hässliche Wirklichkeit hinter den aufgemöbelten Fassaden von Instagram, Tik Tok und Co. Baumgärtel schaut da in ziemliche Abgründe, allerdings sind die "mit Einhörnern und Glitter dekoriert": "Dass in der eskalierenden Überbietungslogik des Internets der Schlaf der Vernunft immer grausigere Netzmonster gebiert, zeigt die Videoinstallation 'Hardcore Fencing' von Luke van Gelderen. Erst sieht man Influencer flexen, tanzen, ihre durchtrainierten Körper und ihre perfekt geschminkten oder zurechtoperierten Gesichter präsentieren, schnell gefolgt von Meltdowns, Wutanfällen und Heulausbrüchen. Ein Gamer schreit in seinem Stream herum, wie sehr er die Videospiele hasst, die er online für Geld spielt; ein japanisches J-Pop-Idol weint, weil sie keine Matcha-Kekse essen darf; selbst dem zertifizierten YouTube-Widerling Jake Paul bricht kurz die Stimme, als er den Hass beschreibt, der sich im Netz über ihn ergießt. Dazwischen ziehen sich Fetischisten genüsslich Latexmasken über den Schädel, und der britische Kickboxer Andrew Tate - inzwischen in Rumänien wegen Zuhälterei vor Gericht - verbreitet toxische Maskulinität."
Weiteres: Die Berliner Zeitungmeldet mit dpa, dass der chinesische Künstler Ai Weiwei die Absage seiner Ausstellung in London mit "Maßnahmen während der Kulturrevolution in China unter Mao Tsetung" verglichen hat. Die Londoner Lisson Galerie hatte die Schau nach antisemitischen Tweets des Künstlers abgesagt: In verschwörungstheoretischer Manier beklagte er den "medialen Einfluss der 'jüdischen Community'". Im Tagesspiegel gratuliert Bernhard Schulz der Fotografin Candida Höfer zum Achtzigsten. In der FAZ meldet Tilman Spreckelsen, dass sich der schriftliche Nachlass des von den Nazis ins Exil getriebenen Malers Karl Schwesig nun im "Deutschen Exilarchiv 1933-1945" in Frankfurt befindet.
Besprochen wird eine "Lee Ufan"-Retrospektive im Hamburger Bahnhof Berlin (SZ).
Evan Roth, Since you were born, 2019 Size matters, auch in der Fotografie, lernttaz-Kritikerin Regine Müller beim Gang durch die gleichnamige Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast. "Historisch breitet die Schau den ganzen Kosmos des Mediums aus - von den experimentellen Anfängen über briefmarkengroße Medaillonfotos mit Lupen zur Vergrößerung bis zu privaten Familienfotoalben der mittleren Jahre des 20. Jahrhunderts - und beleuchtet intensiv den Aufstieg der Fotokunst, bis sie schließlich im Belanglosen des alles mitreißenden Bildertsunamis der Instagram-Gegenwart versickert. ... Wie wachsende Größe mit einer Bedeutungskarriere einhergehen kann, ist an einer Serie von Thomas Ruff zu studieren: 1984 fotografierte er seine Akademiekollegen: kleine Porträts, die nicht viel hermachten. Später zog er die Fotos hoch zu einem mittleren Format, das ästhetisch kaum Mehrwert hatte. Erst als er die Aufnahmen 1987 vor weißem Grund ins Riesenformat hochzog, entstand etwas ganz Neues: Gesichter wurden zu befremdlichen Großstrukturen, abweisend in ihrer bedrängenden Nähe, verstörend kühl trotz ihrer unperfekten Details, der Pickel, Härchen, Unreinheiten."
Wer kennt eigentlich Lucia Moholy? Bekannt ist eigentlich nur ihr Ehemann, der Maler László Moholy-Nagy. Aber Lucia Moholy war eine Fotografin erster Güte, versichert Stefan Locke in der FAZ (Bilder und Zeiten). Das zeigte sich auch, nachdem sie das Bauhaus (und ihren Ehemann) verlassen hatte und in Berlin als Porträtfotografin reüssierte: "Sie widmete sich der Aufgabe mit der gleichen Sachlichkeit, mit der sie sich in Dessau einen Namen gemacht hatte. 'Ich habe Menschen fotografiert wie Häuser', beschrieb sie ihre Herangehensweise. Zu einem ihrer eindrucksvollsten Porträts zählt das von Clara Zetkin, der KPD-Politikerin und Alterspräsidentin des Reichstags."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelerzählt Katrin Sohns in einem groben Abriss die Lebensgeschichte der Josephine Baker, der die Neue Nationalgalerie gerade eine Ausstellung widmet. Waltraud Schwab besucht für die taz den Astrophysiker Christophe Kotanyi, dessen Eltern sich in den 60ern den Situationisten anschlossen. In der NZZfreut sich Michael Fleischhacker über die Wiederauferstehung des Hamburger Kunstjahrmarkts "Luna Luna" in Los Angeles. In der FAZ berichtet Stefan Locke über die Freilegung eines Wandgemäldes von Gerhard Richter im Dresdner Hygiene-Museum. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Patrick Bahners der Fotografin Candida Höfer zum Achtzigsten.
Filmisch, aber ganz anders, arbeitet auch die äthiopische Fotografin Aïda Muluneh, mit starken Farben, die von der oft dahinterliegenden Grausamkeit ablenken können - wenn man das will, erklärt in der FR Lisa Berins, die Mulunehs Arbeiten im Fotografie Forum Frankfurt gesehen hat: "Eine Gruppe Äthiopier, die auf dem Weg zum Sehnsuchtsziel Europa gewesen sei, wurde von Islamisten gekidnappt und am Strand enthauptet - Videos davon kursierten im Netz. Das Werk 'Memory of Libya' von 2016 erzählt von diesem Massaker. Allerdings, sagt Muluneh, spreche es auf äthiopische Art, und das bedeute: nicht auf direkte, konfrontative Weise, sondern verpackt, mit doppeltem Boden. Zu sehen sind vor einem gelben Hintergrund einige Frauenköpfe, die über die Kante eines komplett über die Breite des Bildes gespannten, roten (blutroten) Tuchs hervorschauen. Die ästhetische Ebene, sagt Muluneh, spreche die europäischen Betrachtenden an, während die äthiopischen genau wüssten, was mit einer solchen Bildsprache gemeint sei." (Mehr über Muluneh bei lens culture)
Weiteres: Im Dresdner Hygienemuseum wurde ein altes Wandbild des damaligen Studenten Gerhard Richter freigelegt, "Lebensfreude" von 1956: "heitere, gesunde Menschen" bei Tanz und Picknick, wie Peter Richter in der SZ spöttisch bemerkt. In der Zeit berichtet darüber Linda Tutmann. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Jurte jetzt! Nomadisches Design neu gelebt" im Hamburger Markk (taz).
Der belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye hat die 16 Säle des Genfer Musée de beaux arts neu zusammenstellen dürfen: Jetzt sitzen Anamorphosen zwischen den antiken Statuen, ein Alu-Reisekoffer steht in der Waffenkammer, Maschinen rattern und eine Murmelbahn fährt durch zwei Picassos. Stefan Trinks (FAZ) ist begeistert! "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, scheint Delvoyes von Schiller entlehntes Motto für Genf gewesen zu sein. Tatsächlich entstehen bei diesem 'zärtlichen Vandalismus', wie er den Ikonoklasmus im Interview benennt, getreu der Schumpeter'schen These der 'produktiven Zerstörung', aus alten aufgebrochenen neue recycelte Kunstwerke sowie erstaunliche Flashbacks in der Kombination mit anderen: Neben Hodlers Ausmalungen des Genfer Museums gibt es auch ein monumentales Foto der haushohen Schildvortriebmaschine vom Bau eines Schweizer Tunnels, auf dem die Bohrköpfe wie die schwarzen Löcher in den Piranesis erscheinen. Dass Delvoye einen großen Plan der Vermurmelung der Welt verfolgt, belegen die gezeigten anarchisch-uhrmacherpräzisen Videos 'Der Lauf der Dinge' der Schweizer Künstler Fischli/Weiss sowie ein Film über den New Yorker Altmeister gepflegt-kunstvoller Altbau-Penetrierung mittels Kettensäge, Gordon Matta-Clark."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelgibt Nicola Kuhn eine Vorschau auf die kommende Venedig-Biennale. In der SZ erzählt Jörg Häntzschel die Geschichte des russischen Milliardärs Dmitrij Rybolowlew, der auf dem Kunstmarkt nach allen Regeln der Kunst und mit Hilfe von Sotheby ausgenommen wurde. Das von der BASF gegründete Museum für Lackkunst in Münster schließt heute, meldet Andreas Platthaus in der FAZ. Nicht so schlimm, versichert er, denn die BASF verkaufe ihre Sammlung nicht, sondern überlasse sie dem LWL-Museum.
Besprochen werden die Ausstellungen Sarah Entwistle in der Berliner Galerie Barbara Thumm (BlZ), Dale Grant in der nüüd.berlin gallery (BlZ) und Karim Aïnouz' "Blast!" in der Kreuzberger DAAD Galerie (Tsp).
Ingeborg Ruthe durchstreift für die FR die Sammlungspräsentation "Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft 1945-2000" in der Berliner Neuen Nationalgalerie und bleibt an zwei Werken der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig hängen. Die "Patriotische Familie" aus dem Jahr 1963 hat es in sich: "Das Motiv steht wie ein Pinselhieb für den Diskurs über die Rollen der Frau in der geschichtsignorant und männerdominiert nach Wohlstand, Konsum, perfekter Glückserfüllung und heiler Familienwelt strebenden Nachkriegsgesellschaft und deren Kunstbetrieb. Geradezu boshaft, mit groben, zugleich virtuosen Farbzügen und Körper-Konturen malte die einstige Klosterschülerin den Geschlechterkampf auf grüner Wiese, vor blauem Himmel und Wasser. Eine verlogene Paradies-Illusion, in der die picassoartig hingereckt liegenden Weibchen makellos schön und brav bewacht werden von einem sexgesteuerten Musketier in militärischer Camouflage-Kluft. Rabiat verbeulte Lassnig ihre Figuren, als verachte sie ihre sich dem chauvinistischen Frauenbild anpassenden Geschlechtsgenossinnen - und macht aus dem Macho eine Karikatur."
"Helle Genitalpanik" ist derzeit, wie Jens Hinrichsen im Tagesspiegelberichtet, im C/O Berlin zu bewundern, und zwar in einer Ausstellung, die dem fotografischen Werk der Künstlerin und Filmemacherin Valie Export gewidmet ist. Das Kino ist ein wichtiger Referenzrahmen der Ausstellung: "Als 'erweitertes Kino' lässt sich (...) die Installation 'Fragmente der Bilder einer Berührung' von 1994 auffassen. 18 leuchtende Glühbirnen tauchen in mit Altöl, Milch oder Wasser gefüllte Zylinder ein. Das lässt an einen Schwarz-Weiß-Film denken, der am Lichtfenster eines Filmprojektors vorbeirattert. Doch die Bewegung ist entschleunigt und sanft - ein simulierter Liebesakt. Die 'Fragmente' verweisen auf Körper, auf Sexualität und zugleich auf die für Valie Export ungebrochene Faszinationskraft von Medien und Bildermaschinen, diese zwiespältigen Apparate der Erkenntnis und des Verkennens."
Weitere Artikel: Bernhard Schult bespricht im Tagesspiegel einen Sonderband zum juristischen Umgang mit in der DDR von staatlichen Stellen konfisziertem Kulturgut. Ärger hat derweil, wie unter anderem der Standardberichtet, Cecilie Hollberg, die deutsche Direktorin der Galleria dell'Accademia in Florenz, nach einem Interview, in dem sie sich über ihre aktuelle Wirkungsstätte folgendermaßen äußerte: "Wenn eine Stadt erst einmal zur Hure geworden ist, ist es für sie schwierig, wieder Jungfrau zu werden. Wenn jetzt nicht die absolute Bremse gezogen wird, gibt es keine Hoffnung mehr." Die italienische Politik ist empört.
Besprochen werden die Ausstellung "Evelyn Richter - Ein Fotografinnenleben" im Museum der bildenden Künste, Leipzig (FAZ), die Jeff-Wall-Ausstellung in der Fondation Beyerle bei Basel (Tagesspiegel), die Schau "Alte Meister que(e)r gelesen" im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe (taz), Leanne Shaptons Ausstellung "Nach Bildern - Painted from Pictures" in der Galerie Thomas Fischer (taz), Martin Roths Einzelausstellung "Was wir aus unserer Umwelt machen und wie wir sie 'gezähmt' haben" im Grazer Künstlerhaus (Standard) und die Schau "Joel Sternfeld - American Prospects", die in der Wiener Albertina und der Zander Galerie, Köln gezeigt wird (Monopol).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Glenn Dixon: Die unendliche Sehnsucht der Haushaltsgeräte Aus dem Englischen von Bernhard Robben. In einem Smarthome in nicht allzu weit entfernter Zukunft geht ein kleines Gerät seiner liebsten Tätigkeit nach: Scout, ein Staubsaugerroboter,…
Olivia Laing: Crudo Aus dem Englischen von Thomas Mohr. Die Schriftstellerin Kathy verbringt den Sommer in der Toskana, in einem Hotel für Superreiche. Neben dem Schwimmen im Pool und den rauschenden…
Tanja Sljivar: Nationaltheater Aus dem Serbokroatischen von Masa Dabic. Über die Absurditäten des Theateralltags. Jung ist sie, Dina, die Dramaturgin, die mit gerade einmal 30 Jahren eine der renommiertesten…
Ingrid Carlberg: Marionetten Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Während ihrer langjährigen Tätigkeit als Journalistin sieht sich die schwedische Autorin Ingrid Carlberg immer wieder mit Fake News,…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier