Magazinrundschau

Die gefesselte Schönheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
24.03.2020. In der NYRB stellt Tim Wu klar: Überwachungskapitalismus gabs schon vor Facebook, Fake News vor Twitter und effiziente Werbung schon vor Google. Außerdem empfiehlt Coco Fusco Kubaphilen zwei neue Romane für ein Leben nach Fidel. La vie des idees staunt über die Fortschritte der Bio-Informatik. The Atlantik starrt auf die Trümmer des öffentlichen Dienstes in den USA. Der New Yorker feiert den nackten Houdini. In der NYT erklärt Werner Herzog, warum seine Generation einzigartig ist.

New York Review of Books (USA), 09.04.2020

Es ist eine jener typischen Kritiken aus der New York Review, fair bis in die Zehenspitzen, immer darauf aus, vor den Einwänden das Positive zu benennen. Und Tim Wu, Erfinder der "Netzneutralität", eines Grundbegriffs der digitalen Ära, Rechtsprofessor an der Columbia-Universität und Autor einiger wichtiger Bücher über die Digitalisierung, bespricht Shoshana Zuboffs Buch "The Age of Surveillance Capitalism", und er findet einiges Wichtige darin, das wichtigste im Titel selbst: "Überwachungskapitalismus" sei eine wahrhaft geniale Prägung. Zuboff sieht die Internetnutzer als Versuchskaninchen in einem gigantischen behaviouristischen Experiment, das darauf abzielt, unser Verhalten zu manipulieren. Wu kann Zuboff weithin zustimmen, wenn sie den allumfassenden Zugriff von Google, Facebook und anderen Plattformkonzernen auf die Daten der Nutzer kritisiert, allerdings kann er ihr nicht folgen, wenn sie Google als das Böse an sich sieht: Nach all ihren Argumenten, so Wu, "bleibt eine harte Frage: wie wichtig ist das überhaupt? Haben Google und Facebook als Beeinflusser unseres Verhaltens tatsächlich eine größere Durchschlagskraft auf uns als traditionelle Werbekonzerne oder andere Einflussquellen? Dem Marlboro Man, der 1954 debütierte, schrieb man eine Steigerung der Zigarettenverkäufe um 3.000 Prozent zu, nachdem die Zigarette zunächst als Frauenmarke vermarktet worden war (Slogan: 'Mild wie der Mai'). Und wie sollen wir den Einfluss Googles gegenüber dem eines Mediums wie Fox News bemessen, der der traditionellen Propagandaformel folgt? Kann der Einfluss von Plattformen tatsächlich mit früheren Formen der Propaganda verglichen werden, die etwa die Deutschen hinter Hitler versammelte?" Nun ja, der Hinweis auf China, das den Überwachungskapitalismus mit dem Totalitarismus verbindet, kommt in Wus Kritik auch - es wird aber nicht ganz klar, ob auch Zuboff zu dem Thema etwas sagt.

Coco Fusco stellt zwei kubanische Romane vor, die zeigen, wie sehr sich das Leben auf Kuba in den letzten zwanzig Jahren verändert hat, nicht zuletzt wegen der digitalen Technologien, die auch dazu beigetragen haben, die alten Antagonismen zwischen linken Revolutionären und ihren hartleibigen Gegnern aufzulösen. Heute lässt sich niemand mehr vorschreiben, was er auf Facebook, Youtube oder Whatsapp zu sagen hat: "Zwei im vergangenen Jahr veröffentlichte Romane, Carlos Manuel Álvarez' 'The Fallen' und Enrique Del Riscos 'Turcos en la niebla' (Die Orientierungslosen), sind Beispiele für diese Entschlossenheit. 'The Fallen' wurde von Frank Wynne mit großer Präzision ins Englische übersetzt. Del Riscos Roman ist noch nicht übersetzt, aber er sollte es sein, wenn auch nur, um Kubaphile, die kein Spanisch sprechen, dazu zu ermutigen, nicht mehr von Che Guevara und Fidel zu fantasieren und zur Kenntnis zu nehmen, wie die gegenwärtige amerikanische und kubanische Politik das Leben der Kubaner prägt. Diese Schriftsteller sind nicht nur kritisch gegenüber ihren Ältesten und der Welt, die sie geschaffen haben, sondern blicken auch ziemlich ironisch auf die scheinheilige Haltung der Gegner der kubanischen Regierung und die verwirrende Selbstgefälligkeit ihrer Landsleute. Obwohl beide Autoren das Gefühl vermitteln, dass die Revolution gescheitert ist, halten sie sich nicht mit Ursachenforschung oder Schuldzuweisungen auf, sondern widmen sich den Mühen und Selbsttäuschungen der einfachen Kubaner."

Außerdem in der NYRB: Anne Enright, Madeleine Schwartz, Joshua Hunt, Anna Badkhen, Lauren Groff und andere Autoren berichten in kurzen Briefen von ihren Erfahrungen mit der Pandemie. Fintan O'Toole nutzt Bernie Sanders' Memoiren zu einem umfassenden Porträt des Politikers. Janet Malcolm verliert sich in einem Foto, das Erinnerungen an eine frühe Liebe wachruft. Luc Sante liest Essays von Glenn O'Brien. Und Ethan Bronner liest zwei Bücher zum Stand der Beziehungen zwischen amerikanischen und israelischen Juden.

La vie des idees (Frankreich), 19.03.2020

Es ist kaum zu glauben, aber es leuchtet ein, wenn man den Artikel Philippe Sansonettis liest: Die Corona-Krise hat auch positive Aspekte, nämlich in der Hinsicht, dass sie noch vor dreißig Jahren, als sich das Virus bereits genauso hätte verbreiten können, wesentlich schlimmer ausgefallen wäre. Sansonetti ist Mikrobiologe und Professor am Collège de France. Einer dieser positiven Aspekte ist für ihn "das sehr ungewöhnliche Tempo, mit dem diese Epidemie in Wuhan zunächst identifiziert wurde, kurz nachdem die Ärzte bizarre Formen der Lungenentzündung festgestellt hatten, von denen einige bereits einen schweren Verlauf genommen hatten. Die Diagnose, die noch vor zehn oder zwanzig Jahren, Wochen, ja Monate gebraucht hätte, weil man das Virus hätte isolieren und identifizieren müssen, ist durch molekulare Methoden in Tagen, ja Stunden erstellt worden - dank der Fortschritte im 'deep sequencing' der neuen Generation und der Bio-Informatik. Sie haben es erlaubt, die neue Desoxyribonukleinsäure in den Proben der infizierten Personen festzustellen… Man muss das vergleichen mit den Monaten und Jahren, die vor dreißig Jahren notwendig waren, um das Aids-Virus zu isolieren, wo man noch mit klassischen Methoden der Virologie vorgehen und das Virus züchten musste."

The Atlantic (USA), 31.03.2020

In der aktuellen Ausgabe des Magazins berichtet George Packer über Trumps Fortschritte bei seinen Plänen, den öffentlichen Dienst zu zerstören: "Als Trump an die Macht kam, glaubte er, der Staat und seine 2 Millionen Beamten wären sein persönliches Eigentum und sie schuldeten ihm ihre volle Unterstützung. Zugleich war er voller Misstrauen, einige von ihnen planten seinen Umsturz. Das würde er verhindern, koste es, was es wolle. Doch leicht war es nicht, er setzte unzuverlässige und unfähige Bürokraten ein, aber das System lief von allein weiter. Er griff zu einem bewährten Trick: Menschen sind schwach, sie haben Träume, Bedürfnisse, Eitelkeiten, Ängste. Sie können eingeschüchtert, korrumpiert und zerquetscht werden. Eine Regierung besteht aus Menschen. Das war der Fehler im System, und Trump lernte, wie er es sich zu nutze machen konnte. Der Trümmerhaufen wuchs. Nur ein paar Jahre, und die Verwaltung war Wachs in seinen Händen. ein Instrument seiner Macht. Noch einige Jahre mehr, und der Schaden für die US-Demokratie ist irreparabel … Die Beamten geben ihre Pensionen und den Treueeid auf. Laut Washington Post haben schon mehr als 1000 Wissenschaftler das Umwelt-, das Landwirtschaftsministerium und weitere Ministerien verlassen. Fast 80 Prozent aller Angestellten am National Institute of Food and Agriculture sind gegangen. Dem Arbeitsministerium fehlen die Sicherheitsinspektoren, während Arbeitsunfälle zu- und Rückrufaktionen unsicherer Produkte dramatisch abnehmen. Wenn das Durchbringen von Gesetzen und das Ändern von Regulationen sich beschwerlich gestaltet, wird Expertise einfach abgeschafft. Die Überlebenden halten still, bis zu dem Tag, da sie vor die Entscheidung gestellt werden: Trumps schmutzige Arbeit zu machen oder zerstört zu werden."

Weiteres: Rachel Monroe untersucht den Mord an einem Rancher aus Colorado. Jordan Kisner fragt sich, warum Reiki eigentlich funktioniert. Judith Shulevitz liest den letzten Band von Hilary Mantels Tudor-Trilogie. Und Terrence Rafferty sah im Kino Hirokazu Kore-edas Film "Die Wahrheit".
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Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Trump, Donald, USA

Clarin (Argentinien), 22.03.2020

Corona vo(r)m Balkon: Die argentinische Schriftstellerin Claudia Piñeiro freut sich über das Privileg, in diesen Tagen über einen eigenen Balkon zu verfügen: "'Siebzig Balkons hat dieses Haus, siebzig Balkons und nicht eine Blume.' Als Kind schien mir die Klage dieses Gedichts, das meine Mutter mir beibrachte, absurd. Die niedrigen Häuser in unserem Viertel hatten alle eine Art Garten, Blumen hatte ich also genug - aber keinen Balkon! Nirgendwo gab es hier Balkons, also kletterte ich aufs Hausdach - ich sah die Welt so gern von oben. Heute habe ich einen Balkon, und ich bin mir bewusst, welches Privileg das in diesen Tagen bedeutet. Wenn das hier irgendwann vorbei ist, würde ich gern meine Freunde auf meinen Balkon einladen, freudig mit Blick auf den gegenüberliegenden Park anstoßen, und dann Arm in Arm dort stehen bleiben, im Wissen, dass wir jederzeit nach unten gehen können, auf die Straße - wann immer wir wollen. Auch wenn die Welt dann anders sein wird, auch wenn die frühere Welt dann nicht mehr existieren wird - die neue Welt, deren neue Regeln wir noch nicht kennen."
Archiv: Clarin
Stichwörter: Pineiro, Claudia, Corona

New Yorker (USA), 30.03.2020

Im aktuellen Heft des Magazins untersucht David Denby die fesselnde Wirkung des nackten Harry Houdini: "Seine Fremdartigkeit, sein Ehrgeiz, seine Nacktheit und seine vor Freiheitspathos glühenden Triumphe faszinieren uns noch. Ein kleiner Kerl, der immer entkommt, er triumphierte in einer Zeit der Masseninhaftierungen, Massenmorde und der Folter und Auslöschung ganzer Völker. Wenige damals wie heute hielten seine Kunst für ein Wunder. Edmund Wilson nannte ihn 1928 einen disziplinierten Profi, ein 'kühnes, unabhängiges Wesen'. Auf der Höhe seiner Karriere war er so bekannt wie Chaplin und Valentino, beide wie er Immigranten, die sich neu erfanden, nur dass er dabei sein Leben riskierte … Wie viel von Houdini als gefesselter Schönheit mit all den Bondage-Anklängen war notwendige Bühnenshow, die unschuldig in Perversion kippte? Wie viel war bewusst eingesetzter Köder? An der Oberfläche war alles Unschuld: Frauen hatten zu den Nackt-Performances in Gefängnissen keinen Zutritt (Männer hatten natürlich keine lüsternen Gedanken). Houdini selbst scheint keine sexuellen Konnotationen beabsichtigt zu haben, vielleicht sollten wir auch keine vermuten. Der männliche Körper an sich ist nichts Außergewöhnliches. Außergewöhnlich ist, dass Houdini den nackten und gefesselten Körper zeigte. Man denkt an Michelangelos Sklaven-Skulpturen, die sich aus dem Stein zu befreien scheinen. Houdini formte seinen eigenen Körper und stellte die Vernichtung und Erneuerung dieses Körpers nach. Für viele personifizierte er die ultimative Erfolgsgeschichte des Immigranten, eine Art kleine Freiheitsstatue mit einem Paar Handschellen als Fackel. Er war der Außenseiter, der seinen Weg aus dem Nichts ins Licht der Öffentlichkeit macht. Er befreite den jüdischen Körper und weckte die verlorene Hoffnung auf einen anderen Exodus mit ihm als Anführer."

Außerdem: Adam Gopnik und Philip Montgomery berichten, wie New York dem Virus entgegentritt. Jill Lepore liest Epidemie-Literatur und stellt fest: Die Bedrohung ist nicht so sehr der Verlust von Menschenleben, aber der Verlust dessen, was uns zu Menschen macht. Peter Hessler schickt einen Brief aus der Quarantäne in China. Der Comickünstler Chris Ware zeichnet ein "pandemic special". Casey Cep erklärt, wie die Mormonen unter Joseph Smith die Demokratie herausforderten. Und Leo Robson liest Anna Kavan.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Houdini, Harry, Epidemien

Times Literary Supplement (UK), 20.03.2020

Der seit Jahrzehnten in Italien lebende Schriftsteller Tim Parks lässt die vergangenen Wochen der Corono-Krise in Italien Revue passieren und erinnert auch an die Tage, als Mailand noch vor Wut über die Maßnahmen der Regierung schäumte. Dabei gab es erst 143 Fälle in Italien, als Rom den Norden dichtmachte. Kein Aperitivo mehr in Mailand? In der Welthauptstadt des Aperitivs? "Was wird uns die Zukunft bringen? Nun ja, man lernt, sich zu benehmen, wenn es zu spät ist. Sogar die Italiener können aufhören, sich die Hände zu schütteln, zu umarmen und zu küssen. Sie können sich ordentlich anstellen und ihre Hände obsessiv waschen. Überraschender noch: Italienische Politiker haben bewiesen, dass sie aufhören können zu diskutieren und stattdessen handeln. Sie waren bemerkenswert entschieden, vielleicht bereitete es ihnen sogar Befriedigung, sich einem Drama zu stellen, das sie zusammenbringt und das ihnen erlaubt, die ökonomischen Mahner in Brüssel zur Hölle zu schicken. Sie werden ausgeben, was es braucht, um das Land da durchzubringen. Ein neues Bewusstsein für Verantwortung liegt in der Luft. Vielleicht auch der Hauch von einem wiederbelebten Nationalgefühl."

Wired (USA), 19.03.2020

Die große Frage, die jetzt allen auf den Nägeln brennt: Wann hört das mit der Corona-Krise wieder auf? Wann hält die Normalität wieder Einzug? Steven Levy hat bei dem Epidemiologen Larry Brilliant nachgefragt, der seit 2006 vor den verheerenden Folgen einer globalen Pandemie warnt. Seine Antwort: "Dafür müssen drei Dinge geschehen sein: Erstens, wir müssen herausgefunden haben, ob die Verteilung dieses Virus aussieht wie ein Eisberg, von dem nur ein Siebtel über dem Wasser liegt, oder wie eine Pyramide, die wir zur Gänze sehen. Wenn wir derzeit nur ein Siebtel der tatsächlichen Fälle sehen, weil wir nicht ausreichend testen, und wir dafür blind sind, dann befinden wir uns in einer Welt des Schmerzes. Zweitens, wir müssen eine effektive Behandlung gefunden haben - eine Impfung oder ein Gegenmittel. Und drittens und vielleicht am wichtigsten: Es muss sich abzeichnen, dass eine große Menge von Menschen - insbesondere Krankenschwester, Pfleger für den Heimbereich, Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute und Lehrer, die die Krankheit hatten - immun ist und dass wir sie getestet haben, um zu wissen, dass sie tatsächlich nicht mehr infektiös sind. Und wir brauchen ein System, dass sie als solche identifziert. Ein Armband oder eine Ausweiskarte mit ihrem Foto oder einer Art Beleg darauf. Dann können wir unsere Kinder ruhigen Gewissens zurück in die Schule schicken, im Wissen, dass der Lehrer sie nicht anstecken kann. Und statt dass wir sagen, 'nein, man kann niemanden in einem Pflegehaushalt besuchen', haben wir eine Gruppe von Leuten, die ausgewiesenermaßen mit älteren und anfälligen Leuten arbeiten können, und Krankenschwestern, die zurück in die Krankenhäuser gehen können, und Zahnärzte, die Deinen Mund öffnen und hineinsehen können, ohne Dir dabei den Virus zu verabreichen. Wenn diese drei Dinge geschehen, ist der Zeitpunkt genommen, an dem die Normalität zurückkehrt."
Archiv: Wired

Longreads (USA), 18.03.2020

Naz Riahi erzählt, wie es war als Mädchen im Iran aufzuwachsen - und zwar in einer westlich-säkular orientierten Familie vor und nach der Revolution. Vor der Revolution herrschte in dieser Familie das summende, brummende Leben: Doch "nach der Revolution war nichts mehr sicher, keinem konnte man vertrauen. Die Welt in unserem Haus war strikt verborgen - Partys, Tanz, Musik, Kartenspiel, Wein, selbstgebrannter Schnaps, Männer und Frauen in engem Kontakt, Jungs und Mädchen, die man alleine in einem Zimmer ließ, amerikanische Musik, amerikanische Filme, kein Hijab, keine Gebete, kein Fasten im Ramadan, die Namen und Wohnsitze von Familienmitgliedern in Übersee. All dies wurde geheimgehalten. Unser wahres Selbst - unsichtbar. Im Alter von fünf Jahren hatte ich die Regeln verinnerlicht: Keiner darf wissen, woher Deine Barbies kommen. Lass niemanden wissen, dass Dein Bruder in den USA lebt. Erzähle niemandem davon, dass wir ihn besuchen. Verrate nichts von dem, was wir tun oder über was wir sprechen. Sage nichts davon, dass Du die Ansichten der Regierung nicht teilst. Sage, dass Du fünfmal täglich betest. Sage, dass Du im Ramadan fastest. Streite nicht, wenn die Revolutionsgraden Dich anhalten. Verstecke Dein Haar unter einem Tuch, jede Strähne. Sag so wenig wie Du kannst. Sei ruhig."
Archiv: Longreads
Stichwörter: Iran, Ramadan

New York Times (USA), 22.03.2020

Auf so einen wie Werner Herzog ist Verlass. Auch in Zeiten der Corona-Krise ruht der bayerische Filmtitan in der eigenen Erhabenheit - selbst wenn ihm David Marchese im Gespräch durchaus ein bisschen auf den Zahn fühlt, was frühere Sprüche - man hätte einst "Handgranaten in Fernsehanstalten" werfen müssen - und heutige Taten (ein Schauspiel-Engagement in Disneys "Star Wars"-Serie "The Mandalorian") betrifft. Herzog ficht das nicht an, in ihm bündelt sich vielmehr der Lauf der Geschichte, erklärt er: "Alles ist in großem Aufruhr und der Staub hat sich noch nicht gelegt. Wir sollten nicht unterschätzen, wie wir mit unseren Filmen bis in ein Dorf in Kenia reichen können. Das ist phänomenal und sonderbar. Sie sitzen vor einem Mann, der einzigartig ist. Ich bin einzigartig in der Weltgeschichte. Meine Generation. Nicht nur ich. Ich wuchs in einer Welt der vorindustriellen Agrikultur auf. Das Heu wurde noch mit Heugabeln gewendet und auf einen Pferdekarren gehoben. Dann sah ich die gigantischen Mähdrescher. Da sind drei Computerbildschirme drin und sie funktionieren mit GPS. Und als Kind habe ich gesehen - wenn ich ein bisschen ausflippen darf -, wie der Dorfausrufer noch mit einer Glocke auf der Straße stand und rief 'Achtung! Achtung! Wenn ihr Fördermittel für eure neuen Jauchegruben braucht, dann geht das von dann bis dann!' Ich reiche von der vor-industriellen Stadt bis in die heutige Welt. Meine Generation hat ihresgleichen nicht."