Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

163 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 17

Magazinrundschau vom 02.06.2020 - The Atlantic

Anne Applebaum schreibt einen ausufernden weit ausholenden und teils redundanten Essay über die Kollaboration republikanischer Eliten mit Trump. Man verzeiht ihr die Redundanz, weil sie in einem Moment, wo Trump droht, die Bundesstaaten gegen den Willen ihrer Gouverneure mit der Armee zu befrieden, deutlich macht, wie angenagt die amerikanische Demokratie schon längst ist. Mit Kollaboration meint Applebaum Kollaboration, nämlich im Sinne der französischen Eliten unter der Hitler-Besatzung. Sie beschreibt auch verschiedene Argumentationen, mit denen man sich seine Kollaboration schön redet und kommt zu dem Ergebnis: "Sie haben Angst, und doch scheinen sie nicht zu sehen, dass diese Angst ihre Vorläufer hat und dass sie Konsequenzen haben kann. Sie wissen nicht, dass ähnliche Wellen von Angst schon andere Demokratien in Diktaturen verwandeln halfen. Sie scheinen nicht wahrhaben zu wollen, dass aus dem amerikanischen Senat eine russische Duma oder das ungarische Parlament werden kann, eine Gruppe exaltierter Männer und Frauen in einem eleganten Gebäude ohne Einfluss und Macht. Wir sind viel näher an dieser Realität, als viele sich das vorstellen konnten."

Magazinrundschau vom 26.05.2020 - The Atlantic

Im neuen Heft des Magazins berichtet der Journalist Barton Gellman, wie er seit seiner Zusammenarbeit mit Edward Snowden in Sachen NSA im Jahr 2013 von den amerikanischen Behörden verfolgt wird: "Das MacBook Air, das ich verwendete, war ein Ziel. Ich sandte eine Kopie des Arbeitsspeichers an einen Experten für Mac-Systeme. Er entdeckte im Hintergrund arbeitende Systemdienste, deren Zweck er nicht ermitteln konnte … Das Geschäft der Geheimhaltung auf der Ebene nationaler Sicherheit ist von einem Konflikt zweier Kernwerte geprägt: Autonomie und Selbstverteidigung. Wenn wir nicht wissen, was unsere Regierung anstellt, können wir sie nicht dafür zur Verantwortung ziehen. Wissen wir es, wissen es auch unsere Feinde. Das kann gefährlich sein. Das ist unser Dilemma. In Kriegszeiten gibt es gute Gründe für Geheimhaltung, denn der Wert der Sicherheit ist am höchsten. Aber Geheimhaltung richtet niemals mehr Schaden an der Autonomie an als in Kriegszeiten, weil Krieg zu führen eine höchst politische Entscheidung ist. Unsere Regierung sieht das offenbar anders. Ein paar Dinge, die ich durch von mir angestrengte juristische Verfahren für die Informationsfreiheit in Erfahrung gebracht habe: Der US-Geheimdienst besitzt 435 unter Verschluss stehende Dokumente über mich. Mitarbeiter des Heimatschutzes haben zu jeder meiner Auslandsflugreisen seit 1983 einen 76-seitigen Bericht verfasst. Die Zollkontrolle hat desöfteren heimlich mein Gepäck durchsucht, wenn ich von Arbeitsreisen zurück kam. Die Gründe für die Durchsuchungen wie die Ergebnisse wurden zensiert. Hunderte Emails dokumentieren interne Debatten darüber, wie mit meinen Anfragen oder Artikeln zu verfahren sei."

Außerdem: William Dersiewicz bespricht J. M. Coetzees "The Death of Jesus". Und Jenny Odell stellt Bücher über die Sprache und das Verhalten der Vögel vor.

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - The Atlantic

Wenn man nur einen Text über Verschwörungstheoretiker lesen will, dann sollte es dieser sein. Reporterin Adrienne LaFrance zeigt am Beispiel von QAnon, einem anonymen Nutzer des inzwischen geschlossenen Messengerboards 4chan, wie sich Verschwörungstheorien ausbreiten. Q erweckte den Anschein, zum Geheimdienst zu gehören und schuf mit meist kryptischen religiösen Botschaften eine große Anhängerschaft. Diese Fans sind bunt gemischt, von rechts bis links, manche einsam, andere Wichtigtuer, sie sind Apokalyptiker, religiöse Irre oder einfach nur Irre. Gemeinsam ist ihnen eine Enthemmtheit, wie sie eine sehr nette Frau namens Lorrie Shock an den Tag legt. Shock arbeitet mit behinderten Kindern, außerdem ist sie tief religiös und Trump-Anhängerin: "Ich sollte aber verstehen, dass es bei ihrer Besessenheit von Q nicht um Trump ging. Das war etwas, worüber sie anfangs nur widerwillig gesprochen hatte. Jetzt sagte sie: 'Ich habe das Gefühl, dass Gott mich zu Q geführt hat. Ich habe wirklich das Gefühl, dass Gott mich in diese Richtung gedrängt hat. Ich habe das Gefühl, wenn es trügerisch wäre, würde Gott mir sagen: Genug ist genug. Aber ich fühle das nicht. Ich habe gebetet: Vater, sollte ich meine Zeit damit verschwenden? ... Und ich fühle nicht das Gefühl Du solltest damit aufhören.'" Zugleich lernt man aber auch, wie von Trump abwärts Politiker diese Verschwörungstheorien zum eigenen Nutzen weiterverbreiten: "Laut einer Online-Zählung der progressiven gemeinnützigen Organisation Media Matters for America haben sich mindestens 35 derzeitige oder ehemalige Kongresskandidaten für Q ausgesprochen. Diese Kandidaten haben entweder QAnon in der Öffentlichkeit direkt gelobt oder sich zustimmend auf QAnon-Slogans bezogen. (Ein republikanischer Kandidat für den Kongress, Matthew Lusk aus Florida, behandelt QAnon unter der Rubrik 'Themen' auf seiner Wahlkampf-Website und stellt die Frage: 'Wer ist Q?'" Vor allem aber bezieht sich der höchste Mann im Staat, Donald Trump, immer wieder auf Q. "Drei Tage bevor die Weltgesundheitsorganisation das Coronavirus offiziell zur Pandemie erklärte, twitterte Trump ein Mem mit dem QAnon-Thema. 'Wer weiß, was das bedeutet, aber für mich klingt es gut', schrieb der Präsident am 8. März und teilte ein mit Photoshop bearbeitetes Bild von sich selbst, wie er eine Geige spielt, mit den Worten 'Nichts kann das Kommende aufhalten'", eine Phrase, so LaFrance, die Q immer wieder benutzt.

Wie plump und bösartig Verschwörungstheorien genutzt werden, kann man sehr gut auch an dieser Geschichte in der FR über Donald Trump Junior sehen, der dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Joe Biden, ohne jeden Anhaltspunkt Pädophilie unterstellt. "Auch eine Verschwörungstheorie der diffusen rechten Gruppierung namens QAnon* findet bei Trump Junior immer wieder Anklang", schreibt Daniel Dillmann. "Laut QAnon betreiben die Clintons gemeinsam mit weiteren demokratischen Führungspersönlichkeiten einen Kinderpornoring in Washington. Der Menschenhandel erfolge laut der Theorie aus dem Keller einer Pizzeria, die in der US-amerikanischen Hauptstadt beheimatet ist. Deshalb ist die Geschichte unter dem Namen 'Pizzagate' bekannt geworden. Es gibt bis heute kein Indiz für die Wahrheit dieses Mythos. Bislang gibt es auch keine Hinweise auf pädophile Neigungen von Joe Biden. Donald Trump Junior scheint weder das eine noch das andere zu stören."
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Magazinrundschau vom 09.06.2020 - The Atlantic

Mit einigem rhetorischem Donner geißelt Ibram X Kendi den tief verwurzelten Rassismus in den USA, der immer wieder die Schwarzen für ihre miese Lage selbst verantwortlich macht. Kendi erinnert an das berüchtigte Traktakt "Race Traits and Tendencies of the American Negro", mit dem der amerikanische Ökonom Frederick Hoffman 1896 belegen wollte, dass Schwarze in der Sklaverei gesund und fröhlich waren, und erst in Freiheit krank, arm und unglücklich wurden: "Die allmähliche Auslöschung ist nur eine Frage der Zeit", schrieb Hoffman. Für Kendi ist es kein Zufall, dass die beiden Themen, an denen sich schon Hoffman abarbeitete, heute wieder zusammentreffen: Verbrechen und Krankheit. "Die höheren Zahlen bei Verhaftungen und Gefängnisstrafen unter schwarzen Amerikanern in der ersten landesweiten Kriminalstatistik benutzte Hoffman als Beleg für deren gewaltsames und gefährliches Wesen -  wie es rassistische Amerikaner auch heute noch tun. Hoffman kompilierte Unterschiede in der Gesundheit um zu belegen, dass schwarze Amerikaner ein sterbender Bevölkerungsteil sind. Hoffman führte die höhere Sterblichkeit der Schwarzen auf und zeigte, dass schwarze Amerikaner häufiger an Syphilis, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten erkranken als weiße Amerikaner... Die gleichen Unterschiede sind heute wieder sichtbar, da Schwarze in den USA zweimal häufiger an Covid-19 sterben als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Im April griffen viele Amerikaner wieder auf eine rassistische Erklärung zurück: Sie sagten, Schwarze nähmen das Coronavirus nicht so ernst wie Weiße, bis Untersuchungen ergaben, dass es weiße Demonstrationen waren, die eine Öffnung der Staaten verlangten. Dann meinten sie, dass schwarze Amerikaner überproportional von Covid-19 betroffen wären, weil sie aufgrund ihres ungesunden Lebensstils mehr Vorerkrankungen hätten. Aber der Aidsstiftung zufolge sind Infektionen und Sterberaten von strukturellen Faktoren wie Beschäftigung und Krankenversicherung bestimmt, und nicht von unveränderlichen Eigenschaften der schwarzen Bevölkerung. Es gibt auch weder eine Verbindung von Kriminalität und Polizeigewalt noch eine von Kriminalität und Hautfarbe. Wenn das so wäre, müssten die Viertel mit einer besser verdienenden schwarzen Bevölkerung eine ebenso hohe Kriminalitätsrate haben. Das ist aber nicht der Fall."

Magazinrundschau vom 28.04.2020 - The Atlantic

Alle reden von Corona, aber in den USA ist die Opioid-Krise noch genauso akut wie vor zehn Jahren. Beth Macy stellt in ihrer Reportage eine junge Frau vor, Nikki King, die selbst aus einem drogenverseuchten Teil Kentucky kommt und sich mit schierer Willenskraft zur Gesundheitsexpertin ausgebildet hat, die neue Wege geht, die Drogensucht zu behandeln. Keine Kleinigkeit in einem Land, in dem die Voraussetzungen für die Verschreibung von suchtbekämpfenden Medikamenten viel schärfer gefasst sind als für die suchterzeugenden: "Die heute 28-jährige Nikki ist zu einer der führenden Stimmen zur Opioid-Krise im ländlichen Amerika geworden, wo 20 Jahre nach Beginn der Katastrophe immer noch kaum Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, obwohl die Zahl der Todesfälle durch Überdosierung weiter steigt. In vielen ländlichen Gegenden wenden sich die Nachbarn gegeneinander, statt die Schuld den Pharmakonzernen zu geben, die die Epidemie verursacht haben, und den machtlosen Regulatoren und gekauften Politikern, die sie ermöglicht haben. (In meiner Berichterstattung über die Krise habe ich diese Haltung immer und immer wieder gesehen. Bei einem kürzlichen Treffen im ländlichen North Carolina zum Beispiel lehnte der Leiter des örtlichen Kiwanis-Clubs einen Plan ab, der vorsieht, die Menschen zu den Behandlungseinrichtungen zu fahren: 'Ich denke, wenn sie rückfällig werden, sollten wir sie sterben lassen und ihnen ihre Organe entnehmen', sagte er.) Die Drogen-Epidemie hat bereits mehr als 800.000 Amerikaner getötet - mehr als an AIDS gestorben sind - aber die Bundesregierung bietet immer noch keine angemessenen Lösungen an, ganz zu schweigen von einer Finanzierung, die die Krise eindämmen könnte. Da es keine Hilfe von oben gibt, hat Nikki einen Weg gefunden, wie Menschen in abgelegenen, unterfinanzierten Gebieten behandelt werden können."

Erklärt wird das im Artikel und in diesem zehnminütigen Video:



Weitere Artikel: H. R. McMaster, General a.D. und ehemaliger Sicherheitsberater im Weißen Haus, versucht uns zu erklären, wie China die Welt sieht. In der Titelgeschichte fragt sich Kate Julian, warum junge Menschen heute so ängstlich sind. Benjamin Taylor erzählt von seiner Freundschaft mit Philip Roth.
Stichwörter: Opioid-Krise, Corona, Epidemien

Magazinrundschau vom 14.04.2020 - The Atlantic

Was es bedeutet, dass Indien mit dem von der Regierung Modi verabschiedeten Citizenship Amendment Act seinen Status als säkularer Staat aufgibt, hat Aatish Taseer gerade gelernt: "Indien brodelt, aber ich kann nicht in das Land zurückkehren, in dem ich aufgewachsen bin. Am 7. November hatte mir die indische Regierung die indische Übersee-Staatsbürgerschaft entzogen und mich auf die schwarze Liste des Landes gesetzt, in dem meine Mutter und meine Großmutter leben. Der Vorwand, den die Regierung benutzte, war, dass ich die pakistanische Herkunft meines Vaters verheimlicht hatte, von dem ich mich die meiste Zeit meines Lebens entfremdet war und den ich erst im Alter von 21 Jahren kennen gelernt hatte. Das war eine seltsame Anschuldigung. Ich hatte ein Buch geschrieben, 'Stranger to History', und viele Artikel über meinen abwesenden Vater veröffentlicht. Die Geschichte unserer Beziehung war gut bekannt, weil mein Vater, Salmaan Taseer, Gouverneur des Punjab in Pakistan gewesen war und 2011 von seinem Leibwächter ermordet wurde, weil er es gewagt hatte, eine christliche Frau zu verteidigen, die der Blasphemie beschuldigt wurde. All dies hatte keinen Einfluss auf meinen Status in Indien, wo ich 30 meiner 40 Jahre gelebt hatte. In den Augen der Regierung von Modi wurde ich 'Pakistani' - und, was noch wichtiger ist, 'Muslim', weil die religiöse Identität in Indien meist patrilinear und mehr eine Frage des Blutes als des Glaubens ist."

In einem anderen Artikel erklärt Kathy Gilsinan, wie wenig die WHO dazu beigetragen hat (beitragen konnte), rechtzeitig vor dem Coronavirus zu warnen: "Zu den Mitgliedern der Gruppe gehören transparente Demokratien ebenso wie autoritäre Staaten und Systeme, was bedeutet, dass die Informationen, die die WHO herausgibt, nur so gut sind wie das, was sie von Staatsführern wie Xi Jinping und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin erhält. Nordkorea zum Beispiel hat absolut keine Fälle von Coronaviren gemeldet, und die WHO ist nicht wirklich in der Lage, etwas anderes zu behaupten."

Magazinrundschau vom 24.03.2020 - The Atlantic

In der aktuellen Ausgabe des Magazins berichtet George Packer über Trumps Fortschritte bei seinen Plänen, den öffentlichen Dienst zu zerstören: "Als Trump an die Macht kam, glaubte er, der Staat und seine 2 Millionen Beamten wären sein persönliches Eigentum und sie schuldeten ihm ihre volle Unterstützung. Zugleich war er voller Misstrauen, einige von ihnen planten seinen Umsturz. Das würde er verhindern, koste es, was es wolle. Doch leicht war es nicht, er setzte unzuverlässige und unfähige Bürokraten ein, aber das System lief von allein weiter. Er griff zu einem bewährten Trick: Menschen sind schwach, sie haben Träume, Bedürfnisse, Eitelkeiten, Ängste. Sie können eingeschüchtert, korrumpiert und zerquetscht werden. Eine Regierung besteht aus Menschen. Das war der Fehler im System, und Trump lernte, wie er es sich zu nutze machen konnte. Der Trümmerhaufen wuchs. Nur ein paar Jahre, und die Verwaltung war Wachs in seinen Händen. ein Instrument seiner Macht. Noch einige Jahre mehr, und der Schaden für die US-Demokratie ist irreparabel … Die Beamten geben ihre Pensionen und den Treueeid auf. Laut Washington Post haben schon mehr als 1000 Wissenschaftler das Umwelt-, das Landwirtschaftsministerium und weitere Ministerien verlassen. Fast 80 Prozent aller Angestellten am National Institute of Food and Agriculture sind gegangen. Dem Arbeitsministerium fehlen die Sicherheitsinspektoren, während Arbeitsunfälle zu- und Rückrufaktionen unsicherer Produkte dramatisch abnehmen. Wenn das Durchbringen von Gesetzen und das Ändern von Regulationen sich beschwerlich gestaltet, wird Expertise einfach abgeschafft. Die Überlebenden halten still, bis zu dem Tag, da sie vor die Entscheidung gestellt werden: Trumps schmutzige Arbeit zu machen oder zerstört zu werden."

Weiteres: Rachel Monroe untersucht den Mord an einem Rancher aus Colorado. Jordan Kisner fragt sich, warum Reiki eigentlich funktioniert. Judith Shulevitz liest den letzten Band von Hilary Mantels Tudor-Trilogie. Und Terrence Rafferty sah im Kino Hirokazu Kore-edas Film "Die Wahrheit".
Stichwörter: Trump, Donald, USA

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - The Atlantic

Der Lektürestoff der Stunde - für alle, die sich in den sozialen Medien politisch informieren. Und für Friedrich Merz, der wissen sollte, worauf er sich mit einem Wahlkampf in den sozialen Medien einlässt. McKay Coppins hat sich im Netz als Trump-Fan ausgegeben und dessen Netzkampagnen während des Impeachmentverfahrens recherchiert. Sie sind schon Teil des Wahlkampfs für die Präsidentschaftswahlen im November 2020. Eine Milliarde Dollar will Trump dafür ausgeben, was auch dazu führt, dass bei Coppins bald ein Strom von undurchsichtigen Anti-Demokraten-Schlagzeilen in seine Social-Media-Accounts läuft. "Ich war überrascht von der Wirkung, die das auf mich hatte. Ich hatte angenommen, dass meine Skepsis und meine Medienkompetenz mich gegen solche Verzerrungen impfen würden. Aber ich fand mich bald dabei, jede Schlagzeile reflexartig in Frage zu stellen. Es war nicht so, dass ich glaubte, Trump und seine Förderer würden die Wahrheit sagen. Es war vielmehr so, dass es in diesem Zustand des erhöhten Misstrauens immer schwieriger wurde, überhaupt noch eine Wahrheit über die Ukraine, das Impeachmentverfahren oder etwas anderes zu orten. Mit jedem Wischer geriet die Vorstellung von einer beobachtbaren Realität weiter außer Reichweite. ... Heute muss man Dissidenten nicht mehr zum Schweigen zu bringen, man übertönt sie einfach mit einem Megafon. Wissenschaftler nennen das: Zensur durch Lärm. Nach den Wahlen 2016 wurde viel über die Bedrohungen der amerikanischen Demokratie durch ausländische Desinformationen gesprochen. Geschichten von russischen Trollfarmen und mazedonischen Falschnachrichtenmühlen tauchten in der nationalen Vorstellung auf. Doch während diese schattenhaften Kräfte von außen Politiker und Journalisten beschäftigten, begannen Trump und seine inländischen Verbündeten damit, die gleiche Taktik der Informationskriegsführung anzuwenden, die die Demagogen und Mächtigen der Welt an der Macht gehalten hat."

Außerdem: David A. Graham besucht den Statistiker Nate Silver, der davor warnt, dass die Presse schon wieder beginnt, die Umfrageergebnisse anzuzweifeln und umzuinterpretieren. David Brooks erklärt das Modell der Kleinfamilie für gescheitert. Melissa Chan und Heriberto Araújo berichten vom Einfluss Chinas auf die Rodungen des Amazonaswaldes in Brasilien: Dort wird immer mehr Soja angebaut, um die chinesische Nachfrage (Soja dient in China als Schweinefutter) zu befriedigen. Spencer Kornhaber informiert über die neuen Regeln des Popmusik-Snobismus. Ruth Franklin liest Emily St. John Mandels neuen Roman "The Glass Hotel".

Magazinrundschau vom 25.02.2020 - The Atlantic

Sehr faszinierend liest sich Zeynep Tufekcis Essay über die Paradoxie totaler Transparenz, in dem sie die chinesische Reaktion auf das Coronavirus analysiert. Gut einen Monat lang konnte sich das Virus ausbreiten, weil die Verantwortlichen Business as usual betrieben und offenbar zögerten, die Zentralregierung zu informieren. Da aber inzwischen die sozialen Medien komplett gleichgeschaltet sind, kam auch aus der Bevölkerung keine Regung. Und Apps wie "Studiere Xi, starke Nation", in denen die Chinesen ihre Loyalität zum System durch Beantwortung von Multiple Choice Tests beweisen müssen und die Handys der Bürger zugleich überwachen, tragen ebenfalls dazu bei, dass keine Kunde an die Zentrale gelangt. Denn Entscheidendes wird von verängstigten Bürgern nicht mehr über Handys kommuniziert. Da hilft die beste Gesichtserkennung nichts! "Es ist schwer vorstellbar, dass ein Führer mit der Erfahrung von Xi so nachlässig wäre, der Ausbreitung der Seuche fast zwei Monate lang zuzusehen, nur um dann kehrt zu machen und das ganze Land praktisch über Nacht abzuschotten. In vieler Hinsicht scheint seine Handlungsfähigkeit durch sein eigenes System ausgeschaltet worden zu sein. Unter den Bedingungen der massiven Überwachung und Zensur, die unter Xi gewachsen sind, hatte die Zentralregierung außer offiziellen Berichten wahrscheinlich wenig bis gar keine Signale wie zum Beispiel Online-Unterhaltungen, um die Krankheit zu erkennen. Im Gegensatz dazu gehörten Online-Unterhaltungen bei der Sars-Epidemie 2003 zu den frühesten Zeichen..." Und diese Zeichen kamen auch der WHO zu Ohren, die dann Druck auf China machte, so Tufekci.

Magazinrundschau vom 21.01.2020 - The Atlantic

Eromo Egbejule beschreibt am Beispiel von Nigeria, wie genau sich das viel gepriesene Einwanderungsland Kanada seine Zuwanderer aussucht: "2015 führte Kanada ein neues System zur Aufnahme qualifizierter Einwanderer ein, das auf einer punktebasierten Berechnung beruht, bei der die Bewerber auf der Grundlage ihres Alters, ihrer Berufserfahrung, ihres Bildungsniveaus und ihrer Sprachkenntnisse bewertet werden. Es zielt darauf ab, die am besten qualifizierten Personen zu bevorzugen und ihnen die Einreise ins Land zu erleichtern, während die Bewerber gleichzeitig ermutigt werden, sich in weniger bevölkerten Teilen Kanadas niederzulassen. Australien und Neuseeland wenden ähnliche Systeme an, und der britische Premierminister Boris Johnson, der gerade erst im Dezember einen Wahlsieg errungen hat, will ebenso ein System einführen. Das kanadische System ist jedoch am weitesten fortgeschritten. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verfügt das Land über 'das am weitesten entwickelte und am längsten bestehende System für die Migration qualifizierter Arbeitskräfte' unter seinen Mitgliedstaaten. Sechzig Prozent der im Ausland geborenen Bevölkerung ist 'hoch qualifiziert' - der höchste Anteil in der Organisation. Nun weitet Kanada seine Bemühungen aus: Der Einwanderungsminister Ahmed Hussen - der selbst 1993 als Flüchtling aus Somalia nach Kanada kam - kündigte 2018 an, dass das Land von 2019 bis 2021 mehr als eine Million Menschen anziehen wolle, was fast 3 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht." Wie sich dieser Braindrain auf die Herkunftsländer auswirkt und welchen Druck das auf andere Einwanderungsländer ausübt, kann man sich leicht vorstellen.