Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

204 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 21

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - The Atlantic

Nachdem Roe vs. Vade in den USA gekippt wurde, fordern einige Abtreibungsgegner eine stärkere Unterstützung der Schwangeren auf staatlicher Ebene. Elaine Godfrey traf einige von ihnen: eine junge Frau, die sich dank der finanziellen Unterstützung einer Non Profit Organisation entschied, ihre Schwangerschaft doch auszutragen, ist überzeugt, dass es sinnlos gewesen wäre, das Urteil zu kippen, wenn nun nicht die nötigen staatlichen Unterstützungen und Programme für Schwangere folgen. Charlie Camosy, ein Pro-Life Kolumnist für den Religion News Service setzt sich konkret für verlängerte Elternzeit, höheren Mindestlohn und erweiterte medizinische Versorgung ein: "Die Anhänger von Camosy hoffen, dass das Ende von Roe den amerikanischen Abtreibungsgegnern hilft, sich aus ihrer parteipolitischen Schublade zu befreien und für eine familienfreundliche Gesetzgebung einzusetzen. Dies nicht zu tun, wäre heuchlerisch, argumentieren sie. Einige Republikaner der Anti-Abtreibungsbewegung könnten bereit sein, der Forderung nach Staatsausgaben nachzugeben, vor allem, seit Donald Trump die Republikaner in eine viel populistischere Richtung gedrängt hat; die Aufhebung von Roe könnte diese Diskussion aufheizen. 'Pro Life Republikaner haben nun die Möglichkeit, offener die Sozialprogramme zu unterstützen', sagt Camosy. Wenn das alles ein wenig zu rosig klingt, dann, weil es das wahrscheinlich auch ist. 'Die Regierung, die am besten regiert, regiert am wenigsten', lautet das GOP-Sprichwort. Die Orte in Amerika mit den strengsten Abtreibungsgesetzen sind auch die, an denen das Misstrauen gegenüber staatlichen Eingriffen groß ist. Weitere Millionen in staatliche Dienstleistungen zu investieren, wäre dort ein politischer Reinfall."

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - The Atlantic

Nellie Bowles schildert die Stadt San Francisco als die Hölle der guten Vorsätze. Da wäre zum Beispiel der Staatsanwalt Chesa Boudin, der so liberal war, dass ihn sogar die liberalen Einwohner der Stadt absetzten - zu sehr war die Kriminalität in der Stadt gestiegen. Hinzukommen das Fentanyl, das die Zahl der Drogentoten in die Höhe schießen lässt, die Wohnungskrise, die auch von alternativen Gärtnern angetrieben wird, weil sie gegen jedes Bauprojekt Einspruch erheben, die Elternsprecher an den wegen Corona geschlossenen Schulen, denen es nicht reicht, wenn ihr Vorsitzender queer ist, er muss queer und of Color sein und das They/Them-Pronomen benutzen. Zuletzt gibt es Widerstand, der sich etwa in der Abwahl Boudins manifestierte. Und dennoch bleiben Szenen wie diese in Erinnerung: "Vor zwei Jahren sah eine Freundin von mir einen Mann, der blutend die Straße entlang taumelte. Sie erkannte ihn als jemanden, der regelmäßig in der Nachbarschaft draußen schlief, und wählte die Notrufnummer. Sanitäter und Polizisten trafen ein und begannen mit der Behandlung des Mannes, doch Mitglieder einer Obdachlosenorganisation wurden aufmerksam und schritten ein. Sie sagten dem Mann, dass er nicht in den Krankenwagen steigen müsse, dass er das Recht habe, die Behandlung zu verweigern. Das tat er dann auch. Die Sanitäter gingen, die Aktivisten gingen. Der Mann saß allein auf dem Bürgersteig und blutete immer noch. Ein paar Monate später starb er einen Block weiter. "

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - The Atlantic

Die britische Journalistin Helen Lewis staunt über die amerikanische Bürgerrechtsorganisation ACLU, die 1973 am Prozess Roe v. Wade beteiligt war und sich jetzt auch zur neuen Abtreibungsdebatte geäußert hat: Laut ACLU schadet ein Abtreibungsverbot "unverhältnismäßig stark Schwarzen, Indigenen und People of Colour, der LGBTQ Community, Immigranten, jungen Menschen, armen Menschen und Menschen mit Behinderungen". Eine Gruppe, die nicht vorkommt, obwohl man annehmen könnte, dass sie vor allem "unverhältnismäßig stark" betroffen wäre, sind Frauen. Warum fragt sich Lewis, will ACLU das "biologische Geschlecht aus einem Gespräch herauszustreichen, in dem das biologische Geschlecht unvermeidlich ist? Die Rechte hat den Frauen den Krieg erklärt. Die Linke hat darauf geantwortet, indem sie dem Wort 'Frauen' den Krieg erklärt hat. ... Sprachkämpfe sollten uns nicht von der wahren Ungerechtigkeit ablenken, die durch die mögliche Aufhebung von Roe v. Wade aufgeworfen wird: die Abschaffung des Rechts auf Privatsphäre und körperliche Autonomie für 51 Prozent der Amerikaner. Etwas geht verloren, wenn Abtreibungsrechtler sich scheuen, von Frauen zu sprechen. Wir verlieren die Fähigkeit, über Frauen als mehr als eine zufällige Ansammlung von Organen zu sprechen, Körper, die zufällig menstruieren oder bluten oder gebären. Wir verlieren die Fähigkeit, die gemeinsamen Erfahrungen von Frauen und die Diskriminierung, der sie im Laufe ihres reproduktiven Lebens ausgesetzt sind, miteinander zu verbinden. Indem wir Frauen durch Menschen ersetzen, verlieren wir die Fähigkeit, von Frauen als einer Klasse zu sprechen. Wir zerlegen sie in Teile, in Funktionen, in Waren. Dies geschieht auf vielerlei Weise. Diese Woche habe ich auch gesehen, wie ein Axios-Redakteur einen Reporter der New York Times zurechtwies, weil er von 'Leihmüttern' statt von 'Schwangerschaftsausträgerinnen' geschrieben hat - als ob letztere Formulierung nicht entmenschlichend wäre, nur ein Flüstern entfernt von 'Gefäßen'."

Bei Abtreibungen geht es immer um die Frage, ab wann ein Embryo ein Mensch ist. Für die Abtreibungsgegner ist er ab dem Moment der Empfängnis "beseelt", weshalb Abtreibungen verboten sein sollten. Aber das verstößt gegen die Verfassung, die ausdrücklich keine Staatsreligion kennt, erinnert die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood: "Ein solches Urteil hängt von einem religiösen Glauben ab, nämlich dem Glauben an Seelen. Nicht jeder teilt einen solchen Glauben. Aber alle, so scheint es, laufen nun Gefahr, Gesetzen unterworfen zu werden, die von denjenigen formuliert wurden, die dies tun. Was innerhalb einer bestimmten religiösen Überzeugung eine Sünde ist, soll für alle zum Verbrechen werden. ... Es sollte ganz einfach sein: Wenn Sie an die 'Beseelung' bei der Empfängnis glauben, sollten Sie nicht abtreiben, denn das ist in Ihrer Religion eine Sünde. Wenn Sie nicht daran glauben, sollten Sie - gemäß der Verfassung - nicht an die religiösen Überzeugungen anderer gebunden sein. Sollte die Stellungnahme von [Richter Samuel] Alito jedoch zum neuen Gesetz werden, sind die Vereinigten Staaten auf dem besten Weg, eine Staatsreligion einzuführen. Massachusetts hatte im 17. Jahrhundert eine offizielle Religion. Jahrhundert eine offizielle Religion. Um sie zu schützen, hängten die Puritaner Quäker auf."

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - The Atlantic

In den USA sind Schwangerschaftsabbrüche bisher grundsätzlich legal, das regelt das Urteil Roe vs. Wade, das 1973 zu Gunsten des Selbstbestimmungsrechts von Frauen entschied. Viele fürchten jetzt um den Bestand dieser Freiheit, die schon jetzt von etlichen Bundesstaaten beschränkt wird. Sie erschweren Frauen den Zugang zu Informationen, treiben die Kosten in die Höhe oder schließen Kliniken, die Abtreibungen durchführen. Jessica Bruder besucht für ihre umfangreiche Reportage Frauen, die sich im Untergrund organisieren, um sich auf risikoarme Abtreibungen unabhängig von öffentlich Institutionen vorzubereiten. Neben Medikamenten, die einen Schwangerschaftsabbruch einleiten, stellt die Reporterin auch den Del-Em vor, ein Gerät das den Fötus durch Unterdruck absaugt und aus handelsüblichen Materialien einfach selbst hergestellt werden kann. Es wurde bereits 1971 von Lorraine Rothman entwickelt und als "Absauger von Menstruationsblut" getarnt: "Spät im Januar besuchte ich drei Frauen einer Gruppe von der Westküste, die sich mit den 'Absaugern' beschäftigten. Sie wurde 2017 von einer Sexualerzieherin, ich nenne sie Noah, auf einer 'Anti-Roe'-Plattform gegründet, die damit auf die Präsidentschaftswahl Donald Trumps reagierte. Wir vier saßen in einem Bungalow, aßen Käse und Cracker, während auf einem Bildschirm an der Wand ein Lagerfeuer knisterte. Die Gruppenmitglieder sprachen über den Zugang zu Abtreibungen - von dem sie hofften, dass er sich verbesserte, indem sie Aktivist*innen in stark regulierten Bundesstaaten das 'Absaugen' beibrachten. Sie hatten bereits Besucher*innen aus Kentucky und Texas geschult und planten, einige aus Ohio aufzunehmen. Nachdem wir fast zwei Stunden lang sprachen, reihten wir uns in einem Schlafzimmer für eine praktische Demonstration ein. Eine Frau, ich nenne sie Kira, schloss einen Del-Em an eine rosa Spectra-S2-Brustpumpe an. Nachdem sie angestellt wurde, begann die Maschine in regelmäßigen Intervallen zu surren und zu klicken, es klang wie ein schnarchender Roboter. Norah, die zwar nicht schwanger war, aber gerade menstruierte, zog sich von der Hüfte abwärts aus und legte sich aufs Bett. Gekonnt führte sie das Spekulum in ihren Vaginalkanal ein, um direkten Zugang zu ihrem Muttermund herzustellen. Kira begann, die Kanüle einzuführen. 'Ich bin an deinem Eingang' sagte sie und meinte die Öffnung des Muttermunds. 'Ist es in Ordnung einzudringen?' 'Leg los', antwortete Norah. Um die Zeit rumzubringen, begann die Gruppe zu plaudern - warum gibt es noch Fax? - bis Blut in dem Aquariumsschlauch erschien. Nach fünfzehn Minuten des Absaugens, verstopfte ein kleiner Klumpen, nichts Ungewöhnliches, die Kanüle. Weil das hier nur eine Übung war und Norah begann, Krämpfe zu bekommen, beschlossen sie aufzuhören. Kira entfernte die Kanüle und ließ sie in das Einwegglas abtropfen, in dem sich der Inhalt sammelte: 2,5 cm Blut. Und dann war es vorbei."

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - The Atlantic

Peter Pomerantsev hat neulich schon einen der klügsten Essays zum Ukraine-Krieg vorgelegt - da fragte er sich, welchen Namen Putins Verbrechen eigentlich tragen sollte (unser Resümee). Nun legt er einen ebenso faszinierenden Text vor, der letztlich von einer kommenden demokratischen Reeducation der Russen handelt. Wie genau sollen die Russen dereinst verstehen, dass sie in der größten je gemessenen Blase gelebt haben? Pomerantsev erzählt von einer ukrainischen Familie, die unfreiwillig über Wochen fünf russische Soldaten beherbergte - und vom Lernprozess dieser Soldaten. Es handelte sich um eine Art Ausnüchterung. Eine gute Sache gibt es dabei, so Pomerantsev: "Bei Putins berühmtem Propagandasystem ging es schon immer weniger darum, Begeisterung, sondern eher Zweifel und Unsicherheit zu schüren, und so viele Versionen der 'Wahrheit' zu verbreiten, dass die Menschen sich verloren fühlen und unter die Fittiche eines autoritären Führers kriechen." Pomerantsev schlägt für eine künftige pädagogische Arbeit mit den Russen das Gegenteil dieser Art von Propaganda vor: "So etwas wie Online-Rathaus-Versammlungen, an denen gewöhnliche Russen teilnehmen und in denen westliche Prominente mit großer russischer Fangemeinde wie Arnold Schwarzenegger (dessen jüngster Video-Appell an seine russischen Fans millionenfach angesehen wurde) ein anderes Russland ausmalen. Stellen Sie sich interaktive Medien vor, in denen die Russen nach Einzelheiten über die Geschehnisse an der Front fragen können und faktengestützte Antworten erhalten."

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - The Atlantic

Seht ihr denn nicht, dass die Ukrainer gerade dabei sind, den Krieg zu gewinnen, fragt ein fassungsloser Eliot A. Cohen (Politologe und Autor des Buchs "The Big Stick - The Limits of Soft Power and the Necessity of Military Force"). Beweise für ein klägliches Versagen der russischen Invasion gebe es inzwischen genug. Der Westen soll aufhören, sich selbst als "schwach" zu betrachten, insistiert Cohen: "Die Ukrainer leisten ihren Beitrag. Jetzt ist es an der Zeit, sie in dem Umfang und mit der Dringlichkeit zu bewaffnen, wie wir es in einigen Fällen bereits tun. Wir müssen die russische Wirtschaft drosseln und den Druck auf eine russische Elite erhöhen, die im Großen und Ganzen nicht auf Wladimir Putins bizarre Ideologie des 'Überlebenswillens' und des paranoiden großrussischen Nationalismus hereinfällt. Wir müssen offizielle und inoffizielle Stellen mobilisieren, um den Informationskokon zu durchbrechen, in dem Putins Regierung das russische Volk vor der Nachricht bewahren will, dass Tausende seiner jungen Männer verstümmelt, in Särgen oder gar nicht aus einem dummen und schlecht geführten Angriffskrieg gegen eine Nation heimkehren werden, die sie nun für immer hassen wird."

Wer wissen will, wie es um das moderne Irland bestellt ist, dem empfiehlt Cullen Murphy wärmstens Fintan O'Tooles Buch "We Don't Know Ourselves", eine Mischung aus Geschichtsbuch und Memoir. Es beginnt in den 60ern: Irland war noch ein streng katholisches Land, Milch wurde noch im Pferdewagen geliefert, "die offizielle Version der irischen Geschichte war ein düsterer, grauer, pietistischer Nationalismus. Als die sterblichen Überreste von Roger Casement, der wegen seiner Beteiligung an der Vorbereitung des Osteraufstands hingerichtet worden war, von Britannien in einer Geste des guten Willens an Irland zurückgegeben wurden, war der Anlass von düsterer Feierlichkeit geprägt. Als Pfadfinder marschierte ich an einem Tag, an dem es regnete und schneite, in einem Zug hinter Casements fahnengeschmücktem Sarg her. Doch im selben Irland entstanden zur selben Zeit rund um den Flughafen Shannon und seine berühmten Duty-Free-Läden in Windeseile Gewerbegebiete. ... Tatsächlich, so schreibt O'Toole, existierten zwei sehr unterschiedliche Irlands unbehaglich nebeneinander, wobei keines das andere verdrängte: 'Irland' als Begriff war fast erdrückend kohärent und fest: Katholisch, nationalistisch, ländlich. Dies war die platonische Form des Landes. Aber Irland als gelebte Erfahrung war inkohärent und unbestimmt. Das erste Irland war abgegrenzt, geschützt, abgeschirmt von den unappetitlichen Einflüssen der Außenwelt. Das zweite war grenzenlos, beweglich, physisch auf dem Weg zu dieser Außenwelt. In dem Raum zwischen diesen beiden Irlands herrschte eine gespenstische Leere, ein Gefühl von etwas, das so unwirklich war, dass es ganz verschwinden könnte. Leere ist eigentlich nicht das richtige Wort. Wie O'Toole weiter ausführt, war dieser Raum reichlich gefüllt, und zwar durch die Heuchelei der irischen Führer und durch eine Art 'Doppelzüngigkeit' aller anderen - eine Art, zu sehen und nicht zu sehen, ein Lippenbekenntnis zu einer Reihe von Werten abzulegen, während man sein Verhalten an einer anderen festmacht."

Magazinrundschau vom 08.03.2022 - The Atlantic

Graeme Wood befasst sich in einem ausführlichen Porträt mit einem anderen ruchlosen Öl-Potentaten: Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed Bin Salman. Wenn er den Thron besteigt, wird er der erste König sein, der nicht mehr die Zeit vor dem Ölboom erlebt hat, als das Haus Saud noch im Wüstenzelt kampierte. Doch höchstwahrscheinlich wird sein "modernes" Saudi-Arabien noch repressiver als das rückständige. Wie Wood versichert, gab sich MBS alle Mühe, im Interview möglichst locker und unpsychopathisch rüberzukommen: "Bei schwierigen Fragen wurde der Kronprinz hektisch, seine Stimme kippte. Alle ein oder zwei Minuten vollführte er einen motorischen Tic: Er warf seinen Kopf kurz zurück und schluckte wie ein Pelikan, der einen Fisch verschlingt. Er klagte über das Unrecht, das ihm angetan werde, und bekundete damit ein Maß an Opfertum und Grandiosität, das selbst für einen Herrscher des Nahen Ostens ungewöhnlich ist. Als wir fragten, ob er die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi angeordnet hat, sagte er, es sei doch offenkundig, dass er es nicht getan habe. 'Es schmerzt mich sehr', sagte er, 'es schmerzt mich und Saudi-Arabien, gefühlsmäßig'. 'Gefühlsmäßig?' 'Ich verstehe den Zorn, besonders unter Journalisten. Ich respektiere ihre Gefühle. Aber auch wir hier haben Gefühle, Schmerz.' Der Kronprinz hat Vertraute wissen lassen, dass 'der Khashoggi-Vorfall das Schlimmste war, was mir je passiert ist, er hätte alle meine Pläne, das Land zu reformieren, zunichte machen können'. Bei unserem Interview in Riad behauptete der Kronprinz auch, dass mit der Khashoggi-Affäre seine Rechte verletzt worden seien. 'Ich habe den Eindruck, dass die Menschenrechte für mich nicht gelten', sagte er. 'Artikel XI der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt, dass eine Person unschuldig ist, bis ihre Schuld bewiesen wurde'. Saudi-Arabien habe die für den Mord Verantwortlichen bestraft, meint er, während vergleichbare Grausamkeiten wie etwa die Bombardierung von Hochzeitsfeiern in Afghanistan und die Folter von Gefangenen in Guantanamo unbestraft blieben. Zum Teil verteidigte sich der Kronprinz auch mit dem Hinweis, dass Khashoggi nicht wichtig genug gewesen sei, um ihn umzubringen. 'Ich habe in meinem ganzen Leben keinen Artikel von Khashoggi gelesen, erklärte er. Zu unserem Erstaunen fügte er hinzu, wenn er schon ein Mordkommando aussenden würde, dann zu einem lohnenderen Ziel und mit fähigeren Mördern. 'Wenn wir so was täten' - Autoren kritischer Kommentare zu ermorden - 'würde Khashoggi nicht mal unter die ersten tausend auf der Liste kommen. Wenn man so eine Operation durchzieht, dann muss sie professionell laufen und einen der Top Tausend treffen.' Augenscheinlich hat er eine hypothetische Abschussliste fertig in der Schublade. Trotzdem betont er, der Khashoggi-Mord war ein großer Fehler'."

Magazinrundschau vom 22.02.2022 - The Atlantic

People of Color sind nicht automatisch Verbündete der Linken, notiert der amerikanische Historiker Geraldo L. Cadava, dessen Familie mexikanisch-kolumbianisch-panamaisch-philippinisch sowie deutsch-schottisch-englisch ist. Latinos zum Beispiel haben in den USA in den letzten fünfzig Jahren bei fast jeder Präsidentschaftswahl zu 25 bis 33 Prozent für die Republikaner gestimmt. Oft so gemischt, dass schwarz, weiß oder farbig keine aussagekräftigen Kategorien mehr darstellen, sind sie oft eben auch beides: Kolonisierte und Kolonisatoren. "Der französisch-westindische Philosoph Frantz Fanon vertrat in seinem 1952 erschienenen Buch 'Schwarze Haut, weiße Masken' die Ansicht, dass sich die Kolonisierten aufgrund eines 'kolonialen Minderwertigkeitskomplexes' mit ihren Kolonisatoren identifizieren - sie wollen wie sie gehen, sprechen und sich kleiden und mit ihnen Sex haben. Seine Ansichten werden heute von vielen liberalen Latinos geteilt, die ihre konservativeren Gegenstücke als Ausverkäufer betrachten, als ob sie irgendwie keine 'echten' Latinos wären ... Ein Zeitgenosse Fanons, der französische tunesische Schriftsteller Albert Memmi, vertrat die Ansicht, dass Kolonisator und Kolonisierter untrennbar miteinander verbunden sind und sogar denselben Körper bewohnen können. Sie definieren ihre Kämpfe und Sehnsüchte im Verhältnis zueinander. Diese Verbindung hat einen psychologischen Preis, aber sie ist auch eine Tatsache. Wenn es um die Geschichte der Latinos geht, finde ich Memmis Sichtweise nützlicher als die von Fanon."

Magazinrundschau vom 01.03.2022 - The Atlantic

Zwanzig Jahre dauerten die Kriege, die die USA nach dem 11. September führten, sie endeten in allen politischen Lagern mit ebenso viel Bitterkeit wie Erleichterung, schreibt George Packer: Wem könne dieses politisch korrumpierte, sozial zerrissene und von Covid verheerte Land noch sagen, wo es lang gehen soll? Doch seit dem 24. Februar gelte ein neuer politischer Realismus: "In dieser neuen Zeit realistisch zu sein, bedeutet nicht, amerikanische Interessen so eng zu definieren, dass die Ukraine entbehrlich wird, sondern zu verstehen, dass die Welt in demokratische und autokratische Sphären aufgeteilt ist; dass diese Teilung alles prägt, von Lieferketten und dem Wettbewerb um Ressourcen bis zu staatlicher Korruption und dem Einfluss der Technologie auf die Köpfe und Gesellschaften der Menschen; dass die Autokraten die Oberhand gewonnen haben und es wissen. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine, der auf frühere Versuche folgte, Unabhängigkeit und Demokratie dort ebenso wie in Georgien und Weißrussland zu unterdrücken, ist der dramatischste, aber bei weitem nicht der letzte Konfliktpunkt zwischen den beiden Sphären. Wenn es sich bei diesem Konflikt um einen neuen Kalten Krieg handelt, dann ist es einer, den die Autokratien energisch vorantreiben und den die Demokratien nur ungern annehmen."

Magazinrundschau vom 08.02.2022 - The Atlantic

Muslimische Länder sind vielfältig und zerstritten. Aber wenn es um manche hehre Anliegen geht, sprechen sie zuweilen mit einer Stimme, etwas wenn Israel für seine "Apartheidspolitik" gegeißelt wird oder der Prophet gegen die Karikaturen von Charlie Hebdo in Schutz genommen werden muss. Bei den Olympischen Spielen aber bleiben sie stumm - die chinesische Unterdrückung und kulturelle Gleichschaltung der Uiguren kritisieren sie nicht, ein Boykott der Spiele kommt erst recht nicht in Betracht, konstatiert Yasmeen Serhan in Atlantic: "Die Tatsache, dass muslimische Führer die Not der Muslime in China geflissentlich ignorieren, ist ein Beweis für den wachsenden Einfluss Pekings. China ist einer der wichtigsten Handelspartner vieler Länder mit muslimischer Mehrheit und, was für die Golfstaaten von entscheidender Bedeutung ist, der Hauptabnehmer von Öl aus dem Nahen Osten. Im Rahmen seiner Seidenstraßeninitiative hat China Milliarden von Dollar in Infrastrukturprojekte in der gesamten muslimischen Welt investiert. Damit hat die chinesische Regierung nicht nur ihren Einfluss gesichert, sondern auch ein Druckmittel erworben."