Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

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Magazinrundschau vom 01.12.2020 - The Atlantic

Nicht gerade ermunternd, was Graeme Wood in einem Beitrag über den Historiker Peter Turchin und seine Studien berichtet. Turchin sucht nach Gesetzmäßigkeiten, die den Aufstieg und den Fall von Gesellschaften ankündigen: "Eine seiner unangenehmsten Folgerungen lautet, dass komplexe Gesellschaften sich durch Kriege entwickeln. Der Krieg belohnt Gemeinschaften, die sich organisieren, um zu kämpfen und zu überleben, und er neigt dazu jene auszulöschen, die klein und einfach sind. 'Niemand möchte gern zugeben, dass wir in reichen Gesellschaften mit Universitäten und Museen leben, weil es so etwas hässliches wie den Krieg gibt', so Turchin. Aber die Daten sprechen eine klare Sprache: Darwin'sche Prozesse wählen komplexe Gesellschaften aus, weil sie simplere auslöschen. Die Idee, dass Demokratie stark ist durch ihre Güte und moralische Überlegenheit, ist toll. Stattdessen aber gedeihen demokratische Gesellschaften, weil sie ein Gedächtnis haben dafür, von einem externen Feind fast ausgelöscht worden zu sein. Nur durch kollektives Handel war ein Überleben möglich, und die Erinnerung an dieses Handeln macht demokratische Politik in der Gegenwart praktikabel. Turchin: 'Es besteht eine enge Verbindung zwischen der Annahme demokratischer Institutionen und der Notwendigkeit, einen Krieg ums Überleben zu führen.' Nicht weniger unangenehm: Die Folgerung, dass ziviler Ungehorsam schon bald über uns kommen und das Land zerschlagen könnte. 2012 veröffentliche Turchin eine datenbasierte Analyse politischer Gewalt in den USA. Er klassifizierte 1590 Vorkommnisse aus der Zeit von 1780-2010, Unruhen, Lynchmorde, politische Ereignisse, bei denen mindestens eine Person getötet wurde. Einige Perioden waren friedlich, andere blutig, mit Höhepunkten der Gewalt 1870, 1920, 1970, ein 50-Jahreszyklus. Turchin klammert den Bürgerkrieg aus. Das mag seltsam erscheinen, aber Sonderfälle herauszurechnen, ist für Statistiker normal. Historiker und Journalisten dagegen streichen solche Ereignisse heraus, weil sie besonders interessant sind, und übersehen so manchmal größere Trends."
Stichwörter: Turchin, Peter

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - The Atlantic

Vielleicht erleben wir gerade die letzte Generation von Kindern mit Down-Syndrom. Denn die pränatale Diagnostik sorgt dafür, dass immer weniger Kinder mit Behinderung geboren werden, erzählt Sarah Zhang, die in ihrem Artikel aber auch die Frauen im Blick hat, auf denen zumeist die Hauptbürde der Entscheidung lastet: Ob sie abtreiben oder nicht, sagt ja auch immer etwas über sie aus, gerade weil es heute mehr Wahlmöglichkeiten gibt als früher. "Die zentrale Bedeutung der Wahlmöglichkeit für den Feminismus bringt ihn auch in einen unbequemen Konflikt mit der Behindertenrechtsbewegung. Anti-Abtreibungsaktivisten in den USA haben dies aufgegriffen und in mehreren Bundesstaaten Gesetze zum Verbot selektiver Abtreibungen wegen des Down-Syndroms eingebracht. Feministische Behindertenforscherinnen haben versucht, den Konflikt zu lösen, indem sie argumentierten, dass die Wahl überhaupt keine wirkliche Wahl sei. 'Die Entscheidung, einen Fötus mit einer Behinderung abzutreiben, auch weil es 'einfach zu schwierig ist', muss respektiert werden', schrieb Marsha Saxton, die Forschungsdirektorin am World Institute on Disability, 1998. Aber Saxton nennt es eine Entscheidung, die 'unter Zwang' getroffen wurde, und argumentiert, dass eine Frau, die mit dieser Entscheidung konfrontiert wird, auch heute noch eingeschränkt ist - durch populäre Missverständnisse, die das Leben mit einer Behinderung schlechter machen, als es tatsächlich ist, und durch eine Gesellschaft, die Menschen mit Behinderungen feindlich gegenübersteht. Und wenn weniger Menschen mit Behinderungen geboren werden, wird es für diejenigen, die geboren werden, schwieriger, ein gutes Leben zu führen, argumentiert Rosemarie Garland-Thomson, eine Bioethikerin und emeritierte Professorin an der Emory Universität. Weniger Menschen mit Behinderungen bedeuten weniger Dienstleistungen, weniger Therapien, weniger Ressourcen. Sie erkennt aber auch, dass diese Logik das gesamte Gewicht einer inklusiven Gesellschaft auf die Schultern einzelner Frauen legt."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - The Atlantic

In Atlantic erzählt Mike Giglio, welche Rolle die "Oath Keepers" im rechten Milieu der USA spielen. Gegründet wurde die militante Truppe, in der sich Tausende von Polizisten, Soldaten und Veteranen versammeln, von dem libertären Yale-Juristen und Waffenfanatiker Stewart Rhodes: "'Es geht nicht nur um Waffen', sagte Rhodes. Aber die Waffen waren das Herzstück. Trump schürte die Idee, dass die Konservativen eine Minderheit sind, die von einer demografischen Flut bedroht sei, die es den liberalen Städten erlaube, dem Rest des Landes die Bedingungen zu diktieren. Als ich Rhodes und andere Leute der militanten Rechten frage, worum sie sich außerdem sorgen, erwähnen sie: wie Geschichte in den Schulen gelehrt wird oder wie der Grüne New Deal die Nutzung des Landes, die Landwirtschaft, die Einfamilienhäuser bedrohe. Sie betonen, dass Amerika eine Republik ist, keine Demokratie. Die Liberalen, sagt Rhodes, wollen, dass 'eine knappe Mehrheit unsere Rechte mit Füßen tritt. Der einzige Weg, dies zu erreichen, ist, uns zuerst zu entwaffnen.' Ich frage, ob die 'Oath Keepers' weiße Nationalisten seien. Die Gruppe hatte an Veranstaltungen mit den 'Proud Boys' teilgenommen, einer Gruppe selbsternannter 'westlicher Chauvinisten', und für Sicherheit bei einer Kundgebung unter der Leitung des alt-right-Aktivisten Kyle Chapman gesorgt. 'Wir sind keine verdammten weißen Nationalisten', sagte Rhodes und wies darauf hin, dass die 'Oath Keepers' die 'Proud Boys' ablehnten und dass ihr Vizepräsident schwarz ist. 'Das ist die neue Verleumdung: Jeder auf der rechten Seite ist ein weißer Nationalist.' Wie Trump dämonisiert Rhodes die Black Lives Matter-Aktivisten schonungslos als 'Marxisten' - als einen ausländischen Feind. Und er ergeht sich in imaginierten Bedrohungen durch undokumentierte Einwanderer und Muslime, die seinen Vorstellungen von einem globalistischen Vorstoß zur Untergrabung westlicher Werte entsprechen. Seine Mutter stammt aus einer Familie von mexikanischen Wanderarbeitern; als Kind verbrachte er die Sommer damit, mit ihnen Obst und Gemüse zu pflücken. Aber er erzählte mir, dass seine Verwandten konservative Christen seien und dass sie - das Schlüsselwort - 'assimiliert' seien."
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Magazinrundschau vom 29.09.2020 - The Atlantic

In der Corona-Epidemie mag Amerika wie ein gescheiterter Staat dastehen, doch Derek Thompson hegt die Hoffnung, dass dieses Desaster den Weg zum Fortschritt eröffnen könnte. Denn immer wieder bereiteten große Katastrophen - Brände, Fluten, Pestausbrüche - den Weg für große Erneuerungen in der modernen Stadt, erinnert er in einem kurzen historischen Abriss: "Keine Epidemie schockierte die britische Gesellschaft so wie die Cholera-Epidemie von 1832. In Kommunen von mehr 100.00 Einwohnern sank die Lebenserwartung auf 26 Jahre. Ein junger Regierungsbeamter namens Edwin Chadwick, Mitglied der neuen Armen-Gesetz-Kommission ließ die städtische Abwasseranlagen untersuchen. Als brillanter Protegé des utilitaristischen Philosophen Jeremy Bentham entwickelte Chadwick weitsichtige Ideen für die Regierung, darunter eine Verkürzung der Arbeitszeit, staatliche Renten und mehr Geld für polizeiliche Prävention anstelle der Gefängnisse. Mit einer Gruppe von Wissenschaftlern unternahm Chadwick eine der ersten Untersuchung öffentlicher Gesundheit in der Geschichte - eine Mischung aus Kartierung, Volkszählung und Wühlen in Müllcontainern. Sie untersuchten Kloaken, Müllhalden und Wasserwege. Sie interviewten Polizisten und Fabrikinspektoren und erkundeten so das Verhältnis von Stadtgestaltung und der Verbreitung von Krankheiten. Der 1842 veröffentlichte Abschlussbericht mit dem Titel 'Die sanitären Bedingungen der arbeitenden Bevölkerung Großbritanniens' führte zu einer Revolution. Verbreitete Meinung war bis dahin, dass Krankheiten vor allem eine Folge moralischen Fehlverhaltens war. Chadwick zeigte, dass Krankheit den Schwächen der städtischen Umgebung entsprang. Wie er vorrechnete, schufen Krankheiten in Britannien in jeder Dekade eine Million neue Waisen. Die Anzahl der Menschen, die jedes Jahr seit 1830 in britischen Städten starben, war höher als die jährlichen Todeszahlen der in den Kriegen des Empires gefallenen Soldaten. Der Cholera-Ausbruch zwang die britische Regierung, die Kosten des industriellen Kapitalismus in Betracht zu ziehen. Und diese Kosten änderten den Blick westlicher Städte auf ihre Rolle in der öffentlichen Gesundheit. Der Ursprung der Cholera? Das verschmutzte Wasser."

Weiteres: Leslie Jamieson erzählt, wie sie von ihrer kleinen Tochter lernte, in Donald Judd nicht mehr den großen Minimalisten zu sehen. Denn wie das Mädchen in der Retrospektive im Moma in jede bunte Kiste springen wollte, erschien ihr Judd gar nicht mehr als das ästhetische Äquivalent zu einem distanzierten Vater: "Tatsächlich fragt ich mich, ob ich die ganze Zeit seine Einfachheit falsch verstanden hatte, ob ich seine Zurückhaltung als ein Vorenthalten gedeutet hatte, wenn es vielleicht ein Anbieten war."

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - The Atlantic

Sehr viel retweetet wird Ed Yongs großer Artikel über das Versagen Amerikas in der Coronakrise - der sich allerdings über weite Strecken erwartbar liest (ja,Trump ist ein Lügner und er hat falsch agiert). Ein Aspekt ist aber interessant - die amerikanischen Gefängnisse als Brutstätten des Virus: "Die inhaftierte Bevölkerung Amerikas ist seit den 1970er Jahren um das Siebenfache auf etwa 2,3 Millionen Personen angestiegen. Die USA halten fünf bis 18 Mal mehr Menschen pro Kopf in Gefängnissen fest als andere westliche Demokratien. Viele amerikanische Gefängnisse sind überfüllt und machen Abstandhalten unmöglich. Seife ist oft Mangelware. Das Coronavirus lief Amok. Im Juni gab es in zwei amerikanischen Gefängnissen jeweils mehr Fälle als in ganz Neuseeland. Das eine, die Justizvollzugsanstalt Marion in Ohio, hatte mehr als 2.000 Fälle unter den Insassen, obwohl es nur eine Kapazität von 1.500 hat."

Timothy McLaughlin berichtet von der Pressefront in HongKong. Schon vor dem neuen nationalen Sicherheitsgesetz hatte es die Presse in Hong Kong schwer: entweder wurden Zeitungen einfach von staatskonformen Unternehmen aufgekauft und so die Vielfalt beschnitten oder Peking hat Journalisten gezielt verfolgt. "Das neue Gesetz hat die Lage noch verschlimmert. Reporter, Herausgeber und Redakteure fragen sich, welche journalistische Aktivität als nächstes kriminalisiert wird. Von offizieller Seite bekommen sie wenig Unterstützung. Einige Zeitungskolumnisten haben aus Angst im voraus ihren Job geschmissen. Die New York Times will einen Teil ihrer Redaktion nach Südkorea umziehen, eine Entscheidung, die Nachahmer finden dürfte. Times und The Wall Street Journal warten auf die Verlängerung von Visas für ihre Mitarbeiter. Die South China Morning Post (größte englischsprachige Zeitung Hong Kongs, d. Red.) befindet sich im Zentrum der Spannungen."

Ein anderer Artikel von Ross Andersen befasst sich mit Chinas totalitärem Kontrollsystem, das auf KI baut und von Xi Jinping als Exportschlager verkauft wird: "Xi möchte die analytischen Potenziale der KI nutzen, um China bei der Überwachung an die Spitze zu bringen. Er will ein allwissendes digitales System der sozialen Kontrolle, angeführt von Algorithmen, die potenzielle Abweichler in Echtzeit identifizieren können … Diese digitale Infrastruktur könnte die Machtbalance zwischen Individuum und Staat weltweit verändern … China entwickelt bereits die neue Überwachungstechnik und exportiert sie in Autokratien, bereits existente und künftige. In den kommenden Jahren wird diese Technik verfeinert und in allumfassende Überwachungssysteme eingepasst werden, die Diktatoren nach dem Plug-and-Play-Prinzip verwenden können."

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - The Atlantic

Wenn Donald Trump diese Wahlen gewinnt, ist die Qualitätspresse daran nicht unschuldig, meint James Fallows, der sich über die faule Vorstellung ärgert, es sei irgendwie "objektiv", Trumps Lügen als eine Seite der Medaille darzustellen oder in einen neuen Zusammenhang stellen, statt seine Lügen Lügen zu nennen. Hier eins der Beispiele aus dem Artikel: Vor einigen Wochen, "nachdem Jeffrey Goldberg in The Atlantic darüber berichtet hatte, dass Trump Kriegsveteranen 'Trottel' und 'Verlierer' genannt hatte, brachte die Washington Post einen Artikel darüber mit der Überschrift 'Trump sagte, die im Krieg verletzten und getöteten US-Soldaten seien 'Verlierer', berichtet ein Magazin'. Die New York Times fasste die Geschichte so zusammen, als ob Trumps Widerlegungen die Nachrichten wären: 'Trump dementiert wütend den Bericht, dass er gefallene Soldaten 'Verlierer' und 'Trottel' genannt habe.' Die Unterzeile war ebenfalls von Bedeutung: 'Der Bericht in The Atlantic könnte für den Präsidenten problematisch sein, da er für seine Wiederwahl mit der starken Unterstützung des Militärs rechnet.' Das heißt: Die Nachricht war, was die Auseinandersetzungen politisch bedeuten würden. Die Rahmung war eine Möglichkeit, den Anschein zu vermeiden, man ergreife Partei, während man tatsächlich Partei ergriff. (Die Times hat Überschrift und Unterzeile übrigens später verändert, ohne dass vermerkt zu haben.)"

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - The Atlantic

In welche Untiefen Identitätspolitik führen kann, kann man zur Zeit sehr gut am Wikipediaeintrag zu Kamala Harris nachvollziehen, schreibt Joshua Benton auf Atlantic. Seit Joe Biden sie als Wahl für die Vizepräsidentschaft vorgestellt hat, tobt ein Streit der Editoren, wie sie zu beschreiben sei, wobei auch rechte Beiträger gern hervorhoben, dass Harris nicht afroamerikanisch sei. "'Wie kann man jemanden mit südasiatischer Abstammung als 'Afroamerikaner' bezeichnen', schrieb ein anonymer Benutzer. 'Bedeutet dieser Begriff nun 'schwarz', 'dunkelhäutig' oder einfach 'nicht-weiß'? Bitte, das ist respektlos gegenüber Menschen vom indischen Subkontinent, die ihre eigene, sehr ausgeprägte Identität haben'. 'Sie identifiziert sich als Afroamerikanerin. Ende der Geschichte', antwortete ein Benutzer namens Fowler&fowler, der häufig Artikel mit Indien-Bezug auf Wikipedia bearbeitet. ... Per Definition ist sie afroamerikanischer (in der traditionellen Bedeutung des Wortes) als Barak [sic] Obama'. (Harris' Biografie im Senat beschreibt sie als 'die zweite afroamerikanische Frau und erste südasiatisch-amerikanische Senatorin in der Geschichte'. Als sie als kalifornische Generalstaatsanwältin vereidigt wurde, beschrieb sie ihr Amt als 'die erste Afroamerikanerin', die diese Position innehatte). Da der Artikelschutz von Wikipedia sie daran hinderte, die Artikel selbst zu bearbeiten, bat eine Reihe von meist anonymen Benutzern stattdessen darum, Harris als etwas anderes als Afroamerikanerin zu beschreiben:

'Einige Informationen sind falsch. Sie ist keine Schwarze. Ihre Mutter ist Inderin, ihr Vater ist Latino. Sie ist weder schwarz noch Indianerin.'

'Sie ist asiatisch-amerikanisch. Indien, aus dem ihre Mutter eingewandert ist, gehört zu Asien. Jamaika, aus dem ihr Vater eingewandert ist, gehört zu Nordamerika.'

'Harris ist die zweite afroamerikanische Frau ist falsch, sie ist Jamaikanerin/Inderin.'

'Kamala Harris ist keine Afroamerikanerin, wie es hier steht. Ihre Mutter ist Inderin und ihr Vater Jamaikaner.'

"Ändern Sie 'erste Afroamerikanerin' in 'Jamaikanerin'. Sie ist keine Afroamerikanerin, weil ihr Vater aus Jamaika und ihre Mutter Inderin ist. Dort gibt es kein Afrika."

'Sie wurde als Tochter eines Ausländers aus Indien und eines Ausländers aus Jamaika geboren. Wie macht diese Kombination aus ihr eine Afroamerikanerin?????????????????

Sie ist von jamaikanischer Abstammung, nicht Afrikanerin.'

Wikipedia-Administratoren und andere leitende Redakteure stehen zu der Verwendung des Begriffs Afroamerikanerin, weil Harris über viele Jahre von Nachrichten und offiziellen Dokumenten als solche identifiziert wurde. Die Wikipedia-Bearbeitung lebt vom Konsens, und inmitten der ganzen Debatte bestand der Konsens der Redakteure darin, dass ein Konsens erreicht worden war. (Das Wort Konsens taucht derzeit 49 Mal in der Diskussion auf)."

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - The Atlantic

Mit seriösen Nachrichten, Aufklärung und Fact-Checking lassen sich weder AfD-Anhänger noch Trrump-Anhänger erreichen, ahnt Anne Applebaum und empfiehlt alternative Strategien, um Meinungsblasen zum Platzen zu bringen: Spaß-Aktionen, Guerilla-Kampagnen oder Antiradikalisierungskonzepte. So wie Exit-Projekte Islamisten oder Rechtsextreme aus ihren Stämmen herausschlagen oder wie die Orange Alternative in Breslau einst die kommunistischen Machthaber provozierte: "Die Gruppe initiierte Happenings, die nicht direkt Demonstrationen waren, sondern eher komische Performances. 1987, hielt die Orange Alternative eine Parade zum Jahrestag der Bolschewistische Revolution, schwenkte prokommunistische Fahnen und zog damit eine lachende Menschenmenge an. Bei einer anderen Aktion verkleideten sich Dutzende von Menschen als Weihnachtsmann und verteilten Süßigkeiten. Die Behörden waren perplex. Die Paraden waren eindeutig Proteste, aber die Polizei hätte dumm ausgesehen, wenn sie Menschen verhaftet hätte, weil sie eine kommunistische Demonstration abgehalten hatten oder Weihnachtsmann spielten." Auf keinen Fall wird es nützen, an amerikanische Werte zu appellieren: "Trumps Kampagne hofft anscheinend genau darauf. Deswegen macht sich der Präsident bereits lustig über Idee und Ideale der Demokratie. In den Sozialen Meiden hat er bereits 'Trump 2024, 2028, 2032'-Memes gepostet und kokettiert in Tweets mit einer Verschiebung der Wahl. Obwohl Trumps Tweets auch seine eigenen Anhängern alarmierten - was immerhin davon zeugt, dass Regeln in Bezug auf Wahlen noch auf beiden Seiten respektiert werden -, dürften sie bei anderen ihren Zweck erfüllt haben: Sie lassen die gebräuchliche Rhetorik von Demokratie und gemeinsamem Wohl altmodisch klingen, gestrig und weltfremd."

Ed Yong erklärt, wie das menschliche Immunsystem auf Covid 19 reagiert, was sich schwierig gestaltet, denn sehen Sie, "das Immunsystem ist sehr kompliziert". Ibram X. Kendi hofft, dass die Antirassimus-Revolution in den USA diesmal wirklich durchschlägt.

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - The Atlantic

Keine High-Tech-Hackerzauberkunst stand hinter der betrügerischen Übernahme zahlreicher reichweitenstarker Twitter-Accounts, die vor kurzem für Aufsehen gesorgt hat, sondern simples "social engineering", also auf Deutsch: das umschmeichelnde und manipulative Belabern maßgeblicher Protagonisten hinter den Twitter-Kulissen, um an administrative Honigtöpfe zu kommen. Darin zeigt sich ein Schwachpunkt des zumindest aufmerksamkeitsökonomisch rigide zentralisierten Internets, das doch ursprünglich - um die Folgen eines Nuklearschlags auf die gesellschaftliche Kommunikation abzumindern - als dezentralisiertes Medium konzipiert war, kommentiert Ian Bogost: "Heutzutage stellt ein nuklearer Krieg eine geringere Bedrohung als 1963, aber die Risiken zentralisierter Kommunikationsysteme bleiben bestehen oder sind sogar gestiegen. Ganz im Gegenteil, zentralisierte Onlinedienste wie Twitter oder Facebook haben sich als Beschleuniger von Desinformation und Verschwörungstheorien entpuppt und damit Bedingungen geschaffen, die die Demokratie vielleicht für immer verändert haben. Ein globales, dezentrales Netzwerk versprach, alle miteinander zu verbinden - so wie es sich deren Befürworter erträumt hatten. Aber diese Verbindungen machten das Netzwerk selbst zu einer Gefahr, auf eine Weise, die sich Licklider und andere nicht ausgemalt haben. Was diese Art der Zentralisierung für die Cyber-Security impliziert, ist tiefgreifend verstörend. Wenn Titanen der Wirtschaft, Promis und führende Politiker allesamt Twitter und andere Dienste nutzen (und gelegentlich missbrauchen), könnte die Fähigkeit, diese Accounts zu attackieren - ob es nun der von Taylor Swift ist oder der von Donald Trump - erheblich mehr Schaden anrichten als Bitcoin-Betrügereien."

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - The Atlantic

John McWhorter, der als schwarzer Linker soziale Differenzen als ebenso wichtig ansieht wie Rassismus, liefert eine sehr scharfe Kritik von "White Fragility", einem Buch der weißen Beraterin Robin DiAngelo, das ursprünglich 2018 erschienen war, aber erst jetzt, nach dem Polizeimord an George Floyd, zum Bestseller avancierte. Ihre Vermutung, dass alle Menschen auch unbewusst rassistisch seien, ist richtig, findet er. "Das Problem ist, was nach DiAngelos Meinung daraus folgen muss". Wie eine Sektenführerin so McWhorter, versetze Di Angelo ihre Anhänger in Double binds: Wenn man sagt, man wohnt in einer "üblen Gegend", benutzt man ein Codewort für schwarz. Aber wenn man sagt, man wohnt in einer "schwarzen Wohngegend", ist man Rassist. Und so schickt DiAngelo - die Diversity-Trainerin ist - ihre Kunden auf eine lebenslange Suchmission, an der sie nur scheitern können: "Die Angelo scheint nicht in der Lage zu sein zu fragen, warum diese Seelenerkundung notwendig ist, um die Gesellschaft zu verändern. Man könnte sogar fragen, wie ein Volk den Wandel suchen soll, wenn ihm die ganze Zeit nur beigebracht wird, dass alles, was es sagt oder denkt, rassistisch und darum das Gegenteil von gut ist. Wozu dient diese Selbstgeißelung?  Ungeduldig antwortet DiAngelo auf solche Fragen, dass 'der Wunsch, die harte persönliche Arbeit zu überspringen, um Lösungen zu finden, eine Grundlage der White Fragility ist'. Mit anderen Worten: DiAngelo geht es um das Leiden."