Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

215 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 22

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - The Atlantic

Leitfäden für gerechte Sprache sind derzeit schwer in Mode. Fast jede große Institution und Universität in den USA hat einen. Sie sollen Sprache weniger diskriminierend machen, aber dabei möglichst einfach und verständlich bleiben. Diese Mission ist schon mal spektakulär gescheitert, notiert kühl George Packer. Ganz abgesehen von der Hybris, die hinter diesen Leitfäden aufscheint. Was ihn jedoch am meisten schockiert, ist die Realitätsverleugnung, die der eigentliche Zweck dieser "Sprachreform" zu sein scheint: "Die ganze Tendenz der gerechten Sprache besteht darin, die Konturen harter, oft unangenehmer Tatsachen zu verwischen. Diese Abneigung gegen die Realität macht ihren größten Reiz aus. Wenn man sich das Vokabular einmal angeeignet hat, ist es tatsächlich einfacher, von 'Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln' zu sprechen als von Armen. Ersteres rollt ohne Unterbrechung von der Zunge, hinterlässt keinen Nachgeschmack, weckt keine Emotionen. Das zweite ist unhöflich und bitter und könnte jemanden wütend oder traurig machen. Eine ungenaue Sprache ist weniger geeignet, jemanden zu verletzen. Gute Texte - lebendige Bilder, starke Aussagen - werden wehtun, weil sie zwangsläufig schmerzhafte Wahrheiten vermitteln. ... Die gerechte Sprache täuscht niemanden, der mit echten Problemen lebt. Sie soll nur die Gefühle derer schonen, die sie benutzen."

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - The Atlantic

Die USA durchleben eine Phase der politischen Gewalt, die Adrienne LaFrance nur mit dem amerikanischen Anarchismus zu Beginn des 20. Jahrhundert oder mit den Bleiernen Jahren in Italien vergleichbar findet. Die Umstände ähneln sich: extrem große Ungleichheit, rasanter demografischer Wandel, identitätspolitische Verwerfungen, Verschwörungstheorien, für die heutigen USA kämen noch die lockeren Waffengesetze, die Sozialen Medien und Komplizenschaft der Republikaner mit gewaltbereiten Gruppen dazu, meint LaFrance. Das alles sei gut analysiert, nur scheine das Land trotzdem nicht zu wissen, wie es da raus kommt: "Amerikaner unterschätzen die politische Gewalt, weil sie chaotisch ist, so wie es die Italiener zu Beginn der Bleiernen Jahren taten. Manche tun sie als sporadisch ab und kümmern sich nicht weiter drum. Andere sagen, 'Weckt mich, wenn der Bürgerkrieg ausbricht.' … Der Soziologe Norbert Elias, der Deutschland Richtung Frankreich und dann Großbritannien verließ, als das Nazi-Regime Fuß fasste, beschrieb den Zivilisationsprozess als 'eine lange Abfolge von Schüben und Gegenschüben' und warnte, dass man eine gewalttätige Gesellschaft nicht einfach dadurch in Ordnung bringt, dass man die Faktoren beseitigt, die sie überhaupt erst kaputt machten. Gewalt und die ihr zugrunde liegenden Kräfte können uns von einem bloßen demokratischen Rückschritt, den wir bereits kennen, in einen Zustand der Entzivilisierung schleudern. In Zeiten der Entzivilisierung gelingt es Menschen nicht mehr, Gemeinsamkeiten zu finden, sie verlieren das Vertrauen in Institutionen und gewählte Politiker. Das geteilte Wissen schwindet, und die Bindungen in der Gesellschaft lösen sich. Unweigerlich greifen manche zur Gewalt. Wenn die Gewalt zunimmt, wächst auch das Misstrauen in Institutionen und Führungspersönlichkeiten, und so weiter und so geht es weiter. Dieser Prozess ist nicht unvermeidlich - er kann unter Kontrolle gehalten werden - aber wenn eine Phase des Blutvergießens lange genug anhält, gibt es keine Abkürzung zurück zur Normalität. Die Zeichen der Entzivilisierung sind unverkennbar."

Magazinrundschau vom 13.12.2022 - The Atlantic

"Warum ist der April der grausamste Monat? Warum hat das Huhn die Straße überquert? Warum sehen sich Menschen Golf im Fernsehen an?" Die erste Frage kann James Parker in seinem sehr schönen Text über T.S. Eliots berühmtestes Gedicht "The Waste Land" beantworten: "Der April ist der grausamste Monat, weil wir feststecken. Wir sind stehen geblieben und verrotten. Wir leben im Reich des verkrüppelten Königs, des Fischerkönigs, wo alles krank ist und nichts zusammenpasst, wo die Vorstellungskraft in Fetzen liegt, wo dunkle Phantasien uns fesseln, wo Männer und Frauen sich entfremdet haben und wo der zyklische Juckreiz des Frühlings - der Krampf in der Erde, die zischende Knospe, selbst der sanfte, keimende Regen - uns nur daran erinnert, wie weit wir von einer Wiedergeburt entfernt sind. Wir werden nicht davon erlöst werden, zumindest nicht in nächster Zeit. Deshalb ist der April grausam. Deshalb ist der April ironisch. Deshalb bringt uns der alte, schlammige, sprießende April, der in seinen Hecken herumwuselt, zu Fall. Man stelle sich ein Gedicht vor, das den Tod von Königin Elisabeth II., die Sprengung der Kertsch-Brücke, Grindr, Ketamin, The Purge, Lana Del Rey, die nächsten drei COVID-Varianten und das Gefühl, das man bekommt, wenn man sich nicht mehr an sein Hulu-Passwort erinnern kann, in sich vereint. Stellen Sie sich vor, dass dieses Gedicht - das auf mysteriöse Weise auch die gesamte aufgezeichnete Literatur enthält - in einer Form geschrieben ist, die so zersplittert, so sprunghaft, aber so unheimlich ganzheitlich ist, dass es entweder einem neuen Zweig der Teilchenphysik oder einer neuen Religion ähnelt: auf jeden Fall einer neuen Darstellung der Beziehungen, die der Realität zugrunde liegen." Dass es so ist, daran hatte noch ein anderer Mann Anteil, der "flammenhaarige amerikanische Wahnsinnige Ezra Pound. Großartige Redakteure wissen ebenso wie großartige Plattenproduzenten, wo sie den Schnitt machen müssen. Es ist ein sekundärer schöpferischer Akt, der den primären verdoppelt: das formlose Wasser anhauchen, das Kháos, das sich ausbreitende Manuskript, mit dem Logos durchdringen. Teo Macero - New York City, 1969 - nachdem er Stunden über Stunden, Spulen über Spulen, von Miles Davis aufgenommen hat, wie er schwefelig und zauberhaft mit einer Gruppe besessener Sidemen jammt, zückt er sein Rasiermesser und macht 'Bitches Brew'. Ezra Pound - Paris, 1922 - leckt die Feder seines Bleistifts an und schneidet ganze Sequenzen, ganze Sätze aus Eliots neuem Gedicht heraus. Pound war ein Schöpfer und ein Zerstörer... Als er fertig war, war 'The Waste Land' um die Hälfte gekürzt."

Magazinrundschau vom 10.01.2023 - The Atlantic

Sowohl der Antihumanismus der schon einschlägig benannten "letzten Generation" und von "Extinction Rebellion" als auch der Transhumanismus schillernder Silicon-Valley-Propheten haben eins gemeinsam: Sie finden ihre innerste Freude in der Idee eines Endes der Menschheit. Adam Kirsch geht die wichtigsten Bücher dieser Denkschulen durch. Die Transhumanisten malen sich die Zukunft ohne uns immerhin mit uns aus: "Wenn wir in der Lage sind, einen Gehirnscanner zu bauen, der den Zustand jeder Synapse zu einem bestimmten Zeitpunkt erfassen kann - ein Informationsmuster, das die Neurowissenschaftler als Konnektom bezeichnen - ein Begriff, der mit dem Genom vergleichbar ist -, dann können wir dieses Muster in einen Computer hochladen, der das Gehirn emuliert. Das Ergebnis wird in jeder Hinsicht ein menschlicher Geist sein. Ein hochgeladener Geist wird sich nicht in derselben Umgebung aufhalten wie wir, aber das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Im Gegenteil: Da eine virtuelle Umgebung viel formbarer ist als eine physische, könnte ein hochgeladener Geist Erfahrungen und Abenteuer erleben, von denen wir nur träumen können, wie in einem Film oder einem Videospiel."

Der finnische, nicht irgendwo, sondern in Oxford lehrende Historiker Pekka Hämäläinen versucht seit einigen Büchern so etwas wie eine kopernikanische Wende in der Geschichtsschreibung über die amerikanischen Natives, die auf einmal nicht mehr nur als Opfer von Seuchen und Vernichtung erscheinen, sondern als politische Mächte ganz eigener Art. David Waldstreicher liest seine Bücher mit Faszination, aber auch Unbehagen. Nebenbei stellt sich bei Hämäläinen heraus, dass nicht nur die weißen, sondern auch die Natives ganz aktiv beteiligt waren an der Zerstörung der amerikanischen Natur, der sie so verbunden waren, mal abgesehen davon, dass sie Sklaven hielten: "Hämäläinen zeigt, wie die Komantschen eine 'Politik des Grases' entwickelten, wie er es nennt. Ein einzigartiges Grasland-Ökosystem in den Ebenen ermöglichte es ihnen, riesige Pferdeherden zu züchten. Sie verschaffte ihnen Zugang zu Bisons, die sie in eine Marktdominanz gegenüber Völkern umwandelten, die andere von ihnen gewünschte Güter wie Waffen, Konserven und Sklaven sowohl für den Handel als auch für den Dienst als Cowboys liefern konnten."

Außerdem: Timothy McLaughlin erzählt, wie die chinesische Regierung versucht die Demokratiebewegung in Hongkong zu diskreditieren, indem sie sie als Handlanger des Medienunternehmers Jimmy Lai darstellt, der in Gerichtsprozessen als Volksverräter und Agent des Westens denunziert wird.
Stichwörter: Letzte Generation, Hongkong

Magazinrundschau vom 08.11.2022 - The Atlantic

"Ja, alle Kriege sind blutig", schreibt Adam Hochschild, aber der Krieg, den Wladimir Putin in der Ukraine führt, ist es besonders. Um das zu erklären, erzählt er vom Ersten Weltkrieg und einem Onkel, der als Jagdflieger der kaiserlich-russischen Armee damals im Westen der Ukraine stationiert war. Der erzählte ihm, "dass man einen deutschen Flieger, der über russischem Gebiet abgeschossen wurde, mit allen militärischen Ehren beerdigte und seine persönlichen Gegenstände und ein Foto von seinem Begräbnis mit dem Fallschirm auf dem deutschen Flugplatz abwarf." Damals sei es um ein Gebiet gegangen. Heute gehe es Russland in der Ukraine um die Demütigung und Entmenschlichung eines ganzen Volkes. Mit dem "russischen Geschichtsbuch" des britischen Historikers Orlando Figes schildert Hochschild, inwieweit Putins Invasion in der Tradition der Zaren steht und dass der Mord an den Völkern Sibiriens vor 500 Jahren und der Bürgerkrieg zwischen den Roten und den Weißen (zu denen sein Onkel gehörte), Putins politischen Traum erklärt: die "Macht des zaristischen Russlands und der Sowjetunion wiederherstellen." Hochschild erinnert angesichts des grausamen Vorgehens der russischen Armee in der Ukraine daran, dass Putin 2005 die sterblichen Überreste von General Anton Denikin aus den USA zurückholte. Der Befehlshaber der Weißen Armeen in Südrussland und der Ukraine war im Exil gestorben. "Russland - eins und unteilbar" sei dessen Parole gewesen, hält Hochschild fest. Am neuen Grab in Moskau habe Putin erklärt, der General sei der festen Überzeugung gewesen, "dass die Ukraine ein Teil Russlands ist. Dieser Traum steht nun im Widerspruch zu einer Ukraine, die, wenn auch schwankend und unvollkommen, drei Jahrzehnte Unabhängigkeit genossen hat. In diesem Aufeinanderprallen der Visionen werfen die ungelösten Spannungen in der Geschichte Russlands noch immer einen langen Schatten" - in der Ukraine mit toten Männern und Frauen, "die mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf den Straßen von Butscha liegen".

Außerdem: Yascha Mounk skizziert nach der Präsidentschaftswahl in Brasilien - und damit kurz vor den Midterms in den USA - populistische Parallelen in den beiden Ländern. Und Judith Shulevitz würdigt Orhan Pamuks "Literatur der Paranoia".

Magazinrundschau vom 11.10.2022 - The Atlantic

Helen Lewis beschreibt an mehreren Beispielen in der amerikanischen Kunstwelt (darunter Nancy Spector vom Guggenheim), wie schnell cancel culture dort Opfer forderte, die als Sündenböcke für ein System herhalten müssen, das sich so jeder Reform entziehen kann. Das hat gewissermaßen Methode: "Einer meiner Gesprächspartner merkte an, dass eine unverhältnismäßig große Zahl der leitenden Kuratoren, die unter schwierigen Umständen ausgeschieden sind, weiße Frauen oder Homosexuelle waren - Gruppen, die in Führungspositionen aufstiegen, als sie noch als marginalisierte Identitäten galten, bevor ihr Weißsein politisch stärker ins Gewicht fiel als ihr Geschlecht oder ihre Sexualität. Luke Nikas, ein Anwalt, der Olga Viso bei ihrem Vergleich mit dem Walker Art Center vertrat, sagte mir, dass sie eine von einem halben Dutzend Klienten mit ähnlichen Geschichten sei. Frauen in Spitzenpositionen in Museen, so Nikas, werden härter angegangen als Männer, wenn sie schwierige personelle oder kuratorische Entscheidungen treffen müssen. Er hat sich bereit erklärt, mehrere Kuratorinnen pro bono zu vertreten, weil er der Meinung ist, dass Museen nicht wie risikoscheue Unternehmen geführt werden sollten: Wenn eine Bank oder ein Eiscreme-Unternehmen sich dem Druck der sozialen Medien beugt, ist das ihre Sache, aber die Kunst sollte ein Ort sein, an dem provokante Fragen gestellt und Tabus in Frage gestellt werden. Marilyn Minter, eine Pädagogin und Künstlerin, sieht hinter der Flut von Entlassungen und erzwungenen Rücktritten einen Generationswechsel. In den 1980er Jahren, als ihre pornografischen Bilder von der christlichen Rechten und von radikalen Feministinnen angegriffen wurden, standen ihre Künstlerkollegen ihr bei. Aber Nancy Spector erhielt nicht die Unterstützung ihrer Kollegen, so Minter, weil die Welt der sozialen Medien 'versucht, Unvollkommenheit auszulöschen - und Unvollkommenheit ist das, was wir sind. Wenn wir diese aufgeräumte Welt sehen, wird sich jeder ständig wie ein Versager fühlen.'"

Weitere Artikel: Die im amerikanischen Exil lebende Bushra Seddique hofft gegen besseres Wissen, dass die afghanischen Frauen sich einen Rest Freiheit bewahren können: "Es wäre schön zu glauben, dass Frauen in der Privatsphäre ihres eigenen Heims frei geblieben sind; dass sie einer unterdrückenden Regierung, die sie nicht als vollwertige Menschen ansieht, den Rücken kehren und zumindest in ihren persönlichen Beziehungen weiterhin die sein können, die sie schon immer waren. Aber das ist nicht der Fall. Indem die Regierung die Frauen aus dem öffentlichen Raum entfernt hat, hat sie auch das Patriarchat im Haus wiederhergestellt, wo Männer wieder Richter und Geschworene sind." Und der Historiker Christopher R. Browning erinnert die Amerikaner mit dem Beispiel von Hitlers Aufstieg daran, wie man auch mit einer "legalen Revolution" die Demokratie unterminieren kann.

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - The Atlantic

In einem großen Rundumschlag erzählt David Frum die Geschichte der Benin-Statuen, dabei immer um die Frage kreisend: Wem gehören die Statuen? Den Erben des Königreichs Benin, die 1914 mit Billigung der britischen Kolonialherren wieder ihren Königsthron besteigen durften? Dem Staat Nigeria, der über die Bronzen bestimmen möchte und einige bereits an den König zurückgegeben hat? Oder sollen sie in einem privaten Museum untergebracht werden, dass von einer mit nationalen und internationalen Fachleuten besetzten Stiftung verwaltet wird, wie es der Gouverneur des nigerianischen Bundesstaates Edo, Godwin Obaseki, plant. Frums Sympathien liegen eher bei Obaseki als beim Staat, der für seine Korruption berüchtigt ist, oder dem König (Oba) von Benin, den er in seinem Palast besucht: "Der Oba von Benin pflegt nicht die falsche Informalität der modernen globalen Oberschicht. Meine Audienz begann mit einer stattlichen Parade von Höflingen und Dienern. Ich musste mich hinknien, die Hände falten und in verstümmeltem Edo eine Beschwörungsformel für Ehrerbietung und Respekt singen. ... Der Oba beschuldigte das Lager des Gouverneurs, ein Komplott zu schmieden, um ihn ins Abseits zu stellen. Er verweilte bei einer besonderen Demütigung: der Vision einer Zukunft, in der Besucher nach Benin kommen würden, um die Schätze seiner königlichen Vorfahren in einem Museum zu besichtigen, das einem privaten Unternehmen gehört, das von einem Architekten entworfen wurde, den der Oba nicht ausgewählt hatte, und das sich auf staatlichem statt auf königlichem Grund befindet. Höflinge zeigten mir die Pläne für das von ihnen gewünschte Museum - ein Gebäude mit mehr oder weniger klassischen Elementen, das dem Stil der Residenz des Oba ähnelt. Der Anstand hinderte mich daran, es laut zu sagen, aber der Entwurf von David Adjaye [für das von Obaseki geplante Museum, d.Red.] gefiel mir viel besser. Doch war nicht genau das das Problem? Der Kontrast zwischen der globalen Kühle der Adjaye-Skizze und dem viel extravaganteren Entwurf, der im Thronsaal vor mir ausgerollt wurde, veranschaulichte fast zu deutlich die zentrale Frage der Benin-Rückgabe-Debatte: Für wen genau ist dieses Projekt gedacht?"

Magazinrundschau vom 27.09.2022 - The Atlantic

Was kann Amerika vom Krieg in der Ukraine lernen, fragt sich George Packer und bricht nach einigen Grübeleien auf, um sich selbst ein Bild zu machen von diesem Land, das so geschlossen gegen den Aggressor steht: "Das gemeinsame Ziel verbindet die Menschen miteinander, was den Krieg erträglicher macht. Das zeigt sich in dem Ausdruck, den ich inzwischen mit ukrainischen Gesichtern verbinde: offen, direkt, ohne zu schmeicheln, ein wenig hart, fast vergnüglich - lebendig. Die Menschen laufen schnell. Bewaffnete Männer und Frauen in Uniform sind selbstverständlicher Teil der Bevölkerung, kaum von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden. Es ist seltsam, ständig in ihrer Gegenwart zu sein, in Zügen, in Cafés, und keine Gefahr zu verspüren, außer der, die vom Himmel droht. In Amerika ist ein Soldat in Uniform unter Zivilisten eine Rarität, und ein junger Mann mit einer halbautomatischen Waffe ist kein willkommener Anblick. Ich brauchte ein paar Tage, um zu begreifen, warum sich eine ukrainische Stadt irgendwie weniger angespannt anfühlt als eine amerikanische: Es liegt daran, dass man weiß, dass kein Ukrainer auf einen schießen würde, und dass alle, die man trifft, auf der gleichen Seite stehen."

Anne Applebaum trifft in Warschau belarussische Exilanten, die sich als Freiwillige für das Kastus-Kalinouski-Regiment - belarussische Freiwillige, die für die Ukraine kämpfen -  gemeldet haben. Ihm sollen auch einige recht raue Burschen angehören, aber Applebaum ist nur dem Typus junger Akademiker begegnet: "Die Hoffnung wird durch Realismus gemildert - sie befinden sich an der vordersten Front eines der brutalsten Kriege des 21. Jahrhunderts -, aber durch Verzweiflung gestärkt, durch das Gefühl, dass andere, bessere Wege zum politischen Wandel nicht mehr offenstehen. K., ein Mann in den Zwanzigern - schlaffes blondes Haar, grünes T-Shirt, zerrissene Shorts - erzählt, er habe seine Karriere in einem Regierungsbüro in Minsk begonnen, aber schnell begriffen, was das bedeutet. 'Die ganze Arbeit, alles, was Sie tun, dient dazu, sicherzustellen, dass das Lukaschenko-Regime an der Macht bleibt', sagte er. Während der Massenproteste nach der gestohlenen Wahl 2020, die alle als 'Revolution' bezeichnen, verteilten K. und ein Freund Flugblätter mit regimekritischen Slogans. Der Freund sitzt jetzt im Gefängnis und verbüßt eine vierjährige Haftstrafe (K. nennt mir seinen Namen; ich finde ihn später auf einer Liste mit politischen Gefangenen). Nachdem Russland in die Ukraine einmarschiert war, wurde K. von Schuldgefühlen geplagt, er konnte nicht schlafen und bebte vor Zorn, denn das Scheitern der belarussischen Revolution bedeutete, dass russische Raketen von Belarus aus auf die Ukraine abgefeuert werden konnten. 'Ich erkannte, dass wir die Pflicht haben, nach Kiew zu gehen', sagt er. 'Danach kommt Minsk.'"

Magazinrundschau vom 06.09.2022 - The Atlantic

In einer auf Papier 50 Seiten langen Recherche geht Caitlin Dickerson dem Skandal um die Kinder illegaler Einwanderer nach, die amerikanische Behörden unter Trump eineinhalb Jahre lang von ihren Eltern getrennt hatten. Die Eltern wanderten ins Gefängnis, die Kinder wurden "wie ein Amazonas-Paket" bei Wohltätigkeitsorganisationen wie den Bethany Christian Services abgeliefert. In Januar 2021 waren nach Angaben der US-Regierung immer noch mindestens 5.569 Kinder von ihren Eltern getrennt. Bei einigen dauert dieser Zustand schon vier Jahre. "Viele Beamten beharren nun darauf, dass sie nicht vorhersehen konnten, was alles schief gehen würde. Doch das ist nicht wahr." Ohne jede vorbereitende Planung war das Systemversagen sozusagen einkalkuliert, so Dickerson. "Es ist leicht, die Schuld für die Familientrennungen den einwanderungsfeindlichen Beamten zuzuschieben, für die die Trump-Regierung bekannt ist. Aber diese Trennungen wurden auch von Dutzenden von Mitgliedern der mittleren und oberen Führungsebene der Regierung gebilligt und ermöglicht: Kabinettssekretäre, Kommissare, Chefs und Stellvertreter, die aus verschiedenen Gründen keine Bedenken äußerten, selbst wenn sie die Katastrophe hätten kommen sehen müssen; die darauf vertrauten, dass 'das System' das Schlimmste verhindern würde; die davon ausgingen, dass es nicht strategisch sei, sich in einer Verwaltung zu Wort zu melden, in der die Bezeichnung 'RINO' oder 'Squish' - Spitznamen für diejenigen, die als nicht ausreichend konservativ gelten - ihre Karriere beenden könnte; die davon ausgingen, dass jemand anderes, in einer anderen Abteilung, das Problem im Griff haben muss; die so viele Abstraktionsschichten von der Realität schreiender Kinder, die ihren Eltern aus den Armen gerissen werden, entfernt waren, dass sie sich vor den menschlichen Konsequenzen ihres Handelns verstecken konnten.... Was in den Monaten vor der Einführung von Zero Tolerance - der Initiative der Trump-Regierung, die Tausende von Familien trennte - geschah, sollte von künftigen Generationen von Organisationspsychologen und Moralphilosophen untersucht werden. Es wirft Fragen auf, die weit über diese eine Maßnahme hinausgehen: Was passiert, wenn persönlicher Ehrgeiz und moralische Bedenken in der grauen Anonymität der Bürokratie aufeinanderprallen? Wenn Rationalisierungen zu Verleugnung oder offener Täuschung werden? Wenn das eigene Verständnis der Grenze zwischen richtig und falsch durch das laute Beharren des Chefs außer Kraft gesetzt wird?"

Magazinrundschau vom 23.08.2022 - The Atlantic

Die junge Journalistin Bushra Seddique gehörte zu den wenigen, die vor einem Jahr Afghanistan verlassen konnten, als Regierung, Armee und westliche Truppen das Land Hals über Kopf den Taliban in die Hände fallen ließen. Von den dramatische Geschehnissen erzählt sie mit großer Eloquenz. So geht's los: "Die Nachricht kam kurz vor 17 Uhr. Es war der 26. August 2021. Elf Tage zuvor hatten die Taliban die afghanische Regierung gestürzt. Meine Freundin - eine deutsche Autorin - hatte versucht, meiner Familie dabei zu helfen, das Land zu verlassen. Jetzt sagte sie, sie habe mich und meine jüngeren Schwestern auf die Liste für einen Flug nach Frankfurt bekommen, eine Evakuierung in letzter Minute, ausgehandelt von der deutschen Regierung und einer NGO. 'Was ist mit meiner Mutter?', fragte ich. Einen Momemt lang antwortete sie nicht. 'Ich konnte sie nicht in den Flug bekommen, schrieb sie. Bitte, bedrängte ich sie: 'Meine Brüder sind schon weg und mein Vater lebt mit seiner zweiten Frau. Sie hat nur noch uns, niemanden sonst, um Himmels willen tu etwas.' Aber sie konnte nichts tun. 'Das sind die Namen, die sie mir angeboten haben, schrieb sie. 'Ich weiß, es ist eine schreckliche Entscheidung.' Wir hätten zwanzig Minuten, um zu entscheiden, ob wir gehen oder bleiben wollen."
Stichwörter: Aghanistan