Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

157 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 16

Magazinrundschau vom 24.03.2020 - The Atlantic

In der aktuellen Ausgabe des Magazins berichtet George Packer über Trumps Fortschritte bei seinen Plänen, den öffentlichen Dienst zu zerstören: "Als Trump an die Macht kam, glaubte er, der Staat und seine 2 Millionen Beamten wären sein persönliches Eigentum und sie schuldeten ihm ihre volle Unterstützung. Zugleich war er voller Misstrauen, einige von ihnen planten seinen Umsturz. Das würde er verhindern, koste es, was es wolle. Doch leicht war es nicht, er setzte unzuverlässige und unfähige Bürokraten ein, aber das System lief von allein weiter. Er griff zu einem bewährten Trick: Menschen sind schwach, sie haben Träume, Bedürfnisse, Eitelkeiten, Ängste. Sie können eingeschüchtert, korrumpiert und zerquetscht werden. Eine Regierung besteht aus Menschen. Das war der Fehler im System, und Trump lernte, wie er es sich zu nutze machen konnte. Der Trümmerhaufen wuchs. Nur ein paar Jahre, und die Verwaltung war Wachs in seinen Händen. ein Instrument seiner Macht. Noch einige Jahre mehr, und der Schaden für die US-Demokratie ist irreparabel … Die Beamten geben ihre Pensionen und den Treueeid auf. Laut Washington Post haben schon mehr als 1000 Wissenschaftler das Umwelt-, das Landwirtschaftsministerium und weitere Ministerien verlassen. Fast 80 Prozent aller Angestellten am National Institute of Food and Agriculture sind gegangen. Dem Arbeitsministerium fehlen die Sicherheitsinspektoren, während Arbeitsunfälle zu- und Rückrufaktionen unsicherer Produkte dramatisch abnehmen. Wenn das Durchbringen von Gesetzen und das Ändern von Regulationen sich beschwerlich gestaltet, wird Expertise einfach abgeschafft. Die Überlebenden halten still, bis zu dem Tag, da sie vor die Entscheidung gestellt werden: Trumps schmutzige Arbeit zu machen oder zerstört zu werden."

Weiteres: Rachel Monroe untersucht den Mord an einem Rancher aus Colorado. Jordan Kisner fragt sich, warum Reiki eigentlich funktioniert. Judith Shulevitz liest den letzten Band von Hilary Mantels Tudor-Trilogie. Und Terrence Rafferty sah im Kino Hirokazu Kore-edas Film "Die Wahrheit".
Stichwörter: Trump, Donald, USA

Magazinrundschau vom 18.02.2020 - The Atlantic

Der Lektürestoff der Stunde - für alle, die sich in den sozialen Medien politisch informieren. Und für Friedrich Merz, der wissen sollte, worauf er sich mit einem Wahlkampf in den sozialen Medien einlässt. McKay Coppins hat sich im Netz als Trump-Fan ausgegeben und dessen Netzkampagnen während des Impeachmentverfahrens recherchiert. Sie sind schon Teil des Wahlkampfs für die Präsidentschaftswahlen im November 2020. Eine Milliarde Dollar will Trump dafür ausgeben, was auch dazu führt, dass bei Coppins bald ein Strom von undurchsichtigen Anti-Demokraten-Schlagzeilen in seine Social-Media-Accounts läuft. "Ich war überrascht von der Wirkung, die das auf mich hatte. Ich hatte angenommen, dass meine Skepsis und meine Medienkompetenz mich gegen solche Verzerrungen impfen würden. Aber ich fand mich bald dabei, jede Schlagzeile reflexartig in Frage zu stellen. Es war nicht so, dass ich glaubte, Trump und seine Förderer würden die Wahrheit sagen. Es war vielmehr so, dass es in diesem Zustand des erhöhten Misstrauens immer schwieriger wurde, überhaupt noch eine Wahrheit über die Ukraine, das Impeachmentverfahren oder etwas anderes zu orten. Mit jedem Wischer geriet die Vorstellung von einer beobachtbaren Realität weiter außer Reichweite. ... Heute muss man Dissidenten nicht mehr zum Schweigen zu bringen, man übertönt sie einfach mit einem Megafon. Wissenschaftler nennen das: Zensur durch Lärm. Nach den Wahlen 2016 wurde viel über die Bedrohungen der amerikanischen Demokratie durch ausländische Desinformationen gesprochen. Geschichten von russischen Trollfarmen und mazedonischen Falschnachrichtenmühlen tauchten in der nationalen Vorstellung auf. Doch während diese schattenhaften Kräfte von außen Politiker und Journalisten beschäftigten, begannen Trump und seine inländischen Verbündeten damit, die gleiche Taktik der Informationskriegsführung anzuwenden, die die Demagogen und Mächtigen der Welt an der Macht gehalten hat."

Außerdem: David A. Graham besucht den Statistiker Nate Silver, der davor warnt, dass die Presse schon wieder beginnt, die Umfrageergebnisse anzuzweifeln und umzuinterpretieren. David Brooks erklärt das Modell der Kleinfamilie für gescheitert. Melissa Chan und Heriberto Araújo berichten vom Einfluss Chinas auf die Rodungen des Amazonaswaldes in Brasilien: Dort wird immer mehr Soja angebaut, um die chinesische Nachfrage (Soja dient in China als Schweinefutter) zu befriedigen. Spencer Kornhaber informiert über die neuen Regeln des Popmusik-Snobismus. Ruth Franklin liest Emily St. John Mandels neuen Roman "The Glass Hotel".

Magazinrundschau vom 25.02.2020 - The Atlantic

Sehr faszinierend liest sich Zeynep Tufekcis Essay über die Paradoxie totaler Transparenz, in dem sie die chinesische Reaktion auf das Coronavirus analysiert. Gut einen Monat lang konnte sich das Virus ausbreiten, weil die Verantwortlichen Business as usual betrieben und offenbar zögerten, die Zentralregierung zu informieren. Da aber inzwischen die sozialen Medien komplett gleichgeschaltet sind, kam auch aus der Bevölkerung keine Regung. Und Apps wie "Studiere Xi, starke Nation", in denen die Chinesen ihre Loyalität zum System durch Beantwortung von Multiple Choice Tests beweisen müssen und die Handys der Bürger zugleich überwachen, tragen ebenfalls dazu bei, dass keine Kunde an die Zentrale gelangt. Denn Entscheidendes wird von verängstigten Bürgern nicht mehr über Handys kommuniziert. Da hilft die beste Gesichtserkennung nichts! "Es ist schwer vorstellbar, dass ein Führer mit der Erfahrung von Xi so nachlässig wäre, der Ausbreitung der Seuche fast zwei Monate lang zuzusehen, nur um dann kehrt zu machen und das ganze Land praktisch über Nacht abzuschotten. In vieler Hinsicht scheint seine Handlungsfähigkeit durch sein eigenes System ausgeschaltet worden zu sein. Unter den Bedingungen der massiven Überwachung und Zensur, die unter Xi gewachsen sind, hatte die Zentralregierung außer offiziellen Berichten wahrscheinlich wenig bis gar keine Signale wie zum Beispiel Online-Unterhaltungen, um die Krankheit zu erkennen. Im Gegensatz dazu gehörten Online-Unterhaltungen bei der Sars-Epidemie 2003 zu den frühesten Zeichen..." Und diese Zeichen kamen auch der WHO zu Ohren, die dann Druck auf China machte, so Tufekci.
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Magazinrundschau vom 21.01.2020 - The Atlantic

Eromo Egbejule beschreibt am Beispiel von Nigeria, wie genau sich das viel gepriesene Einwanderungsland Kanada seine Zuwanderer aussucht: "2015 führte Kanada ein neues System zur Aufnahme qualifizierter Einwanderer ein, das auf einer punktebasierten Berechnung beruht, bei der die Bewerber auf der Grundlage ihres Alters, ihrer Berufserfahrung, ihres Bildungsniveaus und ihrer Sprachkenntnisse bewertet werden. Es zielt darauf ab, die am besten qualifizierten Personen zu bevorzugen und ihnen die Einreise ins Land zu erleichtern, während die Bewerber gleichzeitig ermutigt werden, sich in weniger bevölkerten Teilen Kanadas niederzulassen. Australien und Neuseeland wenden ähnliche Systeme an, und der britische Premierminister Boris Johnson, der gerade erst im Dezember einen Wahlsieg errungen hat, will ebenso ein System einführen. Das kanadische System ist jedoch am weitesten fortgeschritten. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung verfügt das Land über 'das am weitesten entwickelte und am längsten bestehende System für die Migration qualifizierter Arbeitskräfte' unter seinen Mitgliedstaaten. Sechzig Prozent der im Ausland geborenen Bevölkerung ist 'hoch qualifiziert' - der höchste Anteil in der Organisation. Nun weitet Kanada seine Bemühungen aus: Der Einwanderungsminister Ahmed Hussen - der selbst 1993 als Flüchtling aus Somalia nach Kanada kam - kündigte 2018 an, dass das Land von 2019 bis 2021 mehr als eine Million Menschen anziehen wolle, was fast 3 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht." Wie sich dieser Braindrain auf die Herkunftsländer auswirkt und welchen Druck das auf andere Einwanderungsländer ausübt, kann man sich leicht vorstellen.

Magazinrundschau vom 14.01.2020 - The Atlantic

Helen Lewis macht sich Gedanken über die Echokammern der sozialen Medien, die eine sektenartige Zirkelbildung begünstigen, deren Mitglieder sich für eine Mehrheit halten, die sie nicht sind. Die Corbynistas zum Beispiel, die überzeugt waren, den Mainstream zu stellen, bevor Labour spektakulär bei den Parlamentswahlen verlor: "Im Dezember schrieb die Labour-Politikerin Rebecca Long-Bailey einen Artikel, der als ihr Pitch für die Führung der Partei nach Corbyn angesehen wurde. Er wurde im Guardian veröffentlicht, einer Zeitung, die Corbyns Labour Partei unterstützte. Long-Bailey selbst wurde von Corbyns rechter Hand, John McDonnell, zur Nachfolgerin gesalbt. Das Stück war größtenteils fade, aber eine Formulierung fiel auf: 'Progressiver Patriotismus'. Die Twitter-Kommentare zu dieser Phrase zeigen den Tenor der Antworten von der linken Seite. 'Wir sind jetzt eine Wählerschaft, die nur mit Rassismus gekauft werden kann', hieß es in einem Tweet mit 1.400 Likes. 'Oder mit progressivem Patriotismus, um dem Ganzen einen neuen, schicken Namen zu geben.' (In dem Artikel, der ihre Kampagne offiziell startete, wiederholte Long-Bailey die Formulierung nicht). Doch die Gleichsetzung von 'Patriotismus' mit 'Rassismus' ist eine Randposition. Etwa 67 Prozent der Briten bezeichnen sich selbst als 'sehr' oder 'leicht" patriotisch'. Zwei Dritteln des Landes zu sagen, dass sie heimlich rassistisch seien, ist eine couragierte Wahlstrategie. ... Die echte Wut der Linken auf Menschen, die dem politischen Zentrum näher sind, spiegelt ein turbogeladenes Stammesdenken wider. Freud nannte dies 'den Narzissmus der kleinen Unterschiede'; der Rechtsgelehrte Cass Sunstein nennt es 'Gruppenpolarisierung'. In seinem 2019 erschienenen Buch 'Conformity' stellte Sunstein fest, dass 'selbstbewusste Menschen sowohl einflussreicher ... als auch anfälliger für Polarisierung sind'. Eine Konsequenz der Gruppenpolarisierung sei, dass diejenigen, die eine Minderheitenposition innehatten oder über nützliche Informationen verfügten, die dem vorherrschenden Trend zuwiderliefen, schwiegen oder ignoriert wurden. Ihre Gruppen trafen daher schlechtere Entscheidungen." (Interessant auch dieser Artikel auf ars technica, der eine Studie zum Thema vorstellt.)

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - The Atlantic

In der Titelgeschichte macht sich Peggy Orenstein Sorgen um die Seele des männlichen US-Teenagers und fordert neue und bessere Rollenmodelle für die armen Kerle. Denn während der Feminismus Mädchen Alternativen zu einem traditionellen Frauenbild anbietet, gibt es für Jungs eigentlich kein Äquivalent. Und der Druck, einem konventionellen Männlichkeitsbild zu entsprechen, ist nach wie vor riesig: "Zwei Jahre lang habe ich mit jungen Männern zwischen 16 und 21 über Männlichkeit, Sex und Liebe gesprochen, über die sicht- und unsichtbaren Kräfte, die sie zu Männern machen. Sie kamen aus allen möglichen ethnischen Gruppen, gingen aber alle auf die Universität, einfach, weil es diese jungen Männer sein werden, die künftig die kulturellen Normen setzen. Fast jeder von ihnen hatte egalitäre Ansichten über Mädchen und hielt sie für smart, kompetent und verdienterweise an ihrem Platz auf der Uni. Sie alle hatten weibliche, die meisten auch homosexuelle Freunde. Ganz anders als vor 50, 40, vielleicht sogar 20 Jahren. Sie kannten die Männlichkeitsexzesse wie Schießereien, häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung. Vergewaltigungen auf dem Campus, Twitter-Ausraster … Gefragt nach den Attributen des 'idealen Mannes' fallen dieselben Jungs jedoch zurück ins Jahr 1955. Dominanz, Aggression, gutes Aussehen (Größe vor allem), sexuelle Potenz, Gleichmut, Sportlichkeit, Wohlstand.  ... Ein Drittel von ihnen fühlte den Zwang, Gefühle zu unterdrücken, 'ein Mann zu sein', wenn sie traurig oder ängstlich waren, und mehr als 40 Prozent waren der Meinung, die Gesellschaft erwarte von ihnen kämpferisches Auftreten, wann immer sie zornig seien. ... Wenn ich fragte, was sie am Jungssein mochten, fiel ihnen nichts ein. 'Uff', meinte einer, 'interessante Frage. Habe ich nie drüber nachgedacht. Normalerweise hört man nur, was falsch daran ist.'"

Weitere Artikel: Wil S. Hylton fürchtet die Folgen der rücksichtslosen Ausbeutung und Verschmutzung der Meere - vor allem was den geplanten Abbau von Bodenschätzen in der Tiefsee angeht. Und Adam Hochschild erklärt am Beispiel des Königlichen Museums für Zentralafrika bei Brüssel die Probleme, die entstehen, wenn man ein Museum dekolonisieren will.

Magazinrundschau vom 10.12.2019 - The Atlantic

Die Nordiren fühlen sich von den Tories verkauft: Statt eines No-deal-Brexits, der wieder eine Grenze zwischen Irland und Nordirland gesetzt hätte, wirbt Johnson jetzt für einen weniger harten Brexit-deal mit der EU, der aber eine Zollgrenze zwischen Nordirland und der britischen Hauptinsel nach sich ziehen würde - also gewissermaßen eine Entfernung vom Mutterland. Für die Loyalisten blanker Verrat, lernt Tom McTague im Laufe seiner Reportage. "Es gibt noch eine grundlegendere Frage: Wenn die Realität des Brexit (im Gegensatz zu seinem Versprechen) die Union bedroht, wie die DUP (die Democratic Unionist Party, die eigentlich pro Tories ist) sagt, warum sollte man ihn dann unterstützen? Ein Alptraum für die DUP: Den Brexit abzulehnen, wäre im Endeffekt eine Unterstützung für Labour, die wichtigste britische Partei gegen Johnsons Deal, und, noch problematischer, für Jeremy Corbyn - einen der profiliertesten britischen Unterstützer von Sinn Fein, dem politischen Flügel der IRA während der gesamten Unruhen."

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - The Atlantic

Amerika - wie ja eigentlich auch der Rest der Welt - ist zutiefst gespalten. The Atlantic spricht in seiner neuen Ausgabe von einem Bürgerkrieg. Ganz soweit ist es noch nicht, aber Yoni Appelbaum macht sich ernsthafte Sorgen. Einen der Hauptgründe für die Unversöhnlichkeit der politischen Lager sieht er im demografischen Wandel: Die Weißen werden in absehbarer Zeit nur noch eine Minderheit darstellen. Das ist vielen Weißen egal, aber vielen eben auch nicht: "Der Politikwissenschaftler Adam Przeworski hat erklärt, dass demokratische Institutionen, wollen sie überleben, 'allen relevanten politischen Kräften eine Chance geben müssen, von Zeit zu Zeit im Wettbewerb der Interessen und Werte zu gewinnen'. Aber, so fügt er hinzu, sie müssen noch etwas tun, das ebenso wichtig ist: 'Sie müssen selbst das Verlieren in einer Demokratie attraktiver machen als eine Zukunft mit undemokratischen Ergebnissen.' Dass Konservative - obwohl sie derzeit das Weiße Haus, den Senat und viele Regierungen der Bundesstaaten innehaben - den Glauben an ihre Fähigkeit verlieren, in Zukunft Wahlen gewinnen zu können, ist sehr schlecht für das reibungslose Funktionieren der amerikanischen Demokratie. Noch beunruhigender ist es, dass sie glauben, dass die Wahlverluste zu ihrer Zerstörung führen würden."

Ach was, die Zeiten waren schon mal viel gefährlicher, wischt Adam Sewer diese Befürchtungen vom Tisch. Er sieht eine ganz andere Gefahr: Dass die Angst vor Gewalt zu schwächlichen Kompromissen führt, unter denen dann Schwarze und Latinos zu leiden haben. Als Beispiel nennt er die Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Damals setzten die Demokraten (die damals auf der Seite der Sklavenhalter standen) alles daran, Schwarze weiter unter der Fuchtel zu halten. Die Republikaner hielten anfangs dagegen, gaben dann aber - um des lieben Friedens willen - in wesentlichen Punkten auf. "Die Kapitulation der Republikaner stellte die Zivilität zwischen den großen verfeindeten Parteien wieder her, aber der politische Burgfrieden verbarg einen entsetzlichen Anstieg der Gewalt gegen befreite Sklaven. 'Während sich die Parteien eindeutig aus der Konfrontation miteinander zurückziehen, gab es eine Entfesselung massiver suprematistischer weißer Gewalt im Süden gegen Afroamerikaner und eine systematische Kampagne ihrer Entrechtung im Süden', erklärte mir die Historikerin Manisha Sinha. 'Das ist eine Zeit, in der die weiße Vorherrschaft praktisch zu einer nationalen Ideologie wird.'"

Einen ganz anderen Punkt macht die aus ärmlichen ländlichen Verhältnissen stammende Historikerin Tara Westover im Interview: Die Spaltung der Menschen verläuft vor allem zwischen Stadt und Land. In den Städten hat die Digitalisierung neue Jobs und Reichtum geschaffen, auf dem Land wurden die alten Industrien demoliert, aber es entstand nichts Neues. "Das sieht man sogar auf der Ebene der Bundesstaaten. Nehmen wir die zwazig ärmsten Staaten, nach mittlerem Haushaltseinkommen, und Sie werden sehen, dass 18 von ihnen sich für Trump entschieden haben. Wenn Sie die 10 reichsten Staaten nehmen, gingen neun an Hillary Clinton. Unsere wirtschaftliche Spaltung verläuft nun fast perfekt entlang unserer politischen Spaltung." Es sei also "schwierig, die Idee zu verteidigen, dass die Demokraten im Allgemeinen die Stimme der wirtschaftlich Entrechteten sind. Vor kurzem haben das Brookings Institut und das Wall Street Journal festgestellt, dass in den Vereinigten Staaten die von Demokraten vertretenen Distrikte für zwei Drittel unseres nationalen BIP verantwortlich sind. Denken Sie einfach mal darüber nach. Es ist unbequem, aber es könnte an der Zeit sein zuzugeben, dass wir als Land einen Kampf zwischen den Besitzenden und den Habenichtsen führen und das viele von uns auf der linken Seite zu den Besitzenden gehören."
Stichwörter: USA, Amerika, Digitalisierung

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - The Atlantic

Auch Atlantic widmet den Titel seiner November-Ausgabe Amazon. Franklin Foer erklärt, was Jeff Bezos, seines Zeichens reichster Mensch der Erde, so alles vorhat und was das für uns bedeutet: "Wenn jede Transaktion über Amazon abgewickelt wird, kann das Unternehmen eine 'Steuer' kassieren. Wenn Amazon Abos für Prämium-Kabelkanäle wie Showtime und Starz verkauft, liegt sein Anteil zwischen 15 und 50 Prozent. Während eine Ware bei Amazon auf Kunden wartet, zahlt der Verkäufer eine Gebühr. Amazon verdient, indem Verkäufer sich in das Ranking einkaufen. Wenn ein Unternehmen sich mit Amazon einlassen will, muss es bezahlen. Der Mann, der sich wie  Jean-Luc Picard aus Star Trek stylt, hat ein Geschäft aufgebaut, das eher zu Picards Erzfeinden, den Borg, passt, einer die Gesellschaft fressenden Größe, die ihren Opfern mitteilt, sie würden angepasst und einverleibt und Widerstand wäre zwecklos. Am Ende hängt, was Amazon einerseits anziehend und andererseits abstoßend macht, zusammen: Amazon hat jedes Ding der Welt im Angebot, das macht es zum größten Einkaufserlebnis ever. Jeder Gegenstand, das bedeutet, die Marktkraft ist auf beunruhigende Weise auf ein Unternehmen konzentriert. Amazons Smart speakers haben die magische Kraft, das gesprochene Wort in die elektronische Tat zu übersetzen, Amazons Türklingelkameras können der Polizei Videos übermitteln und erweitern so den Überwachungsstaat. Mit seiner einzigartigen Management-Struktur, seiner klaren Artikulation und Vermittlung von Werten und seiner umfassenden Datensammlung erobert Amazon spielend neue Geschäftszweige. Bezos ist der unumstrittene Sieger des Kapitalismus. Die Frage für unsere Demokratie ist, sind wir damit glücklich?"

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - The Atlantic

In der neuen Ausgabe des Magazins befasst sich Obamas früherer Redenschreiber und Berater Ben Rhodes mit dem Schicksal der birmanischen Politikerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die seit 2016 Regierungschefin von Myanmar ist und wegen ihrer indifferenten Haltung zum Völkermord an den Rohingya in der Kritik steht: "Sieben Jahre nach unserer ersten Begegnung frage ich mich, was Aung San Suu Kyi anstrebt. Zweifellos will sie Präsidentin werden, aber warum? Eine Antwort lautet: Als Aung Sans Tochter will sie die Macht über ein buddhistisches Myanmar, um ihr persönliches Schicksal zu vollenden. Die Demokratie wäre in diesem Fall für sie nur Mittel zum Zweck, und sich für die Rohingya einzusetzen, hieße dieses Ziel gefährden. Eine andere Antwort wäre: Sie möchte das Land wirklich in eine Demokratie verwandeln, Kontrolle über das Militär gewinnen, Frieden unter den ethnischen Gruppierungen stiften und ein Land schaffen, in dem es für die Menschen bergauf geht und wo ethnische Säuberungen der Vergangenheit angehören. Das aber bräuchte Geduld und unangenehme Kompromisse. Beide Antworten scheinen mir zutreffend. Über die Jahre habe ich Suu Kyi als Idealistin und Machtperson gleichermaßen kennengelernt, eine Frau, die von nationaler Versöhnung sprach, von Gewaltlosigleit und Dialog, die darauf bestand, keine Ikone zu sein, sondern eine Politikerin, die eine Partei führt, und zwar in einer erwachenden Demokratie, die mich um eine DVD des Films 'Glory' bat, eine Geschichte tragischen Heroismus' beim Kampf um Freiheit und Gleichheit. Ich erinnere mich ebenso an eine Frau, die dazu neigt, jede Konversation auf ihre eigenen Anliegen zu bringen, die alte Weggefährten aus der Zeit ihrer Inhaftierung fallen ließ, deren Rhetorik über Menschenrechte und Gesetze oft fadenscheinig war, die Frau, die sich so sehr interessierte für das Drama 'The Crown" über das britische Königshaus. David Mathieson von Human Rights Watch, der sie jahrelang unterstützte, sagte mir, dass Suu Kyis Fall eine Lektion enthalte: Unsere Hoffnung, das Gewicht eines ganzen Landes auf ein einzelnes Individuum zu setzen, ist zu viel, gleich wie faszinierend seine Geschichte auch sein mag."

In der Titelstory erzählt Vann R. Newkirk die Geschichte der schwarzen Farmer in Mississippi, die in den letzten Jahrzehnten durch legale und manchmal nicht so legale Tricks ihr Land verloren haben: "Die Besitzer kleinerer Bauernhöfe, schwarze wie weiße, werden überall von größeren Wirtschaftskräften bedoht. Aber was mit den schwarzen Grundbesitzern im Süden und insbesondere im Delta geschah, ist anders und wurde nicht nur durch den wirtschaftlichen Wandel, sondern auch durch weißen Rassismus und lokale weiße Machtinhaber angetrieben. Ein Krieg, der mittels Besitzurkunden geführt wird, hat 98 Prozent der schwarzen Bauern in Amerika enteignet. Sie haben im letzten Jahrhundert 12 Millionen Hektar verloren. Aber selbst diese Aussage verfälscht die Geschichte. Tatsächlich fielen die meisten Verluste in die Zeit ab den 1950er Jahren. Mit Ausnahme einer Handvoll Farmern gehört die Schwarzen in dieser ertragreichsten Ecke des tiefen Südens fast nichts von der Erde unter ihren Füßen."