Magazinrundschau - Archiv

Clarin

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Magazinrundschau vom 24.03.2020 - Clarin

Corona vo(r)m Balkon: Die argentinische Schriftstellerin Claudia Piñeiro freut sich über das Privileg, in diesen Tagen über einen eigenen Balkon zu verfügen: "'Siebzig Balkons hat dieses Haus, siebzig Balkons und nicht eine Blume.' Als Kind schien mir die Klage dieses Gedichts, das meine Mutter mir beibrachte, absurd. Die niedrigen Häuser in unserem Viertel hatten alle eine Art Garten, Blumen hatte ich also genug - aber keinen Balkon! Nirgendwo gab es hier Balkons, also kletterte ich aufs Hausdach - ich sah die Welt so gern von oben. Heute habe ich einen Balkon, und ich bin mir bewusst, welches Privileg das in diesen Tagen bedeutet. Wenn das hier irgendwann vorbei ist, würde ich gern meine Freunde auf meinen Balkon einladen, freudig mit Blick auf den gegenüberliegenden Park anstoßen, und dann Arm in Arm dort stehen bleiben, im Wissen, dass wir jederzeit nach unten gehen können, auf die Straße - wann immer wir wollen. Auch wenn die Welt dann anders sein wird, auch wenn die frühere Welt dann nicht mehr existieren wird - die neue Welt, deren neue Regeln wir noch nicht kennen."
Stichwörter: Pineiro, Claudia, Corona

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - Clarin

Norah Borges: Old Villa, 1966, tempera on paper, Museo de Arte Tigre

"Wie alle intelligenten und schönen Frauen war sie stets der Ansicht, Männer seien ziemlich einfache Wesen." So Jorge Luis Borges über seine Schwester, die Malerin und Illustratorin Norah Borges (1901 - 1998), der das argentinische Nationalmuseum zum ersten Mal eine große Werkausstellung widmet. Der Schriftsteller Matías Serra Bradford stellt sie vor: "Wunder, Landkarten, Gespenster, Häuser, in denen es spukte, das faszinierte sie. Jeden Abend betete sie, bevor sie ins Bett ging und auf Französisch träumte. Über Krankheiten zu sprechen verbot sie sich, 'um ihnen keine Wirklichkeit zuzugestehen'. Mit dem spanischen Surrealisten und Dadaisten Guillermo de Torre verheiratet, kannte sie viele berühmte spanische Schriftsteller wie Juan Ramón Jiménez, Rafael Alberti und León Felipe und illustrierte ihre Bücher, wie sie auch erklärte, solange der Franquismus Pablo Picasso nicht als großen Künstler anerkenne, sei die gesamte spanische Kunst nichts wert. Jorge Luis Borges nannte sie Noringa, und sie ihn Giorgino. Was der Dichterbruder jedoch am meisten an seiner Schwester bewunderte, war ihr Ausspruch: 'Die Kinder leben in einer Zeit vor dem Christentum.'"

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - Clarin

Der südafrikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger J.M. Coetzee wird, seiner eigenen Ankündigung nach, "den Rest meines Werks" nicht auf Spanisch schreiben, aber - in Argentinien - ins Spanische übersetzen lassen, und diese Version gilt dann als das Original, von dem alle möglichen Übersetzungen - auch (zurück) ins Englische - auszugehen haben werden. So ist er bereits mit dem Erzählungsband "Siete cuentos morales" (2018) verfahren, und er wiederholt dies mit dem am 1. Juni im spanischen 'Original' erschienenen dritten Teil seiner Jesus-Trilogie, betitelt "La muerte de Jesús": "Ich habe nichts gegen die Idee einer Lingua franca, aber Tatsache ist, dass jede Sprache eine bestimmte Sicht der Welt in sich birgt, eine Sicht der Welt, die ihre Sprecher als Selbstverständlichkeit betrachten - die Welt ist so, wie 'die Welt' ihnen durch das Prisma ihrer Muttersprache erscheint. Aus philosophischen und politischen Gründen gleichermaßen bin ich für einen Pluralismus der Sprachen und Meinungen über die Welt, um die wir streiten. Die philosophische und politische Sicht der Welt, die die englische Sprache vorschlägt, wird mir immer fremder. Zugleich habe ich den Eindruck, dass ich in der englischsprachigen Welt als ausländischer Schriftsteller betrachtet werde, mit einem Nachnamen, der ausländisch klingt - als Vertreter dessen, was man dort als 'Weltliteratur' bezeichnet."
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Stichwörter: Coetzee, J.m., Argentinien

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - Clarin

Schriftstellerin interviewt Schriftstellerin: María Sonia Cristoff befragt Annie Ernaux in Paris nach ihrer Methode und wie es bei ihr um das Verhältnis von Leben und Schreiben bestellt ist: "Alles, was mir passiert ist oder passiert, betrachte ich, als würde es jemand anderem passieren. Das hört sich vielleicht ein wenig schizophren an, ist aber buchstäblich so. Einerseits erlaubt mir das, zu erzählen, statt bloß Zeugnis abzulegen, andererseits kann ich so eine individuelle Geschichte, die angeblich die meinige ist, hinter mir lassen und mich auf das Gebiet des Kollektiven begeben. Die eigene Erfahrung zu erzählen hat dann Sinn, wenn diese irgendwann nicht mehr die eigene ist und Teil einer kollektiven Erfahrung wird, ja, wenn sie womöglich sogar eine Veränderung in dieser kollektiven Erfahrung bewirken kann. Der Schlüssel liegt dennoch in der Form, nicht in den erzählten Tatsachen, aber Form nicht im ästhetischen Sinn, sondern als Suche, als Konstruktion eines Blicks, der es mir erlaubt, besser zu sehen, Form als Verpflichtung gegenüber der Wahrheit. Mit der Pariser Literatur- und Kunstszene habe ich in jedem Fall zeitlebens so gut wie nichts zu tun gehabt. Das liegt ein wenig am Klassenunterschied - diese Szene ist extrem bürgerlich und lässt dich das spüren -, aber auch an der geografischen Distanz, daran, dass ich immer außerhalb gewohnt habe. Wenn ich nach Paris komme, fühle ich mich auch heute noch, nach all den Jahren, wie eine Ausländerin. Ich komme mit der U-Bahn, von unten, wie alle, die nicht aus dem Zentrum sind. Wie Maulwürfe entsteigen wir dem Untergrund."

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - Clarin

Der französische Philosoph und Fotografietheoretiker François Soulages denkt im Interview mit Victoria Verlichak über die Beziehung von Fotografie und Schrift in einer mit Bildern gesättigten Welt nach: "Einem Bild gegenüber kann man innerlich nicht stumm bleiben. Auf dieser Unmöglichkeit, angesichts eines Bildes zu schweigen, beruht die Beziehung zwischen der Fotografie und, zunächst, dem Wort, dann dem Schreiben." Die neuen Technologien tragen seiner Ansicht nach nicht zu einer Demokratisierung der Fotografie bei: "Demokratisierung hat damit nichts zu tun, Demokratisierung bezieht sich auf die Demokratie. Was wir erleben, ist in jedem Fall bloß das Schauspiel einer Demokratie, das eine Ideologie für die aus dem System Ausgeschiedenen produziert. Diese Ideologie bringt sie dazu, etwas für Demokratisierung zu halten, was bloße Vermassung und Kommerzialisierung ist. Die Ästhetik der Fotografie muss zuallererst derlei naive Ideologien ausschalten, die einen daran hindern, darüber nachzudenken, was ein fotografisches Werk ist. Ein Werk ist in jedem Fall alles andere als eine Antwort auf eine Frage."

Magazinrundschau vom 15.03.2016 - Clarin

Die frisch verfügte Aufhebung einer Sondersteuer für Bergbauunternehmen in Argentinien ist für die Soziologin Maristella Svampa von der Bürgerrechtsbewegung Plataforma 2012 ein Beleg für ernüchternde Kontinuitäten: "Der Einfluss der Bergbau-Lobby ist unabhängig von der politisch-ideologischen Ausrichtung unserer jeweiligen Regierungen. Bestand die Strategie der Kirchner-Regierung in Totschweigen oder Verteufeln der Proteste der Umweltbewegungen sowie im Bestreiten der offenkundigen geschäftlichen Verflechtungen von Staat, Großunternehmen und Privatinteressen, sprach die neue Macri-Regierung zunächst von 'Umweltschutz' und 'Bürgerbeteiligung'. Der schnelle Schulterschluss von politischer und ökonomischer Macht hat jedoch dafür gesorgt, dass das Thema erneut von der Tagesordnung verschwindet. Und das, nachdem 20 Jahre gigantischer Bergbauprojekte entgegen allen anderslautenden Versprechen vor allem zu Umweltzerstörung und wachsender Hilfsbedürftigkeit der Bevölkerung der betroffenen Gebiete geführt haben."

Magazinrundschau vom 23.06.2015 - Clarin

Der argentinische Schriftsteller Pablo de Santis erinnert an die mythische Krimi-Reihe “El Séptimo Círculo“ - der Name eine Referenz an den siebten Höllenkreis von Dantes Göttlicher Komödie -, die vor 70 Jahren von Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares ins Leben gerufen und über zehn Jahre geleitet wurde: "Bei der Auswahl der insgesamt 139 Titel bedienten die beiden sich einfach der Buchkritiken des Times Literary Supplement - was ihnen vielversprechend erschien, bestellten sie in einer Buchhandlung. Die Klappentexte und Angaben zu den Autoren verfassten sie gemeinsam. Der Großteil der ausgewählten Autoren waren Engländer, in deren Krimis es vor allem um die Auflösung eines Rätsels ging. Es waren aber auch ‚harte" US-Schriftsteller wie Raymond Chandler, James Cain oder Robert Parker dabei. Was die zwei Herausgeber dagegen gar nicht mochten, waren französische Krimis. Die auffälligste Leerstelle im Programm aber nahm Agatha Christie ein."

Magazinrundschau vom 19.05.2015 - Clarin

"Etwas schreiben, damit es nicht passiert." Im Interview mit Ricardo Viel spricht der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad über seinen neuen Roman "La Oculta" und verrät einen wichtigen Antrieb seines Schreibens: "Normalerweise hat man Angst, dass das, was man sagt oder schreibt, tatsächlich passieren könnte, aber ich versuche, genau das Gegenteil zu denken: Wenn ich das, wovor ich am meisten Angst habe, ausspreche, wird es nicht passieren. Einmal musste zum Beispiel meine Tochter nach Europa fliegen. Da schrieb ich ein Gedicht, in dem ich mir ausmalte, wie das Flugzeug abstürzt. Ich war dabei so traurig, als wäre es tatsächlich passiert. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich ihr auf diese Weise das Leben rette. Das ist natürlich pures magisches Denken, wir Menschen sind eben äußerst irrationale Wesen."
Stichwörter: Abad, Hector

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - Clarin

Andrés Hax unterhält sich - bestens - mit dem amerikanischen Soziologen und Netztheoretiker Howard Rheingold: "Schwierig scheint mir, dass die zeitgenössischen Netzkritiker offenbar nicht begreifen, dass die Technikkritik selbst ihre Geschichte hat. Und trotzdem: Man sollte den Kritikern Aufmerksamkeit schenken. Dass die Leute dir ihrerseits so viel Aufmerksamkeit schenken, dass sie dich kritisieren, ist großartig. Die schlechten Seiten der Technik werden so auch immer deutlicher sichtbar. Je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir allerdings auch, dass die Menschen und ihre Werkzeuge sich ebenfalls entwickelt haben. Wir sind Menschen,weil wir Kommunikationswerkzeuge benutzen, um neue Arten zu organisieren, die Dinge zu erledigen. Das bedeutet Kultur. Und ich glaube, wir fangen gerade erst an, unsere Rolle bei der Gestaltung unserer Umwelt wie auch unserer selbst zu begreifen."
Stichwörter: Rheingold

Magazinrundschau vom 20.09.2011 - Clarin

Andres Hax unterhält sich mit dem New Yorker Politologen John Grouard Mason, der gerade als Teilnehmer eines von Le Monde Diplomatique organisiserten Symposiums über den arabischen Frühling zu Besuch in Buenos Aires ist. Auf die Frage nach einer linken Bewegung in den USA, antwortet er: "In den letzten zwanzig, und ganz besonders in den letzten zehn Jahren, ist innerhalb der Demokratischen Partei, aber auch außerhalb von ihr, eine feste progressive Gruppierung entstanden. Wir nennen uns die Netroots. Obama hat all diese Leute für seine Wahlkampagne benutzt. Kaum war er zum Präsidenten gewählt worden, hat er uns aber wie eine heiße Kartoffel fallen lassen und alle Verbindungen zu uns abgebrochen. Da haben wir gezeigt - Move On hat gezeigt, True Democracy hat gezeigt -, dass wir ein alternatives mediales Universum schaffen können, das stark auf dem Internet, auf Youtube etc. beruht... Natürlich kann man, da unser Netz im Internet funktioniert, unsere Spuren genau verfolgen, mithilfe von Facebook und Google kann man genau sehen, wer mit wem in Verbindung steht etc. - sie wissen alles über uns. Vorläufig mache ich mir deshalb aber noch keine Sorgen - uns steht nun mal kein anderes Werkzeug zur Verfügung. Wenn es ganz schlimm kommt, springe ich eben ins Auto und fahre über die Grenze nach Kanada oder steige ins nächste Flugzeug nach Frankreich..."