Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

320 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 32

Magazinrundschau vom 24.03.2020 - Times Literary Supplement

Der seit Jahrzehnten in Italien lebende Schriftsteller Tim Parks lässt die vergangenen Wochen der Corono-Krise in Italien Revue passieren und erinnert auch an die Tage, als Mailand noch vor Wut über die Maßnahmen der Regierung schäumte. Dabei gab es erst 143 Fälle in Italien, als Rom den Norden dichtmachte. Kein Aperitivo mehr in Mailand? In der Welthauptstadt des Aperitivs? "Was wird uns die Zukunft bringen? Nun ja, man lernt, sich zu benehmen, wenn es zu spät ist. Sogar die Italiener können aufhören, sich die Hände zu schütteln, zu umarmen und zu küssen. Sie können sich ordentlich anstellen und ihre Hände obsessiv waschen. Überraschender noch: Italienische Politiker haben bewiesen, dass sie aufhören können zu diskutieren und stattdessen handeln. Sie waren bemerkenswert entschieden, vielleicht bereitete es ihnen sogar Befriedigung, sich einem Drama zu stellen, das sie zusammenbringt und das ihnen erlaubt, die ökonomischen Mahner in Brüssel zur Hölle zu schicken. Sie werden ausgeben, was es braucht, um das Land da durchzubringen. Ein neues Bewusstsein für Verantwortung liegt in der Luft. Vielleicht auch der Hauch von einem wiederbelebten Nationalgefühl."

Magazinrundschau vom 21.01.2020 - Times Literary Supplement

Ein seltsam magischer Zufall, dass sich die Wege der größten englischsprachigen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts - Virginia Woolf, Hilda Doolitle, Dorothy L. Sayers, Jane Ellen Harrison und Eileen Power - am Mecklenburgh Square in London kreuzten. Ann Kennedy Smith blickt unter anderem mit Francesca Wades Buch "Square Hunting" auf die Biografien weiblicher Intellektueller, deren Leben und Schreiben vom Ersten Weltkrieg und der Suche nach künstlerischer Freiheit geprägt war: "Im Jahr 1911 tauschte Hilda Doolittle ihr Leben in Philadelphia für die Londoner Bohème ein und wurde 1913 - nachdem Ezra Pound sie als 'H.D. Imagiste' unter Vertrag nahm und im Poetry Magazine veröffentlichte - zur Dichterin der Moderne mit dem Kürzel H.D. Der Kriegsausbruch änderte alles: Noch bei der Geburt starb ihr Kind und das Verhältnis zu ihrem Ehemann, dem englischen Dichter Richard Aldington, verschlechterte sich. Sie bezog im Februar 1916 ein modriges Apartment am Mecklenburgh Square 44, wo ihre Kreativität 'vom Beigeschmack des Todes im Keim erstickt' wurde. Die Situation verschlimmerte sich, als ihr Ehemann von der Front zurückkehrte und eine Affäre mit der sinnlichen Dorothy 'Arabella' Yorke begann, die eine Wohnung über H.D. mietete. 'Ihr würde ich Verstand geben, dir einen Körper', sagt in Doolittles autobiografischem Roman 'Bid Me To Live' die Figur Rafe (ein kaum getarnter Aldington) zu seiner Frau Julia. D.H. Lawrence, ein gemeinsamer Freund von Aldington und dessen Liebhaberin Yorke, beschrieb die Schriftstellerin als 'eine, die auf dem Drahtseil tanzt. Man fragt sich, ob sie's rüber schafft', und bezog sich auf ihre prekäre Gefühlslage. Doolittle konnte ihre Selbstzweifel besiegen, indem sie Lawrence' Ratschläge ('sein Mann-ist-Mann und Frau-ist-Frau…sein eitles Gerede') entschieden zurückwies. Geschickt enträtselt Wade das Mysterium der Schreibblockade, die H.D. ganze vier Jahrzehnte lang lähmte."

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - Times Literary Supplement

Benjamin Mosers Susan-Sontag-Biografie wartet mit vielen salzigen Geschichten auf, und Elaine Showalter spickt ihre Besprechung mit tollen Anekdoten und Zitaten. Jamaica Kincaid etwa sagte über ihre Freundin: "Ja, sie war grausam, aber sie war auch sehr freundlich. Sie war großartig. Ich glaube, seit ich Susan kenne, möchte ich nicht mehr großartig sein." Über achthundert Seiten erlebt Showalter Susan Sontag als olympische Intellektuelle, als Speed-schluckende Narzisstin, als Frau, die ihr Leben lang ein Problem mit ihrer Homosexualität und ihrem Körper hatte, als Liebhaberin, die ihre Partnerinnen gnadenlos ausnutzte, und als Moralistin, die immer wieder versagte: "Ihre Zeit in Sarajewo war der Höhepunkt ihres Lebens als engagierte Künstlerin, die Verkörperung der öffentlichen Intellektuellen. Zurück in den USA jedoch wurden ihre Großartigkeit und Eitelkeit unerträglich, fast wie eine Comic-Figur in dem, was Terry Castle ihr 'Marken-Intellektuellen-Diva-Outfit' nannte, wenn sie sich selbst mit Jeanne D'Arc verglich, sich laute Szenen mit Kellner lieferte oder die Mitglieder ihres Entourage demütigte. Karla Eoff beteuerte, dass sich 'unter diesem ganzen moströsen Auftreten in Wahrheit eine verängstigte, liebenswerte Person verberge', aber sonst empfand niemand so viel Nachsicht und Toleranz. Sontags 'kultureller Enthusiasmus, ihr Bedürfnis, ihn zu teilen, war echt', kommentiert Moser, aber sie war nicht immer fähig, das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler von dem zwischen Herr und Knecht zu unterscheiden'. Selbst (ihr Sohn) David betrachtete ihr Eindringen in seinen journalistischen Bereich als einen Verrat. Als sie 2000 für ihr Buch 'Das Leid anderer betrachten' schon wieder über Bosnien schrieb, beklagte er bitterlich: 'Kannst Du mir nicht wenigstens diesen kleinen Teil der Welt lassen?' Ihrer jungen italienischen Übersetzerin schrieb sie: 'Es bricht mir das Herz. Aber ich kann es nicht ändern.'"
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Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Times Literary Supplement

Kim Kardashian und Kylie Jenner mögen unschlagbar darin sein, aus einem Skandal Kapital zu schlagen, aber Prominenz ist keine Erfindung des Trash-TVs und schon gar nicht der Moderne, lernt Irina Dumitrescu aus einer Reihe von Büchern über die Celebrity-Kultur: Schon Mark Anton und Jeanne d'Arc zogen ihren Ruhm auch aus dem erotischen Skandal, etliche Heilige und Propheten beglückten ihre Anhänger dadurch, dass sie sich nicht an die Regeln des Anstands hielten. Sharon Marcus' Buch "The Drama of Celebrity" präsentiert allerdings als Mutter aller charismatischen Provokateurinnen die geniale Sarah Bernhardt, wie Dumitrescu sehr angeregt erzählt: "Bernhardts Methode klingt eigentlich vertraut: Sie gab wenig auf die Regeln, die die Gesellschaft Frauen auferlegte, ganz zu schweigen von den gesenkten Erwartungen an eine Schauspielerin. In ihrem Liebesleben mag uns das nicht überraschen, und tatsächlich hatte Bernhardt ein uneheliches Kind, war kurz mit einem viel jüngeren Mann verheiratet und hatte eine lange vermutlich intime Beziehung zu einer anderen Frau, der Malerin Louise Abbéma. Aber Bernhardt empörte auch auf andere Weise: Sie brach ihren Vertrag mit dem Théâtre-Français, managte ihre eigenen Produktionen, flog in einem Heißluftballon herum und schrieb ein Buch über ihre Reise durch die Wolken. Selbst ihr schlanker Körper war ein Affront in einer Zeit, als der öffentliche Geschmack runde, füllige Frauen bevorzugte. Marcus erklärt den Reiz des prominenten Skandals als Form der Wunscherfüllung. Während die meisten Menschen, die Regeln brechen, dafür stigmatisiert werden, verlieren aufsässige Celebrities nicht ihr Gesicht. Sie halten das Versprechen auf gesellschaftlichen Belohnungen - Geld, Ruhm, Verehrung - aufrecht, während sie zugleich die Regeln ignorieren. Fügsame, ängstliche Sterbliche müssen nicht die Strafen für Nonkonformismus erleiden, um seine Freuden genießen zu können: Sie sehen sich an, wie es ein Star für sie übernimmt."

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Times Literary Supplement

Noch besteht kein Grund zur Panik, meint Gabrielle Walker, rät aber dringend die neuen Bücher von Bill McKibben und Nathaniel Rich zur Klimakrise zu lesen: McKibben, der Gründer von 350.org, beschreibt in "Falter" ("Die taumelnde Welt") nicht nur den Klimawandel, sondern auch Genmanipulation und Künstliche Intelligenz als große Gefahren für die Menschheit: "McKibben tappt nicht in die Falle, uns mit einer Vielzahl erschreckender Fakten zu bombaridieren und uns dann damit benommen allein zu lassen. Er hat einen charmanten Stil - einnehmend, witzig, intelligent, klar. Er ist ein wunderbarer Reisegefährte, so reizend, dass er die schrecklichen Erkenntnisse einsticht wie mit einem Taschenmesser, rein und raus noch bevor man es merkt. Er schafft das mit Informationen, die etwas schräg, aber recht eindrücklich sind: McKibben sagt uns zum Beispiel, dass die Hitze, die wir bis zu diesem kritischen Punkt in die Atmosphäre gepumpt haben, vier Hiroshima-Bomben jede Sekunde entspricht. Und dass der Hurrikan Harvey so viel Regen nach Houston gespült hat, dass die gesamte Stadt um einige Zentimeter sank." Nathaniel Richs Buch "Losing the Earth" basiert auf einem Report für die NYTimes und rekonstruiert bisherige Versäumnisse: "Auch wenn Rich die achtziger Jahre als die Dekade identifiziert, in der wir den Klimawandel hätten stoppen können, gab es auch in den neunziger Jahren viele verpasste Möglichkeiten, von denen er etliche im Nachwort behandelt. Wichtigster Aspekt war der Aufstieg der Klimaleugner, jener Wissenschaftler, die von interessierter Seite in Wirtschaft und Politik bezahlt wurden, um die Öffentlichkeit abzulenken und zu verwirren. McKibben hat noch mehr Details zu diesem Thema, sie zu lesen erfordert einen starken Magen. Letzten Endes gibt er die Schuld jener unheilvollen Philosophie, die zuerst von der Autorin Ayn Rand verbreitet wurde, nach der 'Regierung böse ist und das Volk aus ihren Klauen befreit werden muss'."

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - Times Literary Supplement

Ohne erkennbaren Anlass, aber sehr einleuchtend führt Patrick Wilcken durch das strukturalistische Denken des Anthropologen Claude Lévi-Strauss, erklärt seine Theorien zum Mythos, zur sinnlichen Abstraktion und zum Totemismus. Von den ersten Versuchen des 20. Jahrhunderts, Totem und Tabu rational zu erklären, hielt Lévi-Strauss nicht viel: "Totemismus als Institution zu betrachten, hielt Lévi-Strauss für eine Illusion. Stattdessen betrachtete er ihn als einen Aspekt und ein Mittel des logischen Denkens. Auf der einen Seite gab es menschliche Verwandtschaften, auf der anderen Seite konzeptuelle Unterschiede zwischen Pflanzen und Tieren. Verwandte Stämme wählten kontrastierende Totems - Seeadler/Fischadler oder Lachs/Bär zum Beispiel -, um abstrakte Modelle der Differenz zu entwerfen. Diese wurden als Mittel genutzt, um über die soziologische Verwandtschaft zwischen der eigenen und der anderen Gruppe nachzudenken. Die Aufgabe des Anthropologen war, die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sets von Unterschieden zu finden. 'Natürliche Arten wurden nicht gewählt', lautete Lévi-Strauss berühmte Formel, 'weil sie gut zum Essen waren, sondern gut zum Denken'."
Stichwörter: Levi-Strauss, Claude

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - Times Literary Supplement

Joan Mitchell, Composition, 1962. Solomon R. Guggenheim Foundation, © Estate of Joan Mitchell


Jenni Quilter liest kritisch und hoch konzentriert Mary Gabriels Buch "Ninth Street Women" über die Malerinnen Lee Krasner, Elaine de Kooning, Grace Hartigan, Joan Mitchell und Helen Frankenthaler. Dass die fünf wahrscheinlich nicht glücklich gewesen wären über diesen Reigen weiblicher Künstler, geschenkt. Auch wird es Quilter beim Lesen manchmal unbehaglich, wie wenig die Frauen sich gegenseitig in der Öffentlichkeit unterstützt haben. Dafür kann Gabriel natürlich nichts, aber Quilter hätte sich gewünscht, dass die Autorin die Malerinnen der zweiten Generation wenigstens annähernd so ausführlich behandelt hätte wie Krasner und de Kooning. Joan Mitchell zum Beispiel galt mit ihrem abstrakten Expressionismus in New York schon als altmodisch, als sie nach Paris zog. "Als sie 1962 schließlich in Paris ausstellte, war das für viele eine Offenbarung. Hier war eine Künstlerin, deren Pinselführung so erkennbar war wie eine Stimme; man kann einen Mitchell in einer überfüllten Galerie aus 50 Fuß erkennen. Weit mehr als die anderen Malerinnen der zweiten Generation erforschte sie das rhythmisch Deutende gestischer Malerei. Einige Maler hoben den Unterschied zwischen Vorder- und Hintergrund auf, aber Mitchell spielte mit dieser Unterscheidung, indem sie weiße Farbe benutzte und einige Elemente nach vorne, andere nach hinten verlegte. Ihr Werk bekam eine Leichtigkeit - sowohl in den Farbtönen als auch emotional, die wie die Nachahmung einer Augenblickswahrnehmung wirkte. " Quilter fordert eine Neubewertung Mitchells, die sie an die Seite Mark Rothkos oder Clyfford Stills stellt.

Außerdem: Krishan Kumar denkt am Beispiel einiger Bücher der Historiker Christopher Bayly, Jürgen Osterhammel und Simon Reid-Henry darüber nach, was genau eigentlich eine gelungene Globalgeschichte auszeichnet. In gewisser Weise denkt auch Shashi Tharoor darüber nach, der hoffnungsfroh das Cricket-Match zwischen Pakistan und Indien beobachtet hat: Cricket, obwohl ursprünglich ein Spiel des britischen Kolonialherren, "hat einmal mehr in Erinnerung gerufen, was Inder und Pakistaner gemeinsam haben - Sprache, Küche, Musik, Kleidung, Unterhaltung und die meisten kulturellen Merkmale, einschließlich sportlicher Leidenschaft. Cricket unterstreicht das gemeinsame kulturelle Mosaik, das uns zusammenführt - ein Mosaik, das geopolitische Unterschiede überwindet. Diese kulturelle Grundlage geht unserer politischen Antipathie sowohl voraus als auch nach. Es ist das, was unsere Diaspora verbindet und warum sie die Gesellschaft des anderen in fremden Ländern trösten, wenn sie zum ersten Mal auswandern - sichtbar in Großbritannien. Cricket bestätigt, dass es mehr gibt, das uns verbindet als uns trennt."

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - Times Literary Supplement

Michel Foucaults LSD-Trip im Death Valley - am Zabriskie Point zu den Klängen von Stockhausens "Gesang der Jünglinge" - ist legendär, Eric Bulson liest mit Begeisterung Simeon Wades Bericht "Foucault in California". Wade war 1975 ein junger Prof am verschlafenen Claremont College und verbrachte einige aufregenden Stunden mit dem französischen Theoretiker, wagte es jedoch nie, seine skandalträchtigen Erinnerungen daran zu veröffentlichten, wie Bulson schreibt: "Dass sie jetzt von Heydey Press, einem kleinem Non-Profit-Verlag, herausgegeben wurden, ist der detektivischen Arbeit von Heather Dundas zu verdanken, einer Studentin der University of Southern California, die davon überzeugt war, dass die Geschichte von Foucault und dem LSD entweder komplett erfunden oder zumindest heillos übertrieben war. Es half auch, dass sie 'Theorie hasste'; vor allem in den ersten Tagen ihrer Recherche wollte sie beweisen, dass Foucault ein Scharlatan war, der 'all die Privilegien und die Arroganz der Theoriebewegung' verkörperte. Doch während sie Wade nachforschte, passierte etwas Unerwartetes: Die beiden schlossen aufrichtig Freundschaft, Wade vertraute Dundas genug, um ihr seine Aufzeichnungen zu überlassen. Zum Glück. 'Foucault in California' ist der einzige bekannte Bericht einer Drogenerfahrung, der jenen von Walter Benjamin und Antonin Artaud gleichkommt." Wade berichtet, dass Foucault ein ungeheuer freundlicher, bescheidener und großzügiger Mann war, gern kiffte, Faulkner verehrte und Godard verachtete (ein 'politischer Schweinehund'). Und dann der LSD-Trip, über den Bulson so viel verrät: "Anstatt das Rätsel der kahlen Sphinx entschlüsseln zu wollen, schreibt Wade einfach nieder, was er hörte, als die beiden zusammen abhingen. Während ihm die Tränen übers Gesicht liefen, deklarierte Foucault: 'An diesem Abend habe ich eine neue Sicht auf mich bekommen. Jetzt verstehe ich meine Sexualität. Alles hat mit meiner Schwester angefangen. Wir müssen wieder nach Hause... Ja, wir müssen nach Hause.'"

Magazinrundschau vom 30.04.2019 - Times Literary Supplement

Der Reporter Robert Caro hat mit seinen Biografien über den Stadtplaner Robert Moses und Präsident Lyndon Johnson Maßstäbe gesetzt. In seinem Band "Working" gibt er nicht unbedingt Anleitungen zum Biografieschreiben, räumt Ruth Scurr ein, dennoch zeigt ihr Caro, worauf es ankommt: Stil und Rhythmus, aber vor allem Recherche: "Dem Autor geht es nicht um große Männer, sondern um politische Macht. Caro ist kein Hagiograf oder Heldenverehrer. Er will verstehen, wie Macht wirklich funktioniert, nicht theoretisch, sondern praktisch. Er will wissen, wie ökonomische Stärke in politische Potenz umgewandelt wird, und welche menschlichen Kosten mit dieser Alchemie verbunden sind. Um Macht zu verstehen, betont Caro, muss man die Machtlosen verstehen, über die Macht ausgeübt wird. In 'The Power Broker' geht es um Stadtplanung. Wir konnte Robert Moses (1888-1981), der niemals in ein öffentliches Amt gewählt wurde, dieses in einer Demokratie unbekannte Maß an Macht ansammeln, um sieben Brücken zu bauen, fünfzehn Schnellstraßen und sechzehn Autostraßen und damit aus einer Ansammlung mehrerer Inseln das moderne New York schaffen? In 'The Years of Lyndon Johnson' geht es um nationale Macht. Lyndon Baines Johnson (1908-73), argumentiert Caro, erreichte etwas, was - zumindest in den hundert Jahre zuvor - niemandem sonst gelungen war: Er brachte den Senat zum Funktionieren."

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - Times Literary Supplement

Eigentlich werden mittlerweile mehr Journalisten als Politiker ermordet, aber wenn Tom Stevenson eine kleine Geschichte des Politischen Mordens erzählt, macht er da keine Unterscheidung. Hübsch trocken referiert er über gezielte Tötungen, die Zuverlässigkeit von Drohnen oder das dilettantische Abschlachten des Dissenten Jamal Kashoggi im saudischen Konsulat von Istanbul (in einer Stadt, in der man einen Glücksritter mit Kanone für ein paar hundert Pfund bekommt). Für die Feinheiten des Tötens empfiehlt Stevenson weiterhin das CIA-Handbuch "A Study of Assassination": "Das Handbuch beginnt damit, Morde danach zu klassifizieren, in welchem Grade sich das Opfer der Gefahr bewusst war, also ob es eine Ermordung fürchtete oder bewacht war. Dann kategorisiert es danach, ob der Mord geheim gehalten werden muss oder gerade als Ermodrung erkannt werden soll, und ob der Mörder als entbehrlich betrachtet werden kann. Die Figur des einsamen Auftragsmörders ist, wie sich herausstellt, keine reine Schöpfung der Fantasie. Idealerweise sollte er allein handeln, um die Gefahr zu verringern, dass der Plot auffliegt. Unterschiedliche Umstände erfordern unterschiedliche Arten von Mördern. Alle verlangen Mut, Entschlossenheit und Einfallsreichtum, doch für den Fall, dass der Mörder sich nicht in Sicherheit bringen kann, braucht es einen Fanatiker. 'Politik, Religion und Rache sind ungefähr die einzigen wahrscheinlichen Motive.'"