Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

360 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 36

Magazinrundschau vom 11.02.2020 - New York Review of Books

Ein schrankenloser Glaube an Markt und Technologie hat den Niedergang des Journalismus bewirkt, glaubt Nicholas Lemann, der frühere Leiter der Columbia Journalism School. Die Werbepreise sind in den USA von 7.000 auf 20 Dollar gestürzt, die Werbeeinnahmen von 45 auf 18 Millarden gefallen und 60 Prozent weniger RedakteurInnen werden beschäftigt werden. Nach der Lektüre der einschlägigen Bücher von Jill Abramson bis Alan Rusbridger nimmt Lemann alte und neue Finanzierungsmodelle unter die Lupe: "Während der durch üppige Werbung finanzierten Goldenen Jahre neigte der Journalismus, wie Matthew Pressman darlegt, zu einem konsumorientierten Lifestyle-Journalismus. Ein von den eigenen Lesern finanzierter Internet-Journalismus rückt den redaktionellen Inhalt in eine stärker ideologisch ausgerichtete Richtung, eine die eher bestätigt als herausfordert, was die eigene Leserschaft bereits denkt. So macht es auch das Kabelfernsehen. Die Schwäche der großen regulierten Fernsehanstalten ist ihr exzessiv nüchterner, auf die Mitte ausgerichteter und entschieden unkontroverser Journalismus. Von Wohltätern und Stiftungen unterstützter Journalismus neigt zu einer Fokussierung auf Themen, die wohlhabenden Philanthropen wichtig sind - mehr Klimawandel und weniger Arbeiterorganisation - und dazu, direkte politische Ergebnisse zu erbringen, wies es Journalismus eigentlich nicht leisten kann." Was bleibt also? "Es gibt eine andere Möglichkeit, den Journalismus zu retten und wie alle anderen ist sie nicht perfekt: direkte staatliche Unterstützung."

Noch nie gingen die Welten in der Mode so weit auseinander, beobachtet Cintra Wilson beim Blättern durch die Modezeitschriften: Das neue Schick liegt nicht mehr leicht über dem, was man sich leisten kann, es liegt jenseits unserer Vorstellungskraft: "Es herrscht Geheimhaltung. Die extrem Reichen haben sich selbst von jenen Zirkeln entfernt, zu denen sie lange gehörten. Superplutokraten sind mit ihren gepanzerten Privatsphären, Firewalls und atombombensicheren Fluhgzeugen noch weiter emporgestiegen, in das Mysterium und die Unbegreifbarkeit des Göttlichen." Das Gewissen der Mittelklasse leidet derweil an der Fast Fashion, was Wilson absolut verständlich findet angesichts der Umweltbelastungen der schnellen Billigmode, die ihr Dana Thomas mit ihrem Buch "Fashionopolis" vor Augen führt. Aber Modeverleih, wie Thomas empfiehlt, sei keine Lösung: "Sie fällt damit einer gewissen Kurzichtigkeit der Mittelklasse zum Opfer. Leihen statt zu kaufen, ist vielleicht ein vielversprechender Schritt bei der Entwöhnung von fataler Modesucht, aber genau so unbefriedigend wie das Zurückholen von Arbeitsplätzen in die von Nafta verheerten Gegenden zu schlechteren Bedingungen. Das Leihen von Kleidung macht nur Sinn, wenn man komfortabel über der Armutsgrenze lebt. Wer weniger Glück hat, ist auf Läden wie H&M oder Zara angewiesen, um stylish auszusehen, bei einem Budget, das nach vierzig Jahren Lohndumping übrig ist."

Außerdem übernimmt die NYRB einen Essay von Zadie Smith aus dem Ausstellungskatalog zu Kara Walkers großer Ausstellung in der Londoner Tate, in dem sie das Verhältnis der Künstlerin zur Geschichte beleuchtet. Michael Gorra liest Samuel Mosers Susan-Sontag-Biografie.

Magazinrundschau vom 28.01.2020 - New York Review of Books

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze berichtet von einer neuen kritischen Richtung amerikanischer Wissenschaftler, die der unguten Verquickung von Recht und Ökonomie auf den Zahn fühlen. Die Yale-Juristin Catherine Pistor beschreibt etwa in ihrem Buch "The Code of Capital", wie einst der englische Landadel seinen Besitz in Trust verwandelte und diesen mit Hypotheken belastete, die er den Pächtern aufhalste. Genauso diene ein undurchschaubares Privatrecht noch heute der Besitzsicherung und -vermehrung einer privilegierten Klasse: "Auch wenn wir in einer nominell demokratischen Gesellschaft leben, meint Pistor, reicht der feudale Calculus bis in unsere Zeit hinein: die Überlegenheit rechtlicher Kodierung, das heißt teure Anwälte. Sie nutzen zentrale Institute des Privatrechts, um bestimmte Vermögen noch wertvoller oder profitabler zu machen... Unternehmensrecht dient 'nicht mehr in erster Linie als rechtliches Vehikel, um Waren zu produzieren oder Dienste anzubieten, sondern als veritable Gelddruckmaschine'. Nirgendwo sieht man das besser als in der Finanzindustrie. Als 2008 Lehman Brothers zusammenbrach, erwies sich die rechtliche Struktur der Invenstmentbank als byzantinisch. Sie bestand aus einer Holding mit 209 eingetragenen Tochtergesellschaften, die sich auf 26 Jurisdiktionen verteilten. Diese Struktur, erdacht von einigen der klügsten Juristen der Wall Street, war eine Maschinerie, die Lehmans regulatorische Belastungen minimieren sollte, indem sie Vermögen an Orte mit laxen Regularien platzierte, wobei das Manangement in Manhatten gleichzeitig maximale Kontrolle über sie behielt. Lehman ging bei hauchdünnen Sicherheiten hohe Risiken ein. Solange die Dinge gut liefen, war das ungeheuer profitabel."

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - New York Review of Books

Cathleen Schine taucht in die biografischen Tiefen der schillernden Alma Mahler und führt ihre unwiderstehliche Wirkungskraft auf die unzähligen Künstler ihrer Zeit en détail aus. Allumfassend beschreibt sie das Bild einer ausgesprochen begabten Frau, die für "Kunst und Musik, Genie und Sex" glühte, sich aber letztlich nie aus ihrer Rolle als Muse befreien konnte. Dabei diente sie bekanntlich nicht nur einem Genie: "Alma gab (ihrem Liebhaber) Walter Gropius den Laufpass, gerührt von der neu auflebenden Hingabe ihres Ehemanns Gustav Mahler und überzeugt davon, dass Gustav sich ohne sie in den Tod stürzen würde. Gustav schrieb ihr Liebesgedichte, bedeckte ihre Pantoffeln mit Küssen, begann aufs Neue ihre Musik zu hören und flehte sie an, die Arbeit an ihren Kompositionen fortzusetzen. Für Alma, die zweifellos talentiert war und deren Stücke noch heute bewundert werden, markierte dieser Lebensabschnitt ihr künstlerisches Talent, vor allem aber ihre Rolle als Muse für die Künstler ihrer Zeit. Ihre Tochter Anna berichtet: 'Wenn Alma durch die Tür trat, war der Raum elektrisch geladen. Sie war eine wahnsinnig leidenschaftliche Frau, schenkte ihren Zeitgenossen ungeteilte Aufmerksamkeit und regte sie in ihrem Schaffen an. Sie besaß die außergewöhnliche Gabe, Menschen innerhalb von Sekunden zu verzaubern.' Albrecht Joseph, später Annas fünfter Ehemann, den die 'schäbige' Erscheinung der heiß begehrten Verführerin zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung im Jahr 1931 sehr verwunderte, beschrieb ihre einzigartige Gabe damit, 'ein allumfassendes Verständnis davon zu besitzen, wonach die Künstler ihrer Zeit strebten und sie darin wachsen zu lassen.' Die Intensität, mit der sie an ihrem Glauben an den Künstler als Genie festhielt, wirkte auf ihre Zeitgenossen nahezu gewaltsam anziehend. Gustav konnte, wie die anderen Liebhaber Mahlers, sein künstlerisches Schaffen nicht mehr ohne Alma Mahler denken."
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Magazinrundschau vom 03.12.2019 - New York Review of Books

Unvorstellbar, dass ein deutscher Schriftsteller so einen Text schreiben würde. Joseph O'Neill, Autor mehrerer Romane, überlegt mit Hilfe zweier neuer Bücher, woran es liegen könnte, dass die Demokraten so viele Wahlen verlieren, obwohl sie eine für den größten Teil der Bevölkerung weitaus vorteilhaftere Politik machen als die Republikaner. O'Neill interessiert sich in diesem Zusammenhang nicht die Bohne für abstrakte und moralische Theorien, sondern für die politische Strategie: Anders als die Demokraten, die auf Washington setzen, unterstützen die Republikaner unzählige lokale Graswurzelbewegungen mit dem Ziel, eine republikanische Basis in den Bundesstaaten aufzubauen, lernt er. "Es ist unbestritten, dass dieser Aufwand funktioniert hat. Tatsächlich hat er eine Art bolschewistisches Traumland hervorgebracht, in dem einige milliardenschwere Hyperkapitalisten und libertäre Extremisten einen beträchtlichen Kader von Berufsideologen und Organisatoren betreuen, die die langweilige, technische und hartnäckige Arbeit der Radikalisierung, Ausbildung, Belohnung und Kontrolle konservativer Gesetzgeber, politischer Theoretiker, Medienvertreter, Propagandisten, Administratoren, Evangelisten und Richter leisten. Dies führt zu einer selbsttragenden Avantgarde mit echter Macht, echtem Fachwissen und einem wilden Siegeswillen, der immer stärker jede Loyalität zu den ethischen und zivilen Normen einer modernen Demokratie überwiegt. Gerrymandering, Wählerunterdrückung, intellektuell unredliche Gerichtsentscheidungen und systematische Desinformation sind heute wesentliche republikanische Taktiken. Es gibt einen Grund, warum die GOP, trotz all ihrer materiellen Nutzlosigkeit, ein so gewaltiger politischer Gegner ist. Sie spielt, um zu gewinnen."

Weiteres: Anna Deavere Smith liest Colson Whiteheads Roman "The Nickel Boys". Und Langdon Hammer vertieft sich in die Dolphin-Briefe von Elizabeth Hardwick und Robert Lowell.

Magazinrundschau vom 10.12.2019 - New York Review of Books

Sue Halpern graut es beim Lesen von Andy Greenbergs Recherche "Sandworm", die den Spuren der berüchtigten russischen Hackergruppe des militärischen Geheimdienst GRU folgt. Greenberg kann zeigen, wie die als "Einheit 74455" identifizierte Truppe in Estland, Georgien und der Ukraine Kraftwerke lahmlegte, Medien ausschaltete, Regierungsrechner blockierte, und schließlich auch die Reederei Maersk und das Pharmaunternehmen Merck sabotierte. Bisher bestand der Cyberwar vor allem in psychologischer Kriegsführung, aber beruhigen kann das Halpern nicht: "Als 2015 zum ersten Mal in der Ukraine die Lichter ausgingen, bestritten amerikanische Regierungsvertreter, dass ein solcher Angriff auch in den Vereinigten Staaten geschehen könnte. Sie verwarfen auch die Möglichkeit, dass das amerikanische Wahlsystem angegriffen werden könnte, weil es zu dezentralisiert organisiert sei - was sie bis heute behaupten, obwohl sich während der Präsidentschaftswahlen 2016 herausstellte, dass genau dies geschehen war. Der Zeitpunkt war günstig. Nicht lang nach dem ersten Angriff auf das ukrainische Stromnetz begannen russische Hacker, das Wahlsystem jedes amerikanischen Bundesstaats zu hacken. Sie schafften es auch in zumindest einen privaten Anbieter für Wahlausstattung. Nach Bekanntwerden des Hacks meldeten die amerikanischen Geheimdienste, dass keine Stimmen verändert wurde, aber das war vielleicht Wunschdenken: Homeland Security untersuchte die Systeme der Bundesstaaten nicht forensisch, dreizehn von ihnen benutzten papierlose Stimmabgabemaschinen, die nicht geprüft werden konnten. Während der ganzen Präsidentschaftskampgane behauptete Donald Trump fortwährend, dass das System gegen ihn arbeitet. Russlands Ukraine-Skript - die Demokratie zu schwächen, indem die Legitimation von Wahlen in Zweifel gezogen wird - war erfolgreich exportiert worden."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - New York Review of Books

Roberto Saviano erklärt in einem langen Artikel die Symbole, deren sich verschiedene Mafiaorganisationen bedienen, um ihre Macht zu demonstrieren. Dazu zählt der Kuss: "Bei der Cosa Nostra beispielsweise bestätigt ein Kuss auf die Stirn die Wahl eines neuen Chefs. Im Jahr 2015 wurde der alte Palermo-Chef Salvatore Profeta von den Strafverfolgungsbehörden erwischt und küsste die Stirn von Giuseppe Greco, dem neuen Paten, der bei den bevorstehenden 'Wahlen' Bezirkschef werden will. Mit diesem Kuss gab er sein Placet und zeigte seine öffentliche Unterstützung für die Kandidatur des neuen Chefs. In der Camorra - der neapolitanischen Mafia - wurden in jüngster Zeit mehrere Mitarbeiter beobachtet, die unmittelbar nach ihrer Verhaftung auf die Lippen geküsst wurden. Oft ist es ein anderer Mann - ein Sohn, ein Bruder, ein Schwager, eine rechte Hand, die den verhafteten Mann küsst, und dieser Kuss versiegelt seine Lippen und verspricht der Welt, dass er nicht reden wird, nicht zum Zeugen des Staates werden wird. Die Person, die den Kuss gibt, ist der Garant des Pfandes: Würde der Gefangene sprechen, wäre er der erste, der den Preis zu zahlen hätte, also die Person (immer jemand, der dem Gefangenen lieb ist), die ihn geküsst hat."
Stichwörter: Mafia

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - New York Review of Books

Vija Celmins: Untitled (Ocean), 1970. Bild: Modern Art Museum of Fort Worth

Susan Tallman freut sich über den großen Auftritt, den das Met Breuer Museum in New York der 1938 in Riga geborenen amerikanischen Künstlerin Vija Celmins mit einer umfassenden Retrospektive bereitet. Celmins' Kunst ist im Grunde reine Bildlichkeit, meint Tallman, keine Theorie, sondern Sehen und Malen, und zwar eines ohne Fluchtpunkt und ohne Hierarchien: "Celmins wird seit mehr als fünfzig Jahren bewundert, doch fiel es den Kritikern meist nicht leicht, die Eindringlichkeit und anhaltende Kraft ihres Werks zu erklären. In einer Kunstwelt, die lautstarke Behauptungen und die energische Annexion von Wandfläche belohnt, sticht ihre durchdachte, bescheidene Schwarzweiß-Kunst hervor. Während ein Großteil der zeitgenössischen Kunst stolz auf die eigene Kompliziertheit, ja Undurchschaubarkeit ist, sind Celmins Bilder und Zeichnungen von Nachthimmeln und Ozeanen gefällig und auf angenehme Art großzügig, selbst wenn sie sich mit gewichtigen Fragen zu den Mechanismen und Folgen von Repräsentation beschäftigt. All dies macht ihre Arbeiten schwer fassbar in der gegenwärtigen Kunstsprache. Wenn man etwa ihre Paarung identischer Steine betrachtet, kommt einem nicht das Word Simulacrum in den Sinn, sondern Erhabenheit."

Weitere Artikel: Recht spöttisch bemerkt David Graeber, wie in der Ökonomie die Grundfesten der Theorie erschüttert werden, ohne dass sich Ökonomen davon beirren lassen: "Seit der Rezession von 2008 haben Zentralbanken wie verrückt Geld gedruckt, um Inflation zu erzeugen und die Reichen dazu zu bringen, etwas Sinnvolles mit ihrem Geld anzufangen. Mit beidem waren sie erfolglos. Wir leben jetzt in einem völlig anderen ökonomischen Universum als vor dem Crash. Sinkende Arbeitslosigkeit treibt nicht mehr die Löhne nach oben. Geld zu drucken verursacht keine Inflation. Doch die öffentliche Debatte und die Weisheiten der Lehrbücher bleiben nahezu unverändert." In einer herben Attacke auf Generationen von Architekten, die das New Yorker Moma immer planloser ins Megalomane ausbauten, erinnert Martin Filler an den Ursprungsbau von Philip L. Goodwin und Edward Durell Stone. Der sei zwar kein architektonisches Meisterwerk gewesen, gründete aber auf einer grandiosen Idee: Nach all den europäischen Königspalästen und der diesen nachempfundenen Nationalgalerie die Ausstellung von Kunst zu demokratisieren.

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins untersucht Peter W. Galbraith die Entwicklungen im Nordosten Syriens: "Wenn es zu einem längeren Konflikt mit den Kurden kommt, kann die Türkei sich nicht weiter auf die unzuverlässigen syrischen Vertreter verlassen, was bedeutet, dass eine große Zahl türkischer Truppen einem gut ausgebildeten entschlossen Gegner gegenüberstehen wird. Verlustreiche Kämpfe mit Wehrpflichtigen sind nie sehr populär … Für die Parteien in der Region heißt all das: Russland und Iran halten zu ihren Verbündeten, die USA nicht. Als das Assad-Regime 2015 kurz vor dem Kollaps stand, kamen Russland und Iran zur Hilfe. Als die Kurden den IS besiegten und den Iran in der Region zu bezwingen schienen, ließ Trump sie fallen, obwohl die Kosten einer weiteren US-Präsenz gering waren. Kurz vor dem 40. Jahrestag des Beginns des Teheraner Geiseldramas, wird diese neueste Demütigung durch die Amerikaner besonders süß schmecken. Die Zukunft der syrischen Kurden hängt davon ab, wie sich die Dinge entwickeln. Auch wenn das syrische Militär und staatliche Institutionen jetzt in den Nordosten zurückkehren, fehlen Damaskus die Ressourcen, die Gegend vollkommen zu kontrollieren. Mit 70000 Frauen und Männern unter Waffen bleiben die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) eine starke kurdisch geführte militärische Macht, auch wenn die syrische Flagge ihre Uniformen ziert. Es ist auch nicht klar, ob die syrische Regierung die politischen Institutionen der Autonomen Verwaltung Nord und Ostsyriens (NES) in naher Zukunft auflösen kann oder will. Der SDF war weder Teil der Putin-Erdogan- noch der Pence-Erdogan-Vereinbarung. Obgleich er keine Wahl hat, den Schutz Russlands und der syrischen Regierung zu akzeptieren, heißt das nicht, dass er die Grenzregion, in der fast alle syrischen Kurden leben, aufgeben wird. Wenn Erdogan seinen Krieg fortsetzt, könnten die ethnischen Säuberungen gewaltig sein."

Weiteres: Tim Flannery liest Jacob Shells Buch über "Giants of the Monsoon Forest: Living and Working with Elephants". Elizabeth Bruenig schreibt über zwei Bücher, die sich mit Jesus, Maria und Magdalena beschäftigen. Und Zadie Smith vertieft sich in Celia Pauls Selbstporträt.

Magazinrundschau vom 22.10.2019 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins stellt Sophie Pinkham ein Buch von Bathsheba Demuth vor über die Beringstraße zwischen Russland und Alaska und die Menschen und Tiere, die dort leben: "Auch wenn es sich bei 'Floating Coast' um eine Umweltgeschichte handelt, kann man es auch als Meditation über eine Biosphäre lesen. Demuth beschreibt großzügig diese Landschaft, die sie liebt, seit sie als Teenager zuerst dort war, doch nicht so sehr mit politischem oder wirtschaftlichem Blick. Sie interessiert sich für die Tiere, Wale vor allem, und nimmt die Perspektive des Meeres ein; Verträge und Handelsabkommen, Monarchen und Präsidenten fließen in der Ferne vorüber. Obwohl die Beringstraße das Zentrum ist, wandert das Buch mit den Kreaturen, deren Geschichte es dokumentiert, und folgt den Walfangflotten bis nach Japan und Hawaii. Eines von Demuths zentralen Anliegen ist der Energietransfer zwischen den Organismen. Sie schreibt: 'Am Leben zu sein, bedeutet, Teil einer Kette von Verwandlungen zu sein.' In der Arktis verwandelt sich Sonneneinstrahlung vor allem im Meer in Kalorien, da reflektierendes Eis und Schnee die Möglichkeiten zur Photosynthese an Land dezimieren. Algen und Plankton bilden die Basis für Ökosysteme, zu denen kalorienreicher Fisch gehört, Wale, Walrosse und Seehunde, die den Landbewohnern als Nahrung dienen. Für die Menschen in Beringia, die Chukchi, Iñupiat und Yupik, stellten diese Tiere nie einen austauschbaren Profitquell dar, sondern immer ein Überlebensmittel. Mythen von Tieren, die sich in Menschen verwandeln und umgekehrt bezeichneten eine biologische Wahrheit: Die Verwandlung von tierischem Fleisch in den menschlichen Leib."

Außerdem: Regina Marler liest zwei Bücher über Alfred Stieglitz. Und Linda Greenhouse stellt Evan Thomas' Biografie der Obersten Richterin Sandra Day O'Connor vor.

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - New York Review of Books

Dreißig Jahre nach den Revolutionen in Warschau, Leipzig, Prag und Budapest blickt Timothy Garton Ash nach Mitteleuropa und eruiert, was schief gelaufen ist in den post-kommunistischen Gesellschaften. Keine Frage, meint er, der große Graben verläuft noch immer zwischen den Gewinnern und den Verlierern der Wende, aber nicht nur der Wohlstand ist ungleich verteilt, sondern vor allem auch Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und noch ein Ungleichgewicht gibt es: "Für mich persönlich ist es eine Quelle tiefer Befriedigung, dass so viele junge talentierte Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken nach Oxford kamen, um bei mir und meinen Kollegen zu studieren und wertvolle, produktive und befriedigende Lebenswege einschlugen. Aber sie führen ihr Leben selten zu Hause in ihren Ländern. Ich begegne ihnen eher in London, Paris, Wien oder Berlin. So schafft die individuelle Errungenschaft der Freiheit in den post-kommunistischen Ländern Europas das kollektive Problem der Emigration. Ihr Ausmaß ist erschütternd. Zwischen 1989 und 2017 emigrierten 27 Prozent der Bevölkerung aus Lettland, für Bulgarien liegt die Zahl bei fast 21 Porzent. Über drei Millionen Menschen verließen Rumänien in den gerade mal zehn Jahren nach dem Beitritt des Landes zur EU... Die Emigration ist das wahre Problem der Region, die Immigration ist das eingebildete."

In einem ebenfalls lesenswerten Essay verteidigt Zadie Smith die Freiheit der Fiktion, unter anderem gegen das Konzept der kulturellen Aneignung. Was ist so falsch daran, fragt Smith, andere Menschen zu imaginieren, sich in jemand anderen hineinzuversetzen? "Die Sprache ist zum bevorzugten Schlachtfeld geworden. Sie ist aber auch ein Behältnis, das Schreiben einengt. Der Begriff, den wir wählen - oder der uns angeboten wird - dient der Umschließung unserer Ideen, er formt und bestimmt die Art, wie wir denken oder denken, dass wir denken. Unsere Diskussionen über 'kulturelle Aneignung' zum Beispiel sind zwangsläufig von diesem Begriff beeinflusst. Und doch behandeln wir diese beiden sorgsam gewählten Wörter, als wären sie elementar, an sich neutral, vom Himmel geschickt. Dabei sind sie wie die gesamte Sprache verbale Behältnisse von Ideen, die nur das Aufkommen von bestimmten Gedanken zulassen, während sie die Möglichkeiten anderer begrenzen. Wie würden unsere Diskussionen über Literatur aussehen, frage ich mich, wenn wir das Schreiben über Andere nicht mit dem Begriff der kulturellen Aneignung labelten, sondern eher mit 'gegenseitiger Voyeurismus', 'tiefe Faszination für Andere' oder 'Belebung durch wechselseitigen Hautkontakt'? Unsere Debatten wären immer noch lebhaft, vielleicht auch immer noch wütend - aber ich bin sicher, sie wären nicht dieselben. Sind wir nicht ein bisschen zu passiv angesichts ererbter Konzepte? Wir erlauben ihnen, für uns zu denken, und sie stehen als Platzhalter da für das, worüber wir uns keine eigenen Gedanken machen."