Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 24.03.2020 - New York Review of Books

Es ist eine jener typischen Kritiken aus der New York Review, fair bis in die Zehenspitzen, immer darauf aus, vor den Einwänden das Positive zu benennen. Und Tim Wu, Erfinder der "Netzneutralität", eines Grundbegriffs der digitalen Ära, Rechtsprofessor an der Columbia-Universität und Autor einiger wichtiger Bücher über die Digitalisierung, bespricht Shoshana Zuboffs Buch "The Age of Surveillance Capitalism", und er findet einiges Wichtige darin, das wichtigste im Titel selbst: "Überwachungskapitalismus" sei eine wahrhaft geniale Prägung. Zuboff sieht die Internetnutzer als Versuchskaninchen in einem gigantischen behaviouristischen Experiment, das darauf abzielt, unser Verhalten zu manipulieren. Wu kann Zuboff weithin zustimmen, wenn sie den allumfassenden Zugriff von Google, Facebook und anderen Plattformkonzernen auf die Daten der Nutzer kritisiert, allerdings kann er ihr nicht folgen, wenn sie Google als das Böse an sich sieht: Nach all ihren Argumenten, so Wu, "bleibt eine harte Frage: wie wichtig ist das überhaupt? Haben Google und Facebook als Beeinflusser unseres Verhaltens tatsächlich eine größere Durchschlagskraft auf uns als traditionelle Werbekonzerne oder andere Einflussquellen? Dem Marlboro Man, der 1954 debütierte, schrieb man eine Steigerung der Zigarettenverkäufe um 3.000 Prozent zu, nachdem die Zigarette zunächst als Frauenmarke vermarktet worden war (Slogan: 'Mild wie der Mai'). Und wie sollen wir den Einfluss Googles gegenüber dem eines Mediums wie Fox News bemessen, der der traditionellen Propagandaformel folgt? Kann der Einfluss von Plattformen tatsächlich mit früheren Formen der Propaganda verglichen werden, die etwa die Deutschen hinter Hitler versammelte?" Nun ja, der Hinweis auf China, das den Überwachungskapitalismus mit dem Totalitarismus verbindet, kommt in Wus Kritik auch - es wird aber nicht ganz klar, ob auch Zuboff zu dem Thema etwas sagt.

Coco Fusco stellt zwei kubanische Romane vor, die zeigen, wie sehr sich das Leben auf Kuba in den letzten zwanzig Jahren verändert hat, nicht zuletzt wegen der digitalen Technologien, die auch dazu beigetragen haben, die alten Antagonismen zwischen linken Revolutionären und ihren hartleibigen Gegnern aufzulösen. Heute lässt sich niemand mehr vorschreiben, was er auf Facebook, Youtube oder Whatsapp zu sagen hat: "Zwei im vergangenen Jahr veröffentlichte Romane, Carlos Manuel Álvarez' 'The Fallen' und Enrique Del Riscos 'Turcos en la niebla' (Die Orientierungslosen), sind Beispiele für diese Entschlossenheit. 'The Fallen' wurde von Frank Wynne mit großer Präzision ins Englische übersetzt. Del Riscos Roman ist noch nicht übersetzt, aber er sollte es sein, wenn auch nur, um Kubaphile, die kein Spanisch sprechen, dazu zu ermutigen, nicht mehr von Che Guevara und Fidel zu fantasieren und zur Kenntnis zu nehmen, wie die gegenwärtige amerikanische und kubanische Politik das Leben der Kubaner prägt. Diese Schriftsteller sind nicht nur kritisch gegenüber ihren Ältesten und der Welt, die sie geschaffen haben, sondern blicken auch ziemlich ironisch auf die scheinheilige Haltung der Gegner der kubanischen Regierung und die verwirrende Selbstgefälligkeit ihrer Landsleute. Obwohl beide Autoren das Gefühl vermitteln, dass die Revolution gescheitert ist, halten sie sich nicht mit Ursachenforschung oder Schuldzuweisungen auf, sondern widmen sich den Mühen und Selbsttäuschungen der einfachen Kubaner."

Außerdem in der NYRB: Anne Enright, Madeleine Schwartz, Joshua Hunt, Anna Badkhen, Lauren Groff und andere Autoren berichten in kurzen Briefen von ihren Erfahrungen mit der Pandemie. Fintan O'Toole nutzt Bernie Sanders' Memoiren zu einem umfassenden Porträt des Politikers. Janet Malcolm verliert sich in einem Foto, das Erinnerungen an eine frühe Liebe wachruft. Luc Sante liest Essays von Glenn O'Brien. Und Ethan Bronner liest zwei Bücher zum Stand der Beziehungen zwischen amerikanischen und israelischen Juden.

Magazinrundschau vom 10.03.2020 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe widmet sich Helen Epstein sehr eingehend einem Buch der Ökonomen Anne Case und Angus Deaton ("Deaths of Despair and the Future of Capitalism"). Die Autoren nehmen sich der Zehntausenden Toten an, die neuerdings für eine fallende Lebenserwartung in den USA sorgen - weiße Erwachsene ohne Bachelorabschluss: "Seit den frühen 1990ern ist die Todesrate bei den 45-54-jährigen weißen US-Amerikanern mit BA um 40 Prozent gefallen, bei denen ohne BA stieg sie um 25 Prozent … Die Autoren zeigen, wie die Krise sich, beginnend mit den Babyboomern über die Generationen entwickelte … Wachsende ökonomische Unsicherheit ist eine der Hauptursachen … Menschen ohne BA müssen mit schlecht bezahlten Service-Jobs vorliebnehmen, ohne Gesundheits- oder Altersvorsorge. Das Ende der Gewerkschaften bedeutet, dass diese Leute quasi keine Verhandlungsmacht besitzen. Einer von fünf Arbeitern unterliegt der Wettbewerbsverbotsklausel, sodass er nicht mal von einem Job als Hamburger-Brater zum nächsten wechseln darf … Andrew Cherlin und Timothy Nelson interviewten Dutzende Männer ohne BA, die meisten wechselten von einem aussichtslosen Job zum nächsten. Einer flog als Redaktionsassistent bei einer Lokalzeitung raus, als Stellen gestrichen wurden. Er wurde Parkplatzwächter, aber dann durch einen Automaten ersetzt. Danach arbeitete er für eine Catering-Firma, doch die ging leider pleite. Diese Instabilität spiegelt sich auch im Privatleben solcher Menschen wieder  … Laut Cherlin gehören amerikanische Familien zu den am wenigsten stabilen weltweit, was wieder für die häufig auftretenden Entwicklungsstörungen bei Kindern in den USA verantwortlich sein dürfte."

Magazinrundschau vom 25.02.2020 - New York Review of Books

In der aktuellen Ausgabe des Magazins macht sich Lili Loofbourow Gedanken über das Genre des posttraumatischen Romans und was es können sollte: "Wonach ich mich als Leserin sehne, ist eine Literatur, die über die Zeugenaussage vor Gericht und sentimentale Appelle hinausgeht und eine posttraumatische Zukunft eröffnet. Wie sieht das Dasein Überlebender aus, die ihre Verletzungen preisgeben mussten und den Täter verurteilt sehen - und auch, dass sich nicht allzu viel ändert. Mich interessiert ihre Sicht der Dinge und wie die Dinge ihrer Meinung nach sein sollten. Es gibt Chanel Millers Sachbuch 'Know My Name' und in der Belletristik Miriam Toews' 'Women Talking' und Rachel Clines 'The Question Authority'. Beide Romane sind fiktionale Bearbeitungen wirklicher Geschehnisse, beide vermischen die lähmenden Formeln, die wir aus Missbrauchsgeschichten kennen, und beide weiten sich in Subjektivitäten, die, wenngleich nicht immer hoffnungsvoll oder klar, so doch singulär und aus unserer Welt sind … Wenn Me Too der Vorwurf gemacht wird, mit zu breitem Pinsel zu malen, kommt es mir vor, als wenn Empörung und Differenzierung schwer zusammengehen, weil sie einander ausschließen. Diese Beeinträchtigung ergibt ein falsches Bild. In der Auseinandersetzung mit sexuellem Fehlverhalten tendiert unsere kampfbereite Gesellschaft dazu, die eine Seite in ein unvorstellbares Monster zu verwandeln und die andere in ein Opfer, dessen Zukunft schlicht nicht denkbar ist. So ein Muster hat ernste formale und erzählerische Mängel. Es gibt dem breiten Spektrum an Reaktionsmöglichkeiten auf Missbrauch und seine Enthüllung keinen Raum, ein Spektrum, das Verzweiflung und Ambivalenz beinhalten kann, Wut, Trauer, Erstarrung, Leugnung und sogar Hoffnung."

Eine Ausstellung zum Comickünstler und Erfinder Rube Goldberg und ein Buch erinnern Art Spiegelman an alte Zeiten, als Comics noch für Kinder waren: "Jetzt, wo Comics lange Hosen angezogen haben und mit den Erwachsenen herumstolzieren, indem sie sich Graphic Novels nennen, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass Comics ihre Wurzeln in subversiver Freude und Unsinn haben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Form beginnt der Comic eine Geschichte zu haben. Attraktiv gestaltete Sammlungen von 'Little Nemo', 'Krazy Kat', 'Thimble Theater', 'Barnaby', 'Pogo', 'Peanuts' und so vielen anderen - alle mit intelligenter historischer Wertschätzung - finden ihren Weg in Bibliotheken. Paul Tumey, der Comic-Historiker, der vor sieben Jahren das Buch 'The Art of Rube Goldberg' mit herausgegeben hat, hat kürzlich eine faszinierende und exzentrische Ergänzung zu den wachsenden Regalen der Comic-Geschichte zusammengestellt. Die Zukunft der Comics liegt in der Vergangenheit, und Tumey macht eine heldenhafte Arbeit, indem er in 'Screwball!' ein neues Licht auf die verborgenen Ecken dieser Vergangenheit wirft: Die Cartoonisten, die die Witze witzig machten. Es ist ein aufwendiges Bilderbuch mit über sechshundert Comics, Zeichnungen und Fotos, von denen viele seit ihrer vierundzwanzigstündigen Lebenszeit in Zeitungen vor etwa einem Jahrhundert nicht mehr gesehen wurden."

Und hier ein klassischer Goldberg von 1924:



Weitere Artikel: Caroline Fraser sieht die demokratische Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren in der Falle. Bill Kibben gibt uns nur noch wenig Zeit im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Charles Petersen liest sich durch einen Stapel Bücher, der sich mit der Ausbeutung des akademischen Personals dort befasst. Und Ruth Franklin taucht ein in den kosmischen Katechismus der Kinderbuchautorin Madeleine L'Engle.
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Magazinrundschau vom 11.02.2020 - New York Review of Books

Ein schrankenloser Glaube an Markt und Technologie hat den Niedergang des Journalismus bewirkt, glaubt Nicholas Lemann, der frühere Leiter der Columbia Journalism School. Die Werbepreise sind in den USA von 7.000 auf 20 Dollar gestürzt, die Werbeeinnahmen von 45 auf 18 Millarden gefallen und 60 Prozent weniger RedakteurInnen werden beschäftigt werden. Nach der Lektüre der einschlägigen Bücher von Jill Abramson bis Alan Rusbridger nimmt Lemann alte und neue Finanzierungsmodelle unter die Lupe: "Während der durch üppige Werbung finanzierten Goldenen Jahre neigte der Journalismus, wie Matthew Pressman darlegt, zu einem konsumorientierten Lifestyle-Journalismus. Ein von den eigenen Lesern finanzierter Internet-Journalismus rückt den redaktionellen Inhalt in eine stärker ideologisch ausgerichtete Richtung, eine die eher bestätigt als herausfordert, was die eigene Leserschaft bereits denkt. So macht es auch das Kabelfernsehen. Die Schwäche der großen regulierten Fernsehanstalten ist ihr exzessiv nüchterner, auf die Mitte ausgerichteter und entschieden unkontroverser Journalismus. Von Wohltätern und Stiftungen unterstützter Journalismus neigt zu einer Fokussierung auf Themen, die wohlhabenden Philanthropen wichtig sind - mehr Klimawandel und weniger Arbeiterorganisation - und dazu, direkte politische Ergebnisse zu erbringen, wies es Journalismus eigentlich nicht leisten kann." Was bleibt also? "Es gibt eine andere Möglichkeit, den Journalismus zu retten und wie alle anderen ist sie nicht perfekt: direkte staatliche Unterstützung."

Noch nie gingen die Welten in der Mode so weit auseinander, beobachtet Cintra Wilson beim Blättern durch die Modezeitschriften: Das neue Schick liegt nicht mehr leicht über dem, was man sich leisten kann, es liegt jenseits unserer Vorstellungskraft: "Es herrscht Geheimhaltung. Die extrem Reichen haben sich selbst von jenen Zirkeln entfernt, zu denen sie lange gehörten. Superplutokraten sind mit ihren gepanzerten Privatsphären, Firewalls und atombombensicheren Fluhgzeugen noch weiter emporgestiegen, in das Mysterium und die Unbegreifbarkeit des Göttlichen." Das Gewissen der Mittelklasse leidet derweil an der Fast Fashion, was Wilson absolut verständlich findet angesichts der Umweltbelastungen der schnellen Billigmode, die ihr Dana Thomas mit ihrem Buch "Fashionopolis" vor Augen führt. Aber Modeverleih, wie Thomas empfiehlt, sei keine Lösung: "Sie fällt damit einer gewissen Kurzichtigkeit der Mittelklasse zum Opfer. Leihen statt zu kaufen, ist vielleicht ein vielversprechender Schritt bei der Entwöhnung von fataler Modesucht, aber genau so unbefriedigend wie das Zurückholen von Arbeitsplätzen in die von Nafta verheerten Gegenden zu schlechteren Bedingungen. Das Leihen von Kleidung macht nur Sinn, wenn man komfortabel über der Armutsgrenze lebt. Wer weniger Glück hat, ist auf Läden wie H&M oder Zara angewiesen, um stylish auszusehen, bei einem Budget, das nach vierzig Jahren Lohndumping übrig ist."

Außerdem übernimmt die NYRB einen Essay von Zadie Smith aus dem Ausstellungskatalog zu Kara Walkers großer Ausstellung in der Londoner Tate, in dem sie das Verhältnis der Künstlerin zur Geschichte beleuchtet. Michael Gorra liest Samuel Mosers Susan-Sontag-Biografie.

Magazinrundschau vom 28.01.2020 - New York Review of Books

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze berichtet von einer neuen kritischen Richtung amerikanischer Wissenschaftler, die der unguten Verquickung von Recht und Ökonomie auf den Zahn fühlen. Die Yale-Juristin Catherine Pistor beschreibt etwa in ihrem Buch "The Code of Capital", wie einst der englische Landadel seinen Besitz in Trust verwandelte und diesen mit Hypotheken belastete, die er den Pächtern aufhalste. Genauso diene ein undurchschaubares Privatrecht noch heute der Besitzsicherung und -vermehrung einer privilegierten Klasse: "Auch wenn wir in einer nominell demokratischen Gesellschaft leben, meint Pistor, reicht der feudale Calculus bis in unsere Zeit hinein: die Überlegenheit rechtlicher Kodierung, das heißt teure Anwälte. Sie nutzen zentrale Institute des Privatrechts, um bestimmte Vermögen noch wertvoller oder profitabler zu machen... Unternehmensrecht dient 'nicht mehr in erster Linie als rechtliches Vehikel, um Waren zu produzieren oder Dienste anzubieten, sondern als veritable Gelddruckmaschine'. Nirgendwo sieht man das besser als in der Finanzindustrie. Als 2008 Lehman Brothers zusammenbrach, erwies sich die rechtliche Struktur der Invenstmentbank als byzantinisch. Sie bestand aus einer Holding mit 209 eingetragenen Tochtergesellschaften, die sich auf 26 Jurisdiktionen verteilten. Diese Struktur, erdacht von einigen der klügsten Juristen der Wall Street, war eine Maschinerie, die Lehmans regulatorische Belastungen minimieren sollte, indem sie Vermögen an Orte mit laxen Regularien platzierte, wobei das Manangement in Manhatten gleichzeitig maximale Kontrolle über sie behielt. Lehman ging bei hauchdünnen Sicherheiten hohe Risiken ein. Solange die Dinge gut liefen, war das ungeheuer profitabel."

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - New York Review of Books

Cathleen Schine taucht in die biografischen Tiefen der schillernden Alma Mahler und führt ihre unwiderstehliche Wirkungskraft auf die unzähligen Künstler ihrer Zeit en détail aus. Allumfassend beschreibt sie das Bild einer ausgesprochen begabten Frau, die für "Kunst und Musik, Genie und Sex" glühte, sich aber letztlich nie aus ihrer Rolle als Muse befreien konnte. Dabei diente sie bekanntlich nicht nur einem Genie: "Alma gab (ihrem Liebhaber) Walter Gropius den Laufpass, gerührt von der neu auflebenden Hingabe ihres Ehemanns Gustav Mahler und überzeugt davon, dass Gustav sich ohne sie in den Tod stürzen würde. Gustav schrieb ihr Liebesgedichte, bedeckte ihre Pantoffeln mit Küssen, begann aufs Neue ihre Musik zu hören und flehte sie an, die Arbeit an ihren Kompositionen fortzusetzen. Für Alma, die zweifellos talentiert war und deren Stücke noch heute bewundert werden, markierte dieser Lebensabschnitt ihr künstlerisches Talent, vor allem aber ihre Rolle als Muse für die Künstler ihrer Zeit. Ihre Tochter Anna berichtet: 'Wenn Alma durch die Tür trat, war der Raum elektrisch geladen. Sie war eine wahnsinnig leidenschaftliche Frau, schenkte ihren Zeitgenossen ungeteilte Aufmerksamkeit und regte sie in ihrem Schaffen an. Sie besaß die außergewöhnliche Gabe, Menschen innerhalb von Sekunden zu verzaubern.' Albrecht Joseph, später Annas fünfter Ehemann, den die 'schäbige' Erscheinung der heiß begehrten Verführerin zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung im Jahr 1931 sehr verwunderte, beschrieb ihre einzigartige Gabe damit, 'ein allumfassendes Verständnis davon zu besitzen, wonach die Künstler ihrer Zeit strebten und sie darin wachsen zu lassen.' Die Intensität, mit der sie an ihrem Glauben an den Künstler als Genie festhielt, wirkte auf ihre Zeitgenossen nahezu gewaltsam anziehend. Gustav konnte, wie die anderen Liebhaber Mahlers, sein künstlerisches Schaffen nicht mehr ohne Alma Mahler denken."

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - New York Review of Books

Unvorstellbar, dass ein deutscher Schriftsteller so einen Text schreiben würde. Joseph O'Neill, Autor mehrerer Romane, überlegt mit Hilfe zweier neuer Bücher, woran es liegen könnte, dass die Demokraten so viele Wahlen verlieren, obwohl sie eine für den größten Teil der Bevölkerung weitaus vorteilhaftere Politik machen als die Republikaner. O'Neill interessiert sich in diesem Zusammenhang nicht die Bohne für abstrakte und moralische Theorien, sondern für die politische Strategie: Anders als die Demokraten, die auf Washington setzen, unterstützen die Republikaner unzählige lokale Graswurzelbewegungen mit dem Ziel, eine republikanische Basis in den Bundesstaaten aufzubauen, lernt er. "Es ist unbestritten, dass dieser Aufwand funktioniert hat. Tatsächlich hat er eine Art bolschewistisches Traumland hervorgebracht, in dem einige milliardenschwere Hyperkapitalisten und libertäre Extremisten einen beträchtlichen Kader von Berufsideologen und Organisatoren betreuen, die die langweilige, technische und hartnäckige Arbeit der Radikalisierung, Ausbildung, Belohnung und Kontrolle konservativer Gesetzgeber, politischer Theoretiker, Medienvertreter, Propagandisten, Administratoren, Evangelisten und Richter leisten. Dies führt zu einer selbsttragenden Avantgarde mit echter Macht, echtem Fachwissen und einem wilden Siegeswillen, der immer stärker jede Loyalität zu den ethischen und zivilen Normen einer modernen Demokratie überwiegt. Gerrymandering, Wählerunterdrückung, intellektuell unredliche Gerichtsentscheidungen und systematische Desinformation sind heute wesentliche republikanische Taktiken. Es gibt einen Grund, warum die GOP, trotz all ihrer materiellen Nutzlosigkeit, ein so gewaltiger politischer Gegner ist. Sie spielt, um zu gewinnen."

Weiteres: Anna Deavere Smith liest Colson Whiteheads Roman "The Nickel Boys". Und Langdon Hammer vertieft sich in die Dolphin-Briefe von Elizabeth Hardwick und Robert Lowell.

Magazinrundschau vom 10.12.2019 - New York Review of Books

Sue Halpern graut es beim Lesen von Andy Greenbergs Recherche "Sandworm", die den Spuren der berüchtigten russischen Hackergruppe des militärischen Geheimdienst GRU folgt. Greenberg kann zeigen, wie die als "Einheit 74455" identifizierte Truppe in Estland, Georgien und der Ukraine Kraftwerke lahmlegte, Medien ausschaltete, Regierungsrechner blockierte, und schließlich auch die Reederei Maersk und das Pharmaunternehmen Merck sabotierte. Bisher bestand der Cyberwar vor allem in psychologischer Kriegsführung, aber beruhigen kann das Halpern nicht: "Als 2015 zum ersten Mal in der Ukraine die Lichter ausgingen, bestritten amerikanische Regierungsvertreter, dass ein solcher Angriff auch in den Vereinigten Staaten geschehen könnte. Sie verwarfen auch die Möglichkeit, dass das amerikanische Wahlsystem angegriffen werden könnte, weil es zu dezentralisiert organisiert sei - was sie bis heute behaupten, obwohl sich während der Präsidentschaftswahlen 2016 herausstellte, dass genau dies geschehen war. Der Zeitpunkt war günstig. Nicht lang nach dem ersten Angriff auf das ukrainische Stromnetz begannen russische Hacker, das Wahlsystem jedes amerikanischen Bundesstaats zu hacken. Sie schafften es auch in zumindest einen privaten Anbieter für Wahlausstattung. Nach Bekanntwerden des Hacks meldeten die amerikanischen Geheimdienste, dass keine Stimmen verändert wurde, aber das war vielleicht Wunschdenken: Homeland Security untersuchte die Systeme der Bundesstaaten nicht forensisch, dreizehn von ihnen benutzten papierlose Stimmabgabemaschinen, die nicht geprüft werden konnten. Während der ganzen Präsidentschaftskampgane behauptete Donald Trump fortwährend, dass das System gegen ihn arbeitet. Russlands Ukraine-Skript - die Demokratie zu schwächen, indem die Legitimation von Wahlen in Zweifel gezogen wird - war erfolgreich exportiert worden."

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - New York Review of Books

Roberto Saviano erklärt in einem langen Artikel die Symbole, deren sich verschiedene Mafiaorganisationen bedienen, um ihre Macht zu demonstrieren. Dazu zählt der Kuss: "Bei der Cosa Nostra beispielsweise bestätigt ein Kuss auf die Stirn die Wahl eines neuen Chefs. Im Jahr 2015 wurde der alte Palermo-Chef Salvatore Profeta von den Strafverfolgungsbehörden erwischt und küsste die Stirn von Giuseppe Greco, dem neuen Paten, der bei den bevorstehenden 'Wahlen' Bezirkschef werden will. Mit diesem Kuss gab er sein Placet und zeigte seine öffentliche Unterstützung für die Kandidatur des neuen Chefs. In der Camorra - der neapolitanischen Mafia - wurden in jüngster Zeit mehrere Mitarbeiter beobachtet, die unmittelbar nach ihrer Verhaftung auf die Lippen geküsst wurden. Oft ist es ein anderer Mann - ein Sohn, ein Bruder, ein Schwager, eine rechte Hand, die den verhafteten Mann küsst, und dieser Kuss versiegelt seine Lippen und verspricht der Welt, dass er nicht reden wird, nicht zum Zeugen des Staates werden wird. Die Person, die den Kuss gibt, ist der Garant des Pfandes: Würde der Gefangene sprechen, wäre er der erste, der den Preis zu zahlen hätte, also die Person (immer jemand, der dem Gefangenen lieb ist), die ihn geküsst hat."
Stichwörter: Mafia

Magazinrundschau vom 19.11.2019 - New York Review of Books

Vija Celmins: Untitled (Ocean), 1970. Bild: Modern Art Museum of Fort Worth

Susan Tallman freut sich über den großen Auftritt, den das Met Breuer Museum in New York der 1938 in Riga geborenen amerikanischen Künstlerin Vija Celmins mit einer umfassenden Retrospektive bereitet. Celmins' Kunst ist im Grunde reine Bildlichkeit, meint Tallman, keine Theorie, sondern Sehen und Malen, und zwar eines ohne Fluchtpunkt und ohne Hierarchien: "Celmins wird seit mehr als fünfzig Jahren bewundert, doch fiel es den Kritikern meist nicht leicht, die Eindringlichkeit und anhaltende Kraft ihres Werks zu erklären. In einer Kunstwelt, die lautstarke Behauptungen und die energische Annexion von Wandfläche belohnt, sticht ihre durchdachte, bescheidene Schwarzweiß-Kunst hervor. Während ein Großteil der zeitgenössischen Kunst stolz auf die eigene Kompliziertheit, ja Undurchschaubarkeit ist, sind Celmins Bilder und Zeichnungen von Nachthimmeln und Ozeanen gefällig und auf angenehme Art großzügig, selbst wenn sie sich mit gewichtigen Fragen zu den Mechanismen und Folgen von Repräsentation beschäftigt. All dies macht ihre Arbeiten schwer fassbar in der gegenwärtigen Kunstsprache. Wenn man etwa ihre Paarung identischer Steine betrachtet, kommt einem nicht das Word Simulacrum in den Sinn, sondern Erhabenheit."

Weitere Artikel: Recht spöttisch bemerkt David Graeber, wie in der Ökonomie die Grundfesten der Theorie erschüttert werden, ohne dass sich Ökonomen davon beirren lassen: "Seit der Rezession von 2008 haben Zentralbanken wie verrückt Geld gedruckt, um Inflation zu erzeugen und die Reichen dazu zu bringen, etwas Sinnvolles mit ihrem Geld anzufangen. Mit beidem waren sie erfolglos. Wir leben jetzt in einem völlig anderen ökonomischen Universum als vor dem Crash. Sinkende Arbeitslosigkeit treibt nicht mehr die Löhne nach oben. Geld zu drucken verursacht keine Inflation. Doch die öffentliche Debatte und die Weisheiten der Lehrbücher bleiben nahezu unverändert." In einer herben Attacke auf Generationen von Architekten, die das New Yorker Moma immer planloser ins Megalomane ausbauten, erinnert Martin Filler an den Ursprungsbau von Philip L. Goodwin und Edward Durell Stone. Der sei zwar kein architektonisches Meisterwerk gewesen, gründete aber auf einer grandiosen Idee: Nach all den europäischen Königspalästen und der diesen nachempfundenen Nationalgalerie die Ausstellung von Kunst zu demokratisieren.