Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

866 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 87

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - New Yorker

Die Gynäkologin Sally Greenwald bietet im Silicon Valley Concierge-Medizin für Frauen an, die sich die Mitgliedschaft im "Billionaires Vagina Club" für mehrere zehntausend Dollar im Jahr leisten können, bringt Melanie Thernstrom für den New Yorker in Erfahrung. Greenwald scheint alles über den weiblichen Körper zu wissen und kann neueste Erkenntnisse zu Menopause und Sexleben anschaulich an Greenwald und deren Patientin Lily vermitteln: "Mit ihren routinierten Erklärungen und Gesten könnte sie auch Flugbegleiterin sein, die vor dem Start die Sicherheitshinweise erklärt. Nur eine von fünf Frauen kommt allein durch interne Stimulation zum Höhepunkt, so Greenwald. Viele finden den mysteriösen G-Punkt nie. Aber der G-Punkt wird im mittleren Alter zunehmend wichtiger, weil sich Frauen nicht darauf verlassen können, dass ihre sexuellen Empfindungen die gleichen bleiben. 'Der Klitorisnerv hat zwei verschiedene Nervenfasern', so Greenwald weiter, Lily und ich nicken unwissend. Diese Nervenwurzel verläuft sowohl innerlich als auch extern, endet in der Klitoriseichel und besteht aus zwei verschiedenen Nervenfasern, von denen eine auf leichte Berührung und Wärme anspricht und die andere Vibration und Druck spürt. Aber wenn wir altern, fügt sie hinzu, degeneriert die wärme- und berührungsempfindliche Nervenfaser, während die, die auf Vibration und Druck reagiert, ihre Empfindsamkeit behält. Nach der Menopause, mit nicht mehr ausreichendem Östrogen, um das Gewebe zu nähren und den Blutfluss zu erleichtern, fängt die Klitoris an, ihre Sensibilität einzubüßen, sodass es zu Orgasmen mit niedriger Qualität kommt (Ich hatte noch nie von solchen Orgasmen gehört)."

Magazinrundschau vom 22.06.2026 - New Yorker

Charlie Kirk kam über das Internet in die Kinderzimmer vieler junger Amerikaner, die während der Covid-Pandemie nach Orientierung gesucht haben. Vielerorts bildeten sich Jugendabteilungen seiner "Turning Point"-Organisation, lernt Eliza Griswold, die für ihre Reportage u.a. die 16-jährige Joyce besucht hat, die in der Zoohandlung ihrer Eltern jobbt und "unschooled" ist, das heißt, keine Schule besucht und auch zu Hause nicht unterrichtet wird. Seit Kirks Tod schwächelt die Organisation, aber Joyce bleibt dabei: "'Ich habe gesagt, Gott, wenn das hier nicht für mich gedacht ist, gib mir ein Zeichen.' Sie hat aber keins erhalten. Joyce bewegt sich von MAGA weg, richtig begeistert war sie nie: 'Ich habe einen Hut und einen Anstecker bei der Wahl bekommen, sie aber nie getragen', erzählt sie. Auch die verschiedenen Stimmen, die in Kirks Abwesenheit um Macht kämpfen, haben sie schnell ermüdet. 'Jeder hasst Nick Fuentes', sagt sie über den weißen Nationalisten. 'Ich halte nichts von Nick Fuentes, aber Taylor Swift stimme ich ebenso wenig zu.' Neuerdings betet Joyce für die Zoohandlung (…), um sicherzustellen, dass 'alle gesund und munter sind'. Sie bittet um Gottes Beistand für den Tag und um seinen Schutz. Das Geschäft hatte in der Vergangenheit schon seltsame Besucher: ein Mann, dem ein Kaninchen verwehrt wurde, zückte eine Feuerwaffe, die sich als Spielzeug herausstellte. Seit Joyce im Geschäft betet, 'habe ich bemerkt, dass es weniger Chaos gibt'. Sie hat mit Turning Point darüber gesprochen, eine explizit glaubensbasierte Ortsgruppe zu gründen. 'Ich will das wirklich, wirklich, wirklich, wirklich machen', sagt sie. 'Aber am Ende des Tages, egal, was mit Turning Point passiert, ich bin hier, es sei denn, sie werfen mich raus."
 
Die Repossession-Industrie in den USA boomt, weil immer mehr Amerikaner sich die Kreditraten für ihr Auto nicht mehr leisten können. Die Repo-Man (eine Art Inkassoeintreiber für die Banken, die bei einem Zahlungsrückstand der Schuldner die Autos einkassieren), bewegen sich dabei häufig auf semilegalem und weitestgehend unreglementiertem Terrain, wie Paige Williams berichtet. Ihre Reportage ist im wesentlichen ein Porträt des Repo-Man Matthew Pitmans, der unter dem Namen "RepoNut" Videos seiner Rückholaktionen auf Youtube hochgeladen hat. "Pitman handelte nach der Grundüberzeugung: 'Wenn die Leute dich mögen, tun sie dir nichts an.' Mit freundlichem Geplänkel brachte er die Schuldner aus der Fassung. 'Schöner Jeep!', pflegte er zu sagen. 'Hast du den selbst umgebaut?' Auf RepoNut erklärte er einmal: 'Wenn ein Pfändungsbeamter bei jemandem zu Hause auftaucht, um sein Fahrzeug abzuholen, steckt die Person oft in der Insolvenz, in einer Scheidung oder in ständigen Streitigkeiten mit dem Ehepartner. Manchmal sogar am finanziellen Ruin. Ihr Leben bricht auseinander.' Er filmte und veröffentlichte die Videos trotzdem. RepoNut entstand während der Großen Rezession. Zwischen Dezember 2007 und Anfang 2010 gingen fast neun Millionen Arbeitsplätze verloren. Da sie gezwungen waren, harte Sparentscheidungen zu treffen, räumten viele Amerikaner ihren Ratenzahlungen für das Auto Vorrang vor der Hypothek ein und wägten den dringenden Bedarf an einem eigenen Fahrzeug - für Arbeit und Einkäufe, den Weg zur Kirche und Arzttermine - gegen den relativ langwierigen Prozess einer Zwangsvollstreckung ab. Dennoch wurden laut Cox Automotive auf dem Höhepunkt der Rezession im Jahr 2009 1,8 Millionen Autos gepfändet - eine beispiellose Zahl. Pitman war das Gesicht, das Tausende von Verbrauchern sahen - oder auch nicht -, als das Finanzsystem sie einholte."

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - New Yorker

Edmonia Lewis war eine kleinwüchsige schwarze, indigene Bildhauerin - im Amerika des 19. Jahrhunderts etwas nahezu Unerhörtes. In jüngster Zeit haben ihr Leben und Werk wissenschaftliches und auch kuratorisches Interesse geweckt. So konnte Zachary Fine für den New Yorker durch die Ausstellung "Edmonia Lewis: Said in Stone" im Peabody Essex Museum streifen und erlebt eine Künstlerin, die schwer zu greifen ist: "Die Ausstellung eröffnet mit Lewis' Skulptur 'Forever Free' (1866-67, Bilder). Ungefähr einen Meter ist sie groß und zeigt einen Mann und eine Frau, die gerade von der Emanzipationserklärung gehört haben. Der Mann, mit nacktem Oberkörper und in kurzen Hosen, reckt in der einen Hand seine zerborstenen Fesseln empor und legt die andere auf die Schulter der Frau, die kniend ihre Augen gen Himmel richtet. Durch die Linse des Bürgerkriegs und seiner Nachwehen betrachtet, unterläuft das Werk alle Erwartungen. Lewis' Klientel, überwiegend weiß, hätte erwartet, dass sie Lincoln zum Vollstrecker der Freiheit macht, so wie Thomas Ball es in seinem 'Emancipation Memorial' (1876) auf dem Capitol Hill getan hat, aber stattdessen lässt sie ihre versklavten Subjekte sich selbst befreien. Das mag ermächtigend wirken, aber ist es das wirklich? Die Frau wirkt eingesunken, unterwürfig; die Gesichtszüge der Figuren wurden verwässert, um ethnische Uneindeutigkeit zu erzeugen. Dann ist da der Marmor selbst: Ein antikes Material, angewandt auf ein historisches Ereignis, das kaum drei Jahre her ist, ein Material voller Assoziationen von Reinheit und 'rassischer Hygiene', dem Ton der Befreiung angepasst. (…) In der Summe ist Lewis' Schöpfung ein Gewirr von Widersprüchen. Es ist zeitlos und mutig neu, regressiv und innovativ zugleich. Es ist die konservativste radikale Skulptur, die ich je gesehen habe."

Magazinrundschau vom 16.06.2026 - New Yorker

Wie das komplexe Verhältnis Amerikas zur Religion zustande kam, kann Michael Luo für den New Yorker in Matthew Avery Suttons Buch "Chosen Land: How Christianity Made America and Americans Remade Christianity" nachlesen. Viele der heute berühmt-berüchtigten evangelikalen Priester und Aktivisten sind bei einem Pseudowissenschaftler in Schule gegangen, David Barton, bei ihm laufen die Fäden der Entwicklung zusammen: "Am Ende des 20. Jahrhunderts war dieser fundamentalistisch beeinflusste Evangelikalismus mit seiner muskelprotzenden Politik zweifellos der große Gewinner in der amerikanischen Religions-Ökonomie. Viele der bekanntesten Unternehmer der amerikanischen Kirche bewegen sich heute zwischen der spirituellen und der politischen Sphäre. In den späten Achtzigern gründete David Barton, ein früherer Jugendpastor und Mathe- und Naturwissenschaftslehrer, 'WallBuilders', eine Organisation in Aledo, Texas, die sich 'der Lehre von Amerikas vergessener Geschichte und ihrer Helden' verschreibt, 'mit Betonung der christlichen Moral und verfassungsbedingten Grundlage, auf der unser Land aufbaut'. Barton war kein Historiker - er hatte einen Abschluss an der Oral Roberts Universität in Religionsdidaktik gemacht - aber er hatte ein Hobby-Interesse an den Gründervätern entwickelt. 1989 veröffentlichte er sein erstes Buch, 'The Myth of Separation', das Lesern zu offenbaren versprach, 'was die Gründer und frühen Gerichte wirklich gesagt haben' über die Trennung von Kirche und Staat. Er schrieb mehr als zwanzig weitere Bücher und ist damit der führende Vertreter einer heimeligen Industrie, die historische Missinformation tief mit der Welt evangelikaler Kirchen, Homeschooler und weiterer Interessensverbände verwoben hat. Bartons Werk ist von Historikern auseinandergenommen worden, das hat seiner Beliebtheit aber kaum geschadet. In 'One State Under God: A History of Religion in Texas' hält der Historiker Joseph L. Locke fest, dass Leser von Bartons Büchern auch gar nicht an rigoroser Recherche interessiert waren. 'Stattdessen wollten sie eine Waffe', so Locke, 'und Barton hat sie ihnen gegeben.'"

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - New Yorker

Die Erderwärmung bedroht uns auch, weil Mikrobiome gedeihen, warnt Shayla Love. Durch ihre schnelle Evolutionsgeschwindigkeit sind sie anpassungsfähig - und deswegen auch über den kompletten Erdball verteilt zu finden: "Was fast alle Mikroben gemeinsam haben, ist, dass sie allgegenwärtig sind. Es gibt ein Sprichwort unter Umweltbiologen, die sich auf Mikroben spezialisiert haben, erfahre ich von der Meeresbiologin Antje Boetius: Alles ist überall. Ein einzelner Tropfen Salzwasser kann beispielsweise eine Million Mikroben enthalten, inklusive hundert oder mehr verschiedenen Bakterienarten. Mikroben kolonisieren jede Pflanze und jedes Tier, tot oder lebendig; sie leben auf eingefrorenen Berggipfeln, in höllisch heißen Vulkanen und auf dem Boden der tiefsten Höhlen und Ozeane. Wissenschaftler, die Proben aus den sauberen Räumen genommen haben, in denen die NASA ihre Raumfahrzeuge baut, haben allein auf den Böden 215 verschiedene Bakterienstämme gefunden. Mikroben haben sogar ihre eigenen Mikroben." Der Forscher Daniel Smith hat die Adaption eines Pilzes an die ihn umgebenden Bedingungen mit einem ungewöhnlichen Versuch erforscht: "Er hat gelbe Starburst-Kaubonbons in verschiedenen Nachbarschaften in Baltimore auf den Gehweg geklebt, in der Hoffnung, dass sie als Kleber für Mikroorganismen fungieren würden. Er hat die Bonbons dann in Kochsalzlösung aufgelöst und Kulturen des mikrobiellen Lebens genommen (…). Die Pilze aus heißeren Nachbarschaften zeigten sichtbare Differenzen: Schimmel und Hefen waren heller, was bedeutet, dass sie weniger Melanin produzieren, das Hitze absorbiert. Mehrere Arten von Fungi konnte er nur an den heißesten Orten finden - zum Beispiel eine hitze-resistente Kultur einer gewöhnlichen Hefe und mehrere Arten von Cystobasidium, das immungeschwächte Menschen infizieren kann. Eine Art, Cystobasidium minutum, konnte bei 31 Grad wachsen. 'Je mehr die Temperaturbedingungen der Welt die unseres Körpers nachahmen, desto wahrscheinlicher wird es, dass Pilze die thermale Barriere überwinden können, die uns für Millionen Jahre geschützt hat.'"

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Becca Rothfeld liest das noch einmal aufgelegte Opus magnum "Love and Death in the American Novel" des Literaturkritikers Leslie Fiedler , der hier argumentiert, dass Bücher wie "Huckleberry Finn" oder "Moby Dick" "Visionen des Entkommens von der Zivilisation und somit vom Erwachsenwerden sind. Die Protagonisten sind Ausreißer - etwa Männer, die sich Walexpeditionen anschließen, um der Krise an Land zu entgehen, Jungs, die auf einem Floß den Mississippi runterbrettern, um ihren Erziehungsberechtigten und ihren Aufgaben im Haushalt zu entkommen. Stilistisch sind diese Bücher oft surreal und verträumt, mit der hingehauchten Textur der Kindheitsträume. 'Unsere Fiktion ist essentiell und im besten Fall unrealistisch, gar anti-realistisch', schreibt Fiedler. Eine Welt ohne Vergangenheit - eine Welt der ewigen Kindheit - muss eine Welt ohne Sex sein, und in Fiedlers Augen gibt es keine Literatur, die so prüde ist wie die unsere." Ob die These, dass die amerikanische Literatur mit ihrem Fokus auf die Jugend vor Sexualität davonrennt, in jedem Falle haltbar ist, ist für Rothfeld die falsche Frage: "Eine fünfhundert Seiten umfassende Studie zum amerikanischen Roman, die unentwegt unangreifbar ist, wäre ein Werk simpler Beschreibungen, nicht aber ein passionierter Interpretation - es wäre also langweilig."

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - New Yorker

In Zeiten des AI-Slops tut es gut, sich darauf zu besinnen, dass es schon viele Versuche gab, maschinell zu schreiben, wie Jill Lepore im New Yorker erinnert. Noch konnte keine der Maschinen den Menschen den Rang ablaufen: "In einem 1919 veröffentlichten Schreibguide, 'Ten Million Photoplay Plots', erzählt der Schwindler Wycliffe A. Hill werdenden Drehbuchautoren, es gebe 37 mögliche Story Lines, die mit einer Nummer an Charakteren, Situationen und Subplots kombiniert werden können, um die mathematisch präzise Nummer von 10.494.360 möglichen Plots zu ergeben. Nachdem das Wort 'Roboter' 1920 im Zusammenhang mit dem tschechischen Stück 'R.U.R.' entstanden war und sich eine Faszination mit mechanischen Menschen entwickelt hatte, veröffentlichte Hill 1931 eine Folgeanleitung, die das beinhaltete, was er den Plot-Roboter nannte. (…) Tatsächlich gab es gar keinen Roboter. Wenn man das Buch gekauft hatte, fand man heraus, dass es sich bei dem Plot-Roboter um ein Nummernrädchen aus Karton handlete. Diese Schwindeleien gibt es noch immer. Dieser Tage kann man Schreib-Würfel erwerben, um sich beim Romanschreiben helfen zu lassen: Neun Würfel! 'Tausende Kombinationen, und du wirst nie wieder Angst vor dem leeren Blatt haben!'" Dass man sich dem Slop aber nicht einfach hingeben muss, ist für Lepore glaskar: "Zur Debatte steht, dass uns etwas Großes bevorsteht, das jemand Anderes, etwas Anderes, den Plot schreibt. Aber sollten wir das nicht tun? Denn bislang ist der Plot einfach Slop."

Frederic Edwin Church: "Heart of the Andes". 1859. Metropolitan Museum of Art. Bild: Wikipedia

Einst galt Frederic Edwin Church, ein wichtiger Vertreter der Hudson River School, als einer der erfolgreichsten amerikanischen Nationalkünstler, der den Amerikanern die Illusion der Unschuld schenkte. Um 1900 war er fast vergessen. Zum 200. Geburtstag überlegt der Kunsthistoriker Sebastian Smee, auch mit Rückgriff auf Victoria Johnsons gerade erschienene Church-Biografie "Glorious Country", woher das plötzliche Desinteresse an Churchs detailreichen Panoramalandschaften kam. Seinen Bildern eignete stets etwas Moralisches, er wollte "helfen, Amerikas 'starke Linien' wiederherzustellen, die er als republikanisch, abolitionistisch, christlich und wissenschaftlich betrachtete. Wie Humboldt glaubte er, dass Wissenschaft und Religion miteinander vereinbar seien." Humboldts Spuren folgend, reiste er durch die Anden und schuf sein Meisterwerk: "Die Fülle an präzise wiedergegebenen Details in 'Das Herz der Anden' ist faszinierend und erinnert an die zwanglosen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Romantik in jenen Jahren. So wie Emerson geschrieben hatte, dass 'jede Erscheinung in der Natur einem bestimmten Geisteszustand entspricht', sorgte Church dafür, wie die Kunsthistorikerin Rebecca Bedell über das Gemälde sagte, dass 'fast jedes bildliche Detail sein Gegenstück in Humboldts Worten hat'." Zudem war Church der "erste große amerikanische Maler, der es sich zur Aufgabe machte, Europa zu brüskieren; er wuchs weder dort auf noch wurde er dort ausgebildet und betrat den Kontinent erst, als sein Ruf bereits lange etabliert war. Doch er verließ sich weiterhin stark auf europäische Bildkonventionen, vor allem auf die des romantischen Erhabenen." Das könnte seinen Fall begründet haben, glaubt Smee, denn Europas schiere kulturelle Bedeutung verstärkte "Amerikas Trennungsdrang".

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - New Yorker

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So bahnbrechend, wie sich die Gründerväter der USA das vorgestellt haben, waren Revolution und Unabhängigkeit vielleicht doch nicht, denkt der Historiker Daniel Immerwahr nach Lektüre von "Republic and Empire" von Andre Jackson O'Shaughnessy und Trevor Burnard, das die amerikanische Revolution aus britischer Perspektive beleuchtet, und "Freedom Round the Globe" von Sarah Pearsall, das ihre Spuren rund um den Globus verfolgt: "Die amerikanischen Siedler haben die britische Monarchie nicht gestürzt, sie sind ihr nur entkommen. Doch könnten sie immerhin dafür verantwortlich sein, dass andere Könige sich nicht halten konnten. Das zumindest glaubten sie: Dass ihre Ideen Revolutionen entzündeten." Doch anscheinend verdanken sich die Entstehung der USA mehr einem riesigen historischen Kuddelmuddel, auf das die Revolutionäre wenig Einfluss hatten. Ganz abgesehen davon, dass am Ende eben doch nicht "alle Menschen frei geboren" waren - jedenfalls nicht so lange, wie die Sklaverei abgeschafft war, was die amerikanische Revolution für Immerwahr und die Buchautoren zu entwerten scheint. "Gegen Ende seines Lebens schrieb Jefferson an Adams, dass 'die am 4. Juli 1776 entfachteten Flammen' sich 'über einen zu großen Teil der Welt ausgebreitet hätten, um gelöscht zu werden'. Das ist eine vertraute Vorstellung: die Vereinigten Staaten, die die Welt erleuchten. Die Bücher von Burnard, O'Shaughnessy und Pearsall kehren den Blickwinkel um und zeigen die Revolution von außen. In diesem Licht erscheint sie anders: weniger transzendent, stärker von historischen Kräften gezeichnet. Vielleicht ist das in Ordnung. Seit 1776 haben die Amerikaner darauf bestanden, dass sie die Protagonisten der Weltgeschichte seien. Nach dem Zweiten Weltkrieg katapultierten sie sich tatsächlich in eine Position der Vorherrschaft. Dies war eine weitere Wendung des Schicksals oder der Launen des Zufalls, doch viele Amerikaner nahmen dieses enorme Glück als ihr rechtmäßiges Anrecht wahr. Dieser historische Egoismus beflügelte ihre kühnsten Ambitionen. War das gesund? Jeffersons Vision von amerikanischen Flammen, die den Planeten entzünden, wirkt heute anders. Man könnte es heutzutage jemandem verzeihen, wenn er sich wünschte, die Vereinigten Staaten würden in den Weltangelegenheiten eine etwas weniger zentrale Rolle spielen. Dass ihre Bewohner ein Volk unter vielen wären, genau wie alle anderen auch."

Magazinrundschau vom 21.04.2026 - New Yorker

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Anthony Lane liest die neue Vermeer-Biografie des britischen Kunsthistorikers Andrew Graham-Dixon und folgt einer interessanten These: Ist das Werk des für seine intimen Genreszenen berühmten Delfter Barockkünstlers vor dem Hintergrund der Remonstranten zu deuten? Maria de Knuijt und Pieter Claesz van Ruijven, Mäzene Vermeers, die zwanzig seiner Werke besaßen, gehörten jedenfalls der protestantischen Glaubensgemeinschaft an - und der Katholik Vermeer könnte dadurch beeinflusst gewesen sein, liest Lane: So "zeigt 'Eine schlafende Magd' (oder 'Eine betrunken schlafende Magd an einem Tisch', wie es bei der Versteigerung im Jahr 1696 beschrieben wurde) keine junge Hedonistin, die es mit dem Alkohol übertrieben hat, wie man aus dem Glas vor ihr schließen könnte, sondern jemanden, der gerade sein Herz vor Gott entblößt hat. Ihr flüchtiges Lächeln sollte als selige Verzückung gedeutet werden. Was das Glas betrifft, so handelt es sich um Messwein. In diesem Sinne kann Graham-Dixon auch eine Erklärung liefern, falls Sie Vermeers 'Frau mit Waage' in der National Gallery in Washington, D.C. gesehen haben und sich fragten, weshalb die Waage leer ist. Er weist auf die Juwelen auf dem Tisch vor ihr hin und sagt, dass sie diese abgelegt und niedergelegt hat, um ihren weltlichen Besitztümern zugunsten höherer Schätze besser entsagen zu können: 'Sie hat ihr Gewissen auf die Waage gelegt und festgestellt, dass es so leicht ist, dass es schwerelos ist. Sie hat nichts Böses getan, trägt keine Last der Sünde.'" Für Graham-Dixon könnte "'ein solches Bild klar und direkt zu den frommen Frauen gesprochen haben, die sich in Maria de Knuijts Haus versammelt hatten, ihren Gebeten Gestalt und Richtung gegeben und vielleicht auch als Katalysator für ihre Diskussionen oder freien Prophezeiungen gewirkt haben.' Das mag sein, doch ich möchte fragen: Wie hätte diese katalytische Wirkung in der Praxis funktioniert? Hat jemand die versammelten Gläubigen durch die Bedeutung jedes Gemäldes geführt, wie ein Lehrer an der Tafel? Oder waren alle Anwesenden ausreichend in Vermeers Symbolik geschult?" Vielleicht war es auch durch Bibellektüre geschulte Imagination?
Stichwörter: Vermeer, Jan

Magazinrundschau vom 14.04.2026 - New Yorker

Andro Wekua, Untitled, from Some Pheasants in Singularity, 2014. © Andro Wekua. Courtesy the artist, Gladstone Gallery and Sprüth Magers. Photo: Stephen White


Das New Yorker New Museum hat mit einem Erweiterungsbau von Rem Koolhaas und Shohei Shigematsu neu eröffnet und Zachary Fine erfasst für den New Yorker das Gruseln in der Ausstellung "New Humans: Memories of the Future". Heute Mensch sein heißt, immer schon schauerliche Symbiosen mit der Technik eingehen zu müssen, menschlich ist daran wenig, denkt er sich: "Die verstörendste Figur ist ein blondes Püppchen, bei dem es so aussieht, als würde es sich mit einem Spiegel erhängen statt mit einem Strick. Sie hat einen bionischen Arm, trägt silberne Nikes und ein Schweißband und ist in eine Steckdose gestöpselt, weshalb ihre rechte Hand in regelmäßigen Abständen zuckt. Irgendwie ist der 'Gläserne Mensch' (1935), eine Leihgabe des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden, dessen innere Organe alle sichtbar sind, am Ende das wohltuendste Exponat im Raum. Der tschechische Philosoph Vilém Flusser hat einmal die These aufgestellt, dass 'die Linse' - vom Teleskop bis zur Kamera - in Teilen für den Niedergang des Humanismus verantwortlich ist. Sie hat uns erlaubt, große Dinge, die weit weg waren, nah erscheinen zu lassen, und kleine Dinge, die nah waren, groß. Das hat unseren Sinn für unseren Ort im Universum verdreht. Ich hätte mir eine Version von 'New Humans' vorstellen können, die versucht hätte, Dinge zu reparieren, anstatt die verschiedenen Arten und Weisen zu katalogisieren, wie wir schrumpfende Ergänzungen zu unseren Maschinen werden. Aber vielleicht gehört die Zukunft nicht mehr der Kunst. Was ist der Untertitel der Schau - 'Memories of the Future' - wenn nicht eine Elegie?"

Außerdem: Ronan Farrow und Andrew Marantz fragen sich, ob man Sam Altman trauen kann. Kelefa Sanneh hört ohne jede Berührungsängste das neue Album von Kanye West. Justin Chang sah Steven Soderberghs "The Christophers" im Kino. In der neuen Ausgabe porträtiert Rebecca Mead den rumänischen Filmregisseur Radu Jude. Und David Remnick zeichnet in einem Kommentar Donald Trump als Irren, der die USA und die Welt in den Abgrund zu reißen droht.

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - New Yorker

Auch in jüdischen Gemeinden in den USA verhärten sich die Fronten zwischen pro-israelischen und pro-palästinensischen Gruppen immer mehr, wozu auch die tödlichen Anschläge auf Juden nach dem 7. Oktober in Amerika beitrugen, berichtet Eyal Press. Bei einer Diskussionsrunde in der New Yorker B'nai Jeshurun-Synagoge gab der Rabbi Elliot Cosgrove zu verstehen, "seine größte Sorge sei, dass das jüdische Volk in einer Zeit, in der es ihm nicht an äußeren Feinden mangele, 'sich selbst Feinde schafft'. Er rief dazu auf, 'Großzügigkeit des Geistes' zu zeigen. Es war eine von Herzen kommende Botschaft, aber eine etwas überraschende von einem Rabbiner, der erst kürzlich selbst die Spannungen unter den Juden angeheizt hatte. Einige Monate zuvor hatte Cosgrove eine Predigt über Mamdani gehalten und darauf bestanden, dass der Kandidat aufgrund seiner Ablehnung des Zionismus 'eine Gefahr für die Sicherheit der jüdischen Gemeinde in New York' darstelle. Cosgroves Predigt inspirierte einen Brief von Rabbinern, in dem Mamdani angeprangert wurde. Darin wurden die Amerikaner aufgefordert, 'sich für Kandidaten einzusetzen, die antisemitische und antizionistische Rhetorik ablehnen und Israels Existenzrecht bekräftigen'. Obwohl der Brief mehr als tausend Unterschriften sammelte, war er umstritten. Viele Rabbiner weigerten sich, ihn zu unterzeichnen, weil sie der Ansicht waren, dass religiöse Führer sich nicht in eine Wahl einmischen sollten. Andere befürchteten, dass die gezielte Kritik an Mamdani Islamfeindlichkeit schüren könnte. Wieder andere sorgten sich, dass der Brief mit dem Titel 'Ein Aufruf der Rabbiner zum Handeln: Verteidigung der jüdischen Zukunft' die 'jüdische Zukunft' tatsächlich sabotieren würde, indem er junge Juden, die von Mamdani begeistert waren, vor den Kopf stoße." Es sei "'unmöglich geworden, über Antisemitismus zu sprechen, ohne dass dabei der Israel-Palästina-Konflikt zur Sprache kommt', stellt Dov Waxman, Politikwissenschaftler und Professor für Israelstudien an der U.C.L.A, fest. ... Die Auseinandersetzung um Mamdani ist 'ein Mikrokosmos der größeren Debatte', meint er. 'Sollten wir uns Sorgen machen über antizionistische Äußerungen und Slogans wie 'Globalisiert die Intifada', oder sollten wir Mamdani als Verbündeten betrachten, weil angesichts des zunehmenden christlichen Nationalismus und einer rassistischen extremen Rechten vor allem ein Bündnis gebraucht wird?'"