Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 24.11.2020 - New Yorker

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe stellt Burkhard Bilger Mark Ellison vor, den gefragtesten Zimmermann New Yorks. Ein Mann für Millionäre, der aus einem Brooklyn-Townhaus einen Jugendstil-Traum zaubern kann oder das Studio 54. Ein Renaissancemensch, der alle Tricks seiner Profession kennt und immer wieder neue erfindet, wie Bilger lernt. Ellison erklärt ihm seine Arbeitsweise, während er seinem Mitarbeiter Caine Budelman zeigt, wie man mit einer Tischsäge - die eigentlich nur zum geradeaus Sägen gedacht ist - Kurven in flache Pappelbretter sägt. "Der Trick besteht darin, erklärt Ellison, die Säge falsch herum zu benutzen. Er schnappt sich ein Brett von einem Stapel auf seiner Bank. Anstatt es vor die Zähne der Säge zu legen, wie es die meisten Schreiner tun würden, legt er es neben die Zähne der Säge. Dann, während der verblüffte Budelman zuschaut, gibt er dem Sägeblatt einen Drehschwung und schiebt das Brett ruhig hinein. Einige Sekunden später hat das Brett eine glatte, halbmondförmige Einkerbung. ... Ellison ist jetzt in Schwung  und führt das Brett immer wieder in die Säge, die Augen fixieren den Fokus und bewegen sich weiter, während die Klinge sich um einige Zentimeter aus seinen Händen dreht. Während er arbeitet, hört er keine Sekunde auf zu reden - Anekdoten, Nebenbemerkungen und Erklärungen für Budelman. Was er am meisten an der Tischlerei liebe, sei die Art und Weise, wie sie der physischen Intelligenz des Körpers freien Lauf lasse, sagt er. Als er als Kind die [Baseballmannschaft] Pirates im Three Rivers Stadium beobachtete, staunte er darüber, wie Roberto Clemente wusste, wohin ein Ball fliegen würde. Er schien seinen genauen Bogen und seine Beschleunigung in der Sekunde zu berechnen, in der er den Schläger verließ. Es war nicht so sehr Muskelgedächtnis als vielmehr eine körperliche Analyse. 'Der Körper weiß einfach, wie man es macht', sagte er. 'Er versteht Gewicht, Hebelwirkung und Raum so, dass Ihr Gehirn ewig brauchen würde, um das herauszufinden. Es ist dasselbe Gefühl, das Ellison sagt, wo er einen Meißel ansetzen sollte oder ob noch ein weiterer Millimeter Holz entfernt werden muss. 'Ich kenne diesen Zimmermann namens Steve Allen', sagt er. 'Eines Tages drehte er sich zu mir um und sagte: 'Ich verstehe das nicht. Wenn ich diese Arbeit mache, muss ich mich konzentrieren, und du redest dir den ganzen Tag den Mund fusselig.' Das Geheimnis ist, dass ich nicht denke. Ich denke mir etwas aus und dann bin ich fertig mit dem Denken. Ich kümmere mich nicht mehr um mein Gehirn.'"

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - New Yorker

In einem Artikel des aktuellen Hefts folgt Rebecca Mead zwei Schatzsuchern aus Südwales. Unterwegs mit ihren Metalldetektoren in den King's Hall Hills fanden die beiden einen kostbaren Goldschatz der Wikinger, wurden aber leider nicht froh damit, sondern zu mehreren Jahren Haft verurteilt, nachdem sie den Fund nicht gemeldet hatten und Teile davon verschwinden ließen. Fluch statt Segen: "Der Begriff 'Schatz' beinhaltet alles, von der religiösen Reliquie bis zur Piratenschatztruhe. Aber im britischen Recht ist die Bedeutung eine spezifische: Der Treasure Act von 1996 definiert einen Schatz als Objekt jeder Art, das älter als dreihundert Jahre und zu mindestens zehn Prozent aus Gold oder Silver besteht. Weil einzelne Münzfunde recht häufig sind, sind sie von dieser Regel ausgenommen, egal wie rar oder kostbar sie sind. Mehrere Münzen an einem Ort jedoch sind ein Schatz, und der Finder ist verpflichtet, den Fund zu melden … Nicht nur hatten die beiden Männer den Schatz im Wert zwischen vier und fünfzehn Millionen Dollar von Lord Cawleys Grund und Boden entwendet, sie hatten auch die Öffentlichkeit um ihr Erbe und die Bewohner von Herfordshire um Erkenntnisse gebracht, die der Fund über das Königreich Merzien im neunten Jahrhundert ermöglicht hätte. Darüber hinaus beschädigten sie den Ruf der Metalldetektor-Community, die die Verurteilung der Schatzsucher begrüßte."

In einem anderen Beitrag stellt Peter Schjeldahl den Künstler Sam Gilliam vor, der in den 60ern bekannt wurde und dessen Arbeiten sehr subtil um schwarze Identität kreist: "Gilliams Rezeption war bestimmt von unbewusster Herablassung und kompensatorischer Nachsicht. Bei Gilliam umso irritierender, dessen Kunst seine Identität nicht zu thematisieren schien … Gilliam ist ein Formalist durch und durch, sucht nach Bedeutung in Nuancen des Formats, der Farbe, der Textur und anderer technischer Gegebenheiten seines Mediums: Mainstream in der Tat - im Vergleich zur ambitionierten Kunst der 60er. Möglich, in Gilliams Comeback so etwas wie soziale Gerechtigkeit zu sehen, aber es ist viel mehr: Die Gelegenheit, die Reste der getrennten Sichtweise auf weiße Künstler hier und schwarze dort zu beseitigen."

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - New Yorker

In einem Artikel des aktuellen Hefts berichtet Ronan Farrow, wie die C.I.A. mit Whistleblowern umgeht, die die desaströsen Praktiken der Behörde aufdecken: "Staatsanwalt Mark McConnell hatte eine 'kriminelle Verschwörung' von C.I.A. und F.B.I. aufgedeckt. Jedes Jahr führten Einträge in die 'Helios'-Datenbank (zur Identifizierung von Drogenschmugglern, d. Red.) zu Hunderten Festnahmen und Verurteilungen. Die Einträge werden üblicherweise von der Drogenvollzugsbehörde, dem F.B.I. und einer Abteilung des Ministeriums für Innere Sicherheit vorgenommen. Aber McConnell fand heraus, dass über hundert Einträge, die mit dem Label F.B.I. versehen waren, eigentlich aus einem geheimen Überwachungsprogramm der C.I.A. stammten. Er erkannte, dass F.B.I. und C.I.A. jenseits aller Grundsätze und Gesetze gehandelt und der Staatsanwaltschaft wie auch den Anwälten der Verteidigung die Informationsquelle vorenthalten hatten. Dergleichen wird auch als Waschen geheimdienstlicher Informationen bezeichnet. In den 1970ern, als herauskam, dass CIA-Agenten an unwissenden Bürgern und Vietnam-Gegnern LSD-Experimente verübt hatten, gab es Restriktionen, die der CIA verboten, sich in Strafverfolgungsangelegenheiten einzumischen. Seit Gründung der USA wurde es Richtern, Juroren und Verteidigern zugestanden, über gerichtliche Beweisquellen informiert zu sein. 'Hier handelt es sich unbekannte Informationen von einer international tätigen Behörde mit eigenen Regeln und Standards', so Nancy Gertner, ehemalige Bundesrichterin und Professorin an der Rechtsfakultät in Havard. 'Das sollte alle Trump-Wähler aufschrecken, die immer vom Staat im Staat sprechen. Das ist der wahre Staat im Staat! Das sind Aktivitäten hinter unserem Rücken, die das Geschehen in unseren Gerichten fundamental berühren.'"

Außerdem: Jane Mayer zeichnet ein düsteres Bild der juristischen Folgen, die Donald Trump im Falle seiner Abwahl befürchten müsste. James Somers erkundet das Raffinement, mit dem das Coronavirus unser Immunsystem attackiert. James Wood liest das Buch der Anthropologin T.M. Luhrman, "When God Talks Back". Amy Davidson Sorkin erfährt aus David Nasaws Buch "The Last Million", mit welchen Repressalien jüdische Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren Heimatländern zu kämpfen hatten. Anthony Lane sah im Kino Thomas Bezuchas Western "Let him go". Und Carrie Battan hört das neue Album der israelischen Metalband Salem.

Hörprobe anyone?

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Magazinrundschau vom 27.10.2020 - New Yorker

Auch Luke Mogelson schildert in einer eindringlichen Reportage die vergiftete Atmosphäre in den USA. Er recherchiert auf beiden Seiten, sieht aber doch die Hauptschuld bei der Rechten, die für mehr als 320 Tote in den letzten 25 Jahren verantwortlich sind, und der Polizei, die sie schützt. Man gewinnt aus seiner Reportage aber auch den Eindruck, dass beide Seiten längst nicht so homogen sind, wie gern unterstellt wird. Insbesondere die weiße Antifa empfinden viele als nicht gerade hilfreich im Kampf gegen Rassismus: Bei einer Veranstaltung im September im Venturapark in Portland "betrat eine Afroamerikanerin die Bühne. Sie kündigte an, dass Demonstranten zum East Precinct House des Portland Police Bureau marschieren würden. Und sie erinnerte die Menge daran: 'Wir feiern eine Vielfalt von Taktiken.' Ich hatte in Portland wiederholt Variationen dieses Satzes gehört. Die Maxime wurde erstmals von Demonstranten auf dem republikanischen Nationalkongress 2008 in St. Paul, Minnesota, kodifiziert: Um den Zusammenhalt unter den manchmal zerstrittenen Aktivisten aufrechtzuerhalten, drängten sie darauf, alle Arten von Protesten zu akzeptieren. Effie Baum, die Mitbegründerin von PopMob, sagte mir: 'Eines der Werkzeuge des Staates ist es, uns dazu zu bringen, diese Dichotomie zwischen 'guten Demonstranten' und 'schlechten Demonstranten' zu schaffen.' Ein anderer populärer Spruch bei direkten Aktionen war: 'Es gibt keine schlechten Demonstranten in einer Revolution.' Der Vandalismus, dessen Zeuge ich in Portland war, wurde von einer sehr kleinen Minderheit verübt, aber noch weniger Menschen versuchten zu intervenieren, und diejenigen, die es taten, wurden oft als 'Friedenspolizei' verunglimpft. Das Ergebnis war, dass die extremsten Taten im Allgemeinen den Ton der Demonstrationen bestimmten - ein greifbares Zeichen für das ideologische Abdriften der Bewegung", der allerdings oft genug eine noch weitaus brutalere Polizei gegenüber steht, wie Mogelson selbst erlebt.

Maya Jasanoff lernt aus "Time's Monster: How History Makes History" der Historikerin Priya Satia, wie die Briten sich bis heute ihre Kolonialvergangenheit schön reden. Eine Strategie dabei ist das Vernichten oder Wegsperren hässlicher Akten. Neun Tage vor der Unabhängigkeit Kenias etwa flogen die Briten tonnenweise Akten aus, die sie fortan hinter Stacheldraht in Hanslope Park aufbewahrten. "Indem sie schriftliche Beweise für ihre Taten aus den Archiven eliminierten, versuchten britische Beamte, die Geschichtsschreibung zu manipulieren, die zukünftige Generationen produzieren könnten. ... Das geheime Versteck im Hanslope-Park wurde erst 2011 enthüllt, während eines Prozesses, der von Folteropfern im kolonialen Kenia gegen die britische Regierung angestrengt wurde. (Der Fall basierte teilweise auf mündlichen Zeugenaussagen, die meine Harvard-Kollegin Caroline Elkins gesammelt hatte). Was aus den so genannten 'migrierten Archiven' herauskam, waren Aufzeichnungen über systematischen, weitreichenden und magenumstülpenden Missbrauch. Diese Berichte widersprachen dem weit verbreiteten britischen Mythos, dass - wie uns ein Leitfaden des Innenministeriums für den britischen Staatsbürgerschaftstest derzeit versichert - 'es zum größten Teil einen geordneten Übergang vom Empire zum Commonwealth gab, und den Ländern ihre Unabhängigkeit zugestanden wurde'."

Weitere Artikel: Hua Hsu porträtiert in einem überaus lesenwerten Artikel die große und diverse Gruppe der Amerikaner asiatischer Herkunft und ihre Rolle in der politischen Landschaft der USA. Barack Obama beschreibt seinen Kampf um die Gesundheitsreform, die mit Trump auf dem Spiel steht. Nicholas Lehman untersucht die Identitätskrise, die Trump den Republikanern beschert hat. Philip Deloria liest ein Buch über Tecumsehs Kampf gegen die weißen Invasoren. Carrie Battan hört "Grouptherapy". Alex Ross sah und hörte Wagners "Götterdämmerung" in Yuval Sharons immersiver Produktion.

Magazinrundschau vom 20.10.2020 - New Yorker

In einem Artikel des aktuellen Hefts trifft Anna Wiener den anarchistischen Hacker und Segler Moxie Marlinspike, Gründer des mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung arbeitenden nonprofit-Messaging-Dienstes Signal, dessen User-Zahl seit Trumps Wahl tüchtig gestiegen ist, und spricht mit ihm über den Sinn und die Kritik an seiner Arbeit. Der Dienst wird benutzt vom Democratic National Committee, dem Senat der Vereinigten Staaten, der EU-Kommission, Polizeibehörden, Rudy Giuliani und Melania Trump. "Signal ist ein Teil der öffentlichen Infrastruktur, der kritischen Infrastruktur", erklärt auch Edward Snowden per Video-Chat der Reporterin. Aber es gibt auch Kritik: "Datenschutz ist ein inhärentes Problem digitaler Kommunikation. Nachrichten können abfotografiert, Geräte gestohlen oder gehackt werden. Die Datenschutz-Community, Snowden eingeschlossen, kritisiert, dass User sich bei Signal mit einer Telefonnummer registrieren müssen, andere stört die eingebaute Meldung über Kontakte, die Signal beitreten. Und auch wenn der Quellcode der Plattform öffentlich ist und begutachtet wird, können die Nutzer nicht sicher sein, dass der Code der von ihnen heruntergeladenen Apps auch dem auf den Signal-Servern entspricht. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Zentralisierung auf eine 'unberührbare' Organisation. Nutzer sollten ihre eigenen Server verwenden, heißt es (Bei Signal ist man der Meinung, dass es die Sicherheit verringern würde) 'Signal fails', ein anonymes Zine, das auf mehreren anarchistischen Websites zu lesen ist, warnt vor der Abhängigkeit von einem zentralisierten Dienst für Mobiltelefone. 'Wenn dein Gerät mit einem Keylogger oder anderer Malware infiziert ist, spielt es keine Rolle, wie sicher die Kommunikation ist', heißt es da … Marlinspike verteidigt die Zentralisierung als Bedingung für die weite Verbreitung und die Userfreundlichkeit von Signal. Er ahnt, warum Verschlüsselung in den 90ern nicht ankam: Cyberpunk ging davon aus, dass die Nutzer die Standards der Software-Ingenieure annehmen würden, nicht andersrum. Die meisten Menschen wollten sich aber nicht über Chiffrensammlungen und ASCII-Armor informieren, um eine sichere E-Mail zu versenden; sie wollten nicht an Partys teilnehmen, bei denen sie ihre Schlüssel gegenseitig signieren und öffentliche kryptografische Schlüssel austauschen, um ein Netz des Vertrauens aufzubauen. Sie wollten sich nur einloggen und mit ihren Freunden sprechen. 'Jeder, der nicht Steve Jobs war, hat sich genau darin geirrt', sagte Marlinspike."

Außerdem: Eyal Press schildert, wie Donald Trumps Arbeitsminister Eugene Scalia die Rechte von Arbeitnehmern immer mehr beschneidet. Alexis Okeowo porträtiert die afroamerikanische Kulturwissenschaftlerin Saidiya Hartman. Giles Harvey nimmt den neuen, autofiktionalen Roman von Martin Amis unter die Leselupe. Daniel Alarcon stellt die dominikanische Musikerin und Schriftstellerin Rita Indiana vor, die den pandemischen Augenblick in tanzbare Töne übersetzt. Alex Ross setzt sich dem sublimen Chaos der irischen Komponistin Jennifer Walshe aus. Adam Gopnik entdeckt das Enzyklopädische am Louvre. Und Anthony Lane sah im Kino Pietro Marcellos Verfilmung von Jack Londons Roman "Martin Eden".

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - New Yorker

In einem Beitrag der neuen Ausgabe des Magazins fragt Andrew Marantz einmal mehr, ob Facebook seine Probleme mit "hate speech" und Desinformation wirklich lösen möchte, und kommt zu dem Schluss, dass es wohl eher darum geht, die Öffentlichkeit zu beruhigen und Zuckerberg und sein Unternehmen als Opfer darzustellen, das täglich mit dem Hass der Welt fertigwerden muss: "Statt von der Nadel im Heuhaufen zu sprechen, die Zuckerberg entfernen muss, wäre es besser, von einem Magneten im Heuhaufen zu sprechen, den Algorithmen, die anziehen und herausstellen, was besonders belastet ist. So funktioniert das System … Facebook behauptet, dass es seine Schutzmaßnahmen vor Hassrede nie verwässert, nur Ausnahmen eingeführt habe für Menschen, die öffentliche Ämter bekleiden. Doch eine kürzlich bekannt gewordene Version von Facebooks Umsetzungsstandards zeigt, dass Facebook seine Regeln bis 2017 sehr wohl geschwächt hatte, und zwar nicht nur für Politiker, sondern für alle User. Ein 'Fragestellungen' betiteltes internes Dokument, das die Interpretation der Umsetzungsstandards genauer erläutert, beeinhaltet ein Schlupfloch: 'Wir erlauben Inhalte, die eine Gruppe von Personen, die eine bestimmtes Merkmal teilen, von der Einreise in ein Land oder einen Kontinent ausschließen.' Darauf folgten drei Beispiele, das erste lautete: 'Wir sollten Syrer daran hindern, nach Deutschland zu kommen.' Die anderen beiden Beispiele: 'Ich bin für ein totales US-Einreiseverbot für Muslime.' Und: 'Wir sollten eine Mauer bauen, um die Mexikaner draußen zu halten.' Letztere entsprechen mehr oder weniger dem Wortlaut des Präsidenten der Vereinigten Staaten."

Außerdem: Masha Gessen porträtiert den Anwalt für Transgender-Rechter Chase Strangio. Adam Kirsch stellt ein Buch vor, das sich mit dem Wiener Kreis und seinen Ideen befasst. Nick Paumgarten wägt Verdienste und Fehler des Gouverneurs von New York im Umgang mit der Pandemie gegeneinander ab. Peter Schjeldahl denkt über die vorläufige Absage der Philip-Guston-Ausstellung nach. Amanda Petrusich stellt die Folk-Rock-Songwriterin Adrianne Lenker vor. Anthony Lane liest die Briefe des Dichters John Berryman. Und Lauren Michele Jackson liest Sarah Smarshs Dolly-Parton-Biografie "She Come by It Natural".

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - New Yorker

In der neuen Ausgabe des Magazins schreibt Daniel Alarcon aus Chile, wie die politische Revolution im Land mit der Pandemie zurechtkommt und die seit Oktober 2019 stattfindenden als "el estallido" (die Explosion) bekannten Proteste gegen soziale Ungleichheit davon beinflusst werden: "Die Pandemie hat die Revolution nicht beendet, aber sie hat abrupt das Thema gewechselt … Die Beliebtheit von Präsident Pinera war nach 'el estallido' auf 6 Prozent gefallen. 'Die Regierung sah einen gebündelten Einsatz gegen das Virus als Chance, verlorene Legitimation wiederzuerlangen', so Pablo Ortuzar vom konservativenThinktank I.E.S. Es wurde schnell klar, dass Pineras Plan für eine sichere Rückkehr zur Normalität zu kurz griff. In einem TV-Interview gab der Gesundheitsminister zu, dass das Virus sich schneller verbreitete, als er angenommen hatte, auch wegen sozialer Bedingungen. 'Das Ausmaß der Armut und der Überbevölkerung war mir nicht bekannt', erklärte er. Ein schlagendes Beispiel für die Realitätsferne der politischen Elite."

Paige Williams stellt das Lincoln Project vor, eine Gruppe von Republikanern, die die Wiederwahl von Donald Trump verhindern will - was sie den zahnlosen Demokraten nicht zutrauen. Einer der Gründer ist Rick Wilson, ein politischer Berater, der für Rudolph Giuliani und Dick Cheney gearbeitet hat und weiß, wie man einen schmutzigen Kampf gewinnt: "Wilson sagt gerne: 'Demokraten spielen, um einen Streit zu gewinnen; ich spiele, um eine Wahl zu gewinnen.' Seine Anzeigen sind historisch gesehen mörderisch: 2008 bezeichnete er Obamas Pastor Jeremiah Wright als 'Prediger des Hasses'. In Wilsons jüngstem Buch 'Running Against the Devil', einem pointiert unanständigen Nachfolger seines 2018 erschienenen Bestsellers 'Everything Trump Touch Touches Dies', beschimpft er die 'Helfer und Speichellecker' des Präsidenten und beschreibt Trump als 'ein dunkles, beschissenes Monster' mit 'waschbärpfotengroßen Händen im Nanomaßstab'. Das Buch bietet strategische Ratschläge, wie die Demokraten im November gewinnen könnten: Sie müssten aufhören, das 'woke Twitter' zu umwerben und zu 'kaltblütigen, klarsichtigen Wahlkämpfern' werden, die 'die Wahlwirklichkeit über progressive Phantasien stellen'. Politik könne debattiert werden, nachdem Trump weg sei. Die Demokraten müssten unnachgiebig Beweise für die 'Korruption, Vulgarität, Unehrlichkeit, gebrochene Versprechen und gescheiterte Politik' des Präsidenten vorlegen. Sie dürften nie vergessen, dass Trumps Team 'dieses Land bis auf die Grundmauern niederbrennen' werde, um zu gewinnen, und sie müssten den Kampf dem wissenschaftlichen Diskurs vorziehen: 'Dies ist eine Schlägerei mit Eisenketten in einer Biker-Bar in Frogsass, Alabama.'"

Außerdem: Peter Hessler berichtet aus Wuhan, wo alles begann. Dana Goodyear überlegt, ob Peter Zumthors neues LACMA in Los Angeles ein Meisterstück ist oder eine Katastrophe. Adam Gopnik liest John Birdsalls Biografie des Kochs James Beard, "The Man Who Ate Too Much". Vinson Cunningham betrachtet das Treiben auf den virtuellen Theaterbühnen und fragt, ob es dem Publikum gefällt. Und Anthony Lane sah im Kino Julie Taymors Biopic über Gloria Steinem "The Glorias".

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - New Yorker

In der neuen Ausgabe des Magazins macht sich Hua Hsu Gedanken darüber, wer im digitalen Zeitalter an der Kreativität verdient. Die Kreativen jedenfalls nicht: "Früher war es leicht, mit dem Finger auf die großen Verlage und Labels zu zeigen, die Gewinne einsackten, heute kämpfen sie selbst ums Überleben. Es gibt heute mehr Menschen denn je, die Bücher schreiben und Musik machen, und mehr Wege, potenzielle Fans zu erreichen. Jeder Post auf Twitter oder TikTok ist ein einfacher, kostengünstiger Kanal in die Öffentlichkeit für Filmemacher, Comedians oder Schauspieler. In 'Der Tod des Künstlers: Wie Kreative im Zeitalter der Miliardäre und Big Tech ums Überleben kämpfen' überlegt der Kritiker William Deresiewicz, wie wir in die Lage gelangen konnten, in der es einfacher denn je ist, Kreativität mit der Welt zu teilen und schwieriger denn je, davon zu leben. Er befragte rund 140 Autoren, Musiker, Künstler und Filmemacher über ihre Erfahrungen in der Kreativwirtschaft. Die meisten verbrachten überproportional viel Zeit damit, ein kleines Business zu betreiben und Aufmerksamkeit zu erhalten durch Selbstvermarktung. Sogar etablierte Künstler arbeiten mitunter gratis, nur für Publicity."

In einem anderen Beitrag wägt Joshua Yaffa die Gefahr einer erneuten Einflussnahme Russlands auf die Präsidentschaftswahlen in den USA gegen die Gefahr der alltäglichen Desinformation durch den Präsidenten himself ab: "Desinformation aus Russland existiert, so gab es zu Beginn der Covid-Pandemie auf russischen Kanälen in den sozialen Medien Theorien über das Virus als Biowaffe des US-Militärs gegen China. Aber verglichen mit Tucker Carlson und Sean Hannity von Fox News oder Trump selbst, ist die empfundene Bedrohung durch russische Trolle weitaus größer als ihr tatsächlicher Einfluss. Wie effektvoll können russische Versuche noch sein, die Briefwahl als betrugsanfällig darzustellen, wenn der Präsident ebendiese These dauernd in ohrenbetäubender Lautstärke herausposaunt?"

Weiteres: Laura Miller liest Susanna Clarkes neuen Fantasyroman "Piranesi". Calvin Tomkins porträtiert Pipilotti Rist. Peter Schjeldahl betrachtet im Clark Art Institute in Williamstown, Massachusetts, die Ausstellung "Lines from Life: French Drawings from the Diamond Collection". Anthony Lane sah im Kino Christopher Nolans "Tenet".

Magazinrundschau vom 01.09.2020 - New Yorker

In der neuen Ausgabe des Magazins befasst sich Dexter Filkins mit der Rolle Floridas bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA: "Für die Kandidaten ist Florida eine einzigartige Chance und eine lästige Herausforderung zugleich. Während andere große Staaten wie Texas und Kalifornien sicher entweder an die Republikaner oder an die Demokraten gehen, bleibt Florida unberechenbar. Umfragen legen nahe, dass Joe Biden dort verlieren, aber die Bundeswahl gewinnen könnte, obgleich Floridas 29 Wählerstimmen einen Sieg für ihn leichter machen würden. Trump kann laut Analysen ohne sie schlicht nicht gewinnen … Auch wenn Florida politisch gespalten ist, dominieren die Republikaner die staatliche Politik. Seit 1999 kontrollieren sie das Repräsentantenhaus und den Senat sowie den Gouverneurssitz. Ein Geheimnis ihres Erfolgs ist die Zugangsbeschränkung zu den Wahlen. Weniger Wähler, vor allem weniger schwarze Wähler, kamen ihnen meist zugute." Um schwarze Wähler am Wählen zu hindern, ist ihnen fast jedes Mittel recht: Frühes Wählen in den Kirchen oder Wählen der Studenten an den Universitäten wird mit den obskursten Mitteln verhindert. "Zuletzt verabschiedete die von den Republikanern dominierte Legislative ein Gesetz, wonach ehemalige Straftäter nur wählen können, wenn sie vorher all ihre Schulden, Gebühren und Strafen bezahlt haben, die im Zusammenhang mit ihrer Straftat stehen. Das Gesetz betrifft etwa 770.000 Einwohner von Florida, die Hälfte von ihnen schwarz. In vielen Fällen belaufen sich die ausstehenden Zahlungen auf Tausende von Dollars."

In einem anderen Beitrag macht sich Jill Lepore Gedanken über unser neues, altes Leben in den eigenen vier Wänden und wie wir es am besten gestalten: "Bereits vor der Pandemie und der Quarantäne verbrachten Amerikaner und Europäer neunzig Prozent ihrer Zeit drinnen, wie Joseph G. Allen und John D. Macomber in ihrem Buch 'Healthy Buildings: How Indoor Spaces Drive Performance and Productivity' feststellen. Wohnhäuser, Autos, Gefängnisse, Schulen, Busse, Fabriken, Züge, Flugzeuge, Büros, Museen, Krankenhäuser, Geschäfte, Restaurants: Wie viel deiner Lebenszeit verbringst du drinnen, ohne die Quarantäne? Multipliziere dein Alter mit 0,9. Wenn du 40 bist, hast du 36 Jahre drinnen verbracht, ein Drittel davon schlafend, aber immerhin. Die meisten Amerikaner und Europäer verbringen mehr Zeit drinnen als einige Walarten unter Wasser."
Stichwörter: Biden, Joe, Pandemie

Magazinrundschau vom 25.08.2020 - New Yorker

Die neue Ausgabe des Magazins befasst sich u.a. mit einer der möglichen Quellen des Coronavirus. War es das Schuppentier?, fragt David Quammen: "Schuppentiere sind leichte Beute für den Menschen. Werden sie angegriffen, rollen sie sich zusammen … Das funktioniert gut gegen Löwen, aber weniger gut, wenn der Angreifer Hände hat. Schuppentiere sind auch leichte Beute für das Coronavirus, daher kommt ihnen eine unerwartete Rolle im Rätsel um die Verbreitung des Virus und seiner Übertragung auf den Menschen zu. Gewebeproben haben gezeigt, dass die Tiere Viren in sich tragen, die COVID-19 sehr ähneln. Kommt eine Population der Tiere als Zwischenwirt infrage, in dem sich ein Fledermaus-Virus so verändern konnte, dass es dem Menschen gefährlich werden konnte? Der Nachweis ist kompliziert, um so mehr, als alle acht Schuppentier-Arten vom Aussterben bedroht sind. Ihre mögliche Rolle in der Corona-Story verleiht ihnen eine seltsame Ambivalenz - gefährdet und möglicherweise gefährlich … Ein erstes Warnsignal gab es bereits am 24. März 2019: Die Rettungsstation für Wildtiere in Guangzhou nahm 21 lebende Sunda-Schuppentier auf. Sie waren in schlechtem Zustand, hatten Hautausschlag und Atemstörungen. 16 von ihnen starben. Die Untersuchung brachte geschwollene Lungen zum Vorschein. Wissenschaftler konnten genetische Spuren des Sendai-Virus und aus der Familie des Coronavirus nachweisen. Allerdings fand die Publikation der Ergebnisse kein großes Echo."

In einem anderen Artikel stellt Alex Ross die Allgegenwart Richard Wagners in der Filmgeschichte fest: "Die Wagnerisierung des Films reicht tief. Indem das Kino Bild, Wort, Musik verbindet, erfüllt es Wagners Vorstellung vom Gesamtkunstwerk. Sein System der figurengebundenen Leitmotive und Themen wurde zum wichtigen Aspekt der Filmusik. Hollywood bediente sich gern bei Wagners Göttern, Helden und Eroberern. Darin spiegelt sich das brüchige Erbe des Komponisten: als Theatervisionär mit Shakespearscher Breite und Tiefe einerseits, als bösartiger Antisemit, der Hitler begeisterte andererseits. Opernfans und Filmemacher sehen Wagner mal als Wunderhorn, mal als Quell des Hasses. Diese Unentschiedenheit spiegelt wieder die mehrdeutige Rolle des Films selbst - als Inkubator von Heldenfantasien, die allen möglichen politischen Zwecken dienen können. Wenn Hollywood über Wagner spricht, spricht es eigentlich über sich selbst."

Weitere Artikel: Evan Osnos fragt, ob Joe Biden wirklich die Demokraten vereinen kann. Jennifer Gonnerman begleitet einen Busfahrer durch einen Arbeitstag in New York. Judith Thurman liest den neuen Roman von Elena Ferrante. Und Anthony Lane sah Michael Almereydas Film "Tesla".