Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 15.10.2019 - New Yorker

In einem Beitrag des neuen Hefts untersucht Charles Duhigg in einem abgewogenen Artikel die teilweise geradezu kolonialistischen Geschäftspraktiken von Amazon. Amazon hat in Amerika viele Geschäfte verdrängt und einen neuen eigenen Marktplatz aufgebaut. Das Problem: Es stellt nicht nur den Marktplatz, es produziert auch und verkauft selbst, steht also mit seinem übermächtigen Wissen in Konkurrenz mit den kleineren Firmen, die Amazon als Plattform benutzen. Inzwischen steht es enorm unter Druck, aber seine Marktmacht aufzubrechen, ist nicht so einfach: "Tim Wu, ein Juraprofessor an der Columbia, sagte: 'Amazon ist der feuchte Traum eines Mikroökonomen. Wenn Sie ein Verbraucher sind, ist es perfekt, um möglichst effizient zu finden, was Sie wollen, und es so billig und schnell wie möglich zu bekommen. Aber die Sache ist die, die meisten von uns sind nicht nur Verbraucher. Wir sind auch Produzenten, oder Hersteller, oder Mitarbeiter, oder wir leben in Städten, in denen Einzelhändler pleite sind, weil sie nicht mit Amazon konkurrieren können, und so stellt uns Amazon irgendwie gegen uns selbst.'"

Außerdem: Peter Schjeldahl berichtet über die Erweiterung des MOMA. Hashem Shakeri schickt einen Fotoessay über Irans Immobilienkrise. Hua Hsu stellt die schwarze Indie-Rockerin Laetitia Tamko vor. Und Anthony Lane sah im Kino Bong Joon-hos "Parasite".
Stichwörter: Amazon

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - New Yorker

John Seabrook fällt im aktuellen Heft die zweifelhafte Aufgabe zu, an seiner eigenen Abschaffung mitzuarbeiten, indem er einen Beitrag über Künstliche Intelligenz als Textgenerator verfasst und die Maschine (Googles Smart Compose und Open AIs GPT-2) einfach mitschreiben lässt: "Smart Compose geht weit über eine Autokorrektur hinaus. Es korrigiert nichts, was ich schon ausgedacht habe, es denkt für mich, indem es die Kraft des 'deep learning' anwendet, einen Bereich des Maschinenlernens. Maschinelles Lernen ist die raffinierte Methode des blitzschnellen Berechnens von Wahrscheinlichkeiten aus großen Datenmengen, die nahezu allen neueren Fortschritten auf dem Gebiet der KI zugrunde liegt, bei Navigation, Bilderkennung, Suchmaschinen, Games, dem autonomen Fahren … Um zu verstehen wie GPT-2 vorgeht, stellen wir uns vor, wir hätten keine Kenntnisse über Rechtschreibung oder Grammatik oder auch nur eine Ahnung davon, was Wörter sind. Unser ganzes Wissen haben wir aus der Lektüre von acht Millionen Artikeln zu allen möglichen Themen aus dem Social-News-Aggregator Reddit, und wir haben ein fabelhaftes Gedächtnis, um jede gelesene Wort-Kombination zu erinnern. Aufgrund unserer Gabe der Vorhersehung können wir nun jeden beliebigen gegebenen Satz mühelos fortführen, ohne die Gesetze der Sprache zu verstehen. Alles, was wir brauchen, ist die Fähigkeit, das nächste Wort korrekt vorherzusagen. GPT-2 wurde trainiert, aus einem 40 Gigabyte großen Datensatz von Artikeln zu schreiben, die Menschen auf Reddit verlinkt haben und die andere User positiv bewertet haben. Ohne menschliches Zutun hat das neuronale Netz die Dynamiken der Sprache gelernt, das Regelwerk wie das Zweifelhafte, indem es die statistische Wahrscheinlichkeit aller möglichen Wortkombinationen in dem Datensatz analysiert und durchgerechnet hat. GPT-2 wurde so konstruiert, dass ein relativ kleiner Input eines menschlichen Autors - einige Sätze, die Thema und Ton des Artikels vorgeben - genügt, um ganze Absätze zu dem Thema maschinell zu erstellen."

Außerdem: Alexis Okeowo schickt eine Reportage aus Georgia, wo der Kampf für das Recht auf Abtreibung geführt wird. Ian Parker porträtiert die Schriftstellerin Edna O'Brian. Alex Ross erklärt die andauernde Faszination für Nietzsche durch die politische Bank. Joan Acocella liefert eine Lese-Anleitung für das Gilgamesch-Epos. James Wood liest den mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichneten Roman "Celestial Bodies" der omanischen Autorin Jokha Alharthis. Und Anthony Lane sah im Kino Pedro Almodovars "Leid und Herrlichkeit".

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins las Jill Lepore Edward Snowdens Autobiografie "Permanent Record", die sie mit wenig Sympathie, um nicht zu sagen Herablassung, bespricht: "'Permanent Record' bietet dem Leser wenig von dem John-le-Carré-trifft-Jason Bourne-Zeug: wieso er als Angestellter im Verteidigungssektor mit 28 beschloss, streng geheime Daten der US-Regierung an den Guardian und die Washington Post weiterzugeben, wie er es anstellte und wie sein Leben seitdem aussieht. Kritiker werfen ihm Ausflüchte und Verzerrung vor, Unterstützer erkennen Ehrlichkeit und Integrität. Die Lesermeinungen werden auseinandergehen, ohne viel Neues zu erfahren, außer über den Geist eines Spielers. Ein Großteil des Buches dokumentiert nicht die Veröffentlichungen und ihre Konsquenzen, sondern Snowdens Kindheit, Jugend und frühe Zeit als Erwachsener, Spiel für Spiel, von Nintendo bis NSA … Snowden ist ein Anhänger der Es-war-einmal-das-Internet-Theorie von einer Techno-Utopie für freie, anonyme, unregierbare Menschen. 'Damals bedeutete online zu sein in ein anderes Leben einzutreten', schreibt er. 'Das Virtuelle und Tatsächliche waren noch nicht eins, und es war Sache des Einzelnen zu bestimmen, wo das eine aufhörte und das andere begann. Genau das war das Inspirierende: die Freiheit, sich etwas ganz und gar Neues vorzustellen, neu anzufangen.' Das war das anarchistische, von Leuten der Gegenkultur wie Stewart Brand (Whole Earth Catalog) und John Perry Barlow (Grateful Dead) betriebene Internet. Es wurde von Liberalisten und Antiantimonopolisten und Konservativen wie Newt Gingrich und George Gilder weitergeführt. Deren Internet ist nicht das, welches wir verloren haben, sondern welches wir heute haben, in Form von Gingrich-Gilders Telekommunikationsgesetz von 1996, das Clinton verabschiedete und das das Internet vor Regulationen durch den Staat abschirmte und zu einem kommerziellen Jahrmarkt machte. Google, Facebook und Amazon wissen viel mehr über US-Bürger als die NSA. Aber Snowden hatte die Vorstellung, dass die Mächte, die das Internet seiner Kindheit ruiniert hatten, nicht so sehr die liberalen waren, die Unternehmen unkontrolliert ließen und der Datengewinnung, dem Tracking und der Manipulation Tür und Tor öffneten, sondern die Regierung, die das Internet mit dem Patriot Act von 2001 zu einem Ort machte, an dem es nun unmöglich war, unbeobachtet und ohne Einfluss der Regierung zu sein. Dieses Spiel wollte Snowden beenden. Reset, neues Spiel." Google weiß mehr über amerikanische Bürger als die NSA? Hier und hier nochmal eine Erinnerung daran, welches Ausmaß an staatlicher Überwachung (nicht nur amerikanischer Staatsbürger) Edward Snowden enthüllt hat. Google, Facebook und Co besitzen auch nicht das Gewaltmonopol.

Außerdem: Jonathan Blitzer erklärt, warum die Stimmen der Latinos in Florida für Trump Chefsache sind. Ben Taub porträtiert den Kriegsjournalisten und Utopisten Jonathan Ledgard. Janet Malcolm stellt Benjamin Mosers Biografie über Susan Sontag vor, die Sontags Tagebücher als wesentliche Quelle nutzt. Hilton Als erinnert an den Fotografen Roy DeCarava und seine Porträts schwarzer Künstler. Peter Schjeldahl feiert die afroamerikanische Künstlerin und Michelle-Obama-Porträtistin Amy Sherald. Anthony Lane sah im Kino James Grays "Ad Astra".
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Magazinrundschau vom 03.09.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker porträtiert Christina Binkley den Künstler Sterling Ruby, der gerade eine eigene Modelinie produziert. Ruby hat schon als Teenager genäht, lesen wir, auch in seiner Kunst wird viel Stoff verbraucht. Nach einer Zusammenarbeit mit dem Designer Raf Simons erwachte dann in Ruby der Wunsch, eine eigene Modelinie zu kreieren. Seine Ideen dafür zeichnen sich durch eine höchst sympathische Punk- und Do-it-yourself-Attitüde aus: "Als Jugendlicher hatte er mit der Nähmaschine seiner Mutter Skater-Kleider genäht, und als Erwachsener hatte er Arbeitskleidung hergestellt, die er im Studio tragen konnte, indem er Stoff- oder Leinwandstücke verwendet hatte, die er zu Experimenten benutzt hatte - um Kunstwerke zu besprühen, mit Bleichmittel zu verätzen oder zu bemalen. Seine Arbeiten hatte schon immer eine handgefertigte, D.I.Y.-Ästhetik, die er mit seinen Arbeiterwurzeln verbindet; die Objekte, die er kreiert, ähneln Jumbo-Versionen von Dingen, die in einer High-School-Klasse entstanden sein könnten. Sie sind in keiner Weise ironisch." Doch schnell stand Ruby vor einem Problem: Wie sollte er seine Kleidungsstücke bepreisen, ohne sich als gut verdienender Künstler selbst zu schaden? "Eine Sterling-Rubin-Stoffskulptur kostet bis zu einhundertfünfundzwanzigtausend Dollar. 'Wie bewertet man dann Kleidungsstücke, die von Sterling handgearbeitet wurden?', fragte sich Rubys Mitarbeiter Britt. Rubys General Manager Maturo schlug achttausend Dollar als möglichen Preis für einen einzigartigen Poncho aus gebleichtem Denim vor, ungefähr so viel wie eine Chanel-Jacke kostet. Ruby erinnerte sie daran, dass junge Leute sich S.R. Studio leisten können sollten; er bestand darauf, einige 'Einstiegsartikel' anzubieten und schlug vor, eines seiner Jeans-Designs für vierhundertfünfundneunzig Dollar zu verkaufen. Niemand auf der Sitzung stellte in Frage, dass eine 500-Dollar-Latzhose Ausdruck einer demokratischen Gesinnung sei. Britt wies darauf hin, dass es bei Kleidung - im Gegensatz zu einem Kunstwerk, das Eigentum einer Person oder Institution ist - 'um Erreichbarkeit geht'. Er fügte hinzu: 'Es wäre ein Misserfolg, wenn sie nicht getragen würde.'"

Auch Prince bleibt in den Erinnerungen von Dan Piepenbring, der als Co-Autor an Princes Autobiografie mitarbeitete, etwas unklar, wenn es um das Thema Copyright geht. "Seit wir uns zuletzt unterhalten hatten, waren seine Ambitionen für das Buch stärker geworden. 'Das Buch sollte ein Handbuch für die brillante Gemeinschaft sein, das in eine Autobiografie verpackt ist, die in eine Biographie verpackt ist', sagte er. 'Es sollte lehren, dass das, was du erschaffen hast, deins ist.' Es sei unsere Aufgabe, Menschen, insbesondere jungen schwarzen Künstlern, zu helfen, ihre Macht und Wirkung zu erkennen. ... Aber es genüge nicht, radikale Forderungen für kollektive Eigentumsrechte, für schwarze Kreativität zu stellen, erklärte er. 'Wenn ich sage, dass 'Purple Rain' mir gehört, dann klinge ich - wie Kanye.' Er hielt inne. 'Den ich als Freund betrachte.' Er glaubte, dass Eigentumsforderungen allzu oft als selbstverherrlichend verstanden würden. Es sei wirkungsvoller, sie von anderen Menschen aussprechen zu lassen. Er wollte einige formale Mittel finden, die das Buch zu einer Symbiose aus seinen und meinen Worten machen würden. 'Es wäre großartig, wenn sich unsere Stimmen gegen Ende vermischen würden', sagte er. 'Am Anfang sind sie unterschiedlich, aber am Ende schreiben wir beide.'" Was das für die Tantiemenverteilung bedeutet hätte, erfährt man nicht.

Weiteres: Hua Hsu erklärt, wie exorbitante Studiengebühren die amerikanische Mittelklasse neu strukturieren. Rebecca Mead berichtet über eine queere Adaption von E. M. Fosters "Howard's End". Carrie Batten hört das neue Album der Boyband "Gen Z". Und Anthony Lane sah die restaurierte Fassung von Joseph Loseys Film "Monsieur Klein" aus dem Jahr 1976, mit Alain Delon in der Hauptrolle.
Stichwörter: Ruby, Sterling, Prince, Queer

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker fragt sich Liaquat Ahamed, ob sich die Schere zwischen Arm und Reich einfach immer weiter öffnet oder irgendwann Schluss ist damit, und vergleicht die Meritokratie der USA und den "politischen Kapitalismus" in China: "In der Meritokratie resultiert Ungleichheit daraus, wie Kapital angehäuft wird. Die Reichen können mehr sparen als die Armen und verfügen so über überproportional viel Kapital und Reichtum einer Wirtschaft. Weil der Kapitalertrag, eine wichtige Einkommensquelle der Reichen, höher ist als der Lohnzuwachs, werden die Reichen immer reicher. Genauso steht es um die Bildung: Reiche sind besser ausgebildet, erhalten höhere Löhne. Sie erhalten auch höheren Zuwachs auf ihr Kapital, weil sie durch die Sicherheit ihres Vermögens risikofreudiger sein können. Sie heiraten andere gut ausgebildete reiche Menschen und geben das Kapital weiter an ihre Kinder, sodass die Ungleichheit weitervererbt wird. Der 'politische Kapitalismus' in China hat seine eigenen, die Ungleichheit befördernden Dynamiken. Obwohl China zutiefst kapitalistisch geworden ist (fast 80 Prozent der nationalen Industrieproduktion findet im privaten Sektor statt), werden die kommerziell aktiven Schichten von einer hoch disziplinierten autokratischen Bürokratie kontrolliert. Die Macht des Gesetzes ist schwach, Entscheidungen oft willkürlich, Besitzrechte unsicher und Korruption allgegenwärtig. China geht durch eine beschleunigte Form der industriellen Revolution und des Goldenen Zeitalters gleichzeitig. Fügen wir die heimtückischen Effekte der Vetternwirtschaft hinzu, dann ist eine extrem ungleiche Gesellschaft das Ergebnis. Die Verteilung des Einkommens in China, so stellt sich heraus, ist noch ungleicher als in den USA und nähert sich den Verhältnissen in den Plutokratien Lateinamerikas an."

Außerdem: Calvin Tomkins porträtiert die stille Künstlerin Vija Celmins. Nick Paumgarten klärt auf über die Hintergründe der jüngsten Masernepidemie in den USA. Dan Chiasson denkt nach über das totgesagte gedruckte Buch, das einfach nicht totzukriegen ist. Madeleine Schwartz liest Nell Zinks neuen Roman "Doxology". Adam Gopnik liest eine Geschichte der Spionage. Amanda Petrusich interviewt Iggy Pop. Und Anthony Lane sah im Kino Issa López' "Tigers Are Not Afraid".
Stichwörter: Pop, Iggy, Lateinamerika

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker untersucht Andrew Marantz die Bewusstseinskrise bei Tech-Giganten wie Google und Facebook: "Big Tech mag Regulationen nötig haben, aber die Branche wie jede andere Industrie zu behandeln, hieße, die Tiefe des Problems zu unterschätzen. Anders als die meisten anderen Firmenbosse, glaubten die der Tech-Branche nämlich an eine Utopie. Nun, da ihre Innovationen die Utopie nicht herbeiführen konnten, erfahren sie eine Reihe von widerstreitenden Emotionen. Jemand muss ihnen helfen, diese Gefühle in verantwortliches Handeln umzusetzen … Tech-Bosse reagieren auf Ansporn, aber nicht jeder Ansporn ist finanzieller Art. 'Zuck will Geld und Macht, aber mehr als das will er bewundert werden', erklärt Tavis McGinn, ehemaliger persönlicher Meinungsforscher bei Zuckerberg. 'Wenn du seine Fähigkeit beeinflussen kannst, einen Raum zu betreten und Respekt zu bekommen, dann sitzt du am großen Hebel.'"

In einem anderen Artikel fragt Caleb Crain, wie es um die Gewerkschaften in den USA steht (eher schlecht): "Die öffentliche Befürwortung der Gewerkschaften begann schon Ende der fünfziger Jahre zu wackeln. Robert  F. Kennedy konfrontierte den Präsidenten der LKW-Fahrer Jimmy Hoffa mit Vorwürfen der Korruption, des Betrugs, der Steuerhinterziehung, der Erpressung und sogar des Mordes. Für die hippen Linken der Sechziger hatten Gewerkschaften etwas schwerfällig Bürokratisches. 1962 warf der Aktivist Tom Hayden ihnen den Verlust ihrer Ideale vor, und 1967 fragte ein Student namens Bill Clinton, ob kollektives Verhandeln nicht bloß eine weitere institutionelle Größe sei, gegen die sich zu wappnen wäre … In den vergangenen vier Jahrzehnten ist die gewerkschaftliche Organisation in allen Industrienationen zurückgegangen. In den siebziger Jahren bekam die amerikanische Industrie erstmals ausländische Konkurrenz. Das führte zu Profiteinbrüchen und zur Benachteiligung von gewerkschaftlich organisierten Betrieben, just zu der Zeit, als eine hohe Arbeitslosigkeit Arbeiter ohnehin um ihren Einfluss brachte. Staatliche Deregulationsmaßnahmen beim Transport und in der Telekommunikation dezimierten Profite, an denen die Gewerkschaften gehofft hatten zu partizipieren. Der Industriesektor wurde durch den Dienstleistungssektor ersetzt, der schwerer gewerkschaftlich zu organisieren war."

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - New Yorker

Mit leicht hochgezogener Augenbraue stellt Kelefa Sanneh zwei Bücher vor, die sich mit der Frage beschäftigen, was ein Rassist ist. Die weiße Trainerin für Diversität am Arbeitsplatz, Robin DiAngelo, erklärt in "White Fragility: Why It's So Hard for White People to Talk About Racism" alle weiße Identität für an sich rassistisch. Sie selbst bemüht sich nach eigener Aussage "weniger weiß" zu sein, wie Sanneh mit mildem Spott zur Kenntnis nimmt. Etwas gehaltvoller findet er das Buch des schwarzen Historikers Ibram X. Kendi, "How to Be an Antiracist". Aber auch hier stolpert er, denn Kendi hält schlichtweg jede Form der Kritik an Afroamerikanern für rassistisch. Danach ist Barack Obama ebenso Rassist wie ein stolzer Sklavenhalter, wenn er - wie 2008 - den Zerfall schwarzer Familien beklagt und dafür die geringen Aufstiegsmöglichkeiten für Afroamerikaner verantwortlich macht, aber auch die Mitverantwortung der afroamerikanischen Community für die Zustände anspricht. Wenn das Wort "rassistisch" dann auch noch "ständig im Lichte neuer Politikforschung neu kalibriert werden muss, dann verliert es die emotionale Resonanz, die ihm überhaupt erst Macht verleiht", meint Sanneh. "Verbrechen stellt für Kendi ein konzeptionelles Problem dar. Wie die meisten Menschen wissen, sind Afroamerikaner sowohl bei den Opfern als auch bei den Tätern von Gewaltverbrechen in Amerika stark überrepräsentiert, was ein deutlicher Beweis für die hartnäckige Rassenungleichheit des Landes ist. Aber Kendis Ansatz verbietet es, von Kriminalität als einem besonderen 'Problem' in schwarzen Stadtvierteln zu sprechen; er meint, dass weiße Stadtviertel ihre eigenen Gefahren haben, einschließlich krimineller Bankiers (sie 'könnten deine Lebensersparnisse stehlen') und Verkehrsunfälle in Vororten".

Außerdem: Alex Ross würdigt den Komponisten Erich Wolfgang Korngold. Carrie Battan hört Schlafzimmerpop von Clairo. Und Anthony Lane sah im Kino "After the wedding" von Bart Freundlich.

Magazinrundschau vom 30.07.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker erklärt John Lanchester, welche Erfindungen die moderne Wirtschaft bis heute prägen: "Die Instrumente des Handels und der Finanzwirtschaft sind Erfindungen, Produkte der menschlichen Vorstellungskraft, ebenso wie Kunstwerke oder wissenschaftliche Entdeckungen. Durch die Autorität des Staates gestütztes Papiergeld war eine die Welt verändernde erstaunliche Erfindung (1260 durch Kublai Khan, d. Red.). Wir sind derart an die Art und Weise gewöhnt, wie wir unsere Rechnungen bezahlen, unser Gehalt beziehen, an den Tanz der Zahlen auf unserem Konto, dass wir das manchmal vergessen. Nur wenn das System krankt, erinnern wir uns an die Bedeutung. Die Kreditkrise von 2008 rief Panik hervor, weil die Leute sich plötzlich fragten, ob die Zahlen auf ihren Kontoauszügen auch wirklich das bedeuteten, was sie bedeuten sollten. Als Reaktion auf die Krise entwickelte Satoshi Nakamoto, wer immer das sein mag, im Oktober 2008 die Idee des Bitcoins, eine ganz neue Geldform, die einzig auf der Macht der Kryptografie basiert. Und die Suche nach neuen Formen des Geldes geht weiter. Im Juni dieses Jahres stellte Facebook Libra vor, eine globale Währung auf Basis der Bitcoin-Architektur. Die Idee dahinter ist die, dass der Wert nicht länger von der Druckgenehmigung eines Staates abhängt, sondern von einer Kombination aus Mathematik, globaler Vernetzung und dem Vertrauen in das weltgrößte Netzwerk. Aber wie sicher kann das sein? Wie können wir wissen, was Libras oder Bitcoins wert sind, oder ob sie überhaupt Wert besitzen? Nakamotos Gefolgsleute würden sofort die Gegenfrage stellen: Woher weißt du, was das Geld in deinem Portemonnaie wert ist?"

Außerdem: Ruth Franklin stellt die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk vor. Connie Bruck zeichnet die Karriere des prominenten und umstrittenen (er verteidigte Claus von Bülow, O.J. Simpson, Mike Tyson und jetzt Jeffrey Epstein) Strafverteidigers Alan Dershowitz nach. Brooke Jarvis liest Timothy C. Winegards Buch über die Mücke und ihren höchst erfolgreichen Kampf gegen den Menschen ("The Mosquito: A Human History of Our Deadliest Predator"). Hua Hsu lauscht einer 36-stündigen Tonspur zum 50. Jubiläum von Woodstock, und Anthony Lane sah Tarantinos "Once upon a time ... in Hollywood".

Magazinrundschau vom 23.07.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker überlegt Nathan Heller, ob das Automobilzeitalter nur ein einziger schrecklicher Fehler war: "Jede Technologie hat ihre Kosten, aber es gibt Gründe, sogar die vermeintlichen Vorteile des Autos anzuzweifeln. Freie Männer und Frauen haben sich als so katastrophale Fahrer erwiesen, dass Autohersteller sie durch Computer zu ersetzen trachten. Wenn der Mensch der Zukunft auf unser Leben mit dem Auto zurückblicken wird, wird er es als Schritt in die richtige Richtung betrachten oder als Fehlschritt? … Dan Alberts Buch 'Are We There Yet?: The American Automobile Past, Present, and Driverless' stellt fest, dass elektrisch und benzinbetriebene Autos im späten 19. Jahrhundert gleichauf waren. Benzin war sogar lange Zeit zweite Wahl. Und Samuel I. Schwartz schlägt in seinem Buch 'No One at the Wheel: Driverless Cars on the Road of the Future' vor, dass wir uns von der Idee, Autos zu besitzen, zugunsten der Vorstellung von einer geteilten Ressource verabschieden. Er favorisiert 'eine Preisgestaltung, die den privaten PKW im städtischen Raum unattraktiv macht', ohne dass Menschen in ländlichen Gebieten davon betroffen wären. Städte könnten dazu beitragen, indem sie Parkraum rar und teuer machen. Schwartz ist Fan autonom fahrender Busse und setzt sich dafür ein, dass Autofahrer für Staus, die sie verursachen, zahlen müssen. Dabei bekommt er Unterstützung von Uber. Doch mit vorschnellen Schulterschlüssen mit dem privaten Sektor ist er seit einem Treffen mit Verkehrsinnovatoren vorsichtig: 'Es war erschreckend, wie wenig die Leute über den öffentlichen Verkehr wussten und wie verliebt sie in gadgets waren. Als ich dran war, Lösungen anzubieten, schlug ich vor, für Wege von weniger als einer Meile, und die meisten Wege in der Stadt sind nicht länger, Schuhe zu benutzen, die gibt es schon seit 1600 vor Christus.'"

Außerdem: Héctor Tobar erzählt, wie er einmal Nachbar des King-Attentäters Earl Ray war. Jill Lepore widmet Herman Melville zum 200. Geburtstag ein bewunderndes Porträt. Joan Acocella erinnert an Natalia Ginzburg, einen weiblichen Literatur-Star unter Männern. Carrie Battan hört Musik von Ed Sheeran und friends. Anthony Lane sah im Kino Jon Favreaus  "König der Löwen".
Stichwörter: Auto

Magazinrundschau vom 02.07.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erinnert Casey Cep an den Kampf der Suffragetten vor hundert Jahren und an ihre vergessenen Vorkämpferinnen: "In gewisser Hinsicht haben Frauen in Amerika gewählt, lange bevor es die Vereinigten Staaten gab. In einer faszinierenden neuen Anthologie, 'The Women's Suffrage Movement' verlängert die Wissenschaftlerin Sally Roesch Wagner die Zeitspanne des Wahlrechts in diesem Teil der Welt um knapp tausend Jahre. Sie beginnt mit der Gründung der Konföderation der Haudenosaunee (der Irokesen), als sich die Nationen Onondaga, Mohawk, Seneca, Oneida und Cayuga, später zusammen mit den Tuscarora, im Land um die Großen Seen versammelten, um eine egalitäre Gesellschaft zu gründen, die Frauen politische Macht gewährte. Haudenosaunee-Frauen halfen bei der Wahl der Chefs, die gemeinsam vom Rat regiert wurden, und sie hatten ein Mitspracherecht in Fragen von Krieg und Frieden. Politikhistoriker haben die Konföderation der Haudenosaunee schon lange als die älteste ununterbrochen funktionierende Demokratie der Welt erkannt. Wagner erinnert daran, dass diese demokratischen Grundsätze auch für Frauen galten. Leider enthält das Buch weder historische noch zeitgenössische Stimmen der Haudenosaunee, aber Wagner zeigt, wie diese Nachbargesellschaften die erste Generation moderner Suffragetten beeinflussten. Lucretia Mott lebte in einer Seneca-Gemeinde, während sie mit Quäkern Hilfsarbeit leistete, Elizabeth Cady Stanton beobachtete die Oneida-Nation um die Seneca-Fälle, und Matilda Joslyn Gage traf nicht nur auf Mitglieder der Mohawk-Nation, sondern war Ehrenmitglied des Wolf-Clans. Diese frühen Aktivisten sahen aus erster Hand, dass Haudenosaunee-Frauen Eigentum besitzen, Scheidungen einleiten und, am schockierendsten, sogar wählen konnten."

Außerdem: Daniel Alarcon untersucht den Selbstmord des früheren peruanischen Präsidenten Alan Garcia. Charles McGrath folgt Rudyard Kipling in die USA. Margaret Talbot porträtiert die Musikerin Mitski. Dan Chiasson liest Gedichte von James Tate. Hua Hsu erzählt, wie aus Postern Kunst wurde. Peter Schjeldahl erzählt, was für ein Schlag der Tod des Graffitikünstlers Michael Stewart durch einen Polizisten für Michel Basquiat war. Und Anthony Lane sah im Kino Danny Boyles Film "Yesterday".