Ozempic wird zwar in erster Linie zum Abnehmen genutzt, zeigt sich aber in verschiedenen Studien als vielversprechendes Mittel gegen Suchterkrankungen, wie Dhruv Khullar für den New Yorkerherausgefunden hat. Alkoholkranke, die mit dem Medikament behandelt wurden, waren nach kurzer Zeit in der Lage, dem Drang nach einem Drink zu widerstehen, die mit dem Trinken verknüpften Dopaminspitzen blieben aus und erlaubten den Studienteilnehmern einen moderaten Umgang mit dem Suchtmittel: "GLP-1-Medikamente scheinen den Druck, der von den Substanzen ausgeht, mental abzumildern. Es ist, als ob die Medikamente die Antwort des Hirns zu bestimmten Belohnungen runterregulieren - und vielleicht die roten Flecken, die ich auf dem MRT aufleuchten gesehen hab, dimmen - und damit eine überwältigende emotionale Reaktion in etwas verwandeln, das sich losgelöst betrachten lässt, aus einer Distanz." Mit der Ärztin und Suchtforscherin Sarah Kawasaki spricht Khullar aber auch über eine Perspektive, die bislang ausbleibt: "Es ist gefährlich zu denken, dass GLP-1-Medikamente ein Heilmittel sind, argumentiert sie - und das nicht nur, weil sie je nach Person anders wirken. 'Sie tun nichts, um das Warum hinter einer Sucht zu adressieren', sagt sie: Trauma, Einsamkeit, Schmerz, Stress, Armut. 'Diese Warums sind zunächst greifbar, aber über die Zeit, wenn Drogen zum Bewältigungsmechanismus werden, verschwinden sie. Die Warums werden zu einem unsichtbaren Teil dessen, was es so schwierig für die Menschen macht, durch den Tag zu kommen.'"
David Remnick hat durchaus Sympathie für die Irren da draußen, die nachts im Radio oder heute im Netz die anderen Schlaflosen mit ihren Verschwörungstheorien, Ufo-Sichtungen oder Erweckungsmomenten in der Mülltonne von Bob Dylan unterhalten. In dieser Tradition eines Long John oder Art Bell steht für Remnick auch "The Joe Rogan Experience", Joe Rogans dreistündiger Podcast, das einfach so zum populärsten Podcast der Welt und damit zu einer echten Macht geworden ist, - mit 14 Millionen Followern auf Spotify, und mehr als 20 Millionen Zuhörern auf Youtube. Rogan ist so unberechenbar wie seine Vorgänger im Radio, meint Remnick. "Er ist für die Homo-Ehe, für ein universelles Grundeinkommen und für den zweiten Verfassungszusatz. Er mischt eine Prise Anti-Woke- und Anti-Identitätspolitik-Comedy mit einer breitbeinigen Art von Aufgeschlossenheit. ... Er hat mit Bernie Sanders eine gemeinsame Basis in Bezug auf Einkommensungleichheit, Auslandskriege und automatisierte Arbeit gefunden, obwohl sie sich über Elon Musk uneinig waren." Dann wieder flirtete er mit Donald Trump, bevor er sich jüngst von ihm distanzierte. Rogan liebt Provokateure, aber er ist kein Journalist, und das ist - jedenfalls immer dann, wenn es politisch wird - ein Problem für Remnick, denn Rogan orientiert sich immer noch an alten Größen wie Art Bell: "Rogan sprach einmal ausdrücklich über seine Bewunderung für Bells Methode. 'Er hatte viele interessante Leute zu Gast, aber dann mischte er sich hin und wieder mit einem Typen ein, der behauptete, er sei ein Werwolf. Und Art würde niemals sagen: Mann, du bist kein Werwolf! Er würde sagen: Interessant, erzähl mir mehr darüber. Er ließ die Typen reden. Er ließ die Typen die lächerlichsten Sachen erzählen.' Das war auch immer Rogans Methode - die Leute die absurdesten Dinge sagen zu lassen. Das ist harmloser Spaß, wenn Bill Burr Witze über die Ehe macht oder Mark (der Bestatter) Calaway seine Karriere als Profi-Wrestler Revue passieren lässt." Doch Rogan hört Impfgegner oder Antisemiten mit dem gleichen symphatisierenden Interesse zu. Zum Bespiel den selbsternannten Forschern Ian Carroll oder Darryl Cooper, der in Rogans Podcast "auf 'jüdische Milliardäre, die sich im Namen des globalen Judentums zusammenschließen' zu sprechen kam. Jeffrey Epstein, so behauptete er, sei Teil einer 'jüdischen Organisation, die im Namen Israels und anderer Gruppen arbeiten' und mit der CIA, dem Mossad und dem britischen Geheimdienst verbunden seien. Israel, so Carroll weiter, sei von jüdischen Gangstern und 'der Bankiersfamilie Rothschild' gegründet worden. Als Antwort auf eine von Carrolls Arien über die Geschichte Israels und frühe paramilitärische Gruppen bemerkte Rogan 'Interessant ist, dass man jetzt, nach dem 7. Oktober, nach Gaza, darüber sprechen kann.'" Rogan hat nicht verstanden, dass er kein Showmaster mehr ist, sondern "Teil des Mechanismus, durch den Ideen - gute, schlechte und groteske - aus der Randzone in den Mainstream gelangen", meint Remnick.
Weiteres: Rebecca Mead schreibt über den britischen Landschaftsmaler Andy Goldsworthy. Und Gideon Lewis-Kraus erzählt, wie die Firma Anthropic versucht, ihre AI zu verstehen.
Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges sind im Westen immer wieder Aktionen aufgeflogen, die von sogenannten Single-Use-Agents verübt wurden - das sind Menschen, die vom russischen Geheimdienst über Mittelsmänner angeworben werden und oft nicht einmal wissen, für wen und warum sie beispielsweise ein Paket zu einem bestimmten Ort bringen sollen, bis es dann explodiert, erklärt Joshua Yaffa im New Yorker. So wurden Einkaufszentren und Möbelhäuser in Brand gesetzt, keine militärischen Ziele, aber den Russen nutzt es trotzdem: "Russland weiß, dass die Sabotagekampagne, eine Art hybride Bedrohung - wie im Grunde genommen jede staatlich geleitete Attacke, die sich unterhalb militärischer Aktion befindet - für die europäischen Rechtssysteme ein besonders Rätsel darstellt. 'Sie lassen eine Operation laufen, die ein paar Tausend Euro kostet, ausgeführt von Leuten, für deren möglichen Verlust sie sich nicht interessieren', so Bart Schuurman, der Leiter einer Forschungsgruppe für Terrorismus und politische Gewalt an der Uni Leiden. 'Und wir in Europa antworten mit einer Investigation, die Monate dauert und endliche Ressourcen über mehrere Länder hinweg beansprucht. Die Russen sind derweil längst am nächsten Ziel dran.' Die Intention ist nicht notwendigerweise, die Fähigkeit des Westens zu unterminieren, der Ukraine zu helfen, sondern eher, die Kosten für größere Kriegsanstrengungen in die Höhe zu treiben und so die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Ein europäischer Außenpolitik-Beamter hat die von Russland intendierte Message an die Öffentlichkeit so zusammengefasst: 'Es wird gefährlich mit diesen Kriegshetzern im Amt. Ihr riskiert euch selbst. Also wählt besser Marine Le Pens Partei in Frankreich oder die AfD' - rechtspopulistische Parteien, die ihre Gegnerschaft bezüglich der Ukraineunterstützung des Westens offen ausdrücken. Paulina Piasecka, eine bekannte polnische Forscherin und Expertin für hybride Bedrohungen, sagt: 'Zusammengenommen sollen solche Vorfälle Unsicherheit, Angst, Misstrauen säen. Der Staat sieht unfähig aus. Und die Menschen fangen an darüber nachzudenken - Was passiert um uns herum, weil wir an diesem Krieg beteiligt sind, der tatsächlich vielleicht nicht unser Krieg ist oder sein sollte?'"
Außerdem: Nathan Heller porträtiertGavin Newsom, den derzeit vielleicht erfolgversprechendsten demokratischen Politiker, der jedoch von den Linken in seiner Partei abgelehnt wird. Andrew O'Hagan liest Gabriel Shermans "Bonfire of the Murdochs" über das Murdoch-Imperium. Thomas Meaney liestJason Burkes "The Revolutionists" über die gute Zusammenarbeit westdeutscher mit palästinensischen Terroristen in den 1970ern. Justin Chang sah im Kino Harry Lightons "Pillion".
2022 wurde Shinzo Abe erschossen - das Motiv des Schützen Tetsuya Yamagami war die enge Verbindung, die der ehemalige Premierminister von der Liberaldemokratischen Partei (LDP) zur Moon-Sekte hatte. E. Tammy Kim ist für den New Yorker nach Japan gereist, um mit Eito Suzuki zu sprechen, einem Journalisten, der sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, die Machenschaften der Sekte aufzudecken, die sich "Vereinigungskirche" nennt. Der Attentäter hatte immer wieder den Kontakt zu ihm gesucht, vor allem, weil seine Mutter in den Fängen der Sekte gefangen war und ihr fast das ganze Familienvermögen übergeben hatte. Letzte Woche wurde das Urteil verkündet: Yamagami wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Was Kim während seines Japanbesuchs verstanden hat, ist vor allem das Ausmaß des politischen Einflusses, den die ursprünglich aus Korea stammende Moon-Sekte hat: "In den frühen sechziger Jahren freundete sich Moon mit Abes Großvater Nobusuke Kishi an, einem verurteilten Kriegsverbrecher, der später als Premierminister und Vorsitzender der LDP fungierte. Kishi war häufig zu Gast bei Veranstaltungen der Kirche und verwandter Organisationen und nutzte deren Freiwilligenkorps", wie auch sein Enkel Abe, als Wahlkämpfer für seine Partei. Dafür konnten die Moonies ungestört ihren Geschäften nachgehen, und Anhänger zum Beispiel für den Weltfrieden anwerben: "Der religiöse Aspekt wurde oft erst viel später offenbart. Sobald sie in die Kirche aufgenommen worden waren, wurden die Mitglieder angewiesen, gesalbte Gegenstände - Ginseng-Tee, eine Rollbildmalerei, eine Vase, eine Pagodenfigur - zu überhöhten Preisen zu kaufen, eine Praxis, die als 'spiritueller Verkauf' bekannt ist. Wenn sie nicht genug Geld hatten, wurden sie aufgefordert, sich von Verwandten Geld zu leihen oder Kredite aufzunehmen. ... Diese Gelder flossen in Moons Imperium, das sich auf fast allen Kontinenten zu einem Netzwerk aus Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen entwickelte". In Südkorea, dem Heimatland der Kirche, zeigte sich 2024 nach einem Skandal um die Ehefrau von Präsident Yoon Suk-yeol, "dass beide großen politischen Parteien in Südkorea finanzielle Verbindungen zur Vereinigungskirche hatten. Der neue Präsident des Landes, Lee Jae-myung, schlug vor, dass Korea sich ein Beispiel an Japan nehmen und die Auflösung religiöser Gruppen in Betracht ziehen sollte, die 'organisatorisch und systematisch in die Politik eingreifen'. ... Die Kirche ist offensichtlich erschrocken über die Aussicht, ihren rechtlichen Status in Ostasien zu verlieren. Dennoch haben die Moonies - und die Unternehmen der Familie Moon - seit langem auf mehrere Pferde gesetzt. Der westafrikanische Zweig beispielsweise hat seine Aktivitäten wie gewohnt fortgesetzt."
Außerdem: Jason Zengerle beschreibt, wie der Moderator Tucker Carlson von rechts nach ganz rechts wanderte, an die Seite des Verschwörungstheoretikers, Nationalisten und Antisemiten Nick Fuentes. Die Demokraten könnten von Maga einiges lernen, meint Charles Duhigg: Zum Beispiel, wie man eine breite Koalition von Verbündeten schmiedet, statt sich in immer kleinere Einheiten aufzuspalten, die sich bekämpfen. (Diese Lektion könnten sie auch von Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) lernen, einer Organisation der Hindu-Rechten, die im Zentrum eines weitläufigen Netzwerks von sympathisierenden Organisationen steht, wie Felix Pal in einer sehr langen Reportage in Caravan berichtet.)
Eine konstante Unterströmung von Donald Trumps zweiter Amtszeit ist die Drohung, Grönland zu annektieren - eine große und ernstzunehmende Bedrohung, wie Margaret Talbot im New Yorkerzeigt. Aber die Drohung setzt in Dänemark auch Reflexionsprozesse in Gang: "Manche Leute in Kopenhagen haben mir erzählt, dass die Black Lives Matter-Bewegung in den USA auch jüngere Dänen zum Nachdenken über den Rassismus des eigenen Landes gegenüber den grönländischen Inuit angeregt hat. Aber das plötzliche Interesse Dänemarks an Grönland war auch ein unbeabsichtigtes Geschenk von Trump. Der Fotograf Mikkel Hørlyck sagte mir, 'er hat die Verbindung der Dänen zu Grönland aktiviert'. Dänen seiner Generation hätten sich zum ersten Mal ernsthaft gefragt, 'Was weiß ich wirklich über Grönland? Habe ich mich überhaupt schon einmal mit Grönländern unterhalten?' Er fuhr fort: 'Seltsam, dass Trumps Strategie bei uns auch zu etwas Positivem führt.' Trumps Antagonismus gegenüber Grönland hat auch die dänische Sicht auf die europäische Einheit verändert. In der Vergangenheit waren die Dänen eher leicht euroskeptisch. Sie sind der EU in den 1970er Jahren beigetreten, haben aber ihre eigene Währung, die dänischen Kronen, beibehalten und 1992 gegen den Vertrag von Maastricht gestimmt, der für mehr europäische Gleichförmigkeit in Sachen Sicherheit, Staatsbürgerschaft und anderen Themen gesorgt hat. Die Premierministerien Fredriksen hat neulich, als sie für einen größeren Verteidigungshaushalt geworben hat, eingeräumt: 'Europäische Kooperationen wurde von vielen Dänen nie wirklich favorisiert.' Sie maulten, sagte sie, über alles von 'schiefen Gurken und verbotenen Plastikstrohhalmen' bis zu offener Migrationspolitik, die von Fredriksens Regierung abgelehnt wurde."
Der britisch-venezolanische Essayist und Dichter Armando Ledezmaerzählt in einem Brief aus Caracas, wie zerrissen und ängstlich das eh schon krisengebeutelte Venezuela ist, nachdem Trump den Diktator Maduro entführen ließ: "Wir in Venezuela wissen sehr wohl Bescheid, was die Misshandlung lateinamerikanischer Immigranten in den USA unter der Trump-Regierung angeht, die 252 venezolanischen Männer eingeschlossen, die ins CECOT geschickt wurden, das Hochsicherheitsgefängnis in El Salvador, wo ihre Köpfe bei der Ankunft rasiert und einige von ihnen schwer geschlagen wurden. ... Trumps Rhetorik hat sich auffällig verschoben von der Prävention des Drogenschmuggels hin zu Kontroll- und Ressourcengewinn und unterstreicht damit, dass es bei seiner Operation nie um Demokratie oder das Recht der Venezolaner auf Selbstbestimmung ging. Nachdem Trump kürzlich in einem Times-Interview bekanntgegeben hat, dass die USA Venezuela regieren werden, offenbar für Jahre, und auf Truth Social ein fotomontiertes Bild einer Wikipedia-Seite gepostet hat, das ihn als 'regierenden Präsidenten Venezuelas' ausweist, fürchten manche von uns, dass ein nicht gewählter Despot durch einen anderen ausgetauscht wurde und dass es uns möglicherweise so gehen wird wie Hawaii und Puerto Rico." Und so wissen viele Venezolaner nicht mehr, was sie denken sollen. "Gleichzeitig wütend auf Maduros diktatorisches Regime und ohne Vertrauen in die USA, haben sie das Gefühl, eine Seite wählen zu müssen, obwohl es keine guten Optionen gibt. Die Extremisten auf beiden Seiten - hier die glühenden Unterstützer der bolivianischen Linken um Evo Morales und dort die entrechtete herrschende Klasse, die die Revolution seit ihren demokratischen Anfängen gehasst hat, lange bevor sie in eine Diktatur abgeglitten ist - sind unverhältnismäßig laut und zeichnen ein Bild des Landes und seiner Leute, das viel ideologischer ist als die Realität. Auch die Angehörigen der Diaspora, mit vor den staatlichen Repressionen sicher sind, verbreiten ein verzerrtes Bild."
Ian Frazier erzählt, wie in den 1980ern Bürgerdiplomatie in Alaska dazu führte, den eisigen Vorhang zwischen Russland und den USA zu lüpfen. Einfach war es nicht, zumal die kulturellen Unterschiede riesig waren, aber es gab doch regelmäßige Begegnungen. Vor allem durften die Ureinwohner sich ohne Visum gegenseitig besuchen. In den 90ern kühlten die Beziehungen ab und nach dem russischen Überfall auf die Krim war fast ganz Schluss. Frazier fragt unter anderen Mead Treadwell, der seit siebenundvierzig Jahren in Alaska lebt und in vielen Arktis-Kommissionen saß, "was heute zu tun sei. Er weiß keine Antwort. 'Ich sage immer, dass die Bürgerdiplomatie in den achtziger Jahren die Grenze geöffnet hat', so Treadwell. 'Und das Versagen der Großmachtdiplomatie trug zu ihrer Schließung bei, die mit Putin im Jahr 2000 begann. ... 'Aber es gibt immer Veränderungen', fuhr er fort. 'Eine Delegation von Geschäftsleuten begleitete Putin kürzlich zu seinem Gipfeltreffen mit Trump in Alaska. Ich weiß nicht, welche Themen besprochen wurden. Aber auf internationaler Ebene kann viel getan werden in den Bereichen Bergbau, Schifffahrt, Fischerei, Energiegewinnung und Tourismus in unserer gemeinsamen Arktis. Nur weil unsere russische Grenze weitgehend geschlossen zu sein scheint, sollte man nicht denken, dass die Menschen nicht über eine andere Zukunft nachdenken und planen.'" Man hätte gern noch erfahren, welche Rolle Grönland in diesem Rahmen spielt, aber dazu sagt Frazier nichts.
In zwei eher kurzen Artikeln setzen sich Jon Lee Anderson und John Cassidy mit dem Überfall der USA auf Venezuela auseinander. Anderson weist darauf hin, wie schwachsinnig Trumps Begründung für den Militärcoup ist: "Trump betonte in der Pressekonferenz am Samstag, dass er mit der Absetzung Maduros den 'Drahtzieher eines riesigen kriminellen Netzwerks' entfernt habe, das große Mengen Kokain in die USA geschmuggelt habe. Ironischerweise hatte er nur wenige Wochen zuvor dem ehemaligen honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández, der 2024 im südlichen Bezirk von New York wegen Kokainhandels zu 45 Jahren Haft verurteilt worden war, eine vollständige Begnadigung gewährt. Trumps Begründung war, dass Hernández wie er selbst von politischen Gegnern 'sehr hart und unfair behandelt' worden sei."
Aber auch die Ölindustrie in den USA hatte vorab kaum Interesse an einem Militäreinsatz signalisiert: "Politico berichtete, dass einige Antworten auf die Sondierungen der Regierung negativ ausgefallen seien. 'Offen gesagt ist das Interesse der Branche angesichts der niedrigeren Ölpreise und attraktiverer Felder weltweit nicht sehr groß', erklärte eine Quelle gegenüber der Nachrichtenseite. Die Absetzung Maduros könnte die Kalkulationen der Ölkonzerne ändern, aber die Lehre aus dem Irak ist, dass sie eine Garantie für langfristige politische Stabilität brauchen, bevor sie größere Investitionen tätigen. ... Mehr als ein Jahrzehnt Bürgerkrieg und gewalttätige Aufstände hielten ausländische Unternehmen davon ab, in nennenswertem Umfang in den Irak zurückzukehren. Erst in den letzten Jahren, mehr als zwei Jahrzehnte nach der Invasion, haben Unternehmen wie Exxon und Chevron dies getan. Derzeit ist die Zukunft Venezuelas ungewiss..." Egal in welche Richtung man guckt, scheint dieser Militäreinsatz keinen rationalen Sinn zu ergeben. Ist er vielleicht einfach die Folge eines Geltungsbedürfnisses alter Männer, das in der Trump-Regierung bis ins Absurde ausgeprägt ist? Liest man Ian Parkers leider ziemlich wirres Porträt des Ökonomen und Trump-Gefolgsmanns Peter Navarro, kommt einem das nicht so unglaubhaft vor.
Kleid von Kei Ninomiya aus seiner Kollektion Herbst/Winter 2023-24Psychoanalyse und Modegehen für die AutorinLeslie Jamison Hand in Hand, nicht nur, weil Sigmund Freud großen Wert auf maßgeschneiderte Anzüge legte, sondern weil unsere Kleidung uns Dinge über uns verrät, die wir selbst noch nicht erahnen können. Das lässt sich auch in Valerie Steeles Buch "Dress, Dreams, and Desire" nachlesen, Jamison fügt noch eigene Gedanken an: "Um das Buch zu begleiten, hat Steele eine Ausstellung im Museum des Fashion Institute of Technology kuratiert, an dem sie seit fast dreißig Jahren leitende Kuratorin ist. Viele der Kleidungsstücke, die sie diskutiert, werden gezeigt, und im selben Raum mit ihnen zu stehen, nachdem man sie zuvor nur auf dem Blatt gesehen hat, bedeutet, zu realisieren, wie irreduzibel materialgetrieben die Kraft der Kleidung ist. Man kann die langen, knochigen Appendizes sehen, wie sie aus den Schultern von Anouk Wipprechts'Spider Dress 2.0' hervorstechen, sie sind darauf programmiert, sich auszustrecken, wenn ihnen jemand zu nahe kommt, und ein Kleid von Kei Ninomiya, das aus weißen Haarextension und dünnen Stahlstangen besteht und aussieht wie eine Löwenzahnblüte, die im Wind auseinanderfällt. Solche Begegnungen erinnern daran, dass die Wirkung von Mode oft eine viszerale ist: Sie trifft uns, bevor wir verstehen, warum. ... Steeles Projekt adressiert diese Lücke nie so direkt und ich hätte mir gewünscht, dass sie direkter Position bezieht zu den Fragen, die ihr Buch motivieren: Wie kann uns die Psychoanalyse helfen, die Arten und Weisen zu verstehen, wie Mode auf uns wirkt - wie sie uns anzieht und abstößt? Wie kann Kleidung über das sprechen, was wir selbst noch nicht sagen können?"
Fast märchenhaftwirken die Mitford-Schwestern auf Rachel Syme. Ein bisschen was von ihrem Mythos klärt Claire Kaplan in ihrem Buch "Troublemaker: The Fierce, Unruly Life of JessicaMitford" auf, das sich der zweitjüngsten Schwester widmet, die als Kommunistin versuchte, dem Standesdünkel des Elternhauses zu entfliehen. Als Schriftstellerin schrieb sie nicht nur über ihre Familie, sondern auch über Abseitiges wie Beerdigungsunternehmen - und hatte damit großen Erfolg: "Decca (ihr Spitzname, d.Red.) hat jeden nur erdenklichen Aspekt des Beerdigungsvorgehens recherchiert, vom Sarg bis zur 'Beerdigungslingerie'. Sie hatte Spaß daran, in Bestattungsunternehmen zu gehen, sich als potentielle Kundin auszugeben und dann, wie Kaplan schreibt, ihren Protagonisten zu erlauben 'sich zu blamieren'. Ihr Buch beschreibt detalliert Einbalsamierungen, sie hat einen großen Teil des Manuskripts auf die blutigen Einzelheiten der Prozedur verwendet. Deccas Einbeziehung solcher Details verursachte einen Streit mit ihrem Verleger, der sie darum gebeten hatte, 'die Albernheiten wegzulassen'. Decca weigerte sich. In der letzten Minute wurde das Buch von Robert Gottlieb gerettet, einem jungen Lektor bei Simon & Schuster (und später bei diesem Magazin). 'Wir hatten zu allem die gleiche Meinung', so Gottlieb - was heißt, dass sie beide der Meinung waren, guter Journalismus sollte nerven und angstlos sein. Von 'The American Way of Death' wurden hunderttausende Exemplare verkauft, es führte zu einer Reihe von Anhörungen im Congress und hat Menschen im ganzen Land dazu verleitet, nach einer abgespeckten, günstigen Beerdigung zu fragen, die als 'Mitford Service' bekannt wurde."
Außerdem: Merve Emre fragt: Was macht Goethe so besonders? Alex Ross hört Francisco Colls Oper "Ein Volksfeind" nach Ibsen. Richard Brody sah im Kino Kleber Mendonça Filho Triller "The Secret Agent".
Genau das möchte man im New Yorker lesen: zwei großartige Artikel über den Kongo und den Sudan, die sich nicht in Elendsbeschreibung oder Schuldzuweisungen erschöpfen, sondern versuchen die Hintergründe und Interessenlage aufzudröseln. Zuerst die Demokratische Republik Kongo: Im Osten des Landes operieren ungefähr 120 Milizen, die um Rohstoffe und Territorien kämpfen, was mittlerweile tausende Menschenleben gekostet hat, berichtet Jon Lee Anderson in einer atemberaubenden Reportage aus Goma im Ostkongo. Am stärksten sind auf der einen Seite die M23, die von Ruanda unterstützt werden, weil sie die nach dem Genozid an den Tutsis in den Ostkongo geflüchteten Hutu in Schach halten. Auf der anderen Seite die Wazalendo und die F.D.L.R., die mit der kongolesischen Regierung von Felix Tshisekedi verbündet sind. Anderson unterhält sich mit altenDamen, Milizenführern, Ruandas Präsident Paul Kagame, Ärzten und einem Priester, während sich vor den Augen des Lesers langsam ein Bild formt, zu dem auch die reichen Bodenschätze des Kongo gehören. Grund genug für Donald Trump, einen "Friedensplan" vorzulegen: "Das Abkommen, das sich im Kern nicht wesentlich von der kolonialen Berliner Konferenz unterscheidet, sieht vor, dass die verschiedenen Konfliktparteien, anstatt um die Ressourcen im Osten des Kongo zu kämpfen, diese einfach untereinander aufteilen. Die Ruander sträuben sich, aber Katar dränge sie zur Unterzeichnung. Die Katarer haben neben ihrer Rolle als Vermittler auch ein finanzielles Interesse: Sie sind bereits Partner eines milliardenschweren Deals, um Ruanda zu einem regionalen Finanz- und Logistikzentrum zu machen, und die Mineralien würden enorme Einnahmen bringen. Ruanda hat auch Erfahrung mit dem Transport und der Verarbeitung von kongolesischen Erzen, was helfen könnte, den Deal an die USA zu verkaufen. Ein humanitärer Experte in der Region sagte mir: 'Tatsache ist, dass einfach jeder weiter Rohstoffe aus der DR Kongo fördern will, und jetzt will das auch Präsident Trump.'" Ob Ruanda dem Abkommen zustimmt, hängt vor allem davon ab, ob Präsident Tshisekedi es auch gegenüber den eigenen Leuten durchsetzen kann. "Das Problem ist", erklärt ein Diplomat Anderson, "dass Tshisekedi unfähig ist, irgendwas durchzusetzen." Und selbst wenn das Abkommen zustande kommt, gibt es immer noch mehr als hundert Milizen, die um Rohstoffe und Territorien im Ostkongo kämpfen, ganz zu schweigen von Uganda, das mit seiner Armee im Kongo intervenierte - angeblich um Islamisten zu bekämpfen. Inzwischen "exportiert es jedoch Gold im Wert von mehr als drei Milliarden Dollar im Jahr, das meiste davon aus einer einzigen Mine im Osten des Kongo".
Ebenfalls sehr interessante Lektüre ist ein Interview mit Kholood Khair von der NGO Working Group on Women, Peace and Security über Hintergründe, Strippenzieher und Interessen im Sudan. Außerdem im New Yorker: Ben Taub besucht einen Eisbärjäger in Island. Alex Ross besucht die Megalithdenkmäler auf den schottischen Orkney-Inseln. Sarah Stillman berichtet über Schicksale von Deportierten, die unter Trump genau in den Gewaltverhältnissen landen, vor denen sie geflohen sind. Gideon Lewis Kraus liestSven BeckertsGlobalgeschichte des Kapitalismus. Und Justin Chang sah im Kino Chloé Zhaos Film "Hamnet".
Jill Lepore macht sich im New Yorker Gedanken über das anstehende Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit - und über die Serie "The American Revolution" von Ken Burns: "Die Geschichte, die 'The American Revolution' erzählt, handelt davon, wie einige der wichtigsten Ideen der modernen Welt aufkommen, erkämpft in einer blutigen und mutigen Rebellion gegen Tyrannei, die gleichzeitig ein Bürgerkrieg und globaler Krieg war und die mit ihren Ideen von Freiheit, Sklaverei, Eroberung und Unabhängigkeit die Schicksale britischer Soldaten, amerikanischer Milizmänner, Diplomaten der Lenape, Kämpfer der Seneca, deutscher Söldner, französischer Seemänner, Männer der Akan, Frauen der Igbo, Pioniere im Hinterland, Stadtfrauen, Freien, Unfreien, Reichen und Armen miteinander verbunden hat. Es ist eine Leinwand, teils Bruegel, teils Goya, ein politisches Karussell, eine wimmelnde, bewegende, erschreckende Geschichte (…). Das Verdienst der Serie liegt darin, die Würde und die Bedeutung der revolutionären Ideale der Gründer ebenso zu honorieren wie die Opfer aller, die dafür gekämpft haben und zudem auch einen schonungslosen Blick auf die Grausamkeiten und Kosten des Krieges zu werfen, insbesondere für Frauen, schwarze Amerikaner und Ureinwohner, denen die Freiheit, Gleichheit und Herrschaft versagt wurde, die die Revolution versprochen hatte. Die Revolution, die versagt hat, ist die Revolution, von der Trump-Regierung nicht will, dass die Amerikaner sie kennen und bedauern. Die Revolution, die geglückt ist, ist die, die manche amerikanischen Institutionen fest entschlossen sind zu ignorieren."
Wann und warum sind Monster in Büchern und Filmen eigentlich von furchteinflößenden Kreaturen zu solchen geworden, mit denen wir Mitleid haben und für deren Hintergrundgeschichte wir uns interessieren, fragt sich Manvir Singh im New Yorker: "Eine vergleichende Studie semi-menschlicher Monster aus zwanzig verschiedenen Kulturkreisen - von den Apachen bis zu den Alten Griechen - hat 2001 eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen ihnen festgestellt. Die Kreaturen waren immer Außenseiter, viele waren Kannibalen. Alle hatten sichtbare Abweichungen: Ein Monster aus dem nordwestlichen Südamerika hatte Augen auf den Knien, der Oger der Apachen war mit so massiven Hoden belastet, dass er kaum laufen konnte. In jeder Kultur wurden die Monster von Helden besiegt, meistens getötet, deren Mutter die moralische Ordnung wiederhergestellt hat. Die Bosheit der Kreaturen kam nicht von Traumata oder unglücklichen Lebensumständen. Anderssein allein hat gereicht. Für Jahrtausende hat der Reflex - Anderssein mit Gefahr gleichsetzen - die Imagination bestimmt. Empathie (…) wäre einst undenkbar gewesen. Es brauchte eine langsame Revolution der Frage, wie wir das Monströse denken. Die Romantik säte die Saat und machte Bosheit von einer ansteckenden Äußerlichkeit zu einem inneren Problem. Freuds Konzeption des Unheimlichen versetzte die Monstrosität auf eine andere Weise ins Innere: Was uns verstört, ist nicht das radikal Andere, sondern die plötzliche Erkenntnis dessen, was elementar zu uns gehört - die Wiederkehr des Verdrängten. In seinen Händen hörte das Monster auf, ein Besucher von außen zu sein und wurde das unheimliche Gesicht des eigenen Selbst. Aber Empathie wurde erst zu einem Credo nach den Konvulsionen des 20. Jahrhunderts. Faschismus und die radikale Mythologie einer überlegenen Rasse hatten gezeigt, was daraus folgte, wenn man entscheiden konnte, wer als menschlich galt und wer nicht. In den moralischen Nachbeben des Genozids wurde die Idee des Monströsen selbst suspekt. Zu dämonisieren, stigmatisieren, entmenschlichen - Worte, die einst theologischen Wert hatten - wurde zu säkularen Sünden."
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