Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 04.06.2019 - New Yorker

Die mexikanische Schriftstellerin Valeria Luiselli hat mit ihrer Familie die Grenze zwischen den USA und Mexiko besucht. Weil sich die Kinder bei den Recherchen langweilten, besuchten sie zwei Grenzstädtchen, die vom Reenactment historischer Ereignisse leben (die Schießerei am OK Corral etc.). Und hier lernt Luiselli langsam mehr über die Mentalität der Grenzbewohner, die zum Teil freiwillig auf Patrouille gehen, um illegale Flüchtlinge aufzuspüren. Einen Zusammenhang mit der in den Reenactments gefeierten schießwütigen Selbstjustiz des 19. Jahrhunderts, oder mit der Tatsache, dass Mexikaner, Schwarze und Indianer nur als feindselige Angreifer vorkommen, will man dort nicht sehen. "Die Geschichte von Grenzstädten wie Shakespeare und Tombstone ist eine, in der vor allem weiße Bevölkerungsgruppen nach Westen zogen, Territorium beanspruchten und diejenigen, die bereits dort waren, gewaltsam vertrieben oder getötet wurden, dann dieses Territorium gegen 'Eindringlinge' verteidigten, die oft die früheren Bewohner waren - also Indianer und später Mexikaner - und schließlich Gesetze aufstellten. Diese letzte Phase der Grenzgeschichte ist das, was am häufigsten für Reënactments ausgegraben wird: eine manichäische Darstellung von guten (weißen) Gesetzeshütern gegenüber schlechten (weißen) Cowboys, die letztlich eine Feier zur Gründung des weißen Amerikas ist. Der Rest - der Teil, in dem es darum geht, nicht-weiße andere zu töten oder zu verbannen, um beanspruchtes Land zu verteidigen - wird bequemerweise weggelassen. Aber die Praxis lebt weiter, in einer Art Reënactment mit sehr realen Folgen, bei dem die Protagonisten zivile Grenzpolizisten sind - Menschen, die überzeugt sind, dass sie das Recht haben, alles tun zu dürfen, um andere, insbesondere nicht-weiße andere, von diesem Land fernzuhalten."

Jon Lee Anderson untersucht die Spaltung der venezolanischen Gesellschaft zwischen Juan Guaidó (Voluntad Popular) und Nicolás Maduro (Vereinigte Sozialistische Partei), die mit harten Bandagen kämpfen und drohen, eine internationale Krise heraufzubeschwören. Inzwischen hat man sich aber, unter dem Druck der Verhältnisse auf Verhandlungen geeinigt. "'Die große Unsicherheit ist, was das Militär tun wird'", sagt Luis Vicente León, Venezuelas prominentester politischer Meinungsforscher, zu Anderson. "Es sei ein Fehler gewesen, die Armee zu zwingen, sich von Maduro zu trennen, sagt er. 'Die Militärs sind die Regierung und sie wollen wissen, wo sie nach Maduro stehen.' Er weist außerdem darauf hin, dass ein erfolgreicher Coup nicht notwendigerweise zu einer weniger brutalen Regierung führen muss. 'Was passiert, wenn das Militär gegen Maduro vorgeht, aber sich auch nicht mit der Opposition verträgt? Es kann mächtiger und repressiver werden. Dann haben wir eine echte Diktatur.' Die einzige realistische Lösung, so León, besteht darin, irgendwie einen Konsens zu finden. 'Wir sind dazu verdammt, mit den Bösewichten zu verhandeln', sagte er. 'Sonst wird dieses Land bald unregierbar.'"

Außerdem in dieser Ausgabe, die fast ganz der Literatur gewidmet ist: Orhan Pamuk erzählt von seiner Schulzeit in einer Schweizer Grundschule. Und auch Ta-Nehisi Coates (hier), Han Ong (hier), Jennifer Egan (hier), Dinaw Mengestu (hier) und andere erzählen von ihren Erfahrungen in einem "fremden Land".

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Peter Schjeldahl von den Trends auf der Whitney Biennial: "'Technologie wird uns ertränken. Das Individuum verschwindet, bis wir nur noch nummerierte Ameisen sind.' So zitiert Adam Weinberg im Katalog der Whitney Biennial 2019 Marcel Duchamp. Weinberg hat die schädlichen Auswirkungen sozialer Medien im Auge, aber Duchamps Prophezeiung könnte als Rückblick auf diese Biennale funktionieren. Mit wenigen Ausnahmen behandeln die meist jungen Künstler das Thema Identität oder kommunitäre Politik. Auffallenderweise sind sie meist nicht radikal, als hätten sie sich mit ihrer relativen Unwirksamkeit abgefunden; sie scheinen festgefahren. Die unverantwortliche Freude am ästhetischen Erleben ist nur ein Thema unter vielen. Fast alle Künstler sind technisch versiert in Medien wie Fotografie, Video, Performance, Malerei und Skulptur, aber die meisten Arbeiten, auch wenn sie mitunter charmant sind, sind traditionell und recyceln Formen, die keinen Kunststudenten vom Hocker hauen … Betreffend das kunstgeschichtliche Gedächtnis wirkt die Show größtenteils amnesisch. Sie vergisst sogar die Gegenwart, wenn es um von Händlern und Sammlern favorisierte Stile und Ideen geht … Vielleicht ist es bezeichnend, dass in dem Moment, da das Whitney wegen eines Vorstandsmitglied in der Kritik steht, das die Herstellung von Tränengas gegen mexikanische Migranten mit zu verantworten hat, mit Michael Rakowitz nur ein einziger eingeladener Künstler aus Protest die Show verlässt."

Amanda Petrusich findet deutsche Geschichte zur Horrorschau verarbeitet - im neuen Rammstein-Album: "Rammsteins Sound ist weiterhin schwer … Obwohl sich Lindemanns Texte immer noch vor allem um Sex drehen, wird ein Großteil des neuen Albums für Hörer, die Heavy Metal eigentlich für grotesken Lärm halten, klanglich schmackhaft sein. Die Songs sind energetisch und prickelnd."

Außerdem: Ed Caesar erzählt, wie ein britisches Mitglied der rechtsterroristischen Gruppierung National Action zum V-Mann wurde. Jerome Groopman liest Anne Harringtons Geschichte der Psychiatrie, "Mind Fixers". Und Anthony Lane sah im Kino Olivia Wildes "Booksmart".und Joanna Hoggs "The Souvenir".

Magazinrundschau vom 07.05.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker geht Ariel Levy der Frage nach, wem Südafrika gehört. Landreformen und Restitution sind immer schon ein heißes politisches Thema: "Für den A.N.C. war die Landfrage entscheidend, die Partei wurde als Reaktion auf den Glen Grey Act und die folgenden Gesetze gegründet. Als der A.N.C. 1994 die Macht übernahm, sah er die Landreform als 'treibende Kraft eines Programms zur ländlichen Entwicklung', das Jahrhunderte der Ungerechtigkeit wettmachen sollte. Es sollte ein Landbesitzgericht geben, das über Entschädigungen entscheidet sollte für alle, die enteignet worden waren. Um Konflikte zu vermeiden, wurden Grundbesitzer aufgefordert, ihr Land freiwillig an die Regierung zu verkaufen, damit es an diejenigen mit legitimen Ansprüchen zurückgegeben werden konnte. Eine Besitzreform sollte Menschen, die jahrzehntelang an Orten gelebt haben, die sie rechtlich nicht besaßen, formelle Eigentumsrechte zusichern. Und schließlich verpflichtete sich der A.N.C., innerhalb von fünf Jahren dreißig Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Landes neu zu verteilen. Fünfundzwanzig Jahre später sind gerade mal acht Prozent verteilt. Weiße Südafrikaner besitzen 72 Prozent des Landes … Das Scheitern der Landreform ist einer der Gründe dafür, dass Südafrika zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt gehört. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 37 Prozent. Nur dreizehn Prozent der Südafrikaner verdienen mehr als sechstausend Dollar im Jahr. Das Bildungssystem ist in Trümmern: Fast achtzig Prozent der Neun- und Zehnjährigen fehlt es an grundlegendem Leseverständnis. Um das Leid der Südafrikaner noch zu vergrößern, verschwanden unter Jacob Zuma rund siebzehn Milliarden Dollar aus der Staatskasse … Die aktuell geplante Landreform durch die Regierung beschränkt sich nicht nur auf die Frage der Enteignung, sondern versucht auch, Klimawandel, Dürre und Urbanisierung mit einzukalkulieren. 'Es geht nicht nur um Farmen', erklärt Vuyo Mahlati, Präsidentin der African Farmers Association of South Africa. 'Es geht um Städte, in denen 83 Prozent der städtischen Bevölkerung - hauptsächlich Schwarze - auf zwei Prozent des Landes leben.' Für sie ist die entschädigungslose Enteignung nicht nur eine moralische Frage dar, sondern auch eine finanzielle Notwendigkeit."

Außerdem: Joshua Yaffa porträtiert den russischen Arzt und Schriftsteller Maxim Osipov, der gern mit Tschechow verglichen wird. David Owen schreibt über Lärmbelästigung als ernst zu nehmendes Umwelt- und Gesundheitsproblem. Und Peter Schjeldahl besucht Fotoausstellungen von Garry Winogrand und Jeff Wall im Brooklyn Museum und bei Gagosian. Joyce Carol Oates liest den neuen Erzählband von Ted Chiang. Und Anthony Lane sah im Kino Jonathan Levines "The Long Shot" mit Charlize Theron und Seth Rogen.
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Magazinrundschau vom 24.04.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Mike Spies von den Problemen der National Rifle Association N.R.A. mit sich selbst: "Die N.R.A. ist in Schwierigkeiten; in den letzten Jahren verzeichnete sie jährliche Defizite von bis zu vierzig Millionen Dollar. Es ist nicht ungewöhnlich, dass gemeinnützige Organisationen zum Spenden aufrufen. Ungewöhnlich ist, dass solche Warnungen zur zentralen Tätigkeit der N.R.A. geworden sind. Auch wenn der Verband die Ausgaben für seine erklärte Kernaufgabe - Ausbildung und Sicherheit an der Waffe - auf weniger als zehn Prozent seines Gesamtbudgets reduziert hat, hat er seine Ausgaben für Öffentlichkeitsarbeit deutlich erhöht. Die N.R.A. ist heute vor allem ein Medienunternehmen, das einen Lebensstil fördert, bei dem es um die Liebe zur Waffe geht und darum, jeden zu verachten, der sie infrage stellt … Über ein Jahrhundert waren das Hauptanliegen der N.R.A. die Jagd, die Ausbildung an der Schusswaffe und die Sicherheit. 1977, ein Jahrzehnt nachdem das Schusswaffenkontrollgesetz den Verkauf von Schusswaffen eingeschränkt hatte, rissen aktivistische Vorstandsmitglieder die Kontrolle an sich und verwandelten den Verband in eine Interessenvertretung für die Rechte von Waffenbesitzern. Sie wussten, dass die neue Mission eine andere Art von Öffentlichkeitsarbeit erfordern würde. Zu diesem Zweck beauftragte man die PR-Agentur Ackerman McQueen; sie übernahm Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, Branding, Unternehmenskommunikation, Veranstaltungsplanung, Webdesign, Social-Media und Digital Content Produktion und hat großen Einfluss auf die Initiativen der N.R.A. … Als ein bewaffneter Mann 2012 zwanzig Kinder und sechs Mitarbeiter der Sandy Hook Grundschule in Newtown, Connecticut, ermordete, sagte N.R.A.-Chef Wayne LaPierre, der beste Weg, solche Gräueltaten zu verhindern, sei, bewaffnete Polizei vor den Schulen zu postieren. Obamas Kritik konterte Ackerman mit einer Anzeige, in der er festhielt, dass Obamas Kinder ja den Schutz des Geheimdienstes genießen würden."

Außerdem geht's ums Reisen: James Lasdun macht sich auf in den Norden Finnlands, nur um festzustellen, dass das Polarlicht gar nicht soo spektakulär ist wie auf all den Fotos. Lauren Collins geht auf kulinarische Entdeckungsreise durch Georgien. Nick Paumgarten fährt Ski in den Alpen. Rebecca Mead berichtet, wie Airbnb Barcelonas Einwohner plagt. Dan Chiasson huldigt Walter Gropius. Und Hua Hsu hört Weltmusik des Labels Sublime Frequencies.
Stichwörter: N.R.A., Waffenlobby, Airbnb

Magazinrundschau vom 16.04.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erzählt Ben Taub die berührende Geschichte der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Ex-al-Kaida-Terroristen Mohamedou Salahi und seinem ehemaligen Wärter in Guantánamo, Steve Wood, der schließlich zum Islam konvertierte und Pate von Salahis Sohn wurde: "Manchmal öffnete Wood Salahis Koran auf gut Glück und nannte ihm die Verszahl, und Salahi rezitierte laut aus dem Gedächtnis, zuerst auf Arabisch, dann auf Englisch. Es war das erste Mal, dass Wood mit dem Koran in Berührung kam. Er wollte Salahi mehr über den Inhalt fragen, aber er vermutete, dass es Mikrofone und Kameras in der Zelle gab. Außerhalb von Echo Special (Salahis Zellentrakt, d. Red.) begann Wood, auf aktivistischen Websites über Guantánamo zu lesen, aber ein Kollege warnte ihn, dass das Internet auf der Basis überwacht würde. Er fürchtete, seine Kollegen könnten seine immer komplexeren Gefühle für Salahi entdecken und ihn für unpatriotisch halten und verraten. 'Ich habe versucht, meine Zeit in Guantánamo moralisch neutral zu gestalten, ohne als Verräter zu gelten', so Wood. 'Ich hatte Angst, zu viele Fragen zu stellen, ich hatte Angst, ein Buch über den Islam zu lesen, während ich da drin war, oder zu viel Interesse zu zeigen.' Woods Bedenken waren nicht ungerechtfertigt. Während Salahi gefoltert wurde, entdeckte James Yee, der muslimische Militärkaplan, dass er und die Dolmetscher in Guantánamo - viele von ihnen waren muslimische Amerikaner aus Nahost - von Geheimdienstbeamten ausspioniert wurden … Im Oktober 2004 brachte Woods Freundin ihre gemeinsame Tochter Summer zur Welt. Sieben Monate später endete sein Einsatz. Bevor er Guantánamo verließ, gab er Salahi Steve Martins Roman 'The Pleasure of My Company'. Als Widmung schrieb er: 'Viel Glück für dich. Denk daran, dass Allah immer einen Plan hat. Ich hoffe, du siehst uns nicht nur als Wärter. Ich glaube, wir sind alle Freunde.' Aber er war sich nicht sicher, ob Salahi ihm glaubte."

Außerdem: D. T. Max stellt den Dramatiker Lucas Hnath und sein neues Broadway-Stück "Hillary and Clinton" vor. Elizabeth Kolbert konstatiert, dass die größten Verschwörungstheoretiker heute keine Outsider mehr sind, sondern unsere politischen Führer. Jennifer Homans porträtiert den Choreografen Akram Khanl, der gerade "Giselle" neu choreografiert hat. Julian Lucas liest Ian McEwans neuen retrofuturistischen Roman "Machines like me". Alex Ross stellt den Komponisten Tyshawn Sorey vor. Und Anthony Lane sah im Kino Robert Budreaus Film "Stockholm".
Stichwörter: Guantanamo, Mcewan, Ian

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker schreibt Adam Gopnik über den amerikanischen Bürgerkrieg und seine Folgen für die Schwarzen. Während der Wiedereingliederungsphase der Südstaaten in die USA zwischen 1861 und 1877 gab es die trügende Hoffnung auf ein Ende der Rassentrennung: "Bis vor kurzem wurde der Bürgerkrieg als das zentrale moralische Drama dieses Landes angesehen. Jetzt denken wir, dass seine Folgen - die Konfrontation nicht von Blau und Grau, sondern von Weiß und Schwarz, und die Wiedereinführung der Apartheid durch Terror - die tiefste Spur in der amerikanischen Geschichte hinterlassen haben. Anstatt darüber zu streiten, ob der Krieg anders hätte verlaufen können, streiten wir darüber, ob die Nachkriegszeit anders hätte verlaufen können. Gab es jemals eine echte Chance für eine volle schwarze Staatsbürgerschaft, für Gleichheit vor dem Gesetz, für eine Agrarreform? Oder hat die Kombination aus Feindseligkeit und Gleichgültigkeit unter den weißen Amerikanern die Katastrophe unvermeidlich gemacht? Henry Louis Gates Jr. nimmt in seinem neuen Buch 'Stony the Road: Rekonstruktion, weiße Vorherrschaft und der Aufstieg von Jim Crow' zu Recht an, dass diese Frage in der Post-Obama- oder Mid-Trump-Ära besonderes Gewicht hat. Er vergleicht die rosige Zuversicht 2008, dass der Schandfleck des amerikanischen Rassismus mit der Wahl eines schwarzen Präsidenten verblassen würde, mit kurzlebigen Hoffnung von 1865, dass all das Leiden des Krieges zwangsläufig zu bürgerlicher Gleichheit führen würde. Stattdessen schien das Auftreten afroamerikanischer Ermächtigung jedoch die Wut einer weißen Mehrheit nur zu vertiefen. Es folgte der Klan-Terror und Jim Crow im Süden und mit Trump der zweifellos rassistischste Präsident seit Woodrow Wilson, der sich offen an eine weiße revanchistische Basis wendet. Es ist eine deprimierende Aussicht, und Gates lässt seiner Depression freien Lauf."

Weitere Artikel: Louis Menand stellt ein Buch vor, das sich mit der Messbarkeit von Talent befasst. Douglas Preston besucht einen Paläontologen, der Spuren des Asteroiden entdeckt hat, der die Dinosaurier ausrottete. Und Anthony Lane sah im Kino Harmony Korines "The Beach Bum".

Magazinrundschau vom 26.03.2019 - New Yorker

In einem Text für die aktuelle Ausgabe des Magazins zieht Jon Lee Anderson Parallelen zwischen Brasiliens Staatspräsident Jair Messias Bolsonaro und Donald Trump: "Als Bolsonaro im Juli 2018 die Nominierung seiner Partei gewann, schien er eine Wende der politischen Macht und Ideologie zu verkörpern. Das Militär, das sich laut Verfassung aus der Politik herauszuhalten hat, unterstützte ihn offen, ebenso eine Reihe von Geschäftsleuten. Sein stärkster Konkurrent, Lula, wurde ins Abseits gedrängt; Sérgio Moro, der Richter, der die Car-Wash-Prozesse leitete, hatte ihn wegen Korruption und Geldwäsche zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt … Bolsonaros Regierung besteht zu einem Teil aus militärischen Führungsfiguren, acht der 22 Kabinettspositionen werden von ehemaligen Generälen besetzt. Seine Ideen stammen von Olavo de Carvalho, einem Philosophen und ehemaligen Astrologen, dessen exzentrische Interpretationen von Machiavelli, Descartes u.a. eine große Anhängerschaft finden. Carvalho, einundsiebzig, lebt in Richmond, Virginia, wo er sich mit der amerikanischen 'Redneck'-Kultur identifiziert, indem er Bären jagt, raucht und trinkt. Auf seine Empfehlung hin wurden zwei aktuelle Kabinettsminister ernannt: der Bildungsminister Ricardo Vélez Rodríguez, ein konservativer Theologe, und der Außenminister Ernesto Araújo. Beide halten an Carvalhos Vorstellungen fest, dass der 'kulturelle Marxismus' die westliche Gesellschaft verpestet hat und der Klimawandel eine marxistische Idee ist. Carvalho verleiht den Vorschlägen von Bolsonaro eine Patina des Intellektualismus. Kürzlich sagte Carvalho in einem Interview, Brasiliens Problem mit Gewaltkriminalität hätte abgewendet werden können, wenn das Militärregime die richtigen zwanzigtausend Menschen getötet hätte. Ein Großteil der politischen Unterstützung von Bolsonaro kommt von der Agrarwirtschaft, der Rüstungsindustrie und der religiösen Rechten, einem Machtzusammenhang, der als die drei 'B's, beef, bullets and bibels, bezeichnet wird." (Mehr zum Thema auch in unserer neuen Post aus Brasilien.)

Außerdem: Peter Hessler berichtet von den Erfahrungen eines schwulen Ägypters in seiner Heimatstadt Kairo. John Lanchester liest ein Buch über die kleine Eiszeit. Für Lauren Oyler ist Andrea Dworkin längst noch nicht außer Mode. Und Anthony Lane sah im Kino Jordan Peeles "Us".

Magazinrundschau vom 19.03.2019 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des New Yorker berichtet Ed Caesar über die Machenschaften des britischen Geschäftsmannes und Mitbegründers der Leave.EU-Kampagne, Arron Banks: "Banks kanzelt seine Kritiker als überhitzte Brexit-Gegner ab. Was die Medien über genaue Herkunft seiner Zahlungen (von 8,4 Millionen Pfund, die Red.) an die Kampagne schreiben, nennt er ein Produkt durchgedrehter Journalisten. Das erinnert an Trumps Verteidigung seiner russischen Kontakte. Banks behauptet, er habe die Kampagne auf völlig legale Weise unterstützt und werde nun dafür bestraft, dass seine Hilfe effektiv war. Alle strafrechtlichen Ermittlungen wären ähnlich politisch motiviert … Bei aller Bonhomie hat Banks eine finstere Seite. Der Social-Media-Feed von Leave.EU, der von ihm beaufsichtigt wird, vertrat oft die Ansicht der alternativen Rechten, dass liberale globale Eliten einen zu großen Einfluss auf Politik und Medien ausüben. Zwei kürzlich von Leave.EU veröffentlichte Beiträge enthielten Bilder des Investors George Soros, der Ziel antisemitischer Hassreden und rechter Verschwörungstheorien ist. In einem Beitrag wurde Soros als Marionettenspieler dargestellt, der Tony Blair kontrolliert. Das Bild erinnerte an ein Nazi-Propaganda-Poster der vierziger Jahre, auf dem ein Jude die Marionetten Churchill und Stalin lenkt … In gewisser Weise war die von Banks geleitete Kampagne eine Protestbewegung gegen den selbstgefälligen Globalismus der herrschenden Klasse - gegen die 'große Politik', die Farage in seiner Siegesrede verurteilte. Aber es war auch eine Kampagne der Hundepfeifen. Unmittelbar nach dem Massaker in einem Schwulen-Nachtclub in Orlando, Florida, twitterte Leave.EU ein Foto von Isis-Kämpfern zu diesem Text: 'Der freie Handel mit Kalaschnikows in Europa hilft Terroristen. Stimmen Sie am 23. Juni für mehr Sicherheit, stimmen Sie für #Leave.' Und explizit die Tragödie ausnutzend weiter: 'Handeln Sie jetzt, bevor wir hier eine Gräueltat im Orlando-Stil sehen.'"

Außerdem: Alexandra Schwartz porträtiert die kanadische Schriftstellerin Miriam Toews, die sich von ihrer menonitischen Kirche gelöst hat. Hua Hsi erklärt, wie die Kulturwissenschaftlerin Lauren Berlant in ihrem Buch "Cruel Optimism" die Politik à la Trump vorausgesehen hat. Und Joshua Rothman entdeckt versteckte Energiequellen in den Bildern des Malers Peter Sacks. Carrie Battan hört d.j. Mike Lévy. Alex Ross hört neue Klavierkonzerte von Thomas Ades und John Adams. Und Anthony Lane sah im Kino Anthony Maras' Film "Hotel Mumbai" über die islamistische Terrorattacke in Indien 2008.

Magazinrundschau vom 12.03.2019 - New Yorker

Für die aktuelle Mode- und Design-Ausgabe des New Yorker checkt Rebecca Mead die neuen Wandfarben der Dekokönige von Farrow & Ball. Schon die Namen sind schräg: "Elephant's Breath, gewöhnlich als Taupe bezeichnet, verkauft sich besser als weniger originell benannte Grautöne. Farrow & Ball lassen sich von der Natur inspirieren. Toter Lachs ist ein dunkelrosa Braun. Mizzle, ein Graugrün, hat seinen Namen von einem umgangssprachlichen Begriff für die bekannte britische Wetterlage zwischen Nebel und Nieselregen. Ein beliebter Trick von Farrow & Ball ist es, ein einfaches Wort zu nehmen und es ins Französische zu übersetzen: Ein Braunton, der das Designteam an ein Paar Hosen erinnerte, wurde zu Pantalon, und ein knackiges Weiß heißt Chemise. Ein muffiges Blau ist De Nimes, nach der französischen Stadt, in der Denim erfunden wurde. Andere Namen sind pervertiert: Ein cremefarbener Farbton wird als geschwärzt bezeichnet. Die Fans von Farrow & Ball schwärmen für die beispiellose Farbtiefe und das Schillern der Farben je nach Lichtverhältnissen. Wem die Unterscheidungsfähigkeit abgeht, dem bleibt der außergewöhnliche Preis. Farrow & Ball Farben kosten ca. 110 Dollar die Gallone, fast doppelt so viel wie gewöhnliche Farbe … Es ist wie eine Designer-Handtasche für Ihr Haus (und genau wie manche Leute Prada-Kopien kaufen, gibt es Hausbesitzer, die mit einer Farbprobe von Farrow & Ball in den Baumarkt gehen, um die Farbe zu kopieren. Was an Farbtiefe verloren geht, wird an Dicke der Brieftasche gewonnen.) Als David Cameron in seinem Garten einen Schuppen bauen ließ, in dem er seine Memoiren schreiben wollte, ließ er ihn mit einem Farrow & Ball Farbton namens Mouse's Back streichen. Der Schuppen kostete dreißigtausend Dollar. Hätten Farben von Farrow & Ball im 18. Jahrhundert in Frankreich existiert, hätte Marie Antoinette das Petit Trianon damit verschönert."

Außerdem: Doreen St. Felix porträtiert den Fashion-Designer Virgil Abloh und seine Mode für Männer. Jia Tolentino stellt die Athleisure-Modemarke "Outdoor Voices" vor. Leo Robson denkt über einen alternativen Literaturkanon mit John Williams an der Spitze nach. Hua Hsu hört Songs von Helado Negro. Und Anthony Lane empfiehlt statt des neuesten Marvel-Films Yuri Norsteins 1979 entstandenen Trickfilm "Tale of Tales":


Stichwörter: Farrow & Ball, Wandfarbe

Magazinrundschau vom 05.03.2019 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker begibt sich Helen Rosner in die Küche von Niki Nakayama in Los Angeles, wo die japanische Meisterköchin den Stil des Kaiseki zelebriert: "Kaiseki ist kein bestimmtes Gericht oder eine Technik, sondern ein Format, das oft ein Dutzend oder mehr kleine Gänge umfasst. Es ist mit den strengen Ritualen der japanischen Teezeremonie verwandt und integriert ästhetische Elemente aus japanischen Kunstformen wie Kalligrafie und Blumendekoration. In seiner Exaktheit und Zurücknahme sah Paul Bocuse einen Ansatz, der in vieler Hinsicht das Gegenteil der dekadenten französischen Haute Cuisine war. Als Bocuse die Nouvelle Cuisine entwickelte, die moderne Neuinterpretation der französischen Küche, die auf Saisonalität, Qualität der Zutaten und die Folge aufeinander abgestimmter Gänge setzte, stützte er sich auf die Prinzipien des Kaiseki … Es gibt keine futuristische kulinarische Chemie oder extravagante Tischdeko. Die Praktizierenden des Kaiseki sprechen davon fast als von einer Form des Dienstes, einer Unterordnung des Koches. Als ich Nakayama traf, erklärte sie, im Kaiseki seien 'die Zutaten wichtiger als der Koch. Alles daran ist wichtiger als du, und das musst du respektieren. Ein Teil davon ist wirklich stolz, ehrgeizig, und doch versucht er, sich zurückzuhalten.' … Im Zentrum des Kaiseki steht die Vorstellung vom Shun: der Moment, da eine Zutat, ein Stück Obst, ein Gemüse oder Fisch auf seinem Höhepunkt ist. Kaiseki-Köche teilen das Jahr nicht in Viertel, sondern in 72 Mikrosaisons. Der erste Gang der Mahlzeit, Sakizuke, ist wie ein Wegweiser auf einer Karte: Du bist hier. Als ich Mitte Januar bei Nakayama aß, bedeutete das die Vorführung subtropischer Wintersüße: gewürfelte Hokkaido-Muschel unter Orangengelee, daneben ein noch helleres Karottenpüree, aus dem Strahlen knusprig gebratener lila Karotte brachen, wie die Strahlen der südkalifornischen Sonne." Lecker!

Außerdem: Jane Mayer geht der Frage nach, ob Fox News Trumps Propagandakanal ist, ein Umstand, den Medienbeobachter nahelegen, die seit August 2018 mehr als zweihundert Fälle verzeichnen, in denen der Präsident Hinweise auf Fox News Artikel an seine 58 Millionen Twitter-Follower weiterreichte. David Remnick porträtiert den letzten Blues-Musiker Buddy Guy. Peter Schjeldahl erläutert den Spaßfaktor an Mirós Modernismus. Francisco Cantú liest ein Buch des Historikers Greg Grandin, "The End of the Myth: From the Frontier to the Border Wall in the Mind of America". Und Anthony Lane sah im Kino Sebastian Lelios "Gloria Bell" mit Julianne Moore.