Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

658 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 66

Magazinrundschau vom 30.06.2020 - New Yorker

In den USA gibt es inzwischen mehr als sechzigtausend Dollar Generals und fast achttausend Family Dollars - und es entstehen immer weitere der Billig-Discounter, schreibt Alec MacGillis in der aktuellen Ausgabe des Magazins. Die Löhne sind niedrig und die Kriminalität  - von Diebstahl über Raubüberfall bis zu Mord  - ist überdurchschnittlich hoch in den Ladenketten, fährt MacGillis fort: Oft in ärmeren Nachbarschaften liegend, gibt es maximal drei Angestellte pro Geschäft, Kameras funktionieren kaum und an sämtlichen Sicherheitsstandards wird ebenfalls gespart:  In einem Dollar General, in dem kurz vorher ein Raubüberfall geschehen war, "nahm der 32-jährige Edwin Goldsmith eine Stelle an. Das einzige Sicherheitstraining, das er erhielt, war ein zwölfminütiges Video. Die Kassierer wurden angewiesen, das Geld in der Schublade herauszugeben, wenn sie bedroht wurden, ein Farbpäckchen beizufügen, um die Rückverfolgung des Geldes zu erleichtern, und ein rotes Telefon hinter der Kasse zu verwenden, um eine Sicherheitsfirma anzurufen, die von Dollar General beauftragt wurde. Die Vorgesetzten von Goldsmith ignorierten seine Bitte um Sicherheitspersonal. Am St. Patrick's Day, als Ohio inmitten der Coronavirus-Pandemie alles dichtzumachen begann, betrat ein Mann den Laden, zog eine Maske an und holte eine Waffe heraus. Es waren nur achtzig Dollar in der Kasse; die Kassierer hatten gerade Bargeld zum Briefkasten gebracht. Es gab keine Farbpäckchen in der Kasse, es war nach dem Raubüberfall im November immer noch nicht ersetzt worden. Goldsmith hatte erst kürzlich einen Teil der Theke entfernt, den der Schütze mit einer Kugel beschädigt hatte. Goldsmith, der älteste der drei Angestellten in der Schicht, befürchtete, dass der Räuber zurückkommen würde. Also holte er seine eigene Waffe aus seinem Auto und schob sie unter den Hosenbund. Die Polizei traf ein, ebenso wie der Bezirksleiter von Dollar General. Als sie das Kameramaterial abspielten, um den Raub zu sehen, sahen sie auch, wie Goldsmith seine Waffe holte. Am folgenden Tag teilte der Geschäftsleiter Goldsmith mit, die Firma habe ihm gesagt, er solle ihn entlassen, weil er gegen die Regeln der Firma verstoßen habe, wonach es verboten ist, eine Waffe zur Arbeit zu bringen."

In der gleichen Ausgabe stellt Anna Wiener sogenannte "Ghost kitchens" vor, also virtuelle Restaurants, die nur noch für Lieferdienste produzieren und keinen Gastraum bieten: "Einige Restaurantbesitzer betreiben zehn virtuelle Marken von einer einzigen Küche aus. Im Februar, als der Stadtrat von New York eine Aufsichtsanhörung über die Auswirkungen von Geisterküchen auf lokale Unternehmen abhielt, sagte Matt Newberg, ein Unternehmer und unabhängiger Journalist, aus, er habe einen CloudKitchens-Beauftragten in Los Angeles besucht, wo siebenundzwanzig Küchen auf 11.000 Quadratmetern einhundertfünfzehn Restaurants auf Lieferplattformen betreiben. Newberg stellte ein Video online, auf dem Köche gezeigt wurden, die in ein fensterloses Lagerhaus gepfercht sind und über die Geräusche von Tabletts und Telefone hinweg Bestellungen brüllen. Für die Menschen, die in Geisterküchen arbeiten, hat diese Umgebung nichts Gespenstisches an sich, höchstens für die Kunden; die Geister sind die Arbeiter selbst. Die Logik der Plattformen zur Lieferung von Lebensmitteln ist die Logik des digitalen Marktplatzes. Genauso wie es vier verschiedene Amazon-Listen unter vier verschiedenen Markennamen für dasselbe USB-Kabel gibt, kann ein in einer Geisterküche hergestelltes Sandwich auf mehreren Speisekarten mit verschiedenen Namen erscheinen. Virtuelle Restaurantmarken haben oft auffällige und mit Worten spielende Namen, und einige scheinen wie aus einer Kurzgeschichte von Lorrie Moore gerissen zu sein: Á La Couch, Endless Pastabilities, Mac to the Future, Bad Mutha Clucka."

Weiteres: Sehr detailliert erläutert Jeffrey Toobin, wie der Mueller-Report an der Sabotage durch Justizminister William Barr scheiterte.

Magazinrundschau vom 23.06.2020 - New Yorker

In der aktuellen Ausgabe des Magazins fragt John Seabrook, ob Telemedizin das neue Ding ist oder doch eher ein Schrecken: "Im engeren Sinn bedeutet Telemedizin ein Setup, das es den Ärzten eines großen Krankenhauses erlaubt, an Notfall-Operationen in entfernteren Orten teilzunehmen. Dieser Ansatz stammt noch aus NASA-Frühzeiten in den sechziger und siebziger Jahren, als man Methoden untersuchte, um die Gesundheit der Astronauten sicherzustellen … Telemedizin bedeutet auch virtuelle Interaktion zwischen Arzt und Patient anstelle einer persönlichen Visite … Mittels App und Smartphone kann der Arzt etwa in den Hals des Patienten schauen und Antiobiotika gegen geschwollene Mandeln verschreiben. Auf die Art spart man sich den Weg in die Klinik und verhindert die Ansteckung anderer. Solche Visiten können unterstützt werden durch Geräte, die Patientendaten zu Hause sammeln und sie an den Arzt versenden, wie Fitnesstrackers, Blutdruckmesser, Thermometer … Bei chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Colitis ermöglicht Telemedizin dem Patienten Routine-Kontrollen online durchzuführen. Befürworter der Telemedizin glauben, dass 50 bis 70 Prozent aller realen Arztbesuche so ersetzt werden könnten. Bis zur Pandemie, war nur kaum jemand daran interessiert … Es ist eine Sache, Telemedizin einem Patienten anzubieten, den der Arzt kennt, eine ganz andere ist es, bei einer ersten virtuellen Visite eine Darmerkrankung von einer Magenverstimmung zu unterscheiden. Ein Telearzt, der Magenschmerzen falsch diagnostiziert, hinter denen tatsächlich Magenkrebs steckt, trägt die gleiche Verantwortung wie ein normaler Arzt."

In einem anderen Artikel erinnert sich Hilton Als an eine Kindheit in Brownsville, Brooklyn Ende der sechziger Jahre, die mit den Unruhen nach der Ermordung George Floyds für ihn auf beklemmende Weise wieder lebendig werde: "Die Wahrheit ist, nichts ist unpersönlich, wenn es um Rassismus geht. Jeder rassistischer Akt ist ein tief persönlicher mit einem Endergebnis: der Herabsetzung der betroffenen Person. Wenn du diese Art von Auslöschung erfahren hast, bist du nicht mehr sicher, wer du bist und wo du lebst. Mein Bruder war der Meinung, dass wir als Kinder so oft umgezogen sind, weil unsere Mutter Sicherheit suchte. Ich weiß nicht mehr, wie oft, aber ich selbst, versuchte Freunde zu machen, um meine Familie zu schützen … Heute lebe ich in einer vorwiegend weißen Gegend Manhattans. Ich war zu Hause, als die Demonstrationen begannen. Panik setzte ein, als ich die Hubschrauber und Polizeisirenen hörte. Ich war sicher, die Polizei würde übers Dach kommen. Sobald sie meinen schwarzen Arsch hier sähen, würden sie mich erschießen. Aus Angst bat ich einen weißen Freund, zu mir zu kommen. Was ich da fühlte, war eine Erinnerung an Unruhen und Heimatlosigkeit, der Gedanke, die Polizei könnte kommen und mich in meinem eigenen Zuhause zu einem Fremden machen."

Besprochen werden eine Biografie des Army-Astronomen und Schwulen-Aktivisten Frank Kameny und Agnieszka Hollands Holodomor-Drama "Mr. Jones"

Magazinrundschau vom 16.06.2020 - New Yorker

Für die aktuelle Nummer des Magazins stellt Adam Gopnik zwei Bücher vor über das Böse und wie es entsteht (David G. Marwells "Mengele" und Götz Alys "Europa gegen die Juden: 1880-1945") und versucht der Analyse des Nazismus in dieser Hinsicht Erkenntnis abzugewinnen: "Die Nazi-Intelligenzija glaubte wirklich an ihr Tun. Eine obsessive Lehre und eine spezielle Sprache der rassischen Differenz brachte ein intellektuelles Arsenal hervor, das vor jeglicher Verifizierung geschützt war. Man erschuf ein alternatives Universum mit eigener Wissenschaft und Akademia, um sicherzugehen, dass jeder, der daran teilnahm, sein Tun als normal begreifen konnte und sich selbst als Wissenschaftler, der Wissenschaft betreibt. Diese sich selbst abschottende intellektuelle Ganzheit unterschied die Nazis von den kommerzorientierten Konservativen, mit denen sie paktierten. Mengeles Karriere gemahnt daran, dass der Nazismus keine Form des rohen Kapitalismus war, wie die Linke lange behauptete, sondern purer Irrsinn im weißen Kittel - vom Glauben und leidenschaftlichen Ideen befeuert wie viele historische Bewegungen, nicht von nachvollziehbaren Interessen … Zu erkennen ist, wie eng die Auslöschung der Juden mit dem Hass auf den Kosmopolitismus zusammenhängt. Obgleich viele der ermordeten Juden arme religiöse Bauern und Händler aus Osteuropa waren, waren der Hauptfeind, so wie Mengele es sah, stets die gebildeten Juden Westeuropas. Als ein SS-Arzt sich fragte, warum all die armen osteuropäischen Juden getötet wurden, erinnerte er sich an Mengele, der erklärte, 'dass genau aus dieser Quelle die Juden neue Kraft und frisches Blut schöpften. Ohne diese armen, harmlosen Juden wäre der westeuropäische Jude nicht überlebensfähig. Daher ist es nötig, sie alle zu vernichten.' Die Masse der armen religiösen Juden in Polen wurde fast zufällig Teil des Schlachtens, das tatsächliche Ziel war die Elite, die den Bazillus des Kosmopolitismus mit sich brachte."

Außerdem: Luke Mogelson berichtet, wie sich Minneapolis unter dem Eindruck der jüngsten Demonstrationen gegen Rassismus verändert. Jill Lepore kritisiert all die Ausschüsse und ihre Berichte, die über die Jahrzehnte den Rassismus dokumentiert und doch nichts verändert haben. Rachel Aviv schickt eine Reportage aus amerikanischen Gefängnissen, wo Corona fast ungehindert wüten kann. Sarah Resnick stellt die Autorin Brit Bennett vor. Paul Elie fragt, wie rassistisch die Autorin Flannery O'Connor war. Jennifer Homans begutachtet den Tanz in Zeiten von Corona. Und Anthony Lane sah Spike Lees Netflix-Drama "Da 5 Bloods".
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Magazinrundschau vom 02.06.2020 - New Yorker

Endlich, eine große Biografie über Andy Warhol. Joan Acocella liest sie mit Vergnügen, denn Autor Blake Gopnik kann schreiben. Größter Schwachpunkt, meint sie, ist seine Verteidigung der späten Warhol-Werke, für die Acocella das Wort Kunst nicht mehr benutzen würde. Aber hagiografisch ist das Buch auch nicht, wie diese Episode zeigt: "In den fünfziger Jahren gab es in den Vereinigten Staaten bereits Konzeptkunst, aber die Star-Maler waren die Abstrakten Expressionisten, allen voran Jackson Pollock und Willem de Kooning, mit ihren aufwendigen Drips und Impastos. Den Ab Exes waren die jungen Robert Rauschenberg und Jasper Johns auf den Fersen, die teils konzeptuell, teils malerisch arbeiteten und sich 'Pop' annäherten ... Auch Warhol interessierte sich für dieses populäre Thema und seine Umsetzung. Er ärgerte sich darüber, dass andere Leute ihm, so sah er es, die Show stahlen. Laut einer berühmten Geschichte beschwerte er sich eines Abends bei Freunden darüber und fragte, ob jemandem Bilder der Popkultur einfielen, die noch niemand benutzt hatte. Eine Dekorateurin namens Muriel Latow sagte, sie hätte einen Vorschlag, wollte aber fünfzig Dollar im voraus, bevor sie ihn enthüllen würde. Der schamfreie Warhol setzte sich hin und schrieb einen Scheck aus. Dann sagte Latow: 'Sie müssen etwas finden, das für fast jeden erkennbar ist ... so etwas wie eine Dose Campbell's Suppe.' Gopnik nennt dies Warhols 'Heureka-Moment', und es ist typisch für die Raffinesse des Buches, dass die entscheidende, keimende Idee von Warhols Pop Art ohne Entschuldigung jemand anderem statt Warhol zugeschrieben wird."

Weitere Artikel: Elizabeth Kolbert erzählt, wie Island Covid 19 besiegt. Hua Hsu porträtiert die 79-jährige Autorin Maxine Hong Kingston. Peter Schjeldahl denkt über Hopper nach, während er den Katalog zur Ausstellung in der Fondation Beyeler durchblättert. Ein enttäuschter Anthony Lane sah Josephine Deckers Film "Shirley" nach einem Roman über die Autorin Shirley Jackson. Außerdem gibt es in dieser Ausgabe drei Erzählungen - eine unveröffentlichte von Hemingway, eine von Haruki Murakami und eine von Emma Cline - und Geschichten über Close Encounters u.a. von Miranda July und Ottessa Moshfegh.

Magazinrundschau vom 26.05.2020 - New Yorker

Für die aktuelle Nummer des Magazins folgt James Wood Dostojewski in die Verbannung. Was macht Dostojewski in Sibirien? Er liest Hegel. Behauptet zumindest der ungarische Kritiker László F. Földényi in einem (jetzt ins Englische übersetzten) Essayband, in dem der Autor laut Wood in die Fußstapfen Ciorans tritt: "Földenyis Version (der Aufklärungskritik, d. Red.) geht so: Die Rationalität der Aufklärung hat nicht nur Gott durch einen Gott der Vernunft ersetzt, sondern auch die Freiheit neu definiert als rein instrumentell, nicht länger metaphysisch, als etwas, das der Mensch formen und kontrollieren kann. Echte Freiheit aber, glaubt Földenyi, 'wird nur erreicht, durch das, was mich transzendiert', was jenseits unserer Macht und unseres Verstehens steht. Wenn wir dieser Idee von Freiheit abschwören, fangen wir an, auf Erden Utopien zu bauen, die sich in Dystopien verwandeln. Hier folgt Földenyi Dostojewski, der den Kristallpalast auf der Londoner Weltausstellung mit Horror als Tempel des kapitalistischen Triumphs erkannt hatte. Földenyis Version des Glaspalastes ist der kugelförmige Turm zu Babel, erbaut mit hybridem Rationalismus, als Zeichen für den globalisierten Markt des westlichen Kapitalismus … Aber was ist diese Transzendenz, die der Welt abhanden gekommen ist? Als Christ bleibt der Autor hier seltsam zurückhaltend, spricht von 'transzendentalen' Zielen und davon, 'offen zu bleiben für die metaphysische Tradition', für 'das Göttliche'. Doch wenn er wirklich Gott mit dem Göttlichen meint, warum sagt er es nicht? Dostojewski wäre klarer gewesen."

Außerdem: Ariel Levy porträtiert die keinem Streit aus dem Weg gehende Schriftstellerin Lionel Shriver. Adam Gopnik testet die Online-Psychotherapie. Nathan Heller schaut nach San Francisco, wo Obdachlosenkrise und Coronakrise konvergieren. Und Carrie Battan hört The 1975. Und Anthony Lane sah im Kino "The Painter and the Thief" von Benjamin Ree.

Magazinrundschau vom 19.05.2020 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins begibt sich Dexter Filkins ins Innere des Iran, um herauszufinden, was geschieht, wenn Ali Chamenei abtritt: "Chameneis erste Wahl wird sein Sohn Modschtaba sein, Geistlicher in Teheran. In den vergangenen Jahren hat Chamenei ihm mehr Macht in der Regierung zugeteilt. Aber viele Iraner glauben, dass die Revolutionsgarden nach Chameneis Abtreten an der Suche nach einem neuen Anführer beteiligt sein werden. Manche halten es für möglich, dass die Garden die totale Herrschaft fordern werden. Einige frühere Befehlshaber haben bereits wichtige politische Positionen übernommen. 'Die Garden werden nicht auf einen Schlag übernehmen, es ist ein langsamer Prozess', meint ein Beobachter vom Institut der arabischen Staaten. Die meisten, mit denen ich sprach, glauben, die Garden werden eine Fassade klerikaler Herrschaft aufrechterhalten … Die Corona-Krise hat den Einfluss der Garden verstärkt. Im März gab Chameinei ihnen die Vollmacht, das Virus einzudämmen, seitdem haben sie zehntausende Truppen im ganzen Land stationiert … Ein Zuständiger aus dem Gesundheitsministerium erklärt: 'Die Garden sind entschlossen, jeden Schaden, der durch Chameneis Entscheidungen in der Sache entsteht, dem Präsidenten und dem Gesundheitsministerium anzulasten.' Westliche Beobachter glauben, dass die Offiziere der Garden bestrebt sind, den Status quo zu erhalten, von dem sie bisher profitiert haben. Es sieht aus, als würde der Iran nur noch konservativer werden. Vor den Parlamentswahlen im Februar schlossen Justiz und Klerus 7000 Kandidaten, die Hälfte aller Bewerber, aus, unter ihnen 90 derzeitige Mitglieder des Parlaments, darunter auch Konservative. 'Einige waren wohl korrupt, andere nicht loyal genug', schätzt ein westlicher Beobachter aus der Region. Dennoch gibt es Iraner, die innerhalb der Garden Kräfte sehen, die das Land näher an China binden wollen: strikte Politik, ein freierer Markt … Eine Regierung der Technokraten, nicht der Kleriker und Generäle, die mehr Rede- und Kleidungsfreiheit ermöglichen, um die Mittelklasse anzulocken."

Weitere Artikel: Amanda Petrusich stellt das neue Album der tollen Singersongwriterin Phoebe Bridgers vor. Margaret Talbot denkt über die Kompetenzen von Community Labs nach, die der Industrie den Schneid abkaufen. Brooke Jarvis empfiehlt Literatur über Aale. Anthony Lane sieht Seuchenfilme. Alex Ross ist dankbar für gestreamte Konzerte. Und Nicholas Lehman liest Walter Johnsons Buch "The Broken Heart of America: St. Louis and the Violent History of the United States", das die Sklaverei als Grundstein des Kapitalismus beschreibt.

Magazinrundschau vom 12.05.2020 - New Yorker

Für die neue Ausgabe geht Ben Taub auf Tauchstation, um einem der letzten großen Rekorde beizuwohnen, dem Abtauchen eines Menschen (in diesem Fall des Milliardärs Victor Vescovo in einer schicken Titaniumkapsel) bis auf den Grund des Tongagrabens in über 10 Kilometer Tiefe, zu einem der tiefsten Punkte des Meeres: "Der Meeresspiegel, dauernd im Fluss. Auf der Oberfläche des Ozeans gibt es einen winzigen Bereich zwischen Himmel und Meer, der mal beides ist, mal keins von beidem. Jede Lebensform, die wir kennen, existiert in Relation zu diesem Bereich. Darüber: die Welt des Erdbodens, der Luft, der Lunge und des Sonnenlichts. Darunter: die Welt des Wassers, der Tiefe und des Drucks. Je tiefer du gehst, desto dunkler, feindseliger, unbekannter, unermesslicher. Ein Platschen im Südpazifik im vergangenen Juni markierte einen historischen Aufbruch in diese Welt. Ein Kran ließ ein kleines weißes Unterseeboot von einem Schiff ins Wasser plumpsen. Einen Moment dümpelte es still an der Oberfläche, sein Auftrieb genau an das Gewicht des einzigen Piloten angepasst. Der Pilot legte den Schalter um und das Boot gab ein hohes Surren von sich. E-Pumpen saugten Wasser in einen Tank und drückten das Boot unter Wasser. Die Oberfläche schäumte, als das Wasser eingesaugt wurde, dann Stille, das Boot glitt unter die Wasseroberfläche. Die meisten Unterseeboote gehen einige hundert Meter in die Tiefe, dann fahren sie in der Waagerechten, das hier wurde gemacht, um wie ein Stein zu sinken. Es hat die Form einer prall gefüllten Aktentasche mit einer hervorschauenden Birne am Boden, die Druckkapsel aus Titan, fünf Fuß Durchmesser, abgeschottet vom Rest des Schiffs, die Pilotenkapsel. Unter dem Sitz befand sich ein Tunfischsandwich, das Mittagessen des Piloten. Er blickte aus einem der Viewports ins Blau. Bis zum Grund würde es vier Stunden dauern … Das Boot berührte den Boden und der Pilot, ein 53-jähriger Texaner namens Victor Vescovo, war das erste Lebewesen aus Blut und Knochen am tiefsten Punkt des Tongagrabens."

Außerdem: Alex Ross porträtiert den Pianisten Igor Levit. Thomas Meaney stellt ein neues Buch vor, das den - eigentlich längst entzauberten - Mythos Henry Kissinger noch einmal entzaubern will. Jia Tolentino überlegt, ob uns gegenseitige Hilfe als positiver Effekt von Corona erhalten bleibt. Und Peter Schjeldahl sah im Moma die Dorothea-Lange- und die Felix-Fénéon-Ausstellungen.

Magazinrundschau vom 05.05.2020 - New Yorker

In einem Text der neuen Ausgabe fragt David Quammen, warum die USA so schlecht auf Corona vorbereitet waren: "Die katastrophal späte, inadäquate, wirre und für viel verwirrende Reaktion der Regierung vor wie nach dem ersten Fall, hat mit zu vielen Faktoren zu tun, hier sind zwei: Das Versagen, die Warnungen durch SARS und MERS Ernst zu nehmen. Und der Verlust an politischen Kapazitäten in den letzten Jahren, die die Bedeutung und die Dringlichkeit von pandemischen Bedrohungen verstehen. Beth Cameron, ehemalige Vorsitzende des Direktoriums für Weltgesundheits- und B-Schutz am National Security Council, nennt es die Abwesenheit eines 'Rauchmelders'. Die Verantwortlichen, die für die Beobachtung von Notfallagen zuständig sind, müssen den Rauch riechen und das Feuer ersticken, solange es klein ist, sagt sie. 'Gegen den Ausbruch gibt es kein Mittel, aber wir können verhindern, dass er sich zu einer Pandemie auswächst.' Seit der Ebola-Epidemie bis März 2017 war Cameron federführend im Direktorium. Ihr Nachfolger führte es ein Jahr weiter, dann, unter John Bolton, wurde es aufgelöst. Ein Rauchmelder funktioniert nicht, wenn die Batterie fehlt. Der Virologe Dennis Carrol leitete 15 Jahre lang ein Pandemie-Projekt an der US-Behörde für Internationale Entwicklung. 2009 entwickelt er ein 200 Millionen Dollar schweres Programm, das der Entdeckung potenziell gefährlicher neuer Viren vor ihrer Verbreitung auf den Menschen diente. Dieses Programm endet 'wegen risikoscheuer Bürokraten', sagte er der Times vergangenen Oktober. Die Regierungen Bush und Obama seien 'enorm hilfreich' gewesen, aber dann kam ein kalter Wind."

Außerdem: Evan Osnos geht der Frage nach, wann die Country-Club-Republikaner Trump lieben lernten. Adam Kirsch erinnert an den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard und seine Vorliebe fürs Unglücklichsein. Jill Lepore schaut die Sesamstraße und überlegt, ob das Format noch trägt. Und Anthony Lane träumt von den Vorzügen der Nachtzüge.

Magazinrundschau vom 21.04.2020 - New Yorker

In einem Text der neuen Ausgabe des Magazins trifft Rivka Galchen einen jungen Arzt, der in Queens an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpft und erkennen muss, wie sehr die Erkrankung an Covid-19 mit dem sozioökonomischen Status der Menschen zusammenhängt und wie sich das Verständnis dessen, was normal ist, wandelt: "Im Vorbeigehen sieht er zwei Patienten auf Bahren liegen, die in keiner sichtbaren Notlage waren, aber eine Sauerstoffsättigung um die 70 Prozent hatten. Sie gehörten eigentlich sofort in die Intensivpflege. Kurz darauf hört er jemanden nach ihm rufen. 'Es ist dieser Mann, den ich das dritte Mal in dieser Woche sehe, öfter als manche Freunde … also bin ich amüsiert und vielleicht auch etwas abweisend, weil ich ihm schon so oft gesagt habe, er soll nach Haus gehen und seine Symptome beobachten.' Äußerlich war der Mann wie immer. 'Also lasse ich ihn noch einmal röntgen, ohne eine große Veränderung zu erwarten - und es war grauenhaft.' Der Mann war kurz davor zu kollabieren. Viele Ärzte haben über den harschen Kontrast berichtet bei Patienten, die bequem im Stuhl sitzen können, während ihre entzündeten Lungen jederzeit kollabieren können. 'Du siehst, wie der Patient alle Energie seines Körpers dazu verwendet zu atmen.'"

In einem anderen Beitrag berichtet Luke Mogelson über die Folgen von Trumps Rückzug aus Nordsyrien: "Die Katastrophe, die über Nordsyrien hereinbrach, wird vor allem mit Trumps Kapitulation gegenüber Erdogan in Verbindung gebracht, die viele als Verrat an den Kurden betrachten. Senator Mitt Romney, der eine Untersuchung des Kongresses in Aussicht stellt, nannte es 'einen Blutfleck auf den Annalen der Amerikanischen Geschichte'. Kritik, die sich auf die Vorstellung bezieht, dass die Kurden für ihre Niederschlagung des IS bei den USA etwas gut haben. Trump aber hat nie erkennen lassen, dass dies auch seine Vorstellung ist. Eher sieht es aus, als wären US-Kommandeure und Diplomaten Bindungen eingegangen, die Trumps Äußerungen widersprechen und die Kurden fälschlicherweise in Sicherheit wiegten … US-Truppen in Syrien dagegen glaubten an ihre Partnerschaft mit den Kurden und waren erschüttert über die Art und Weise, wie ihr Engagement endete. Die Frage ist, ob sie den Kurden einen schlechten Dienst erwiesen haben, indem sie ihnen vorenthielten, dass der Wille sämtlicher US-Institutionen durch einen präsidentalen Tweet augenblicklich außer Kraft gesetzt werden kann und dass so ein Tweet möglich war. Nirgends sind die Spannungen zwischen dem Weißen Haus und der US-Außenpolitik so sichtbar wie in Syrien. Fast jeder Kurde, den ich dort traf, unterschied zwischen dem US-Militär und seinem Oberbefehlshaber."

Weiteres: Adam Gopnik liest einige Bücher über die Geschichte des Kaffees. Naomi Fry umarmt die chaotische Seite des Zoomens. Amanda Petrusich stellt die Sängerin Brittany Howard vor. Vinson Cummingham porträtiert die Theaterautorin und Filmemacherin Kathleen Collins.

Magazinrundschau vom 07.04.2020 - New Yorker

Seit er nicht mehr Herausgeber der Literaturzeitschrift Granta ist, widmet sich Bill Buford mit Hingabe dem Kochen: Er hat als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling gearbeitet. Und sich dann als als Brotbäcker-Lehrling in einer französischen Boulangerie verdingt. Davon erzählt er in der aktuellen Ausgabe des New Yorker: "Das Wort Baguette bedeutet 'Stock' oder auch 'Taktstock' und wurde zur Benennung des Brotes wahrscheinlich erst seit dem Zweiten Weltkrieg benutzt. Über die Definition des Baguettes gibt es lange Auseinandersetzungen. In meinem 'Larousse Gastronomique', einem Handbuch der Französischen Küche, von 1938 findet sich das Wort jedenfalls nicht. Davor gab es andere Bezeichnungen wie 'ficelle' (Schnur), 'flute' (Flöte) oder 'batard' (der Dicke, der Bastard). Es spielt keine Rolle: Es ist nicht der Name, der französisch ist, sondern die Form. Ein langes Brot hat mehr Rinde als ein rundes. Die Form bedeutet: Knusper. Als ich Baquettes machte, war ich erstaunt über die Mühe und die Ökonomie des Ganzen. Du ziehst ein kleines Stück Teig heraus, wiegst es auf einer alten Metallwaage, rollst es aus, gibst es zum Aufgehen in eine Form, schlitzt es, bäckst es und kassierst 1 Euro für deine Mühen. Der Schlitz wird mit einer Art Rasierklinge ausgeführt, eine Skarifikation, so leicht, dass es den Laib nicht zerdrückt. Ich hatte Schwierigkeiten, den Schlitz ohne Druck ausführen, ebenso beim Ausrollen des Teigs. Bob (der Bäcker, d. Red.) hatte so eine Art der Berührung drauf, leichter als Luft, er hinterließ nie einen einzigen Fingerabdruck."

Außerdem: Ariel Levy berichtet von einer Frau aus Virginia, die in Uganda unterernährten Kindern helfen wollte und jetzt wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht steht. Der Wissenschaftsjournalist Matthew Hutson schreibt über die Suche nach Virostatika, antiviralen Wirkstoffen. In einem Pandemie-Dossier vermutet Gary Shteyngart, dass wir uns schon recht lange auf das Leben in der häuslichen Isolation eingestimmt haben (weitere AutorInnen sind u.a. Edwidge Danticat, Rebecca Mead, Donald Antrim und Maggie Nelson). Peter Schjeldahl vermisst die alten Meister im Museum. Dan Chiasson liest Gedichte von Joyelle McSweeney. Und Dorothy St. Félix guckt auf Netflix "Tiger King".