Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

642 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 65

Magazinrundschau vom 11.02.2020 - New Yorker

Im aktuellen Heft des Magazins spricht Masha Gessen mit Judith Butler über ihr neues Buch "The Force of Nonviolence", in dem es Butler weniger um individuelle Moral geht (die ihr als Idee zu männlich ist) als um eine soziale Philosophie des Lebens: Bis heute denken wir, "dass individuelle Überlegungen den Kern moralischer Handlung ausmachen. Bis zu einem Punkt stimmt das auch, aber wir sind nicht kritisch genug mit dem Individuum. Ich würde die Frage nach Gewaltfreiheit gerne in eine Frage nach sozialer Verpflichtung umwandeln und erwägen, ob nicht die Erforschung von sozialer Relationalität Hinweise auf die Beschaffenheit eines anderen ethischen Rahmens vermitteln kann. ... Sozialpsychologen sind der Meinung, dass bestimmte soziale Bindungen durch Gewalt zusammengehalten werden, Gruppenbindungen zumeist, Nationalismus, Rassismus. Wenn du zu einer Gruppe gehörst, die Gewalt anwendet und spürst, das die Bindung untereinander durch diese Gewalt noch verstärkt wird, bedeutet das, dass die angegriffene Gruppe zerstör- und verzichtbar ist und deine Identität nur auf negative Weise zu der ihren in Relation steht. So wird ausgedrückt, dass bestimmte Leben wertvoller sind als andere. Wie sähe das Leben in einer Welt absoluter Gleichheit aus? Meiner Ansicht nach dürften wir uns in einer solchen Welt nicht gegenseitig umbringen oder Gewalt antun." Das gelte selbstverständlich auch für staatliche Institutionen: "Wir können über Grenzen und Haftanstalten als eindeutige Institutionen der Gewalt nachdenken."

Außerdem: Julian Lucas hinterfragt den Sinn von Reenactments historischer Traumata wie der Sklaverei. Lauren Collins berichtet über Zweifel an der Existenz der ältesten Frau der Welt. Joan Acocella stellt ein Buch vor, das das Leben Plinius des Jüngeren und dessen Bericht über den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 behandelt. Ian Parker porträtiert den israelischen Historiker Yuval Noah Harari. Peter Schjeldahl wandert im New Museum durch die Ausstellung des Malers Peter Saul. James Wood feiert Daniel Kehlmanns Roman "Tyll", und Anthony Lane verreißt Cathy Yans Filmspektakel "Birds of Prey".

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - New Yorker

In einem Beitrag des aktuellen Hefts konstatieren Adam Entous und Evan Osnos eine neue Art des Tötens, derer sich Nationen zur Beseitigung unliebsamer Feinde bedienen: "Seit der Haager Konvention von 1907 ist das Töten eines Angehörigen einer anderen Regierung in Friedenszeiten durch das Kriegsvölkerrecht weitgehend ausgeschlossen. Als die Trump Regierung erstmals die Tötung von Qasem Soleimani verkündete, hieß es aus offiziellen Kreisen, er wäre eine 'immense' Bedrohung für US-Bürger gewesen. Als es Fragen und Kritik hagelte, änderte die Regierung ihre Begründung und verwies auf Soleimanis Rolle in einer 'Serie von Attentaten'. Schließlich verzichtete Trump ganz auf jede Rechtfertigung und twitterte, in Anbetracht von Soleimanis 'schlimmer Vergangenheit' käme es darauf nicht an. Dass der Präsident der Frage der Legalität auswich, enthüllt eine finstere Wahrheit: Die Entscheidung eines Staates zur Tötung hängt weniger von Fragen des Gesetzes ab als von einer Reihe dehnbarer politischer, moralischer und gefühlsmäßiger Erwägungen. Im Fall Soleimani war Trumps Tötungsbefehl der Höhepunkt eines großen strategischern Spiels zur Umgestaltung in Nahost und zugleich der Beginn eines potenziell grauenhaften neuen Weges des Tötens. Dieser Weg begann vor mehr als zehn Jahren mit einer anderen tödlichen Operation: In einer Februarnacht 2008 wurde in einem noblen Bezirk von Damaskus Imad Mughniyya getötet … Er war der militärische Stratege der Hisbollah … und wurde für einige der spektakulärsten Terroranschläge der Jahre 1975-2000 verantwortlich gemacht."

Und ein Text von John Cassidy geht der Frage nach, ob Wohlstand auch ohne Wachstum möglich ist: "Die Degrowth-Bewegung hat ihre eigenen akademischen Magazine und Konferenzen. Einige Vertreter plädieren für die totale Abschaffung des globalen Kapitalismus, nicht nur der fossilen Brennstoff-Industrie. Andere denken an einen Kapitalismus der anderen Art, in dem Produktion für Profit weiterhin möglich ist, aber mit einer ganz anders orientierten Wirtschaft. In seinem einflussreichen Buch 'Prosperity Without Growth: Foundations for the Economy of Tomorrow' ruft Tim Jackson, Professor für nachhaltige Entwicklung an der Universität von Surrey in England, die westliche Welt auf, ihre Wirtschaft von Massenproduktion auf lokale, weniger ressourcenintensive Dienstleistungen umzustellen, Krankenpflege, Lehre und Handwerk. Jackson ist sich der Dimensionen eines solchen Umbruchs bewusst, was soziale Werte und Produktionsweisen angeht, aber er klingt optimistisch: 'Die Menschen können gedeihen, auch ohne dauernd mehr Zeug anzuhäufen. Eine andere Welt ist möglich.'" Aber wird sie einen Sozialstaat finanzieren?

Magazinrundschau vom 28.01.2020 - New Yorker

In einem Beitrag des neuen Hefts macht sich Jill Lepore Gedanken über die Zukunft der Demokratie, indem sie zurückblickt: "Es ist ein Paradox der Demokratie, dass sie zu attackieren, der beste Weg ist, sie zu schützen - indem man mehr von ihr fordert, durch Kritik, Protest und Dissens. Die US-Demokratie der 1930er hatte viele Kritiker von links wie rechts und von mexikanischen US-Bürgern, die gegen ein brutales Regime angingen, das Menschen deportieren wollte, die den New Deal für verfassungswidrig hielten. W. E. B. Du Bois prophezeite das Scheitern der Demokratie, sollten die USA nicht ihrer Verpflichtung nachkommen, für Würde und Gleichheit aller Bürger zu sorgen und ihre enge Verbindung zu den Unternehmen beenden: 'Wenn sie ihre Macht in den Dienst des Rassismus, der Millionäre, der Herrschaft des Geldes und des Sturzes demokratischer Regierungen stellen, wenn sie weiter für Reaktion, Faschismus, weiße Vorherrschaft und Imperialismus stehen und Krieg statt Frieden fördern, dann werden die USA den Weg des Römischen Reichs gehen' … Wenn die USA diesen Weg nicht gegangen sind und ihre Grundrechtserklärung noch immer mehr wert ist als das Papier, auf dem sie steht, so ist das den vielen Menschen zu verdanken, die dafür gekämpft haben, Gewinn und Verlust eingerechnet. Der Kampf geht weiter."

Außerdem: Ed Caesar stellt Eira Thomas und ihr innovatives Diamanten-Imperium Lucara vor. Casey Cep schreibt über die Mühen, die afroamerikanische Geschichte zu bewahren. Hilton Als erinnert an Toni Morrisons geniale Idee, schwarze Frauen zu Heldinnen ihrer literarischen Texte zu machen. Und Anthony Lane sah im Kino Guy Ritchies "The Gentlemen".
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Magazinrundschau vom 21.01.2020 - New Yorker

In einem Beitrag des aktuellen Hefts hinterfragt Nathan Heller die Zeitgemäßheit von Risikokapital: Ursprünglich hat es Paradiesvogel-Unternehmen finanziert, aber jetzt steht es hauptsächlich in Geschäftszweigen, die sich direkt an Konsumenten richten. "Schön, dass wir mitunter gratis davon profitieren (denken wir an MoviePass) Aber wie gesund ist das wirklich? Vor 30 Jahren musste man für Qualitätsjournalismus ein Abo buchen, für gutes Kino ein Ticket kaufen und für ein Taxi dem Fahrer den Standardbetrag plus Trinkgeld hinblättern. Die Welt des Risikokapitals hat die Gewohnheit des direkten Austauschs verändert. Heute erwarten wir von bestimmten Dingen, dass sie kostenlos sind, weil ein wohlhabender Finanzier irgendwo die Rechnung bezahlt. Wir bekommen gute Ware und Dienstleistungen, weil Risikokapitalisten ihr Geld in noch nicht gewinnträchtige Unternehmen stecken. Aber wir wertschätzen sie auch weniger. Die amerikanische Walfangindustrie (ein frühes mit Risikokapital angetriebenes Business, d. Red.) brach zusammen, weil die Wale fast ausgerottet worden waren. Heute ist dieses Szenario im Bereich des Risikokapitals nicht weniger real."

Außerdem: Raffi Khatchadourian stellt die erfolgreiche Sci-Fi-Autorin N.K. Jemisin vor. Ben Taub verfolgt die Versuche, einen irakischen Flüchtling zu retten, der in den USA angeklagt ist, für den IS getötet zu haben. Und Anthony Lane erinnert an das weltvorstellende Kino des Federico Fellini.
Stichwörter: Risikokapital

Magazinrundschau vom 14.01.2020 - New Yorker

In einem Beitrag des neuen Hefts erkundet Louis Menand die Vergangenheit und die Zukunft positiver Diskriminierung (affirmative action), die er immer noch für nötig hält: "Wir haben positive Diskriminierung, weil wir einst Sklaverei hatten und Jim Crow und Redlining und Rassengesetze, weil wir einst eine rein weiße Polizei und rein weiße Gewerkschafter hatten, rein weiße Universitäten und rein weiße Anwaltskanzleien. Um George Shultz, Nixons Arbeitsminister, zu paraphrasieren: Die Vereinigten Staaten hatten jahrhundertelang eine Rassenquote: Sie war gleich null. Positive Diskriminierung ist ein Versuch, das Unrecht, das den Schwarzen angetan wurde, wiedergutzumachen. Der vierzehnte Zusatzartikel schützt auch Weiße, aber deshalb musste er nicht geschrieben werden. Die Entscheidung des Gerichtshofs in der Rechtssache Shelby gegen Holder, mit der eine zentrale Bestimmung des Stimmrechtsgesetzes aufgehoben wurde, ist nach hinten losgegangen. Es stellt sich heraus, dass, wenn man Durchsetzungsmechanismen beseitigt, die Dinge dazu neigen, zum Status quo ante zurückzukehren. Die gesamte Geschichte der positiven Diskriminierung zeigt, wie [der Juraprofessor Melvin] Urofsky etwas widerwillig zugibt, dass die Minderheitenquote nach dem Ende unterstützender Programme wieder abnimmt. Vielfalt, wie auch immer wir sie definieren, ist politisch konstruiert und wird politisch aufrechterhalten. Das passiert nicht einfach so. Es ist eine Wahl, die wir als Gesellschaft treffen."

Außerdem: Elizabeth Flock denkt über die Grenzen der Selbstverteidigung von Opfern sexueller Gewalt nach. Alex Ross stattet den ältesten Bäumen der Erde einen Besuch ab. Kelefa Sanneh nimmt das Comeback von Pinegrove unter die Lupe. Carrie Battan hört Musik des avantgardistischen Elektronikduos 100 gecs. Und Adam Gopnik liest Briefe von und Bücher über Cole Porter.

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - New Yorker

Für einen Beitrag des neuen Hefts blickt Evan Osnos in die Zukunft der Beziehungen zwischen den USA und China, die in einen neuen Kalten Krieg zu fallen drohen. "Chinesische Führer sind alarmiert von der amerikanischen Unterstützung für Volksaufstände weltweit - zuerst die 'Farben-Revolutionen' im ehemaligen Sowjetblock und dann der arabische Frühling - und sie verübeln Amerikas Bemühungen, seinen Einfluss in Asien zu vertiefen. Seit November 2011 erweiterte Obama die militärische Präsenz Amerikas in Australien und arbeitete am Aufbau des Trans-Pacific Partnership, einem Handelsabkommen zwischen zwölf Nationen - China gehörte nicht dazu. 'China sah das als einen Versuch, es auszuschließen', sagt Herausgeber Deng Yuwen. 'All diese Dinge schienen aus verschiedenen Perspektiven auf China zu zielen - wirtschaftlich, geopolitisch und militärisch.' Xi glaubt, dass ein orthodoxes Bekenntnis zum Kommunismus von größter Wichtigkeit ist, während sein Land den westlichen Einfluss abwehrt. In einer Rede in 2013 fragte er: 'Warum brach die sowjetische kommunistische Partei zusammen?' Seine Antwort: 'Ihre Ideale und Überzeugungen schwankten.' Peking propagiert seitdem eine ideologische Wiederbelebung. ... Zensoren reinigen das Internet Tag für Tag von subversiven Ideen, und Gesichtserkennungstechnologien verfolgen das Kommen und Gehen der Menschen. Unter Xi sind die Marktreformen ins Stocken geraten, und die Schulen haben Bücher westlicher Ökonomen durch Traktate des Marxistischen Theorie Forschungs- und Bauprojekts ersetzt. Einige Parteieliten fragen sich, ob Deng Xiaopings Offenheit zu weit gegangen ist. 'Während die Partei zu der Idee zurückkehrt, dass ihre absolute Macht das Einzige ist, was zwischen China und dem Chaos steht, werden die Vereinigten Staaten und die Umarmung der Märkte zunehmend als Feind gesehen', meint der Yale-Historiker Odd Arne Westad."

Außerdem: Joshua Rothman wägt Arten der Gleichberechtigung gegeneinander ab. Ariel Levy fragt, ob nicht erst der Schmerz uns menschlich macht. Giles Harvey las das neue Buch von Javier Cercas, "Lord of All the Dead". Alex Ross hörte Alban Bergs "Wozzeck" in der Inszenierung von William Kentridge an der Met. Und Anthony Lane sah Ladj Lys Film "Les Misérables" im Kino.
Stichwörter: China, Australien

Magazinrundschau vom 17.12.2019 - New Yorker

Für einen Beitrag des neuen Hefts stellt Adam Entous den ukrainischen Staatsanwalt Jurij Luzenko vor, der zusammen mit Trumps Anwalt Rudolph Giuliani der Verleumdung Joe Bidens zugearbeitet haben soll: "Von allen Namen in den Anhörungen des Impeachment-Verfahrens wurde der von Luzenko mit am häufigsten genannt. In den Reden von Marie Yovanovitch und George Kent taucht Luzenkos Name 230 Mal auf, fast zweimal so häufig wie der Trumps. Luzenko, der auch einfach 'der korrupte Staatsanwalt' genannt wird, wurde als skrupelloser Politiker bezeichnet, der für seine Karriere lügt. Luzenko gab Informationen an Giuliani weiter, die von diesem, Trump und ihre Verbündeten benutzten wurden, um den Ruf der Bidens und den von Yovanovitch zu beschmutzen. Ein Hauptzeuge des Verfahrens behauptet: Ohne Luzenko wären wir nicht hier."

Weitere Artikel: Adam Gopnik überlegt, was alle Diktatoren gemein haben: den Willen zur Einschüchterung. Peter Schjeldahl denkt über das eigene Sterben nach: "Der Tod gleicht eher einer Malerei als einer Skulptur, wir kennen ihn nur von einer Seite." Benjamin Wallace-Wells porträtiert Pete Buttigieg als vielleicht größte Hoffnung der Demokraten bei den nächsten Präsidentschaftswahlen. Und Anthony Lane sah im Kino Jay Roaches "Bombshell".

Magazinrundschau vom 10.12.2019 - New Yorker

In einem Beitrag des aktuellen Hefts berichtet Jiayang Fan aus Hongkong und stellt fest, dass die andauernden Proteste gegen Peking ein ganz neues Selbstbewusstsein hervorgebracht haben, politisch, aber auch künstlerisch und kulturell: "Da niemand eine Idee hat, wie ein Kompromiss mit Peking aussehen könnte, bleiben die Menschen unnachgiebig und fordern die umkämpften Prinzipien Demokratie und Freiheit mit unverminderter Kraft ein. Kreativität ist überall: Performances, Graffiti, Songs, Slogans, Memes. In diesem künstlerischen Impuls lässt sich erkennen, dass Hongkong eine vom Festland unabhängige Identität ausbildet. Der Theaterregisseur Wu Hoi Fai beschreibt das Hongkong seiner Jugend als kulturelle Wüste. In einer Weltgegend, in der es nur ums Geldverdienen geht, war die Kunst wesentlich kommerzieller Art, Cantopop oder Popcorn Kino, und dafür gemacht, in ganz Asien konsumiert zu werden. Wus Ansatz (in einer Art Dokumentar-Drama über Hongkongs Geschichte, d. Red.) ist lokal. 'Wie wir Hongkongs Vergangenheit erzählen, hat eine politische Bedeutung, weil Kunst politisch und das Hong Kong der Vergangenheit ein anderes Land ist", sagt Wu … Nach einem Jahr Abwesenheit war ich erstaunt über die Veränderungen in der Stadt. Graffiti auf dem Bürgersteig, Protestsongs in den Parks, der Geist offener Renitenz wirkte bei aller Schrillheit festlich. Früher war die Stadt angesichts der allgegenwärtigen Touristen und Geschäftsleute distanziert und höflich wie ein Hotelconcierge. Jetzt schwingt sie im Takt eines Straßenmusikers, der jedem seine Musik vorspielen will."

Außerdem: Joshua Rothman berichtet, dass William Gibson nunmehr Gegenwarts-Sci-Fi schreibt. Kelefa Sanneh porträtiert die filmenden Safdie Brüder aus New York, die gerade durchstarten. Joshua Yaffa stellt uns Putins inoffiziellen Propagandaminister Konstantin Ernst vor. Amanda Petrusich hört Moondog. Thomas Mallon liest die Dolphin-Briefe von Elizabeth Hardwick und Robert Lowell. Und Anthony Lane sah im Kino Benedict Andrews "Seberg" mit einer umwerfenden Kristen Stewart in der Hauptrolle.
Stichwörter: Hongkong, Protestsong

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - New Yorker

Für einen Beitrag des aktuellen Hefts unterzieht sich Patricia Marx einem Selbstversuch mit verschiedenen VR-Anwendungen (Virtual Reality) und stellt fest, es gibt eine gewisse Durchlässigkeit zur Wirklichkeit: "Während einiger Stunden hatte ich derart viele Versuche über mich ergehen lassen, aus mir einen emphatischen gesellschaftsorientierten Menschen zu machen, dass ich erstaunt war, noch keinen Orden von der Uno bekommen zu haben. In der Gestalt eines Holzfällers hielt ich die Kettensäge an einen Mammutbaum und lernte, dass solche Bäume gerettet werden könnten, wenn ich nur auf doppellagiges Klopapier verzichtete. Eine Studie ergab, dass Menschen mit dieser Erfahrung mit um 20 Prozent größerer Wahrscheinlichkeit weniger Klopapier benutzen als andere, die etwa nur ein Video über Abholzung gesehen haben …" Ähnlich ergeht es Marx mit der Körpertransfertechnik. Als "virtueller Schwarzer" ist sie dem alltäglichen Rassismus ausgesetzt. Aber ob so der Rassismus bekämpft werden kann? "'Körpertransfer' erlaubt es auch, das soziale Geschlecht zu wechseln, das Alter oder die Größe, oder es nimmt dir die Angst vor dem Tod, indem es ein zweites Ich schafft und es engelsgleich über dir schweben lässt. Oder du bist eine Kuh auf dem Weg zur Schlachtbank, ein Experiment, mit dem VR-Studenten herausfinden wollen, ob es nicht zu mehr Empathie mit dem Vieh und zu weniger Fleischkonsum führt …"

Außerdem: Dexter Filkins berichtet über die Spaltung der indischen Gesellschaft unter Narendra Modis Hindu-Nationalisten. Emily Nussbaum begegnet dem Rassismus der Reagan-Ära in Damon Lindelofs HBO-Serie "Watchmen" nach Alan Moores Graphic Novel von 1986. Anthony Lane erzählt die Geschichte des Gin. Calvin Tomkins stellt den Künstler David Hammon vor. Kevin Young liest Ralph Ellison. Hua Hsu hört Dance Music über Dance Music von Burial. Und Anthony Lane sah im Kino Tom Harpers Film "The Aeronauts".

Magazinrundschau vom 26.11.2019 - New Yorker

Brian Barth porträtiert den Tech-Investor Roger McNamee, der einst half, Amazon und Facebook anzuschieben und der heute einiges auszusetzen hat am Silicon Valley: "McNamee sieht sich selbst als Fallbeispiel für ein Leben ohne Google. Er benutzt DuckDuckGo, eine G-Alternative, die die Privatsphäre respektiert, und er verzichtet weitgehend auf Gmail, Maps, Docs usw. In zwei Monaten hat er nur einmal YouTube genutzt. Seiner Meinung nach sollte Facebook verwendet werden, um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben, nicht für politische Debatten, die bei FB zu Schreiwettbewerben ausateten. 'Empörung und Angst sind die Triebfedern dieser Geschäftsidee, also macht da nicht mit. Wir haben die Macht, dem unsere Aufmerksamkeit zu entziehen', meint er. Gegen Apple hat McNamee wenig einzuwenden, da das Unternehmen sich für Privatheit einsetzt, etwa indem es in Safari Cookies von Dritten blockt oder bei der Apple Card keine Daten mit Dritten teilt … Im Zentrum seiner Kritik steht, was er als 'data voodoo dolls' bezeichnet, digitale Profile, die die Firmen für jeden User anlegen. In solchen Profile sieht er so etwas wie eine 'Erweiterung des User-Selbst'. Der Handel mit Daten aus den 'data voodoo dolls' sollte nach seinem Dafürhalten 'nicht legitimer sein als Organhandel'. Besonders regt McNamee das Micro-Targeting mit politischer Werbung auf. Kritikern, die vor den Risiken von Social Media warnen, ob Wissenschaftler wie Shoshana Zuboff oder Politiker wie Adam Schiff, ist der Skandal um Cambridge Analytica das Paradebeispiel dafür, wie aus Menschen Puppen werden können."

Weitere Artikel: David Sedaris schreibt über die Hurricane Season. Amanda Petrusich begleitet den Musiker Beck auf der Suche nach dem Los Angeles seiner Jugend. James Wood überlegt anlässlich des dritten Bandes von Charles Moores voluminöser Thatcher-Biografie, wie man sich an die eiserne Lady erinnern soll. Hilton Als liest frühe Romane Joan Didions übers amerikanische Frausein. Alex Ross lauscht Beethoven-Aufnahmen mit dem Danish String Quartet, und Anthony Lane sah im Kino Rian Johnsons "Knives Out".