Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 24.05.2022 - New Yorker

Roses are red, Violets are blue, Sugar is sweet, And so are you. Der Schriftsteller Adam Gopnik ergründet für den New Yorker die Regeln des Reims und nimmt dafür das neue Buch von Daniel Levin Becker zur Hand, der in "What's Good" eine Lanze für den amerikanischen Rap bricht: Rap habe die Sprache amerikanischer Songs revolutioniert, so Becker. Im Gegensatz zu romanischen Sprachen, in denen zahlreiche Wörter eine Endsilbe teilen, ist es im Englischen schwer, reine Reime zu finden, meint Gopnik und vergleicht Lyriker von Shakespeare über W. H. Auden bis hin zu Rappern wie Jay Electronica, die sich dieser Herausforderung stellen, um den tiefen Sinn der Lyrik zu finden: "Near-rhyme (Fast-Reim), half rhyme (halber Reim), off rhyme (kein Reim), unreiner Reim, Assonanzen und Identitäten, schräge Reime und gerade Reime: sie alle haben das Zeug zu überzeugen, doch keiner bietet Zuflucht vor dem Sinn. Was bei Literatur und Lyrik immer auf dem Spiel steht, ist deren Bezug zur Welt. Wir können Wendy Copes Worte lieben wie die von Larry Hart und Kendrick Lamar - für die Reime, die sie offenbaren, aber auch für die traurigen Wahrheiten, die sie aussprechen. Am Ende kann kein Satzrhythmus die Poesie gegen den Realitätstest immunisieren. Wir lieben die Balance und Kontrolle von Reimen, auch wenn sie uns aus dem Gleichgewicht bringen, doch nach der Musik wollen wir Sinn. 'Achte auf den Sinn und die Töne kommen von selbst', rät die 'Herzogin in Alice im Wunderland' in Abwandlung eines britischen Sprichworts über Pence und Pfund, und obwohl es nicht die ganze Wahrheit ist, ist es eine große, die dem einfachsten Geschenk einer Grußkarte folgt. Denn wir kommen nicht umhin, den Reim mit Vernunft zu prüfen. Rosen sind rot. Veilchen sind blau, Zucker ist süß. Und Sie?"

Weitere Artikel: Neima Jahromi besucht das Star Wars Space Ship in Disneyland. Lauren Collins macht eine Wasserkur in Frankreich. Jill Lepore überlegt, ob wir uns genauso weiterentwickelt haben wie das Fahrrad. Und Anthony Lane sah im Kino "Top Gun 2".

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - New Yorker

Peter Hessler zeichnet in einem Brief aus Chengdu, wo er an der Universität Sichuan englische Literatur unterrichtet hat, ein differenziertes Bild seiner Studenten: Angepasst und gleichzeitig enorm erfinderisch, kritisch und gleichzeitig auf Parteilinie, vorsichtig und dann wieder mutig. Einem mörderischen Konkurrenzkampf ausgesetzt und gleichzeitig - das beeindruckt einen vielleicht am stärksten - oft "brutal ehrlich mit sich selbst": "Meine Studenten an der Universität Sichuan waren alte Seelen. Sie wussten, wie die Dinge funktionierten; sie kannten die Mängel des Systems und auch seine Vorteile. Das Umfeld, in das sie eintraten, war im Wesentlichen dasselbe, in dem ihre Eltern gearbeitet hatten: Zum ersten Mal war China über einen Zeitraum, der länger ist als das Gedächtnis eines Universitätsstudenten, sowohl stabil als auch wohlhabend. Wenn sie über die Generation ihrer Eltern und über die Gesellschaft, die sie eines Tages erben würden, schrieben, konnten sie völlig kaltschnäuzig sein: 'Meine Eltern wurden in den 1970er Jahren geboren, und ich glaube, sie gehören heute zur unteren Mittelschicht in China. Sie zeichnen sich durch einen festen Patriotismus und einen lässigen Zynismus aus. Sie unterstützen die Volksrepublik China nachdrücklich, nicht indem sie die chinesische Regierung loben, sondern indem sie ausländische Regierungen kritisieren. Sie weigern sich, Apple-Produkte zu verwenden, lehnen Reisen nach Japan ab und tun Trump als verrückt und bösartig ab. Dennoch bewundern sie China nur selten mit Leidenschaft. Sie sind Zeugen von Korruption in der chinesischen Bürokratie und von Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, die sie nicht beseitigen können, und sagen daher immer: Es ist eben so. ... Ich glaube, meine Generation, die im Zeitalter des Internets geboren wurde, ist verwirrt und irgendwie deprimiert über den Konflikt zwischen chinesischen und westlichen Überzeugungen. Im Internet herrscht Propaganda über Freiheit und Vernunft, während in den Schulbüchern Propaganda über Patriotismus und Kommunismus vorherrscht. Die Jugendlichen werden meist von Ersterem angezogen, aber wenn sie Prüfungen ablegen und einen Job anstreben, sollten sie das Letztere im Hinterkopf behalten, und in der Praxis funktioniert das Letztere in China meistens besser.' Solche Worte zu lesen, war herzzerreißend, aber auch inspirierend: Schon die Beschreibung einer Situation, für die es keine einfache Lösung gibt, ist eine Art von Handlungsfähigkeit. Trotz des erdrückenden politischen Klimas und der zermürbenden Gaokao-Routine brachte das chinesische Bildungssystem eine nicht geringe Anzahl von Menschen hervor, die beobachten und analysieren, denken und schreiben konnten."

Stephen Witt stellt den türkischen Waffenproduzenten und Schwiegersohn Erdogans Selçuk Bayraktar vor, dessen Drohnen erfolgreich von der ukrainischen Armee gegen die russische eingesetzt werden, aber auch Kurden töten oder Armenier: "Die TB2 werden nicht nur in der Ukraine und Aserbaidschan eingesetzt, sondern auch von den Regierungen von Nigeria, Äthiopien, Katar, Libyen, Marokko und Polen. Als ich mit Bayraktar sprach, hatte er gerade ein Verkaufsgespräch in Ostasien abgeschlossen, bei dem er seine in Kürze erscheinende TB3-Drohne anpries, die von einem Boot aus gestartet werden kann."

Im neuen Heft erzählt Joshua Yaffa von der russischen Besatzung der ukrainischen Stadt Melitopol. Andrew Marantz beschreibt das Kollaborationstalent des Musikers Jack Antonoff. Ben Taub porträtiert den Fotojournalisten Paolo Pellegrin. Und Alex Ross singt ein Loblied auf das South Dakota Symphony Orchestra.

Magazinrundschau vom 10.05.2022 - New Yorker

Russland geht es nicht einfach um einen militärischen Sieg über die Ukraine, es geht - was auch für eine Kapitulation nichts Gutes hoffen lässt - um die Zerstörung einer ganzen Gesellschaft und ihrer zivilen Einrichtungen. Das zeigt sich auch in Luke Mogelsons Reportage aus einem verwüsteten Land: "Die Lage in Mariupol war einzigartig düster, aber die Russen griffen zivile Gebiete und die Infrastruktur in der gesamten Ukraine an, insbesondere in Charkiw, dreihundert Meilen östlich von Kiew. Am 16. März fuhr ich mit ein paar Fotografen dorthin. Durch den Beschuss wurden mehrere Häuserblocks in der Innenstadt verwüstet. Büros, Geschäfte, Restaurants, Cafés, Universitätsgebäude und eine nach Ernest Hemingway benannte Kneipe lagen in Trümmern, einige waren mit Eis aus gebrochenen Rohren bedeckt. Ein riesiger Krater klaffte vor dem regionalen Verwaltungssitz, einem sechsstöckigen Monolithen, der der Explosion teilweise standgehalten hatte. Eine zweite Rakete hatte eine Küche im Untergeschoss zerstört und mehrere Frauen getötet. Ein Teil eines Schädels lag in der Nähe. Feuerwehrleute mit Schaufeln wühlten noch immer in den Trümmern und suchten nach Leichen. ... Eine Stunde später wurde ein Markt ein paar Kilometer östlich von uns beschossen. Ich ging dorthin und fand Feuerwehrleute vor, die einen brennenden Komplex von Ständen im Freien ablöschten. Es war nichts in Sicht, was als militärisches Ziel hätte missverstanden werden können. Ich filmte gerade die Schäden, als eine weitere Mörsergranate in geringer Entfernung von mir einschlug. Die Explosion und das Schrapnell verletzten eine Frau, die aus dem Unterleib blutete und schnell in einen Krankenwagen gebracht wurde. Solche 'Doppeltreffer' waren in Syrien üblich, wo Russland und das Assad-Regime systematisch Ersthelfer ins Visier genommen hatten, um die Bevölkerung zu demoralisieren und in die Unterwerfung zu treiben. Dieselbe Strategie wurde eindeutig auch in der Ukraine angewandt. An diesem Tag bombardierten die Russen auch ein Theater in Mariupol, in dem Zivilisten Zuflucht gefunden hatten. Auf dem Parkplatz war in großen weißen Buchstaben auf Russisch 'KINDER' aufgemalt worden. Berichten zufolge starben Hunderte. Am nächsten Nachmittag wurde in Charkiw einer der größten Märkte Osteuropas bombardiert. Tausende von Menschen hatten dort vor dem Krieg gearbeitet. Ein wütendes Inferno verzehrte den Komplex, und teerschwarzer Rauch verdunkelte den Himmel."
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Magazinrundschau vom 26.04.2022 - New Yorker

Kommerzielle Spionagesoftware ist ein riesiger, um die 12 Milliarden Dollar schwerer Markt. Für die Produkte, etwa der israelischen NSO Group, interessieren sich vor allem Regierungen. Ausspioniert werden neben Verbrechern und Terroristen katalanische Separatisten, saudische Frauenrechtsaktivistinnen, rumänische Staatsanwälte für Korruptionsbekämpfung, amerikanische ITler und ganz normale Apple-, Facebook- oder Googlenutzer. Die amerikanischen Techgiganten haben jetzt begonnen, sich mit Klagen dagegen zu wehren. Die Regierungen auch westlicher Staaten sind über die Spionage immer nur dann empört, wenn es sie selbst trifft. In der Regel genehmigen sie den Einsatz im eigenen Land jedoch. Und das ist die Krux, lernt man aus einer umfangreichen Reportage von Ronan Farrow. "'Fast alle Regierungen in Europa nutzen unsere Tools', sagte mir Shalev Hulio, Geschäftsführer von NSO. Ein ehemaliger hochrangiger israelischer Geheimdienstmitarbeiter fügte hinzu: 'NSO hat ein Monopol in Europa.' Deutsche, polnische und ungarische Behörden haben zugegeben, dass sie Pegasus nutzen. Auch die belgischen Strafverfolgungsbehörden verwenden es, obwohl sie es nicht zugeben wollen. (Ein Sprecher der belgischen föderalen Polizei sagte, dass sie 'den rechtlichen Rahmen für den Einsatz eingreifender Methoden im Privatleben' respektiert). Ein hochrangiger europäischer Strafverfolgungsbeamter, dessen Behörde Pegasus nutzt, sagte, dass es einen Einblick in kriminelle Organisationen gebe: 'Wann wollen sie das Gas lagern, wann wollen sie den Sprengstoff anbringen?' Er sagte, dass seine Behörde Pegasus nur als letztes Mittel und mit gerichtlicher Genehmigung einsetzt, räumte aber ein: 'Es ist wie eine Waffe. . . . Es kann immer passieren, dass eine Person sie falsch einsetzt.' Die Vereinigten Staaten sind sowohl Nutzer als auch Opfer dieser Technologie. Obwohl die National Security Agency und die C.I.A. über eigene Überwachungstechnologie verfügen, haben andere Regierungsstellen, einschließlich des Militärs und des Justizministeriums, nach Angaben von Personen, die an diesen Transaktionen beteiligt waren, Spionagesoftware von privaten Unternehmen gekauft." Als WhatsApp mit NSO-Tools gehackt wurde, beschloss Facebook die Sache selbst zu untersuchen und "die Strafverfolgungsbehörden nicht sofort zu benachrichtigen, da es befürchtete, dass die US-Beamten die Hacker informieren könnten. (Ihre Bedenken waren berechtigt: Wie die Times berichtet, empfing das FBI Wochen später NSO-Ingenieure in einer Einrichtung in New Jersey, wo die Behörde die gekaufte Pegasus-Software testete)."

Weiteres: Matthew Hutson denkt über erneuerbare Speicher für erneuerbare Energie nach. Kelefa Sanneh porträtiert den Rapper Fivio. Rebecca Mead berichtet über ökologischen Städtebau in Skandinavien. Lauren Michele Jackson liest die Tagebücher Alice Walkers. Keith Gessen bespricht einen neuen Roman des ukrainischen Autors Andrej Kurkow. Amanda Petrusich hört die neue CD von Arcade Fire. Und Anthony Lane sah im Kino Roger Michells "The Duke".

Magazinrundschau vom 12.04.2022 - New Yorker

45 Jahre lang nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zensierte die Sowjetunion jede Dokumentation über den Holocaust, und untergrub jeden Versuch, in Babyn Jar ein Denkmal zu setzen für die 34.000 ukrainischen Juden, die dort 1941 innerhalb von zwei Tagen von den Deutschen erschossen worden waren. Gedenkfeiern und Pläne zur Errichtung eines Denkmals gab es erst ab 2016, nachdem der russlandtreue ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch abgesetzt worden war. Der neue Präsident Poroschenko verkündete bald darauf, die vier jüdischen ukrainischen Geschäftsleute Mikhail Fridman, Pavel Fuks, German Khan und Victor Pinchuk würden ein Holocaust-Mahnmal für Babyn Jar finanzieren. Zum künstlerischen Leiter ernannte der Stiftungsrat Ilya Khrzhanovsky, Regisseur des berühmt-berüchtigten "Dau"-Projekts. Um diese Konstellation gab es von Anfang an Streit, berichtet Masha Gessen im New Yorker. Denn alle vier Geschäftsleute hatten ihre Millionen in Russland verdient. Gessen, die das - noch nicht fertig gestellte - Mahnmal 2021 besucht hatte, erzählt, dass "Bekannte in Kiew, denen ich von meinem Plan erzählte, über das Projekt in Babyn Yar zu schreiben, seufzten, die Augen verdrehten oder unbehaglich lachten. Niemand, so schien es, vertraute dem Projekt - zum Teil, weil es privat finanziert wurde, zum Teil, weil es von Khrzhanovsky geleitet wurde, aber vor allem wegen Russland. Der schärfste Gegner des Projekts war Josef Zissels, ein 75-jähriger ehemaliger Dissident und Vorstand der jüdischen Gemeinde der Ukraine. Ich traf ihn im Januar in der Kiew-Mohyla-Akademie, einer der größten und ältesten Universitäten der Ukraine, wo er das Zentrum für jüdische Studien leitet. Sein Haupteinwand gegen das Projekt, so sagte er, rührt von dem Gefühl her, dass Putin und seine imperialen Pläne dahinter stehen. Obwohl alle vier reichen Männer, die das Mahnmal finanzieren, in der Ukraine geborene Juden sind, haben sie von ihren Verbindungen zu Russland profitiert, und drei von ihnen hatten irgendwann einmal einen russischen Pass. 'Das ist hybride Kriegsführung', sagte Zissels. 'Sie versuchen, uns eine Erinnerung unterzuschieben, die nicht unsere Erinnerung ist.' Ich verbrachte viele Tage damit, mit Team-Mitgliedern des Babyn Yar Holocaust Memorial Center zu sprechen und die von ihnen erstellten Materialien zu durchforsten. Gelegentlich stieß ich auf Wissenslücken, vor allem in Bezug auf die sowjetisch-jüdische Geschichte, aber ich konnte keine Anzeichen dafür erkennen, dass das Projekt oder seine Geldgeber eine russlandzentrierte, geschweige denn eine Putin-nahe Darstellung propagieren würden. Nur wenige Mitglieder des Teams waren in Russland ausgebildet worden oder hatten dort längere Zeit gelebt. Khrzhanovsky hatte den Großteil der letzten zwei Jahrzehnte in Charkiw und London verbracht. Fridman sagte mir: 'Ich hatte erwartet, dass wir auf Widerstand stoßen würden, aber ich hätte nie gedacht, dass man uns als Agenten des Kremls bezeichnen würde.' Er wurde in Lwiw geboren. Seine beiden Großmütter stammten aus Kiew und hatten das Glück, die Ukraine 1941 mit ihren Kindern verlassen zu können. Fridmans Urgroßeltern kamen im Holocaust um; auch Fuks, Khan und Pinchuk hatten Verwandte verloren. Mindestens sieben von Khans Familienmitgliedern wurden in Babyn Yar getötet. (Auch Khrzhanovskys Großmutter mütterlicherseits floh 1941 aus der Ukraine.) Sicher, die Geldgeber der Gedenkstätte hatten ihr Geld in Russland verdient - es war ein guter Ort, um Geschäfte zu machen -, aber sie hatten komplizierte Beziehungen zu dem Land. Vor einigen Jahren verzichtete Fuks auf seine russische Staatsbürgerschaft. Ich fragte Zissels, welche Aspekte von Khrzhanovskys Projekt das historische Narrativ des Kremls widerspiegeln. 'Ich kann es nicht beweisen', sagte er. 'Aber ich kann es spüren.' Die Befürchtung, so scheint es, war die Angst vor Ansteckung. Das Problem mit Putins Geschichtsrevisionismus ist nicht nur die zentrale Rolle der Sowjetunion und des sowjetischen militärischen Ruhms, sondern auch, dass sie, wie alle russische Propaganda, absichtlich Chaos sät. Das Ergebnis ist eine gefärbte Geschichtsdarstellung und ein Gefühl des Nihilismus - ein Konsens darüber, dass Gut und Böse ununterscheidbar sind, dass nichts wahr und alles möglich ist. Aus diesem Grund fiel es vielen Ukrainern schwer, einem Projekt zu vertrauen, das von Leuten finanziert wurde, die immer noch in Russland Geschäfte machten."

Weiteres: Wird es den Tories gelingen, die BBC zu demontieren, fragt Sam Knight. Claudia Roth Pierpont sah im Met Museum eine Ausstellung des afroamerikanischen Malers Winslow Homer (1836-1910). Louis Menand denkt darüber nach, wie Geschichtsschreibung Geschichte erst macht. Alex Ross hört den Los Angeles Master Chorale. Amanda Petrusich hört neue Countrymusik von Orville Peck, und Anthony Lane sah Jacques Audiards Film "Wo in Paris die Sonne aufgeht".

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - New Yorker

Rebecca Belmore: "ishkode (fire), 2021

Kaum Malerei, viele Videoarbeiten und Installationen entdeckt Peter Schjedahl auf der Whitney Biennale für amerikanische Gegenwartskunst und erkennt nicht nur eine Emazipation vom Kunstmarkt, wie er im New Yorker schreibt, sondern auch einen Trend weg vom persönlichen Gefühl hin zu einer gemeinsamen Erfahrung: "Erwarte nur niemand, auf den ersten Blick viel zu verstehen. Im Mittelpunkt der Arbeit 'ishkode (fire)' von Rebecca Belmore, einer Anishinaabe-Künstlerin aus Kanada, steht die Darstellung eines in Ton gegossenen Schlafsacks, der sich aufgenscheinlich um eine stehende Figur hüllt, die selbst nicht zu sehen ist. Um sie herum auf dem Boden liegen Tausende von kleinkalibrigen Patronenhülsen, vermischt mit Kupferdraht. Die Arbeit ist wunderschön, bevor man darüber spekuliert, was sie beabsichtigt, aber auch danach. Die Arbeit zeichnet sich durch eine sorgfältige Gestaltung aus, die für zahlreiche Werke der Ausstellung typisch ist. Ich kann mir vorstellen, dass die pandemische Isolation, die Künstler gleichzeitig ihrer Karriezwänge beraubt und befreit hat, eine einsame Kultivierung von Perfektion begünstigt hat."

Magazinrundschau vom 29.03.2022 - New Yorker

Dass Belgier, Deutsche und Niederländer in ihren Kolonien unmenschlich grausam gehaust hatten, ist bekannt. Aber waren die Briten wirklich die besseren Kolonialherren? Sunil Khilnani hat ein Buch gelesen, dass diese These rundheraus ablehnt: Caroline Elkins hat in "Legacy of Violence" einige der gruseligsten britischen Kolonialverbrechen beschrieben, darunter die Niederschlagung des Mau-Mau-Aufstands in den 1950er Jahren, bei dem wohl um die 300.000 Menschen getötet wurden, die Niederschlagung eines Aufstands von Palästinensern in den späten 1930er Jahren oder die Unterdrückung der Iren. Dabei fiel ihr ein Muster auf: Während britische Politiker von Zivilisation und Recht sprachen, setzten Militärs und Polizisten im ganzen Reich Unterdrückungstechniken ein, gegen die höhere Stellen fast nie einschritten. Elkins zeigt, wie diese Taktiken in der Kampftruppe von Churchill-Freund Henry Hugh Tudor zusammenliefen, so Khilnani: "Aus Irland kamen paramilitärische Techniken und der Einsatz gepanzerter Fahrzeuge, aus Mesopotamien die Erfahrung mit Luftangriffen und dem Beschuss von Dörfern, aus Südafrika der Einsatz von Dobermännern zum Aufspüren und Angreifen von Verdächtigen, aus Indien Verhörmethoden und der systematische Einsatz von Einzelhaft und aus der Nordwestgrenze des Raj der Einsatz von menschlichen Schutzschilden zum Räumen von Landminen. Ein Soldat erinnerte sich an den Einsatz von arabischen Gefangenen: 'Wenn es Landminen gab, dann waren sie es, die sie gelegt hatten. Ein ziemlich schmutziger Trick, aber es hat uns Spaß gemacht.' Andere Praktiken scheinen von den Briten in Palästina selbst entwickelt worden zu sein: nächtliche Überfälle auf verdächtige Gemeinden, ölgetränkter Sand, der Eingeborenen in den Hals gestopft wurde, Käfige unter freiem Himmel, in denen Dorfbewohner festgehalten wurden, Massenabrisse von Häusern. Während sie solche Taktiken an den Palästinensern perfektionierten, so Elkins, eigneten sich die Offiziere Fähigkeiten an, die sie später in Aden (im Süden des heutigen Jemen), an der Goldküste, in Nordrhodesien, in Kenia und auf Zypern einsetzten. Palästina war, kurz gesagt, das führende Atelier des Empires für Zwangsunterdrückung."

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - New Yorker

Masha Gessen porträtiert russische Freunde, die Russland verlassen haben, es verlassen mussten. Sie gehören zu der guten Viertel Million, die ihr Land seit dem Krieg gegen die Ukraine verlassen haben. Es ist schwierig für sie: Viele Länder nehmen sie nicht auf, jedenfalls nicht auf Dauer. Also gehen viele nach Georgien, wo sie bis zu einem Jahr ohne Visum bleiben können. Für Russland ist es ein schrecklicher Verlust: "Viele derjenigen, die Russland verlassen haben, sind IT-Fachleute; einige von ihnen scheinen, zumindest vorübergehend, in Eriwan, einem regionalen Technologiezentrum, zu bleiben. Andere sind Journalisten, Akademiker und Führungskräfte der NRO, die in Berlin, Tiflis, Tallinn und Vilnius landen. Ihre Ausreise beschleunigt den seit langem andauernden Prozess der Abschaltung der russischen Zivilgesellschaft, ohne dass der Staat die Menschen einzeln verfolgen und inhaftieren muss", erzählt Gessen. Aber auch für die Flüchtlinge, die alles verloren haben und als Russen schief angesehen werden, ist es schwer. "'Ich habe getan, was ich konnte', sagt Primakova. 'Aber ich bin keine Heldin. Ich fühle mich nicht schuldig gegenüber den Ukrainern, denn ich habe nicht das Gefühl, dass das, was in der Ukraine geschieht, in meinem Namen geschieht, aber ich fühle mich schuldig gegenüber den Menschen, die in Moskau zurückgeblieben sind. Und jedes Mal, wenn jemand, der mir wichtig ist, abreist, atme ich erleichtert auf und merke, wie viel Angst ich um ihn hatte. Es ist ein egoistisches Gefühl, diese Erleichterung, denn es bedeutet, dass ich mich etwas weniger schuldig fühlen kann.' Verantwortung, Schuldgefühle, Scham, ob individuell oder kollektiv - die vielen Abstufungen dieser Gefühle sind in jedem der neuen Exilanten nahe an der Oberfläche. 'In den ersten fünf Tagen konnte ich nicht verhindern, dass meine Hände zitterten', sagt Aleshkovsky. 'Ich wäre am liebsten buchstäblich vor Scham verbrannt. Wir alle sind für diesen Krieg verantwortlich. Selbst diejenigen, die viel getan haben, um ihn zu verhindern, haben nicht genug getan - denn der Krieg begann.' ... Wie kann man als Russe leben, während Russland ukrainische Häuser, Schulen und Entbindungsstationen bombardiert? 'Ich weiß nicht, was ich einem Ukrainer sagen kann', sagte Babitsky. 'Ich kann nicht so tun, als sei es Putin, der die Ukraine bombardiert, und ich hätte nichts damit zu tun. Ich kann nicht um Verzeihung bitten, denn Verzeihung kann man nicht geben, während Charkiw bombardiert wird. Was ich also sage, ist, dass ich ein riesiges Loch in mir habe, und ich bitte sie, mir zu sagen, was ich tun kann. Und das ist ihnen gegenüber nicht fair.'"

Patrick Radden Keefe lernt aus den Büchern von Catherine Belton ("Putins Netz") und Tom Burgis ("Kleptopia: How Dirty Money Is Conquering the World") in welchem Ausmaß Britannien russischen Oligarchen hilft, ihr Geld und ihre Reputation wäscht. Wer keine Lust zum Lesen hat, kann sich auch von dem ehemaligen Russland-Korrespondenten Oliver Bullough auf eine "Kleptokratie-Tour" durch London mitnehmen lassen: "Bullough taucht mit einer Busladung Gaffer vor eleganten Villen und Apartmenttürmen aus Stahl und Glas in Knightsbridge und Belgravia auf und zeigt die millionenschweren Residenzen der zwielichtigen Ausländer, die dort Zuflucht gefunden haben. In seinem soeben in Großbritannien erschienenen Buch 'Butler to the World: How Britain Became the Servant of Oligarchs, Tax Dodgers, Kleptocrats, and Criminals' argumentiert er, dass England aktiv um solche korrumpierenden Einflüsse geworben hat, indem es 'einige der schlimmsten Menschen, die es gibt', wissen ließ, dass es für Geschäfte offen ist." Bestätigt werden die Recherchen der drei von der "britischen National Crime Agency, die feststellte, dass jedes Jahr 'viele hundert Milliarden Pfund an internationalem kriminellem Geld' über britische Banken und Tochtergesellschaften gewaschen werden. Und vom Geheimdienstausschuss des Parlaments, der London als 'Waschsalon' für illegales russisches Geld bezeichnet hat. Und vom Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten des Unterhauses, der 2018 erklärte, dass die Leichtigkeit, mit der der russische Präsident und seine Verbündeten ihren Reichtum in London verstecken, Putin geholfen hat, seine Agenda in Moskau zu verfolgen."

Weiteres: Die Musiker Emily Richmond Pollock und Kira Thurman diskutieren über das Canceln russischer Musiker wie Anna Netrebko oder Alexander Malofeev, die sich nicht ausdrücklich von Putin distanzieren wollen. Becca Rothfeld liest mehrere Bücher zum "Shaming-Industriekomplex". Calvin Tomkins porträtiert die Künstlerin Simone Leigh, die die USA auf der nächsten Kunstbiennale in Venedig vertreten wird. Carrie Battan hört Reggae von Koffee, und Anthony Lane sah im Kino Graham Moores "The Outfit" mit Mark Rylance als Schneider in der Savile Row.

Magazinrundschau vom 15.03.2022 - New Yorker

In einer Reportage schildert Joshua Yaffa sehr eindrücklich das Kriegsgeschehen in der Ukraine aus den verschiedenen Gebieten, in die er sich gewagt hat, vor allem aus der umzingelten Hauptstadt: "Im Lauf der Zeit habe ich Kiew mit seiner vorrevolutionären Architektur, seinen fröhlichen Menschen und fabelhaften Restaurants lieben gelernt, ganz zu schweigen von der Techno-Musikszene, die wohl zu den besten des Kontinents gehört. Jetzt trauten sich nur noch wenige Menschen auf die Straße; wer es nach der Ausgangssperre tat, wurde automatisch als pro-russische Diversanten oder Saboteure betrachtet. 'Wir machen Jagd auf diese Leute', sagt Witali Klitschko, Kiews Bürgermeister und ehemaliger Boxweltmeister im Schwergewicht, und behauptet, in einer einzigen Nacht seien sechs Diversanten getötet worden. Ein ukrainischer Freund scherzte, dass ich in Schwierigkeiten käme, wenn ich an einem Kontrollpunkt der Territorialen Verteidigung angehalten und nach dem Wort gefragt würde, das zu einer Art Code für das Aufspüren feindlicher Agenten geworden war: paljaniza, der Name eines weichen Weißbrots. Das Wort geht ukrainischen Sprechern leicht über die Lippen, ist aber für Russen schwer auszusprechen... An einer Überführung unweit des Kiewer Zoos kam ich zu einer Stelle, an der ukrainische Soldaten in der Nacht zuvor russische Truppen in einen Hinterhalt gelockt hatten, als diese versuchten, in ein Waffenlager tief in der Stadt einzudringen. Zwei ausgebrannte Militärfahrzeuge standen auf der Straße, und Metall- und Glassplitter zogen sich über eine halbe Meile hin. Körperteile lagen verstreut auf der Straße."

Ruth Franklin arbeitet sich noch einmal durch Peter Handkes Werke, kann aber nichts finden, was in ihren Augen zu seinen Gunsten spräche: "Seine Verteidiger argumentieren, dass man einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Sätze leicht missverstehen könne, weil Handke 'dialektisch' schreibe. Als ich anfing 'Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina' zu lesen, war ich genau darauf vorbereitet. Doch das Buch war sogar noch ärgerlicher, als ich mir hätte vorstellen können. Handke behauptet schlichtweg, dass er Menschen, denen er begegnet, selten eine Frage stellt, er verlässt sich stattdessen auf seine Vorstellung und seine Annahmen."

Magazinrundschau vom 08.03.2022 - New Yorker

Die ecuadorianische Hafenstadt Guayaquil wurde von der Pandemie mit einer unermesslichen Wucht getroffen. Im März und April 2020 starben bis zu siebenhundert Menschen pro Tag, bei 2,6 Millionen Einwohnern: Die staatliche Versorgung war komplett zusammengebrochen, Krankenhäuser, Polizei, Feuerwehr, Behörden, nichts funktionierte mehr, berichtet Daniel Alarcón. Corona wütete so plötzlich und heftig, dass Guayaquil danach quasi herdenimmun war, doch wie Alarcón betont, war dies kein Grund zu Erleichterung. Nach der Pandemie zog eine Welle der Gewalt über die Stadt: "Die offizielle Darstellung der Regierung lautete, dass die Gewalt in den Gefängnissen und auf den Straßen eine Folge des aufblühenden Drogenhandels und des wachsenden Einflusses ausländischer - insbesondere mexikanischer - Kartelle sei. Anfang dieses Jahres wurden in Durán, einer Industriestadt auf der anderen Seite des Flusses von Guayaquil, Leichen an einer Fußgängerbrücke aufgehängt - eine Art von Gewaltspektakel, das für Ecuador neu war. Sicherlich war die Hafenstadt Guayaquil zu einer Drehscheibe für Kokain auf dem Weg nach Norden zu den amerikanischen Konsumenten geworden, aber viele Menschen, mit denen ich sprach, zweifeln an dieser Erklärung. Karol Noroña von der lokalen Zeitschrift GK erklärte mir, dass das Blut auf den Straßen das Ergebnis eines internen Kampfes um die Kontrolle des Drogengeschäfts sei, bei dem ecuadorianische Banden untereinander kämpfen, und nicht etwas, das von ausländischen Kartellen gesteuert wird. In den meisten Berichten über die Straßenkriminalität wurde der makabre Ausdruck 'Begleichen von Rechnungen' verwendet, um der Mittelschicht zu signalisieren, dass die Gewalt nichts mit ihr zu tun hat, dass die Opfer an irgendetwas schuldig sind, aber Noroña sagte mir, dass die Eskalation der letzten Monate diese impliziten Beruhigung bedeutungslos gemacht hat. Für sie ist die Gewalt ein Symptom für eine tiefe soziale Krise. 'Es gibt Stadtteile ohne fließendes Wasser, ohne Grundversorgung, aber mit organisierten Netzwerken der Gewalt', sagte sie. Während sie sprach, erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einer Frau in Monte Sinaí, das nur wenige Autominuten vom Krankenhaus entfernt auf dem Hügel liegt. Sie und einige Nachbarn hatten während der Pandemie bei der Versorgung der Kinder vor Ort geholfen, sie gingen von Haus zu Haus und brachten Mahlzeiten. Auf der anderen Straßenseite, so erzählte sie mir, gab es ein leeres Grundstück, auf dem die Kinder gerne spielten. Eines Morgens im April 2020 wurde der Spielplatz eingezäunt. Jetzt war er ein Friedhof."
Stichwörter: Ecuador, Corona