Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

639 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 64

Magazinrundschau vom 01.11.2022 - Elet es Irodalom

Vor kurzem veröffentlichte die Schriftstellerin Ágnes Gurubi ihren zweiten Roman ("A másik isten", Der andere Gott) über die Krise einer Frau nach dem Tod ihres Vaters. Im Interview mit Claudia Hegedűs spricht Gurubi über Lebenskrisen, Verlust und sexuelle Tabus: "Als ich vor mehr als zwei Jahren mit diesem Roman anfing, war meine Vorstellung davon anders als die finale Version. Bei einer Sache war ich mir allerdings die ganze Zeit sicher, nämlich dass meine Protagonistin eine Frauenfigur Mitte dreißig sein würde und ihre Geschichte und ihre Beziehungen zu Männern um den Tod ihres Vaters gewoben sein würde. Ich wusste von Anfang an, dass Sexualität eine wichtige Rolle spielen würde und ich ehrlich darüber schreiben wollte. Es kann sein, dass ich aufgrund der rohen Darstellung der Körperlichkeit in ein Wespennest gegriffen habe, denn neben dem Tod gilt auch die Sexualität als Tabu. Über beides sprechen wir nur sehr ungern. Wir haben eigentlich keine guten Wörter für den Sex und auch nicht für das, was wir durchleben, wenn wir einen nahen Verwandten verlieren."

Magazinrundschau vom 18.10.2022 - Elet es Irodalom

Die junge Dichterin Júlia Kustos spricht im Interview mit Nikolett Antal u.a. über ihre politischen Gedichte in den sie zum Beispiel das polnische Abtreibungsgesetz oder die Minsker Demonstration der Frauen thematisiert. "Das waren meine ersten politischen Rollen in einem Gedicht. (...) Diese Rollengedichte haben mich beschäftigt, aber eine einfach nur auf die Ereignisse reagierende Dichterin bin ich nicht. Ich will nicht jedesmal, wenn ich eine schreckliche Nachricht lese, darüber nachdenken, ob ich daraus wohl ein Gedicht schreiben könnte. Das nähme dem Gedicht als selbstständige, über Qualität verfügende Sache die Intimität und die Persönlichkeit. Ich betrachte jedes Gedicht so, dass es eine eigene Welt, eine eigene Persönlichkeit, eine eigene Stimme verkörpert. Das, was in einem Gedicht passiert, muss unwiederholbar sein."

Magazinrundschau vom 11.10.2022 - Elet es Irodalom

Vergangene Woche lehnte der junge Schauspieler Benett Villányi den ihm zugesprochen unabhängigen Junior-Prima-Theater-Preis mit der Begründung ab, dass die Organisatoren ihn ausdrücklich darum baten, keine politischen Themen bei der Dankesrede anzusprechen. Der Philosoph Mihály Szilágyi-Gál kommentiert die entstandene Situation "Die besagte Angelegenheit wurde nicht aus dem Grunde politisch, weil der Auszuzeichnende sich unverschämter Weise entschied, sich trotz der ausdrücklichen Bitte politisch zu äußern. Sondern weil er darum gebeten wurde. Eine politische Äußerung beginnt nicht damit, dass wir etwas sagen, sondern wie wir uns demgegenüber verhalten, ob wir überhaupt etwas sagen dürfen. So wie der Kommentar, ist auch das 'No Comment' politisch, vor allem wenn wir dazu aufgefordert werden oder es uns gar verboten wird. Vielleicht wäre es falsch gewesen bei der feierlichen Preisverleihung sich politisch zu äußern, aber nur wenn man nicht versucht, dies dem Auszuzeichnenden auszureden … Eine politische Äußerung ist Einstehen. Wenn einem das Einstehen verboten wird, dann wird für das Einstehen ein triftiger Grund geliefert. In der politischen Äußerung ist stets jene Symmetrie präsent, dass sich auch der andere äußern kann. Ohne diese Einsicht ist die Politik lediglich ein Monolog. Und dann handelt es sich auch nicht mehr um Politik, sondern um den Monotheismus der Macht."

Magazinrundschau vom 13.09.2022 - Elet es Irodalom

ES-Chefredakteur Zoltán Kovács denkt nach über die gegenüber der EU versprochene Aufstellung einer Untersuchungskommission, die die strukturelle Korruption in Ungarn aufdecken und abstellen soll (unter den Kommissionsmitgliedern sind allerdings einige Minister*innen, die selbst in diversen Korruptionsfällen involviert sein sollen). Bis es soweit ist, werden EU-Gelder für Ungarn zurückgehalten: "Brüssel erwartet eine Justizreform, sowie Garantien, um Korruptionsfälle zu untersuchen. Es geht um strukturelle Veränderungen, doch die ungarische Regierung begreift dies nicht oder stellt sich dumm, wahrscheinlich Letzteres. (…) Korruption ist ihre Seele und eine Abschaffung damit praktisch unausführbar. Das wäre so, als würde man jemanden darum bitten, sich hier und sofort das eigene Herz herauszureißen. Jetzt, da das Geld aus der Union nicht mehr fließt, aber die Münder der Freunde weiterhin gestopft werden müssen, kommen die Probleme. Eine Weile können Orbán und seine Mitarbeiter den Gläubigern versichern, dass all dies wegen des Krieges geschieht, doch immer mehr spüren, dass dies vielleicht doch nicht so ist. (…) Die Ungarn zahlen die Kosten dafür, dass Orbán auch innerhalb dreier Legislaturperioden grundlegende strukturelle Aufgaben nicht erledigt hat. Vor hat er nicht einmal versucht, das Land unabhängiger von russischen Energieträgern zu machen. Im Gegenteil hat er trotz aller Gefahren die Beziehungen zu Russland vertieft, während er einen Krieg gegen die EU verkündete. Die Regierung begann einen Zweifrontenkrieg: einerseits greift sie, wo sie nur kann die geschwächte EU weiterhin an, andererseits polieren Minister Navracsics und seine Begleiter die Türklinken, damit wir endlich ein bisschen Geld bekommen. Es ist hoffnungslos und unwürdig."
Stichwörter: Ungarn, Russland, Justizreform

Magazinrundschau vom 06.09.2022 - Elet es Irodalom

János Kertész, Physiker und Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), war der Initiator des Protestschreibens gegen die berühmt gewordene Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán im rumänischen Băile Tușnad in der er u.a. über seine Ablehnung von "gemischten Rassen" sprach. Akademiemitglieder halten sich seit 2010 mit Kritik zurück, denn während Gesellschafts- und Geisteswissenschaftler*innen leichter unter ideologisch-politischen Druck gesetzt werden können, hängen die kostenintensiven Forschungen der Naturwissenschaftler finanziell von der Politik ab. Das Land zu verlassen, ist nicht für jeden eine Option. Kertész lebt und unterrichtet in Wien an der CEU und macht im Interview mit Eszter Rádai seine Verzweiflung deutlich: "Es gibt nichts schön zu reden, dieser Kurs ist ein schrecklicher Schlag für Ungarn; dieses Land, dieses Volk erlebt seit 2010 eine tragische Epoche. Schon vor dem Regierungswechsel 2010 sind hier entsetzliche Sachen passiert, man darf das nicht leugnen, doch die Hoffnung hörte nie auf zu existieren, dass dieses Land mit der fantastischen Chance, die es Ende der 80er-Jahre erhielt, doch etwas anzufangen weiß. Doch diese Chance ist mit dem autoritären System, das bis heute ausgebaut wurde, verschwunden. Früher konnte man stets auf irgendwelche fremden Mächte zeigen, die ihren Willen dem Land aufzwingen, doch diesmal können wir uns nur selbst verantwortlich machen. Das ist unverzeihlich."
Stichwörter: Ungarn, Kertesz, Janos

Magazinrundschau vom 23.08.2022 - Elet es Irodalom

Der 83-jährige Kameramann und Regisseur Elemér Ragályi erzählt im Interview mit Claudia Hegedűs, warum er das Filmemachen aufgegeben hat und heute schreibt: "Das Entstehen meines Buchs hat viel damit zu tun, dass mir die Arbeit als Kameramann physisch sehr beschwerlich wurde. Dennoch hätte ich unabhängig davon weitergemacht, wenn die ungarische Kultur und die ungarische Filmproduktion in nicht so eine schwarzes Loch gefallen wäre, das mich fast selbstverständlich exkludierte. Summa summarum nach dem Dreh von "1945" (ein Film von Ferenc Török aus dem Jahre 2017 - Anm. d. Red. ) hörte ich auf, Filme zu machen. Es ist aber nicht so einfach, nach sechzig Jahren die künstlerische Arbeit einzustellen ... Über die Freude der Mitteilung hinaus, war es für mich besonders wichtig, wenn auch im Nachhinein, dass ich meinen Platz in der Welt irgendwie selbst definieren konnte."

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - Elet es Irodalom

Der Dichter und Übersetzer Zoltán Csehy beschreibt im Interview mit Andrea Lovász Zweck und Funktion von Fingerübungen für die Dichtung: "Ich reagiere geradezu allergisch auf das Wort Mission, was kommt vielleicht daher, dass ich Teil einer literarischen Minderheit bin; als ungarischem Autor aus der Slowakei wollte man mir seit dem Beginn meiner Laufbahn irgendeine 'Mission' einprogrammieren. Dies ist ein durchpolitisierter Raum. Aus professioneller Sicht mache ich kaum einen Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur, Unterschiede sehe ich eher bei den Gattungen. Ich schreibe aus demselben Grund Kinderlyrik wie Erwachsenenlyrik. Beide haben Rollen, Gravitationen, subversive Kräfte. Ich mag es, wenn der Text bis zu einer gewissen Grenze geht, entweder in formell-musikalischer oder rhetorischer oder auch in thematischer Hinsicht. Eine Fingerübung wird in der Tat nicht immer zum Gedicht, aber es ist auch nicht auszuschließen, dass sie stärker als erwartet aufglüht. So wie beim Komponisten, der sich ans Klavier setzt, improvisiert, experimentiert, er lässt seine Finger laufen und plötzlich entsteht etwas Besonderes. Ohne Spiel und Übung entsteht kaum etwas. Ich kann mir kaum vorstellen, mich jetzt hinzusetzen und ein sehr bedeutendes Gedicht zu schreiben, für das ich fünfzehn Minuten habe. Was ich aber von den Fingerübungen verwende, wird bei der Redaktion des Bandes, bei der Ausarbeitung der Leitnarrative zu einer relevanten Frage: man muss nicht alles veröffentlichen. Die Fingerübung ist kein Zwang, sondern Methode, die instinktive Befreiung des Wissens und gleichzeitig dessen Wartung."

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Krisztián Grecsó kritisiert die permanente Berichterstattung der letzten unabhängigen Medien über die Rede Orbans. "Etwas hat sich grundlegend geändert, denn aus dem Fokus der Aufmerksamkeit sind genau jene verschwunden, die Zweifel haben, die sogenannte stille Mehrheit, die nicht vom Brot der Knechtschaft lebt, aber versteht, warum die Welt sich zum Schlechteren wendet und dass sie nicht durch missinterpretierte nationale Traditionen und eine Landesgrenze mit etwas Stacheldraht vor allem verteidigt werden kann, vor Krieg, vor Trockenheit, vor der Pandemie. Und diese jungen Menschen, voller Zweifel und nach Antworten suchend, sitzen da in den Seminaren, über die ein Engel wacht. Sie tragen das Licht, die Hoffnung, dass nichts, was wichtig war, verschwunden ist. Wenn Péter Nádas in einem Waldcamp erzählt, wo 150 hundert Jugendliche sitzen, die Schriftsteller werden möchten und für die der ungarische Satz das Wichtigste ist, das ist auf jeden Fall heilig. Sicherlich verstehe ich, dass darüber in der Presse zu berichten arbeitsintensiv ist und dass alles im selben Kommunikationswettbewerb läuft, aber man müsste es halt doch zumindest versuchen. Es ist nur deswegen einfacher, auf den provokativen Sätzen Orbans herumzukauen, weil auf einschlägige Artikel sofortiger Affekt als Antwort folgt. Aber es ist eine noch größere Sache, zwei schöne ungarische Sätze zu verstehen. Die Essenz liegt woanders."

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - Elet es Irodalom

Der Kulturwissenschaftler und Ästhet Péter György analysiert die Debatte über antisemitische Bildsprache auf der diesjährigen Documenta. "Die 15. Documenta stellt selbst im Vergleich zu der großartigen Arbeit von Enwezor eine radikale Veränderung dar. Die Antisemitismus-Debatte an sich verlangt nach seriöser Aufmerksamkeit, doch wird sie hoffentlich nicht die ganze Documenta ruinieren. Was ich hier als radikale Änderung bezeichne ist die Tatsache, dass wir von Ruangrupa einfach zu wenig wissen, um die Kooperation zwischen den künstlerischen Kollektiven, in denen auch das großformatige Bild von Taring padi entstand, objektiv beurteilen zu können."
Stichwörter: Documenta, Ruangrupa

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás erinnert an die Veröffentlichung der "Dialektik der Aufklärung", mit der Max Horkheimer und Theodor W. Adorno vor 75 Jahren bürgerliche Gesellschaft verabschiedeten: "Ich muss es nicht vorstellen, denn fast alle haben es gelesen. Zum größten Teil im amerikanischen Exil entstanden, ist es in gewisser Hinsicht das Gegenbuch zu Georg Lukács' "Zerstörung der Vernunft" von 1954: Lukács verortet den geistigen Ursprung des Faschismus im Irrationalismus, Horkheimer und Adorno suchen ihn im Positivismus der Vernunft. Die dialektische Gegenkritik der rechtsradikalen Kulturkritik ist in Vergessenheit geraten, die rechtsradikale Kulturkritik - manchmal im radikal-linken Gewand - ist lebendiger denn je ... Was in der populären Erinnerung als 'Marxismus' sichtbar ist - der breite staatliche Eingriff, Einkommens- und Statusgleichheit, die wirtschaftliche Bedingtheit der meisten gesellschaftlichen Entwicklungen - rührt von der positivistisch-evolutionistischen Phase des bürgerlichen Liberalismus her und hat mit der Essenz des Marxismus nichts zu tun ... Der Vorrang der Wirtschaft ist nach Marx eine Eigenheit des Kapitalismus (im Gegensatz zu den alten hierarchischen Gesellschaften) und steht damit im Gegensatz zur Theorie von Marx und seiner Ethik, denn von dieser Bestimmung (die eine Ideologie ist, nicht mehr) hätte die Menschheit befreit werden sollen. An diesen typisch bürgerlichen Gedanken glauben diejenigen, die sich antikapitalistisch nennen, die natürlich die letzten Stützen der bürgerlichen Ordnung sind. Denn die Hypothese des Sozialismus war der Aussichtsturm, von dem der Kapitalismus und die bürgerliche Ordnung sichtbar waren. Jener existiert nicht mehr, also sind diese nicht mehr sichtbar."