Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 07.02.2023 - Elet es Irodalom

Seit Wochen ist in Ungarn eine Diskussion im Gange, in der es um die Ansiedlung von chinesischen Lithium-Batteriefabriken als Zulieferer der E-Auto-Herstellung geht. Sowohl für die Regierung als auch für die Opposition ist unerwartet eine ernstzunehmende Protestwelle entstanden, in deren Mittelpunkt neben Existenzängsten auch der Umweltschutz steht. Ungarn soll nach Vorstellung der Regierung eine Hochburg der Herstellung von Batterien werden, was in der Manier der letzten zwölf Jahre mittels Verordnungen durchgesetzt werden soll. In den betroffenen Regionen sinken die Grundstückpreise, Anwohner fürchten um ihre Gesundheit und immer wieder ist zu hören, dass die Einnahmen privatisiert und die Kosten aber vergemeinschaftet würden. Der Publizist János Széky sieht in der geplanten Ansiedlung eine weitere Tendenz zur zunehmenden Unterdrückung der Mittelschicht: "Die zwanghafte Erhöhung des Gewichts der Industrie, gegen alle heutigen Tendenzen, das Austrocknen der hiesigen technischen Entwicklungen und Innovationen, um diese entbehrlich zu machen, das systematische Schrumpfen des Anteils der Wirtschaft, der nicht durch den Staat kontrolliert wird, hat eine fatale Folge: die autonome Mittelschicht, mit einem schönen alten Wort: die Bürgerschaft wird noch schwächer als das bis jetzt ohnehin schon der Fall war. Eine der Konsequenzen der Operation ist, dass der Preis der Autonomie erhöht wird. Es kostet nicht wenig Geld und Hinwendung, wenn man anstatt der kostenlosen und fertig repräsentierten Regierungspropaganda, wahre Informationen über das Land und die Welt erhalten möchte. Es wird schwieriger und kostspieliger, die Kinder entsprechend zu unterrichten, damit diese durch eine wettbewerbsfähige Bildung weiterhin zur Mittelschicht gehören können, denn die Regierung verschlechtert systematisch die Lage der Universitäten und greift nun auch die säkularen Gymnasien an. Andererseits gibt die Macht mit dem Schrumpfen der freien Wirtschaft zu verstehen: Wenn du deinen immer kostspieligeren Status in der Mittelschicht halten möchtest, wäre es empfehlenswert, uns zu dienen, und wenn du nicht meckerst, sorgen wir für dich, sogar mit einem Elektroauto, so dass die Umwelt geschützt wird. Das Ziel ist es, eine auf Dummheit, Gemeinheit und auf Untertanengeist basierende Gesellschaft zu schaffen. Und wenn in Ungarn keine Bürger mehr bleiben, dann wird dies auch gelingen."

Magazinrundschau vom 31.01.2023 - Elet es Irodalom

Im Interview mit Claudia Hegedűs erklärt die Dichterin und Schriftstellerin Krisztina Tóth, worauf des ihr beim Schreiben ankommt:"Alle Romanfiguren haben sensible Punkte. Es ist aber eine vollkommen andere Frage, ob es für die Schriftstellerin etwas gibt, was für sie ungreifbar ist. Ich würde sagen, dass ich stets versuchen muss jenes Buch zu schreiben, welches ich nicht kann. Ich muss stets in jene dunkelste Tiefe greifen, die ich nicht erreiche, wo es keine Luft mehr gibt. Das Gedicht ist anders, dort kann der Atem eingeteilt werden, du siehst die Entfernung. Es ist jedoch interessant, dass mit den zunehmenden Jahren weniger Gedichte entstehen. Ich habe mich mal mit der Dichterin und Schriftstellerin Ágnes Gergely darüber unterhalten, die dies ebenfalls beobachtete. Sie meinte, dass das Gedichteschreiben tief mit unserer hormonellen Funktion zusammenhängt. Das Gedicht ist explizit und heftig, wie die Jugend. Epik ist langsamer. Dort muss mit dem gearbeitet werden, was am wenigsten, am schwierigsten erreichbar und am unberuhigendsten ist. Als Schriftstellerin will ich meinen eigenen Avatar an die dunkelsten Orte begleiten."

Magazinrundschau vom 24.01.2023 - Elet es Irodalom

Der Tod des Philosophen Gáspár Miklós Tamás ist nach den ersten Reaktionen auf Online-Plattformen vergangener Woche das dominante Thema in allen Zeitschriften von Élet és Irodalom über Magyar Narancs und HVG bis hin zu den regierungsnahen Erzeugnissen. In Élet és Irodalom verabschiedet sich der Kunsthistoriker, Ästhet und Medienwissenschaftler Péter György von TGM: "TGM war kein simpler Kritiker des Privateigentums, sondern kritisierte jene politische Praxis, die im permanenten Versuch, die menschliche Essenz der Armen zu vernichten, bestand und bis zum heutigen Tage besteht. In der heutigen ungarischen Gesellschaft gibt es für die Armen kein Tor, durch das sie in Gegenden gelangen könnten, wo die Situation besser ist. Es gibt Regionen im Land, in denen die Armen ohne moderne Schulen, Krankenhäuser, Theater und Museen leben müssen. (...) Er dachte nie lediglich an materiellen Güter, sondern an das Recht auf Zugang zur Kultur, an die Demokratisierung des Verstehens von kulturellen Gütern. Vor einigen Monaten formulierte er bei einem Gespräch am Vormittag haarscharf: Kultur ist die demokratische Subsumierung von Wissen, Erfahrungen gegen die Unterdrückung, was das Zurückweisen der Verachtung ermöglicht und diese letztendlich unmöglich macht. Es zählt, was aus der Gemeinschaft bleiben kann. TGM ist nicht mehr, doch solange wir sind, wird er immer mit uns sein."
Stichwörter: Tamas, Gaspar Miklos, Ungarn

Magazinrundschau vom 17.01.2023 - Elet es Irodalom

Am 4. Januar starb im Alter von siebzig Jahren der ehemalige Verleger, Übersetzer und Dramaturg Géza Morcsányi. Morcsányi spielte u.a. im Film "On Body and Soul" von Ildikó Enyedi mit, der 2007 bei der 67. Berlinale mit dem Golden Bären ausgezeichnet worden war. Der Schriftsteller László Darvasi erinnert sich an den legendären Verleger von Magvető, der es schaffte, die bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller im Haus zu halten. "Die Schriftsteller, also wir, denken an ihn als Individuum, als Persönlichkeit - als Vater, als Bruder, als guten Freund, als netten Bekannten -, die Abwesenheit seiner Person zeigt sich als Leere in unserem Gesicht. Er hingegen dachte offensichtlich im Team. Das haben seine Autoren, die auf ihn als persönliches Geschenk zählten, nicht wirklich so gesehen - abgesehen von einigen gewieften Ausnahmen wie Esterházy. Seine Absicht, 'den besten Zoo' zusammenzustellen, kann auf seine Theatererfahrungen zurückgeführt werden. Die Verlagsarbeit betrachtete er stets als imponierende und permanente Regieführung, das Leben eines Verlags, die Anerkennung seiner gehegten Pflanzen auf dem Markt war eigentlich eine nie endende Inszenierung. Für die Aufrechterhaltung der Qualität bedarf es unzählige Faktoren. Manchmal kann ein Elefant über die Bühne donnern, und wir merken es nicht einmal. Ein anderes Mal fällt das ganze Gebäude vom Quieken einer Maus zusammen. Wer für die Familie verantwortlich ist: der verdeckt stehende Gott. Vielleicht ist es eine Übertreibung, doch wenn es nicht so wäre, wäre die gesamte ungarische Kultur, der er auch als Übersetzer angehörte, von seinem frühen Todes nicht derart erschüttert."

Magazinrundschau vom 10.01.2023 - Elet es Irodalom

Die Philosophen György Gábor und András Kardos schreiben anlässlich der Fertigstellung des ersten "Wolkenkratzers" in Ungarn, den nach dem ungarischen Ölkonzern benannten "MOL-Turm", über die ästhetischen und kulturellen Erscheinungsformen der Orbán-Regierung. "Die machttreuen ideologischen Kulturkämpfer des Fidesz-Regimes rufen seit geraumer Zeit dazu auf, die Orbán-Ära als 'Epoche' zu erschaffen. (…) In den Träumen dieser willigen Vollstrecker erscheint - nicht zufällig - etwas Mächtiges, Gigantisches, vor Kraft Strotzendes, der unaufhaltsame Schwung, der unbändige Trieb, die triumphierende Kraft, also der 'Triumph des Willens'. (…) Der MOL-Turm verkörpert das von jedem Punkt der Stadt aus sichtbare Ausrufezeichen der Hybris, der Vernetzung der feudalen Vetternwirtschaft und der nun offiziell gewordenen Korruption, des provinziellen Ehrgeizes, der in ihrem Kern anachronistischen Glas-Beton-Masse."
Stichwörter: Kulturkampf

Magazinrundschau vom 20.12.2022 - Elet es Irodalom

Die aus Siebenbürgen stammende Schriftstellerin Réka Mán-Várhegyi spricht im Interview mit Nikolett Antal über den Entstehungsprozess eines literarischen Werkes und die Möglichkeit diesen in das Werk zu integrieren. "Ich dachte darüber nach, dass bei bildhauerischen Werken der Entstehungsprozess selbst Teil des Werkes ist. Ein Kunstschaffender geht irgendwohin, schafft etwas und macht eine Aufnahme davon. Ins Museum gelangt die Aufnahme selbst. Oder ähnlich: der Künstler setzt sich etwas aus und du als Rezipient kannst den Prozess des sich Aussetzens als Werk sehen. In beiden Fällen ist auch der Prozess selbst interessant. In der Literatur funktioniert es anders. In den Literaturstunden war zwar davon die Rede, welche Lebenserfahrung den Autor beim Schreiben beeinflusste, also wir lernten die Entstehungsumstände des Werkes kennen, aber all das schien an der Universität lächerlich verschult, nachdem wir gelernt haben, dass es nur den Text gibt. Damit stimme ich heute noch überein und denke, dass es aus der Sicht des endgültigen Textes vollkommen unwichtig ist, wie und warum er entstand. Doch ist es vorstellbar im Falle eines literarischen Werkes, dass der Entstehungsprozess ebenfalls Teil des Werkes ist? (…) Was passiert, wenn wir jene Lebenssituation nicht leugnen und beispielsweise die Frage gestellt wird, was für ein Buch neben Kleinkindern und Arbeit geschrieben werden kann? Ziel war es nicht, mich selbst in das Buch zu drücken, denn es ist nicht interessant, warum ich keine Zeit hatte. Es ging darum, dass ich ein Buch schreiben wollte, das die Art und Weise seiner Entstehung widerspiegelt."

Magazinrundschau vom 06.12.2022 - Elet es Irodalom

Der Chefredakteur von Élet és Irodalom Zoltán Kovács kommentiert die schleppenden Verhandlungen zwischen der ungarischen Regierung und der Europäischen Union über die Auszahlung von Geldern aus dem Wiederaufbaufonds, welche an die Eindämmung der Korruption und die Stärkung von regierungsunabhängigen Institutionen gebunden sind. Verhandlungsführer auf der ungarischen Seite ist der ehemalige EU-Kommissar Tibor Navracsics, der als Minister der ungarischen Regierung stets von Annäherung sowie marginalen technischen Problemen spricht. "Wie die Kommission das ungarische Paket beurteilt, wird eine ernste Probe für die ungarische Regierung sein, doch nicht minder für die EU. Die Annäherung der Regierung ist grundsätzlich falsch: Minister Navracsics spricht nicht von einer Wiederherstellung der verkommenen Rechtstaatlichkeit in Ungarn, sondern davon, dass die ungarische Regierung versuche die Vorbehalte der Europäischen Kommission zu zerstreuen. Als gäbe es keine Korruption, lediglich Vorbehalte der Union. Navracsics sagt Zerstreuung, was sich aber vor den Augen der Welt abspielt, ist die systematische Eliminierung der demokratischen Institutionen, man könnte auch Entführung und Plünderung des Landes sagen. Da keine Rede davon ist, diesen Prozess zu stoppen, werden wohl auch die Vorbehalte nicht zerstreut werden. In Ungarn bleibt die durch politische Wegelagerer und ihre Günstlinge ausgebaute antidemokratische Vasallenstruktur erhalten."
Stichwörter: Ungarn, Plünderung

Magazinrundschau vom 22.11.2022 - Elet es Irodalom

Der Jurist und Publizist Gábor Gadó glaubt keine Sekunde, dass die jüngst auf Druck der EU in Ungarn verabschiedeten Gesetze zur Bekämpfung der systematischen Korruption in Ungarn etwas bringen werden: "Die Frage ist nicht, ob die Orbán-Administration ihre Versprechen einhält, sondern ob diese Regeln überhaupt geeignet sind, die autoritären Züge des Systems zu schwächen. Auch die Hoffnung der Opposition ist fehlgeleitet, dass wenn die Behörde zur Bekämpfung von Korruption massenweise Untersuchungen startet, wir dann Zeugen eines progressiven Reformprozesses sein würden. Diese professionellen Optimisten irren, sie hissen - nach Karl Jaspers - die Fahne der Hoffnung auf Gräbern. An den Gesetzen ist nicht nur problematisch, dass man ihre Verlogenheit schon von weitem riechen kann. Das Hauptproblem ist, dass sie selbst bei vollständiger Implementierung nicht geeignet sind, die Korruption zurückzudrängen und den ethischen Normen des Rechtsstaates zur Geltung zu verhelfen."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 15.11.2022 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller, Publizist und Dichter András Nyerges schreibt seit über zwölf Jahren eine Kolumne in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom, in der er mit pressehistorischen Belegen aus den vergangenen 150 Jahren Parallelen zu gegenwärtigen Entwicklungen im Lande aufzeigt. Mit Zoltán Sumonyi spricht er u.a. über die Bedeutung und Grenzen seiner Veröffentlichungen: "Die Wahrheit ist, dass wir zwar das zwanzigste Jahrhundert kalendarisch hinter uns ließen, doch seine Probleme noch lange nicht. Den Kampf der gegenstandslosen Demokratie und der sich als Demokratie tarnenden Diktatur hat die Geschichte bis heute nicht ad acta gelegt. Erneut und immer wieder kommen Losungen auf, die man längst entsorgt geglaubt hat. Die Macht nutzt skrupellos die dunkelsten Instrumente der Massenverwirrung, die Demagogie geht auch heutzutage in die alte Schule der Volksverblendung. Ihre heutigen Besitzer verfahren gespenstisch ähnlich wie ihre kompromittierten Vorgänger. Manchmal begegnen mir solche Überraschungen, dass ich mit offenem Mund staune: in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Beispiel ist es in Ungarn schon einmal passiert, dass durch die Regierung bereicherte Unterstützer derselben, Teile der oppositionellen Medien aufkauften und hinterher ein wahrer Medienchor alle Verkündungen der Regierung begrüßte. (...) Wir haben nichts hinter uns gelassen."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 08.11.2022 - Elet es Irodalom

Durch eine drastische Gesetzesänderung, in der deklariert wird, dass das Individuum selbst für die eigene soziale Sicherheit verantwortlich ist (und der Staat erst nach den Angehörigen sowie karitativen Organisationen an letzter Stelle in der Pflicht steht), wird der Sozialstaat in Ungarn quasi abgeschafft. Was von der Orban-Regierung als "Erbschaft des Kommunismus" deklariert wird, beschreibt der Philosoph Gáspár Miklós Tamás als das Ergebnis der Politik von Napoleon III., Benjamin Disraeli sowie Otto von Bismarck und detektiert eine tiefgehende Veränderung (auch Widerstand) im Land, deren Auswirkungen noch kaum absehbar sind. "Doch das Entzweien des Landes ist das radikale Ergebnis der (wie es genehm ist, revolutionären oder konterrevolutionären) Regierungspolitik des Rechtsradikalismus, was nicht die Rechte von vor 2010 ist. Hier wird die Machtzentrale nicht getrieben, sondern sie initiiert, sie verfügt über ein Programm, Ideologie und darin wird sie auch nicht von 'bad governance' im intellektuellen und formal-technischen Sinne gestört. (...) Die freiberufliche untere Mittelschicht und die Intellektuellen waren stets vom Sozialstaat abhängig (auch ihre Kultur, ihre Konzerte, Bücher, Ausstellungen, Filme, Zeitschriften, Diskussionen), nun verteidigen sie sich, wenn auch sehr lasch. Die Flucht der Jüngeren aus den Zusammenschlüssen und Konflikten der Macht zeigt, dass sich selbst die späten gesellschaftlichen Kämpfe verändern, die Sezession, also der Auszug ist ungreifbar, und funktioniert durch persönliche Instrumente. Diese Sezession ist für keine Macht greifbar (auch für die Gegenmacht nicht). Der Kampf geschieht also im Tiefen, ... in einem neuartigen Land, das man mit den alten Instrumenten nicht mal mehr begreifen kann, von gewollter Veränderung gar nicht zu sprechen."