Magazinrundschau - Archiv

En attendant Nadeau

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Magazinrundschau vom 14.03.2017 - En attendant Nadeau

In Zeiten, in denen es um "Postfaktisches" und "alternative Fakten" geht, findet es Pascal Engel nützlich, ein Buch über die Quelle der im Grunde vertrauenswürdigsten nicht-alternativen Fakten zu haben: die Wissenschaft. Allerdings zeige Nicolas Chevassus-au-Louis in seinem Buch "Malscience, de la fraude dans les labos", dass auch diese von "Fake News" betroffen sind, vor allem natürlich - wie er ausführlich darlege - die "harten" Naturwissenschaften. Als verantwortlich dafür sieht er das System der wissenschaftlichen Zeitschriften und den Druck der Geldgeber an. Als nächstes wünscht sich Engel ein Buch über Fakes in den Geisteswissenschaften, denn "es gibt einen harten Obskurantismus in den harten Wissenschaften, der aus Methodengläubigkeit und Überheblichkeit kommt. Und es gibt einen weichen Osbskurantismus in den weichen Wissenschaften, der aus einem mangelnden Respekt für intellektuelle Werte kommt - und daher, dass man ohne Folgen neblige Theorien über alles produzieren kann (dass hierzulande ein Philosoph um seiner Dummheiten willen ins Gefängnis gesteckt wird, ist doch eher selten)."

Magazinrundschau vom 13.12.2016 - En attendant Nadeau

Pascal Engel stellt eine voluminöse zweibändige, von Christophe Charle und Laurent Jeanpierre herausgegebene Geschichte des intellektuellen Lebens in Frankreich vor: "La vie intellectuelle en France. Des lendemains de la Révolution à 1914" und "De 1914 à nos jours". Sie versuche 200 Jahre kulturelles Leben in Frankreich abzubilden und zu analysieren und gleichzeitig jede Form des Abgesangs zu vermeiden: "Die Rhetorik des Verfalls oder der Größe gehört zu jenen Mythen, denen die Autoren des Werks gerade entgegentreten wollen, indem sie zeigen, dass intellektuelle Ideen weithin kollektive Schöpfungen sind, dass die Fortschritte nicht unbedingt dort liegen, wo man sie vermutet und nicht immer von dominanten Personen oder Strömungen kommen - vielmehr sind sie oft Ergebnis langsamer Veränderungen und Prozesse, die auch Einflüsse von außerhalb des Sechsecks aufnehmen."
Stichwörter: Intellektuelle

Magazinrundschau vom 29.11.2016 - En attendant Nadeau

Vielleicht ist es Zeit, sich wieder mit den Poeten des frühen 19. Jahrhunderts, den Romantikern und Revolutionären und mehr noch den romantisch-revolutionären Doppelwesen wie Percy Bysshe Shelley zu befassen. In Frankreich ist gerade eine zweisprachige Ausgabe seines Großgedichts "The Revolt of Islam" erschienen, in der der Islam für eines von vielen Glaubenssystemen steht, die Shelley in einem emphatisch revolutionären Akt abwerfen wollte. Marc Porée erinnert in En attendant Nadeau an ein Wort Maurice Blanchots, der einmal geschrieben hat: "Ein Schriftsteller, der nicht denkt, ich bin die Revolution, nur die Freiheit lässt mich schreiben, schreibt in Wirklichkeit nicht.' Zwar nenne Porée mit Ruskin die Shelleyschen Visionen "wolkig" ("Ruskin sah in der 'Cloudiness' eine der hervorstechendsten Eigenschaften der künstlerischen Moderne"), aber: "Täuschen wir uns nicht, das wirkliche Ereignis dieses Gedichts, ist die Sprache, das Sprechen, die Eloquenz. Aus dem Mund der  heftigen Cythna kommen die überzeugendsten, einschneidendsten Aussagen. Besser als es der fade Laon vermag, ruft die Frau nach der Gleichheit mit den Männern und ermahnt zum Bündnis mit der Tugend, der Wahrheit und der Liebe. Hierin ist sie die würdige Sprecherin Mary Wollstonecrafts, der Mutter von Shelleys Geliebten und Autorin von 'A Vindication of the Rights of Woman: With Strictures on Political and Moral Subjects'."

Außerdem: Pierre Benetti bespricht Neuerscheinungen zum Thema Populismus, auch Jan-Werner Müllers Buch zum Thema, das schon auf Französisch erschienen ist und zum Erstaunen des Rezensenten die Figur des Donald Trump noch gar nicht auf dem Schirm hat.

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - En attendant Nadeau

In einer ausführlichen Besprechung stellt Claude Primal das Buch "Black America - Une histoire des luttes pour l'égalité et la justice (XIXe-XXIe siècle)" der französischen Amerikanistin Caroline Rolland-Diamond vor. In diesem Abriss der Geschichte des schwarzen Amerika macht sie deutlich, inwiefern Rassismus auch mit einem schwarzen Präsidenten bis heute keineswegs vom Tisch ist. "Natürlich gibt es, von den Medien hochgespielt, 'mustergültige' afrikanisch-amerikanische Lebensläufe, das heißt der symbolischen Ordnung von Wettbewerb und sozialem Aufstieg entsprechende, andere hingegen, sicher zahlreichere, sind schlicht armselig. Die öffentliche Hand behauptet mit mehr oder weniger Überzeugung, sich für das Los der schwarzen Bürger zu interessieren, doch die Wirklichkeit straft ihre Worte häufig Lügen. Für diese Kluft lässt sich kein besseres Beispiel anführen als die Ereignisse im Sommer 2015: als nämlich im Juni der Kongress die historischen Entschuldigungen für die Lynchjustiz an Menschen afrikanischer Herkunft verabschiedete, während zwei Monate später in New Orleans die ärmsten Bevölkerungs- und Arbeiterschichten - de facto die Schwarzen - nach dem Hurrikan Katrina sich selbst überlassen wurden (die wohlhabenderen Bewohner konnten fliehen oder bewohnten weniger gefährdete Gebiete)." Erstaunen können Rolland-Diamond auch die jüngsten Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze nicht. In einem Interview mit Libération zieht sie zwar eine durchaus positive Bilanz der Obama-Präsidentschaft, aber sie sagt auch: "Obama hat angekündigt, er werde nicht der Präsident der Schwarzen sein, und er ist es auch nicht gewesen."

Magazinrundschau vom 18.10.2016 - En attendant Nadeau

Der französische Islamwissenschaftler und Philosoph Christian Jambet hat mit seinem Buch "Le gouvernement divin. Islam et conception politique du monde" ein Grundlagenwerk vorgelegt. In einem Gespräch mit Édith de la Héronnière geht es um sein besonderes Interesse an dem iranischen Philosophen und Theologen Mollâ Sadrâ, der um 1600 lebte. Dessen Denken sei unverzichtbar für das Verständnis einer Kultur und einer Religion, die heute in der Hand von Rechtstheologen liege und von tödlichen Ideologien verzerrt wiedergegeben werde. Jambet skizziert Sadrâs Idee einer inneren Vervollkommnung der Seele: Ideal wäre ein menschlicher Intellekt, der sich so entwickelt, dass er am Ende mit dem göttlichen Wissen verschmilzt. Eine Lösung von der Sphäre des Göttlichen ist diesem Denken nicht möglich, wie Jambet anhand der heiklen Frage der Freiheit erläutert: "Die einzige Figur der Freiheit ist im Islam die innere Freiheit. Die Diskussion über die Frage, ob die politischen Systeme des Islams mit Demokratie vereinbar seien, ist unnütz. Äußere Freiheit betrifft das islamische Denken als solches nicht. Es gibt zwar eine juristische Definition: Freiheit ist dann, was keinen religiösen Einwand provoziert. Aber Freiheit als persönliche, nicht kollektive Emanzipation, als existenzielle Herausforderung, ist eine philosophische Fragestellung, ein Gegenstand der Weisheit."

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - En attendant Nadeau

Pascal Engel stellt das Buch "L'’impossible dialogue - Sciences et religions" des Wissenschaftssoziologen Yves Gingras vor. Im Zentrum seiner Analyse steht die private John-Templeton-Stiftung, die immer im Hinblick auf eine "Versöhnung" von Forschung und Religion Forschungen zu den großen Menschheitsfragen finanziert, was immer wieder Fragen nach der Unabhängigkeit dieser Forschungen aufwirft. Engel schreibt: "„Man fragt sich heutzutage nicht ausdrücklich, ob es eine christliche oder islamische Wissenschaft geben könne, ist aber gelegentlich nicht weit davon entfernt. Die Frage lässt sich nicht klären, ohne dass man nicht einmal mehr die entscheidende Frage aufs Tapet bringt, die hinter all diesen Diskussionen, Konflikten und Wiederaneignungen steckt, nämlich die nach den Beziehungen zwischen Vernunft und Glaube. Gingras Antwort ist eindeutig: Für ihn besteht keinerlei Beziehung. Er stimmt darin mit Kardinal Henry Newman überein: „Theologie und Wissenschaft, gleich ob in ihren jeweiligen Konzeptionen oder in ihrem eigenen Bereich, sind insgesamt außerstande, miteinander zu kommunizieren oder in Konflikt zu geraten, und wenn sie es im äußersten Fall brauchen können, in Verbindung zu treten, lassen sie sich niemals miteinander in Einklang bringen."
Stichwörter: Theologie, Tapes