Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 18.09.2007 - Espresso

Falls die Bedürfnisse der Armen in Indien nicht befriedigt werden, warnt der Schriftsteller Suketu Mehta im Meinungsteil, könnte Indien explodieren. Das Kastensystem ist ein Opfer der Demokratisierung geworden und kann sie nicht mehr stillhalten. "In den vergangenen sechzig Jahren hat sich in Indien eine in der Weltgeschichte einmalige Machtverschiebung ereignet. Unaufhaltsam wird die Macht an die Mehrheit der eine Milliarde Inder weitergereicht. Mehr als fünftausend Jahre lang waren die niedrigen Kasten von jeglicher politischer Betätigung ausgeschlossen. Heute hat dieses Land, das zu 82 Prozent aus Hindus besteht, einen Sikh als Premierminister, eine weibliche Präsidentin (als Nachfolgerin eines Muslims), einen Justizminister aus den Reihen der Dalit (ehemals die 'Unberührbaren'), und eine katholisch-italienische Führerin der Regierungskoalition. Während die USA es nach 260 Jahren Unabhängigkeit noch nicht geschafft haben - selbst als Vizepräsident nicht - jemanden zu wählen, der nicht christlich, weiß und männlich ist."
Stichwörter: Unabhängigkeit, Kastensystem

Magazinrundschau vom 04.09.2007 - Espresso

Giuliano Foschini zitiert aus Untersuchungsberichten zur Verbreitung der Mafia in Deutschland, Fabrizio Gatti porträtiert den mächtigsten Clan-Chef von San Luca. "Ntoni Gambazza gibt es offiziell nicht. Im Einwohnerverzeichnis der Gemeinde von San Luca taucht er nicht auf. Ein bisschen weil die ungeschriebenen Regeln der Angst es verbieten, gewisse Persönlichkeiten öffentlich zu erwähnen. Aber auch deswegen, weil Ntoni Gambazza nur sein Beiname ist, der seit Jahren mit dem organisierten Verbrechen in Zusammenhang gebracht wird. Das quadratische Gesicht unter dem dichten Haarschopf ist dagegen unter Antonio Pelle registriert, ein Namen, den er sich mit vielen in der Gegend teilt. Geboren ist er am ersten März 1932, als man sich in der Region des Apsromonte noch ausschließlich zu Fuß fortbewegte. Mit dieser Identität führt ihn auch das Innenministerium als einen der dreißig gefährlichsten Verbrecher des Landes. Ntoni Gambazza hat sich diese Ehre verdient: seit dem Jahr 2000 ist er die Nummer eins der 'Ndrangheta von San Luca. Eine Art Bernardo Provenzano vor der Festnahme."

In seiner Bustina di Minerva erinnert Umberto Eco an Norman Cohn und dessen Thesen zu den angeblichen "Protokollen" der Weisen von Zion.

Magazinrundschau vom 28.08.2007 - Espresso

Chinas Wirtschaftsaufschwung geht keineswegs mit einer Demokratisierung einher, notiert Minxin Pei, der als Politikwissenschaftler im Thinktank des Carnegie Endowment for International Peace in Washington arbeitet. Ganz im Gegenteil. "Der wirtschaftliche Wohlstand sorgt dafür, dass das Verlangen nach demokratischen Reformen abgeschwächt wird. Er legitimiert das autoritäre Regime und gibt ihm die Möglichkeit, das Wohlwollen einiger Schlüsselgruppen der Gesellschaft zu kaufen, in erster Linie des städtischen Mittelstands und der Unternehmer. Außerdem hat ein reicher Staat mehr Mittel der Unterdrückung zur Verfügung. Im Falle Chinas hat die regierende Elite nur Mitte der Achtziger einige zaghafte Reformversuche in Richtung Demokratie unternommen, vor dem spektakulären wirtschaftlichen Aufschwung. Seit den frühen Neunzigern, als der Boom einsetzte, hat sie eher einen wachsenden Widerstand gegenüber der Demokratisierung an den Tag gelegt."
Stichwörter: Washington, Thinktanks

Magazinrundschau vom 21.08.2007 - Espresso

Die antisemitischen Äußerungen des Don Gelmini sind für Umberto Eco in seiner Bustina Minerva ein Anzeichen für die besorgniserregende Langlebigkeit antijüdischer Klischees in Kirchenkreisen. Der prominente italienische Priester Don Pierino Gelmini, bekannt wegen der Gründung einiger Drogenentzugsanstalten, hatte eine angebliche "jüdische Lobby" als Urheber der gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs ausgemacht. "Es schien, dass derartige Vorstellungen in bröckelnden Bibliotheken bischöflicher Seminare versunken wären, um die Urheberrechte an Adolf Hitler und Bin Laden weiterzugeben. Und jetzt zeigt sich, dass bei einem heute lebenden Gelehrten, der wahrscheinlich in den Dreißigern in einem Kirchenseminar studiert hat (nach der 'Versöhnung' von Kirche und italienischem Faschismus), in den hintersten Winkeln seines Gedächtnisses genau jenes Monster überlebt hat, das auch schon seine ältesten Lehrmeister beherrscht hat." Gelmini hat sich mittlerweile korrigiert: Es seien keine Juden, sondern "Radical-Chic-Freimaurer", die ihn und die Kirche fertigmachen wollten.

Magazinrundschau vom 07.08.2007 - Espresso

In seiner Bustina di Minerva gesteht Umberto Eco wohl unter Einfluss der südlichen Hitzewelle aufkommende Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Welt, die ihn ausgerechnet bei der Lektüre des Espresso überfallen. "Ich lese Serras Satire und amüsiere mich wie verrückt, aber wenn ich dann die anderen Seiten lese, kommen mir alle Aritkel wie Erfindungen Serras vor. Ich habe dann den Eindruck, dieses Magazin berichtet über eine surreale Welt. Derzeit ist es sicherlich möglich, dass wir (1) tatsächlich in einer Welt leben, in der manche die Peilung verloren haben oder ich (2) die ersten Anzeichen einer Altersdemenz entwickle. Mich tröstet allerdings, immer wieder festzustellen, dass es den anderen genauso geht."
Stichwörter: Eco, Umberto, Satire, Hitzewellen

Magazinrundschau vom 31.07.2007 - Espresso

Autor Jeremy Rifkin durfte beim Genographic Project mitmachen, einer Studie von National Geographic und IBM, bei der die genetischen Spuren der Menschheit zurückverfolgt werden. "Mein ältester männlicher Vorfahre lebte vor ungefähr 50.000 Jahren im Nordosten Afrikas im Rift Valley, das heute in Äthiopien, Kenia oder Tansania liegen würde. Zu dieser Zeit lebten nur etwa zehntausend Menschen auf der Erde - alle in Afrika. Die Vorfahren auf der väterlichen Seite wanderten in den Mittleren Osten und dann nach Zentralasien, um schließlich über die Jahrtausende hinweg schließlich in Europa zu landen. Am interessantesten ist aber, dass ich meinen weiblichen und männlichen Urahnen mit jedem Menschen auf der Welt teile. Wir stammen alle von einem ursprünglichen Adam und einer Eva ab, die uns wirklich zu Mitgliedern einer einzigen menschlichen Familie werden lassen. Diese erstaunliche genetische Tatssache verändert die menschliche Perspektive grundlegend."

Außerdem wütet der unermüdliche Andrzej Stasiuk wieder einmal gegen die Kaczynski-Brüder (siehe Magazinrundschau vom 24. April und vom 16. Mai).

Magazinrundschau vom 24.07.2007 - Espresso

In seiner Bustina di Minerva widmet sich Umberto Eco der wichtigen Kunst des Nichtlesens. "In 'Wie man über ein Buch spricht, das man nie gelesen hat' von Pierre Bayard geht es nicht darum, wie man sich informieren kann, ohne ein Buch zu lesen, sondern wie man ohne schlechtes Gewissen über ein nicht gelesenes Buch reden kann, vom Professor zum Studenten, auch wenn es sich um ein Buch von außerordentlicher Wichtigkeit handelt. Das alles hat seinen Grund, denn in den besseren Bibliotheken stapeln sich bereits Millionen von Büchern. Selbst wenn man an jedem Tag eines liest, schafft man nur 365 im Jahr, 3600 in zehn Jahren und in der Zeit von zehn bis achtzig schafft man kaum 25.200. Das ist läppisch. Andererseits weiß jeder, der eine treffliche gymnasiale Ausbildung hatte, wie man eine Diskussion etwa über Bandello, Guicciardini, Boiardo, zahllose Tragödien von Alfieri und schließlich die 'Bekennntisse eines Italieners' verfolgt, von der man nur den Titel und die kritische Zusammenfassung kennt, aber nie eine Zeile gelesen hat."

Magazinrundschau vom 17.07.2007 - Espresso

Nachdem die Atheisten in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg verstummten und sogar die Kommunisten um katholische Wähler buhlten, ist nun wieder ein offener Krieg ausgebrochen, notiert Umberto Eco. "Wir befinden uns am Anfang eines Prozesses von Aktion und Reaktion, wobei nicht klar ist, ob die Sanfedisti (die sich um 1800 herum gegenrevolutionär für die Allianz von Thron und Altar einsetzten) die Antiklerikalen herausgelockt haben oder umgekehrt. Deutlich wird dieses Phänomen jedenfalls im politischen Gebrauch der Religion durch Fundamentalisten diverser Coleur, von Washington bis Teheran, in der unglaublichen Rückkehr der antidarwinistischen Polemik und dem frontalen Angriff gegen den angenommenen Relativismus der modernen Wissenschaft. Bei uns sieht man es etwa am Family Day."

"Man verurteilt keinen Schriftsteller zum Tode", diktiert der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun in seinem Unterstützungsartikel für Salman Rushdie allen fanatischen Hetzpredigern ins Stammbuch.

Magazinrundschau vom 15.05.2007 - Espresso

Nicht Zensoren bringen Bücher um, sondern Leser, die sich nicht für sie interessieren, stellt Umberto Eco in einer Bustina di Minerva fest. Aber "es gibt einen Weg, über das Verschwinden der Bücher hinwegzukommen. Man erfindet welche, die es nie gegeben hat. Alle (zumindest diejenigen, mit denen ich verkehre und die kein Mobiltelefon in die Hand nehemen) kennen die Bücherliste der Abtei von Sankt Viktor, die Rabelais beschreibt und die so faszinierende Titel wie 'Die sanfte Art zu Furzen' oder 'Über das Scheißen' umfasst. Diese Bücher haben nie existiert, sie könnten aber besser sein als manche, die es gibt oder einmal gab. Zu diesem literarischen Genre ist bei Palladino Paolo Albanis Buch 'Biblioteche immaginarie e roghi di libri' erschienen, mit historischen Texten zu dieser exquisiten Disziplin."
Stichwörter: Eco, Umberto, Mobiltelefon, Libri

Magazinrundschau vom 24.04.2007 - Espresso

Andrzej Stasiuk beschleicht das Gefühl, dass die Kaczynski-Zwillinge ihm langsam aber sicher sein Land wegnehmen. Alles ist politisch geworden, alles ist Kampf. "Jedes Zugeständnis ist eine Niederlage, jeder Kompromiss ein Verrat. Ihre Aussagen über ihre Gegner sind voller Gift, Unterstellungen und Verachtung. Nur in dieser Atmosphäre sind sie in der Lage zu regieren, ja überhaupt zu existieren. Deshalb haben sie in so umfänglicher Weise das Leben in Polen politisiert. Deshalb haben sie sich mit den fragwürdigsten Kräften der polnischen Politik verbündet: mit dem klerikalen Milieu, dessen Religiosität nichts mit Christlichkeit oder dem Katholischen zu tun hat, sondern nur mit einem nationalen Stammeskult. Und als ob das nicht reichen würde, haben sie sich auch noch mit einer Partei mit faschistischen Wurzeln zusammengetan. Hier sind die Zwillinge in ihrem natürlichen Element: Spaltung, Konfrontation, gegenseitige Ablehnung, Verdacht. Nur in dieser Umgebung können sie existieren. So ist ihrer Ansicht nach die Politik beschaffen und das Leben an sich."

Desweiteren erklärt Umberto Eco in seiner Bustina di Minerva, warum der Professor auch in Zeiten von Google und Wikipedia eine Daseinsberechtigung hat.