Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 27.03.2007 - Espresso

Nicht nur Wittgenstein zog seine Inspirationen aus Krimis, auch andere Philosophen demonstrieren eine Nähe zum Detektivroman, erläutert Umberto Eco, der auf diesen Gedanken wiederum von Renato Giovannoli und seinem neuen Buch "Elementare, Wittgenstein!" gebracht wurde. "Chesterton hatte den Kriminalroman als Symbol der größten Geheimnisse definiert, und Deleuze sagte, dass ein philosophisches Buch eine Art Krimi sein sollte. Und was sind die fünf Gottesbeweise des Thomas von Aquin anderes als Nachforschungen zu den Spuren, die ein großer Jemand hinterlassen hat. Aber auch in den 'Hard Boiled'-Geschichten selbst steckt eine Philosophie. Man betrachte Pascal mit seiner Wette: also, wir mischen die Karte neu und gucken dann, was passiert. So machen es auch Marlowe und Sam Spade."

Magazinrundschau vom 13.03.2007 - Espresso

Umberto Eco hält den künstlichen griechischen Tempel, der in der Nähe des süditalienischen Albanella gebaut werden soll, für gar keine so schlechte Idee. Dann wäre er mit den Originalen endlich alleine. "Man muss die natürlichen Tendenzen des Massentourismus ausnützen, der nicht zwischen der Pieta Rondini und Mulino-Bianco-Keksen unterscheidet und der dazu führt, dass viele Amerikaner den Cesars Palace in Las Vegas römischer finden als das Kolosseum. Viele Leute wären mit dem falschen Tempel von Albanella weitaus zufriedener - alles völlig intakt und glänzend und prächtig, was das müde Überbleibsel bei Paestum nicht bieten kann. Nach Albanella würde die Masse gehen, während Paestum für jene bliebe, die bewusst dort hingehen und für die der bereit gestellte Nachmittagsimbiss nicht so wichtig ist. Wie nützlich wäre ein Uffizyland am Rande von Florenz, mit perfekten Reproduktionen der Gemälde in den Uffizien, vielleicht mit leicht aufgefrischten Farben, wie man es in den amerikanischen Bestattungsunternehmen mit den Lippen der Verstorbenen macht."

Magazinrundschau vom 27.02.2007 - Espresso

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun sieht schwarz für Frankreich. Weder Nicolas Sarkozy noch Segolene Royal könnten das Land aus seinem Reformstau befreien. "Ein Politiker aus der Provinz wäre notwendig, wie de Gaulle oder Mendes-France, der seine Geltungssucht und die eigenen Interessen hinter jene des Landes stellt. Falls es so jemanden gäbe, würden die Franzosen ihm folgen und Veränderungen akzeptieren. Aber de Gaulle und Mendes-France verachteten das Fernsehen, während Sarkozy und Segolene Royal Zöglinge der Mattscheibe sind."

Magazinrundschau vom 13.02.2007 - Espresso

Umberto Eco erklärt in seiner Bustina di Minerva, warum eine gute Verschwörung aufgedeckt sein will. "Das Schöne ist, dass im alltäglichen Leben nichts leichter zu durchschauen ist als das Komplott und das Geheimnis. Ein effizientes Komplott führt früher oder später zu realen Resultaten, indem es evident wird. Genauso wie das Geheimnis, das normalerweise nicht von einer 'Deep Throat' enthüllt wird. Die Sache, auf die es sich bezieht, kommt früher oder später ans Licht, wenn sie wichtig genug ist. Komplotte und Geheimnisse, die nicht enthüllt werden, sind entweder misslungene Komplotte oder leere Geheimnisse. Die Macht desjenigen, der angibt, ein Geheimnis zu haben, gründet sich nicht in der Enthüllung von irgendetwas, sondern darin, allen glauben zu machen, dass es überhaupt ein Geheimnis gibt. In diesem Sinne können Geheimnis und Komplott effiziente Waffen nur in den Händen derer sein, die selbst nicht daran glauben."

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - Espresso

Andrzej Stasiuk erinnert sich an den Oberek, den im Verschwinden begriffenen Hochzeitstanz Zentralpolens. "Der Oberek ist ein obsessiver Tanz. Seine zirkulare und repetitive Struktur lässt die Gehirne der Sänger und Tänzer in eine Art Hypnose versinken. Um ein paar Stunden am Stück zu spielen, muss der Violinist die Grundmelodie immer wieder variieren, er muss ohne Pause improvisieren. Als ich die Filmausschnitte und Fotografien betrachtete und die Aufnahmen anhörte, schien es mir, dass diese Künstler sich von der irdischen Realität lösen. Auch wenn sie schon alt waren, auch wenn ihnen keiner mehr zuhören wollte und sie nur für das Mikrofon ihres Ethnografen und Sammlers Andrzej Biefkowski spielten, auch wenn ihre arthritischen Finger nicht mehr die Melodien formen konnten, die aus der Erinnerung emporstiegen, hatte ihre Musik etwas Schamanenhaftes. Sie fielen in Trance. Im buchstäblichen Sinn des Wortes."

Umberto Eco argumentiert in seiner Bustina di Minerva gegen die Todesstrafe. Der Staat "tötet, um die anderen zu erziehen, weil man lernen soll, dass man stirbt, wenn man tötet: das Töten ist somit eine Botschaft, das Mittel und nicht der Zweck. Deshalb ist die Todesstrafe selbst ein Delikt."

Magazinrundschau vom 09.01.2007 - Espresso

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun kreidet es den USA an, dass sich Augusto Pinochet nicht wie Saddam Hussein vor Gericht verantworten musste. "Der Mensch, das Individuum Pinochet interessiert dabei nicht. Er ist nur verachtenswert, der Abschaum der Menschheit. Aber seine politischen Taten, sein System ist von Interesse. Sie müssen beurteilt werden. Die Menschen gehen, die Verbrechen bleiben."

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Espresso

In einem aus der New York Times übernommenen Artikel vergleicht Thomas L. Friedman die Zukunftsfähigkeit von China und den USA, und meint, beide könnten voneinander lernen. "Mit immensen Anstrengungen ist in China schon viel erreicht worden, der Analphabetismus besiegt und die Anzahl der Diplomanden und Universitäten gesteigert worden. Trotzdem glaube ich, dass es sehr schwierig sein wird, eine Kultur der Innovation in einem Land zu errichten, das weiterhin Google zensiert. Für mich heißt das, den Geist und die Vorstellungskraft selbst zu ersticken. Man kann die beste wissenschaftliche Ausbildung einrichten, aber Innovationsvermögen gibt es nicht auf Kommando. Strenge und Kompetenz, ohne Freiheit, damit kommt man nicht sehr weit." Die USA dagegen, meint Friedman, sind frei, aber nicht streng und kompetent genug. Hier der Artikel in der Originalsprache.

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Espresso

Der allzeit bestens informierte Umberto Eco meint, dass mittlerweile wirklich niemand mehr auf die Zeitung wartet, um Neuigkeiten zu erfahren. "Vor einigen Jahren rief mich ein befreundeter Journalist um sechs Uhr abends an und erzählte mir, dass Craxi gestorben war. Gleich danach hat mich aus anderen Gründen meine Sekretärin angerufen, und ich teilte ihr die Neuigkeit gleich mit. Sie wusste es schon, irgendjemand hatte es ihr per Handy mitgeteilt. Ich rief meine Frau an: sie wusste es ebenfalls schon, man hatte sie angerufen, bevor im Fernsehen darüber berichtet wurde. Jetzt sagen Sie mir, wozu man noch eine Tageszeitung braucht. Eine Zeitung ist dazu da, Fakten mit Meinungen zu verbinden."
Stichwörter: Eco, Umberto

Magazinrundschau vom 28.11.2006 - Espresso

Bewaffnet mit drei verschiedenen Übersetzungen weist Umberto Eco nach, dass das Tragen eines Kopftuchs gar nicht im Koran empfohlen wird. In der in diesem Zusammenhang zitierten Sure 24 (wahrscheinlich Vers 31) gehe es um die Verhüllung der Brust. Die Sache mit der Kopfbedeckung sei vielmehr eine christliche Idee. "Der Generalvikar der italienischen Sufi-Bewegung Jerrahi Halveti, Gabriele Mandel Khan, weist (in seinem Islamkommentar) mit einer gewissen Genugtuung darauf hin, dass es der Apostel Paulus war (im ersten Brief an die Korinther), aber Paulus beschränkte dieses Gebot auf Frauen, die predigen und weissagen. Lange Zeit vor dem Koran aber stellte Tertullian (der zwar mit den andersgläubigen Montanisten sympathisierte, aber ganz sicher ein Christ war) in seiner Schrift 'Über den weiblichen Putz' fest: "Gott will, dass Ihr verschleiert sein sollt. Vermutlich, damit man die Köpfe mancher Damen nicht sehe." Tertullian wird es nicht zum Schutzpatron der Friseure bringen, wie es bei weiterer Lektüre des Traktats scheint. "Verbannt von dem freien Haupte den ganzen knechtischen Putz! Es ist zwecklos, dass Ihr Euch bemüht, geputzt zu erscheinen und die erfahrensten Haarkünstler herbeizieht."
Stichwörter: Eco, Umberto, Kopftuchdebatte

Magazinrundschau vom 07.11.2006 - Espresso

Moses Naim, ehemaliger Handels- und Industrieminister Venezuelas und geschäftsführender Direktor der Weltbank, heute Chefredakteur von Foreign Policy, ruft die globale Führungskrise aus. Es gebe im Augenblick niemanden, der sich der Probleme der Welt annehmen könnte: "Chiracs Mandat steht kurz vor dem Ende, ebenso wie die Amtszeiten Blairs und Kofi Annans. Angela Merkel, Romano Prodi und viele andere stehen prekären politischen Koalitionen vor, die ihren Handlungsspielraum merklich einengen. Und Brüssel ist zu sehr damit beschäftigt, diplomatische Treffen zu organisieren als dass hier ein relevanter internationaler Akteur heranwachsen könnte."

Außerdem schafft es Umberto Eco, selbst aus der Spam-Mail einer afrikanischen Waise in Finanznöten eine Bustina di Minerva über Vor- und Nachteile der globalen Kommunikation zu extrahieren.