Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 32

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Espresso

Umberto Eco sorgt sich in seiner Bustina di Minerva, dass zunehmend Redeverbote um sich greifen. "Ich will daran erinnern, dass diese Tabus nicht nur den muslimischen Fundamentalisten anzurechnen sind (die in ihrer Reizbarkeit nicht mit sich scherzen lassen), sondern auch der Ideologie der 'politischen Korrektheit'. Diese ist vom Respekt gegenüber allen inspiriert, aber mittlerweile hindert sie einen daran - zumindest in den USA - Witze nicht nur über Juden, Muslime und Behinderte zu erzählen, sondern auch über Schotten, Genueser, Belgier, Polizisten, Feuerwehrleute, Straßenkehrer und Eskimos (die man nicht so nennen sollte, aber wenn man sie so nennt, wie man sie nennen sollte, versteht keiner, worüber man spricht)."

Magazinrundschau vom 03.10.2006 - Espresso

6000 Kilometer, 600 Liter Benzin. Andrzej Stasiuk ist diesen Sommer mit dem Auto durch die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Serbien, Mazedionien und Albanien getourt. "Wir erreichen das Ionische Meer, am äußersten Punkt dieses Kontinents. Die Straße unweit von Himara wirkt wie ein Regalbrett, das in die Felsen eingelassen wurde. Es war so eng, dass man immer wieder mal anhalten musste, um die entgegenkommenden Fahrzeuge vorbeizulassen. Auf der einen Seite war die Felswand, auf der anderen Seite ein mehrere hundert Meter tiefer Abgrund und das Meer. Manchmal wurde die Straße unwirklich. Dann führte sie am Rand der Klippe entlang, am Rand des endlosen Blau. Ich dachte mir, dass es so eine Straße sein muss, auf der die Seelen der in Verkehrsunfällen getöteten Autofahrer umher irren."

In seiner Bustina di Minerva preist Umberto Eco die von ihm als wissenschaftliches Netzwerk mitbegründete "Transcultura"-Initiative, die nun in Frankreich mit interkulturellen Studentreffen die Integration von unten fördert.

Magazinrundschau vom 19.09.2006 - Espresso

In seiner Bustina di Minerva fragt sich Umberto Eco, ob die traditionelle Unterscheidung zwischen schön und hässlich immer noch gültig ist. "Wenn wir uns überlegen, dass viele der Jugendlichen immer noch vor der klassischen Schönheit eines George Clooney oder einer Nicole Kidman in die Knie gehen, wird es klar, dass sie es machen wie ihre Eltern. Sie kaufen auf der einen Seite Autos und Fernseher, die nach dem Renaissance-Ideal des goldenen Schnitts entworfen sind, oder bevölkern die Uffizien, um das Stendhal-Syndrom zu beweisen. Auf der anderen Seite ergötzen sie sich an Splatter-Filmen, in denen Gehirnmasse an die Wand spritzt, kaufen ihren Kindern Dinosaurier und andere Monstrositäten und und strömen zum Happening eines Künstlers, der sich die Hände durchbohrt, die Genitalien verstümmelt oder seine Haut foltert."

Magazinrundschau vom 05.09.2006 - Espresso

Andrzej Stasiuk schickt Impressionen aus den heimatlichen Beskiden, einer idyllischen Gegend, in der man stundelang spazieren gehen kann, ohne einem lebenden Wesen zu begegnen. "Tote Landstriche, begrabene Bewohner, gefallene Soldaten von nicht mehr existierenden Armeen - alles im Laufe eines halbstündigen Spaziergangs. Zur gleichen Zeit die Wüste der Berge, das Grün, die Dürre, die Stille und die Greifvögel, die regungslos in der Hitze über den Hügeln schweben. Die Welt erscheint als enormer stiller Friedhof, gänzlich befreit von der Bedrohung des Todes. Unter den Füßen erscheinen die Straßen der Geschichte, die Ruinen und die Knochen. Es ist gut möglich, dass es sich um eine Eigenart dieser Gegend handelt, die bizarre Kreuzung zwischen einem Orient, der mit dem Tod vertraut ist, und einem Okzident, der sich zwingt, daran nicht zu glauben."

In seiner Bustina di Minerva berichtet Umberto Eco von seinen verwirrenden Fernseherfahrungen im August.

Magazinrundschau vom 22.08.2006 - Espresso

In seiner Bustina di Minerva verteidigt Umberto Eco die Poesie im Internet gegen einen leider ungenannten Lyriker, der alle Online-Dichterei nach Strich und Faden verdammt. "Wenn man im Internet nach Poesie sucht, findet man viel Träges, emotionale Materialisationen irgendwelcher Dorftrottel; die Blogs sind mehr oder weniger von Exhibitionisten bestimmt. Man stößt auf den übelsten Mist, ohne irgendeine Orientierungsmöglichkeit." Eco sieht das Ganze positiv. So verstopfen die schlimmsten Poeten wenigstens nicht die althergebrachten und geschätzten Lyrik-Magazine, und selbst im tiefsten Sumpf "blüht manchmal eine Blume".
Stichwörter: Eco, Umberto

Magazinrundschau vom 04.07.2006 - Espresso

Das anachronistische Gebahren der polnischen Politikerriege hat seinen Ursprung in Pater Tadeusz Rydzyks Radio Maria, meint Andrzej Stasiuk in seiner bissigen Abrechnung mit Giertych, Lepper und den Kaczynski-Brüdern. "Rydzyk ist ein Produkt des Kommunismus. Denn es war der Kommunismus, der die polnische Realität über Jahrzehnte hinweg eingefroren hat. Als das Eis schmolz, kam das Leichenschauhaus der polnischen Vorkriegs-Ideologie zum Vorschein. Rydzyk tauchte auf, ein Zombie, eine Mischung aus dem primitiven Ultranationalismus vor dem Krieg und einer tribalen Parodie des Katholizismus. Und Roman Giertych mit seiner Allpolnischen Jugend kam hervor, ein Frankenstein, zusammengesetzt aus den verwesenden Körperteilen der faschistischen Aktionskommandos der Vorkriegszeit. Der eine wie der andere ist ziemlich haarsträubend aus moralischer Sicht, der eine wie der andere hat dank der konservativen Kräfte des Kommunismus überlebt. Der eine wie der andere blickt hoffnungsvoll auf das postsowjetische Russland, in dem er einen Verbündeten im Kampf gegen den liberalen Westen zu finden hofft."

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Espresso

In seiner Bustina di Minerva stellt Umberto Eco diesmal Theorien vor, die von der Erde als Höhle ausgehen. Cyrus Teeds Vorstellung, dass die Menschen in Wahrheit auf der Innenseite der hohlen Erde leben, war bis ins 20. Jahrhundert populär. "In einigen Bereichen der deutschen Marine glaubte man, dass mit der Theorie von der Erde als Höhle man mit größerer Genauigkeit die Position der englischen Schiffe bestimmen könnte, weil die umgekehrte Krümmung der Erde die Infrarotstrahlen nicht ablenken würde. Hitler habe eine Expedition auf die Ostseeinsel Rügen geschickt, wo ein gewisser Dr. Heinz Fischer ein Teleskop gen Himmel richtete, um die britische Flotte ausfindig zu machen, die auf der konvexen Oberfläche der Höhlen-Erde segelte. Man sagt, dass einige Versuche mit der V1 misslangen, weil man die Flugbahn ausgehend von einer konkaven und nicht konvexen Oberfläche aus berechnete."
Stichwörter: Eco, Umberto, Fischer, Heinz

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - Espresso

In seiner Bustina di Minerva lässt Umberto Eco den Papst nicht so leicht davon kommen. Der habe in seiner Rede in Auschwitz durch Christen begangene Greueltaten als Erscheinungen der Zeit charakterisiert und damit relativiert. "Es hat immer Kriegstreiber und Pazifisten in der Kirche gegeben, und gerade dieser Gegensatz verbietet schon das Argument, dass die Zeiten so waren wie sie waren. Vielen war es möglich, sich gegen die Mentalität ihrer eigenen Epoche zu wenden: neben Sankt Bernhard, der behauptete, einen Muselmanen zum Frühstück und einen zum Abendessen zu verspeisen, gab es immer St. Franziskus, und Mutter Theresa war eine Zeitgenossin von Oriana Fallaci."

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - Espresso

Andrzej Stasiuk schreibt ein saftig-maliziöses Porträt der beiden Kaczynski-Brüder, die Polen als "doppelte Ausgabe von Sancho Pansa, die Don Quichotte werden wollen", regieren. "Sie sind beide klein und dick. Ihre Gesichtszüge haben etwas Kindliches. Sie wirken wie zwei alt gewordene Jungen. Ihre Anzüge stehen ihnen schlecht, die Zimmer in denen sie sich präsentieren, wirken zu weitläufig, die Gefährte, in die sie einsteigen, zu lang. Das Land, das sie anführen, wirkt zu groß und zu kompliziert. Als Kinder hatten sie die Hauptrolle in einem Film mit dem Titel 'Die zwei, die den Mond geraubt hatten'. In dem schönen und bedrohlichen Märchen vollbringen sie tasächlich diesen heroischen und verfluchten Akt."

Im Titel stellt Edmondo Berselli ausführlich "Lord" Giorgio Napolitano vor, ehemaliger Kommunist und frischgekürter Staatspräsident Italiens.

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - Espresso

In italienischen Mails kursieren Scherze, in denen die Politrhetorik der vergangenen Wochen benutzt wird, um Fußballspiele anzuzweifeln und immer wieder neu aufzurollen. Umberto Eco ist geschockt, wie absurd und realistisch das Ganze wirkt. "Ich muss eine gewichtige Tatsache feststellen", heißt es dort etwa. "Im Abfalleimer in der Nähe der Ehrentribüne wurde ein Zettel von jener Art gefunden, auf denen die Schiedsrichter die Ereignisse einer Partei notieren, und dort stand, dass die Partie Mailand-Barcelona 3:1 ausgegangen ist (und nicht 0:1), mit den Torschützen Gilardino, Shevchenko, Giuly und Kaladze. Wir fordern, dass dieser beunruhigende Vorfall untersucht und in einem angemessenen Zeitraum überprüft wird. Mit dem endgültigen Ergebnis des Spiels ist frühestens in vier oder fünf Monaten zu rechnen."

Weiteres: Gianluca Di Feo rechnet sich im Titel aus, was der Irakeinsatz Italien so gekostet hat: eineinhalb Milliarden Euro, davon ein Prozent für humanitäre Hilfe, der Rest fürs Militär. Monica Maggi präsentiert in der Gesellschaftsecke neueste Knuddel-High-Tech aus Italien: ein T-Shirt, dass sich per SMS zusammenzieht, um eine Umarmung zu simulieren.
Stichwörter: Barcelona, Eco, Umberto