Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

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Magazinrundschau vom 17.11.2009 - Espresso

Seit der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einer Mutter Recht gegeben hat, die Kreuze in den italienischen Klassenzimmern ihrer zwei Kinder als Einschränkung der Religionsfreiheit empfand, steht Italien Kopf. Auch Umberto Eco schaltet sich ein, er hält das Kreuz für gar kein vorwiegend religiöses Zeichen. "Selbst wenn man die religiösen Symbole aus der Schule verbannt, dämmt das nicht die religiösen Gefühle. An unseren Universitäten geht es nicht um das Kruzifix in der Aula, sondern um die Scharen von Studenten, die sich "Communione e Liberazione" anschließen. Umgekehrt sind wenigstens zwei Generationen von Italienern in Klassenzimmern aufgewachsen, in denen das Kruzifix zwischen König und Duce hing. Und aus den dreißig Absolventen einer Klasse sind die einen Atheisten, die anderen Antifaschisten geworden, und wieder andere, ich denke die Mehrheit, haben die Republik gewählt." Warum nicht ein Kreuz ohne Jesus, meint Eco als Kompromissvorschlag. "Das Kreuz ist ein Gegenstand der Kulturanthropologie, der in der Gesellschaft wurzelt. Wer hierher einwandert, muss sich auch mit den Empfindlichkeiten des Gastlands vertraut machen. Ich weiß, dass man in muslimischen Ländern keinen Alkohol trinken darf, und deshalb gehe ich auch nicht vor einer Moschee auf und ab und schwenke einen Whisky."

Magazinrundschau vom 10.11.2009 - Espresso

Silvio Berlusconi bestreitet natürlich jede Einflussnahme auf die Geschichte. Canale 5, ein Sender aus dem Portfolio von Silvio Berlusconi, hatte Mitte Oktober einen offenbar heimlich gefilmten Beitrag über den Mailänder Richter Raimondo Mesiano gesendet. Mesiano wird beim Warten vor dem Rasiersalon, beim "nervösen" Ziehen an einer Zigarette und beim Sitzen auf einer Parkbank gezeigt, mit besonderem Verweis auf seine türkisfarbenen Socken. Mesiano hat Berlusconis Finanzholdig Fininvest kürzlich zu einer Strafe von 750 Millionen Euro verurteilt. Umberto Eco hat als Zehnjähriger für eine ältere Frau einmal unwissentlich einen anonymen Brief verfasst. Da standen so harmlose Sachen drin wie "Ihre Angetraute ist sehr beliebt in der Stadt" oder "die Familie ist sehr wohlhabend". Eco weiß also Bescheid über die Feinheiten der Denunziation. "Es gibt natürlich konkrete Anschuldigungen, mehr oder weniger anonym, die auf ein bestimmtes Verbrechen hinweisen (der ist pädophil, hat Steuergelder veruntreut, geht ins Bett mit Ihrer Ehefrau oder Ihrem Ehemann, hat etwas mit Osama zu tun); sie werden am häufigsten eingesetzt, sind aber, wie soll ich sagen, die unschuldigsten, denn es genügen kleine Fakten, um sie als inkorrekt zu entlarven und damit wirkungslos werden zu lassen. Die gefährlichsten sind jene Sätze, die überhaupt nichts behaupten und alles dem Empfänger überlassen. Sie sind nicht greifbar. Aber gefährlich."

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - Espresso

Umberto Eco wälzt gelegentlich exotische antiquarische Kataloge. Die "Kuriosen und Bizarren Bücher" der französischen Libraires Associe sind ihm vor kurzem in die Hände gefallen. Die besten Fundstücke will Eco den Lesern der Bustina nicht vorenthalten. "In der Auswahl der Werke, die sicherlich ernst gemeint waren, habe ich ein Traktat über den Klagelaut der Taube gefunden, geschrieben von Kardinal Bellarmino (ja, der von Galileo), eines über die Verortung des irdischen Paradieses von Huet (der es in der Nähe von Basra platzierte, völlig entgegengesetzt zu einer Tradition die es im Fernen Osten vermutete, dafür wird Bushs Invasion des Irak endlich verständlich) und das Werk von Pierre Sindico über die Unbeweglichkeit der Erde (1878). Außerdem habe ich entdeckt, dass Ricciotto Canudo, den ich nur als ernsthaften Filmtheoretiker (und als Erfinder des Begriffs der 'siebten Kunst') kannte, außerdem ein Kriegsheld war und sich mit der Musikalischen Metaphysik der Kultur beschäftigte. Ebenfalls vorhanden ist eine schöne Sektion über die Ursprachen der Geschichte, von der Sprache Adams (druidisch, sagt John Cleland, 1776), das Baskische als Sprache von Cam, sagt Pedro Nada 1885, und nicht zu schweigen von den künstlichen Sprachen wie der Langue Bleue von Bollack, 1900, dem 'Syllabaire' von Jallais aus dem Jahr 1923, mit einer Anleitung zum Bau einer Lesemaschine, sowie dem Codex Napoleonicus in Versform von einem Anonymus im Jahr 1811."
Stichwörter: Basra, Eco, Umberto, Irak, Metaphysik

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - Espresso

In diesen Tagen hört man in Italien wieder vermehrt das Wort "culturame", was man vielleicht mit Kulturheini übersetzen könnte. Manche Personen verwenden den Begriff seit einigen Wochen wieder vornehmlich für Linke aller Art, meint Umberto Eco und kann nur den Kopf schütteln. "Es gibt diese Handlanger aus dem Unterbau der Regierung, die Männer, die nur an Macht (oder Geld) interessiert sind. Sie haben in Wirklichkeit nie genug gelesen, und wissen einfach nicht, dass es auch rechte Intellektuelle gibt. Sie sehen nur jene der Linke, und nur in Momenten, in denen diese gegen irgendetwas protestieren, Und so ist es nur natürlich, dass die Intellektuellen in diesen Einraum-Gehirnen schnell zum Synonym für Opposition werden."
Stichwörter: Eco, Umberto, Geld

Magazinrundschau vom 29.09.2009 - Espresso

Francesco Fonti ist einer der bekanntesten Mafiosi Italiens. Im Jahr 2005 hatten seine Aussagen umfangreiche Ermittlungen zum Handel mit Giftmüll und radioaktiven Abfällen in Kalabrien eingeleitet. Jetzt spricht er in einem Video, das der Espresso auf seiner Seite ausstrahlt, über seine Rolle im Fall Aldo Moro. Der führende Politiker der italienischen christdemokratischen Partei DC wurde am 16. März 1978 von den roten Brigaden entführt und später ermordet. Fonti sollte Moro retten, sagt er - im Auftrag der DC. Riccardo Bocca protokollierte die Aussage. "Am Morgen des 20. März 1978 kam Giuseppe Romeo in meine Wohnung an der Ionischen Küste in Kalabrien. Er war der Bruder des Bosses Sebastiano, der damals an der Spitze der Familie von San Luca stand. 'Sebastiano will Dich unverzüglich sehen', sagte Giuseppe. Das sind Worte, bei denen man nicht nachfragen muss. Sebastiano war nicht nur mein Chef, sondern auch einer der mächtigsten Männer der 'Ndrangheta. Deshalb diskutierte ich nicht, sondern gehorchte und fand mich wenig später an dem ovalen Tisch in seinem Salon wieder. Ich war angespannt, wusste nicht, was mich erwartet. Er aber verlor keine Zeit. 'Ciccio, hast Du diese unschöne Geschichte mit Aldo Moro mitbekommen?', sagte er. 'Wir müssen da was machen. Mach Dich auf den Weg nach Rom. Dort musst Du mit Hilfe unserer Landsmänner und deinen Kontakten bei diesen Schwanzlutschern vom Geheimdienst herausfinden, wo sich die Brigadisten verstecken, die den Präsidenten entführt haben.' Sebastiano gab mir keine Zeit, etwas zu sagen. Ihn beunruhigte der nationale Alarm, der wegen des Falls Moro ausgerufen worden war. Das störte die Geschäfte unserer Organisation. 'Ich habe Druck von zwei Seiten bekommen', sagte er. Riccardo Misasi und Vito Napoli haben mich angerufen (damals Spitzenkandidaten der kalabresischen Christdemokraten), aber auch gewisse Leute aus Rom...'"

Magazinrundschau vom 15.09.2009 - Espresso

Der britische Schriftsteller John Berger erklärt im Interview, warum er das Motorradfahren liebt: Es erinnert ihn ans Zeichnen. "Eigentlich gefällt es mir immer besser: Die Liebe zum Motorrad scheint mir immer mehr mit meiner Leidenschaft für das Zeichnen zu tun zu haben. In beiden Fällen geht es darum, eine Linie zu ziehen auf einem Untergrund, der einem Widerstand entgegenbringt. Und wie die Hand dem Blick folgt, so tut es das Motorrad. Falls man sich ablenken lässt und eine Mauer betrachtet, fährt man rein. Das Zeichnen erfordert große Konzentration und auch beim Motorradfahren muss man auf Dutzende Sachen gleichzeitig achten." Hier kann man einen kurzen Ausschnitt aus dem Gesprächsmitschnitt anhören, den Codacci-Pisanelli gemacht hat. Berger live also.

Magazinrundschau vom 08.09.2009 - Espresso

Können wir Wikipedia vertrauen? Nein, sagt Umberto Eco, aber keine Information ist ja todsicher. Seine Lösung: Andere Quellen suchen, zur Not auch einfach den gleichen Wikipedia-Artikel in einer anderen Sprache abgleichen. "Am Anfang bin ich noch eingeschritten, um meinen Artikel zu korrigieren, weil er falsche Daten oder Irrtümer enthielt (zum Beispiel hieß es, ich wäre der erste von dreizehn Brüdern, aber das war mein Vater). Das habe ich schließlich aufgegeben, denn jedesmal, wenn ich mal wieder auf meinen Artikel gestoßen bin, habe ich wieder irgendwelche netten kleinen Fehler gefunden. Jetzt haben mich einige Freunde darauf angesprochen, dass ich laut Wikipedia die Tochter meines Verlegers Valentino Bompiani geheiratet habe. Diese Meldung ist in keiner Weise verletzend, ich bin aber eingeschritten, weil es meine guten Freunde Ginevra und Emanuela stören könnte. In diesem Fall kann man weder von einem Verständnisfehler sprechen (wie die Geschichte von den dreizehn Brüdern) noch von einem Gerücht, das gerade kursiert. Niemand hat je davon gehört, dass ich mich mit Ginevra oder Emanuela arrangiert hätte. Der unbekannte Co-Autor von Wikipedia hat einfach seine private Fantasie veröffentlicht, ohne dass es ihm je in den Sinn gekommen wäre, diese Meldung durch irgendeine andere Quelle zu bestätigen."
Stichwörter: Eco, Umberto, Wikipedia, Valentino

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - Espresso

Italiens Nationalhymne sorgt für das Sommertheater in den Reihen der regierenden Mitte-Rechts-Koalition von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Grund ist ein Vorschlag des für Reformen zuständigen Ministers und Chef der rechtspopulistischen Regierungspartei Lega Nord, Umberto Bossi: Er will Giuseppe Verdis Gefangenenchor "Va' pensiero" aus der Oper "Nabucco" zur Staatshymne befördern. Umberto Eco dreht das Ganze lustvoll weiter und schreibt aus der Zukunft, wie alle 20 Regionen Italiens ihre eigene Nationalhymne bekamen. "Für die Hauptstadt hatte die Lega provokativ 'Roma non far la stupida stasera' (Rom, sei nicht gemein heute abend) oder wenigstens 'Arrivederci Roma' vorgeschlagen, aber die Römer hatten sich 'E mejo er vino de li castelli che questa zozza societa' rausgesucht. Schwieriger war die Entscheidung in Neapel, wo sich die Unterstützer von 'O sole mio' den Fans von 'A Marechiare' gegenübersahen. Sie einigten sich schließlich auf 'Funiculi Funicula'. Aus Platzgründen kürzen wir die anderen Regionen ab, erwähnen nur kurz die Abruzzen mit 'E vola vola vola vola e vola lu pavone' und Sizilien mit 'Ciuri ciuri ciuri di tuttu l'annu, l'amuri ca mi dasti ti lu tornu...'." Italiens aktuelle Nationalhymne ist übrigens Goffredo Mamelis "Fratelli d'Italia".

Magazinrundschau vom 18.08.2009 - Espresso

Mit "Bombay. Maximum City" hat Suketu Mehta seiner Lieblingsstadt eine vielbeachtete Liebeserklärung geschrieben. Im Espresso berichtet er nun, dass die Anschläge vom 26. November 2008 die sonst so zerstrittenen Fraktionen der Stadt vereint haben. "Die pakistanischen Drahtzieher der Attacke wollten Unruhen zwischen Hindus und Muslimen provozieren. Aber die dramatische Situation hat das Gegenteil bewirkt. Die alten Muslime der Stadt weigerten sich, die Terroristen zu begraben. Wer Unschuldige massakriert, sagten sie, sei kein Muslim und habe daher auch keinen Anspruch auf ein muslimisches Begräbnis. Ich habe die religiösen Gemeinden der Stadt noch nie so geeint erlebt. Die Angriffe haben allen ins Gedächtnis gerufen, dass trotz aller religiösen Differenzen und der Politik der Regierung alle Einwohner der Stadt in erster Linie Bürger von Bombay sind, und dass alle gleich unter dem Terror leiden. Bombay hielt nie mehr zusammen als heute."

Magazinrundschau vom 11.08.2009 - Espresso

Umberto Eco schreibt seine Kolumne bestimmt nicht mit der Hand. Aber er denkt darüber nach, was die Menschheit verliert, wenn sie das Schreiben mit einem Stift aufgibt: die Langsamkeit. "Die Kunst der Kalligraphie erzieht zur Kontrolle der Hand und der Koordination von Fingern und Gehirn. [Stefano] Bartezzaghi macht [in einem Artikel in der Tageszeitung Repubblica, hier als pdf] darauf aufmerksam, dass es beim Schreiben mit der Hand notwendig ist, sich die Phrase vorher zu überlegen. Auf jeden Fall ermöglicht das manuelle Schreiben durch den Widerstand, den Stift und Papier entgegenbringen, eine reflexive Entschleunigung. Viele Schriftsteller, auch wenn sie das Schreiben mit dem Computer gewöhnt sind, haben bisweilen das Gefühl dass sie gerne wie die Sumerer auf eine Tontafel meißeln würden, um Ruhe in ihr Denken zu bringen. Die jungen Leute schreiben immer mehr mit dem Computer und dem Handy. Doch die Menschheit hat es gelernt, jene Tätigkeiten, die die Zivilisation als Notwendigkeit ausgemustert hat, als Tätigkeiten wiederzuentdecken, die sportliche und ästhetische Bedürfnisse befriedigen."