Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 02.09.2025 - Eurozine

Im Februar 2025 "jährte sich zum dritten Mal der Beginn der massenhaften Deportation ukrainischer Kinder durch Russland", erinnert die Historikerin Julia Skubytska. Dafür stütze sich Russland auf ein Netz aus Sommercamps und Kindereinrichtungen, das noch aus der Zeit der UdSSR stamme. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine werben Besatzungsbehörden in besetzten und militärisch kontrollierten Gebieten der Ukraine für diese Sommercamps mit der Botschaft, dass die Kinder dort sicher vor dem Kriegsgeschehen wären. "Was ukrainische Kinder jedoch in diesen russischen Sommercamps erleben, hat nichts mit Sicherheit zu tun. Die Kinder werden in Camps geschickt, die oft über heruntergekommene Einrichtungen verfügen und sich in der gesamten Russischen Föderation und in Teilen der Ukraine befinden, die derzeit von Russland besetzt sind. (…) Die Besatzungsbehörden üben oft Druck auf die Eltern aus, Dokumente zu unterzeichnen, mit denen sie ihre Kinder zur Teilnahme am Camp freigeben; in einigen Fällen sagen sie den Kindern sogar, dass sie die Unterschriften ihrer Eltern fälschen können. Sobald die Kinder in den Camps sind, stellen sie fest, dass das Personal oft ihre Kommunikation mit Verwandten behindert; die Rückkehr nach Hause wird zu einem komplizierten und gefährlichen Unterfangen. Kinder, die in die Ukraine zurückgekehrt sind, berichten von Zwangsarbeit, Verhören, Schlägen, Inhaftierungen, schlechter Lebensmittelqualität, Nahrungsmangel sowie verschiedenen Formen emotionaler Gewalt, die darauf abzielen, die ukrainische Identität der Kinder zu demoralisieren und letztendlich auszulöschen. (…) Zusätzlich zu den Sommerlagern werden junge Ukrainer auch in spezielle militärische Einrichtungen geschickt, wo sie zu russischen Soldaten ausgebildet werden, was die Entwicklung der für den Militärdienst erforderlichen Fähigkeiten und eine intensive Indoktrination umfasst. Da Russland regelmäßig Menschen aus den besetzten ukrainischen Gebieten zum Militärdienst für sich zwingt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis junge Ukrainer gezwungen werden, gegen ihre Mitbürger zu kämpfen."

Magazinrundschau vom 25.08.2025 - Eurozine

Die Proteste in Belarus 2020 waren für viele Belarusen geradezu ein Schock, erinnert sich der belarusische Dichter und Übersetzer Uladzimir Liankievic: Sollten sich die jahrhundertealten Hoffnungen der nationalen Befreiungsbewegung endlich bewahrheiten? Heute ist nicht viel von diesen Hoffnungen übriggeblieben: "Ich habe mich bis Mitte 2023 in Belarus durchgeschlagen, dann hat mich das Schicksal nach Polen verschlagen. Die banale Geschichte einer durchschnittlichen Statistik. Es spielt keine Rolle, wie viele es von uns gibt, ob hunderttausend oder eine halbe Million. Auch wir existieren, ob wir in den Ländern, in denen wir Zuflucht gefunden haben, wahrgenommen werden oder nicht, und ob wir in unserer Heimat in Erinnerung bleiben oder nicht. Diese neue Auswanderungswelle nutzt die Errungenschaften der modernen Welt, um Zeit und Raum zu überlisten. Wir sind nicht vollständig aus Belarus verschwunden, aber unsere Präsenz in unseren neuen Ländern ist nur bruchstückhaft. Es ist, als würde ein Gruppenfoto von uns allen, das hastig mit einer Polaroidkamera aufgenommen wurde, langsam verblassen, während das Foto von uns an unserem neuen Ort noch nicht vollständig entwickelt ist, egal wie sehr man es schüttelt. Es gibt diejenigen, die vor fast fünf Jahren weggegangen sind, die ihr Eigentum verkauft und ihre Familie mitgenommen haben: Man kann ihr Profil kaum noch erkennen. Dann gibt es diejenigen, die mit ihrer Heimat in Kontakt bleiben und Gäste von dort empfangen. Und es gibt diejenigen, die alles riskieren, um Belarus zu besuchen, ein Land, das zur Hälfte von Russland besetzt ist. Neulich zitierte ein Freund von mir bei einer Tasse Kaffee einen gemeinsamen Bekannten, der sagte, es sei an der Zeit, dass wir uns die örtlichen Friedhöfe genau ansehen und entscheiden, wo wir begraben werden wollen, sei es in Warschau, Vilnius, Berlin ..."
Stichwörter: Belarus

Magazinrundschau vom 19.08.2025 - Eurozine

"Die autoritären Taktiken der türkischen und der US-Regierung ähneln sich zunehmend", konstatiert Kaya Genç. Seit dem Putsch 2016 unterdrückt Erdogans Regierung zunehmend Journalisten und Wissenschaftler. Und Trump, so Genc, spiele nach dem Erdogan-"Playbook". Während Erdogan allerdings normalerweise keine Gelegenheit auslässt, den Westen der "Heuchelei" oder der Islamfeindlichkeit zu bezichtigen, bleibt er erstaunlich ruhig, wenn es um den Umgang der US-Regierung mit israelkritischen Stimmen geht: "Die Harvard University entließ im März Cemal Kafadar, den türkischen Direktor ihres Zentrums für Nahoststudien, nachdem das Zentrum Kritik dafür erhalten hatte, dass einige seiner Programme die israelische Perspektive nicht ausreichend berücksichtigt hätten. Daraufhin warf ein Sprecher der türkischen Regierung Harvard vor, 'das wissenschaftliche Denken offen anzugreifen'. Der Angriff auf Harvard spiegelte den Angriff auf die akademische Freiheit in der Türkei wider.'" Der türkische Präsident selbst äußerte sich zu dieser Causa nicht - sicherlich aus taktischen Gründen, meint Genç, und weil er mit Trump sonst ideologisch auf einer Wellenlänge ist: "Seit 2021 kommt es an der Boğaziçi-Universität in Istanbul, einer der renommiertesten Hochschulen des Landes, zu weit verbreiteten Protesten gegen den von der Regierung ernannten Rektor, der den progressiven LGBTQ+-Club geschlossen, Erdoğan-kritische Wissenschaftler entlassen und die Polizei auf dem Campus zugelassen hat, um alle Studenten festzunehmen, die er als Gefahr für die Sicherheit ansieht. Studenten sagen, dass sogar Küssen auf dem Campus zu einem Problem geworden ist. Auf einer Konferenz im Jahr 2021 wies Kafadar darauf hin, wie seine Kollegen an der Boğaziçi unter diesen Umständen leiden, und bezeichnete die Ereignisse als 'ständigen Zustand der Unterdrückung, einen Zustand der Qual, der mit einem Gefühl der Rache allmählich an Intensität zunimmt'. Er berichtete, wie seine Kollegen in Harvard ihm erzählt hatten, dass Trump derzeit Erdoğan, Modi und Orbán in Bezug auf den Umgang mit Universitäten und Medien studiere, um zu lernen, wie er schnell gegen sie vorgehen kann, wenn er die Wahl 2024 gewinnt'."

Magazinrundschau vom 12.08.2025 - Eurozine

Zwei Seelen wohnen in der Brust des kolumbianischen Präsidenten Gustavo Francisco Petro, schreibt Iván Garzón Vallejo. In ihm tobt "ein Kampf zwischen dem staatsmännischen Über-Ich und dem revolutionären Es; ein Kampf zwischen dem kompromissbereiten Politiker und dem redseligen Revolutionär." Denn so ganz kann sich Petro nicht von seiner Vergangenheit als Mitglied der Guerillaorganisation M-19 (die am "meisten romantisierte Guerillaorganisation in der kolumbianischen Geschichte") verabschieden. Die M-19 "ist eher für ihre Aktionen in Erinnerung geblieben - den Diebstahl von Bolívars Schwert 1975, die Eroberung von 5000 Waffen aus einer Militärgarnison 1979, die Besetzung der Botschaft der Dominikanischen Republik 1980, den Angriff auf den Justizpalast 1985 - als für die Entführung und Ermordung Dutzender Zivilisten", schnaubt Vallejo. Die "revolutionäre Nostalgie", mit der der Präsident wohl auf seine Vergangenheit als linker "Revolutionär" blickt, verschleiere ihm den Blick, was sich zum Beispiel im Zollstreit mit Donald Trump zu Anfang des Jahres zeigte: "In seiner Selbstinszenierung als regionaler Revolutionsführer hat sich Petro mit einem Papierschwert bewaffnet - dem ausgezehrten Antiamerikanismus, der in einem Land, das erst 2023 389 Millionen Dollar an Hilfsgeldern von den USA erhielt, nie Fuß fassen konnte - und hat sich Donald Trump wie ein verlorener Quijote entgegengestellt. Seine Forderung nach einer angemessenen Behandlung abgeschobener Migranten stützt sich zweifellos auf überzeugende ethische und rechtliche Begründungen. Doch seine Verachtung der unkalkulierbaren wirtschaftlichen Kosten eines Zollkriegs mit seinem wichtigsten Handelspartner hat die populistischste und demagogischste Version seiner Politik erneut auf den Tisch gebracht. Revolutionäre neigen bekanntlich dazu, sich zu verrechnen."

Magazinrundschau vom 29.07.2025 - Eurozine

Schon kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hätten im Westen "die Alarmglocken schrillen" müssen, meint der Politikwissenschaftler Martin Malek. Denn schon zu Beginn der neunziger Jahre wurden Stimmen nach der "Wiederherstellung der Sowjetunion oder eines 'Russischen Reiches' aus verschiedenen Bereichen laut, darunter kommunistischen und nationalistischen Parteien, Bewegungen und Politikern". Unter ihnen zum Beispiel der nationalistische Politiker Sergej Nikolajevich Baburin: "Am 12. Dezember 1991 war Baburin einer von sieben Abgeordneten, die im Obersten Sowjet Russlands gegen die Ratifizierung der Belowescha-Abkommen stimmten (188 Abgeordnete waren dafür). Später war er zweimal Mitglied der Staatsduma, von 1993 bis 2000 und von 2003 bis 2007. Baburin befürwortete die Gründung einer 'Russischen Union' (Rossijski Sojus) auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR und betonte, dass er und seine Partei, die 'Russische Volksunion', die Rechtmäßigkeit der Auflösung der UdSSR durch die Belowescha-Abkommen leugneten. Das Hauptziel der 'Russischen Volksunion' war eine 'energische Bewegung zur Wiederherstellung eines neuen einheitlichen Staates auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR'. Laut Baburin ging es 1996 in einem Zeitungsartikel um die 'schrittweise Bildung einer föderalen Union, der Russischen Union'. In einem 1997 erschienenen Buch schrieb er: 'Die Einheit der Kultur und vor allem die Existenz der russischen Sprache bleiben die wichtigste Voraussetzung für die Wiederherstellung der Einheit des Volkes' innerhalb der Grenzen der ehemaligen UdSSR."
Stichwörter: Russland, Udssr, Malek, Martin

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - Eurozine

In einem philosophisch-literarischen Artikel zeichnet der türkische Politikwissenschaftler Hamit Bozarslan nach, wie der Ausbruch des libanesischen Bürgerkrieges 1975 zum Auftakt für die "arabische Apokalypse" wurde, die den Nahen Osten nachhaltig destabilisierte. Er arbeitet heraus, wie die spezifische Gewalt urbaner Milizen zum prägenden Element eines Generationen überdauernden Konfliktes wurde: "Der libanesische Bürgerkrieg begann als Konflikt zwischen den Gemeinschaften, entwickelte sich aber auch zu einem innergemeinschaftlichen Konflikt, da die alten sunnitischen, schiitischen und maronitischen Eliten von jüngeren Generationen in ihren eigenen Gemeinschaften physisch eliminiert oder politisch marginalisiert wurden. Der Bruderkrieg wurde so zum Vaterkrieg.(...) Im Gegensatz zu den asiatischen und lateinamerikanischen Guerillakriegen der 1950er und 1960er Jahre, die die Vorstellungswelt arabischer Linker beherrscht hatten, war dies ein Krieg, der von Milizen in der Stadt geführt wurde. Es war ein 'urbanizidaler' Konflikt, da er die Lebensweise und die Transformation der Stadt zerstörte. Wie Élizabeth Picard gezeigt hat, ist Milizengewalt sowohl Ursache als auch Folge der Aufteilung des städtischen Gefüges in territoriale Enklaven. Kämpfer, vereint durch eine organische Sozialisation, entwickeln ein spezifisches Ethos, das sie von Verantwortung entbindet. Sie nutzen eine Generationendynamik, um hierarchische, wirtschaftliche oder soziale Beziehungen aufzubrechen und sich der finanziellen Ressourcen und Gewaltmittel eines bestimmten Viertels zu bemächtigen. Der 'alten Garde' - den ehemaligen Eliten und der städtischen Mittelschicht - fehlen die Ressourcen, um diese Form des Krieges zu verhindern, geschweige denn, politische Antworten auf die Gewalt zu finden, der sie von ihren 'Kindern' ausgesetzt sind."

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - Eurozine

Der syrische Schriftsteller, Journalist und Dissident Yassin al-Haj Saleh saß als kommunistischer Assad-Kritiker 16 Jahre im Gefängnis, von 1980 bis 1996, 2015 floh er aus Syrien. Seine Frau, die Menschenrechtsaktivistin Samira Khalil war 2013 von Islamisten im befreiten Houms entführt worden und wird immer noch vermisst. Ob er jetzt nach Syrien zurück will? Saleh weiß es nicht: Die jetzt herrschenden Islamisten von Al-Sharaa wollen "keine islamistische Regierung durchsetzen, aber es wäre ein Fehler zu glauben, dass sich das Land auf dem Weg zur Demokratie befindet", warnt er im Interview mit Esprit, das Eurozine ins Englische übersetzt hat. "Stattdessen verfolgt der HTS-Führer eine 'Politik der Honoratioren': Die Politik wird von bekannten, wohlhabenden Männern, Stammesführern und Gemeindeleitern vertreten. Anstatt die syrische Zivilgesellschaft zu entwickeln, ist die Politik der Honoratioren eine Form des Konservatismus, die traditionelle Strukturen reproduziert und verstärkt." Deshalb wird es auch keine Gerechtigkeit für die Verfolgten und ihre Angehörigen geben, glaubt er. "Die derzeitige Regierung befürchtet, dass sich ein globales System der Übergangsjustiz gegen ihre Mitglieder wenden wird, weil auch sie Verbrechen begangen haben. Die Übergangsjustiz wird, wenn sie überhaupt von der HTS unterstützt wird, nur für die Verbrechen des Assad-Regimes reserviert sein. Das sind sicherlich die meisten Verbrechen. Aber meine Frau, mein Bruder und mein Freund zum Beispiel wurden nicht vom Regime entführt. ... Darüber wird es einen Kampf geben. Und das wird der Maßstab sein, an dem der Übergang in Syrien gemessen werden wird."
Stichwörter: Syrien, Saleh, Yassin al Haj

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - Eurozine

Serbien ist aufgewacht! Tomislav Marković blickt zurück auf sechs Monate, in denen serbische Studenten gegen das autoritäre Regime von Aleksandar Vučić protestierten. Auslöser war der Einsturz des Vordachs des Bahnhofs von Novi Sad, bei dem sechzehn Menschen starben. Schnell wurden Korruptionsvorwürfe laut. Die Studentenbewegung "entwickelte sich zur treibenden Kraft des zivilen Aufstands, einer Macht, die die serbische Gesellschaft aus ihrer langen Erstarrung riss" - und deren Kampf nun endlich von Erfolg gekrönt wird. Mittlerweile stimmen achtzig Prozent der serbischen Bürger den Forderungen der Studenten zu und auch das europäische Parlament unterstützt die Anliegen der Protestbewegung. Das liegt vor allem an einer klugen Strategie, erklärt Marković: "Ein autokratisches Herrschaftssystem kann am wirksamsten untergraben werden, indem man den Autokraten ignoriert und die Rückkehr zur Legalität fordert. Die Forderungen der Studenten richteten sich von Anfang an an die zuständigen staatlichen Institutionen, nicht an den Präsidenten selbst. Sie stellten vier Hauptforderungen: die Veröffentlichung der vollständigen Dokumentation über den Wiederaufbau des Bahnhofs von Novi Sad, die Einstellung der Anklagen gegen die bei den Protesten festgenommenen Personen, die strafrechtliche Verfolgung der Personen, die Studenten und Dozenten bei den Blockaden tätlich angegriffen haben, und die Erhöhung der Mittel für die öffentlichen Hochschulen um 20 Prozent." Der Präsident reagierte auf die Forderungen mit den gewohnten Mitteln, erinnert Marković: Einschüchterung, Bestechungsversuche, Drohungen. Aber nichts half, im Gegenteil entlarvte er sich selbst als inkompetent und seinen Staat als dysfunktional - das habe die "die unanfechtbare Autorität untergraben, die Vučić einst durchgesetzt hatte".

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Eurozine

Anfang April starb die ukrainische Künstlerin und Soldatin Marharyta Polovinko bei einem Fronteinsatz (siehe dazu auch Monopol). Dmytro Chepurnyi, Kurator und ebenfalls im ukrainischen Militär, nimmt dies zum Anlass für einen melancholischen Blick auf Kulturschaffende im Krieg. "Wie die Arbeiten anderer ukrainische Künstler wandelte sich auch Polovinkos Kunst im Jahr 2022. Sie malte fortan wie unter Zwang. Ihre Materialen wurden symbolisch: Zeichnungen, die sie mit Stiften anfertigte, die kaum noch Tinte hatten, und sogar mit Blut, um den rohen, ungefilterten Schmerz ihrer Generation zum Ausdruck zu bringen. 'Die Kunst kam zu mir, wo es ohne sie am unerträglichsten gewesen wäre', sagte sie 2023 in einem Interview. Aber sie räumte auch ein, dass ihre im Krieg entstandenen Zeichnungen sich unteilbar anfühlten: 'Das ist Blut, das ist Schmerz, das ist Leid. Es ist ein Material, das keinen Ort hat. Ich will nicht, dass es existiert.' ... Meine Generation der Kulturarbeiter wird durch den Verlust neu geformt. Wie jene, die der sowjetischen Unterdrückungen widerstanden und mit ihrem Leben dafür bezahlten, dass sie auf  Ukrainisch schrieben oder die nationale Idee weitertrugen, lernen wir gerade, unseren Trotz und unseren Willen in die Geschichte einzuschreiben. Dieser Krieg formt uns - das hartes Leiden, das an sich schon unauslöschliche Spuren hinterlässt, verwandelt sich in die Dringlichkeit, zu sprechen und zu erinnern. ... Wir lernen, uns zu erinnern, Widerstand zu leisten und in einer Sprache zu sprechen, die sowohl das Gewicht der Vergangenheit als auch die Dringlichkeit der Gegenwart trägt."

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - Eurozine

Der ukrainische Schriftsteller Mykola Riabchuk beugt sich über die Ungeheuerlichkeiten, die Trump in Richtung Ukraine geäußert hat. Teil davon ist ein Vertrag, der Präsident Selensky vorgelegt wurde und den der Daily Telegraph als "ein neues Versailles" bezeichnete: "Der US-Vertrag scheint eher von privaten Anwälten als vom US-Außen- oder Handelsministerium geschrieben worden zu sein. Dem durchgesickerten Dokument zufolge verlangt es von der Ukraine eine 'Rückzahlung' in Höhe von 500 Milliarden Dollar, die weit über die US-Kontrolle über die kritischen Mineralien des Landes hinausgeht und Häfen, Infrastruktur, Öl- und Gasvorkommen und andere Ressourcen abdeckt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Ukraine in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, 500 Milliarden Dollar zu zahlen, aber es gibt ein noch entmutigenderes Problem, das im Vertrag nicht angesprochen wird: Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Selenski kündigte das Abkommen trotz des starken, an Erpressung grenzenden Drucks der USA." Trumps Zahlen, zeigt Riabchuk, sind völlig imaginär, so belief sich die tatsächlich geleistete US-Hilfe "laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft bis Dezember 2024 auf insgesamt 114,2 Milliarden Dollar, verglichen mit 132,3 Milliarden Dollar, die von den europäischen Ländern bereitgestellt wurden. Zwar übersteigt die US-Hilfe in Bezug auf militärische, finanzielle und humanitäre Zuweisungen tatsächlich die aller anderen Länder, aber diese Zuweisungen machen nur 0,5 Prozent des amerikanischen BIP aus, während eine Reihe europäischer Länder bis zu zwei Prozent ihres BIP für die Hilfe für die Ukraine bereitstellen."

Die Europäer sind etwas vorschnell im postherorischen Zeitalter angekommen, meint der litauische Philosoph Simas Čelutka mit Blick auf den Ukrainekrieg. "Es kann der Eindruck entstehen, dass Europa sich als ein großer sicherer Raum versteht, in dem man nur auf gleichgesinnte Liberale oder zumindest auf respektvolle Gegner trifft, die danach streben, eine gemeinsame Basis und schließlich einen Konsens zu finden. In diesem Bild der gesellschaftlichen Realität werden nicht nur Politik und Geschichte obsolet, sondern auch die Bedeutung der Freiheit verändert sich unweigerlich - sie wird von der Verantwortung entkoppelt. Freiheit wird zum reinen Negativum - fass mich nicht an, misch dich nicht ein, halt dich fern von mir, ich verfolge meine eigenen Interessen, und niemand kann mir etwas vorschreiben. In Litauen und vielen anderen europäischen Ländern ist es immer noch sehr schwierig, über die Wehrpflicht zu sprechen - die Menschen glauben, dass sich in Krisenzeiten jemand anderes für ihr Heimatland opfern wird. Warum sollte ich das sein? Wie kann sich der Staat das Recht anmaßen, mich aus meinem Leben zu nehmen und 'meine Karriere zu ruinieren'? Das Vorherrschen dieser egozentrischen Weltsicht bestätigt, dass wir den Sinn für positive Freiheit verlieren - nicht die Freiheit von, sondern die Freiheit zu etwas Sinnvollem, zur Sorge um unsere gemeinsame Welt, zum verantwortungsvollen Handeln, zum Aufbau und zur kreativen Gestaltung unserer Zukunft. Ich behaupte, dass dies das Geschenk der Ukraine an uns alle ist: eine einmalige Chance, wieder zu historischen und verantwortlichen Akteuren zu werden, anstatt passive und ängstliche Zuschauer oder noch schlimmer: gleichgültige Konsumenten zu bleiben. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, auf die moralische und politische Philosophie von zwei bahnbrechenden Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzukommen: Hannah Arendt und Jan Patočka ..."