Magazinrundschau - Archiv

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301 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 31

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - Eurozine

Der ukrainische Schriftsteller Mykola Riabchuk beugt sich über die Ungeheuerlichkeiten, die Trump in Richtung Ukraine geäußert hat. Teil davon ist ein Vertrag, der Präsident Selensky vorgelegt wurde und den der Daily Telegraph als "ein neues Versailles" bezeichnete: "Der US-Vertrag scheint eher von privaten Anwälten als vom US-Außen- oder Handelsministerium geschrieben worden zu sein. Dem durchgesickerten Dokument zufolge verlangt es von der Ukraine eine 'Rückzahlung' in Höhe von 500 Milliarden Dollar, die weit über die US-Kontrolle über die kritischen Mineralien des Landes hinausgeht und Häfen, Infrastruktur, Öl- und Gasvorkommen und andere Ressourcen abdeckt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Ukraine in absehbarer Zukunft in der Lage sein wird, 500 Milliarden Dollar zu zahlen, aber es gibt ein noch entmutigenderes Problem, das im Vertrag nicht angesprochen wird: Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Selenski kündigte das Abkommen trotz des starken, an Erpressung grenzenden Drucks der USA." Trumps Zahlen, zeigt Riabchuk, sind völlig imaginär, so belief sich die tatsächlich geleistete US-Hilfe "laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft bis Dezember 2024 auf insgesamt 114,2 Milliarden Dollar, verglichen mit 132,3 Milliarden Dollar, die von den europäischen Ländern bereitgestellt wurden. Zwar übersteigt die US-Hilfe in Bezug auf militärische, finanzielle und humanitäre Zuweisungen tatsächlich die aller anderen Länder, aber diese Zuweisungen machen nur 0,5 Prozent des amerikanischen BIP aus, während eine Reihe europäischer Länder bis zu zwei Prozent ihres BIP für die Hilfe für die Ukraine bereitstellen."

Die Europäer sind etwas vorschnell im postherorischen Zeitalter angekommen, meint der litauische Philosoph Simas Čelutka mit Blick auf den Ukrainekrieg. "Es kann der Eindruck entstehen, dass Europa sich als ein großer sicherer Raum versteht, in dem man nur auf gleichgesinnte Liberale oder zumindest auf respektvolle Gegner trifft, die danach streben, eine gemeinsame Basis und schließlich einen Konsens zu finden. In diesem Bild der gesellschaftlichen Realität werden nicht nur Politik und Geschichte obsolet, sondern auch die Bedeutung der Freiheit verändert sich unweigerlich - sie wird von der Verantwortung entkoppelt. Freiheit wird zum reinen Negativum - fass mich nicht an, misch dich nicht ein, halt dich fern von mir, ich verfolge meine eigenen Interessen, und niemand kann mir etwas vorschreiben. In Litauen und vielen anderen europäischen Ländern ist es immer noch sehr schwierig, über die Wehrpflicht zu sprechen - die Menschen glauben, dass sich in Krisenzeiten jemand anderes für ihr Heimatland opfern wird. Warum sollte ich das sein? Wie kann sich der Staat das Recht anmaßen, mich aus meinem Leben zu nehmen und 'meine Karriere zu ruinieren'? Das Vorherrschen dieser egozentrischen Weltsicht bestätigt, dass wir den Sinn für positive Freiheit verlieren - nicht die Freiheit von, sondern die Freiheit zu etwas Sinnvollem, zur Sorge um unsere gemeinsame Welt, zum verantwortungsvollen Handeln, zum Aufbau und zur kreativen Gestaltung unserer Zukunft. Ich behaupte, dass dies das Geschenk der Ukraine an uns alle ist: eine einmalige Chance, wieder zu historischen und verantwortlichen Akteuren zu werden, anstatt passive und ängstliche Zuschauer oder noch schlimmer: gleichgültige Konsumenten zu bleiben. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, auf die moralische und politische Philosophie von zwei bahnbrechenden Denkern des zwanzigsten Jahrhunderts zurückzukommen: Hannah Arendt und Jan Patočka ..."

Magazinrundschau vom 18.02.2025 - Eurozine

Ein Moment von Trumps Amtseinführung überschattete alle anderen: der "römische Gruß" Elon Musks. Doch, so betont der Kunsthistoriker Konstantin Akinscha, es gibt auch andere Szenen, die sich während der Parade in der Capital One Area abspielten, die durchaus Aufmerksamkeit verdienten. Auch wenn Trump offensichtlich daran scheiterte, den großen imperialen Machtdemonstrationen eines Putin oder Xi Yinpin nachzueifern, denn das Spektakel hatte in weiten Teilen eher den Charakter eines "Zirkus", wie Akinscha bemerkt, gab es einen Moment, der dem Historiker durchaus Gänsehaut bereitete: "Nachdem Trump theatralisch eine Reihe von Executive Orders unterzeichnet hatte, begann er, Sharpie-Marker ins Publikum zu werfen und beobachtete mit unverhohlener Freude, wie seine Anhänger sich um die Präsidenten-Souvenirs stritten. Diese Filzstifte wurden speziell für die Unterzeichnung von Dokumenten hergestellt und mit Trumps Unterschrift in Gold verziert. Sie sind zu einem Symbol seiner überlebensgroßen Persönlichkeit geworden. Der Präsident muss seine Unterschrift offensichtlich aus der Ferne sichtbar machen und kann sich nicht auf Montblanc-Füllfederhalter verlassen, das bevorzugte Utensil der meisten Staatsoberhäupter. In diesem Moment benahm sich der demokratisch gewählte Führer des mächtigsten Landes der Welt wie ein römischer Kaiser. Im alten Rom nahm die Tradition des Congiarium - das Werfen von Münzen ins Publikum - verschiedene Formen an. Der Historiker Cassius Dio schrieb, dass 'Nero kleine Bälle in die Menge warf, von denen jeder eine entsprechende Inschrift trug, und die Gegenstände, die auf den Bällen verlangt wurden, denen überreicht wurden, die sie ergriffen hatten'. Der Kaiserbiograf Suetonius beschrieb, wie Caligula 'mehrere Tage hintereinander große Geldsummen vom Dach der Basilika Julia unter den Bürgern verstreute'. Kaiser Elagabal - ein weiterer berüchtigter Dekadenter, der als Erfinder der Orgien mit Rosenblättern in Erinnerung geblieben ist - war dafür bekannt, Gold- und Silberstücke in die Menge zu werfen."

Magazinrundschau vom 27.01.2025 - Eurozine

Das Buchangebot wird sich immer ähnlicher und damit langweiliger, klagt der Verleger John Merrick. Schuld ist die Konzentration im Verlagswesen: "Wie Richard Snyder, der damalige CEO von Simon & Schuster, 1991 unheilvoll sagte: 'Wir sind keine Verleger, wir sind jetzt Schöpfer von Verwertungsrechten in jedem Medium oder Vertriebssystem'", so Merrick, der diesen Trend in Dan Sinykins "aufschlussreichem Buch 'Big Fiction: How Conglomerates Changed the Publishing Industry and American Literature'" gut zusammengefasst findet. "In den Redaktionssitzungen, in denen entschieden wird, was veröffentlicht wird und warum, hat sich die Dominanz des 'vergleichbaren Titels' (comparable title) am nachhaltigsten ausgewirkt. Comps, wie sie genannt werden, sind das System, bei dem neu erworbene Titel anhand der Verkaufszahlen älterer, ähnlicher Bücher beurteilt werden. Obwohl es sich hierbei um eine seit langem bestehende Praxis handelt, haben sie erst mit der Einführung von BookScan im Jahr 2001 und der damit verbundenen Verfügbarkeit genauer branchenweiter Verkaufszahlen eine neue Art von Dominanz erlangt. Wenn ein Verleger heute ein Buch erwerben will, muss er eine Liste mit Vergleichswerken erstellen, deren Verkaufszahlen hoch genug sind, um ein Buch kostendeckend zu machen. Das Buch wird dann von den Marketing-, Werbe- und Vertriebsabteilungen unter die Lupe genommen, wobei die Fähigkeit des Autors, über sein Werk im Fernsehen oder in Podcasts zu sprechen, bewertet wird, seine Anhängerschaft in den sozialen Medien eingeschätzt und die Chancen auf eine Rezension beurteilt werden. Diese Situation hat sich durch die Veränderungen außerhalb der Verlagshäuser stark beschleunigt."
Stichwörter: Buchbranche, Verlagswesen

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - Eurozine

Nach dem Sieg Trumps schauen alle mit bangem Blick Richtung Ukraine: in vierundzwanzig Stunden könne er den Krieg beenden, schwadronierte der neue alte Präsident - doch was bedeutet das für die Ukrainer und Ukrainerinnen? Die Ökonomin Cassia Scott-Jones spielt verschiedene Szenarien durch. Das sechsmonatige Aussetzen der Hilfsmaßnahmen für die Ukraine, die erst im April 2024 endete, hatte schwerwiegende Folgen für die ukrainische Wirtschaft und das Kriegsgeschehen, erinnert Scott-Jones, während dieser Zeit konnten nur 46 Prozent der russischen Raketen abgefangen werden, davor etwa 75 Prozent. Das gibt eine Vorstellung davon, was passieren könnte, wenn Trump die Hilfen aufs Neue drosseln oder ganz aussetzen würde. Gleichzeitig, meint Scott-Jones, "basierte Trumps Narrativ immer auf der Behauptung, Russland hätte es unter seiner Aufsicht nicht gewagt, in die Ukraine einzumarschieren." Die Ökonomin hält es daher für eher unwahrscheinlich, dass Trump die Ukraine gänzlich fallen lassen wird: "Die jüngsten Entwicklungen im diplomatischen Bereich deuten ebenfalls darauf hin, dass Trump zumindest bereit ist, den Dialog mit der Ukraine fortzusetzen. Im Juli führten Trump und Selenskyy ein Telefongespräch, das beide Parteien als konstruktiv bezeichneten. Wenn es Trump nicht gelingt, die russischen Vorstöße einzudämmen, würde dies letztlich Trumps Argument der stärkeren Abschreckung unter seiner Führung untergraben. Die Hilfe könnte zu schlechteren Bedingungen kommen, und es könnte durchaus weniger davon geben, aber seine frühere Flexibilität deutet darauf hin, dass Trumps Position sich ändern könnte, wenn es darum geht, das politische Narrativ der USA als starke, dominante Macht in der Welt aufrechtzuerhalten."

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - Eurozine

Der Politologe Jean-Claude Monod versucht sich an einer umfassenden Analyse der Medienlandschaft in Frankreich. Radikalisierung im Netz, Fake News, Meinungs-"Bubbles", die sich immer aufs Neue selbst bestätigen, scheinen die Utopie der "digitalen Demokratie" in eine Dystopie verwandelt zu haben: "Ist dies das Ende der demokratischen Öffentlichkeit, die in radikal verfeindete 'Lager' zersplittert ist, die keine gemeinsame Sprache mehr sprechen?" Ganz so düster würde Monod es nicht sehen, denn immerhin wachsen mit den Desinformationsstrategien, mit denen beispielsweise rechte Populisten ihre Propaganda im Netz verbreiten, auch die Mittel zur ihrer Bekämpfung. Hier "war der jüngste Wahlkampf in Frankreich ein Beweis für die Mehrdeutigkeit und Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten des Internets. Die Popularität eines entpolitisierten Jordan Bardella auf TikTok wird durch die Online-Aufdeckung von offenem Rassismus und Homophobie in Tweets, Posts und anderen halböffentlichen Äußerungen mehrerer RN-Kandidaten ausgeglichen. Die Nachrichtenseiten Blast und Mediapart sowie Untersuchungen von Libération haben akribisch offengelegt, was der RN in seinem Versuch, respektabel zu werden und jüngere Wähler anzusprechen, zu verbergen versucht hat: den anhaltenden Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit, die der Identität von Le Pens Partei zugrunde liegen." Monod sieht in der zunehmenden Radikalisierung aber auch ein politisches Zeichen: die Ära des Neoliberalismus müsse zu ihrem Ende kommen, um den Rechtspopulismus aufzuhalten.

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - Eurozine

Dass die Türkei nicht der sicherste Ort für Dissidenten ist, ist spätestens seit der Ermordung Jamal Kashoggi (unsere Resümees) bekannt, der mutmaßlich auf Geheiß des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman 2018 im Konsulatsgebäude in Istanbul getötet wurde. Wie unsicher die Türkei inzwischen für russische und iranische Dissidenten, aber auch für Uiguren geworden ist, weiß Kaya Young, Redakteurin von Index on Censorship: "Uigurische Dissidenten im Land sind eine der Gruppen, die die Auswirkungen von Chinas transnationaler Macht zu spüren bekommen. Die Türkei galt aufgrund der sprachlichen, kulturellen und religiösen Überschneidungen einst als Zufluchtsort für die verfolgten Menschen aus dem Nordwesten Chinas und war daher die Heimat der meisten Uiguren außerhalb Chinas. Nun häufen sich die Vorfälle von Angriffen auf uigurische Dissidenten. Laut einem Bericht von Safeguard Defenders aus dem Jahr 2023 gaben mehr als ein Drittel der in der Türkei befragten Uiguren an, während ihres Aufenthalts im Land von der chinesischen Polizei oder Staatsbeamten schikaniert worden zu sein. Führende Aktivisten wurden abgeschoben. Es ist unklar, welche Haltung die Türkei hier einnimmt, und sie muss noch einen Auslieferungsvertrag ratifizieren, den Peking im Dezember 2020 unterzeichnet hat. Dennoch ist es alles andere als sicher, und wenn die Türkei den Vertrag tatsächlich ratifizieren sollte, wären die Uiguren noch stärker gefährdet. Eine weitere Gruppe, die die Auswirkungen zu spüren bekommt, sind iranische Dissidenten. Im letzten halben Jahrzehnt haben iranische Geheimdienstagenten mehrere Operationen auf türkischem Boden durchgeführt, zeitweise sogar mit Unterstützung von Angehörigen der türkischen Justiz und Polizei. Im September 2023 wurde ein ehemaliger türkischer Staatsanwalt wegen Zusammenarbeit mit dem iranischen Geheimdienst zu elf Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Unter den 15 anderen vor Gericht Angeklagten befanden sich auch zwei Polizisten. Im Jahr 2019 nahm der Staatsanwalt angeblich 50.000 US-Dollar als Gegenleistung dafür, dass er dem iranischen Geheimdienst den Aufenthaltsort von Mohammed Rezaei, einem ehemaligen iranischen Marineoffizier, mitgeteilt hatte. Die Entführungsaktion Rezaeis, die im Auto des türkischen Staatsanwalts durchgeführt wurde, scheiterte."
Stichwörter: Türkei, Dissidenten, Iran, Uiguren

Magazinrundschau vom 14.05.2024 - Eurozine

Die Politikwissenschaftlerin Veronica Anghel schreibt über Verschiebungen innerhalb der EU und ihren osteuropäischen Mitgliedern seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Wiederbelebung des europäischen Interesses am weitgehende vernachlässigten östlichen Rand Europas, so Anghel, habe den europäischen Traum einiger dieser Staaten neu entfacht. Allerdings stehen dem Traum von der EU weiterhin antiliberale und antidemokratische Praktiken in diesen Ländern im Wege. Aus dieser Perspektive schreibt Anghel unter anderem über Georgien: "Georgien verfolgt offiziell die EU-Integration als seine wichtigste außenpolitische Priorität. In einer Umfrage von Anfang 2023 sprachen sich 89 Prozent der georgischen Bevölkerung für einen EU-Beitritt aus, und die Regierungspartei Georgischer Traum - Demokratisches Georgien (GD-DG) behauptet, eine pro-europäische Agenda zu verfolgen. Doch obwohl die EU Georgien im Dezember 2023 den Status eines Beitrittskandidaten zuerkannt hat, verfolgt Tiflis die Reformen nicht mit der gleichen Entschlossenheit wie Moldawien oder die Ukraine und unternimmt gelegentlich Schritte, die das Land von seinem EU-Kurs abbringen. Zuletzt warf ein von der GD-DG unterstütztes 'Gesetz über ausländische Agenten' nach russischem Vorbild Fragen über das Engagement des Landes für die Werte der EU auf. [...] Darüber hinaus haben kürzlich vorgeschlagene Anti-LGBTQ+-Gesetze, die es Menschen verbieten würden, ihr Geschlecht zu ändern, und gleichgeschlechtlichen Paaren untersagen würden, Kinder zu adoptieren, auch die Kritik westlicher Politiker auf sich gezogen".

Magazinrundschau vom 30.04.2024 - Eurozine

Für Alexis Lévrier reihen sich die weit rechts stehenden französischen Medien, die zum "Imperium" des Milliardärs Vincent Bolloré gehören, in eine "nationalistische und fremdenfeindliche journalistische Tradition" ein, die schon in der Belle Epoque begann und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs blühte. Beginnend bei der antisemitischen Propaganda während der Dreyfuß-Affäre in Zeitungen wie La Libre Parole bis zu den faschistischen Artikeln der L' Action francaise in den zwanziger und dreißiger Jahren stellt Lévrier nicht nur inhaltliche Parallelen fest. Es ist auch eine bestimmte Art des Diskurses, die sich Programmleiter und Moderatoren bei frühen Vorbildern abgeschaut zu haben scheinen, so Lévrier: "Der gewalttätige Ton im Diskurs der Bolloré-Mediensphäre ist eines der Hauptelemente, die sie von der rechtsextremen Publizistik der Zwischenkriegszeit übernommen hat. In den 1920er und 1930er Jahren war die gleiche Art von extremer Sprache in Zeitungen üblich, die ausdrücklich von faschistischen oder nationalsozialistischen Ideologien angezogen waren. Aber die hasserfüllten Beschimpfungen von Robert Brasillach oder dem faschistischen Intellektuellen Lucien Rebatet in der antisemitischen Zeitung Je Suis Partout hatten ihre Entsprechung auf den Seiten von L'Action Française, trotz der literarischen Ansprüche von Autoren wie Charles Maurras oder Jacques Bainville. Wie der französische Historiker Michel Winock schreibt, brach die L'Action Française mit ihrem traditionell gemäßigten, royalistischen Stil und übernahm alle Exzesse der Polemik, der Ad-hominem-Angriffe und der Mordaufrufe'. In der Tat bestand der größte Erfolg der [heutigen] CNews-Kommentatoren in den letzten Jahren gerade darin, dass es ihnen gelang, in den Medien eine Vorliebe für Antagonismus und Empörung zu wecken. Diese Gewalt richtet sich in fast ritueller Weise vor allem gegen Personen der Linken oder der Mitte: Selbst die Stammgäste in den Talkshows scheinen keinen anderen Zweck zu haben, als ihre Gegner zu verhöhnen. Während des letzten Präsidentschaftswahlkampfes hat die kämpferische Atmosphäre des Senders sogar auf die anderen audiovisuellen Medien abgefärbt. Dieser Triumph eines übertriebenen Radikalismus, der auch die Fernsehsendungen von Cyril Hanouna auf dem Kanal C8 kennzeichnet, ist vielleicht der durchschlagendste Erfolg des Bolloré-Modells."

Magazinrundschau vom 16.04.2024 - Eurozine

Reinhard Bingener und Markus Wehner, die Autoren des Buchs "Moskau Connection", unterhalten sich im Interview mit Kaja Puto (ursprünglich publiziert bei Krytyka Polityczna) über die Deutsche Wiedervereinigung, die russlandfreundliche Politik der SPD und warum man dringend darüber nachdenken sollte, ob es nicht Zeit für eine europäische Abschreckung ist. Bingener und Wehner erklären, wie es dazu kommen konnte, dass die SPD unter Gerhard Schröder ins "big buisness" mit russischen Gasexporteuren einstieg. Zunächst einmal, so Bingener, saß Schröder als Ministerpräsident von Niedersachsen im Aufsichtsrat von Unternehmen, die vom Handel mit Russland profitierten. Ein weiterer Grund liege in der Vorliebe Schröders für das "Macho-Buisness" - Geld, Luxus, Macht. Eine Freundschaft mit Putin konnte ihm das alles bieten: "Auf die Frage, was er für den KGB tue, antwortete Putin, er sei ein Experte für menschliche Beziehungen. In der Tat ist er darin sehr gut und lernt viel über das Objekt seines Interesses, sowohl die guten als auch die schlechten Seiten. Auch Putin stammt aus ärmlichen Verhältnissen, aus einem Leningrader Viertel mit - wie er sagt - Glasscherben. Wie Schröder hat er in seiner Jugend Sport getrieben und sich mit der kriminellen Szene herumgetrieben, bevor er den Weg in die Politik fand und an die Macht kam. Außerdem versteht es Putin, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie besonders wichtig sind. Er ließ Schröder wissen, dass er, Putin, viel von dem älteren und erfahreneren Politiker lernen könne. Er lud Schröder privat nach Moskau ein und sprach mit ihm ohne Dolmetscher auf Deutsch. Die Männer gingen gemeinsam in die Sauna, fuhren mit ihren Frauen Schlitten im Park, und zu Schröders sechzigstem Geburtstag brachte Putin einen Kosakenchor ins Theater nach Hannover, der die Niedersachsenhymne sang. Später vermittelte Putin seinem deutschen Freund sogar die Adoption zweier russischer Kinder. Schröder pflegte zu sagen, dass die deutsch-russischen Beziehungen tiefer geworden seien als je zuvor. Aber eigentlich waren es seine privaten Beziehungen."

Magazinrundschau vom 08.04.2024 - Eurozine

Jahrelang war die Ukraine Opfer von zwei Verleugnungen, erinnert der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk: der europäischen Verleugnung ihrer Zugehörigkeit zu Europa und der russischen Leugnung der Existenz der Ukraine: "Während die Angst der Russen auf dem Gefühl beruhte, dass ihre imperiale Identität ohne die Ukraine unvollständig war, beruhte die Angst der Westeuropäer auf dem gegenteiligen Gefühl, dass ihre Identität (und nicht nur ihr Wohlergehen) durch einen fremden Körper bedroht sein würde. Es war ganz natürlich, dass Westeuropa seine alte 'Ukraine-Leugnung' in eine Leugnung der europäischen Identität und Zugehörigkeit der Ukraine umwandelte." Deshalb war es, so Rjabtschuk, trotz allem ein historischer Tag als in der Versailler Erklärung von 2022 im Angesicht der russischen Bedrohung, die Ukraine als Teil "unserer europäischen Familie" deklariert wurde. Dass in diesem Jahr der "dornige Weg zur EU-Mitgliedschaft eröffnet wurde, hat die ukrainischen 'europäischen Träume' näher an die Realität gebracht als je zuvor. Mit der russischen Invasion sind jedoch auch die 'eurasischen Alpträume' der Ukraine realer denn je geworden. Dadurch wird der Einsatz des Kampfes enorm erhöht. Die Notwendigkeit, alle verfügbaren Ressourcen, einschließlich des symbolischen Kapitals, zu mobilisieren, ist entscheidend geworden. Die öffentliche Meinung ist eine solche Ressource. Im Inland ist sie leichter zu nutzen, da sich die Ukrainer sehr wohl bewusst sind, worum es in diesem Krieg geht und wofür sie kämpfen. In den letzten Jahren haben sie jegliche Ambivalenz gegenüber Russland, dem Westen oder der nationalen Unabhängigkeit verloren; sie wissen heute, dass es sich um einen Krieg um das nationale Überleben handelt. Sie verwenden keine hochtrabenden Worte wie 'Freiheit', 'Würde' und 'Souveränität', um ihre Gefühle auszudrücken; es ist die Aufgabe von Intellektuellen, über diese Dinge zu diskutieren. Gewöhnliche Menschen bevorzugen Kategorien wie 'unser Land' oder 'unser Land', 'richtig' oder 'falsch', 'wahr' oder 'falsch'. Wie Oleksandr Vilkul, der Bürgermeister von Kryvyi Rih (und einer von vielen ukrainischen Politikern, die früher als 'pro-russisch' bezeichnet wurden), es ausdrückte: 'Wir sind hier geboren. Die Gräber unserer Verwandten sind hier. Wir können nirgendwo hingehen'…Die Ukrainer von heute haben vielleicht nicht dieselben Illusionen über den Westen wie Kundera und seine Generation, aber sie haben sicherlich mehr Selbstvertrauen, das aus einer neu erworbenen historischen Handlungsfähigkeit resultiert."
Stichwörter: Ukraine, EU, Russland, Putin, Ukrainekrieg