Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 24 von 31

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - Eurozine

Sergej Khazow schildert das schwierige, aber nicht hoffnungslose Leben Homosexueller in Russland. Unter anderem erzählt er die Geschichte des in einer Provinzstadt lebenden Michail Tumasow, der Opfer von schwulenfeindlicher Gewalt wurde und daraufhin beschloss, sich für die Rechte der Schwulen einzusetzen. Er organisierte Beratung und Seminare, die sich mit rechtlichen und sozialen Fragen befassen. Dabei muss er allerdings wegen der neuen Antipropaganda-Gesetze, die ein Ansprechen junger Leute verbieten, sehr vorsichtig sein: "Sie schreiben uns, aber unsere Hände sind oft gebunden", sagt er im Gespräch mit Khazow. "Wir versuchen ihnen auf individueller Basis zu helfen. In unsere Seminare können wir sie nicht einladen." In Sankt Petersburg gibt es auch eine Notruflinie für Schwule, in der aus ganz Russland jährlich über tausend Anrufe eingehen: Es rufen Menschen an, "die Probleme haben, ihre Sexualität zu akzeptieren, Lesben deren Ex-Ehemänner ihnen das Sorgerecht für die Kinder nehmen wollen, Transsexuelle, die neue Personalausweise brauchen."

Magazinrundschau vom 20.08.2013 - Eurozine

Das pure Leben ohne jede literarische Veredelung hat Pawel Majewski in den intimen Tagebüchern von Witold Gombrowicz gefunden, die gerade unter dem Titel "Kronos" in Polen erschienen sind. Ob die Notate einen Text ergeben, vermag Majewski in Kultura Liberalna (von Eurozine ins Englische übersetzt) nicht genau zu sagen, aber dass sie der Nachwelt überlassen werden sollten, das schon: "'Kronos' nimmt das Klima der derzeitigen Ära vorweg, in dem nichts verborgen bleibt: Jeder redet mit jedem über alles, doch niemand hört zu. Als würde Gombrowicz nur vor sich hin murmeln, wenn er über die Unwägbarkeiten des Lebens schreibt und sich zugleich den Schanker kratzt, oder im Café Hegel liest und den Jungen auf der Straße draußen nachguckt. Er bringt all die Dinge ans Tageslicht, die sonst den Biografen mit voyeuristischer Neigung überlassen bleiben. Im zwanzigsten Jahrhundert waren die Franzosen die Meister in diesem Spiel, aber niemand spielte es mit solcher Respektlosigkeit. Gombrowicz erledigte seine Hausarbeiten wagemutiger als sie."

Dazu gibt es auch ein Interview mit dem Herausgeber der Tagebücher, Jerzy Jarzebski.
Stichwörter: Gombrowicz, Witold

Magazinrundschau vom 18.06.2013 - Eurozine

Peter Pomerantsev ist ein britischer Fernsehproduzent mit russischen Wurzeln, der jahrelang bei russischen Fernsehsendern gearbeitet und einen faszinierenden Blick ins Innere einer postmodernen Diktatur geworfen hat, in der selbst der Anschein von Opposition noch vom Regime organisiert wird. Allerdings bekommt das System Brüche. Putins virtuoser Chefpropagandist Wladislaw Surkow musste im Mai abtreten und die neue Opposition bricht mit dem Nihilismus der jetzigen Medieneliten: "Bei ihrer Suche nach einem moralischen Code, in dem sie sich wiederfindet, greift die neue Opposition auf die Dissidenten der siebziger Jahre zurück: Aus den Witzfiguren der zynischen nuller Jahre sind plötzlich wieder Helden geworden. Die Punkerinnen von Pussy Riot verglichen ihren Prozess mit dem Schauprozess gegen Andrej Sinjawskij in den Sechzigern, zitierten in ihren Schlussstatements Joseph Brodsky und pfefferten ihre Reden mit Siebziger-Jahre-Begriffen wie 'dostojnstwo' (Würde) und 'Sowest' (Gewissen). Teile der neuen Opposition sind auch eifrige Leser der französischen Situationisten. Ernste junge Studenten diskutieren bis spät in die Nacht Guy Debords kürzlich übersetzte 'Société du spectacle', deren Sprache ideal ist, um die virtuelle Realität der gelenkten Demokratie zu beschreiben."

Magazinrundschau vom 11.06.2013 - Eurozine

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder arbeitet weiter mit starken Thesen daran, die Geschichte des Holocausts umzuschreiben und bezweifelt jetzt sogar, dass der Antisemitismus die eigentliche Ursache für die Ermordung der europäischen Juden war: "Wenn Antisemitismus einen Holocaust verursachen könnte, dann hätte es in Deutschland schon einen vor 1939 geben müssen. Aber obwohl einige hundert Juden getötet wurde und ungefähr die Hälfte der jüdischen Bevölkerung zwischen 1933 und 1939 emigrierte, kam keine Aktion im Vorkriegsdeutschland einem antijüdischen Massenmord gleich. Auf jeden Juden, der in den dreißiger Jahren in Deutschland getötet wurde, kamen dagegen hundert, die in der Sowjetunion getötet wurden. Der Holocaust traf zuerst die Juden, die zuvor keiner systematischen Diskriminierung und Separierung unterworfen waren. Sie wurden getötet, als die deutsche Herrschaft an die Stelle der sowjetischen trat."

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - Eurozine

Frederik Stjernfelt beklagt zunehmende Angriffe von gläubigen Fundamentalisten auf die Meinungsfreiheit. Vor allem ist ihm ein Dorn im Auge, dass die UN jedes Jahr, und jedes Jahr schärfer, die "Herabsetzung der Religion" verurteilt: "Das bildet den offiziellen Hintergrund für eine wachsende Zahl von Fällen, in denen Galerien nach Drohungen gezwungen sind zu schließen, Universitäten ihre Vorträge abzusagen, Verlage bedroht werden, Autoren angegriffen, Karikaturisten und Künstler unter Druck geraten, wenn nicht tatsächlich ermordet werden - und dies geschieht in der westlichen Welt ebenso wie in muslimischen Ländern. Kaum eine Woche vergeht ohne einen neuen Fall dieser Art. Rechtsextreme Christen, extremistische Juden, Hindu-Nationalisten lernen schnell von den Islamisten - und tragen zu einem gemeinsamen - zum Teil sogar koordinierten - extrem rechten Angriff auf auf die Pressefreiheit durch gläubige Fundamentalisten bei, auch wenn sie ihnen nur gemein ist, dass sie die Standards der Moderne und Aufklärung ablehnen."

Magazinrundschau vom 28.05.2013 - Eurozine

Es ist die pure Entspannung, John Gray auch mal auf Deutsch zu lesen. Vielleicht liegt es aber auch am Gesprächspartner Rene Scheu, der ihn im Interview mit dem Schweizer Monat - von Eurozine online gestellt - nicht allzusehr fordert, dass Gray hier geradezu sozialdemokratisch milde klingt, wenn er weder Marx noch Hayek empfiehlt, sondern den dem Einzelfall angemessenen Mittelweg: "Es gibt keine einfachen Rezepte. Mit Ordnungspolitik nach Lehrbuch kommen Sie nicht weiter. Im Gegenteil - solcher Utopismus wäre im höchsten Masse gefährlich. Dafür fehlt heute vielen Liberalen das Bewusstsein, und dafür fehlte Hayek in den angespannten 1930er Jahren das Gespür. Wenn Sie nur ökonomisch argumentieren, nehmen Sie große gesellschaftliche Verwerfungen in Kauf. [...] Die meisten EU-Bürger erkennen durchaus die Vorteile und Potentiale eines geeinten Europa. Darum bin ich überzeugt, dass der Union harte Jahre bevorstehen, dass sie aber zugleich gerüstet ist, sie erfolgreich zu meistern. Negative Utopisten, sprich Untergangspropheten, werden sich ein weiteres Mal täuschen."

Frederik Stjernfelt, der sich immer als Linker gefühlt hat, stellt in The New Humanist fest, dass Kritik an Religion - an islamischer ebenso wie an christlicher - selbst einen Dänen heute zwischen alle Stühle setzt: "Wer einen klassischen Aufklärungsstandpunkt vertritt, ist heute einem Zweifrontenkrieg ausgesetzt - gegen die Multikulturalisten auf der Linken und die Monokulturalisten auf der Rechten - beide behaupten, Sie stünden im jeweils anderen Lager. In der jetzigen Debatte ist es daher eine Hauptaufgabe, eine dritte Position zu behaupten, eine universale aufklärerische Position, die den autoritären Trend der anderen beiden zurück weist."

Magazinrundschau vom 14.05.2013 - Eurozine

Oxana Timofejewa greift im russischen New Literary Observer, (auf Englisch bei Eurozine) ein Gesetzesvorhaben der Duma auf, das am Ende nicht wie geplant beschlossen wurde, aber in ganz Russland für Gelächter sorgte. Es ging darum, störenden Lärm des Nachts zu verbieten. Als Lärmquellen wurden aufgezählt: Schnarchen, das Verschieben von Möbeln und Kühlschränken, Singen, quietschende Betten und das Trampeln von Katzen. Timofejewa begreift den Vorschlag als Symptom einer immer absurderen Installierung von Tabus in der russischen Gesellschaft. Und sie spielt ihn durch, zunächst aus der Sicht der Katzen: "1. Katzen trampeln nicht. 2. Katzen wissen nicht, dass ihnen das Trampeln verboten ist. 3. Katzen kümmert es nicht, ob ihnen das Trampeln verboten ist." Schon richtig, so Timofejewa, aber man muss es auch aus Sicht der Abgeordneten sehen: Da könnte man ja sagen, "dass Katzen nicht trampeln, eben weil es ihnen verboten ist. Wir haben es hier mit der rückwirkenden Kraft eines Verbots zu tun, mit einem Gesetz, das sich im nachhinein als Voraussetzung und ewig festlegt. Das gesetzliche Verbot des Trampelns geht dem Phänomen des Trampelns voraus: Das Trampeln war nicht verboten, weil Katzen in der Vergangenheit zu laut oder zu viel trampelten, nein: Sie trampelten nie, weil das Gesetz als Naturgesetz bereits in Geltung war und nunmehr eine juristische Form erhielt."
 
Außerdem in Eurozine: Eine längere Reflexion des polnischen Philosophen Zygmunt Bauman über Solidarität in Zeiten der Gier und des entfesselten Kapitalismus.

Magazinrundschau vom 23.04.2013 - Eurozine

Juan Luis Sánchez berichtet in Index on Censorship (online auf Eurozine) über die Verschärfung des politischen Klimas in Spanien, die sich auch auf die Gesetzgebung auswirkt: "Das neue Strafgesetz von 2013 ist mehr als eine Bedrohung. Es erklärt passiven und friedlichen Widerstand - etwa sich bei Wohnungsräumungen anzuketten - zu ernsthaften Straftaten, entsprechend der Aufstachelung zur Gewalt auf der Straße oder bei Demonstrationen. Es gab sogar Vorschläge, Aufrufe zu Demonstrationen über Internet unter Strafe zu stellen."

Im Interview mit Ieva Lesinska spricht der israelische Autor Etgar Keret über die speziellen Schwierigkeiten des Hebräischen als Literatursprache: Die Sprache ist künstlich erneuert worden - nachdem sie jahrhundertelang nicht gebraucht worden war. Das heißt, dass ein heutiger Israeli sich zwar mit einem Juden aus dem Mittelalter eventuell verstehen könnte - aber anderererseits fehlen eine Menge Wörter für alles, was seitdem geschah: Auch "wenn ich in Slang schreibe, würde ich sagen, dass die Hälfte der Wörter biblischen Ursprungs ist. Die andere Hälfte besteht aus Wörtern, die die Leute brauchen, die aber nicht in der Bibel stehen, Wasserhahn, Autoreifen und so weiter. Die Wörter wurden sofort gebraucht. Sie konnten ganz leicht importiert und hebraisiert werden. Ich kann ein russisches Wort nehmen und es in eine hebräische Form setzen, ich kann auch ein Wort erfinden, das Leute aus dem Kontext verstehen können, denn sie sind daran gewöhnt, dass die Leute ständig versuchen, irgendetwas zu erklären, für das man kein Wort hat. So kann man innerhalb eines Satzes eine interessante Spannung schaffen."

Außerdem: John Lanchester spricht im Interview über seinen Roman "Kapital" und den Ausverkauf Londons.

Magazinrundschau vom 25.03.2013 - Eurozine

So schön konnte man der Zensur von außen noch nie zugucken! Timothy Garton Ash greift einen Zensurskandal in China auf: Der Neujahrsartikel der Southern Weekly, einer als liberal geltenden Zeitung in der Provinz Guangdong war von lokalen Behörden bis zur Unkenntlichkeit zensiert und umgearbeitet worden. Garton Ash stellt jetzt das Original dem zensierten Artikel gegenüber (beide natürlich ins Englische übersetzt):

Hier ein Auszug aus dem Original: "Das chinesische Volk sollte frei sein. Der Traum der chinesischen Nation sollte der Traum von einer Verfassung sein. Nur unter einer verfassungsmäßigen Regierung kann unsere Nation und unser Volk stärker und wohlhabender werden. Nur unter einer verfassungsmäßigen Regierung können wir den Traum von einer Konstitutionalisierung erfüllen. Nur wenn wir den Traum von einer Verfassung verwirklicht haben, können wir davon sprechen, dass unsere Souveränität bewahrt und unsere Bürgerrechte und unsere Freiheit beschützt werden. Dann wird die Freiheit des Staates zur Freiheit der Menschen werden, die offen ihre Meinung sagen und mit ganzem Herzen träumen können."

Hier ein Auszug aus der auf Parteilinie getrimmten Version: "Träume sind eine Form des Selbstversprechens und müssen von Zeit zu Zeit überprüft werden. Wir haben ein spektakuläres Königreich geschaffen, das tausende von Jahren existierte. Aber der alte Traum erwachte 1840 plötzlich durch Gewehrfeuer aus dem Schlaf. Das führte dazu, dass wir unsere Fehler in der Vergangenheit erkannten. Wir öffneten unsere Augen um die Welt zu sehen, unsere Erfolge zu verkünden, die Intelligenz der Masse zu rühmen und unsere Moral zu erneuern. Unsere Reform und Restauration begann hier. Unsere Republik und die Revolution begannen hier. Unsere Schreie in der Bewegung 4. Mai begannen hier. Unsere Vorstellungen auf dem Boot in Nanhu (South Lake) unsere Proklamation auf dem Tiananmen Platz und unsere Hörner, die Reform und Öffnung verkündeten - alles begann hier."

Der derzeitige Aufstand gegen Politiker - gegen alle Politiker - in Bulgarien speist sich vor allem aus dem Zorn über die endlose und offenbar unausrottbare Korruption, erklärt Dimitar Bechev. Verständlich, aber was werden die Folgen sein? "In einer idealen Welt würde Bulgariens Frühling des Zorns die Staatsinstitutionen verantwortlicher machen, den endemischen Zynismus brechen, der das öffentliche Leben lähmt und der Politik erlauben, wenigstens einen kleinen Teil ihres emanzipatorischen Ideals zurückzugewinnen. Aber der Ausbruch kann genauso gut den letzten Rest der Legitimität zerstören, die das dysfunktionale demokratische Regime noch bei der Bevölkerung hat. Wenn das passiert, wird Bulgarien wahrhaftig einen besonderen Beitrag zur Dunkelheit geleistet haben, die über Europa hereinbricht.

Magazinrundschau vom 05.02.2013 - Eurozine

Eurozine druckt einen Artikel aus Ivan Krastevs neuem Ebook "In Mistrust We Trust: Can Democracy Survive When We Don't Trust Our Leaders?" Darin wendet er sich auch gegen einen Kult der politischen Tranparenz: "Die Fürsprecher der Tranparenz beteuern, dass es möglich sei, die Forderung nach offener Regierungsführung mit der Wahrung der bürgerlichen Privatsphäre zu vereinbaren. Ich behaupte dagegen, dass eine völlig transparente Regierung zu einem völlig transparenten Bürger führt. Wir können die Regierung nicht transparent machen, ohne der Privatsphäre zu schaden."

In einem zweiten Artikel stellt die Soziologin Alina Polyakova eine Sozialdemokratisierung der rechtsextremen Parteien in Europa fest, die noch in den neunziger Jahren gepflegte neoliberale Rhetorik hätten diese Parteien längst fallen lassen. Eine ähnlich Paradoxie stellt sie bei den exkommunistischen Parteien in Ost- und Mitteleuropa fest: "Während sich kommunistische oder linksextreme Parteien in Westeuropa als progressiv verstehen, sind sie in Ost- und Mitteleuropa - mit einigen Ausnahmen - reaktionär und kulturkonservativ."