Der Telegraphsprach von der "riskantesten Show des Jahres". Lloyd Newson hat mit seinem Tanztheater vor einigen Monaten das Stück "Can We Talk About This?" herausgebracht, in dem er über Multikulturalismus, Islam und Redefreiheit nachdenkt. Im Gespräch mit Maryam Omidi, online auf Eurozine, erzählt er, dass ihn sein voriges Stück "To be Straight with you", auf die Idee gebracht hatte. Dort ging es um Homosexualität. "Im Jahr 2009 hatte das Centre for Muslim Studies hier in Britannien zusammen mit Gallup, einem angesehenen Umfrageinstitut, eine Studie durchgeführt (mehr), in der sie britische Muslime fragten, ob sie Homosexualität moralisch annehmbar fanden. Sie interviewten 500 britische Muslime. Null Prozent fanden Homosexualität moralisch annehmbar, verglichen mit 58 Prozent der nicht muslimischen Bevölkerung. Das ist unglaublich. Wenn britische Muslime Respekt und Gleichheit in Britannien fordern, warum erwidern sie sie nicht? Toleranz ist keine Einbahnstraße."
Hier ein Ausschnitt aus "Can We Talk About This?":
Béla Nóvé greift in Kulturos Barai (auf Englisch bei Eurozine) ein fast vergessenes Kapitel des Kalten Krieges auf, die Geschichte jugendlicher Ungarnflüchtlinge nach der missglückten Revolution von 1956. Etwa 20.000 Jugendliche verließen das Land, viele auf sich gestellt. Manche fanden Gastfamilien in Österreich, Deutschland, der Schweiz oder Italien, manche gingen in die US Army, recht viele in die Fremdenlegion. Pech hatten diejenigen, die an die Amnestieversprechen der ungarischen Regierung glaubten. Sie landeten nicht selten im Gefängnis, manche von ihnen wurden zu Stasi-IMs gemacht, wie der Agent mit dem Decknamen "Pál Csorba": Er hat in "vier dicken Aktenordnern die Worte und Charaktere seiner Gefängniskollegen aufgezeichnet, darunter prominenter Intellektueller und Politiker wie István Bibó, Árpád Göncz, Jenö Széll und Ferenc Mérey. Er selbst war im Alter von zwanzig Jahren zum Spion gemacht worden, nach dem Hungerstreik im Gefängnis von Vac, der gewaltsam niedergeschlagen wurde. Er lebt immer noch unter uns als angesehener Naturwissenschaftler und Umweltaktivist. Seine Autobiografie schweigt sich über sein dunkles Jugendgeheimnis aus."
Der Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal, der in diesem Jahr für sein Buch "Europa erfindet die Zigeuner" den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält, erklärt in diesem schon etwas älteren, aber immer noch aktuellen Artikel, warum es so schwierig ist, die Sinti und Roma in die europäische Geschichte einzuschreiben: "Wenn wir die Romvölker wie bisher erst mit dem nationalsozialistischen Genozid in die europäische politische Geschichte eintreten lassen, wird eine einmalige sechshundertjährige Geschichte verdeckt. Allerdings haben die Romvölker, die über lange Zeiträume nomadisch lebten und über keine eigene Schriftkultur verfügen, so gut wie keine historischen Selbstzeugnisse überlassen. Die Überlieferungen und Dokumente erlauben es daher nicht, eine Geschichte der Romvölker zu schreiben, die sich beispielweise mit jener der verfolgten und vertriebenen französischen Hugenotten vergleichen ließe. Was uns vor allen Dingen in Gestalt der Literatur und Kunst zur Verfügung steht, sind die Grunderfahrungen der ständischen und bodenständigen europäischen Bevölkerung mit einer fremden, als bedrohlich empfundenen Lebensweise."
Mario Vargas-Llosadiskutiert mit dem französischen Soziologe Gilles Lipovetsky in Letras libres (Englisch auf Eurozine) über Vargas-Llosas neues Buch "La civilización del espectáculo", in dem der Autor die Bedeutung "hoher" Kultur für alle Bevölkerungsschichten unterstreicht. Lipovetsky stimmt zu, aber seiner Ansicht nach wäre es ein Fehler, die Leser gering zu schätzen: "Menschen sind nicht einfach nur reine Konsumenten, aber die Konsumgesellschaft behandelt sie, als wären sie nur das. Was ist der Unterschied zwischen einem Konsumenten und einem Individuum? Ein großer. Aus der humanistischen Perspektive, dem Vermächtnis der Hochkultur gesehen, erwarten wir, dass die Menschen kreativ sind, Dinge erfinden, Werte haben. Die Konsumgesellschaft sorgt gerade dafür nicht und darum sehen wir verschiedene Bewegungen, die Ideen vorschlagen, handeln. Die Menschen müssen sich zu etwas bekennen. Durch das Internet und andere neue Werkzeuge der Kommunikation sehen wir eine enorme Entwicklung junger Animateure, die Dinge machen, Videos herstellen, Kurzfilme, Musik. Nicht alles davon ist brillant, aber diese Aktivitäten erklären uns, dass Nietzsches 'Wille zur Macht' der heutige Wille ist, selbst etwas herzustellen. Dieser Wille ist etwas, das die Konsumgesellschaft nicht zerstört hat und sie hat es auch nicht geschafft, Menschen in Objekte zu verwandeln, die nur Marken sein wollen. Die Menschen möchten weiterhin etwas aus ihrem Leben machen. Und genau das muss Lehre heute tun: Den Menschen, wo immer sie sind, ein Werkzeug in die Hand geben, um etwas aus ihrem Leben zu machen und nicht einfach nur Konsumenten eines Markennamens oder einer Mode zu sein. Wir haben ganz schön Arbeit vor uns."
Die in Wien lehrende PolitologinTatiana Zhurzhenkowirft in dem Vortrag "Heroes into victims", der bei Eurozine publiziert ist, einen unerschrockenen Blick in die Abgründe der neueren Geschichte in Osteuropa und erklärt, warum sich nationale Gedächtnisszenarien in den postsowjetischen Ländern von Helden- zu Opferdiskursen wandelten, von "Triumph zu Trauma". Ein Beispiel sind für sie die baltischen Staaten, die mit der Thematisierung des Hitler-Stalin-Paktes einen Schritt in die eigene Unabhängigkeit machten: "Es gibt eine Menge Erklärungen für den sowjetischen Kollaps in der akademischen Literatur, aber über eine dieser Ursachen wird selten gesprochen: Das sowjetische Reich strauchelte unter der Last historischer Schuld. Und wenn Narrative des Leidens so effizient waren bei der Auflösung der Sowjetunion und es früheren Sowjetrepubliken erlaubten, nationale Unabhängigkeit zu gewinnen, dann ist es kein Wunder, dass politische Akteure sie bis heute nützlich finden - zum Beispiel, um geopolitsche Ambitionen Russlands einzuhegen."
Es gibt zwei verschiedene armenische Minderheiten in Ungarn, lernen wir aus einem Artikel von Kinga Kali in den Acta Ethnographica Hungarica (auf Englisch in Eurozine), die sogenannten Ungarn-Armenier und die sogenannten Ostarmenier. Erstere kamen schon um 1700 nach Ungarn und Transsylvanien (heute Rumänien). Sie assimilierten sich und sprechen heute Ungarisch. Die anderen kamen erst nach dem türkischen Genozid um 1915. Administrativ sind beide Minderheiten zu einer Gruppe zusammengefasst, sie können sich allerdings gegenseitig nicht riechen: "Die Ungarn-Armenier unterhalten engere Beziehungen zu den Ungarn-Armeniern aus Transsylvanien als mit Armeniern aus der Türkei, Armenien oder gar Berg-Karabach, Syrien oder Libanon, die in der selben Stadt leben mögen aber erst nach dem Genozid ankamen und noch Armenisch sprechen."
Polen verabschiedet die Intelligentsia. Wie der Soziologe Tomasz Zarycki in einem etwas trockenen Text erklärt, werden auch die polnischen Eliten inzwischen in der westlich-bürgerlichen Mittelklasse generiert - und nicht mehr in der alten russisch gesprägten Bildungsaristokratie. Diese Veränderung habe am prominentesten Pawel Kubicki in seinem Buch 'Neue Bürger' (Nowi Mieszczanie) beschrieben: "Kubicki argumentierte, dass die 'neuen Bürger' im Milieu junger Polen, die nach und nach vom Land in die größeren Städten gezogen sind, eine ganz neue urbane Schicht hervorgebracht haben, die als das zukünftige Modell der polnischen Mittelklasse betrachtet werden kann. Kubicki kritisierte die Tradition der Intelligentsija, und erklärte sie für überholt." Dass er Städte wie Krakau, Stettin und Wroclaw wählte, erscheint Zarycki kein Zufall, denn sie gehörten zu den Teilen Polen, die im 19. Jahrhundert von Preußen oder Österreich besetzt waren, nicht von Russland. "Wroclaw ist der positivste Fall in Kubickis Bericht, er zitiert junge Bürger der Stadt, die sich bereits mit den Bewohnern Breslaus vor dem Krieg identifizieren."
Der irakisch-deutsche AutorAbbas Khider erklärt im Interview für Gegenworte 27, wie es sich in zwei Sprachen lebt und schreibt: "Ich habe das Gefühl, dass sich - durch das Schreiben in der deutschen Sprache - die arabische Kultur in mir verändert. Ich habe das Gefühl, ganz anders umzugehen mit den Worten, mit der arabischen Kultur, mit meiner Vergangenheit und mit der Geschichte. Es verändert sich alles in der deutschen Sprache. Wenn ich Dinge auf Arabisch erzähle, dann wirken sie manchmal ganz einfach, auf Deutsch aber klingen sie magisch und märchenhaft. Ein anderes Beispiel ist die Kommunikation: Gespräche auf Deutsch sind freier. In der fremden Sprache wird es möglich, über alles zu reden. Ich kann über mehr Dinge offener sprechen auf Deutsch. Man kann sagen, dass die Selbstzensur der Kultur wegfällt mit der neuen Sprache. In der eigenen Sprache stecken Gebote und Verbote, die in einer fremden Sprache nicht existieren."
Außerdem: Michael Ignatieff und Ieva Lesinska unterhalten sich für die lettische Zeitschrift Rigas Laiks über Isaiah Berlin, der in Riga geboren wurde.
In einem ziemlich intelligenten und leicht unheimlichen kleinen Essay für Transit (englisch online auf Eurozine) misstIvan Krastev die gegenwärtigen Erfahrungen der EU am Zerfall der Sowjetunion. 1985, so sagt er warnend, sei der Zusammenbruch der SU noch undenkbar gewesen, im Rückblick von 1995 erschien er dann als unvermeidlich. Gerade "der Glaube, dass die EU nicht zusammenbrechen könne (den Ökonomen und die politische Klasse teilen) ist dabei paradoxer Weise eines der wesentlichen Risiken für diesen Zusammenbruch. Die letzten Jahre der Sowjetunion sind das klassische Beispiel für diese Dynamik. Die Überzeugung von der 'Undenkbarkeit' des Zusammenbrauchs verleitet Politiker zu einer Anti-EU-Rhetorik, um kurzfristige Vorteile zu erzielen - und in der Überzeugung, dass langfristig ja nichts passieren könne."
Alice Béja denkt in Esprit (online auf Eurozine) über die immer noch so präsente realistische und dokumentarische Kunst in den USA zur Zeit der Depression nach und stellt indirekt die Frage, warum es heute nichts Entsprechendes gibt. Zu Zeiten Roosevelts wurde die FotografienWalker Evans' oder die Sozialreportagen berühmter Autoren allerdings bewusst gefördert, "denn die Krise zu zeigen, bedeutete auch, die außergewöhnlichen staatlichen Maßnahmen zu rechtfertigen, mit denen sie bewältigt werden sollte. In einem Land, das sich weniger Regierung verschrieben hatte, erregte der Interventionismus Roosevelts tiefes Misstrauen, und es galt, die Bevölkerung zu überzeugen, dass der Staat in der Lösung der wirtschaftlichen Probleme des Landes eine Rolle spielen kann und muss..." Die Bilder jener Zeit, Dorothea Langes"Migrant Mother" etwa, oder die wehenden Dornbüsche aus dem "Zauberer von Oz" sind tief in der Erinnerung verankert, so Béja: "In der Notwendigkeit die Krise zu zeigen, steckt eine Neuformulierung des amerikanischen Mythos. Sie erlaubt es dem Land, sich in Frage zu stellen, aber auch, sich neu auf den Weg zu machen."
Außerdem: ein interessantes Interview mit Toomas Hendrik Ilves, dem völlig unprätentiösen Präsidenten Estlands, über das neue Online-Gesundheitssystem Estlands, Datenschutz und Griechenland. Was, wenn die Griechen die Eurozone verlassen müssen? "Dann werden wir alle leiden, aber das ist alles, was ich sagen kann, mehr weiß ich auch nicht. Ich kann nur um halb eins morgens die Financial Times lesen, um zu sehen, was passiert."
Eurozine übernimmt aus der deutschen Zeitschrift Mittelweg 36 (dort nicht online) eine Rede Michael Ignatieffs zum Gedenken an Tony Judt. Der kanadische Autor und Poltiker fragt sich darin, wie eine sozialdemokratische Politik heute aussehen könnte und macht dabei auch kritische Anmerkungen zur Geschichte des Sozialstaats: 'Schon vor 25 Jahren legte ich in dem Buch 'The Need of Stangers' dar, dass der Wohlfahrtsstaat Solidarität und Empathie eher konfiszierte und bürokratisierte als sie wirklich zu verkörpern. Solidarität wurde im Sozialstaat verwaltet. Wir lebten sie nicht und drückten sie nicht aus. Wir müssen das heute verstehen, denn der Sozialstaat braucht mehr als eine Verteidigung in Zeiten der Austerität, er braucht eine Reform: eher Ermächtigung von Empathie als ihre Bürokratisierung, Dezentralisierung der Entscheidungsfindung statt Zentralisierung, Marktdisziplin und Wettbewerb, um die Kosten zu beherrschen und ein Dienstleistungsethos, das die Leute als Bürger und nicht als Nummern behandelt."
Außerdem berichtetMircea Vasilescu von der angesehenen Wochnzeitschrift Dilema veche von der höchst misslichen Lage der rumänischen Presse, die Dilema veche unter anderem veranlasste, ihren Onlinenauftritt kostenpflichtig zu machen. Und der Politologe Daniel Chirot würdigt die Entwicklung Osteurops seit 1989 in einer Übernahme aus der Zeitschrift Kulturos barai als eine der erfolgreichsten Revolutionen der Geschichte.
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