Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 31

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - Eurozine

Kenan Malik denkt über sakrale Kunst nach und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass sie ihre Erhabenheit nie dadurch erreicht, dass sie das Göttliche beschwört, sondern dass sie es durch Poesie und Transzendenz ersetzt. So sei es bei Mozarts "Requiem" oder Nusrat Fateh Ali Khans "Qawwli", Scheich-Lotfollah-Moschee in Isfahan oder Laotses "Tao Te King": "In der vormodernen Welt war es schwierig, Sinn und Bedeutung anders als im Verhältnis zu Gott oder zu den Göttern zu erfassen, oder als Aspekte des Universums selbst. Daher wurde das Transzendente unweigerlich in einem religiösen Licht besehen. Doch die Moderne hat es möglich gemacht, Sinn und Bedeutung als etwas von Menschen Geschaffenes zu erfassen. Wie der französische Philosoph Denis Diderot feststellte: "Wenn wir den Menschen, das denkende und anschauende Wesen, von der Erde verbannen, dann wird dieses bewegte und erhabene Spektakel der Natur nichts weiter sein als eine traurige und stumme Szenerie." Es sei "die Anwesenheit des Menschen, die der Existenz Bedeutung verleiht"."

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - Eurozine

Michael Wiederstein interviewt für den Schweizer Monat (online in Eurozine) den britischen Politologen David Runciman, für den die Begriffe Demokratie und Krise geradezu Synonyme sind. Für Europa empfiehlt er eine Koordination der nationalen Wahlen: "Bezüglich der EU sprechen immer mehr Kollegen von der Notwendigkeit eines 'europäischen Moments' - also einer gleichzeitigen Wahl in allen Nationalstaaten des Kontinents. Die Idee ist reizvoll - vor allem auch, weil das dafür sorgen würde, dass sich nationale Parteien international abstimmen und gemeinsam Politik machen. So wären Allianzen denkbar, die beispielsweise stumpfem Nationalismus, der billigsten Form des etatistischen Populismus, den Riegel vorschieben könnten. Nationale Ausrufezeichen des Protests würden dann bestenfalls durch diplomatische Anstrengungen ersetzt."

Magazinrundschau vom 14.02.2014 - Eurozine

Mag sein, dass die Ukrainer nicht unbedingt bereit sind, nach den Regeln Europas zu leben, aber für ihre Ideale sind sie bereit zu sterben, schreibt der ukrainische Journalist Volodymyr Yermolenko: "Es gibt ein Paradox im Herzen der ukrainischen Rebellion. Sie ist das ideale Milieu, in der die Gesellschaft als ganze leben und wachsen kann wie ein Organismus. Doch außerhalb dieses rebellischen Milieus gibt es tatsächlich keine Gesellschaft: Es gibt nur Individuen und Clans - und der Krieg eines jeden gegen seinen Nachbarn, niemand traut dem anderen. Die Menschen sind geteilt in Familien, Clans und Gruppen, und zwar nicht nur 'die da oben', sondern auch 'wir hier unten'. Trotzdem sind die Menschen Geschöpfe, die von Größerem als nur der kleinen Gemeinschaft träumen. In solchen glauben die Leute zu ersticken, und nur ein kleines bisschen Solidarität reicht ihnen nicht. Es gibt Zeiten, in denen die Leute nach der universalen Brüderlichkeit der Menschheit verlangen. Diese utopische Brüderlichkeit ist die ideale Gesellschaft."
Stichwörter: Clan

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - Eurozine

Deutsche Zeitungen sollten ihre Übersetzer mobilisieren! Slavenka Drakulic hat für Eurozine einen großartigen Essay über ein überraschendes Thema geschrieben: Warum gibt es eigentlich so wenige Bücher von Schriftstellerinnen, die sich mit dem Thema des eigenen Alterns befassen? Von männlichen Autoren wie Philip Roth oder J.M. Coetzee findet sie solche Bücher, aber dort geht es neben dem Thema des Verfalls auch stets um Sex. Autorinnen dagegen scheinen das Thema ängstlich zu meiden. Am Ende erinnert sich Drakulic an Susan Sontags berühmten Essay "Krankheit als Metapher" und findet keine Antwort, aber eine Erklärung für ihr Problem: "Die moderne Gesellschaft ist beherrscht von der Vorstellung, das die Leute für ihr eigene Gesundheit und die Dauer ihres Lebens verantwortlich seien, obwohl die Realität dieser Idee kaum entspricht. Da ist es ein wesentlich eleganterer Weg, mit Tod und Sterben zurechtzukommen, indem man über eine neue Krankheit schreibt - vor allem in einer Kultur, die nach Susan Sontag den Tod als ein 'beleidigend sinnloses' Ereignis ansieht." Und welche Krankheit findet Drakulic nach intensiven Recherchen bei Amazon? "Alzheimer ist die neue Krankheit, die alle Anforderungen erfüllt, eine Metapher zu sein."

Stephan Ruß-Mohl macht sich in Gegenworte (online in Eurozine) mal wieder Gedanken, über etwas, das es nicht gibt, aber geben sollte, die "europäische Öffentlichkeit". Allerdings begrenzt er Öffentlichkeit dabei auf den üblichen Journalismus und Europa auf die EU. Er stellt fest, dass der Journalismus den lokalen Horizont kaum je überscheitet - auch und gerade bei der Berichterstattung über Brüssel. Sein Lösungsansatz: "Jede Strategie, die dem Projekt Europa aufhelfen möchte, hätte zunächst bei den Kommunikatoren anzusetzen. Nur wenn es gelingt, unter Journalisten und anderen Medienschaffenden weiterhin eine weltoffene europäische Grundorientierung zu verankern, wird das Projekt Europa auch in den nächsten 50 Jahre florieren." Und dafür fordert er Geld. Natürlich aus Brüssel.

Magazinrundschau vom 31.01.2014 - Eurozine

Jason Wilson nimmt das bei den TED Talks vorherrschende unpolitische Denken auseinander, nach dem es für jedes Problem eine Lösung gibt, wenn wir nur den richtigen Algorithmus finden: "Alle teilen eine gemeinsames Narrativ: Ein Problem, das in seiner derzeitigen Form schon seit Urzeiten besteht, wird gelöst, wenn jemand gegen die eigene Intuition und über den eigenen Tellerrand hinaus denkt, oder wenn ein cleverer Computerfreak einen neuen Blick auf die Daten wirft. Als Struktur entfesselt das die politische Fantasie: Dass Individuen komplexe Ereignisse beherrschen und verändern können, ohne sich über Werte und Ressourcen ernsthaft auseinandersetzen zu müssen. Aber wie die meisten Erwachsenen wissen, ist die Welt selten so für den Willen einzelner empfänglich. Historisch gesehen kamen die größten Veränderungen durch gesellschaftliche Bewegungen und ein gemeinsames abgestimmtes Handeln - das heißt auch, durch Konflikte und Verhandlungen."

Magazinrundschau vom 14.01.2014 - Eurozine

Die ungarische Ökonomin Yudit Kiss zeigt am Beispiel der ungarischen Roma, in welchem Ausmaß die Herkunftsländer dieser Minderheit für ihre jetzige Lage - und ihre Emigration nach Westen - verantwortlich sind: "Die Roma haben seit der Wende von 1989, als noch 85 Prozent der männlichen Roma-Bevölkerung Arbeit hatten, immer mehr an Boden verloren. 1993 war diese Zahl schon auf 39 Prozent gefallen, heute liegt sie um 20 Prozent (nur 10 Prozent der Roma-Frauen sind wirtschaftlich aktiv). Parallel zu ihrer Ausstoßung vom Arbeitsmarkt wurden sie durch radikale Kürzungen im staatlichen Gesundheits- und Wohlfahrtswesen weiter marginalisiert. Nach und nach wurden sie wieder in die kleinen Dörfer in den am wenigsten entwickelten Regionen Ungarns gedrängt."

Außerdem schreibt Hamze Bytyci über Kulturprojekte von, mit und für Roma und Sinti.

Magazinrundschau vom 16.12.2013 - Eurozine

Der ukrainische Schriftsteller Mykola Rjabtschuk hat die bisher besten Argumente, warum Europa die Ukraine aufnehmen sollte. Er verweist auf eine besondere Ungerechtigkeit: "Innerhalb weniger Jahre riss der enge Zirkel um Präsident Janukowitsch (genannt 'die Familie') alle Macht an sich, zerstörte das Rechtssystem, häufte qua Korruption enorme Ressource an und beschnitt die Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten. Eigentlich müsste es ein Segen sein, dass diese Leute das Abkommen mit der EU zurückzogen und dass ein Land mit einem solchen Regime nicht von Europa aufgenommen wird. Das Problem ist aber, dass sie schon in Europa sind - mit ihren Villen, dem gestohlenen Geld und den Diplomatenpässen, was die Visafreiheit für den Rest der Ukraine in ihren Augen unnötig macht. Sie profitieren von der Rechtsstaatlichkeit und dem Eigentumsrecht im Westen, während sie diese Dinge in ihrem eigenen Land systematisch unterminieren. Nicht sie, sondern die 40 Millionen Ukrainer werden von Europa ausgeschlossen, während die herrschende Elite la dolce vita in den Resorts des Westen genießt und das verarmte Land bis auf den letzten Tropen aussaugt."

Weiteres: Ivan Krastev sieht die Ukraine am Ende ihres internationalen Schlingerkurs angekommen, der sie nach Europa bringen sollte, aber nicht von Russland entfernen. Anton Schechowzow erklärt, dass die Proteste nicht von der Opposition angeführt werden, sondern von der Zivilgesellschaft.

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - Eurozine

Alle zwei Wochen, heißt es, verschwindet eine Sprache. In Litauen herrscht große Sorge, dass es aufgrund der hohen Abwanderungsrate und der zunehmenden Dominanz des Englischen auch mit dem Litauischen bald zu Ende gehen könnte. Unfug, meint der Lituanist Giedrius Subacius: "Auch wenn in unserem Wörterbuch eine halbe Million Wörter stehen, benutzt eine belesene Person meist nur etwa zehntausend Wörter, und für den Alltagsgebrauch reichen gar rund dreitausend Wörter aus. Aber dass wir nur ungefähr zwei Prozent des litauischen Vokabulars kennen, bedeutet nicht, dass die litauische Sprache ausstirbt. Andere Sprachen zeigen ganz ähnliche Tendenzen. Es ist nun einfach einmal so, dass Wörter kommen und gehen, während die Sprache bleibt. Wörter sind nicht die Steine, aus denen der Sprachpalast errichtet ist, sie sind das Mobiliar."
Stichwörter: Litauen, Dominanz

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - Eurozine

Die Politik hat in der Ukraine völlig dabei versagt, dem Land eine Geschichte und ein Narrativ zu geben, die Schriftsteller aber haben Großes geleistet, meint Peter Pomerantsev und singt eine Hymne auf Juri Andruchowytsch, Serhij Zhadan und Oksana Sabuschko: "Die zeitgenössischen Autoren der Ukraine sind so etwas wie Europas salzigere Version der Lateinamerikaner, sie kombinieren Magischen Realismus mit häuslicher Gewalt, Mafia und Folklore. Und wenn man die großen Klassiker näher betrachtet, die in der Ukraine geboren wurden, aber in anderen Sprachen schrieben, stellt man fest, dass sie von der gleichen surrealen Tradition geprägt sind. Der auf Russisch schreibende Gogol führte die ukrainische Folklore in die russische Literatur ein... Diese Folklore transformierte das Judentum und popularisierte chassidische Erzählungen mit Geistern und fliegenden Rabbis. Der israelische Klassiker Aharon Appelfeld, aufgewachsen in Czernowitz und ausgebildet in Deutschland, erinnert sich an Kindermädchen und Dienstboten, die ihm auf Ukrainisch Lieder vorsangen oder Märchen erzählten. Vielleicht fand die ukrainische Folklore über die Kindermädchen auch ihren Weg in die halluzinatorischen Visionen von Bulgakows sprechenden Katzen und Teufeln, die durch das kommunistische Moskau streunten, in Joseph Roths Hotelwände, die sich bis zur Durchsichtigkeit auflösten, als wäre es die normalste Sache der Welt."

Magazinrundschau vom 17.09.2013 - Eurozine

Zwischen Populismus und Partizipation changieren die Pole der Demokratie in Zeiten des Internets, das neue Verfahren ermöglicht, schreibt Nadia Urbinati in einem etwas trockenen, aber instruktiven Artikel für Esprit (auf Deutsch bei Eurozine). Eine ihrer Erkenntnisse: "Die Internet-Demokratie lässt den Mythos der direkten Selbstverwaltung (das alte demokratische Versprechen autonomer Selbstbestimmung) in veränderter Form wiederaufleben, birgt jedoch die Gefahr identitätspolitischer, demagogischer oder populistischer Aktionen, eines politischen Handelns also, das ausschließt und diskriminiert, und damit, wie in Ungarn auch, die Voraussetzungen für eine regelrechte Tyrannei der Mehrheit schafft."

Während sich der Kunsthistoriker Hubertus Kohle im Perlentaucher dezidiert für Internet und Open Access in den Geisteswissenschaften einsetzt, profiliert sich der Mittelalter-Historiker Valentin Groebner zusehends als die Stimme des Kulturkonservatismus in diesem Feld. In einem Artikel für den Mittelweg, online in Eurozine, diagnostiziert er einen "theologischen Ton" bei den Befürwortern des Internet und rät dringend, an den überkommenen Formen des wissenschaftlichen Publizierens festzuhalten: "Das Netz ist wunderbar für Unfertiges und Provisorisches; für erste Entwürfe und für das rasche Hin-und Her zwischen kritischer Stellungnahme und Replik. Aber mit der Stabilisierung und positiven Validierung der dort produzierten Information -also mit verbindlich festgelegten Resultaten - hapert es. Und zwar, soweit es sich nach zwanzig Jahren World Wide Web beurteilen lässt, wohl dauerhaft."

Außerdem sucht der Soziologe Paolo Gerbaudo in einem Artikel für Soundings, auf Englisch bei Eurozine, nach den Quellen des Coups in Ägypten.