
Der litauische Autor
Tomas Kavaliauskas und sein bulgarischer Kollege
Ivaylo Ditchev unterhalten sich über über ein in Osteuropa stets noch brennendes Thema:
Identität. Oder genauer: Sie reden lehrreich aneinander vorbei. Ditchev bemüht den in Osteuropa zur Zeit höchst modischen Begriff des angeblich überall grassierenden
Neoliberalismus, der die Schwierigkeiten osteuropäischer Länder zwanzig Jahre nach der Wende erklären soll: "Die Reichen wollen die Armen loswerden. So war es in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien, und nun passiert es in Belgien. Spannungen zwischen der reichen Stadt Sofia und dem Rest des Landes sind ebenfalls vielsagend. Das
Verschwinden der Solidarität innerhalb eines nationalen Territoriums wird überblendet mit nationalistischen, ja quasi faschistischen Diskursen. Das scheint mir ein allgemeiner Trend des Neoliberalismus."
Kavaliauskas befasst sich dagegen mit der in Osteuropa ebenfalls noch quicklebendigen
nationalromantischen Konstruktion von Identität: "Czeslaw Milosz sah die Schaffung eines litauischen Staatswesens als '
philologisches Projekt'. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert reinigten litauische Intellektuelle die litauische Sprache von Slawismen und erarbeiteten ein neues und modernes Vokabular. Dieses Projekt ist nicht beendet: Litauische Identität wird
durch Sprache aufrechterhalten. In den anderen beiden baltischen Ländern, Lett- und Estland, wo fast die halbe Bevölkerung russisch ist, wird dem Sprachthema sogar noch mehr Bedeutung beigemessen."
Felix Stalder
liest für
Mute (übernommen in
Eurozine) einen Text
Julian Assanges über das, was er sich als die Mission von
Wikileaks vorstellt - kurz gesagt: Institutionen, die über Geheiminformationen Herrschaft ausüben, das Leben schwer zu machen. Und er ist skeptisch: "Je mehr sich eine Organisation vor Enthüllungen
schützen muss, desto mehr wird sie beherrscht von dem Widerspruch, Informationen zu teilen (und somit effizient zu sein) und Informationen zu kontrollieren (also das Geheimnis zu bewahren). Dies wird ihre Fähigkeit, ihre Tätigkeit auszuüben, vermindern. In kurzer Perspektive kommt Assange seinem Ziel nahe, aber es ist fraglich, ob die '
Kosten'
der Geheimhaltung hoch genug sein werden, um die Macht von Organisationen wie der US-Armee dauerhaft einzuschränken. Vielleicht brauchen sie nur mehr Ressourcen, um wie bisher operieren zu können."