Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 31

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - Eurozine

Verlage, aufgemerkt! "Die flämische Literatur ist im 21. Jahrhundert angekommen, und die Welt sollte das wissen", verkündet Tom Van Imschoot. Sie hat sich von ihrem Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Niederlanden befreit und eine total individualistische Betrachtungsweise entwickelt. Die einzige Gemeinsamkeit: ein eher realistischer als postmoderner Ansatz. Wenn Imschoot eine Reihe von Autoren aufzählt - Annelies Verbeke, Stefan Brijs, Dimitri Verhulst, Erwin Mortier, Bernard Dewulf, David Van Reybrouck, Yves Petry, Jeroen Theunissen, David Nolens - müssen wir allerdings betrübt feststellen, dass außer Annelies Verbeke und Erwin Mortier keiner dieser Autoren in den letzten elf Jahren bei uns besprochen wurde.

Außerdem: Eurozine gibt bekannt, dass es für den europäischen Civis Medienpreis nominiert ist. Verdient haben sie absolut jeden Preis!

Magazinrundschau vom 22.03.2011 - Eurozine

Eine sehr interessante (im Original in Al-Qahira im Februar publizierte) Analyse der arabischen Umstürze legt der in Pittsburgh lehrende ägyptische Soziologe Mohammed Bamyeh vor, der selbst am Tahrir-Platz dabei war. Eine seiner Einsichten: Diese Revolution kam nicht aus den Zentrale, sondern gerade von den Rändern. "Schon in Tunesien begann die Revolution in Randbereichen und wanderte dann erst in die Hauptstadt. Von Tunesien aus, das selbst in der arabischen Welt eine eher randständige Position einnimmt, wanderte sie nach Ägypten. Natürlich ist die Situation, ökonomisch und vom Ausmaß der bürgerlichen Freiheiten her, in jedem arabischen Land anders, aber es hat mich verblüfft zu sehen, wie bewusst sich die ägyptische Jugend des tunesischen Beispiels war, das zwei Wochen Vorsprung hatte."

Außerdem in Eurozine: Der Kunsthistoriker Almantas Samalavicius beklagt die zunehmende Verschandelung des historischen Städtepanoramas von Vilnius durch Neubauten, die den sozialistischen Scheußlichkeiten kaum nachstehen (ursprünglich in Kulturos Barai, Dezember 2010). Und es werden einige Beiträge zu einem Kolloquium über die Wiederkehr der Nationalismen in Europa nachgedruckt (Editorial). Interessant ein Gespräch über den "Nationalismus 2.0" in Belgien, in dem der Autor David Van Reybrouck einen proflämischen Artikel Ian Burumas aus dem New Yorker (Abstract) verteidigt: "Auch wenn ich einige Aspekte der flämischen Bewegung ablehne, spüre ich doch Frustration, wenn ich Belgien immer wieder als surrealistisches kleines Land dargestellt sehe, in dem es gute Schokolade, Bier und Waffeln gibt. Und das Surrealistischste ist dann das Bild der Flamen, die angeblich alle Extremisten und Separatisten sind."

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - Eurozine

Liest man Ghania Mouffoks Bericht aus Algerien, dann ist die Situation dort noch unübersichtlicher als in Ägypten. Kein gemeinsames Interesse scheint die verschiedenen Vertreter der Opposition zu einen. Der "March of Change" am 12. Februar splittete sich schnell, mit kräftiger Unterstützung der Polizei, in drei Züge auf: "Einer mit den Islamisten, die nach Verhandlungen mit der "Nationalen Koordination für Wandel und Demokratie" einverstanden waren, nur als Individuen, nicht als Partei aufzutreten. Ein anderer Zug besteht aus Demokraten und schließlich gibt es noch einen mit 'yobs' [Schläger, bzw. jugendliche Bouteflika-Anhänger). Die ist Algerien auf einen Blick: zerstört, zerrissen, mit seinen offenen Wunden und herzlichen Feindschaften."
Stichwörter: Algerien

Magazinrundschau vom 08.02.2011 - Eurozine

Im Jahr 2050 ist ganz Europa ein Zoo, den alle Welt nur besucht, um mal so eine richtig anachronistische Gesellschaftsform zu bestaunen. So jedenfalls malt Slavenka Drakulic sich das aus und erzählt auch, wie es dazu kam: "Spezialisten fürs Denken, man nannte sie Intellektuelle, starben, weil sie überflüssig wurden, zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus. Ein paar wenige überlebten in einem abgelegenen Teil Frankreichs, einem Land, das sich einst durch eine Kombination von sozialem Bewusstsein und superbem Hedonismus ausgezeichnet hatte. Einer von ihnen kam auf die brillante Idee, wie Europa überleben könnte, und zwar unter Beibehaltung der Lebensverhältnisse, ja, sogar mit Zusatzprofit! Nach einem Besuch in Stockholms Open-Air-Museum Skansen kam er nach Frankreich zurück und dachte: 'Unser Kontinent ist klein und seine Bevölkerung alt und im Schwinden - warum sollten wir nicht ganz Europa in Skansen transformieren? Dann könnte die ganze Welt hierherkommen und unsere außergewöhnliche Lebensweise studieren..."
Stichwörter: Drakulic, Slavenka, Ska, Skater, Zoo

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - Eurozine

Dürfen Journalisten ihre eigene Geschichte werden? Die mexikanische Reporterin Lydia Cacho denkt über die Rolle investigativer Journalisten nach, die durch ihre Prominenz korrumpiert oder gefährdet werden können, aber auch geschützt. Ihre eigene Berühmtheit sieht Cacho so: "Vor sechs Jahren wurde ich von einem Mafiaclan, der mit Minderjährigen und Kinderpornografie handelte, gefangen gehalten und gefoltert. Die mexikanischen Medien riefen: 'Eine Frau stellt sich der Mafiamacht entgegen!', als wäre das eine Überraschung. Aber dank ihrer Reaktionen, sah die Gesellschaft hin und hörte mir zu, und viel wichtiger noch, sie reagierte und forderte Gerechtigkeit für die Hunderte von Kindern, die Opfer von Sextourismus und Kinderpornografie wurden. Die Abgeordneten schufen neue Gesetze zum Schutz der Kinder, und als ich von Beleidigungsvorwürfen freigesprochen war, applaudierten mir Frauen auf der Straße, junge und alte, und umarmten mich. Sie hielten mich auf Plätzen an, um mir zu gratulieren, dass ich sie daran erinnerte, dass die Wahrheit Macht hat - das habe auch Frauen, die sich weigern, sich einer machistischer Gewalt zu unterwerfen."
Stichwörter: Kinderpornografie

Magazinrundschau vom 25.01.2011 - Eurozine

Der Multikulturalismus-Kritiker Kenan Malik und der konservative slowakische Politiker Fero Sebej trafen sich Ende September in Bratislava zum Gespräch über die Fallstricke des Multikulturalismus. Sebej erklärt, warum er die slowakische Gesellschaft zwar für multi-ethnisch, aber nicht für multikulturell hält. Malik hält - viel grundsätzlicher - dagegen, dass jede Gesellschaft plural sei, dass man das mit dem Begriff "multikulturell" aber viel zu eindimensional beschreibe: "Es gibt diesen Mythos, dass europäische Gesellschaften einst homogen gewesen seien und dann aufgrund von massiver Immigration, insbesondere von muslimischen Immigranten, plural geworden seien. Wenn man sich das 19. Jahrhundert aber ansieht, stellt man fest, dass Europa wahrscheinlich pluraler war als es heute ist: die kulturellen Differenzen zwischen einem Fabrikbesitzer und einem Fabrikarbeiter in Großbritannien oder irgendwo in Europa waren weit größer als die kulturellen Differenzen heute zwischen einem 16-Jährigen nordafrikanischer oder pakistanischer Herkunft und einem 16-Jährigen slowakischer oder britischer Abkunft. ... Wir tendieren heute dazu, soziale Konflikte in einem sehr engen Deutungsrahmen zu sehen, in Begriffen von Religion, Glauben und Kultur, weil wir Identität heute in sehr enger Weise verstehen. Die Debatte über Multikulturalismus ist eine Debatte, in der bestimmte Unterschiede - Kultur, Ethnizität und Glauben - als wichtig betrachtet werden, während andere - wie Klassen- oder Generationszugehörigkeit - als weniger relevant gelten.

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Eurozine

Die Pianistin Elisabeth Klein erinnert sich im Gespräch mit dem britischen Komponisten John Moseley mit Sympathie, aber total unsentimental an Bela Bartok, der sie 1934 unterrichtete. "Bartok kam zum Konzert der an der Hochschule Zugelassenen - es war sein letztes Jahr an der Musikakademie - und sagte mir, dass er mich bei ihm zuhause unterrichten würde, obwohl mein Spiel ein wenig zu romantisch sei. Er gab mir wöchentliche Stunden, zusammen mit zwei anderen Pianisten, György Sandor und Pal Fejer. Beide waren jüdisch. Sandor emigrierte in die USA und machte große Karriere, aber Fejer, der beste von uns, verschwand im Krieg. Die allerbesten Schüler wie Annie Fischer gingen aber gar nicht zu Bartok, sondern zu Dohnanyi, dem Direktor der Akademie." Das Interview ist aus The Hungarian Quarterly übernommen.
Stichwörter: Bartok, Bela, Fischer, Annie

Magazinrundschau vom 04.01.2011 - Eurozine

Alle regen sich über das ungarische Mediengesetz auf. Aber wie sieht es eigentlich mit der Presse in Westeuropa aus? Eurozine hat dazu eine Reihe von Artikeln zusammengestellt, die zwar im einzelnen nichts wesentlich neues erzählen, in der Gesamtschau aber doch ein ganz interessantes Bild abgeben. Jean-Francois Julliard und Roman Schmidt unterhalten sich über die Situation in Frankreich: "Das ungewöhnliche an Frankreich", sagt Julliard, Generalsekretär von Reporters Sans Frontieres, "ist die Existenz von Pressegruppen, deren Hauptgeschäft nicht die Presse ist. Sie sind vor allem in andere Industriezweige involviert: Waffen, Telekommunikation, Immobilien etc. Und dann werden sie Eigentümer von Mediengruppen. Es scheint, als kauften sich diese Leute, indem sie Zeitungen kaufen, Einfluss. Sie sind nicht da, um einen Medienkonzern zu führen oder Informationen zu verbreiten. In den meisten europäischen Ländern, sind Mediengruppen mit Medien beschäftigt, das ist ihr Hauptgeschäft. Sie haben daneben vielleicht noch Buchverlage oder befassen sich mit Kommunikation. Aber in Frankreich fangen sie als Industriekonzern an, der oft stark abhängig von Staatsaufträgen ist, und kaufen dann Medien. Das führt zu einer ungesunden Situation. Und heute kommt dazu noch das Problem, dass die Eigentümer dieser Konzerne dem Staatschef sehr nahe stehen."

Weitere Artikel: Giulio D'Eramo berichtet, wie in Italien die Presse ihre Lähmung angesichts von Berlusconi überwunden hat und einen Aufschwung des investigativen Journalismus erlebt. Irena Maryniak stellt die neuen Zeitungseigentümer in Großbritannien vor: vor allem Russen. Thomas Leif sieht in Deutschland Journalisten, Lobbyisten und Politiker in einer zu engen Allianz. Stylianos Papathanassopoulos beschreibt die Auswirkung der Wirtschaftskrise auf die griechische Presse. Michael Foley widmet sich der irischen Presse. Und Petros Iosifidis berichtet über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Europa angesichts der Digitalisierung.

Magazinrundschau vom 07.12.2010 - Eurozine

Der litauische Autor Tomas Kavaliauskas und sein bulgarischer Kollege Ivaylo Ditchev unterhalten sich über über ein in Osteuropa stets noch brennendes Thema: Identität. Oder genauer: Sie reden lehrreich aneinander vorbei. Ditchev bemüht den in Osteuropa zur Zeit höchst modischen Begriff des angeblich überall grassierenden Neoliberalismus, der die Schwierigkeiten osteuropäischer Länder zwanzig Jahre nach der Wende erklären soll: "Die Reichen wollen die Armen loswerden. So war es in der Tschechoslowakei und in Jugoslawien, und nun passiert es in Belgien. Spannungen zwischen der reichen Stadt Sofia und dem Rest des Landes sind ebenfalls vielsagend. Das Verschwinden der Solidarität innerhalb eines nationalen Territoriums wird überblendet mit nationalistischen, ja quasi faschistischen Diskursen. Das scheint mir ein allgemeiner Trend des Neoliberalismus."

Kavaliauskas befasst sich dagegen mit der in Osteuropa ebenfalls noch quicklebendigen nationalromantischen Konstruktion von Identität: "Czeslaw Milosz sah die Schaffung eines litauischen Staatswesens als 'philologisches Projekt'. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert reinigten litauische Intellektuelle die litauische Sprache von Slawismen und erarbeiteten ein neues und modernes Vokabular. Dieses Projekt ist nicht beendet: Litauische Identität wird durch Sprache aufrechterhalten. In den anderen beiden baltischen Ländern, Lett- und Estland, wo fast die halbe Bevölkerung russisch ist, wird dem Sprachthema sogar noch mehr Bedeutung beigemessen."

Felix Stalder liest für Mute (übernommen in Eurozine) einen Text Julian Assanges über das, was er sich als die Mission von Wikileaks vorstellt - kurz gesagt: Institutionen, die über Geheiminformationen Herrschaft ausüben, das Leben schwer zu machen. Und er ist skeptisch: "Je mehr sich eine Organisation vor Enthüllungen schützen muss, desto mehr wird sie beherrscht von dem Widerspruch, Informationen zu teilen (und somit effizient zu sein) und Informationen zu kontrollieren (also das Geheimnis zu bewahren). Dies wird ihre Fähigkeit, ihre Tätigkeit auszuüben, vermindern. In kurzer Perspektive kommt Assange seinem Ziel nahe, aber es ist fraglich, ob die 'Kosten' der Geheimhaltung hoch genug sein werden, um die Macht von Organisationen wie der US-Armee dauerhaft einzuschränken. Vielleicht brauchen sie nur mehr Ressourcen, um wie bisher operieren zu können."

Magazinrundschau vom 02.11.2010 - Eurozine

Der ungarische Historiker Bela Nove skizziert kenntnisreich die Samizdat-Szene des kommunistischen Ungarn, schließlich war er mal selbst Dissident. In dem Text (der ursprünglich auf Englisch in der litauischen Version von Kulturos barai erschien) warnt Nove davor, den Einfluss der Samizdat-Literatur zu unterschätzen: In der Gegenwart - in China werden einige Texte angeblich heute wieder verstärkt von Studenten gelesen - und vor allem damals im Vorfeld der Perestroika. "Der größte Skandal war der Austausch der jungen und radikalen Redakteure von Mozgo Vilag (Bewegte Lettern) im Jahr 1983. Es war ein offenes Geheimnis, dass dieses überaus populäre Magazin von einer neuen Generation an Autoren und Redakteuren übernommen worden war, die sich permanente Grabenkämpfe mit den Partei-Apparatschiks und den Zensurbehörden lieferten. Die Redakteure, die getreu Marx glaubten, dass sie 'nichts zu verlieren hätten außer ihren Ketten', entschieden sich schließlich, alle informellen Regeln von oben zu ignorieren und wandten sich zur Unterstützung an die Öffentlichkeit (...) Um das Magazin und die Redakteure zu retten, wurde eine große und halbspontane Solidaritätskampagne gestartet. Protestbriefe wurden versandt, öffentliche Debatten und Demonstrationen an den Universitäten in Budapest veranstaltet. Alles umsonst: Die Redakteursmannschaft musste gehen. Aber hier hatte sich ein vielversprechender Präzedenzfall ereignet: Öffentlicher Protest konnte massenhafte Unterstützung erfahren, ein Zeichen dafür, dass die Zensur nicht mehr lange durchhalten würde."
Stichwörter: Dissidenten, Perestroika