Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 29 von 31

Magazinrundschau vom 26.10.2010 - Eurozine

Die Belgier sind bekanntlich zerstritten. Aber gegen die Burka stimmte das belgische Parlament wie ein Mann. Das findet Paul Doumouchel in der linkskatholischen Zeitschrift Esprit verdächtig. Sein Artikel wurde von Eurozine übernommen. "Auch die Assemblee nationale hat am 11. Mai einstimmig für das Verbot des Ganzkörperschleiers gestimmt. Normalerweise sind Abgeordnete zerstritten. Nur in ganz schweren Krisen legen sie ihre Streitigkeiten beiseite. So gesehen ist es recht amüsant zu sehen, dass westliche Demokratien ihre üblichen Auseinandersetzungen ruhen lassen und in eine Union sacree zusammenstehen, um eine Gefahr abzuwehren, die ganz Europa bedroht... ein paar verschleierte Frauen! Oder genauer: es wäre amüsant - wenn es nicht so berunruhigend wäre."
Stichwörter: Belgien, Burka

Magazinrundschau vom 19.10.2010 - Eurozine

Der Ideenhistoriker Michael Azar kommt in einem Artikel zum fünfzigsten Todestag Albert Camus' auf seine Haltung im Algerienkrieg zurück, die ihm viel Kritik eingetragen hat. Camus kritisierte zwar als einer der ersten, lange vor Sartre, das Verhalten der Franzosen in Algerien, zugleich aber weigerte er sich, den Nationalismus der FLN zu unterstützen. "Camus bricht nie ganz mit der Prämisse das französischen Kolonialismus", schreibt Azar in einem Beitrag für die schwedische Zeitschrift Glänta, den Eurozine auf Englisch präsentiert: "nämlich dass es der dringendste Wunsch der Kolonisierten sei, von der französischen Zivilisation als Gleiche anerkannt zu werden. Die Prinzipien der französischen Aufklärung - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - sind mit kolonialem Paternalismus verwoben. Trotz Folter, Rassismus und Betrug an den eingeborenen Algeriern betrachtete Camus Frankreich stets als 'beste mögliche Zukunft für das arabische Volk."

Eurozine übersetzt außerdem zwei Artikel aus der rumänischen Zeitschrift Dilema veche zur Ausweisung von Roma aus Frankreich: Für Nicolas Sarkozy sind sie ein leichtes Futter, um rechtspopulistische Impulse seiner Wählerschaft zu bedienen, schreibt Olivier Peyroux: "Sie sind leicht zu finden, denn sie leben in Gruppen. Sie bleiben bei Polizeiaktionen friedlich. Sie gehen kaum vor Gericht. Sie werden so gut wie nie von der öffentlichen Meinung unterstützt." Für Valeriu Nicolae sind die Ausweisungen klar rassistisch geprägt. Aber wenn schon, dann konsequent, meint er: "Wenn wir französischen Medienberichten über den Bettencourt-Skandal glauben, hat der französische Präsident Wahlkampfgelder jenseits des erlaubten Limits erhalten. Dann sollte man eben auch den Präsidenten nach Ungarn oder Griechenland zurückschicken!"

Und: die kanadische Schriftstellerin und Autorin Mavis Gallant plaudert über ihre Zeit im Paris des Jahres 1968 und ihre damals entstandenen "Paris Notebooks", über Sartre, de Gaulle und andere.

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - Eurozine

Auch in Rumänien wird über "Privacy" and "Publicness" gestritten, einerseits also den Schutz der Privatsphäre, andererseits die immer stärkere Tendenz, sich selbst im Netz öffentlich zu machen. Eurozine übernimmt eine Diskussion zwischen Constantin Vica und Cristian Ginea aus Dilema veche. Er fühle sich durchaus sicherer mit den Überwachungskameras in London, sagt Ginea, allerdings sollte der agierende Staat stets durch die Öffentlichkeit kontrolliert sein. Vica ist skeptischer: "Jedes Mal wenn Du die U-Bahn in Bukarest benutzt, bist Du doppelt überwacht, durch die Kameras und durch die elektronischen Tickets. Diese beiden Technologien können über Dich viel mehr enthüllen, als dir lieb ist... Und auf ihren Webseiten finden wir nichts über ihre Datenschutzpolitik. Ich traue ihnen nicht. Sie sind kaum in der Lage, den öffentlichen Nahverkehr zu organisieren, wie sollen sie da Datensicherheit gewährleisten?"

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - Eurozine

Während Hannah Arendt 1961 in Jerusalem war, um dem Eichmann-Prozess beizuwohnen, freundete sie sich mit der Leni Yahil an, einer in Deutschland geborenen Holocaust-Forscherin. Schnell zerstreiten sie sich über Eichmann, bis dahin aber schreiben sie sich einige wunderbare Briefe, die Mittelweg 36 abdruckte und die bei Eurozine jetzt online zugänglich sind. Zum Beispiel Arendt an Yahil, vom 23. Juli 1961: "Basel (Jaspers) war besonders schön! Aber danach habe ich die Dummheit gemacht, mich nochmals nach Deutschland einladen zu lassen. Studenten - Diskussionen. Und nun will ich nichts wie weg. Kommentar überflüssig. Übrigens trotz meiner Irritation: Von Antisemitismus nirgends eine Spur! Aber dass es mit dieser sog. Bundes-Demokratie schief gehen wird, ist mir beinahe sicher. Ohne Einflüsse von Aussen wird es eine Art Militärdiktatur geben. Und Atomwaffen, auch im Rahmen der Nato, würde ich den Herrschaften auch nicht für 5 Minuten anvertrauen. Aber all das natürlich entre nous."

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - Eurozine

Der Rechtshistoriker Mikhail Xifaras resümiert (hier auf Englisch) in einem interessanten Artikel (ursprünglich für die französische Zeitschrift Multitudes) die Theorien Richard Stallmans und seiner Copyleft-Bewegung, die zumindest im Bereich der Software die Idee des "Geistigen Eigentums" unterminieren will. Bevor er die Frage stellt, ob wir uns einem "informationellen Kommunismus" nähern, schildert er noch einmal den Sieg des Begriffs "Geistiges Eigentum": "Auf theoretischer Ebene war dieser Begriff eine Revolution: 'Eigentum' kann nun auch bedeuten, ein Recht auf Exklusivität zu besitzen, statt etwas physisch zu kontrollieren... So illusorisch dieser Sieg sein mag, so bedeutend ist er doch für die Praxis. Es ist heute allgemeiner Konsens, dass er auf immer neue Gebiete übertragen wird und angeblich die Rechte der Besitzer stärkt. Der Begriff parallelisiert unterschiedliche Arten schöpferischer Tätigkeit im juristischen Sinn und verleiht ihren Ansprüchen Legitimität (denn 'Eigentum' klingt doch viel besser als 'befristetes Monopolrecht')."

Der bulgarische Kulturanthropologe Ivaylo Ditchev schildert (zuerst für die bulgarische Zeitschrift Kritik und Humanismus) eine Implosion der politischen Macht durch das "permanent feedback syndrome". Damit meint er nicht nur die Kommentarthreads und Foren des Internets, sondern mehr noch Fernsehmodelle permanenter Interaktion, wie sie in Casting Shows praktiziert werden, und das lückenlose Abtasten der öffentlichen Meinung durch Meinungsumfragen. Die Folge: "Der Abstand zwischen Autorität und Publikum, der ein Eckstein ihrer Macht war, schnurrt zusammen. Die ständige Live-Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten lässt nicht mehr den geringsten Raum zur Entwicklung von Autorität. Je mehr wir Politiker verdächtigen, unverantwortlich zu agieren, desto weniger Raum lassen wir ihnen, ihre Verantwortung auf sich zu nehmen. Statt dessen erwarten wir eine unmittelbare Antwort auf aktuelle Ängste des Publikums."

Magazinrundschau vom 17.08.2010 - Eurozine

In einer interessanten Analyse der Rhetorik von führenden Al-Qaida-Kadern erklärt der in Oxford lehrende Historiker Faisal Devji, warum Osama Bin Laden der ultimative Insider ist. Der Essay wurde im aktuellen Transit-Magazin abgedruckt. Auf Deutsch darf man ihn nicht lesen, aber auf Englisch hier bei Eurozine. "Als Prominenter ist bin Laden natürlich ein Teil des Westens, den er kritisiert. Da kann er noch so auf seiner ausländischen Herkunft oder seinen fremdartigen Überzeugungen herumreiten, er kommt da nicht raus. Osama bin Laden selbst ist sich seiner Insider-Rolle durchaus bewusst, nicht zuletzt weil die Worte, mit denen er Amerika attackiert, von Kritikern wie Noam Chomsky und Michael Scheuer stammen. Während er selbst kein Sozialist oder Liberaler ist, übernimmt bin Laden die antikapitalistische und antielitäre Haltung dieser Figuren, um seine Opposition zum Westen auszudrücken. Seine Kritik des Westens ist immanent, darüber hinaus aber eine Art Bauchrednerei, in der der Terroristenprinz durch die Münder von Amerikanern spricht und nicht in seinem eigenen Namen. An sich ist diese Verwertung vorgegebener Positionen nicht seltsam, die Sprache der meisten europäischen und amerikanischen Politiker besteht daraus. Aber im Fall von Osama bin Laden verdeutlicht es, dass er keine Position außerhalb der Welt seiner Feinde besitzt."

Magazinrundschau vom 10.08.2010 - Eurozine

Alexei Venediktov, Chef des Radiosender Echo Moskwy erklärt im Interview, wie man sich als nicht-kremltreuer Sender über Wasser hält ("In formaler Hinsicht sind wir absolut gesetzestreu") und wie es um die freie Presse in Russland bestellt ist: "In professioneller Hinsicht kann man frei sprechen, mit einer Ausnahme: das Fernsehen. Für die russischen Behörden gehört das Fernsehen nicht zu den Medien. Es ist eine Hilfstruppe, eine Division des Militärs, eine Propagandaabteilung... Ich glaube, dass die Leute in Russland sich sehr stark selbst zensieren. Alle Themen, über die ich gesprochen habe, sind mit Angst verbunden. Wir wissen nicht, was unsere Kollegen wirklich können. Wir sehen sie im Fernsehen, lesen sie in der Zeitung, hören sie im Radio und es ist offensichtlich, dass sie nicht das tun, was sie eigentlich könnten. Russland hat praktisch keine investigativen Journalisten. Anna Politkowskaja war die letzte."
Stichwörter: Politkowskaja, Anna, Wasser

Magazinrundschau vom 03.08.2010 - Eurozine

"Wir verlassen die diskursive Sphäre der Massenmedien nie, wir blättern nur um oder wechseln den Sender." In einem aus der aktuellen Printausgabe von A Prior Magazine übernommenen Interview geht der britische Künstler Victor Burgin (mehr hier und hier) mit der derzeit angesagten dokumentarischen Kunst hart und wortreich ins Gericht. Am Schluss aber ist er sprachlos, als seine Gemüseverkäuferin ihm die Dominanz der von den Medien propagierten Wirtschaftstheorien über die Kunst und das Leben aufzeigt. "Ich ging in den Bioladen um die Ecke, um Süßkartoffeln zu kaufen. Ich hatte in der vorherigen Woche welche gekauft, und als Ursprungsland war Spanien angegeben. Ich nahm mir zwei und ging zur Kasse, als ich bemerkte, dass der Hinweis auf das Ursprungsland fehlte. Ich fragte die Frau hinter dem Tresen, ob diese Kartoffeln auch aus Spanien seien. 'Sie sind aus Israel', sagte sie. 'Dann will ich sie nicht', sagte ich. 'Oh', sagte sie, 'die Bauern sind nicht die Regierung. Die wollen doch nur Geld verdienen, wie wir alle.' Sie sagte das in einem Ton und mit einer Miene, die klar machte, dass sie überzeugt war, dass dieses Argument eine Erwiderung ausschloss - und tatsächlich war ich sprachlos. Was konnte ich sagen? 'Geld zu verdienen', das ist unser grundlegendes Verlangen und unveräußerliches Recht, das ist es, was jedes atomische Individuum mit 'allen' verknüpft - welche Hoffnung gibt es da noch für die Kunst oder die Universität, wenn dieses Denken obsiegt?"

Tomas Venclova erzählt in einem sehr schönen Text die litauische und zum Teil polnische und ruthenische Geschichte von Vilnius.

Magazinrundschau vom 25.05.2010 - Eurozine

Der norwegische Journalist Sven Egil Omdal zeichnet in einem umfassenden Artikel für Samtiden (von Eurozine ins Englische übersetzt) die gegenwärtige Krise der Presse am Beispiel der norwegischen Zeitungsindustrie nach. Dabei seien nicht nur die Finanzkrise und das Internet Schuld an den sinkenden Einnahmen und Leserzahlen, sondern auch die Branche selbst habe einerseits zu spät auf die Entwicklungen reagiert, andererseits mit falschen Zahlen kalkuliert. Damit mögliche Rettungsmaßnahmen wie die Anpassung an die neuen Technologien, Fusionen der Medienunternehmen oder massive Einsparungen nicht unweigerlich zu einer Minderung der journalistischen Qualität führen werden, diskutiert ein vom norwegischen Kulturministerium eingesetztes Komitee über Möglichkeiten staatlicher Unterstützung der Medien. Der wichtigste Impuls, so Omdal, sei die Überlegung, die Subventionen vom Produkt direkt auf den Produzenten zu verlagern. Individuell geförderte Journalisten müssen somit nicht ausschließlich für ein Medienunternehmen arbeiten, sondern können ihre Dienste verschiedenen Informationsdiensten zur Verfügung stellen. Die Sorge um eine Einschränkung der Pressefreiheit habe das bereits erprobte Modell nicht bestätigt: "In der ganzen Welt wird der investigativste Journalismus bereits von freiberuflichen Journalisten, die ihr Einkommen aus verschiedenen Quellen erhalten, durchgeführt. Viele von ihnen schließen sich zu Redaktionskollektiven, Genossenschaften oder Bürogemeinschaften zusammen, um die Qualität der traditionellen Redaktionen nachzuahmen. Es gibt kleine, aber ermutigende Anzeichen für eine Renaissance im Schatten der alten Druckerpressen, die sich langsam zum Stillstand hin abschleifen."

Magazinrundschau vom 11.05.2010 - Eurozine

Der slowakische Journalist Martin M. Simecka und der ungarische Architekt Laszlo Rajk waren in jungen Jahren Dissidenten unter den kommunistischen Regimen ihrer Länder. Außerdem waren sie beide Söhne überzeugter Kommunisten, die wegen abweichlerischer Meinungen verurteilt worden waren: Milan Simecka 1968, Laszlo Rajk senior 1949. Die Söhne unterhalten sich über ihre Väter und über die Frage, warum es bis heute schwer ist, Dissident zu sein.

Dazu Martin M. Simecka: "Ich war praktisch mein ganzes Leben umgeben von ehemaligen Kommunisten, die ja immer charmante Menschen sind. Meine Frau Marta kommt aus einer kommunistischen Familie: ihr Vater war während des Zweiten Weltkriegs in Moskau und in den Fünfzigern Chefredakteur der kommunistischen Zeitung. Wir kommen alle aus kommunistischen Familien. Unsere Familien waren Opfer anderer Kommunisten, böser Kommunisten. Sogar heute finde ich es problematisch zu sagen, ich sei ein Antikommunist. Ich mag dieses Wort nicht. Ich hatte einen Mordskrach mit Adam Michnik über die Kundera-Affäre [die Simecka in seiner Zeitschrift Respekt publik machte], und er sagte zu mir: 'Weißt du, was mit dir los ist? Du gehörst jetzt zu den Antikommunisten. Das ist die schlimmste Sache von der Welt.' Es gibt sie also immer noch, diese linke intellektuelle Mafia in Europa, wenn ich mal so sagen darf. Es gibt eine tiefe Verbundenheit, nicht nur gemeinsame Erfahrungen, aber eine Weltsicht, ein Bekenntnis zu sozialer Gleichheit und Freiheit, die natürlich viele Kommunisten am Anfang teilten. Es ist an der Zeit, diese Fragen aus einer neuen Perspektive zu diskutieren, vor allem jetzt, wo die Linke in Europa an Ideenmangel leidet und nicht mehr die Freiheit verteidigt."

Laszlo Rajk: "Es gibt zwei fundamentale Elemente in der politischen Wende, die in der Vergangenheit wurzeln, und kein postkommunistisches Land konnte damit wirklich umgehen. Das sind die Privatisierung und die Nomenklatura. Jedes Land hat verschiedene Methoden der Privatisierung oder Teilprivatisierung probiert und keine war erfolgreich. Keine. (...) Man kann dieses Element nicht auslassen, wenn man über die Nomenklatura spricht und wie sie sich in die neue Ära katapultiert hat. Das sind zwei Schlüsselfragen, die das gegenwärtige politische Leben beeinflussen und es auch in Zukunft tun werden."