Magazinrundschau - Archiv

Il Foglio

72 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 8

Magazinrundschau vom 27.03.2007 - Foglio

Wie ein von ekelhaften Urwaldbräuchen angewiderter Ethnologe inspiziert Claudia Cerasa hier und hier die Kunden von Easy Jet und Ryan Air. "Der zwanghafte Billigflieger isst günstig, hat viele Newsletter abonniert, sucht immer nach Angeboten, London gratis, Paris zum halben Preis, Last Minute und Last Second, er weiß nicht, wie man das Interent sinnvoll nutzt, aber kauft über Ebay, er benutzt E-Banking, mag keine Kreditkarten. Im Rucksack ein Routard-Reiseführer für London von 2001/2002, Termine, Rabattmarken für Lokale, eine Einladung ins Steak House Picadilly, weitere Rabattmarken, Essensgutscheine, eine Marlboro Classic Jacke und Bücher, die irgendetwas mit dem Reiseziel zu tun haben." Bleibt nur zu hoffen, dass Cerasa den Besitzer des Rucksacks am Leben gelassen hat.

Außerdem porträtiert Ugo Bertone den Vorstandsvorsitzenden der T-Shirt-Firma American Apparel, Dov Charney, dessen Ruf unter Belästigungs- und Diskriminierungsvorwürfen leidet.
Stichwörter: Bertone, Ebay, Newsletter

Magazinrundschau vom 20.03.2007 - Foglio

Mit der weit fortgeschrittenen Vermengung von Erotik und Pornografie in der Postmoderne scheint die Prostitution ihre Aufgabe in der Gesellschaft zu verlieren, notiert Roberta Tatafiore beim Besuch eines Clubs, der eine Mischung aus Swingerclub und Bordell zu sein scheint. Der ehemalige Pornostar, der das recht bürgerliche Etablissement betreibt, "sammelt die Clubkärtchen ein und erklärt den Neulingen die Regeln. Paaren ist es verboten, sich zu trennen. Verboten ist es auch, sich mit mehr als vier Personen in die Separees zu verabschieden. Es ist verboten, Telefone oder Eintrittskarten mit den Aktpartnern zu tauschen. Für ihn ist Kondom Pflicht. Es erklärt sich von selbst, dass Alkohol, Drogen und Anmache anderer Besucher nicht gestattet sind."

Weiteres: Washington könnte sich vielleicht über Zack Snyders Comicverfilmung "300" aufregen, meint Siegmund Ginzberg, aber dass der iranische Kulturminister den Streifen über die Schlacht bei den Termophylen als Instrument einer "kulturellen und psychologischen Kriegsführung" geißelt, kann er nicht ganz nachvollziehen. Leonardo Luccone erinnert an den Literaturvermittler Roberto Bazlen (mehr), der nie selbst ein Buch veröffentlichte, aber in seinen Skizzen eine Vision vom perfekten Buch hinterließ.

Magazinrundschau vom 13.03.2007 - Foglio

Gabriella Mecucci erzählt die beiden großen Kunstraubfälle, die Italien derzeit beschäftigen, als Gaunergeschichte. Angeklagt sind die ehemalige Direktorin des Getty Museums, Marion True, und der Kunsthändler Giacomo Medici. "Alles begann 1964. Im Morgengrauen kreuzte das Fischerboot 'Ferri-Ferruccio' in den Gewässern der Adria, vor der Küste der Marken nahe Fano. Der Kapitän Romeo Pirani widmete sich den alltäglichen kleinen Aufgaben, bis er merkte, dass sich etwas sehr Schweres in den Netzen verfangen hatte. Zusammen mit den anderen Fischern holte er die Beute aufs Boot, und hervor kam, bedeckt von Algen und Schlamm, eine Statue, die sofort als Meisterwerk zu erkennen war: Die Füße und Beine waren abgebrochen, aber der Rest war in gutem Zustand. Sie verstanden, dass dies ihr Glückstag war, auch wenn sie noch nicht wussten, dass sie Lisippos Athleten gefunden hatten."

Weiteres: Jerzy Pomianowski entdeckt in dem vor 150 Jahren geborenen Joseph Conrad nicht mehr nur einen Chronisten des menschlichen Schreckens, sondern einen überzeugten Moralisten. Besprochen wird (etwas spät, sie endet am 15. März) eine Mailänder Schau, in der sich sechzehn italienische Künstler mit Kultfilmen wie Michael Manns "Collateral Damage" auseinandersetzen.

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Foglio

Ottavio Cappellani, dessen erster Roman "Wer ist Lou Sciortino?" auch hierzulande recht freundlich aufgenommen wurde, hat laut Mararosa Mancuso mit seinem Mafiaepos "Sicilian Tragedi" das vollbracht, woran sich Generationen von Kollegen erfolglos abgearbeitet haben. "An Shakespeare haben sich alle versucht, und in all den Jahrhunderten schien es aussichtslos, etwas Eigenes daraus zu machen. Ottavio Cappellani gelingt dieses Unterfangen, er verwebt 'Romeo und Julia' mit den Kriegen der Mafia, das elisabethanische Theater mit der griechischen Tragödie, die barocke Selbstdarstellung mit der Kostümkomödie, die Komik Nino Martoglios mit den Volksfesten, die von jenen 'Kulturbeiräten' organisiert werden, die schon wissen, wie man die Wählerschaft bei Laune hält."

Magazinrundschau vom 27.02.2007 - Foglio

Die beiden großen italienischen Verlage Mondadori und die Rcs-Gruppe gehen auf globale Einkaufstour, berichtet Ugo Bertone. Sie konzentrieren sich auf die totgesagten Zeitungen und Zeitschriften. "In einer Welt, die über Breitband und Satelliten läuft, haben sich die Medien in Italien offenbar für die Rolle als Papiertiger entschieden. Damit schwimmen sie gegen den Strom, in der Welt gibt es nicht viele, die sich für den Printbereich interessieren. Vielleicht deshalb, und das wäre die erste Erklärung, weil die anderen sich früher bewegt haben, während die großen Italeiner mit Streitigkeiten im eigenen Haus beschäftigt waren. Mit Sicherheit hat der Euro bewirkt, dass jetzt an internationale Zukäufe gedacht werden kann, die früher wegen der schwachen Lira außer Reichweite waren. Zudem beschäftigen sich die wahrhaft Großen immer weniger mit dem alten Papier, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihre Claims auf dem elektronischen Markt abzustecken."
Stichwörter: Bertone, Mondadori, Schwimmen

Magazinrundschau vom 13.02.2007 - Foglio

Michele Serra kehrt als Kommentator zur linken Tageszeitung l'Unita zurück und übernimmt die Kolumne des berühmten Fortebraccio. Seine Verwandlung in einen Gemäßigten will Stefano di Michele dem Satiriker und Starautor des gegenüberliegenden politischen Lagers nicht so ohne weiteres abnehmen. "Der aufmerksame Bürger ist sicherlich ein illustrer Schriftsteller und genialer Journalist und vielfältiger Autor - der heute russische Flügel auf Raten kauft, und sich dabei selbst kommentiert, wie er russsische Flügel auf Raten kauft - aber vielleicht spürt man am Grunde zwischen Militanz und Gelehrsamkeit noch etwas nachklingen, wie eine tollkühne Peperonata (Rezept) am späten Abend oder ein unvergessliches Dessert bei einem denkwürdigen Gelage. Zwischen dem progressiven Kommentator und dem militanten Kommunist bleibt eine Kluft, und Abgründe sind anziehend, wie man weiß. Seine grundlegende Verfassung könnte man sicher so beschreiben wie es Serra selbst getan hat, "mit einem Mönch, dem das Kloster weggebombt wurde und der nun in die Welt hinauszieht"."

Weitere Artikel: Claudio Cerasa sinkt hier und hier vor dem Genie des Apple-Chefs Steve Jobs auf die Knie und dankt ihm für die Farben und die Musik, die er in die Computerwelt gebracht hat. Francesco Cundari zerpflückt noch einmal ausführlich die seit kurzem ehemalige Sportministerin Giovanna Melandri, die ziemlich unnötigerweise, aber ausdauernd über einen Besuch in Flavio Briatores afrikanischer Villa gelogen hat, bis ein Beweisfoto auftauchte. Besprochen wird eine Ausstellung zum Reisepoeten Bruce Chatwin in Rom.

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - Foglio

Nach 64 Jahren dreht Carlo Lizzani nun einen Film über das Massaker von Meina, den Beginn des Holocaust in Italien, berichtet Paola Bacchiddu. SS-Einheiten töten am 22. September 1943 sechzehn Menschen am Lago Maggiore. "Während der gesamten Nacht, und während des darauf folgenden Tages, verschmolz das Dröhnen der Pritschenwagen der SS, die immer zwei Gefangene abholten, mit dem Lärm im Erdgeschoss. Die nationalsozialistischen Soldaten schrieen, sangen und betranken sich. Die anderen Gäste des Hotels saßen an ihren Tischen, wie jeden Tag. Als wäre nichts geschehen. Danach kam alles zur Ruhe: in der Herberge wurde es still, das Grammofon schwieg, das Radio verstummte, das Zimmer oben im vierten Stock leerte sich. Etwas tauchte aber auf, aus dem Wasser des Sees. Bei Pontecchio, vor dem Straßenwärterhäuschen trieben die weißen und aufgedunsenen Körper der vor ein Tagen mit Eisendraht Erdrosselten."

Magazinrundschau vom 23.01.2007 - Foglio

Sigmund Ginzberg interessiert sich aus gegebenem Anlass für die Exekution durch den Galgen und stößt etwas pikiert auf reichhaltige Literatur, allen voran das Handbuch des Hängens des nordirischen Autors und Zola-Übersetzers Charles Duff. Der Untertitel sagt alles: "Eine kurze Einleitung in die Kunst des Hängens, mit viel nützlicher Information über das Brechen des Genicks, Erdrosseln, Erwürgen, Ersticken, zum Köpfen und den Tod durch Stromschlag; Daten und Kniffe zum Henkerhandwerk, mit der Methode des seligen Mr. Berry und seiner bahnbrechenden Liste der Fallhöhen; zusätzlich mit einem Bericht der großen Exekutionen in Nürnberg; eine Rechentabelle für Henker, und viele andere Gebiete wie die Anatomie des Mordes." Christopher Hitchens hat die Einleitung zu einer Neuauflage in der Klassikerreihe der New York Review of Books geschrieben.

Edoardo Camurri beendet die auch in Italien mit Leidenschaft geführte Wertedebatte mit einer subtilen Anmerkung. "Wer den Verlust der Werte in der gegenwärtigen Gesellschaft beklagt, tut das in der Annahme, selbst noch welche zu besitzen. Und weil alle den Verlust der Werte beklagen, heißt das, dass wir alle noch mehr als genug Werte haben und dass das Problem vielleicht nicht deren Abwesenheit, sonderen deren ständige Präsenz ist."

Weiteres: Claudio Cerasa bricht eine Lanze für die Fettleibigkeit. Alfonso Berardinelli erinnert an den vor vierzig Jahren gestorbenen Literaturtheoretiker Giacomo Debenedetti, dem Italien seine geheimnisvollsten und erhellendsten Texte zur Interpretation des Romans verdankt. Giulio Meotti liest Michael Kazins Biografie über den dreifach erfolglosen Präsidentschaftskandidaten William Bryan und ist erst hier und dann hier überzeugt, dass dessen Infusion von biblischer Vorhersehung ins politische Geschäft alle Präsidenten nach ihm geprägt hat.

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Foglio

Ugo Bertone schildert den hässlichen Erbfolgekrieg der zwei mächtigsten Casino-Mogule von Macao, den Geschwistern Stanley und Winnie Ho - 85 und 83 Jahre alt, aber kein bisschen friedlich. Es geht um viel Geld. "Stanley, der, bevor die amerikanischen Tycoons 2003 nach Macao strömten, alleine für ein Drittel des Steueraufkommens in Macao zuständig war, ist der Kopf des Glücksspielgeschäfts in dem Stadtstaat. Aber nur er, mächtig und alles andere als konfliktscheu, kann es mit seiner teuflischen Schwester aufnehmen, die bis 2001 im Imperium der Glücksspielhäuser der Familie als oberste Richterin fungierte. Dann wurde sie in den Ruhestand gezwungen. Kalt gestellt, aber nicht ausgeschaltet, wenn man die dreißig Verfahren betrachtet, die sie seitdem gegen den Bruder angestrengt hat."

Fabio Sindici schaut mit unverhohlenem Neid auf Londons zeitgenössische Kunstszene, deren unbestrittenes Zentrum die sensationell erfolgreiche Tate Modern ist. "Die Tate Modern schlägt alle anderen Museen moderner Kunst. Hier werden mehr Tickets verkauft als im Moma in New York, als im Guggenheim in Bilbao und im alten Centre Pompidou in Paris. Mehr als 150 Millionen Euro werden so pro Jahr eingenommen. Der Beitrag der kulturellen Institutionen Englands zum Bruttososzialprodukt, kombiniert mit denen des privaten Sektors, beläuft sich auf mehrere Milliarden. Da sollte sich Italien ein Beispiel nehmen."

Weiteres: Stefano di Michele widmet der Journalistin Lucia Annunziata, die hierzulande durch ein hitziges Interview mit Silvio Berlusconi bekannt wurde, ein bissiges Porträt, in dem er sie als machtbewusste "Äbtissin" charakterisiert. Pasquale Rinaldis erinnert an den jüdischen Schauspieler Herschmann Steinschneider, der unter dem Namen Eric Jan Hanussen als rhetorischer Berater für Adolf Hitler arbeitete und 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft von der Gestapo ermordet wurde. Dass einige Bienen keine genmanipulierten Pflanzen bestäuben wollen, nimmt Alessandro Giuli als böses Omen der menschlichen Hybris. Manuela Madamma meditiert zweiseitig (hier und hier) über den Beitrag der Drogen zur Literatur, von den Griechen zu William Burroughs.

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Foglio

Das Museum für Moderne Kunst in Palermo ist nicht mehr im Teatro Politeama untergebracht, einem hundertjährigen Provisorium mit Feuerwehrstation im Erdgeschoss. Der sizilianische Maler Bruno Caruso nimmt den lange angekündigten Umzug in das wunderschöne ehemalige Kloster St. Anna zum Anlass, der recht eigenwilligen Sammlung seine gutmütig-bissige Referenz zu erweisen. "Haben Sie Geduld, wenn Sie keine Bilder von Klimt, Schiele, von James Ensor oder Bonnard und Vuillard und auch keine Impressionisten finden. Was unerklärlicherweise (und glücklicherweise) fehlt sind die Künstler des faschistischen 20. Jahrhunderts. Ihre völlige Vernachlässigung ist vielleicht ein Zeichen des sizilianischen Zweifels am Regime. Unser Museum ist das einzige italienische Museum ohne einen Sironi. Es fehlt eigentlich die ganze italienische Malerei des 20. Jahrhunderts (mich eingeschlossen), und offenbar auch die europäische Malerei, die Metaphysiker, die Surrealisten, die Abstraktionisten wie Klee und Kandinski, die Neoplastizisten wie Mondrian..." Loredana Cacicia verrät gleich darunter, was das Museum denn nun zeigt.