Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

450 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 45

Magazinrundschau vom 02.09.2025 - Guardian

Eine ziemlich deprimierende Lektüre: Phil Hoad schreibt über die Filmindustrie der Gegenwart im Zeichen von Streaming (und demnächst AI). Wie groß der Einfluss der Algorithmen auf die Filmproduktion tatsächlich ist, ist schwer zu sagen. In jedem Fall werden die Streamingdienste mehr denn je von gleichförmigem, aggressiv mittelmäßigem Content überflutet. Die Hoffnungen, die einst hier und da in die neuen Vertriebswege gesetzt wurden, haben sich gründlich zerschlagen: "Es gab einmal die Vorstellung, dass Streaming-Dienste - mit der Hilfe unbegrenzten Speicherplatzes und entsprechend ausufernden Katalogen - neue Zielgruppen für weniger bekannte Filme finden würden. Doch in einer Analyse der Netflix-Nutzungsdaten zwischen 2016 und 2019 fand der unabhängige Forscher Stephen Follows heraus, dass das Unternehmen noch stärker auf eine Handvoll großer Titel angewiesen ist als das Kino mit seinen Ticketverkäufen: Die obersten sieben Prozent der Netflix-Titel in den USA machten 50 Prozent der Aufrufe aus (im Vergleich zu 41 Prozent der Kinoumsätze für die obersten sieben Prozent der Kinofilme). Das Problem ist nicht so sehr, dass Filme von Algorithmen gemacht werden, sondern vielmehr, dass der Algorithmus durch die kontinuierliche Bestätigung der dominanten Filmästhetik selbst eine verflachende, verrohende Wirkung auf unseren allgemeinen Geschmack hat. (…) 'Streaming-Unternehmen haben nicht nur keinen Anreiz, inhaltliche Vielfalt im Filmgeschäft zu fördern', sagte Ted Hope, 'sondern sie haben auch das vorher bestehende Geschäftsmodell zerstört, das Vielfalt überhaupt erst möglich machte.' Wenn Netflix oder ein anderer Streaming-Dienst einen Film kauft, verlangt er für gewöhnlich, dass er zum alleinigen weltweiten Distributor wird; dieses Modell begünstigt von Natur aus massenmarkttaugliche Produkte, die sich in vielen Gegenden durchsetzen werden. Es hat die alte Taktik, Verwertungsrechte stückweise in einzelnen Territorien vorzuverkaufen - die oft die einzige Möglichkeit war, unabhängige Filme zu finanzieren - obsolet gemacht."

Magazinrundschau vom 25.08.2025 - Guardian

Sind "Babyklappen", also Einrichtungen, die es Müttern - oder wem auch immer - ermöglichen, Säuglinge anonym bei medizinischen Institutionen abzugeben, wo sie dann zumeist Adoptivfamilien zugeführt werden, sinnvolle Einrichtungen? Laura Spinney untersucht diese Frage aus verschiedenen Perspektiven. Wissenschaftliche Untersuchungen jedenfalls lassen Zweifel aufkommen. Es gibt "Hinweise darauf, dass Babyklappen genau das fördern, was sie eigentlich verhindern sollen. Als die dänische Regierung darüber beriet, ob sie eingeführt werden sollten, beauftragte sie Laura Navne und Marie Jakobsen vom Dänischen Nationalen Zentrum für Sozialforschung in Kopenhagen mit einer Untersuchung der Auswirkungen von Babyklappen in zehn wohlhabenden Ländern. Das überraschende Ergebnis, veröffentlicht 2021, lautete: 'Babyklappen erhöhen die Häufigkeit von Kindesaussetzungen.' Die Regierung entschied sich daraufhin gegen ihre Einführung. Das dänische Ergebnis deckt sich mit jüngsten historischen Forschungen in Italien, die zeigen, dass die Aussetzungsraten sanken, nachdem die Findelräder, Vorläufer der Babyklappen, im 19. Jahrhundert abgeschafft wurden. Diese wurden einerseits von armen Familien mit mehr Kindern, als sie ernähren konnten, genutzt, andererseits stellten sie eine geheime, gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit dar, unehelich geborene Babys loszuwerden. Damit verfestigten sie das Stigma unverheirateter Mütter, während Väter nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Heutige Babyklappen existieren in einem anderen kulturellen Kontext, erfüllen aber laut den Autorinnen der Studie ebenfalls diese doppelte Funktion - den Schutz von Säuglingen und gleichzeitig die Aufrechterhaltung eines Systems, das die Ursachen von Kindesaussetzungen nicht an der Wurzel bekämpft."
Stichwörter: Babyklappen

Magazinrundschau vom 29.07.2025 - Guardian

Barbara Speed erzählt die Geschichte der Jesus Army, einer insbesondere in den 1990er Jahren prominenten britischen Sekte, die in der Öffentlichkeit lange verharmlost, aufgrund ihrer sozialen Aktivitäten gar glorifiziert wurde. Speed porträtiert insbesondere Philippa Barnes, eine junge Frau, die seit ihrer frühen Kindheit Teil der Sekte war und lange brauchte, um sich von der Gruppierung zu lösen - selbst nachdem ihr Vater und sie im Zuge eines Missbrauchsskandals in Konflikt mit der Sektenführung geraten waren. Warum fiel ihr und vielen anderen der Austritt so schwer? "In der öffentlichen Vorstellung sind Kulte hermetisch geschlossene Gemeinschaften, die ihre Mitglieder physisch von der Außenwelt abschotten. Die Jesus Army behauptete jedoch, anders zu funktionieren: Mitglieder durften zur Schule gehen, arbeiten und außerhalb der Gemeinschaftshäuser wohnen. Doch ähnlich wie ein missbräuchlicher Partner Kontrolle über alle Lebensbereiche eines Opfers ausübt, hatte der Sektengründer Stanton ein System mentaler und emotionaler Kontrolle aufgebaut, das auf einer gängigen Sektentaktik beruhte: die schrittweise Trennung der Mitglieder von der restlichen Gesellschaft, von Familienangehörigen und sogar voneinander. Die durchbrochenen Bindungen wurden durch einen einzigen Bezugspunkt ersetzt: die Sektengemeinschaft. Da es keinen anderen Ort mehr gab, an den sie sich wenden konnten, verstärkten alle Gefühle von Angst und Stress, die durch das Leben in der Organisation ausgelöst wurden, letztlich nur die Bindung an sie. Das hilft zu erklären, warum Philippa und ihre Eltern nach dem Prozess und der Verurteilung durch die Leitung dennoch in der Gemeinschaft blieben. 'Eigentlich hätten wir damals gehen müssen', sagte sie. 'Aber es kam uns gar nicht in den Sinn. Wir hatten ein lebenslanges Versprechen abgegeben.' Ihre Wohnungen, Arbeitsplätze, Freundschaften und ihr Besitz waren vollständig mit der Gruppe verflochten. Wer die Gemeinschaft verließ, wurde geächtet - die übrigen Mitglieder durften nicht mehr mit ihnen sprechen oder ihnen schreiben, und bei den Gottesdiensten wurden Lieder über ihren Verrat gesungen."
Stichwörter: Sekte, Jesus Army, 1990er

Magazinrundschau vom 22.07.2025 - Guardian

Der französische Autor Emmanuel Carrère begleitet Emmanuel Macron zum diesjährigen G7-Gipfel in Kanada. Der französische Präsident ist entspannter und besser gelaunt, als man angesichts seiner diversen Probleme zu Hause und in aller Welt erwarten würde. Zweifellos hat sich jedoch in den letzten Jahren einiges verändert, was die Welt der Spitzendiplomatie betrifft: "Als Präsident Valéry Giscard d'Estaing im Jahr 1975 die G7 - damals noch die 'Gruppe der Sechs' oder G6 - ins Leben rief, vereinten die teilnehmenden Länder (die USA, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Deutschland, Italien und Japan) rund 75 Prozent des weltweiten BIP auf sich. Heute ist dieser Anteil auf etwa 35 Prozent gesunken. 'Früher waren wir der Vorstandsvorsitzende', fast Macrons diplomatischer Berater Emmanuel Bonne zusammen. 'Heute sind wir nicht einmal mehr Mehrheitsaktionäre.' Umso wichtiger ist es für diese Länder, wenn sie nicht völlig von der Bildfläche verschwinden wollen, eine Lösung zu finden oder sich zumindest auf eine gemeinsame Haltung zu den großen Probleme der Welt zu einigen: Ukraine, Naher Osten, Umwelt, Zölle - das Thema ist egal, an Elefanten im Raum mangelt es nicht. Ziel des Gipfels war es daher stets, eine gemeinsame Erklärung zu verabschieden, die lediglich politischen Willen, eine Richtung und gemeinsame Zielsetzungen zum Ausdruck bringt. Normalerweise sollte das nicht allzu schwierig sein, doch seit Trump 2 ist es das geworden - insbesondere beim Thema Klima. Bis vor Kurzem war es noch völlig unproblematisch, zu sagen, dass die Erderwärmung eine große Bedrohung darstellt und ihre Bekämpfung absolute Priorität hat - genauso wie zu sagen, dass man gegen Krieg, für Frieden oder für mehr Gerechtigkeit ist. Man konnte es einfach aussprechen, ob man dann entsprechend handelte oder nicht, spielte zunächst keine Rolle - es kostete nichts. Diese Zeiten sind vorbei. Da der 'Herr der Welt' meint, das Klima sei kein Problem, kann man es sich nicht einmal mehr symbolisch auf die Tagesordnung setzen. Selbst das Wort 'Klima' ist mittlerweile ein Tabu."

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - Guardian

Amanda Coakley rekonstruiert noch einmal den jüngeren Lebensweg Karin Kneissls, der ehemaligen österreichischen Außenministerin im Kabinett Kurz, die Schlagzeilen machte, als Putin ihre Hochzeit besuchte - und die inzwischen selbst in Russland lebt. Was genau macht sie da eigentlich? Sie hat, weiß Coakley, "ihren Platz gefunden. Im Juni 2024 sagte sie gegenüber einer staatlichen Nachrichtenagentur, dass der Westen Pläne habe, Russland zu zerschlagen, 'so wie einst die Föderation Jugoslawien aufgeteilt wurde'. Während diese Aussage in Europa kaum Beachtung fand, wurde sie in Russland als ernste Warnung einer echten politischen Insiderin dargestellt. Die Schlagzeile lautete: 'Ehemalige österreichische Außenministerin Kneissl bestätigt westliche Pläne zur Zerschlagung Russlands'. Weitere jüngste Schlagzeilen lauteten etwa: 'Putin hatte Recht 2023 bezüglich der Wirtschaft - Ex-Außenministerin Österreichs" und Anfang diesen Monats: 'Ex-Außenministerin Österreichs rät Russen, romantische Vorstellungen über Westeuropa aufzugeben'." Kneissls Vorliebe für alles Russische erstreckt sich auch auf andere Gebiete: "Gegen Ende des letzten Jahres übernahm sie ihre neueste Rolle als Botschafterin für den Schutz der Sibirischen Tiger; ein Anliegen, das Putin am Herzen liegt - und auch Kneissl. Die staatlichen Medien berichteten im Dezember, dass sie während eines kürzlichen Besuchs in einem Nationalpark einen Tiger gesichtet habe. In einem kurzen Interview nutzte sie die Gelegenheit, um einen wenig schmeichelhaften Vergleich zwischen der europäischen und der russischen Einstellung gegenüber solchen Raubtieren zu ziehen. In Russland, sagte sie, würden 'Bären, Wölfe, Tiger nicht als 'Problembären, Problemwölfe' bezeichnet'. 'Sie sind Teil des Lebens. Darin sehe ich ein Ja zum Leben in Russland.'"

Magazinrundschau vom 03.06.2025 - Guardian

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat das Thema Zivilschutz in ganz Europa Konjunktur. Vorreiter auf diesem Gebiet ist seit Jahrzehnten die Schweiz - das einzige Land, das, so zumindest die Theorie, im Ernstfall die gesamte Bevölkerung in Bunkern beherbergen könnte. Jessi Jezweska Stevens berichtet darüber, wie es dazu gekommen ist: Unter anderem machten "kulturelle Faktoren Bunker zu einer logischen Strategie. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten etwa, wo während des Kalten Krieges das Untertauchen unter die Erde oft verächtlich als schwach oder 'unamerikanisch' bezeichnet wurde, galten in der Schweizer Militärgeschichte die Berge und das Unterirdische stets als ein 'sicherer Ort'. Um das System der zivilen Bunker auszuweiten, musste die Regierung der Bevölkerung jedoch zunächst den enormen Aufwand schmackhaft machen - 1945 hatten nur etwa 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung Zugang zu einem Schutzraum. Frühe Propagandafilme und Zeichentrickfilme aus den 1950er- und 1960er-Jahren zeigten ein Murmeltier - gezeichnet oder gefilmt in friedlicher Umgebung zwischen alpinen Wildblumen -, das beim Anblick eines Adlers oder einer anderen Bedrohung am Himmel schnell in seinen Bau verschwindet. Ein späteres Video aus den 1960er-Jahren zeigt Bergpanoramen, tanzende Paare in der Disko und Kernfamilien, die friedlich um eine rot-weiß karierte Tischdecke versammelt essen. Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass Krieg und Krisen zwar 'weit entfernt' und auf das Fernsehen beschränkt erscheinen mögen und dass es so wirken könne, als sei das Schlimmste, was vom Schweizer Himmel fallen könne, ein 'Blumentopf' von einem Fenstersims - doch die Bedrohung durch Krieg sei in Wirklichkeit nur allzu real."
Stichwörter: Zivilschutz, Schweiz

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Guardian

Harry Shukman berichtet von seinen Undercover-Recherchen in rechtsradikalen Organisationen. Das Ziel seiner teils sehr riskanten Investigation bestand vor allem darin, mehr über die Finanzierungsnetzwerke der Rechten zu erfahren. Aber gleichzeitig lernte er auch etwas über die Beweggründe von Menschen, die sich rechten Vereinigungen anzuschließen: "Was die einfachen Mitglieder rechtsextremer Organisationen betrifft, so fiel mir besonders ihre große Einsamkeit auf. In Diskussionsrunden, in den Pubs, bei geheimen Treffen auf dem Land sprachen viele davon, sich wie Verstoßene zu fühlen. In den Gruppen hatte ich den Eindruck, dass für die meisten weniger die politische Auseinandersetzung im Vordergrund stand als vielmehr das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Sie schilderten eintönige Arbeitstage in belanglosen Jobs und Abende, an denen sie stundenlangen faschistischen Livestreams lauschten. Auf Konferenzen schienen viele kaum den Vorträgen zu folgen - ich zählte regelmäßig die schlafenden Zuhörer, oft waren es mehr als zehn. Am meisten freuten sie sich auf die Kaffeepausen und das gemeinsame Bier nach den Veranstaltungen. Das Bedürfnis nach menschlicher Nähe ist ein häufiger Grund, den sie für ihren Weg in diese Kreise nennen - und eben dieses Bedürfnis macht es oft so schwer, sich wieder zu lösen, selbst wenn sie längst keinen Gefallen mehr an der Szene finden."

Magazinrundschau vom 15.04.2025 - Guardian

Shaun Walker erzählt die Geschichte eines Amerikaners namens Peter Herrmann, der im Alter von 16 Jahren als KGB-Agent angeworben wurde - von seinem eigenen Vater, den Peter bis dahin unter dem Namen Rudi Herrmann gekannt hatte. Alles beginnt mit einem Gespräch auf einer Parkbank: "Rudi erklärte Peter, dass das, was er ihm gleich erzählen würde, geheim bleiben müsse. Er dürfe es nicht mit seinen Freunden besprechen, und auf keinen Fall mit Michael, seinem jüngeren Bruder. Peter nickte, und Rudi begann: 'Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich bin kein Deutscher, und ich heiße nicht Rudi. Ich bin ein Tscheche namens Dalibor Valoušek, und ich arbeite für die Sowjetunion, für den KGB.' Seine Mission als Spion sei es, den Weltfrieden zu sichern, sagte er. Zwei Gedanken schossen Peter durch den Kopf. Jahrelang hatte er sich unfähig gefühlt, sich mit der Welt und den Menschen in ihr zu identifizieren. Teilweise lag das daran, da war er sich sicher, dass er außer seinen Eltern und seinem Bruder keine Familie hatte. Als ihm sein Vater von Großeltern, Onkeln und Tanten hinter dem eisernen Vorhang erzählte, fragte er sich, ob sich jetzt alles ändern würde. Gleichzeitig war das Geständnis seines Vaters ein Schock, der ihn körperlich erschütterte. Die Russen! Der KGB! Die Gedanken trafen ihn wie ein Blitz. (...) Rudi kam zum wichtigsten Teil des Gesprächs. 'Bist Du bereit, ein Geheimdienstoffizier wie ich zu werden?', fragte er. In Peters Kopf drehte sich alles, und er wusste nicht, was er denken oder sagen sollte. Aber er blieb äußerlich ruhig und nickte zustimmend."
Stichwörter: KGB-Spion, KGB

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - Guardian

Samanth Subramanian rollt die Produktions- und Rezeptionsgeschichte einer Fernsehserie auf, die in Dänemark im Jahr 2022 nicht nur das TV-Publikum, sondern auch die Politik in Atem hielt. "The Black Swan" war eine Versteckte-Kamera-Sendung, die zeigte, wie Amira Smajic, eine vermeintlich kriminelle Anwältin, mit zahlreichen Klienten - Mitglieder von Bikergangs, Geschäftsleute, andere Anwälte - diverse Verbrechen besprach (mehr in der SZ). Warum schlug die von Regisseur Mads Brügger kreierte Sendung derart hohe Wellen? "'Die Dänen sind komplett davon überzeugt, dass es in Dänemark keine Korruption gibt, und sie glauben auch an die Idee, dass Dänemark das 'Ende des Weges' ist', sagt Brügger und bezieht sich dabei auf die Vorstellung des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, dass 'das Erreichen von Dänemark' das Ziel jeder modernen Demokratie sei. ''The Black Swan' hat diese Illusion platzen lassen', so Brügger. 'Es war Dänemarks 'Red-Pill-Moment''. (...) 'Uns wird schon in jungen Jahren beigebracht, dass man das System nicht betrügt, weil man damit allen Menschen schadet', sagt Ane Cortzen, eine Fernsehmoderatorin und Schwester Brüggers. 'Steuerbetrug ist eines der schwerwiegendsten Verbrechen, die man begehen kann.' Kalle Johannes Rose, außerordentlicher Professor an der Copenhagen Business School, erklärt: 'Die meisten dänischen Skandale haben mit dem Staat zu tun - öffentliche Gesundheitsversorgung, öffentliche Banken, öffentliches irgendetwas. Die Menschen wollen sicher sein, dass ihre hohen Steuern richtig ausgegeben werden. Wenn sie dem System nicht vertrauen, zahlen sie ihre Steuern nicht, und dann fällt das ganze System wie ein Kartenhaus in sich zusammen.' 'The Black Swan' forderte die Zuschauer dazu auf, über ihren schlimmsten Albtraum nachzudenken: Was passiert, wenn all das, was nicht nur das reibungslose Funktionieren ihres geliebten Wohlfahrtsstaates ermöglicht, sondern auch das Wesentliche dessen ausmacht, was Dänen stolz macht, Dänen zu sein, kollabiert." Freilich sind auch Zweifel angebracht, ob bei der Produktion von "The Black Swan" alles mit rechten Dingen zuging, wie Subramanian im Anschluss bemerkt. Smajic, die in der Vergangenheit tatsächlich in kriminelle Geschäfte verwickelt war, spielte möglicherweise nicht durchgängig mit offenen Karten, und Brüggers Methoden sind medienethisch durchaus bedenklich.

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - Guardian

Joshua Leifer beschäftigt sich mit dem politischen Erbe Meir Kahanes, eines rechtsextremen Rabbis, der 1971 aus den USA nach Israel zog und zum Zugpferd einer radikalen Bewegung wurde, die unter anderem die Vertreibung aller Palästinenser aus Israel und den besetzten Gebieten forderte. Derartige ethnische Säuberungen waren für ihn eine "religiöse Verpflichtung (...): Die Anwesenheit von Nicht-Juden, so argumentierte er, verunreinige das Heilige Land und verzögere die Erlösung. Er stellte die Vertreibungen auch als eine demografische Notwendigkeit dar: Ohne solche Maßnahmen, darauf bestand er, gäbe es keine Möglichkeit, eine jüdische Mehrheit zu garantieren. Die Idee des Bevölkerungstransfers war dem zionistischen Denken nicht fremd. Jabotinskys Revisionisten hatten sie zeitweise befürwortet; Ben-Gurion hatte sie mit den britischen Mandatsbehörden besprochen. Doch nach der Gründung Israels, die zur Vertreibung und Flucht von etwa 700.000 Palästinensern führte - was die Palästinenser die Nakba, also Katastrophe, nennen -, war die Idee in der Öffentlichkeit kaum noch präsent. In den 1950er Jahren galt sie nicht mehr als politisch tragfähige Position. Kahane durchbrach dieses Tabu. Seine Sichtweise und insbesondere die religiöse Sprache, in der er sie formulierte, waren 'wohl beispiellos in der zionistischen Geschichte', schreibt Shaul Magid, ein führender Gelehrter des Judentums, in seiner jüngsten Studie über Kahanes Denken, sie 'gingen selbst über die maximalistischsten Revisionisten hinaus'." Kahanes eigene politische Karriere in Israel war nicht sehr erfolgreich. Heute jedoch ist der Kahanist Itamar Ben Gvir israelischer Minister für die Nationale Sicherheit Israels und versucht dessen Pläne umzusetzen.