Magazinrundschau

Ordnung und Chaos

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.04.2025. Atlantic staunt über den geradezu maostischen Kulturkampf, den Donald Trump gegen die "Kreative Klasse" entfacht hat. Dabei ist die "Kreative Klasse" jetzt auch noch von KI bedroht, lernt der New Yorker. La vie des idees erzählt von dem Gerücht, weiße Franzosen würden afrikanischen Männern ihren Penis stehlen. New Lines berichtet aus dem gefährlichsten Flüchtlingslager der Welt. In der Public Domain Review findet die Historikerin Eva Miller die ersten Wolkenkratzer im alten Babylon. Aktualne würdigt den in Bergen-Belsen ermordeten tschechischen Maler und Dichter Josef Čapek. Die LRB erkundet das saure Verhältnis der Grönländer zu Dänemark.

The Atlantic (USA), 15.04.2025

Trump führt einen Kampf gegen die sogenannte "Kreative Klasse", die Franklin Foer nicht so sehr an den so häufig bemühten Faschismus, sondern eher an Mao erinnert. Es geht gegen die "Wissensarbeiter der Gesellschaft, ihre kognitive Elite, die Gewinner des Turniers, das die amerikanische Meritokratie darstellt. Sie umfasst nicht nur Anwälte, Universitätsverwalter und Professoren, sondern auch Berater, Investmentbanker, Wissenschaftler, Journalisten und andere Angestellte, die im Informationszeitalter zu Wohlstand gekommen sind." Der Hass auf diese Klasse, der darin gipfelt, "ihre institutionelle Heimat und die Grundlage für ihren Lebensunterhalt zu zerstören", wuchs mit der Expansion eben dieser Klasse über die Jahre. "Dank des Babybooms explodierten die Universitäten in den späten 1960er Jahren und schufen eine riesige neue Professorenklasse. Dank Lyndon Johnsons 'Great Society' expandierte auch die Bundesbürokratie und schuf ein Heer von Sozialarbeitern, Staatsanwälten und Wirtschaftswissenschaftlern. Die Gesellschaft zeigte den Einfluss dessen, was Irving Kristol als 'die neue Klasse' bezeichnete. Kristol, der den Weg vom Trotzkismus zum Konservatismus gegangen war, schien diese Klasse verwerflich, weil sie wenig Interesse am Geldverdienen zeigte. Stattdessen strebte sie nach Macht und nutzte fortschrittliche Ideen als Deckmantel, um diese zu erlangen. Kristol zufolge nutzte die neue Klasse ihre Kontrolle über die Medien, die akademische Sphäre und die Regierung, um ihre eigennützigen Ideen in der Nation zu verankern. Jetzt also der Backlash, Ausdruck einer lange unterdrückten Wut, die dazu führt, "gleich die ganze Krebsforschung und das gesammelte Wissen über die Funktionsweise der Wirtschaft zu ignorieren. In gewisser Weise praktiziert Trump seine ganz eigene Form des Maoismus, eine Kulturrevolution gegen die Intelligenz - das, was die Kommunistische Partei Chinas denkwürdigerweise als 'stinkende neunte Klasse' bezeichnete. Obwohl Trumps Säuberungen im Vergleich dazu zahm sind, gibt es Parallelen. Wie Trump wollte Mao Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie im eigenen Land schaffen."
Archiv: The Atlantic

New Yorker (USA), 21.04.2025

Die aktuellen Debatten um künstliche Intelligenz lassen John Cassidy an die Ludditen denken, die im England des frühen 19. Jahrhunderts aus Angst um ihre Arbeitsplätze gegen die Textilmaschinen kämpften, auch gewaltvoll: "So kurz diese Zeit auch war, der Luddismus hatte enorme historische Bedeutung, da er die 'soziale Frage' stellte, wie sie später genannt wurde - wie man es schafft, die Legitimität eines ökonomischen Systems zu erhalten, in dem die Arbeiter die Wertschöpfung erbringen, aber den Launen des Marktes und den Privilegien des Kapitalismus untergeordnet waren. Diese grundlegende Herausforderung sollte die Politik des 19. Jahrhunderts in allen industrialisierten Ländern dominieren." Eine ähnliche Herausforderung steht uns auch jetzt bevor, erfährt Cassidy vom Wirtschaftswissenschaftler David Autor am M.I.T.: "'Das Problem der Wirtschaft gerade ist, dass die wertvollste Arbeit Entscheidungen von hochspezialisierten und -gebildeten Experten erfordert, die nicht notwendigerweise produktiver werden', sagt er. 'Das Resultat ist, dass wir alle eine Menge zahlen für Bildung, Gesundheitswesen, Rechtswesen und Design. Das ist gut für jene von uns, die diese Services leisten - wir zahlen hohe Preise, verdienen aber auch einen hohen Lohn. Aber viele von uns konsumieren diese Services nur. Sie sind auf der Verliererseite.' Würde A.I. dazu entworfen, die menschliche Expertise zu erweitern anstatt sie zu ersetzen, könnte sie weitere ökonomische Gewinne ermöglichen und Ungleichheit reduzieren, indem sie Möglichkeit für Arbeiten mit mittlerer Qualifikation schafft', so Autor. Seine große Sorge jedoch ist es, dass A.I. nicht mit diesem Ziel im Hinterkopf entwickelt wird. Anstatt Systeme zu schaffen, die menschliche Arbeiter in der echten Welt unterstützen - wie Notfallzentren - konzentrieren sich Entwickler darauf, die Performance anhand eng definierter Datensets zu optimieren. 'Die Tatsache, dass eine Maschine bei einem Datenset gut performt, sagt wenig darüber aus, wie sie im echten Leben funktionieren wird,' erklärt Autor. 'Ein Datenset geht nicht in die Arztpraxis und sagt, es geht ihm nicht gut.'"

Weiteres: Emma Green fragt, was nach dem Ende der Diversity, Equity & Inclusion-Programme an amerikanischen Colleges kommt. Amanda Petrusich porträtiert die Rockband Phish. Alex Ross bewundert auf New Yorker Bühnen Kurt Weills Musik für die "Drei Groschenoper" und "Love Life". Justin Chang sah im Kino David Cronenbergs Fim "The Shrouds" mit Vincent Cassel in der Hauptrolle. Lesen kann man außerdem die Erzählung "Jenny Annie Fanny Addie" von Adam Levin.
Archiv: New Yorker

La vie des idees (Frankreich), 08.04.2025

Immer wieder kursieren in westafrikanischen Ländern Gerüchte, dass Männern ihr Penis gestohlen worden sei. Der Anthropologe Julien Bonhomme hat zu diesem Thema im Jahr 2009 ein Buch vorgelegt und greift das Thema hier wieder auf, denn nun zeigt sich zum ersten Mal, wie aus dieser Art Gerücht, das den Hexereigerüchten verwandt ist, auch Fake News modelliert werden können, gefördert von Russen und gezielt gegen die Franzosen gerichtet und ganz besonders gegen Emmanuel Macron, der eine ganz besondere Projektionsfigur zu sein scheint. Das malische Internetmedium Bamada.net behauptete, dass Männern der Zentralafrikanischen Republik auf Geheiß Macrons systematisch die Penisse geraubt wurden. "Im weiteren gibt der Artikel die Gründe für die Verschwörung an: 'Es gibt sogar Gerüchte, dass der französische Geheimdienst, der von neokolonialem Hass und Eifersucht gegenüber Afrikanern erfüllt ist, geheime Nanotechnologien einsetzt, um die männlichen Attribute afrikanischer Männer zu stehlen und so den Bevölkerungsrückgang der Europäer auszugleichen.' Die rückläufige Bevölkerungsentwicklung des alten Kontinents sei auf eine sinkende Männlichkeit zurückzuführen, wie verschiedene angeblich maßgebliche, aber nicht referenzierte Quellen belegten: eine wissenschaftliche Studie in einer großen internationalen Fachzeitschrift, eine Umfrage über die abnehmende Häufigkeit von Geschlechtsverkehr oder auch 'medizinische Experten', die behaupten, das Phänomen treffe besonders 'weiße Franzosen'. Um der Bedrohung entgegenzuwirken, die diese Entmännlichung für die gesamte Gesellschaft darstelle, wurde ein wissenschaftliches Projekt von den 'französischen Sicherheitskräften' ins Leben gerufen. Diese hätten entdeckt, dass das männliche Sexualhormon 'aus den Geschlechtsteilen eines anderen Mannes gewonnen werden kann'. Die höchsten Testosteronwerte würden jedoch bei 'afrikanischen Männern' gefunden, insbesondere in der Zentralafrikanischen Republik." Solche Geschichten werden systematisch in die Welt gesetzt, so Bonhomme. Es gehe dabei, wie stets bei Fake News nicht unbedingt darum, dass die Menschen daran glaubten. Auf Facebook habe es viele Gegenstimmen gegeben, auch haben afrikanische Medien mit Factchecking reagiert, bis die Geschichte zurückgezogen worden sei - das Gift solcher Fakenews kann aber dennoch wirken, indem sie zu Polarisierung und Destabilisierung von Gesellschaften beitragen, schließt Bonhomme.

Die Soziologin Marie Mathieu legt im Gespräch mit Marie Le Clainche-Piel und mit sehr vielen genauen Zahlen dar, wie sich Abtreibung in den USA nach den immer restiktiveren Gesetzen und Praktiken in einigen Bundesstaaten verändert hat. Die Frauen haben inzwischen einige funktionierende Auswege gefunden. Vor allem wird viel stärker auf die Abtreibungspille RU 486 zurückgegriffen, die in den USA längst nicht so verbreitet war wie in Europa. "Auch ein neuer Dienstleisterstyp - 'virtuelle' oder reine Online-Kliniken - hat die Behandlungsmöglichkeiten erweitert, indem er über Telemedizin Abtreibungsdienste anbietet. Obwohl Abtreibungen in den USA nach wie vor überwiegend in physischen Einrichtungen durchgeführt werden, wurde von Oktober bis Dezember 2023 jeder fünfte Abbruch (18 Prozent) über Telemedizin durchgeführt. Darüberhinaus wird in Studien darauf hingewiesen, dass Personen, die einen Schwangerschaftsabbruch wünschen, die internationale Telemedizin (zum Beispiel 'Women on Web' nutzen, um medizinische Abtreibungspillen zu erhalten und ihre Schwangerschaftsabbrüche außerhalb des klinischen Rahmens selbst durchzuführen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation stellt diese Praxis kein Gesundheitsrisiko für Frauen dar."

New Lines Magazine (USA), 14.04.2025

Lidia Ginestra Giuffrida und Giammarco Sicuro berichten aus dem "gefährlichsten Flüchtlingslager der Welt" im nordsyrischen Al-Hawl. 39.000 Menschen leben hier, 95 Prozent sind Frauen und Kinder und die meisten von ihnen sind in irgendeinerweise mit dem Islamischen Staat verbunden. Die humanitäre Lage ist katastrophal, so Giuffrida und Sicuro, die Kindersterblichkeit laut der Organisation "Save the Children" sehr hoch. Das Lager, das unter der Schirmherrschaft der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) steht, einer kurdisch geführten Milizenkoalition, die seit Jahren gegen den Islamischen Staat kämpft, sei eine "tickende Zeitbombe": "Die sozialen Strukturen in dieser Zeltstadt spiegeln jene wider, die den Islamischen Staat fünf Jahre lang am Leben hielten. Viele der inhaftierten Frauen waren nicht nur Ehefrauen und Mütter, sondern auch Vollstreckerinnen, Foltererinnen, Sittenwächterinnen oder Ausbilderinnen. Doch nicht alle Frauen tragen die gleiche Schuld. Einige wurden gezwungen, sich der Gruppe anzuschließen (...) Für AANES, die 'Autonome Verwaltung Nord- und Ostsyriens' ist es nahezu unmöglich, zwischen echten Bedrohungen und Opfern zu unterscheiden - insbesondere, weil der Zugang zu einigen Lagerbereichen selbst für die Behörden eingeschränkt ist. 'Die Gefahr ist seit dem Tag nach dem Sturz des [Assad-]Regimes gewachsen', sagt Hanan. Die Menschen im Lager bezeichnen Hayat Tahrir al-Sham - die Miliz des heutigen syrischen Präsidenten al-Sharaa, die früher unter dem Nom de Guerre Abu Muhammad al-Jolani bekannt war - immer noch unter dem früheren Namen der Miliz, Nusra-Front, was ihre einstigen Verbindungen zu al-Qaida unterstreicht. 'In den letzten Wochen haben wir in Tunneln versteckte Waffen gefunden. Man sagt, al-Jolani werde kommen, um sie zu befreien.'"

Außerdem: Waleed Nasir beschreibt die Versuche der pakistanischen Regierung, die Beziehungen zu ihrem langjährigen Verbündeten, den USA, wieder zu kitten.

Guardian (UK), 15.04.2025

Shaun Walker erzählt die Geschichte eines Amerikaners namens Peter Herrmann, der im Alter von 16 Jahren als KGB-Agent angeworben wurde - von seinem eigenen Vater, den Peter bis dahin unter dem Namen Rudi Herrmann gekannt hatte. Alles beginnt mit einem Gespräch auf einer Parkbank: "Rudi erklärte Peter, dass das, was er ihm gleich erzählen würde, geheim bleiben müsse. Er dürfe es nicht mit seinen Freunden besprechen, und auf keinen Fall mit Michael, seinem jüngeren Bruder. Peter nickte, und Rudi begann: 'Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich bin kein Deutscher, und ich heiße nicht Rudi. Ich bin ein Tscheche namens Dalibor Valoušek, und ich arbeite für die Sowjetunion, für den KGB.' Seine Mission als Spion sei es, den Weltfrieden zu sichern, sagte er. Zwei Gedanken schossen Peter durch den Kopf. Jahrelang hatte er sich unfähig gefühlt, sich mit der Welt und den Menschen in ihr zu identifizieren. Teilweise lag das daran, da war er sich sicher, dass er außer seinen Eltern und seinem Bruder keine Familie hatte. Als ihm sein Vater von Großeltern, Onkeln und Tanten hinter dem eisernen Vorhang erzählte, fragte er sich, ob sich jetzt alles ändern würde. Gleichzeitig war das Geständnis seines Vaters ein Schock, der ihn körperlich erschütterte. Die Russen! Der KGB! Die Gedanken trafen ihn wie ein Blitz. (...) Rudi kam zum wichtigsten Teil des Gesprächs. 'Bist Du bereit, ein Geheimdienstoffizier wie ich zu werden?', fragte er. In Peters Kopf drehte sich alles, und er wusste nicht, was er denken oder sagen sollte. Aber er blieb äußerlich ruhig und nickte zustimmend."
Archiv: Guardian
Stichwörter: KGB-Spion, KGB

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.04.2025

Der Maler Ákos Matzon spricht im Interview mit Ádám Galambos über die Bedeutung von Unordnung und Zufall in seiner geometrisch geordneten Malerei: "In der Kunst gibt es immer die Dualität von Ordnung und Chaos. Für mich ist Ordnung wichtig, aber zu viel Ordnung kann manchmal unheimlich sein, es braucht ein wenig Verspieltheit, um nicht zu starr zu werden. (…) Dieser Ansatz gilt auch für mein Leben: Ich möchte das Leben nicht zu ernst nehmen, weil ich Angst vor der Erkenntnis habe, die der Ernst in Gänze mit sich bringen könnte. Gleichzeitig ist mir die Ordnung wichtig, denn sie gibt mir Halt in dieser verwirrten, chaotischen Welt. Ich suche und schaffe diese Ordnung in meiner Kunst. Die Struktur meiner Arbeit ist bewusst, ich habe einen grundlegenden Plan, an den ich mich halte, aber im Prozess bin ich immer offen für Veränderungen und lasse Raum für den Zufall. Oft bekommt ein Detail eine unerwartete neue Bedeutung, die dem ganzen Werk einen anderen Schwerpunkt gibt. Ich liebe diese Dualität: bewusste Bearbeitung und Intuition."

Public Domain Review (UK), 09.04.2025

Die Stadt der Zukunft nach Hugh Ferriss. Hier im Bild: das Viertel für Kunst und Kultur.

Die Historikerin Eva Miller taucht in einem reich und eindrucksvoll bebilderten Essay tief ein in die Ideen des Architekten und Architekturzeichners Hugh Ferriss, der vor knapp 100 Jahren mit seinem Band "The Metropolis of Tomorrow" nicht nur die Ästhetik der damaligen Wolkenkratzer ins Bild setzte, sondern auch seine Visionen für die Stadt der Zukunft festhielt. Und so modern die Wolkenkratzer zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch waren - sie hatten ihre Wurzeln wohl in der antiken Frühgeschichte. "Ferriss' dramatische Darstellungen sich übertürmender Wolkenkratzer und erhabener Perspektiven wurden, wie der Medienwissenschaftler Eric Gordon darlegt, das Mittel, an dem sich 'die gängige Vorstellung der amerikanischen urbanen Zukunft formte'. Sein Futurismus nahm Norman Bel Geddes vorweg und beeinflusste diesen, als er für die Weltausstellung 1939 in New York Futurama entwarf - aber auch Disneys Tomorrowland, die 'Jetsons' im Fernsehen und viele andere Prognosen der rational durchdachten Stadt mit erhöhten Schnellstraßen und Hubschrauberlandeplätzen. Und doch riefen Ferriss' nach vorne gewandte Visionen auch eine uralte Vergangenheit auf. Der pyramidenartige Wolkenkratzer, für den er plädierte, war, in seinen eigenen Worten, eine 'moderne Zikkurat', die monumentale architektonische Form alter mesopotamischer Städte. Das assyrische Reich und Babylonien waren, gelegen auf dem Gebiet des heutigen Irak, geopolitische Supermächte des ersten Jahrtausends vor Christus, Imperien, von denen in biblischen und klassischen Traditionen die Rede ist, von denen man einst dachte, dass sie an die zerstörerische Kraft der Zeit verloren waren. Doch ab Mitte des neunzehnten Jahrhunderts inspirierten die Ruinen der Zikkurat-Türme spekulative Rekonstruktionen. ... Ferriss war zweifelsohne nicht der Einzige, der darüber nachdachte, dass zwischen den urbanen Räumen im alten Babylon und in Assyrien eine Art Verbindung zu dem neuesten Stand der Moderne vorliegen könnte. Zu einer Zeit, als modern zu sein insbesondere in der Architektur oft bedeutete, jeglichen historischen Bezug abzulehnen, ist es bemerkenswert, wie sehr die Idee einer ursprünglichen urbanen Form die Visionen der Zukunft strukturierte." In Ferriss' Band "The Metropolis of Tomorrow" kann man auf archive.org blättern - es lohnt sich!

Aktualne (Tschechien), 09.04.2025

Petra Smítalová erinnert an den tschechischen Maler und Schriftsteller Josef Čapek, der vor achtzig Jahren im KZ Bergen-Belsen starb. Čapek gilt als einer der Begründer der modernen Kunst in der damaligen Tschechoslowakei. Vom Kubismus inspiriert, entwickelte er seinen eigenen Stil, der Verspieltheit und Minimalismus vereinte, er schrieb jedoch auch zahlreiche Bücher, arbeitete als Journalist, Dramatiker, Bühnenbildner und beschäftigte sich mit Kunstkritik und -theorie. Dabei arbeitete er eng mit seinem jüngeren Bruder, dem berühmten Schriftsteller und Dramatiker Karel Čapek, zusammen. Josef habe auch den Begriff "Roboter" erfunden, den sein Bruder Karel erstmals in seinem Theaterstück R.U.R. verwendete und der seither zum Allgemeingut gehört. In den 1930er-Jahren zeichnete Josef Čapek politische Karikaturen, in denen er Hitler und den Nazismus kritisierte, was ihn nach der Besetzung der Tschechoslowakei ins Visier der Gestapo brachte. Nach einer Verhaftungsaktion gegen die tschechische Intelligenz wurde er nach und nach in verschiedene Konzentrationslager deportiert, darunter Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen und schließlich Bergen-Belsen. Trotz der unmenschlichen Bedingungen habe Čapek sich seinen kreativen Geist bewahrt, schreibt Smítalová. Er verfasste in den Lagern heimlich Gedichte und übersetzte Lyrik aus dem Englischen, Spanischen und Norwegischen. Seine Gedichte kursierten in Kopien unter den Mithäftlingen und wurden später unter dem Titel "Gedichte aus dem Konzentrationslager" veröffentlicht. Nur wenige Tage vor der Befreiung des KZ Bergen-Belsen im April 1945 starb Čapek dort an Typhus. Seine Leiche wurde nie gefunden. "Josef Čapek hat die tschechische Kultur nicht nur mit seiner Kunst, sondern auch mit seiner moralischen Haltung gegenüber totalitären Regimen tief geprägt. Sein Werk wird wegen seiner Originalität und seiner humanistischen Dimension bis heute geschätzt", meint Petra Smítalová.
Archiv: Aktualne

London Review of Books (UK), 17.04.2025

Was halten die Einwohner Grönlands von Trumps Idee, die Insel zu annektieren? Nicht viel, erfahren wir in James Meeks ausführlichem Bericht über das Land im hohen Norden. Aber von Dänemark halten sie auch nicht viel, wie Meek erfährt: "Offiziell sieht sich Dänemark nicht in einer kolonialen Beziehung zu Grönland. Grönland hat beträchtliche Befugnisse, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln, und auf dem Papier haben die Grönländer innerhalb des dänischen Reichs (Dänemark, Grönland und die Färöer) die gleichen Rechte wie alle Dänen." Doch drei Dinge befeuern die Wut der Grönländer auf die Dänen: Da ist einmal die Behauptung, sie würden auf Kosten der dänischen Steuerzahler leben. Diese wurde gerade unterminiert durch den dänischen Dokumentarfilm "Greenland's White Gold" über eine Mine auf Grönland, die immer in dänischem Besitz war und das seltene Mineral Kryolith förderte. Die Filmemacherinnen haben die Geschäftsbücher des Unternehmens untersucht, um zu ermitteln, wie viel Geld die Mine und die Fabrik aus heutiger Sicht erwirtschaftet haben und wie diese Zahl im Vergleich zu den Beträgen steht, die die dänische Regierung im Laufe der Jahre für Grönland ausgegeben hat. In den 55 Minuten des Dokumentarfilms werden verschiedene Zahlen genannt, aber die auffälligste besagt, dass Kryolith 400 Milliarden Kronen in heutigem Geld einbrachte, was 45 Milliarden Pfund entspricht. Diese Zahl wurde auf dem grönländischen Facebook viel diskutiert. Erst vor drei Jahren strahlte der Sender DR einen Bericht darüber aus, wie der dänische Staat in den 1960er und 1970er Jahren grönländischen Frauen und Mädchen Spiralen einpflanzte, oft ohne ihre Zustimmung oder das Wissen ihrer Eltern. Von dem Spiralskandal waren mehr als 4500 Frauen betroffen, eine enorme Zahl in einem Land, das auch heute noch nur 57.000 Einwohner hat. Die Kombination dieser Geschichten - der Versuch der Kolonialmacht, durch ein geheimes Programm zur Geburtenkontrolle Geld bei den Sozialausgaben Grönlands zu sparen, während sie gleichzeitig still und heimlich Milliarden von Kronen zum eigenen Nutzen aus dem Land schaffte - erzürnte die Grönländer" und ließ die Dänen in den Augen vieler trumpmäßiger aussehen als Trump.