Magazinrundschau

Femicider war der präzise Begriff

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
03.06.2025. Le Grand Continent betrachtet die Laufbahn des neuen polnischen Staatspräsidenten Karol Nawrocki - und findet nur Skandale. Africa is a Country berichtet über die wachsende Zahl der Femizide in Kenia. Die LRB beobachtet, wie die Techkonzerne fette Beute mit Militärtechnologie machen, die sie nur noch vermieten. La vie des idees stellt mit Paulette Nardal eine Pionierin der "Négritude" vor. Words without Borders denkt darüber nach, wie Übersetzungen Sprachen verändern.

Le Grand Continent (Frankreich), 02.06.2025

Wer ist der neue polnische Präsident Karol Nawrocki? Olivier Lenoir stellt zehn Fakten über den PiS-Kandidaten zusammen, der die Wahlen haarscharf gewonnen hat. Die Zusammenfassung lässt einem die Haare zu Berge stehen, zugleich wirkt das hier entstandene Profil unangenehm bekannt: Nawrocki hat keine politische Laufbahn hinter sich, sondern war Boxer und Fußballer mit guten Verbindungen zu Hooligan und Neonazi-Kreisen. Während seiner politischen Karriere jagte eine skandalöse Enthüllung die nächste, so Lenoir: "Der jüngste Skandal brach wenige Tage vor der Stichwahl aus: Laut der Online-Zeitung Onet soll Nawrocki als Sicherheitsbeamter im Grand Hotel in Sopot, einem Badeort an der Ostsee, gearbeitet und an der Deckung eines Prostitutionsrings für Hotelgäste mitgewirkt haben." Lenoir dokumentiert außerdem eine besonders bizarre Episode, die sich im Jahr 2018 abspielte - und die Nawrockis Wähler anscheinend schon lange wieder vergessen haben: "Im Jahr 2018 trat ein gewisser Tadeusz Batyr, der gerade eine Biografie über einen Gangster aus Danzig veröffentlicht hatte, im lokalen öffentlich-rechtlichen Fernsehen TVP Gdańsk auf, das damals von der regierenden PiS betrieben wurde. Er lobte Karol Nawrocki, den damaligen Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs. Daraufhin schrieb dieser auf seinem Facebook-Account: 'Ich habe mehrere Jahre lang das organisierte Verbrechen studiert […] Tadeusz Batyr hat mich daher um Rat gefragt.' Doch im März 2025 kam die Überraschung: Der berühmte Batyr war in Wirklichkeit Nawrocki selbst, verkleidet mit einer Mütze und einer Brille. Während die beiden vorangegangenen Skandale einen Großteil der polnischen Öffentlichkeit hinsichtlich der öffentlichen Sicherheit und der Seriosität der Person des Präsidenten beunruhigten, ist die Batyr-Affäre geradezu grotesk und löste bei seinen Gegnern in den sozialen Netzwerken allgemeine Heiterkeit aus. Zu dieser x-ten Kontroverse in Nawrockis Wahlkampf könnten noch weitere Skandale hinzugefügt werden, wie die Tatsache, dass er angeblich eine Wohnung zu einem Spottpreis von einem bedürftigen alten Mann erworben hatte, dass er während seiner Präsidentschaft im Museum des Zweiten Weltkriegs der Vetternwirtschaft beschuldigt wurde und schließlich, dass die polnische Sicherheitsbehörde eine negative Stellungnahme zu seiner Ernennung zum Leiter des Instituts für Nationales Gedenken abgegeben hatte - die Präsident Duda zur Seite wischte."
Stichwörter: Nawrocki, Karol, Polen

Africa is a Country (USA), 29.05.2025

"Als ich 2021 nach Südafrika zog, gehörte das Land zu den tödlichsten Orten der Welt, um eine Frau zu sein. Mit einer der höchsten Femizidraten weltweit hatte die südafrikanische Regierung Ende 2019 eine Femizidkrise ausgerufen", erzählt Kari Mugo. Damals wurde in Südafrika alle drei Stunden eine Frau ermordet. "Vier Jahre später bin ich wieder in Kenia, wo eine sich ausbreitende Femizidkrise auch die internationalen Nachrichten beherrscht." Laut einem Polizeibericht würden jeden Monat in Kenia 44 Frauen getötet, mehr als eine pro Tag. Die Daten zu Gewalt gegen Frauen sind allerdings lückenhaft, zu viele staatliche Stellen, die wohl nicht immer miteinander arbeiten, sind zuständig. Auch werde betroffenen Frauen oft von einer Anzeige abgeraten. Man könnte trotz dieser Mängel mehr tun, findet Mugo. "Auch wenn eine zentralisierte nationale Datenbank noch in Vorbereitung ist, verfügen wir bereits über genügend Daten, um zu handeln. Da 60 Prozent der Femizide weltweit im häuslichen Bereich und vor allem durch Familienmitglieder und Intimpartner begangen werden, bedeutet die Bewältigung der kenianischen Femizidkrise auch eine Auseinandersetzung mit der Familie als Ort der Gewalt. Polizei und Justiz sind nicht in der Lage, unsere Häuser zu sicheren Orten für Frauen und Mädchen zu machen. Sich ausschließlich oder in erster Linie auf sie zu verlassen, bedeutet, sich der Verantwortung zu entziehen und blindlings die Arbeit zu verweigern, die erforderlich ist, um in patriarchalen Gesellschaften ein sicheres, gesundes und förderliches häusliches Umfeld aufzubauen und zu pflegen."

London Review of Books (UK), 05.06.2025

Laleh Khalili zeichnet die Geschichte des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes nach - insbesondere mit Blick auf jüngste Entwicklungen. "Obwohl sich die milliardenschweren Start-up-Gründer und Finanziers im Bereich Verteidigungstechnologie gerne als rebellische Außenseiter inszenieren, die gegen die Ungeheuer der Kongressaufsicht und untätige Pentagon-Bürokraten zu Felde ziehen, haben sich die Verhältnisse, was die Kontrolle über Technologie betrifft, nicht nur im zivilen, sondern auch im militärischen Bereich bereits grundlegend verändert. Anstatt dass das Pentagon - oder irgendeine andere öffentliche oder private Institution - die Software besitzt, für die es bezahlt, verwandeln Konzerne ihre Produkte heutzutage in 'Dienstleistungen'. Über ein Abonnementmodell behalten sie die Kontrolle über diese Services, was ihnen nicht nur kontinuierliche Lizenzeinnahmen sichert und ihnen erlaubt, die Software aus der Ferne zu aktualisieren oder zu reparieren (und sich dafür großzügig bezahlen zu lassen), sondern ihnen auch die Möglichkeit gibt, sie remote abzuschalten (wie Musk 2023 kurzzeitig den Zugang der Ukraine zu seinen Starlink-Satelliten kappte). Seitdem hat Musk die Lage weiter verunklart. Das Weiße Haus dient inzwischen als Werbekulisse für Tesla, Trump lässt sich neben den Autos ablichten; das Außenministerium plante die Beschaffung gepanzerter Teslas im Wert von 400 Millionen Dollar; und im Zuge von Trumps Zoll- und Handelsanordnungen drängen Marco Rubios Diplomaten andere Länder dazu, ihre regulatorischen Hürden für Satellitenkommunikation zu senken. In den diplomatischen Depeschen wird Musks Starlink namentlich erwähnt."

La vie des idees (Frankreich), 27.05.2025

Gwendal Châton: Calmann-Lévy, éditeur engagé, Paris 2024.
So glamourös die poststrukturalistischen Denker Frankreichs waren, sie haben doch in den parareligiösen Wahn des woken Denkens und des Postkolonialismus geführt, die neuesten Spielarten der extremen Linken. Und vorher tanzte die Welt nach der Flöte Sartres und anderer Moskau-Reisender. Übrigens hat Frankreich auch im Denken der extremen Rechten eine fatale Rolle gespielt, denn Autoren wie Alain de Benoist oder Renaud Camus prägen bis heute maßgeblich das florierende Schwadroneurstum dieser Schule in der ganzen Welt. Aber die Franzosen konnten zum Glück nicht nur radical chic. Sie haben mit einigen antitolitären Autoren von Raymond Aron über Albert Camus bis hin zu Francois Furet und den Neuen Philosophen auch das beste Gegengift parat. Gwendal Châtons Buch "Calmann-Lévy, éditeur engagé - Défendre l'antitotalitarisme dans la Guerre froide des idées" widmet sich nun diesem Strom des Antitolitären, der über Jahrzehnte im Verlag Calmann-Lévy gebündelt wurde. Raymond Aron leitete einige Reihen des Verlags, übrigens zusammen mit Manès Sperber einem anderen Heroen dieser Denkschule. Es ist etwas quälend, Robin Freymonds Besprechung dazu zu lesen, der nicht anders kann als all diese Autoren - inklusive der dort übersetzten Hannah Arendt! - verschiedenen Schattierungen der Rechten zuzuschlagen. Übrigens leistete das Haus auch Pionierarbeit im Nachdenken über den Antisemitismus. "Tief geprägt von der persönlichen Geschichte seiner Leiter, veröffentlicht der Verlag das 'Bréviaire de la haine' (Brevier des Hasses) von Léon Poliakov, 'das erste Werk, das sich systematisch mit der Politik der Vernichtung der Juden befasst'. Dieser Wunsch, 'über den Antisemitismus nach der Schoa nachzudenken', nimmt mit der Gründung der Reihe 'Diaspora' Gestalt an, die 'dem Judentum gewidmet' und einen großen Nachruhm verdient, denn hier haben beispielsweise Isaiah Berlin, Michael Walzer und natürlich Hannah Arendt veröffentlicht."

Léa Mormin-Chauvac: Les sœurs Nardal - À l'avant-garde de la cause noire, Paris 2025.

Marie-Adeline Tavares stellt in ihrem Essay "Paulette Nardal, aux sources de l'internationalisme noir" eine in Deutschland völlig unbekannte Pionierin der "Négritude" vor. Sie gehörte mit ihren sechs Schwestern zu einem Kreis bürgerlicher schwarzer Frauen, die in ihren Schriften, aber vor allem in ihrem Pariser Salon eine höchst wichtige Mittlerrolle in der intellektuellen Geschichte des schwarzen Denkens spielten - denn sie empfingen dort auch wichtige amerikanische und afrikanische Intellektuelle. Eine ganze Reihe von Neuerscheinungen, darunter Léa Mormin-Chauvacs "Les Soeurs Nardal", wirft nun endlich Licht auch auf die Beiträge gerade der Frauen in dieser Szene. Die Schwestern Nardal kamen aus Martinique und hielten zeit ihres Lebens engen Kontakt zur karibischen Insel. Mit Skepsis, aber nicht einfach polemisch nahmen sie zur Kenntnis, dass schwarze Kultur durch Jazz und durch eine Künstlerin wie Josephine Baker bei den Weißen populär wurde: "So bringt Jazz zwar die Weißen zum Tanzen, ruft aber bei den Schwarzen, die ihn spielen und hören, Erinnerungen an die Sklaverei wach. Sowohl Paulette als auch Jane stellen somit eine Verbindung her zwischen Musik, Tanz, der Verteidigung der schwarzen Kulturen und der Bekräftigung einer neuen Literatur, die das Bewusstsein für eine Zugehörigkeit und eine Reihe von Forderungen vermitteln kann. Das ist auch die Rolle, die sie sich als Martinikanerinnen in Paris geben."

Words without Borders (USA), 02.06.2025

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Cristina Rivera Garza stellt in Words without Borders ihre Anthologie "Best Literary Translations 2025" vor und beschäftigt sich in dem Zusammenhang auch mit dem Wesen des Übersetzens an sich, insbesondere mit dessen sprachgenerativem Charakter: "Wie mir der Englisch-Spanisch-Übersetzer Max Granger einmal gesagt hat: 'Übersetzung kann die eher radikale Bedeutung von Worten zugunsten der Lesbarkeit und der Regeln einer gegebenen Sprache ausradieren, aber sie kann auch dazu dienen, diese Bedeutungen weiterhin zu repräsentieren, wenn wir kreative Wege finden, die es erlauben, dass die Ursprungssprache die Zielsprache beeinflusst und verändert und so vielleicht auch verändern, wie wir denken und handeln in dieser Sprache.' Als wir zusammen an der Übersetzung eines Textes über geschlechterspezifische Gewalt gearbeitet haben, in dem die Rolle des Täters, feminicida im Spanischen, wichtig war, kamen wir beide zu dem Schluss, dass der Begriff 'Killer' unzureichend war. Ein Killer ist ein Krimineller, aber 'Femicider', ein Begriff, der nach wie vor weitestgehend unbekannt ist auf Englisch, bezeichnet speziell einen Kriminellen, der Frauen auf Basis ihres Geschlechts auswählt und tötet, was der Definition eines Femizids in den Strafgesetzbüchern in Lateinamerika entspricht. Femicider, eine Vokabel, die zunächst seltsam oder inkorrekt auf Leser der anglophonen Welt gewirkt haben mag, war der präzise Begriff, den wir gebraucht haben, um die strukturelle Natur dieses Verbrechens rüberzubringen, weil sowohl das Patriarchat als auch die Täter verantwortlich gemacht wird. (…) Übersetzung ist immer politisch."

Weitere Artikel: Saudamini Deo stellt einige besonders gelungene Beispiele für experimentelle postkoloniale Übersetzungen vor. Und der Übersetzer Edward Gauvin schreibt über Georges-Olivier Chateaureynauds 1974 im Original erschienenen Roman "Die Boten".

The Insider (Russland), 19.05.2025

Bei den Olympischen Spielen in Paris hatte die russische Regierung russische Athleten, die unter staatenloser Flagge antraten, noch beschimpft. Jetzt ist die Sehnsucht nach einer Rückkehr auf die internationale Bühne so groß, dass selbst das in Kauf genommen und der russische Sport dementsprechend von russischen Sportminister Mikhail Degtyarev umgestaltet wird, berichtet Elizaveta Pyatnitskaya. "Die politische Führung des russischen Sports strebt eindeutig eine Rückkehr zum globalen Wettbewerb an - auch zu den Olympischen Spielen. Degtjarew zufolge haben eine Reihe von Faktoren - 'uneinige Stimmen', 'chaotische Entscheidungsfindung' und 'unkoordinierte öffentliche Erklärungen von Athleten und Verbandsfunktionären' - die Beziehungen Russlands zu seinen früheren internationalen Partnern behindert. Bei einem Treffen aller Leiter der olympischen Sportverbände wurde beschlossen, dass Russlands Sportvertreter 'die Kontakte mit der Außenwelt synchronisieren' sollten. Für Profisportler ist es wichtig, sich zu messen und Medaillen zu gewinnen. 'Wir verurteilen nicht diejenigen, die einen neutralen Status erhalten - sie gehören immer noch zu uns, und keiner von ihnen lehnt seinen russischen Pass oder seine Staatsbürgerschaft ab', sagte Degtjarew im Dezember im Vorfeld der Kurzbahn-Schwimmweltmeisterschaften in Budapest - eine der ersten großen internationalen Veranstaltungen, bei denen Russen wieder an olympischen Sommersportarten teilnehmen durften. Kurz darauf nahm Degtjarew eine noch entschiedenere Haltung ein und erklärte, er werde nicht zulassen, dass Sportler, die unter neutralem Status an internationalen Wettkämpfen teilnehmen wollen, 'als ausländische Agenten oder Verräter gebrandmarkt werden'."
Archiv: The Insider
Stichwörter: Russland, Russischer Sport

New Lines Magazine (USA), 02.06.2025

Santiago Ospina Celis erinnert an die letztes Jahr verstorbene argentinische Schriftstellerin und Journalistin Beatriz Sarlo, eine der - wenn auch hierzulande kaum bekannten - führenden Intellektuellen Lateinamerikas. Sarlo stand immer zwischen den Stühlen, so Celis, ihr Denken kennzeichnete ein "radikales Misstrauen gegenüber dem herrschenden Konsens", ob dieser nun von rechts oder von links geprägt war. Während der Herrschaft Perons 1976 bis 1983 traf sie "eine Entscheidung, die eine echte Gefahr für sie darstellte: Zusammen mit Carlos Altamirano und dem Romancier Ricardo Piglia gründete sie Punto de Vista (Standpunkt), eine kleine Kulturzeitschrift, die zu einem Prüfstein des intellektuellen Lebens Argentiniens werden sollte. Die erste Ausgabe erschien 1978 ohne Impressum, auf dem Höhepunkt der Schreckensherrschaft der Diktatur, und trotzte dem Klima der Zensur und der Angst. Kaum gestartet, brach das Projekt fast zusammen, nachdem zwei maoistische Intellektuelle, die die ersten beiden Ausgaben finanziert hatten, entführt worden waren und verschwanden. Doch Sarlo und ihre Mitherausgeber waren entschlossen, das Projekt weiterzuführen. Die Zeitschrift überdauerte mehr als drei Jahrzehnte und erschien ununterbrochen bis 2008, als sie unter Sarlos Herausgeberschaft eingestellt wurde." Sarlo positionierte sich beispielsweise auch gegen die argentinische Invasion der Falkland Islands im Jahr 1982 (die allerdings schnell von Großbritannien zurückerobert wurden) - obwohl sie sich unter ihren Kollegen damit keine Freunde machte: "Ihre Haltung war umstritten, sogar unter Intellektuellenkollegen. Für viele in der argentinischen Linken war die Diktatur illegitim, aber das galt auch für den Anspruch Großbritanniens auf die Inseln. Die Inseln waren ein Überbleibsel der imperialen Besatzung, und der Krieg - auch wenn er von einem bösartigen Regime begonnen wurde - konnte als legitimer 'luchar popular' (Volkskampf) dargestellt werden."

Meduza (Lettland), 29.05.2025

Entgegen aller Vermutungen gibt es in Russland weiterhin unabhängige Journalisten, die auch durchaus kritisch über die Regierung berichten - Lilia Yapparova unterhält sich für Meduza mit dreien, darunter mit der freien Lokaljournalistin Anna, die auf den Unterschied zwischen russischem Exiljournalismus und dem in Russland verbliebenen Journalismus eingeht. "Und dann nahm ich an einem weiteren [Online-]Sicherheitstraining [für Journalisten] teil und hörte Exilanten zu, die mir sagten, wie wichtig es sei, 'Sicherheitsprotokolle zu befolgen' - das brachte mich auf die Palme. (...) Es gibt diese wachsende Kluft [zwischen Journalisten im Exil und denen, die geblieben sind]. Eine tiefe. Ich weiß nicht einmal, wie ich es erklären soll. Wie zum Beispiel das Sicherheitstraining: Es wurde zu einer Zeit angesetzt, die den Referenten passte. Sie sind alle in Orten wie Riga ansässig. Wenn es für sie Tag ist, ist es für mich Nacht. Trotzdem habe ich mich zusammengerissen und an der Sitzung teilgenommen. Und dann höre ich: 'Wir sind Ihnen sehr dankbar! Ihr seid diejenigen, die zurückbleiben und die Informationen sammeln, mit denen wir arbeiten!' Aber wenn wir wirklich so wichtig sind, hätten sie es dann nicht wenigstens ein bisschen früher machen können? (...) Ich bin viel auf dem Land unterwegs gewesen. Und bei jeder Beerdigung oder Gedenkfeier für einen gefallenen Soldaten ist es immer dasselbe - erdrückende Armut. Familien, die im Elend leben. Es fühlte sich an wie in einem Film von [Wassili] Sigarew. Das meiste, was wir veröffentlichen, ist einfach nichts für sie. Sie sind damit beschäftigt zu überleben. Wir gehen herum und pflegen unsere Traumata, aber die meisten Russen interessiert das nicht. Die Leute lesen nichts. In den Regionen haben sie noch nie etwas von Medien gehört, die über die [staatlichen Propagandasender] Kanal Eins und Rossija-1 im Fernsehen hinausgehen. Und wenn alle unabhängigen Medien morgen verschwinden würden, würde das niemand bemerken."
Archiv: Meduza

Guardian (UK), 03.06.2025

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat das Thema Zivilschutz in ganz Europa Konjunktur. Vorreiter auf diesem Gebiet ist seit Jahrzehnten die Schweiz - das einzige Land, das, so zumindest die Theorie, im Ernstfall die gesamte Bevölkerung in Bunkern beherbergen könnte. Jessi Jezweska Stevens berichtet darüber, wie es dazu gekommen ist: Unter anderem machten "kulturelle Faktoren Bunker zu einer logischen Strategie. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten etwa, wo während des Kalten Krieges das Untertauchen unter die Erde oft verächtlich als schwach oder 'unamerikanisch' bezeichnet wurde, galten in der Schweizer Militärgeschichte die Berge und das Unterirdische stets als ein 'sicherer Ort'. Um das System der zivilen Bunker auszuweiten, musste die Regierung der Bevölkerung jedoch zunächst den enormen Aufwand schmackhaft machen - 1945 hatten nur etwa 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung Zugang zu einem Schutzraum. Frühe Propagandafilme und Zeichentrickfilme aus den 1950er- und 1960er-Jahren zeigten ein Murmeltier - gezeichnet oder gefilmt in friedlicher Umgebung zwischen alpinen Wildblumen -, das beim Anblick eines Adlers oder einer anderen Bedrohung am Himmel schnell in seinen Bau verschwindet. Ein späteres Video aus den 1960er-Jahren zeigt Bergpanoramen, tanzende Paare in der Disko und Kernfamilien, die friedlich um eine rot-weiß karierte Tischdecke versammelt essen. Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass Krieg und Krisen zwar 'weit entfernt' und auf das Fernsehen beschränkt erscheinen mögen und dass es so wirken könne, als sei das Schlimmste, was vom Schweizer Himmel fallen könne, ein 'Blumentopf' von einem Fenstersims - doch die Bedrohung durch Krieg sei in Wirklichkeit nur allzu real."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Zivilschutz, Schweiz

Elet es Irodalom (Ungarn), 03.06.2025

Die ungarische Musikgruppe Bohemian Betyárs kam vor kurzem mit einem neuen Song ("Bánatszalonna" - Kummerspeck) und dem dazugehörigen Video heraus. Adrienn Csepelyi lobt beides als treffende Sozialkritik unserer Zeit: "Der Clip wirkt magenumdrehend real. Der Anblick der in der Küche zerhackten Körper, gemästet am Elend, gehacktes Fett und Fleisch, spritzendes Blut, erschreckt den Betrachter, aber bald dämmert die Erkenntnis: Diejenigen, die sich am Elend anderer mästen, sind noch viel ekelhafter als die oben genannten. Kummerspeck, der aus Kummerspeck wächst? Du bist, was du isst - wenn du vom Elend anderer Menschen zunimmst, wirst du auch nicht glücklich sein? Wenn dein Fett nur aus Schmerz besteht, was macht es dann für einen Unterschied, wenn du bei lebendigem Leibe aufgefressen wirst? Die vakuumgegarten Augäpfel erkennen keinen Ausweg. Es gibt so viele kulturelle Referenzen für das große Fressen des Clips: Móricz' Tragödie als Gegensatzpaar, die Welt von Lynch, Fellini oder auch Palahniuk als Stimmungscousin. Eine anschaulichere und kraftvollere Gesellschaftskritik der letzten Zeit als dieser Videoclip, der auf eine heutzutage etwas ungewöhnliche Art und Weise auf Film gedreht wurde, wird man kaum finden (...) Die Bilder sind schön und ekelhaft zugleich, und man muss die Wiedergabe anhalten - nicht nur, um sich zu übergeben, sondern auch, um kleine Details wie die mit grünem Samt bezogene Speisekarte zu betrachten. Und wenn die Sozialkritik schon einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, hier die gute Nachricht: Nach dem Anschauen dieses Clips wird man garantiert für lange Zeit keinen Appetit mehr haben. Wir haben schon schlimmere Diäten hinter uns."