Magazinrundschau - Archiv

HVG

353 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 36

Magazinrundschau vom 19.03.2024 - HVG

Im Interview mit Dóra Matalin spricht der Regisseur Szabolcs Hajdu u.a. über die Herausbildung einer alternativen Kultur in repressiven Gesellschaften: "Manchmal denke ich, dass der Erfolg (meines ersten Films) dafür verantwortlich ist, dass ein großer Teil der ungarischen Filme heute kostenlos und auf der Basis von Gefälligkeit produziert wird. Dann wiederum denke ich: Hätten wir nicht damit angefangen, hätte es jemand anderes getan. Aus einer unmöglichen Situation heraus haben wir diesen Film zu einem Erfolg gemacht, und er ist für viele ein Wegweiser gewesen. Wenn eine Gemeinschaft, der Film, das Theater, alles, was Kultur ist, was intellektuell ist, was Wissen ist, was Progression ist, auf diesem Niveau unterdrückt wird, dann entsteht zwangsläufig eine Gegenkultur. Sie sollten das wissen, denn Sie haben ja auch im Sozialismus gelebt, als hier der wildeste Untergrund blühte. Es macht keinen Sinn zu beschneiden, denn Neues wächst nach. Das Tragische ist, dass inzwischen Generationen dies satt haben, dass sie erodieren. In der Generation vor uns gibt es kaum noch aktive Regisseure, aber es könnte welche geben, wenn das Umfeld sie unterstützt hätte. Wenn es keinen Grund gegeben hätte aufzugeben, zu resignieren, das Land zu verlassen: János Szász, Béla Tarr, Attila Janisch, Csaba Bollók und weitere. Es gab eine Zeit im ungarischen Film, in der drei Generationen aktiv zusammengearbeitet haben. Sie gaben den Staffelstab weiter, lehrten sich gegenseitig."

Magazinrundschau vom 12.03.2024 - HVG

Der aus Siebenbürgen stammende Schriftsteller Gábor Vida spricht im Interview mit Boróka Parászka anlässlich seines neuen Romans u.a. über die Beziehung zwischen den Ungarn und in Siebenbürgen lebenden Ungarn, sowie über das Problem der ländlichen Gebiete im Kontext der nationalen Bestimmungen: "Die Menschen in Ungarn sind immer genervt von uns aus Siebenbürgen. Wahrscheinlich, weil wir so aussehen und so sind wie sie. Wir wollen Geld, wir wollen essen, wir wollen das Land haben, das man haben kann, wir wollen für sie denken, wir wollen die Richtung der Welt bestimmen. Deshalb mögen die Ungarn uns nicht, weil wir uns ähneln." Die Ungarn und die Rumänen hingegen lieben einander, "sehr sogar, weil sie sich nicht ähneln!", meint Vida. "Ich mag das Landleben, daran ist nichts auszusetzen. Das Problem beginnt, wenn wir das Ländliche für etwas verantwortlich machen wollen, was es nicht sein sollte. Es ist kein Problem, dass jemand zu Hause Schweine schlachtet oder Schnaps brennt. Das Problem ist, wenn der Bus nicht fährt, wenn der Asphalt der Straße oder die Brücke einbricht. Die Frage ist also, ob man die ländlichen Gebiete in das Leben eines Landes integriert. (...) Die rumänische und ungarische politische Elite ist jedoch nicht in der Lage, ein ganzes Land zu denken. Sie sieht nur ihr eigenes kleines Dorf oder ihre Stadt und denkt, dass das ganze Land eine Erweiterung davon sei."

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - HVG

Nach dem Rücktritt der Staatspräsidentin Katalin Novák wurde eine Demonstration in der Budapester Innenstadt von Influencern organisiert, die gleich noch Berichterstattung, Analyse und Kritik der Veranstaltung mitlieferten. Das Engagement ist ja sehr schön, aber die Journalistin Boróka Parászka hat trotzdem Bauchschmerzen angesichts dieser Mischung aus Aktionismus und Journalismus: "Die ungarische Presse hat in den letzten anderthalb Jahrzehnten viel Drama und Tragik erlebt. Es ist ein Wunder, dass es sie noch gibt. Es herrscht ein harter Wettbewerb um jeden Pfennig. Unter diesen Umständen kann man es einigen Mitgliedern der unabhängigen Presse kaum verübeln, dass sie das Ideal einer freien Presse auf dem Altar der Spenden für die Einschaltquoten opfern (...) Warum bewahren die Medien, die für private Subventionen anfällig sind, aber sich nicht offen zu ihrem Geschäftsmodell und ihren Gewinnzielen bekennen, den Anschein eines öffentlichen Dienstes in einem Land, in dem die vom Markt lebenden Medien durch den Entzug staatlicher Mittel oder Anzeigen in die Enge getrieben werden und es keine öffentlich-rechtliche Medien gibt? Es gibt eine Subsistenz-Opposition in Ungarn - das haben wir schon oft gehört. Was wir nicht so oft gehört haben, ist, dass es Medien gibt, die ihren Lebensunterhalt zwar außerhalb des Gravitationsfeldes der Regierung verdienen, aber trotz der besten Absichten ihrer Macher Subsistenz-Medien sind. Sie leben von der politischen Show. Sie haben die gehobene Absicht, objektiv und demokratisch zu informieren, aber in Wirklichkeit liefern sie nur das absolute Minimum an Fakten und Nachrichten. Sie paaren Meinungsjournalismus mit Meinungspolitik, Zirkus mit Zirkus. Und helfen so den Machthabern, die Menschen glauben zu machen, dass alle Medien so sind."
Stichwörter: Ungarn, Ungarische Presse, Zirkus

Magazinrundschau vom 20.02.2024 - HVG

Infolge der Berichterstattung über die Begnadigung eines an Pädokriminalität beteiligten ehemaligen Schuldirektors, traten die Präsidentin Ungarns, Katalin Novák, sowie die ehemalige Justizministerin (und designierte Spitzenkandidatin der Regierungspartei für die kommenden Wahlen zum Europaparlament) Judit Varga vergangene Woche von allen politischen und öffentlichen Ämtern zurück. Als käme es auf diese beiden an, schnaubt Árpád W. Tóta in seinem Kommentar: "Katalin Novák ist eine Nebendarstellerin. Nicht nur in diesem Skandal, sondern in allen Angelegenheiten, in denen sie je mitgewirkt hat. Eine überall einsetzbare Hostess; die grinsend mit einem Sandwichtablett herumsteht, Buchstaben aneinanderreiht und Präsidentin spielt. (...) Solche Personen verdanken ihre Stellung lediglich der Loyalität. Sie sind an ihrem Platz, weil sie alles getan haben, was man von ihnen verlangt hat. Ihre Ehre ist die Treue, sie haben einen Abschluss darin, etwas Anderes kennen sie nicht." Doch immerhin: "Dieser Pädophilie-Skandal konnte explodieren und die Präsidentin hinwegfegen, weil es immer noch eine von der Regierung unabhängige Öffentlichkeit gibt. Ob es nun ein Anwalt in der Provinz war, der die Begnadigung entdeckte, oder ein Informant aus der Partei, es gibt weiterhin Anlaufstellen. Die Details konnten an Medien geschickt werden, die sie bearbeiteten und veröffentlichten. Wenn es sie nicht gegeben hätte, wäre wohl die ganze Sache als zweifelhaftes Internetgerücht untergegangen."

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - HVG

Der 93-Jährige Schriftsteller Iván Sándor spricht über Möglichkeiten, Worten in der aktuellen Epoche der Instrumentalisierung und Entleerung ihre Bedeutung wiederzugeben: "Jede Epoche hat versucht, das zu verfälschen, was die Mächtigen nicht als in ihrem Interesse oder nicht von Vorteil in ihrem Alltag empfanden. Jedoch ist die jetzige das Zeitalter der falschen Welten. In Ungarn stecken wir bis zum Hals in der Verschönerung der Realität im Interesse der Macht. Die Worte haben ihre Bedeutung verloren. Sie können für alles verwendet werden. Wir sehen es, wir leben es, wir erfahren es. In meiner schriftstellerischen Auffassung müssen wir jene Ausdrucksmittel für den Roman finden, die die diskreditierten Worte erneut transparent machen. So treten in meiner Poetik des Romans Bilder, Musik und Rhythmus in den Vordergrund. Ich wechsle zwischen einzelnen Äußerungen, inneren Monologen, Dialogen, Träumen, und ich unterbreche den Text nur mit Absätzen, von denen viele ohne Punkt, Großbuchstaben und Semikolon auskommen, denn, wie gesagt, alles hängt zusammen, auch wenn wir im gegebenen Augenblick nicht daran denken."
Stichwörter: Sandor, Ivan

Magazinrundschau vom 06.02.2024 - HVG

Vergangene Woche veröffentlichte der Historiker Krisztián Ungváry in einem Podcast sowie in einem Artikel Informationen zur Biografie des Großvaters des Publizisten Zsolt Bayer. Neben der Verwendung von antisemitischen Stereotypen wies Ungváry auch auf die kommunistische Vergangenheit der Eltern- und Großelterngeneration von gegenwärtigen oppositionellen Politikern hin. Bayers Großvater war Mitglied der ungarischen Nazipartei der Pfeilkreuzler und wirkte während des Krieges unter anderem als Lagerarzt in Internierungslagern für Juden, die vor der Deportation standen. Nach dem Krieg war er bis zu seinem Tode freiwilliger IM der kommunistischen Staatssicherheit. Ungváry veröffentlichte nach eigenen Angaben die Dokumente, um Zsolt Bayer, sowie seine Generation besser zu verstehen und um eine Debatte über die fehlende Aufarbeitung anzustoßen. Eine Debatte ist in der Tat entbrannt, wobei nach widersprüchlichen Aussagen von Bayer nun die Person Ungvárys sowie Familienmitglieder von Oppositionsvertretern in allen regierungsnahen Medien denunziert werden. Ob die Debatte eine Wendung zur Aufarbeitung der ungarischen Vergangenheit des 20. Jahrhunderts nimmt, bleibt abzuwarten. Der Publizist Árpád Tóta W. kommentiert die Ereignisse: "Seit der Geburt unserer Großväter sind achtzig bis hundert Jahre vergangen. Ein Weltkrieg, zweieinhalb Wenden, ein schwindelerregender Fortschritt von der Petroleumlampe bis zum Internet. Selbst wenn sie ihr Weltbild weitergeben konnten, wird es bei normalen Menschen unaufhaltsam von der Zeit überschrieben. Dem Rest ist das egal. Die können auch ohne Nazi-Großvater ihre eigene extreme Rechte finden, QAnon, Fidesz oder was gerade zur Hand ist. Die faulen Früchte von Zsolt Bayers Stammbaum sind beinahe völlig irrelevant (...) Wir haben keine andere Wahl, als anderen die Sünden ihrer Vorfahren zu vergeben. Wer den Willen und den Glauben dazu hat, kann sich auf die christliche Tradition berufen. Schließlich sind wir alle Sünder. Auch wenn unsere Väter und Großväter Heilige waren. Sicherlich gibt es einen Ur-Ur-Großvater der Wegelagerer war. Oder einen korrupten Gendarmen. (...) Aber eine Sache muss zugegeben werden. Man muss zugeben, dass ein gesundes Land eine freie Öffentlichkeit, akademische Autonomie und eine unabhängige Presse braucht. Man schuldet ihnen auch Dankbarkeit - denn die auf den Regierungsbrüsten gemästeten Bullshit-Forschungsinstitute hätten nie ans Licht gebracht, was Krisztián Ungváry ans Licht brachte."

Magazinrundschau vom 30.01.2024 - HVG

Der in der Slowakei geborene und lebende Regisseur Mátyás Prikler spricht im Interview mit Dóra Matalin über die Situation der Filmemacher in Ungarn, wo er u.a. als Co-Produzent für unabhängige Filmprodukte tätig ist: "Ich interessiere mich nicht besonders für die ungarische Regierung, weil ich in Bratislava lebe, aber wenn man wissen will, wie faschistische Kulturpolitik funktioniert, muss man auf Ungarn blicken. Bücher werden in Folien gepackt, Universitäten werden übernommen. Einige Filmregisseure stehen auf der schwarzen Liste. János Szász ist mit seiner Familie nach Washington gezogen. Kornél Mundruczó lebt in Berlin, György Pálfi lebt hauptsächlich in Athen. Die Mitglieder des Ausschusses, der über die slowakischen Fördermittel entscheidet, sind manchmal unvorbereitet oder auch dilettantisch, aber sie hassen die Ungarn nicht, genauso wenig wie sie Schwule oder Migranten hassen. (...) Der Film ist teuer, das Publikum ist klein. Wenn wir in der Slowakei mit ihren 5,5 Millionen Einwohnern einen Film zum Nulltarif machen wollen, müsste jeder vierte Einwohner eine Eintrittskarte kaufen. Bei der Oper sind die Verhältnisse vielleicht noch wilder. Der Staat ist da, um Kultur, Wissenschaft, das Schulsystem, das Gesundheitswesen und die Altenpflege zu finanzieren. Man kann es nicht wie bei einer Dorfschweineschlachtung machen, wo der Nachbar mir hilft und beim nächsten Mal helfe ich dann. Was in Ungarn an Generationen von Filmemachern angetan wird ist ein Verbrechen."

Magazinrundschau vom 23.01.2024 - HVG

Im neuen Curriculum wird das Fach Kunstgeschichte an der gymnasialen Oberstufe nicht mehr unterrichtet. Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht die Lehrstuhlinhaberin für Kunstgeschichte an der ELTE Universität, Emese Révész über die Auswirkungen der Entscheidung. "Unsere Absolventen werden schnell vom Arbeitsmarkt absorbiert, sie werden Museologen oder Museumspädagogen, arbeiten in zeitgenössischen Galerien, im Kunsthandel und möglicherweise, solange es sie noch gibt, in der Denkmalpflege. Wenn sie aber wegen der fehlenden Sekundarschulbildung bei den absoluten Grundlagen anfangen müssen, wird auch die Wissensbasis unserer Studenten instabiler. Dennoch bin ich mir sicher, dass es immer einen festen Kern von Denkern geben wird, die sich für das kulturelle und bauliche Erbe verantwortlich fühlen und aufstehen, wenn zum Beispiel ein wichtiges Gebäude abgerissen werden soll. Mit der Zeit wird man aber müde. Und siehe da, im Stadtzentrum werden wieder denkmalgeschützte Gebäude bis auf die Fassade abgerissen, und selbst die Experten sind es leid, dagegen zu protestieren. Ich glaube nicht, dass die Texte, die wir in unserem Kampf für die kunsthistorische Bildung verfasst haben, von Entscheidungsträgern gelesen werden, oder dass sie ihren Inhalt Satz für Satz abwägen. Dennoch haben wir die moralische Pflicht, unsere Stimme zu erheben. (…) Aber die Ungarische Akademie der Künste und László Baán, der Generaldirektor des Museums der Schönen Künste, der nach ein paar Jahren ebenfalls dringend Experten und vor allem Besucher bräuchte, schweigen."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - HVG

Der Dramatiker und Dramaturg István Tasnádi unterhält sich mit Zsuzsa Mátraházy u.a. über die Nutzung des kleinen Vorsprungs des Theaters gegenüber der künstlichen Intelligenz: "Die Menschen sind nicht darauf angewiesen ins Theater gehen, wenn sie etwas erleben wollen. Sie können sich alle möglichen Inhalte auf allen möglichen Plattformen ansehen, darunter auch viel spektakulärere, wendungsreichere Sachen. Noch dazu können sie diese Aktivität unterbrechen und zwischendurch ausgehen. Das Theater ist in dieser Hinsicht ein unangenehmer Ort, denn man muss sein Zuhause verlassen und während des Spiels an einem Ort sitzen bleiben. Aber wenn Sie schon diese Unannehmlichkeit auf sich nehmen, erwarten Sie zumindest, dass Sie von den Leuten auf der Bühne ernst genommen werden. Und dass sie einen unterhaltsamen, dramatischen, verschlungenen, theatralischen Abend erleben, der zusammenfasst und zu analysieren versucht, was auch das Publikum belastet, beunruhigt oder in ein Dilemma bringt. Das Theater ist die letzte lebende Kunstform, die wohl noch etwas länger nicht durch künstliche Intelligenz ersetzt werden kann. In dieser Zeit sollten wir so vernünftig sein, im gemeinsamen Raum Geschichten zu erzählen, die alle interessieren und berühren. Deshalb ist es wichtig, dass die freien Theater atmen können."

Magazinrundschau vom 09.01.2024 - HVG

Das Budapester Örkény-Theater gilt als eines der letzten von der Regierung unabhängigen Theaterhäuser in Ungarn. Und so war die Frage besonders interessant, wer Direktor Direktor Pál Mácsai nach dem Auslaufen seines Vertrags nachfolgen würde. Der Budapester Stadtrat nahm die Bewerbung des Kulturmanagers Máté Gáspár an, der aus der unabhängigen Theater-Szene kommt und u.a. mit Árpád Schilling und Viktor Bodó zusammenarbeitete. Im Interview mit Péter Hamvay spricht Gáspár über seine Pläne: "Ich bemühe mich darum, dass weder ich noch das Ensemble Angst haben, mit dieser Arbeit zu beginnen. Ich denke über einfache Dinge nach, z. B. darüber, ob wir Situationen und Bedeutungen in unserer Umgebung akzeptieren, die uns ein schlechtes Gefühl vermitteln, oder ob wir versuchen, sie zu ändern. So sehr wir auch die Grenzen des Theaters verschieben möchten, ist das Örkény-Theater mitten im Stadtzentrum immer noch in einer elitären Position. Das muss man mit Stolz akzeptieren und verantwortungsbewusst ausbauen. Die Elite hat es verdient, eine spannende intellektuelle Werkstatt zu haben, die über die Routine hinausgeht, die Fragen stellt, die anspricht, sich engagiert, ohne dabei Kompromisse bei der Qualität einzugehen, die ihr intellektuelles Erbe, ihr Hinterland nicht verleugnet."