Magazinrundschau - Archiv

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366 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 37

Magazinrundschau vom 20.08.2024 - HVG

Der Schriftsteller Gergely Péterfy lebt seit geraumer Zeit in Todi, im italienischen Umbrien, wo er u.a. den Verein Pro Arte Libera und eine Schriftstellerakademie gegründet hat. Nun wurde das erste Mal ein Stipendienprogramm des Vereins für Schriftsteller ausgeschrieben, wobei in den Teilnahmebedingungen festgelegt wurde, dass Bewerber in den letzten Jahren keinerlei Unterstützung der ungarischen Regierung erhalten durften. Es entstand eine kontroverse Diskussion, in der Péterfy u.a. vorgeworfen wurde, dass er sich von der ungarischen Realität entfernt hätte, denn ein vollkommen von der Regierung unabhängiges künstlerisches Leben sei im heutigen Ungarn nicht mehr möglich. Auch auf diese Vorwürfe ging Péterfy im Gespräch mit der Wochenzeitschrift HVG ein. "Wie auch immer wir es formuliert hätten, irgendjemand hätte sich empört, denn es geht um das Verhältnis der ungarischen Schriftsteller zu Orbans 'System der Nationalen Zusammenarbeit' [ungarische Abkürzung: NER], ein sensibles und kontroverses Thema. NER hat sich praktisch unentrinnbar gemacht, es verschlingt alles und lässt kaum eine Atempause. Wir leben seit mehr als einem Jahrzehnt in dieser absurden Situation, woraus solche absurden Phänomene entstehen, wie die 'Kontroverse' nach der Bekanntgabe unserer Ausschreibung. Dies ist nicht das einzige Stipendium des Vereins Pro Arte Libera: Ab 2025 werden wir auch Pädagogen die Möglichkeit bieten können, mit uns zu den umbrischen Schauplätzen von Antal Szerb's Roman 'Reise im Mondlicht' zu reisen, und wir werden auch unsere Debütanten bei ihrem ersten Band unterstützen (...) Dies hier ist ein geistiges Ungarn, eine kulturelle Heimat. Es erstreckt sich so weit, wie es ungarische Autoren und ungarische Leser gibt, es umfasst also den ganzen Planeten. Er hat auch einen Reisepass, ein kleines Büchlein mit Zitaten aus 'Reise im Mondlicht'. Alle unsere Mitreisenden, Camper und Studenten werden automatisch zu 'Bürgern'. Und immer mehr von uns leben in der 'Hauptstadt' Todi, immer mehr unserer Freunde und Bekannten kaufen sich hier oder in der Umgebung ein Haus."

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - HVG

Die aus Siebenbürgen stammende und in Paris lebende Regisseurin Mónika Rusz reagiert auf die Empörung der ungarischen regierungsnahen Presse über die vermeintlich "blasphemisch-woke" Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Paris. "Ist es zu viel, ästhetisch überhöht, verblüffend? Ist es provokant, dass nicht Leonardo da Vincis 'Letztes Abendmahl', sondern Jan Hermansz van Biljerts 'Fest der Götter' als Live-Bild präsentiert wurde? Diese Vorführung sprach sowohl zu einem Frankreich in der Krise als auch zu einer Welt voller Traumata und Empfindlichkeiten. Letztere versteht, fordert oder akzeptiert nicht unbedingt die französische eklektische Lässigkeit, das grenzwertig kitschige Toben. Sie ist immer weniger mit der französischen Kunst und dem französischen Geist vertraut, die die europäische Kultur für Jahrhunderte prägten. Deshalb wird dieses große Lichterfest von einem französischen Weltbürger, der trotz so vieler Widrigkeiten noch immer aufnahmefähig und offen ist, anders gesehen und erlebt als vom Zensor des marokkanischen Fernsehens oder von Elon Musk, dem Milliardär, der die sozialen Medien besitzt und sie seinen politischen Interessen unterordnet. Die von ihrer Natur aus nicht zensierbare Kunst zeigte sich hier und blieb nur einer Frage schuldig: Warum erscheint sie so, wie sie ist?"

Magazinrundschau vom 23.07.2024 - HVG

Der im rumänischen Cluj geborene Theaterregisseur und Begründer des Roma-Theaters Maladype, Zoltán Balázs, spricht im Interview mit Rita Szentgyörgyi u.a. über die kleinen lokalen Veränderungen der Theaterszene in Ungarn, die gestärkt werden müsse: "Obwohl es mir meine Arbeit im Ausland ermöglicht, mich aus der ungarischen Theaterszene herauszuhalten, bedauere ich, dass ich nicht mit meinem Wissen, meiner Erfahrung und meinen internationalen Kontakten zur Entwicklung des ungarischen Theaters beitragen kann. Es ist ein weltweites Phänomen, dass sich die Qualität des Theaters, ähnlich wie die der Lebensmittel, vor unseren Augen verändert, und nicht unbedingt zum Besseren. Inmitten all der direkten Botschaften haben unsere Fachleute vergessen, eine Theatersprache zu verwenden. Als 'lokale Anästhesie' gibt es einige zukunftsweisende Versuche, aber ich würde diese Bemühungen eher als 'zonale Reformen' bezeichnen. Wir bräuchten mehr Theaterschaffende, die unsere zersplitterte Theaterwelt vereinen können, indem sie kreative Absichten miteinander verbinden und als Brücke zwischen den Theater- und Kunstwelten fungieren können."

Magazinrundschau vom 16.07.2024 - HVG

Vor kurzem erschien in drei Bänden der Monumentalroman "Die Neandertaler" des Schriftstellers László Darvasi. Aus diesem Anlass spricht Darvasi im Interview mit Zsuzsa Mátraházi u.a. über das öffentliche Denken des Landes. "Vereinfacht gesagt war das ungarische öffentliche Denken stets Gefangener einer Obsession. Es kann nicht frei sein und will es auch nicht sein. In der Monarchie war es ein Gefangener der Ideen von 1848, eine Zeit, in der die ungarische Geschichte ihre schönste Periode erlebte; in der Ära Horthy war es ein Gefangener von Trianon, und dann führt es jenes Trianon in die vielen Schrecken des Zweiten Weltkrieg, in denen Millionen umkommen werden, darunter eine halbe Million ungarische Juden. Unter den Regimen von Rákosi und Kádár waren es die Sowjets, die das Denken in Gefangenschaft hielten. Heute sind wir freiwillige Gefangene. Als ob wir stets nach solchen Gelegenheiten suchen würden, als ob diese Situation gut für uns sei. Diskutieren, interpretieren ist eine mühsame Angelegenheit, über den Standpunkt des anderen nachzudenken, ist schwierig. Einen Kompromiss zu schließen ist schwierig. Warum sollten wir? Das Spiel geht weiter, bis wir es gewinnen! Eine törichtere und schädlichere Denkweise kann es nicht geben. Nur um das klarzustellen: Ich spreche vom Ministerpräsidenten. Wer nicht verlieren kann, kann auch nicht gewinnen."
Stichwörter: Darvasi, Laszlo, Ungarn

Magazinrundschau vom 09.07.2024 - HVG

Der Regisseur Viktor Bodó, der u.a. in Stuttgart und Hamburg inszeniert, ruft in Ungarn eine dreijährige Schauspieler- und Regisseur-Ausbildung ins Leben, die von namhaften Theaterschaffenden unterstützt wird. Im Gespräch mit Dóra Matild erklärt er das Programm: "Früher, an der Universität, gab es keine Garantie, dass wir in diesem Beruf würden arbeiten können. Die Klassenlehrer waren die Theaterdirektoren, und sie luden an ihre Theater diejenigen ein, die sie für die Besten hielten. Es gab einige, die recht schnell wieder von der Bildfläche verschwanden. Wir hingegen bauen Partnerschaften mit Theaterhäusern auf, die es den Studenten ermöglichen, praktische Erfahrung zu sammeln, sich auszuprobieren. Wir nehmen sie auch mit auf internationale Bühnen, um ihnen die Welt zu öffnen und sie mit der zeitgenössischen europäischen Ästhetik bekannt zu machen. Es ist wichtig, dass sie sich auch als unabhängige Schöpfer sehen, die gegebenenfalls in der Lage sind, ihre eigenen Projekte auf der Grundlage ihrer eigenen Ideen zu entwickeln und zu verwirklichen, damit sie nicht befürchten müssen, in ein Loch zu fallen, wenn sie nicht sofort von einem Theater in Budapest unter Vertrag genommen werden. Wir werden in jeder Weise helfen, aber unsere Verantwortung endet damit sicherzustellen, dass die Ausbildung von höchstmöglicher Qualität ist und dass wir Studenten hervorbringen, die ihre Situation verstehen."
Stichwörter: Ungarn, Ungarisches Theater

Magazinrundschau vom 25.06.2024 - HVG

Die 29-jährige Sängerin, Regisseurin und musikalische Leiterin des Budapester Puppentheaters Hanna Cseri spricht im Interview mit Sára Szilágyi u.a. über die Themenwahl ihrer Lieder und Inszenierungen, sowie über die Unsicherheiten ihrer Generation: "Ich steche überall ein bisschen heraus. Bezüglich der Themenwahl gibt es nur wenige wirklich individuelle Künstlerinnen und sie haben meist damit zu kämpfen, entweder zu feminin oder zu maskulin zu sein. Ich versuche mich damit nicht aufzuhalten und in meinen Liedern so persönlich wie möglich zu sein. Humor ist wichtig und ich kann auch selbstironisch sein. Viele Leute bemerken die Schimpfwörter in meinen Texten, aber ich sehe nicht ein, warum das seltsam sein soll. Warum sollte eine Frau nicht fluchen können - selbst am Ende eines schönen Liedes? Ich setze diese Art von Kontrapunkt ganz bewusst ein, sie hat eine dramaturgische Funktion. Ich versuche, die unterschiedlichsten obszönen Ausdrücke zu finden, wenn ich Texte schreibe. (...) Wer heutzutage nicht über starke selbst-reflektive Fähigkeiten verfügt, der gilt als suspekt, mit dem stimmt etwas nicht. Es ist zwar gut, jetzt frei darüber reden zu können, und eine Therapie zu machen, wird ebenfalls akzeptiert. Ich brauche aber Humor, ich brauche ihn sehr, es ist gut, über die eigene Situation lachen zu können. Wir sollten nicht belehrend über die Angst sprechen, als ob wir Leuten beibringen wollten, wie man sie überwindet. Ich habe auch noch nicht gelernt, sie zu überwinden, und es ist toll, auf Konzerten Leute zu treffen, denen es genauso geht. Meine Generation wird von unzähligen Impulsen getroffen und von ständigen Unsicherheiten begleitet, ich weiß nicht, wie man ohne Angst durch den Alltag kommt."
Stichwörter: Cseri, Hanna, Ungarn

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - HVG

Die Schriftstellerin und Publizistin Noémi Szécsi veröffentlichte vor sieben Jahren ihren letzten Roman. Seitdem erschienen regelmäßig ihre Kurzgeschichten, der Fokus ihrer Arbeit lag jedoch in Monografien zur ungarischen Frauengeschichte. In ihrem jüngsten Buch beschäftigt sich Szécsi mit der Erziehung und Rollenmöglichkeiten der Frauen in Ungarn um die Jahrhundertwende zum zwanzigsten Jahrhundert. Im Interview mit Dóra Matalin sagt sie über ihre Arbeit: "Obwohl ich als Romanautorin angefangen habe, habe ich seit sieben Jahren keinen Roman mehr veröffentlicht. Das liegt unter anderem an der angespannten Atmosphäre in der Branche, an der Überpolitisierung sowie an der Einseitigkeit der Förderung, vor allem, wenn man keinen fiktiven Roman, sondern eine Satire schreibt. Letztes Jahr habe ich 'Verrottete Tiere' veröffentlicht, eine Sammlung gesellschaftskritischer Tiergeschichten, aber meine größeren belletristischen Projekte habe ich vorerst auf Eis gelegt. (...) Die Lehre der Geschlechterforschung auf Universitätsebene wurde eingestellt. In anderen Ländern gibt es Forschungsinstitute für Frauengeschichte, in unserem Land gibt es dagegen unzählige Initiativen auf dem Gebiet der Geschichte, vom Habsburger Institut bis zum Institut für Ungarische Studien, aber für Gender Studies gibt es irgendwie kein staatliches Budget. Und sicherlich spielt es auch eine Rolle, wer über ein bestimmtes Thema schreiben will. Das jetzige Buch handelt auch von der Rolle des Protektionismus im späten 19. Jahrhundert, auf das Schicksal einer Poetin projiziert. Ungarn ist heute freilich auch keine Meritokratie oder Leistungsgesellschaft, und Belohnungen werden eben nicht unbedingt nach Verdienst verteilt. Die historische Untersuchung der Geschlechterrollen ist keineswegs unabhängig vom politischen Klima im heutigen Ungarn."

Magazinrundschau vom 14.05.2024 - HVG

Der in Österreich lebende Autor und Publizist Paul Lendvai spricht im Interview mit Zsuzsanna Földvári u.a. darüber, wie die Österreicher auf Ungarn blicken: "Wenn man in Österreich die Zeitungen liest, liest man nur Schlechtes über Ungarn. Wenn man informierte Freunde hat, wird man entweder bemitleidet oder man muss sich entschuldigen. Lebt man in einem rechten Umfeld oder man hat solche Freunde oder Kollegen, wird man beneidet (...). Mein persönliches Verhältnis zu Ungarn ist gelinde gesagt kompliziert: Wenn ich von einem ungarischen sportlichen, filmisch-theatralischen, literarischen oder musikalischen Erfolg höre, bin ich glücklich und stolz. Wenn ich die zunehmend wirren Äußerungen Orbáns lese, bin ich schockiert, dass dieser Mann seit 14 Jahren praktisch frei über das Schicksal der ungarischen Nation bestimmen kann (...) Leider bedeutet der Vormarsch der sozialen Medien oft den blitzschnellen Triumph der Dummheit, angeführt von Demagogen, die sich als gebildet ausgeben oder aber von unwissenden Amateuren."
Stichwörter: Lendvai, Paul

Magazinrundschau vom 07.05.2024 - HVG

Die Publizistin Boróka Parászka schreibt über die Umgestaltung öffentlich-rechtlichen Medien in der Slowakei (mehr hier) nach dem Wahlsieg des Fico-Lagers bei den Präsidentschaftswahlen, die sie an Ungarn nach 2010 erinnern. "Es hat viele Versuche gegeben, sich gegen die Umgestaltung zu wehren. Die slowakische Presse lässt, wie schon zum Zeitpunkt des Todes von Ján Kuciak, nicht locker: Die Mitarbeiter der öffentlichen Medien haben eine dramatische Serie von Protesten gestartet. Seit der Wende hat man in den mittel- und osteuropäischen Gesellschaften jedoch eine Lektion nur schwer gelernt. Ohne die Befreiung der öffentlichen Medien kann es keinen Regimewechsel geben. Als privat finanziertes Medium mit öffentlichem Auftrag beschreibt sich ein Medienunternehmen in Ungarn, das außerordentliche Kräfte mobilisiert, und eine faire und umfassende Berichterstattung verspricht. Es erhebt große Ansprüche und hegt unrealistische Illusionen. Wo das Gesetz keine (Medien-)Freiheit garantiert, gibt es keine (Medien-)Freiheit. Nicht durch Mikrospenden, nicht durch Stiftungsgeldern, durch gar nichts. Der Zusammenbruch der öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn hat uns dies lehrreich vor Augen geführt. Und wenn wir das vierzehn Jahre lang nicht verstanden haben, können wir jetzt - Wiederholung ist die Mutter der Erkenntnis - die Verschlechterung im Drama der slowakischen Medien beobachten. Eine Verdunkelung nach Fahrplan.")
Stichwörter: Slowakei, Regimewechsel

Magazinrundschau vom 30.04.2024 - HVG

Der Filmregisseur und Hochschullehrer (UCLA, Kalifornien, USA) Gyula Gazdag spricht im Interview mit Rita Szentgyörgyi u.a. über die Gründe, warum er in Ungarn seit geraumer Zeit keine Film mehr gedreht hat: "Ich habe (nach der Wende) an Drehbüchern gearbeitet, ich habe versucht, Filme zu machen, aber sie wurden nie gedreht. Ich würde auch gerne die Gründe dafür erfahren. Vielleicht gehört die Wirtschaftskrise von 2008 ebenso dazu wie die Entstehung und der anschließende Zusammenbruch der ungarischen Filmförderung. Ich glaube, dass die Finanzierung der Filmproduktion in Ungarn im Moment an einem Punkt angelangt ist, an dem sie nicht einmal mehr versucht, demokratisch zu sein. Soweit ich sehen kann, wird der Film weder als Industrie- noch als Kunstform betrachtet, sondern lediglich als Propagandainstrument."