Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 19.12.2023 - HVG

Die Publizistin Boróka Parászka kommentiert denkt anlässlich der Nobelpreise für die Iranerin Narges Mohammadi (Frieden) und für Katalin Karikó (Medizin, zusammen mit Drew Weissman) darüber nach, was eine solche Auszeichnung über die Lage der Frauen aussagt: "Narges Mohammadi könnte heute, wenn es nur nach ihrem Talent und ihren Fähigkeiten ginge, eine gut bezahlte Ingenieurin sein, die das Leben einer Frau mittleren Alters führt. Aber solch ausgeglichene, vorhersehbare und angesehene Karrieren für Frauen mittleren Alters sind selbst im'"sicheren' Westen selten. Katalin Karikó, die erste ungarische Nobelpreisträgerin, versäumte es nicht, in ihrer Dankesrede (…) zu betonen, wie wichtig es ist, Rückschläge zu überwinden, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Das Geheimnis des Nobelpreises für Frauen ist nicht, wie wir das Beste aus unserem Talenten machen. Oder wie wir die Fallen des Nörgelns, Ignorierens und Sabotierens überwinden. Dies ist die friedliche Version. Man könnte sagen, dass es feierlich ist, dass es großartig ist, was Karikó wiederfuhr. Aber auch wenn die Anerkennung viele mit Stolz erfüllt, ist der holprige Weg zum Preis ein kleinkarierter und bitterer. Und für den Friedensnobelpreis für Frauen, der unter einer Kriegsdiktatur gereift ist, braucht es noch mehr als die Beharrlichkeit und Entschlossenheit einer Katalin Karikó."

Magazinrundschau vom 05.12.2023 - HVG

Die ungarische Regierungspartei brachte unter dem Namen "Souveränitätsverteidigung" ein Gesetzesvorhaben vor das Parlament, nachdem durch eine einzurichtende Behörde Organisationen, Personen aber auch einzelne Produkte als für die ungarische Souveränität bedrohlich eingestuft werden können, zumal wenn diese finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten. Von der Regierung unabhängige Medien aber auch Kulturinstitutionen sind auf solche Gelder angewiesen, anderenfalls ist ihr Überleben lediglich eine Frage der Zeit. Die ehemalige Chefredakteurin des einstmals größten unabhängigen Nachrichtenportals Index.hu, Veronika Munk, gründete nach der Übernahme des Portals durch regierungsnahe Unternehmer zunächst die unabhängige Nachrichtenseite telex.hu und ging dieses Jahr dann in die Slowakei zu Denník N. Zum Vorhaben der ungarischen Regierung meint sie: "Das 'Büro zum Schutz der Souveränität', das eingerichtet werden soll, wäre in der Lage, nicht nur die Kandidaten zur Wahl zu überprüfen, sondern auch Organisationen, die aus dem Ausland finanziell unterstützt werden und in der Lage sind, 'den Wählerwillen und die demokratische Debatte zu beeinflussen'. Wer soll das sein? Kann man den Zeitungsartikel, den Journalisten oder die Redaktion, vielleicht auch den Geistlichen, den Bürgeraktivisten, den Gewerkschaftsführer als Gestalter der demokratischen Debatte oder des Wählerwillens bezeichnen? In dem Vorschlag wird nicht präzisiert, was mit 'Organisationen', was mit 'demokratischer Debatte', was mit 'Beeinflussung des Wählerwillens' gemeint ist. (...) Das Souveränitätsgesetz zielt genau darauf ab, wen oder was die Behörden jetzt oder in den kommenden Jahren als Bedrohung betrachten möchte. Es ist nicht geschrieben worden, für wen das Damoklesschwert bestimmt ist, damit möglichst viele Menschen es sich über ihren Köpfen vorstellen können."

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - HVG

Die Literaturtherapeutin Judit Béres erläutert die Bedeutung des Lesens und der Handschrift bei der Entwicklung der Persönlichkeit sowie bei der Therapie: Das Schreiben auf Papier mit einem Stift unterstütze "auf eine wesentlich effektivere Art das Lernen, die Erinnerung und die Entwicklung. In der Literaturtherapie ist das Schreiben mit der Hand wichtig, weil es ein effektiverer Weg ist, sich mit unseren eigenen Gefühlen zu verbinden und sie zu einem psychologischen Ruhepunkt zu bringen. Aber weitere, auch ungarische Studien zeigen, dass die Literatur, die Arbeit mit Texten, das Einfühlungsvermögen für sich selbst und für andere erhöht und zur Entwicklung der Mentalisierung beiträgt, da wir durch literarische Werke die emotionalen Erfahrungen, die hinter dem Verhalten der Menschen stehen, besser verstehen können (...) Kurze Texte, Lesen und Schreiben sind allesamt Gelegenheiten, über uns selbst und unser Leben in einem anderen Licht zu denken. So wird immer wieder betont, dass 'literarische Kenntnisse keine Voraussetzung für die Teilnahme sind'. Aber diejenigen, die kommen, fangen oft an, Bücher über sich selbst und von sich selbst zu lesen, suchen vielleicht nach Werken zeitgenössischer Autoren, mit denen sie gearbeitet haben, oder entdecken das Handschreiben als eine tägliche Tätigkeit, die für das geistige Gleichgewicht notwendig ist."

Magazinrundschau vom 21.11.2023 - HVG

Der Leiter von Trafó Budapest - dem Zentrum der zeitgenössischen Künste - György Szabó wird im kommenden Jahr 65 Jahre alt und will aus Altersgründen nicht wieder antreten. Stattdessen bevorzugt er das Auftreten der jüngeren Generationen, die allerdings aus unterschiedlichen Gründen keine Verantwortung übernehmen können oder wollen. Er schildert die Herausforderungen der Szene: "Seit 2010 wird der Bereich (der unabhängigen Theater) bestraft: finanziell ausgetrocknet, gezwungen, sich zu 'politisieren', d.h. unsere Zeit zu thematisieren. Das Risiko, heute in der freien Szene tätig zu sein, besteht darin, zur Zielscheibe zu werden, und deshalb sind junge Leute immer weniger motiviert, in diesem Bereich tätig zu werden, und diejenigen, die dies hätten tun können, sind jetzt im Ausland. In der Zwischenzeit haben leider auch die internationalen Beziehungen an Stärke verloren, da sie sehr teuer sind und die ausländischen Partner nicht mehr so sehr an Ungarn interessiert sind. Nach dem EU-Beitritt 2004 sah der Westen das Problem der Region als gelöst an und reduzierte seine Präsenz z.B. auch im Bereich der freien Bühnen. (...) Der politische Populismus und die sozialen Medien, die die Welt vereinfachen und Konflikte verschärfen, wirken sich überall auf die Kunst aus. (...) Und Covid war schwierig, denn nach der Pandemie gab es eine enorme Anzahl von Inszenierungen und Produktionen, während das Publikum immer weniger Geld hatte; viele Menschen nicht mehr ins Theater gingen, und die sozialen Medien, die für uns so wichtig sind, sich weiter zersplittert hatten. Das hat sich wirklich auf alle darstellenden Künste ausgewirkt."

Magazinrundschau vom 14.11.2023 - HVG

Vergangene Woche wurde der Direktor des Ungarischen Nationalmuseums, László L. Simon, vom zuständigen Minister entlassen. Der ehemalige Abgeordnete und Staatssekretär für Kultur der Regierungspartei konnte das von der Regierung verabschiedete Gesetz für Jugendschutz - von Kritikern als Gesetz gegen Homosexuelle bezeichnet - in seinem Hause nicht durchsetzen. Die aktuelle Ausstellung World Press Photo zeigt unter anderem Bilder von einem Altersheim für Homosexuelle auf den Philippinen, die nach dem neuen Gesetz von Besuchern unter 18 Jahren nicht hätten gesehen werden dürfen. Dem Museum fehlt jedoch die Rechtsgrundlage zur Ausweiskontrolle. Der Vorfall wurde von einer Abgeordneten der rechtsnationalen Oppositionspartei "Unser Heimat" im Parlament thematisiert, woraufhin die Entlassung von L. Simon verkündet wurde. "Bei diesem politischen 'Monopoly' kann jeder jederzeit an den Start zurückgeschickt oder für einige Runden disqualifiziert werden", kommentiert Boróka Parászka. "Freilich können die Figuren mit der Zeit auch zurückkehren. Die gesamte Karriere von László L. Simon war ein solches Tiki-Taka. Er gehörte zu den Abgeordneten, die das Mediengesetz unterzeichneten und baute dann als Präsident der Nationalen Kulturstiftung (NKA) und Staatssekretär für Kultur das jetzige System der Klientelpatronage in der Kulturszene auf. Zeitweise wurde er abgelöst oder aus der Fraktion ausgeschlossen und dann wieder eingesetzt. Wie so viele zog er es vor, etwas zu sein, anstatt jemand zu sein. Mit dieser Einstellung konnten diejenigen, die in den Wind geschossen wurden, als Bezirksbürgermeister, Bauminister oder Minister für ländliche Entwicklung zurückkehren, als Beauftragte für die Änderung des Hochschulmodells, oder sie konnten eine Universität oder eine Kirche leiten, nachdem sie aus der Regierung ausgeschieden waren."
Stichwörter: Ungarn, Philippinen, Jugendschutz

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - HVG

Die aus Siebenbürgen stammende junge Regisseurin Katalin Moldvai denkt im Interview mit Lin Dóra Mata über das Auswandern nach: "Länderwechsel ist ein ewiges osteuropäisches Problem. In Rumänien fehlen fünf Millionen Menschen, ebenso viele sind in den Westen gegangen, um dort zu arbeiten. Ähnliche Prozesse finden auch in Ungarn statt. Ich bin auch in einem Dilemma, wo ich denn weitermachen soll. Wenn man schon einmal das Land gewechselt hat, hat man eine ungefähre Vorstellung davon, was einen erwartet. Wenn ich jetzt gehen würde, wäre das kein so großer Schock wie damals, als ich Rumänien verließ. Ich bin rumänischer und ungarischer Staatsbürger, also könnte ich es mit dem dortigen Filmfördersystem versuchen. Sie entscheiden in Rumänien über Filmprojekte nach anderen Kriterien als in Ungarn."

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - HVG

Der Publizist Imre Para-Kovács blickt auf die Absurditäten der politischen Kommunikation in Ungarn seitens der Regierung: "Polen ist, wenn auch nur um Haaresbreite, auf den Weg der Normalität zurückgekehrt, aber die Slowakei wird sicherlich ein verlässlicher Partner sein, wenn es darum geht, russische Interessen innerhalb der Europäischen Union zu wahren, während der neue Feind, mit aller notwendigen Rhetorik die NGOs sind, die eine Bedrohung für unsere Souveränität darstellen, auf die, wenn man die Kommunikationsstrategie kennt, bald die störende und fremdenfreundliche westliche Kultur und ihre Vertreter, die kritischen Popmusiker und Balletttänzer folgen werden. Liberalismus ist Verrat, Aufklärung ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, Demokratie ist zerstörerische Anarchie. Wie absurd, lächerlich und beängstigend das alles ist, wird schon aus wenigen Kilometern Entfernung deutlich. Man braucht nur die Grenze zu überqueren und das psychotische politische Klima in Ungarn entspannt sich, die Muster werden sichtbar, wenn die erstickende Dummheit nachlässt, die Logik wieder zu funktionieren beginnt und die Nacktheit des Königs nicht mehr zur Debatte steht."

Magazinrundschau vom 17.10.2023 - HVG

Der Schriftsteller Lajos Parti Nagy unterhält sich anlässlich seines siebzigsten Geburtstages mit Zsuzsa Mátraházi über die politische Situation in Ungarn, die nervt, aber auch interessant ist: "Denn dieser Berg von Themen, diese tragische und komische ungarische Absurdität, die auf den Straßen, also in der Öffentlichkeit brodelt und stinkt, ist ein fantastischer literarischer Stoff. Es ist eine kontinuierliche, sich verdüsternde Dystopie, die unter die Haut geht, die gemeinsame Haut, denn die Zuschauer sind auch Darsteller. Ich schreibe regelmäßig, alle fünf Wochen, ein Richtung Publizistik neigendes Feuilleton. (...) Ich schreibe 'dokumentarisch', aber mit immer weniger Begeisterung. Ich mache mir keine Illusionen über die Wirkung. Die Handvoll Oppositionszeitungen befinden sich praktisch in einer Blase, abgeschnitten vom Großteil der Öffentlichkeit. Diese Regierung sollte gestürzt werden. Aber in Ungarn gibt es derzeit keine Kraft, die einen radikalen Wandel herbeiführen kann. Leider müssen wir zugucken, auch wenn es schwer zu akzeptieren ist. Ich glaube, dass dieser Mafiastaat nicht als innere Angelegenheit Ungarns zusammenbrechen wird und es wird dann nicht möglich sein, aus der Sache gut herauszukommen. Ich hätte keine Ahnung wie."

Magazinrundschau vom 26.09.2023 - HVG

Der Fachübersetzer und Leiter des ungarischen Übersetzerhauses Péter Rácz erläutert unter anderem die Herausforderungen des literarischen Übersetzens: "Ungarische Sprachkenntnisse sind eine Zulassungsvoraussetzung. Die Kandidaten übersetzen dann in der Regel zehn völlig unterschiedliche Werke in ihre eigene Sprache, um sich an allem zu versuchen. Literarisches Übersetzen kann man lernen, wenn man eine Leidenschaft für Literatur, Ästhetik und Satzbau hat, aber selbst dann ist es nicht für jeden leicht. So haben die Russen, Polen und Tschechen ein ausgezeichnetes Gespür für das Absurde, (…) die Japaner vielleicht weniger. Auch chinesische Übersetzer haben keine leichte Aufgabe. In ihrem Grundstudium befassen sie sich nicht mit der ästhetischen Analyse und sezieren auch nicht die Beweggründe der Figuren, sondern konzentrieren sich lediglich auf die Handlung. (…) Selbst bei Texten, die im Großen und Ganzen leicht zu übersetzen sind kann es ein oder zwei Tage dauern, bis man die Lösung herausgefunden hat. Kürzlich (…) konnte ich einem französischen Kollegen, der mich nach jiddischen Wörtern aus einem Roman von Péter Nádas fragte, einen Leitfaden anbieten. Wenn wir einen längeren Satz von Krasznahorkai oder Péter Nádas gelesen haben, haben wir uns oft dabei ertappt, wie wir gemeinsam nach dem Subjekt des Satzes gesucht haben. Die Form muss man ja auch in der Prosa einhalten. Höchstens dann, wenn sie sich schon lange gequält haben, schieben sie noch das eine oder andere Satzzeichen am Ende des Satzes ein. Vier Seiten eines Krasznahorkai-Buches am Tag zu übersetzen, reichen aus, statt der durchschnittlichen acht bis zehn Seiten. Dies sind die wirklichen Herausforderungen, für die es sich lohnt, diesen Beruf zu wählen."

Magazinrundschau vom 19.09.2023 - HVG

Anlässlich seines 80. Geburtstags, ehrt Miklós Haraszti den Philosophen János Kis und erinnert an sein Lebenswerk: "Obwohl er 'eher' ein Philosoph ist, gelten doch seine Interviews und öffentliche Vorträge, in denen er den Durchbruch der Autokratie nach 2010 analysiert, als politische Akte. Mehr noch, sie erinnern an seine Anfangszeit in der Walachei, als er die kommunistische Autokratie herausforderte, auch wenn er sich nur auf den vereinzelten Inseln in der von Propaganda erdrückten Öffentlichkeit äußern konnte. In der Regierungspresse steht János Kis heutzutage unter Dauerfeuer, als hätte er eine Partei und Macht. Sein regimeverändernder Liberalismus, der dazu beitrug, die dritte ungarische Republik nach 1989 ins Leben zu rufen, geriet unter doppelten Beschuss: Von links wurde er als kapitalistischer Wegbereitung und von rechts als kommunistischer Rettungsversuch verunglimpft. János Kis wurde durch akademische Erkenntnisse zu einem pragmatischen Revolutionär, der seine Erfahrungen in eine Theorie umformte, als wäre die Bewegung das Versuchskaninchen der Philosophie im Käfig des Autoritarismus. ... Er wurde von seinem Wunsch nach moralischer Politik zur Politik hingezogen und von der Antinomie der moralischen Politik zur politischen Philosophie. Es war sein Mut, der ihn zum Philosophen und Politiker machte, der bereit war, die Herausforderung mit seinem Intellekt und seinem täglichen Leben anzunehmen. Aus einem einfachen Grund: moralische Integrität war in jeder Epoche eine Notwendigkeit zum Glücklichsein."