Magazinrundschau - Archiv

Lidove noviny

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Magazinrundschau vom 11.05.2021 - Lidove noviny

Toyen, Tous les éléments, 1950


Soeben wurde in der Prager Nationalgalerie die große Austellung "Toyen: Die träumende Rebellin" (Snící rebelka) eröffnet. Die tschechische Surrealistin, die eigentlich Marie Čermínová hieß, sich mit der Abkürzung des Wortes Citoyen aber einen geschlechtsneutralen Namen gab, wird "zunehmend unter Sammlern entdeckt", freut sich der Kunsthistoriker Jiří Machalický, "und die Preise ihrer Bilder steigen in schwindelerregende Höhen." Toyen gehörte früh zur tschechischen Avantgardegruppe Devětsil, begründete mit anderen zusammen den sogenannten Artificialismus und kam bald in Kontakt mit den französischen Surrealisten. Während der nationalsozialistischen Okkupation, während der sie mit ihrer 'entarteten Kunst' in den Prager Untergrund ging, "bewies Toyen außerordentlichen Mut, als sie in ihrer Žižkover Wohnung mehrere Jahre lang den Dichter Jindřich Heisler versteckte". Nach Kriegsende zog sie dauerhaft nach Paris um, wo sie wieder in engem Kontakt mit den Surrealisten, vor allem mit André Breton stand. Nach Prag kehrte sie nie wieder zurück. Die Retrospektive versammelt Gemälde, Zeichnungen und Illustrationen aus der Frühzeit bis zu den späten Werken. Machalický sieht den Höhepunkt ihrer Kunst vor allem in den frühen Werken, in denen sich "eine reizvolle Naivität mit dem Wissen um die zeitgenössischen Entwicklungen verbindet. Damals näherte sie sich dem Purismus und dem Konstruktivismus an, und ihr frühes Schaffen ist vom Zauber des Alltagslebens, des Tanzes und der schlichten Straßenunterhaltung geprägt." Für ihn ist sie "unbestreitbar eine der wichtigsten Figuren nicht nur der tschechischen Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts."

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - Lidove noviny

Die Villa Winternitz. Foto: Jeho Archiv, Villa Winternitz. Mehr Bilder aus dem Inneren der Villa bei Lidove noviny


Zum 150. Geburtstag von Adolf Loos öffnet sich in Prag-Smíchov die Villa Winternitz zu einer Ausstellung über den Brünner Architekten und sein Werk, wie die Lidové noviny berichten, wobei das größte Exponat freilich die Villa selbst ist. Josef Winternitz ließ sich das Haus 1932 von Adolf Loos und Karel Lhota erbauen (es war das letzte Werk von Loos, das erst nach seinem Tod fertiggestellt wurde), doch die jüdische Familie Winternitz wurde wenige Jahre später von den Nationalsozialisten daraus vertrieben, die meisten von ihnen ermordet. Ein Teil der Ausstellung widmet sich deshalb auch der Familie Winternitz selbst, deren Schicksal, wie der Urenkel und jetzige Leiter der Villa David Cysař sagt, "sowohl vom Holocaust als auch vom Kommunismus tief gezeichnet wurde". Erst 1997 erhielten die Erben im Zuge der Restitution die Villa zurück und konnten sie in ihre ursprüngliche Gestalt zurückbauen. Das Besondere an der Ausstellung ist, dass alle Räume frei zugänglich sind, "der Besucher sich zum Beispiel in die Sessel setzen und die vorhandenen Bücher lesen darf, so dass man die Ideen und das Werk von Adolf Loos mit allen Sinnen aufnehmen kann".

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - Lidove noviny

Abb. aus dem Katalog zur Ausstellung
Das Prager Museum Kampa zeigt eine Retrospektive der tschechischen Künstlerin Olga Karlíková (1923-2004). Als frühe Unterzeichnerin der Charta77 hatte Karlíková in der kommunistischen Tschechoslowakei nicht viele Ausstellungsmöglichkeiten und blieb lange recht unbekannt - was diese Ausstellung (die wegen Corona wohl verlängert wird) ändern möchte. Ihr Markenzeichen, erklärt der Kunsthistoriker Jiří Machalický, sei in Grafiken und Gemälden das Aufzeichnen von Tönen gewesen, ihr Anschwellen und Abebben, der wandelbare Rhythmus von konkreten Vogelarten oder der Geräusche, die ein ganzer Vogelschwarm von sich gibt. "In ihrem zarten Strich, der unglaublichem Geduld, ihrem Einfallsreichtum und auch der Demut vor der Natur näherte sie sich der asiatischen Kalligrafie an." Aber auch ihre Wahrnehmung von Musik (von Barock bis Moderne) drückte sie in ihren Arbeiten visuell aus. Zu jener Zeit, so der Kunsthistoriker Jiří Machalický, sei diese Verbindung auditiver Eindrücke mit visuellen Mitteln sowohl in ihrem Land als auch international einzigartig gewesen.
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Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Lidove noviny

Ein Überraschungsfund: Bislang unbekannte Texte Václavs Havels, vor allem Tagebuchhefte aus den 70er-Jahren, sind im Nachlass von Havels Dissidentenfreund Zdeňek Urbánek aufgetaucht, wie Jana Machalická berichtet. Besonders interessant sei das Heft Nr. 7, das Havel 1977 in Untersuchungshaft schrieb. "Das Thema der eigenen moralischen Integrität war für ihn tatsächlich wesentlich, und er stellte hohe Ansprüche an sich selbst. Gedanken in dieser Richtung ziehen sich durch das ganze Heft, immer wieder analysiert er sein vermeintliches Versagen in Haft, womit er seinen Brief an den Staatsanwalt meinte, in dem er zwar nicht von seiner Überzeugung abgewichen war, aber versprochen hatte, im Falle einer Freilassung seine Meinungen nicht mehr öffentlich kundzutun. Zunächst hatte er den Eindruck, den Sicherheitsdienst überlistet zu haben, später sah er den Brief als Scheitern an und nannte es 'ein Einlassen mit dem Teufel'. Heft Nr. 7 ist eine detaillierte Anatomie dieses 'Scheiterns', das keiner so empfand und ihm auch niemand vorwarf, ganz abgesehen davon, dass die Vernehmungsbeamten ihn wiederholt darüber angelogen hatten, was draußen in Freiheit geschah. Dennoch hatte Havel das Gefühl, es erst mit seiner zweiten Verhaftung wieder gutzumachen." Machalická schließt: "Havels Selbstreflexion ist ein hochinteressanter, innerlicher Text, der von seiner moralischen Integrität, seinen ständigen Zweifeln zeugt. Auch wenn er in keiner Weise versagt hatte, sollte seine 'Schwäche' ihn weiterhin verfolgen - eine Schwäche, aus der, wie Michael Žantovský richtig bemerkt, ihm neue Kraft erwuchs."
Stichwörter: Havel, Vaclav, 1970er

Magazinrundschau vom 29.09.2020 - Lidove noviny

Mikuláš Medek: Naked in the Thorns I, 1954, private collection
An gleich drei verschiedenen Orten richtet die Nationalgalerie Prag die bislang größte Retrospektive des tschechischen Nachkriegskünstlers Mikuláš Medek (1926-1974) aus. Wie Blanka Frajerová berichtet, enthält die Ausstellung erstmals präsentierte Werke aus Medeks Nachlass sowie bisher unbekannte Filme. Im Jahr 1945 hatte Medek sich neunzehnjährig mit zwei surrealistischen Werken vorgestellt - seine erste und für lange Zeit letzte Ausstellung, denn "nach dem kommunistischen Umsturz von 1948 wurde er von der Kunstgewerbehochschule ausgeschlossen. Medeks Werk passte nicht in die Vorstellungen des Regimes." Innerhalb weniger Jahre durchlief der Künstler verschiedene Strömungen vom Expressionismus und Kubismus, dem magischen Surrealismus über den Existenzialismus bis zur Abstraktion, bevor er sich wieder figurativen Darstellungen zuwendete und schließlich der symbolisch-architektonischen Formensprache der 'Bewegten Gräber'. Der nicht sehr alt gewordene Künstler hinterließ immerhin über vierhundert Bilder, und obwohl er von offizieller Seite lange Jahre vernachlässigt wurde, hat sein Werk Generationen von Künstlern beeinflusst, so Blanka Frajerová, die schon jetzt vom "kulturellen Ereignis des Jahres" spricht.

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - Lidove noviny

Trotz Coronakrise findet auch dieses Jahr das mitteleuropäische Literaturfestival "Měsíc autorského čtení" (Monat der Autorenlesungen) statt, diesmal mit dem Ehrengast Ungarn. Aus diesem Anlass unterhält sich Radim Kopáč mit dem ungarischen Schriftsteller (und Thomas-Bernhard-Übersetzer) Lajos Parti Nagy über die derzeitige Atmosphäre in Ungarn. "Für einen Schriftsteller dort wird die Luft immer knapper", so Parti Nagy. "Aber er muss so tun, als wäre nichts passiert: im privaten Leben wie in seiner Arbeit. Denn sonst würde er noch das letzte bisschen Freiheit verlieren, das ihm bleibt. Ich bin ein freischaffender Schriftsteller, und niemand sagt mir, worüber und wie ich schreiben soll. In Ungarn existieren immer noch zwei, drei Zeitschriften, die man frei oder, sagen wir, oppositionell nennen könnte, und in denen publiziere ich. Und der Verlag, in dem ich veröffentliche, ist in privater, nicht in staatlicher Hand." In anderen Bereichen sei es schlimmer: "Wäre ich zum Beispiel Theaterregisseur, würde ich mich nicht mehr so viel trauen. Das, was ich hier als Schriftsteller sage, würde dann schon nicht mehr gelten, denn ein Regisseur braucht ein Theater, das Ensemble …" Offiziell existiere zwar keine Zensur, Bücher und Theaterstücke müssen keine Genehmigung passieren, das sei aber auch unter János Kádár so gewesen, und dennoch habe es damals Zensur gegeben. "Etwa achtzig Prozent der Medien befinden sich in Regierungshand. Und in diesen Medien haben regierungskritische Stimmen keinen Platz."

Magazinrundschau vom 09.06.2020 - Lidove noviny

Marcel Kabát bespricht fasziniert Andrea Sedláčkovás Dokumentarfilm "Můj otec Antonín Kratochvíl" ("Mein Vater Antonín Kratochvíl", Trailer), der gerade in den tschechischen Kinos und online anläuft und eine Annäherung zeigt zwischen dem Fotografen Michael Kratochvíl und seinem Vater, dem renommierten Dokumentarfotografen Antonín Kratochvíl, der nicht nur viele Prominente aus dem amerikanischen Showbusiness, sondern vor allem Kriegswirren fotografierte und viermal den Preis des World Press Photo gewann. Den Rezensenten frappiert, wie ähnlich sich Vater und Sohn in Aussehen, Sprechweise und Bewegungen sind, obwohl Michael seinem Vater, den er zuvor für tot hielt, erstmals mit 19 Jahren begegnete. Dessen Leben spiegelt exemplarisch die stürmische Geschichte des 20. Jahrhunderts wider: Die frühe Kindheit verbrachte Antonín in der Verbannung des Arbeitslagers von Vinoř, wo seine Eltern von den Kommunisten zur Zwangsarbeit verdonnert worden waren, als Heranwachsender in Prag wurde er bereits von der Geheimpolizei beobachtet und durfte nicht studieren, vor der Geburt seines Sohnes floh er nach Österreich, landete als "junger Abenteurer" in Schweden hinter Gittern, dann verpflichtete er sich in der französischen Fremdenlegion, aus der er schließlich ebenfalls floh, studierte in den Niederlanden und war Mitbegründer der Fotoagentur VII Agency (die er 2018 nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung verließ). "Antonín Kratochvíl hat etwas zu erzählen, aber auch sein Sohn Michael: Seine Kommentare und Einblicke zeigen die Persönlichkeit des Vaters in einem anderen Licht und relativieren gewissermaßen Antoníns eigene raubeinige Stilisierung." Während Antonín als Künstler keine Kompromisse macht, zeigt er sich im privaten Leben weniger selbstsicher. Wie er aber selbst die Höhen und Tiefen seines Lebens reflektiert, macht aus ihm eine "unnachahmliche Persönlichkeit", schreibt Kabát. Parallel zum Film gibt es übrigens in der Leica Gallery Prague eine Fotoausstellung mit Werken von Vater und Sohn.

Magazinrundschau vom 21.04.2020 - Lidove noviny

Der 91-jährige tschechische Schriftsteller und ehemalige Dissident Pavel Kohout hat bereits ein Theaterstück über Corona verfasst, das er am vergangenen Donnerstag im Prager Theater Divadlo na Vinohradech in einer 2-stündigen Lesung vor leerem Zuschauersaal, aber in Online-Live-Übertragung vortrug (Bilder hier). Vorher erklärte er in einem mit viel Witz und Galgenhumor gespickten Gespräch mit Jana Machalická: "Und wovor sollte ich mich, sorry, im zweiundneunzigsten Lebensjahr fürchten? In der Zeit jener Seuche, als man auch Wolfgang Amadeus zunächst ins Massengrab warf, weshalb er heute in Wien zwei Gräber besitzt, da wurde auch in seinem Ständetheater eine Zeitlang nicht gespielt, nun, und als die Seuche durch war, hat man wieder angefangen. (…) Seit 1968, als meine eitlen Träume und Wünsche von den brüderlichen Herden niedergetrampelt wurden, bin ich ein 'optimistischer Fatalist', was bei mir bedeutet: Wenn ich eine Gefahr wahrnehme, tu ich alles dafür, sie zu verhindern. Und wenn mir das nicht gelingt, schalte ich meine Radare ein, schaue, horche und nehme gierig wahr, was geschieht, im festen Glauben, dass ich das überlebe und dann wieder in Ruhe darüber schreiben werde."
Stichwörter: Kohut, Pavel, Corona, Seuchen

Magazinrundschau vom 07.04.2020 - Lidove noviny

Mit der tschechisch-englischen Publikation (Buch +CD) "Bohemian Jazz Guitars Tribute" erinnern Tomáš Dvořák und Marek Rejhon an ein völlig vergessenes Kapitel böhmischer Geschichte: In den deutschsprachigen Sudetengebieten wurden einst Gitarren von Weltrang hergestellt. In Schönbach (Luby) gab es schon 1723 die Werkstatt eines Geigenbauers, die im folgenden Jahrhundert zur Blüte gelangte, wie Ondřej Bezr zusammenfasst. In den 1930er Jahren "begannen im Produktkatalog sogenannte Archtop- oder Jazzgitarren aufzutauchen, für die eine gewölbte Decke und Schalllöcher in f-Form charakteristisch waren." Sie wurden - nach dem Vorbild der amerikanischen Firma Gibson - böhmische Gibsons genannt. Schönbach wurde zu einem wahren Musikzentrum, aus dem mehrere Firmen hervorgingen: Die Bassgitarre der Firma Höfner zum Beispiel erlangte durch Paul McCartney Berühmtheit. Der Schönbacher Fred Wilfer gründete nach der Vertreibung in Deutschland die Firma Framus. Besonderes Augenmerk legen die Autoren auf die Geschichte der Familie Bräuer: Zur Wehrmacht eingezogen, gelang es dem Deutschböhmen Alfred Bräuer nach dem Krieg dennoch, sich mit seiner Familie erneut in Schönbach/Luby anzusiedeln. Er konnte natürlich nicht mehr selbstständig arbeiten, "die Produktion erfolgte jetzt unter dem Dach der Genossenschaft und anschließend des Volksunternehmens Cremona; er arbeitete in seiner alten Werkstätte als Angestellter und musste in seiner früheren Villa nun Miete für eine Wohnung zahlen. Trotzdem entstanden aus seiner Hand immer noch meisterhafte Instrumente. Bis zum Jahr 1965, als Cremona die Produktion aus den kleinen Werkstätten in eine große Fabrik überführte, wodurch die Qualität der Instrumente um einige Klassen herabsank. Bräuer ging in Rente und zog zu seinem Sohn nach Deutschland. Und damit endete die ruhmvolle Ära der großartigen Gitarrenexperten aus den böhmischen Sudeten." Und hier eine musikalische Kostprobe:


Magazinrundschau vom 13.08.2019 - Lidove noviny

Radim Kopáč unterhält sich mit dem (hierzulande noch zu entdeckenden) rumänischen Schriftsteller Vlad Zografi, der zugleich studierter Physiker ist. "Ich hätte lieber Philosophie studiert, aber damals bedeutete Philosophie Marxismus. Viele meiner Generationsgefährten wählten naturwissenschaftliche Fächer, um sich dem ideologischen Druck zu entziehen und wenigstens auf intellektueller Ebene vom Kommunismus unabhängig zu sein. (…) Das Studium der Quantenphysik und die Vertrautheit mit den Gödelschen Theoremen haben mich paradoxerweise von rationalistischen Illusionen befreit und bestätigt, was ich schon ahnte: dass sich die Welt mittels der Wissenschaft nichts vollends begreifen lässt." Über das heutige Rumänien meint Zografi, der neben seiner Tätigkeit als Prosaautor, Dramatiker und Essayist auch Ionesco ins Rumänische übersetzt hat: "Einige leben gut, die meisten schlecht. Viele Rumänen sind in den Westen ausgewandert, womöglich über neun Millionen. Nach den Syrern haben wir offenbar die größte Anzahl von Emigranten - und dafür haben wir noch nicht einmal einen Krieg benötigt. Es ist die Folge der Korruption, die sich in der Gesellschaft wie ein Krebs ausbreitet und von stupiden, habgierigen und gänzlich verantwortungslosen Politikern gezüchtet wird, die unfähig zu längerfristigen Perspektiven sind." Das einzig Gute sei das Gefühl der Freiheit, das er nach wie vor sehr stark empfinde.
Stichwörter: Rumänien, Zografi, Vlad