Magazinrundschau - Archiv

Lidove noviny

9 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - Lidove noviny

Schon zum achtzehnten Mal findet dieses Jahr der "Monat der Autorenlesungen" statt, das größte mitteleuropäische Literaturfestival, das zeitgleich Lesungen in den Städten Brno und Ostrava (Tschechien), Košice (Slowakei), Wrocław (Polen) und Lwiw (Ukraine) bietet - diesmal mit dem Gastland Türkei und zahlreichen türkischen Autoren. Bei dieser Gelegenheit hat sich Radim Kopáč mit dem türkischen Schriftsteller Murat Uyurkulak unterhalten, der wegen seiner Unterstützung der kurdisch-türkischen Zeitung Özgür Gündem letztes Jahr zu einer Freiheitsstrafe von fünfzehn Monaten mit Strafaufschub verurteilt wurde. Die Zeitung wurde 2016 verboten, aber Uyurkulak berichtet von dem Nachfolgeprojekt Yeni Yaşam (Neues Leben), das seit zwei Monaten online aktiv sei und wo auch er eine Rubrik habe. "Ich tue das, damit die Kurdenfrage durch den Weg der Versöhnung gelöst wird, und nicht durch Gewalt." Daneben kann er immer noch Romane publizieren. Aber ob er an die Kraft der Literatur glaubt? "Die Literatur sollte man nicht auf eine politische Mission schicken. Und sie nicht als eine Anleitung zur Weltverbesserung betrachten. Literatur ist ein langsamer Prozess. Dort, wo sie heute ist, ist sie dank Homer - und was hat Homer in seiner Zeit verändert? Eigentlich nichts." In der gegenwärtigen türkischen Literatur beobachte er - in Gedichten, Erzählungen, Romanen - eine sehr starke junge Autorengeneration. "Falls westliche Verleger sie entdecken, würde ich ihnen allerdings empfehlen, nicht immer nur Moscheen und Halbmonde auf den Umschlägen abzubilden - sie sollten auf diesen klischeehaften Orientalismus verzichten."

Magazinrundschau vom 12.06.2018 - Lidove noviny

Einer der großen Collage-Künstler des letzten Jahrhunderts war Jiří Kolář, der immer auch Strömungen der tschechischen Avantarde wie des Surrealismus und des Poetismus verkörperte. Die Prager Nationalgalerie widmet ihm jetzt die große Ausstellung "Die Fratze des Jahrhunderts" im Palais Kinský.Jiří Machalický bewundert die Vielfalt von Kolářs Techniken: Er schlachtete Bücher aus, zerschnipselte Landkarten und schuf aus den verworfenen Gedichten in seinem Papierkorb wahre Knüllschöpfungen. Beeindruckend sei auch Kolářs künstlerische Verarbeitung des Jahres 1968 (das mit dem Prager Frühling und dem Einmarsch der Russen bei den Tschechen ganz andere Erinnerungen heraufbeschwört als in westlichen Ländern). Mit den "Transparenten" reagierte Kolář etwa auf die Vorwürfe offizieller Stellen, sein Werk sei nicht "engagiert", indem er an Stöcken Textilien wie Herren- und Damenunterwäsche zusammenstückelte und sie mit aufgestickten Slogans versah. Die ganze Ausstellung, so Machalický, zeige wunderbar einen von Kolářs wesentlichen Grundgedanken, dass nämlich alles sich durchdringe und überschneide und dass jede Zeit auf gewisse Weise mit der vorhergehenden oder nachfolgenden zusammenhänge.

Magazinrundschau vom 29.05.2018 - Lidove noviny

Kristýna Kutnarová erinnert daran, dass der verstorbene Philip Roth in den 70er Jahren jährlich in die Tschechoslowakei reiste, um die dortige Dissidenten-Szene zu unterstützen. Er sammelte Geld für tschechische Autoren und versuchte ihre Veröffentlichung im Ausland zu fördern, so etwa die Romane von Milan Kundera. "Für uns war das eine enorme geistige Unterstützung", erzählt der Schriftsteller Ivan Klíma. "Dadurch dass er uns besuchte, hat er uns in gewisser Weise protegiert, weil er ein international anerkannter Schriftsteller war. Natürlich wurde er dabei ganz genau von den Sicherheitsbehörden beobachtet." Diese sahen ein paar Jahre lang zu, dann verweigerten sie Roth schließlich das Visum zur Einreise. Roths Prager Erfahrungen flossen auch in seinen Roman "Die Prager Orgie" ein. In der Figur des tschechischen Literaten Zdenek Sisovský lassen sich offenbar Züge der Autoren Zdeněk Urbánek, Josef Škvorecký und Ivan Klíma erkennen.
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Magazinrundschau vom 12.12.2017 - Lidove noviny

Radim Kopáč unterhält sich mit dem tschechischen Schriftsteller Patrik Ouředník anlässlich von dessen neuem Buch "Antialkorán" über die Islamfrage. Hinsichtlich eines zukünftigen religiösen Multikulturalismus in Europa ist Ouředník skeptisch: "Europa ist nicht Amerika. (..) Wir gehen von völlig gegensätzlichen historischen Erfahrungen aus. An der Wiege der amerikanischen Tradition steht die Suche nach dem irdischen Paradies von hundert Puritanern, die vor der religiösen Verfolgung Jakobs I. flüchteten; die europäische Tradition hingegen beginnt mit der Aufklärung und der französischen Revolution. Die amerikanische Verfassung schützt die Kirchen vor der Einmischung des Staates; die europäischen Verfassungen schützen den Staat vor dem Einfluss der Kirchen. (…) 'Alle Rechte dem Einzelnen, keine Rechte der Gruppe', hat Napoleon einst den Vorstehern der französischen jüdischen Gemeinde gesagt. Mit anderen Worten, der Staat schützt jeden einzelnen Gläubigen, weigert sich aber, der oder jener religiösen Gemeinschaft spezifische Rechte zu erteilen. Und mit diesem Prinzip hat sich die gegenwärtige westliche Elite offenbar abgefunden." Was Frankreich betrifft, so möchte Ouředník, der seit Jahren in Paris lebt, den Franzosen zugutehalten, dass weder der Anschlag auf Charlie Hebdo noch der 13. November eine besondere antimuslimische Aggressivität im Land bewirkt hätten. "Frankreich ist nicht nur das europäische Land mit der längsten Erfahrung in Sachen Masseneinwanderung - es hat vor Großbritannien, Holland oder Deutschland damit fast ein Jahrhundert Vorsprung -, sondern war jahrzehntelang auch das Land mit der erfolgreichsten Integration von Immigranten. Was die Anzahl gemischter, also bi-ethnischer oder bi-konfessioneller Ehen betrifft, steht es konkurrenzlos auf dem ersten Platz, und es hat auch nicht solche Rassenunruhen erlebt wie England (mehr hier und hier) oder Holland in den 60er- und 70er-Jahren. Deshalb herrscht unter den Menschen hier vor allem ein Gefühl der Enttäuschung und Ernüchterung vor sowie die Überzeugung, dass die gegenwärtige Situation im gleichen Maß dem Teil der muslimischen Bevölkerung anzulasten ist, der den Verführungen der islamistischen Propaganda erlegen ist, wie dem mangelnden Weitblick der Politiker und der ideologischen Blindheit der Medien."

Magazinrundschau vom 12.07.2016 - Lidove noviny

Petra Procházková unterhält sich mit der russischen Menschenrechtlerin Zoja Svjetova, die von niederschmetternden Verhältnissen in russischen Gefängnissen berichtet. "In einem speziellen Moskauer FSB-Gefängnis habe ich zum Beispiel einige ukrainische Bürger entdeckt, von denen niemand etwas wusste, nicht einmal der ukrainische Konsul. Wenn ich sie nicht gefunden hätte, wer weiß, was mit ihnen geschehen wäre. Oder das furchtbare Gefängnis Matrosskaja Tischina. Dort sitzen keine politischen Häftlinge, nur Verbrecher. Es gelten dort besondere Regeln, die die Häftlinge selbst bestimmen. Da war ein Bandit, der Mithäftlinge foltern ließ, um ihnen und ihren Anghörigen Geld aus der Tasche zu ziehen. Wenn sie nicht zahlten, ließ er sie zum Beispiel brutal vergewaltigen. Der Gefängnischef hat mit ihm kooperiert." Was politische Inhaftierungen betrifft, beschreibt Svjetova, wie strategisch geschickt Putin den Wechsel von (willkürlichen) Verhaftungen und gelegentlichen Freilassungen einsetzt, um sich auch immer wieder zugänglich zu geben: "Am Ende gewinnen sogar westliche Politiker den Eindruck, dass sich mit Putin doch ganz gut verhandeln lasse. Eine perfekte Taktik." Und die Opposition? "Die wurde von der Regierungsmacht mittels Repressalien besiegt. Was haben sie zum Beispiel mit dem aussichtsreichen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny gemacht? Hätten sie ihn inhaftiert, hätten sie ihn dadurch zum Helden und Märtyrer gemacht. Deshalb gingen sie schlauer vor - sie haben seinen Bruder inhaftiert und erpressen ihn dadurch, halten ihn in Schach. Nemzow haben sie umgebracht. Andere in die Emigration getrieben. Wer geblieben ist, wird schikaniert. Eine Opposition existiert heute in Russland nicht mehr."

Magazinrundschau vom 17.11.2015 - Lidove noviny

Der ehemalige Diplomat und Havel-Gefährte Michael Žantovský hat unlängst die Leitung der Prager Václav-Havel-Bibliothek übernommen, in deren Archiv sich auch bisher unveröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen Václav Havels befinden, die demnächst publiziert werden sollen (die Lidové Noviny bringen in ihrer Print-Ausgabe einen exklusiven Auszug). Žantovský verteidigt die Wichtigkeit dieses Unterfangens: "In der Politik ist stark etwas verloren gegangen, worüber Václav Havel nie besonders viel sprach, was aber aus allem, was er tat, deutlich wurde: dass zur Politik der Dienst an der Öffentlichkeit gehört, der Dienst an etwas Größerem, als man selbst ist, der Dienst an den Werten und Idealen, die man hat. Und solche Ideale und Werte kann ich derzeit in der Politik nicht viele erkennen. Ich beobachte einen intensiven und geschickten Kampf um die Macht und sehe das Bemühen, so viel Einfluss wie möglich über die Dinge zu erlangen. Das ist nichts Schlechtes, das gehört auch zur Politik, aber ohne einen weiteren Horizont droht die Gefahr, dass die Politik sich aushöhlt und nur noch der Kampf um die Macht bleibt."

Magazinrundschau vom 22.09.2015 - Lidove noviny

Die tschechische Schriftstellerin Petra Hůlová sorgte unlängst in linksintellektuellen Kreisen für Irritation, als sie Verständnis für jene einforderte, die Angst vor Flüchtlingen haben. Im Gespräch mit Alena Plavcová verteidigt sie ihre Position: "In der Debatte, wie sie hier geführt führt, fehlt mir komplett ein Ausblick in die Zukunft, auf mögliche Formen des Zusammenlebens. Mir kommt es scheinheilig vor, auf Ängste in der Art zu reagieren: "Es sind doch nur tausend Leute hergekommen, das ist doch nichts." Die Ängste betreffen ja nicht diese tausend, sondern eine Entwicklung, über die wir keine Kontrolle mehr haben. (…) An der Gefühlslage interessiert mich am meisten: Wo beginnt die Xenophobie, und wo endet der Bereich relevanter Befürchtungen? Kaum einer bemüht sich, das zu definieren. Wo sind denn all die Arabisten und Orientalisten, die die Philosophische Fakultät Jahr für Jahr ausspuckt? Warum hört man sie nicht in der öffentlichen Diskussion?"

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - Lidove noviny

Der südkoreanische Regisseur Kim Ki-duk, dessen Film "Stop", eine kritische Antwort auf die Katastrophe von Fukushima, auf dem Karlsbader Filmfestival Weltpremiere hatte, zeigt sich im Gespräch mit Marcel Kabát pessimistisch: "Wir haben in der Vergangenheit viel weniger Energie verbraucht. Nehmen wir konkret Japan. Dort hat man sich nach dem tragischen Unglück um einen niedrigeren Stromverbrauch bemüht, und ein paar Jahre lang waren gar keine Atomkraftwerke in Betrieb. Jetzt sind es schon wieder zwei, in Osaka und Sendai. Wenn sich die Menschen erst einmal an einen größeren Verbrauch und eine ausreichende Menge von etwas gewöhnt haben, dann kehren sie nur sehr schwer zur Sparsamkeit zurück. Und das ist das große Problem der ganzen Menschheit. Wir wissen, wir könnten auch mit einem geringeren Verbrauch überleben, aber sobald wir feststellen, dass wir mehr haben können, nutzen wir das auch und wollen diesen Standard halten. Obwohl wir uns selbst damit schaden."

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - Lidove noviny

Vor einem Jahr ging das Prager Nachrichtenmagazin Respekt mit dem Vorwurf an die Öffentlichkeit, Milan Kundera habe 1950 im stalinistischen Prag den antikommunistischen Agenten Miroslav Dvoracek an das Regime verraten (mehr zum Hintergrund hier). Dvoracek musste daraufhin 14 Jahre unter anderem in einem Uranbergwerk Zwangsarbeit leisten. Die Ehefrau von Dvoracek, Marketa, erklärt heute im Interview zu dem Vorgang: "Wir haben absolut keinen Grund, an der Authentizität des Kundera-Dokuments [über dessen Aussage bei der Polizei] zu zweifeln, weil auch die übrigen Dokumente, beispielsweise über Verhöre, zweifellos authentisch waren. Mit Blick auf Kunderas enthusiastische stalinistische Vergangenheit war das für uns keine Überraschung. ...Weder mein Mann noch ich sind für Vergessen und Vergeben."

In einem Kommentar beklagt Zbynek Petracek zugleich, dass es in dem einen Jahr nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Kundera zu keiner wirklichen Debatte über die Verstrickung der damaligen tschechischen Intellektuellen mit dem Regime gekommen sei. "Während sich Ivan Klima oder Günter Grass über ihr Verhältnis zu totalitären Regimen in verschiedenen Zusammenhängen und mit unterschiedlicher Verspätung äußerten, schweigt Kundera immer noch."