Magazinrundschau - Archiv

Magyar Hirlap

21 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 3

Magazinrundschau vom 07.08.2007 - Magyar Hirlap

Angehörige der deutschen und ungarischen Minderheit wurden nach Kriegsende mit Hilfe der Benes-Dekrete in der Tschechoslowakei zu Staatsfeinden erklärt. Sie wurden ausgebürgert und enteignet. Es sei eine Schande, dass die Opfer bis heute nicht entschädigt wurden, schreibt Janos Havasi. "Die mit dem so genannten Bevölkerungsaustausch vertriebenen Ungarn sollten aufgrund der gültigen Abkommen vom ungarischen Staat entschädigt werden. Seit der Wende schweigen alle Regierungen dazu, dass Ungarn im Pariser Friedensvertrag von 1947 und in späteren bilateralen Abkommen gegenüber Jugoslawien und der Tschechoslowakei zugesichert hatte, die von den Genossen dieser Nachbarländer vertriebenen Ungarn selbst zu entschädigen... Was kann ein Bürger tun, wenn ihm der Staat sein Vermögen nicht zurückgibt? Wenn eine Privatperson das ihr anvertraute Geld nicht im Sinne des Eigentümers verwendet, dann ist das Veruntreuung. Wenn der Staat das Gleiche tut, dann ist das Verfassungsbruch."

In den osteuropäischen Ländern gibt es zwar keine Zensur mehr, aber die Mentalität lebe in den Köpfen weiter, schreibt die Zeitung im Leitartikel. "Die Zensurbehörde wurde zwar längst aufgelöst, aber Zensur existiert immer noch: Sie hat die Seelen der Menschen infiziert und spukt in den Köpfen weiter. Die Strukturen, durch die die Zensur damals funktionierte, wirken nun wirtschaftlich oder politisch motiviert jenseits der Institutionen weiter... Vor einigen Wochen wurde 400 Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen ungarischen Rundfunks zum Teil aus 'politischen, ideellen' Gründen gekündigt: auch eine Form von Zensur. Das Phänomen ist leider nicht nur in unserem Land, sondern in der ganzen Region zu beobachten. Die Zensur kann in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks in verborgener Form weiterleben, weil es immer noch genug Menschen mit Untertanengeist gibt, die sich ihr unterwerfen."

Magazinrundschau vom 24.07.2007 - Magyar Hirlap

Die Westeuropäer haben kein Verständnis für die Wut der Kaczynski-Brüder auf Europa, weil sie die polnische Geschichte nicht kennen, schreibt der Historiker Miklos Kun. "Die Welt weiß nur, dass die Nazis während des Zweiten Weltkriegs ein Blutbad in Polen verübt hatten. Dass die Henker des sowjetischen Geheimdienstes beim Massaker von Katyn mehrere tausend polnische Offiziere und Zivilisten - mit deutschen Waffen - ermordet haben, ist weniger bekannt. Der niederträchtige Verrat der Sowjetunion am Warschauer Aufstand 1944 ist genauso wenig bekannt. Nach den neuesten Veröffentlichungen wurden von 1939 bis 1945 knapp 1,5 Millionen Staatsbürger Polens in sowjetische Todeslager, Gefängnisse, Arbeitslager deportiert... Kann man die Vergangenheit einfach auslöschen? Kann man von der konservativen Regierung Polens heute erwarten, dass sie widerstandslos zusieht, wie Polen den Status einer mittelgroßen Macht in der EU - und damit das Gefühl der Sicherheit - allmählich verliert? Sind die tagtäglichen polenfeindlichen Ausfälle Moskaus von Gewissensbissen oder eher Rachsucht getragen?"

Magazinrundschau vom 26.06.2007 - Magyar Hirlap

In der Nacht auf Samstag wurde in Budapest die Journalistin Iren Karman von unbekannten Tätern brutal zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Karman bereitete gerade ein neues Buch über die Mafia vor und deutete in ihrem Blog bei Nepszabadsag eine Kooperation zwischen der Mafia, hohen Polizeioffizieren und hochkarätigen Politikern an. In Ungarn haben solche Skandale nie ernsthafte Konsequenzen, schreibt Gyula T. Mate: "Die schockierende Geschichte wird jetzt eine Woche lang die Titelseiten beherrschen. Dann schreibt eines der Boulevardblätter, dass die Journalistin vielleicht gar nicht von der Mafia zusammengeschlagen wurde, sondern finanzielle Probleme oder eine enttäuschte Liebe dahinterstecken könnten. Vielleicht traut sich das Boulevardblatt sogar zu schreiben, die Journalistin habe das Ganze selbst inszeniert, um in die Schlagzeilen zu kommen. Monate später wird die Journalistin im Fernsehinterview erzählen, dass die Ermittlungen immer noch keine Ergebnisse erbracht haben." Kein Wunder, wenn Polizei und Mafia eng zusammen arbeiten, wie Mate vermutet.
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Stichwörter: Mafia

Magazinrundschau vom 01.05.2007 - Magyar Hirlap

1989 sei kein "Systemwechsel" - das ist der gängige Begriff in Ungarn für die "Wende" -, sondern nur ein Übergang gewesen, meint der Jurist Peter Techet. "Unter Systemwechsel verstehen wir den vollkommenen Bruch mit dem früheren System. 1989 gab es aber nur einen rechtstaatlicher Übergang: von einem als legal akzeptierten politischen System zu einem neuen System, das auf der Legitimation des früheren Systems basiert. Wenn es einen echten Bruch gab, dann nur für einige Sekunden, als Matyas Szürös, erster Präsident der neu gegründeten Republik, am 23. Oktober 1989 die Republik ausrief. Das heißt natürlich nicht, dass wir heute immer noch im Kommunismus leben. Das ehemalige System löst sich seit Anfang der 1980er Jahre allmählich auf, um durch einen formalen Akt, ohne einen echten Bruch zum ungezügelten Kapitalismus überzugehen. Entweder akzeptieren wir den rechtsstaatlichen Übergang mit den Konsequenzen, die wir in den letzten 17 Jahren erlebt haben, oder wir versuchen eine völlig neue moralische Grundlage für eine neue Politik zu finden."

Ist Prag oder Budapest die touristische Hauptattraktion Mitteleuropas? Die Frage ist längst zugunsten Prags entschieden, schreibt die Zeitung. Bis 2013 will Budapest 800 Millionen Euro für die Modernisierung der innerstädtischen Bezirke ausgeben, um diesen Rückstand aufzuholen. "Prag hat Budapest weit überholt, und wir grübeln immer noch, wie es weiter gehen soll."

Magazinrundschau vom 24.04.2007 - Magyar Hirlap

Über 500.000 ungarische Juden wurden während des Zweiten Weltkriegs verschleppt und in Konzentrationslagern ermordet. "Nicht nur die Opfer, auch die Mittäter waren ungarische Bürger", betonte Zoltan Pokorni, Vizepräsident der rechtskonservativen Oppositionspartei Fidesz, während des Gedenktags des ungarischen Parlaments und wischte damit gleich zwei Behauptungen der Antisemiten vom Tisch: die ungarischen Juden seien gar keine Ungarn gewesen, und die Täter waren ausschließlich Deutsche. In einem Artikel fordert die liberal-konservative Zeitung ihre Leser auf, gemeinsam gegen den neuen Antisemitismus aufzutreten: "Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Die Not, Leid und Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts muss bewältigt werden. Während der Diktatur konnten wir sie nicht verarbeiten, weil Fragen über die Vergangenheit damals künstlich verdrängt wurden. ... Wir machen immer die Anderen, das andere politische Lager dafür verantwortlich. Tausende Menschen zogen gestern durch Budapest, um des Holocausts zu gedenken: nur gemeinsam können wir die Vergangenheit bewältigen und den neuen Antisemitismus bekämpfen."

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - Magyar Hirlap

Der Dichter Andras Duma-Istvan porträtiert die Csangos, eine ungarischsprachige, überwiegend katholisch geprägte Minderheit in Rumänien, die in erster Linie nicht dem Assimilationsdruck der rumänischen Mehrheit, sondern des Vatikans ausgesetzt ist: "Der Vatikan betrachtet die Csangos seit Jahrhunderten als Chance, den katholischen Glauben im slawisch-orthodoxen Rumänien zu verbreiten. Um 1800 erteilte er Vatikan die Order, dass alle Katholiken an der Moldau ihre Messen auf Rumänisch abhalten müssen... Heute noch, kurz nach dem EU-Beitritt Rumäniens, kämpfen die Csangos mit der katholischen Kirche um ihre Sprache. Trotzdem bleibt die Kirche ein wichtiger Ort zur Erhaltung ihrer Kultur. In Rumänien gibt es zwar noch Nationalisten, aber sie sind nicht mehr so radikal wie vor einigen Jahren. Die Csangos bekommen immer mehr Respekt."

Die Autorin Erzsebet Toth denkt über die Folgen des Klimawandels in Mitteleuropa nach: "Mir gefällt es eigentlich, dass das Karpatenbecken, und unser kleines Land mitten drin, allmählich mediterran wird. Ich sehe schon die Palmen am Budapester Donau-Ufer, die verzückten Gesichter unserer Nachfahren, die endlich an einem Meer leben dürfen, denn irgendeines der Meere wird ja schon in der Puszta beginnen. (...) Infolge von Klonen und Genmanipulationen entwickeln bestimmte Tierarten vielleicht ein Bewusstsein und können plötzlich nicht mehr akzeptieren, dass ausgerechnet der Mensch über sie herrscht. Die Tiere waren ja früher da als wir. Ein Stamm von Frettchen verguckt sich vielleicht in unser Dorf Nagykovacsi, vertreibt die Bewohner und besetzt unsere Wohnungen."

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Magyar Hirlap

Auf Stalins Betreiben wurde 1931-33 eine künstliche Hungersnot in der Ukraine ausgelöst. Historiker schätzen, dass damals Millionen Menschen starben. Vor einigen Tagen hat das ukrainische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die künstliche Hungersnot von 1931-33 zum Völkermord erklärt und seine Leugnung strafbar macht. In Russland wird das Thema weiterhin totgeschwiegen, was den ungarischen Historiker Miklos Kun an die Versuche, die Gulags und den Holocaust zu relativieren, erinnert. "Während in ukrainischen Dörfern die verzweifelten, vor Hunger irre gewordenen Menschen die grünen Zweige der Bäume aßen, wurde ukrainisches Lebensmittel auf Stalins Befehl in anderen sowjetischen Republiken im Rahmen des sogenannten 'sowjetischen Dumpings' zum günstigen Preis verkauft ... Bei seiner Reise durch die Sowjetunion erklärte G. B. Shaw gegenüber der Presse in Moskau, dass er noch nie so gut gegessen habe, wie während der 'angeblichen' Hungersnot in der Ukraine. Die KP hat dem weltberühmten Dramatiker bestimmt ein üppiges Abendessen in Kiew spendiert, aber er konnte doch mit seinen eigenen Augen sehen, wie ukrainische Bauer auf der Straße an Hunger sterben."
Stichwörter: Gulag, Stalin, Josef

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Magyar Hirlap

Die sozialliberale Regierung und die rechtskonservative Opposition feiern heute den 50. Jahrestag der ungarischen Revolution von 1956 getrennt. Für das Dossier zu 1956 befragte Magyar Hirlap eine Reihe von Prominenten aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, wann die Ungarn zu einem Konsens über 1956 finden werden. Es antworteten u.a. die Schriftsteller Mihaly Kornis und Endre Kukorelly, der Theatermacher Arpad Schilling, der Historiker Janos Tischler und der Publizist Istvan Elek: "Den 200. Jahrestag der Französischen Revolution haben die französische Linke und Rechte immer noch getrennt gefeiert. Ich glaube, wir werden sie überbieten."

"1956 hat Europa die Augen geöffnet", wird Cees Nooteboom in einem Artikel zitiert. Nooteboom war als 23-Jähriger Augenzeuge der Revolution. "Der Anblick der ermordeten Geheimpolizisten, der umgekippten Straßenbahnen, der Geruch von Schießpulver erinnerten ihn an den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung der Niederlande. Er spürte, dass der Westen die auf den Straßen kämpfenden Ungarn verraten würde. Er war sprachlos, als ein Mädchen ihn mehrmals fragte, wann der Westen komme, den Ungarn zu helfen. Die Frage war nachvollziehbar, weil der Sender Free Europe mehrmals verkündet hatte, dass Westeuropa und die USA einen militärischen Eingriff in Ungarn planten. Aber auf die Frage des Mädchens blieb der Westen stumm. 'Falsche Hoffnungen waren damals sehr gefährlich. Ich wollte den Ungarn helfen, aber ich war völlig machtlos."

Außerdem: Die Fotos im Dossier zeigen die Verhaftung der Mitarbeiter der ungarischen Stasi, zertrümmerte sowjetische LKWs an der Budapester Ringstraße, Todesopfer vor dem ungarischen Parlament; eine Demonstration vor der UN in New York mit dem Schild "Save Hungary!" und die junge Frau, die Russ Melcher für Paris Match fotografierte und die im Westen zur Symbolfigur der ungarischen Revolution wurde.

Magazinrundschau vom 01.08.2006 - Magyar Hirlap

Jan Slota, Chef der an der slowakischen Regierung beteiligten rechtsextremen Nationalpartei, hat Empörung ausgelöst mit seiner Äußerung, er beneide die Tschechen darum, dass sie die Sudetendeutschen vertrieben haben. So hätten sie heute nicht die gleichen Probleme wie die Slowaken mit der ungarischen Minderheit. Budapest hat scharf reagiert und eine Stellungnahme des slowakischen Premiers Robert Fico verlangt. Zsolt Ivan Nagy empfiehlt ungarischen Politikern, Slota zu ignorieren, "sonst helfen wir ihm, bedeutender zu erscheinen als er ist. Wenn die ungarische Diplomatie auf jede Borniertheit Slotas reagiert, ... löst das nur neue Attacken und Konfrontationen von slowakischer Seite aus. Das gefällt seinen Anhängern und weckt den Anschein, Jan Slota sei ein bedeutender Politiker, obwohl er eigentlich nur als politische Watte dient: Robert Fico braucht ihn, um die Lücken in den zu großen Schuhen des Premiers auszufüllen."
Stichwörter: Fico, Robert

Magazinrundschau vom 27.06.2006 - Magyar Hirlap

Europa und die USA sind wie ein älteres Ehepaar: Sie haben einander nichts mehr zu sagen, glaubt Andras Sztankoczy. Europa habe fast nur Kritik für die USA übrig, während sich die USA immer weniger für Europa interessieren: "Europa liebt Amerika nicht, muss ihm aber zuhören. Amerika hört Europa kaum noch zu. ... In der New York Times liest man wesentlich mehr darüber, was im Nahen Osten, Asien oder Südamerika passiert, als in Europa." Die Amerikaner, so Sztankoczy, können nichts anfangen "mit einem Stück Land, das keine Selbstachtung, keine Entschlossenheit, keine Strategie zum Erreichen seiner Ziele hat - wenn es ihm überhaupt gelingt, diese Ziele zu formulieren. Europa und Amerika haben in der Vergangenheit immer wieder gestritten. Europa ist die ältere Ehefrau Amerikas geworden: außer gemeinsamer Erinnerungen, die in den Nebeln der Alzheimerkrankheit tauchen, fühlen sie sich durch nichts mehr verbunden."