Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

289 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 29

Magazinrundschau vom 01.03.2022 - Magyar Narancs

Der Dramatiker Csaba Székely moniert, dass ungarische Theater gegenwärtig kaum ungarische Uraufführungen inszenieren: "Ich rede nicht von den unabhängigen Theatern, sondern von jenen, die in einer komfortableren Lage sind. Früher war das nicht so, doch heute tendieren die Anfragen für Originaltexte Richtung Null, wobei es neben finanziellen und sonstigen Gründen auch eine Rolle spielt, dass sich die Theater ihrer kulturellen Verantwortung nicht bewusst sind. Sie müssten das Entstehen von neuen Texten und Inszenierungen mehr unterstützen, die zeitgenössische Probleme reflektieren,  denn damit würden sie das ungarische Theater und die Kultur eher nach vorne bringen, als wenn sie nur zum fünfhundertsten Male einen Klassiker abstauben und mit zwei "Fuckyou" verzieren und etwas aktuell-politischem Augenzwinkern. Ja, Uraufführungen sind riskant, doch ein Ensemble in die Hände eines Hochschulabsolventen zu legen, der bisher zwei gute und drei schwache Inszenierungen hatte, ist es ebenfalls."
Stichwörter: Ungarisches Theater

Magazinrundschau vom 08.02.2022 - Magyar Narancs

Anlässlich seiner Ausstellung "Atlanten" spricht der bildende Künstler Gábor Gerhes im Interview mit Kriszta Dékei über den Verlust der Autorität und Authentizität des institutionalisierten Wissens: "Weil wir indirektes Wissen für unser eigenes halten, und freilich auch dadurch, dass durch das Internet die Wissensmöglichkeiten grenzenlos geworden sind, rutschen wir sehr leicht in eine Situation, in der wir nicht mehr abgrenzen können, wo die Wirklichkeit beginnt und wo sie endet. Was wir jetzt erlangen ist nicht linear, sondern entzweiend: man bemerkt, dass das, wonach man vor zwei Tagen oder vor fünf Minuten suchte, nicht mehr interessant ist. Die Grenzen der Disziplinen verschwimmen und verbinden sich amöbenartig. Sicherlich soll der Zugang zum Wissen demokratisiert werden, und jeder soll sein eigenes finden, doch kann sich jetzt plötzlich jeder selbst zum Virologen, Nachrichtenlieferanten oder Influencer ernennen. (...) Eine relevante Frage unserer Gegenwart ist, was Wissen genau bedeutet. Die 'Atlanten' waren ursprünglich bebilderte Enzyklopädien, sie sollten das existierende Wissen im Streben nach Vollkommenheit visualisieren. Und weil es sich in meinem Falle nicht um ein wissenschaftshistorisches Abenteuer handelt, sondern es um ein künstlerisches Projekt, kann ich mir Ausflüge in seltsame, frei interpretierbare, sumpfige Gebiete erlauben."

Hier ein Blick in die Ausstellung:

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - Magyar Narancs

Im Interview mit Dénes Krusovszky spricht der Autor und Übersetzer Mátyás Dunajcsik über die Mehrsprachigkeit und Sprachenwechsel in der Dichtung der Gegenwart. "Dass jemand nur und ausschließlich in seiner Muttersprache Literatur schaffen kann, ist eine jener scheinbaren Evidenzen, von denen wir denken, dass sie allgemeingültig sei, obgleich dies in historischer Dimension in der menschlichen Kultur eine ziemlich neue Entwicklung darstellt und in der nationalen Romantik des 19. Jahrhunderts wurzelt. (…) Wenn wir uns die Realitäten des 21. Jahrhunderts und die daraus entstehenden Lebenssituationen anschauen, dann erscheint es eher eine Ausnahme, wenn jemand sein ganzes Leben in seiner muttersprachlichen Umgebung verbringen kann - und wir haben noch nicht darüber gesprochen, welch ein Privileg es ist, wenn man im eigenen Heimatland von der Literatur leben kann, die man in seiner Muttersprache geschaffen hat."

Magazinrundschau vom 18.01.2022 - Magyar Narancs

Im Sommer hat ein Kollektiv von Kunsthistorikern die Instagram-Seite "Trash of Köztér" (Trash im öffentlichen Raum) gegründet. Dort postet sie gelungene und weniger gelungene Skulpturen und Statuen, die in den letzten Jahren in überraschend großer Anzahl in Ungarn aufgestellt wurden. Nicht immer zum Vorteil für den öffentlichen Raum. Im Interview mit Dénes Krusovszky erzählen sie, wie die Idee entstanden ist: "Es begann als ein Forschungsprojekt, bei dem wir einen Haufen Bilder von schlechten Skulpturen sammelten, die wir uns zum Spaß gegenseitig zuschickten, und dann schlug einer von uns vor, dass wir sie doch auch irgendwo teilen könnten. Es gab keinen besonders ernsthaften Zweck für die Website. Wir wussten vorher, dass es sich um ein unendlich komplexes Problem handelte, aber es war überraschend, wie gut eine Instagram-Plattform es thematisieren konnte. Das Ziel wurde durch die Popularität und die Reaktion unserer Follower definiert. Es ist möglich, dass die Reaktion auf die Lieferung eines neuen Denkmals oder einer dekorativen Skulptur nicht nur 'Hey, neue Skulptur!' ist, sondern dass das Konzept und die Ausführung des Werks anspruchslos und unwürdig sind, einen Raum zu besetzen, den wir alle teilen. ... Im Zusammenhang mit der wahrhaft schrecklichen Sisi auf dem Madách-Platz haben wir Zsolt Vattamány zitiert, den ehemaligen Fidesz-Bürgermeister des Bezirks, der sich zu der Statue wie folgt äußerte: 'Es ist ein Kunstwerk. Wir dachten, dass diese Arbeit am besten geeignet wäre. Wenn wir anfangen, sie auszuschreiben, wird es lange, lange Jahre dauern, und es wird zu einem Geschmacksstreit werden.' (sic!) Was soll man dazu noch sagen?"

Magazinrundschau vom 14.12.2021 - Magyar Narancs

András Bíró-Nagy und Andrea Szabó sind die Verfasser einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützten Studie über ungarische Heranwachsende 2021. Sie entstand in Kooperation mit der gesellschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und ist Teil einer größeren Untersuchung über die Einstellungen von Jugendlichen und Heranwachsenden in den V4- und den baltischen Staaten bezüglich Zufriedenheit, Polarisierung und der Haltung zur EU. "In dieser Hinsicht sind die Wahlen von 2022 in der Tat entscheidend für die Heranwachsenden", erklären die beiden im Interview mit Zsófia Fülöp. "In so einer unbefriedigenden Situation können drei Dinge unternommen werden: Emigration, Protest, Loyalität. Die Loyalität existiert bei den Heranwachsenden, die mit der Fidesz sympathisieren. Die Oppositionellen dagegen wollen nicht loyal werden, denn sie würden dadurch mit sich selbst in Widerspruch geraten. Protest ist weniger attraktiv, dafür ist die Passivität zu groß. Ein Drittel der Heranwachsenden würde an keinerlei politischen Aktionen teilnehmen. Aber auch die restlichen Zweidrittel würden sich eher nur an Aktionen beteiligen, die keine große Involvierung verlangen. Man geht ungern auf die Straße, um zu protestieren. Es bleibt also die Emigration, was aus der Sicht der Zukunft des Landes die schlechteste Option ist. Denn die Klügsten und am besten Ausgebildeten verlassen das Land und kommen nicht zurück."

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - Magyar Narancs

Der Verleger und Literaturhistoriker Krisztián Nyáry glaubt nicht daran, dass Interventionen des Staates auf dem Büchermarkt funktionieren können: "Wenn es keinen Leser gibt, dann lohnt es sich nicht. Auch bei unseren Verlagen kommt es manchmal vor, dass ein äußerer Akteur eine erhebliche Zuwendung verspricht, wenn wir ein Buch veröffentlichen, was wir ablehnen. In solchen Fällen sagen wir nicht nur aus moralischen, sondern auch aus geschäftlichen Gründen und Prinzipien Nein. Der Wert eines Verlages ergibt sich aus seinen Autoren und wenn wir einen aus welchen Gründen auch immer unpassenden Autor veröffentlichten, würden wir mehr verlieren, denn die Marke wäre beschädigt. Ich denke, dass auch aus diesem Grunde die Politik nicht in den durch die Verlage bestimmten Kanon eingreifen könnte, weil ein Verlag als Produkt nicht greifbar ist: Es ist ein Konglomerat aus Autoren, Lesern und den in langer Zeit entstandenen Traditionen. Natürlich könnte man sich mit Geld in einen Verlag einkaufen, doch dies verändert das Angebot, die Leser gehen und der Verlag wäre am Ende."

Magazinrundschau vom 09.11.2021 - Magyar Narancs

Der Historiker Martin Gulyás wurde nach der Wende 1991 geboren und promovierte im vergangenen Jahr zu einem Thema über die Revolution von 1956 in Ungarn. Im Interview mit András Bakos erklärt Gulyás, wie sich die Betrachtung von 1956 verändert hat: Die Kádár-Ära wird für viele Menschen immer unwichtiger, erklärt er. "Das liegt daran, dass politische Zugehörigkeiten immer weniger durch die Haltung zum Kádárismus bestimmt werden. Nächstes Jahr wird bereits die Generation Y wählen und es ist ziemlich schwierig, sie damit zu motivieren, dass die Kommunisten zurückkommen könnten oder die Erben der Faschisten. Ordnungsprinzipien entlang von Wagenburgmentalitäten haben eine limitierte Geltung und einen begrenzten gesellschaftlichen Wirkungsgrad. (…) Die Werke über 1956 sind größtenteils positivistisch, deskriptiv, was lange Zeit verständlich war, denn man musste faktisch den  Konterrevolutionsnarrativen der Kádár-Zeit entgegentreten. Jetzt bedarf es einer methodischen Erneuerung. Man muss auch die Erkenntnisse der Nachbarwissenschaften in die Analyse miteinbeziehen, denn 1956 hat Dimensionen, die weit über Straßenkämpfe und trockene Ereignisgeschichte hinausreichen."

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - Magyar Narancs

Die Schriftstellerin Ágota Bozai schreibt anlässlich der internationalen Initiativen #NametheTranslator und #TranslatorsOnTheCover (mehr dazu hier) über die Lage der ungarischen literarischen ÜbersetzerInnen. "In Ungarn werden sie nur höchst selten genannt." Dabei waren "in den 50er-, 60-er und 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Übersetzung in Ungarn eine Fluchtmöglichkeit für jene Intellektuellen, deren eigene Bücher nicht erscheinen durften. Ausgezeichnete Schriftsteller verdienten ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen und redaktioneller Arbeit. (…) Über die Lage der ungarischen Übersetzer gab es zuletzt eine Studie von Anikó Sohár. Daraus geht hervor, dass 92 Prozent der Befragten der Meinung sind, dass das Honorar der literarischen ÜbersetzerInnen seit der Wende schlecht oder äußerst schlecht sei (…) Das Vielfache der Einnahmen für literarische Übersetzungen kann mit Fachübersetzungen erzielt werden, obgleich die Übersetzung der Bedienungsanleitung einer Waschmaschine, eines Mietvertrags oder einer ärztlichen Diagnose nicht zwangsläufig komplizierter ist als die Übersetzung eines belletristischen Textes. Es ist vielleicht nicht zufällig, dass nur so wenige Menschen ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit literarischen Übersetzungen verdienen."

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller und Humorist Zoltán Kőhalmi spricht im Interview mit Orsolya Karafiáth über gute und schlechte Witze sowie über Witze in Not. "Ich fordere bei jedem Witz das Niveau ein. Internetkunst, wie jede Volkskunst spült nicht zwangsläufig das Beste an die Oberfläche, aber es ist trotzdem ein Grundprinzip von mir, dass man in jeder Situation lachen muss. Selbst im größten Weltbrand sind Witze entstanden und sehr oft waren die Witze das Einzige, was den Geist der Menschen vor der Zerrüttung bewahrte. Offensichtlich ist es keine Kämpfereinstellung, keine Revolutionsanführer-Attitüde, doch eine Überlebenstechnik. Es ist nicht die Verantwortung des Humoristen, wer den durch ihn kreierten Witz wie und wofür verwendet. (...) In jedem guten Witz steckt Schmerz und mir waren stets jene Witze wertvoll, die in Notsituationen entstanden sind."
Stichwörter: Volkskunst

Magazinrundschau vom 03.08.2021 - Magyar Narancs

Im Interview mit dem Dichter, Schriftsteller und Literaturhistoriker Dénes Krusovszky spricht die Literaturhistorikerin Eszter Pálfy über die Literaturgeschichtsschreibung, die sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert habe: "Als die Wissenschaftsgattung Literaturgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert entstand, war es selbstverständlich, dass sie jeweils von einer Person geschrieben wurde, denn es sollte oder musste von der Vergangenheit bis zur Gegenwart ein einheitliches Narrative erschaffen werden (...) Später wurde es zum Grundgedanke, dass es keine einzig gültige Geschichte gibt, sondern lediglich durch verschiedene Aspekte vermittelte brüchige Geschichten. (...) Ein weiterer Unterschied ist, dass wir uns heute die literaturhistorischen und schriftstellerischen Blasen offenbar wesentlich geschlossener vorstellen. Der Literaturhistoriker schreibt nur seriöse Abhandlungen, der Schriftsteller nur Literatur, die Gattung des literaturhistorischen Essays existiert kaum noch. Oder wenn sie existiert, dann ist sie grundsätzlich verdächtig: wenn der Literaturhistoriker so etwas schreibt, dann ist es Boulevardisierung und wenn der Schriftsteller das tut, dann ist es Dilettantismus. Sicherlich gibt es auch heute Überlappungen zwischen den zwei Positionen, denn es gibt unter den heutigen Dichtern und Schriftstellern viele, die ebenfalls literaturhistorisch aktiv sind. Doch die Trennung wird dadurch erhärtet, dass auch sie die unterschiedlichen Rollen gut voneinander abgegrenzt halten. Dem Metier entsprechend ziehen sie die Jacke des Schriftstellers oder des Literaturhistorikers an."