Magazinrundschau

Komplizenschaft zwischen Kontrahenten

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
11.01.2022. In Areo fragt Richard Dawkins, warum es einfacher sein soll, sein Geschlecht als seine Rasse zu wechseln, obwohl Rasse ein Spektrum ist und Geschlecht so verdammt binär. In der LA Review of Books grübelt Peter Pomeranzev über die Logik des Wahnsinns von Putin. Der Guardian versucht sich über KI klar zu werden, die umso genauere Vorhersagen macht, je weniger sie interpretierbar ist. Bloomberg erzählt, welchen Rückschlag die Coronamaßnahmen für viele Mädchen in Afrika bedeuten. Wired stellt neue und sehr schräge Methoden zur Energiegewinnung vor. The Critic fragt: Stirbt die Reisereportage aus?

LA Review of Books (USA), 10.01.2022

Hört man so die Experten in den Medien, fällt einem immer die Tendenz auf, Wladimir Putins Verhalten als rational zu analysieren. Was ist aber, wenn es nur Irrationalität mit Methode ist - denn auch Wahnsinn hat seine Logik. So in etwa lauten die bangen Fragen Peter Pomeranzevs in der LA Review of Books: "Putin hat Hunderttausende von Soldaten an die ukrainische Grenze verlegt und lässt nun die ganze Welt rätseln, ob er eine tatsächliche Invasion beabsichtigt oder ob das alles nur psychologische Kriegsführung ist, um den Vereinigten Staaten Zugeständnisse abzuringen. Die Gespräche in meinem Kreis von Osteuropaforschern in Washington DC und in meinem Kopf drehen sich ständig im Kreis. Sind seine wilden Behauptungen, die Amerikaner würden biologische Waffen in der Ukraine platzieren, ein Zeichen von Wahnsinn oder nur eine 'mad-man theory', die besagt, dass man wie ein Verrückter handeln muss, um einzuschüchtern? Aber ist verrückt zu handeln nicht schon eine Art von Wahnsinn? Was ist, wenn der Schauspieler von seiner Rolle fortgerissen wird? Ist er so weit gegangen, dass er nun eine Art Invasion braucht, um sie durchzuhalten? Und ist es immer noch ein psychologische Kriegsführung, wenn es eine echte Invasion gibt, um sie glaubhaft zu machen?"
Stichwörter: Putin, Wladimir

Guardian (UK), 09.01.2022

Als Isaac Newton seine Gravitationsgesetze formulierte, verließ er sich nicht nur auf seine Beobachtung, sondern auch auf seinen Verstand und seine Imagination. Künstliche Intelligenz kann aufgrund von Unmengen an Rohdaten Korrelationen erkennen und Vorhersagen machen, die ganz ohne theoretisches Fundament auskommen. Frederick Jelinek, ein Pionier der Spracherkennung, tönte einst sogar: "Jedes Mal wenn ich einen Linguisten rausschmeiße, wird die Software leistungsfähiger". Laura Spinney sieht die Erfolge der KI in der Verhaltensforschung oder der Medizin, aber auch ein Problem: "Wenn eine KI verlässlichere Vorhersagen liefert als eine Theorie, kann man zwar kaum behaupten, dass die Maschine voreingenommener ist. Ein größeres Hindernis für die neue Wissenschaft könnte aber unser menschliches Bedürfnis sein, die Welt zu erklären - in Begriffen von Ursache und Wirkung. Im Jahr 2019 schrieben die Neurowissenschaftler Bingni Brunton und Michael Beyeler von der University of Washington in Seattle, dass dieses Bedürfnis nach Interpretierbarkeit Wissenschaftler davon abgehalten haben könnte, neue Erkenntnisse über das Gehirn zu gewinnen, wie sie nur aus großen Datensätzen gewonnen werden können. Aber sie hatten auch Verständnis dafür. Wenn diese Erkenntnisse in nützliche Dinge wie Medikamente und Geräte umgesetzt werden sollen, so schreiben sie, 'ist es unerlässlich, dass Computermodelle Erkenntnisse liefern, die für Kliniker, Endanwender und die Industrie erklärbar sind und denen diese vertrauen'. 'Erklärbare KI', die sich mit der Überbrückung der Kluft bei der Interpretierbarkeit befasst, ist gerade sehr angesagt. Diese Kluft wird jedoch nur noch größer werden, und wir könnten stattdessen mit einem Kompromiss konfrontiert werden: Wie viel Vorhersagbarkeit sind wir bereit, für Interpretierbarkeit aufzugeben?"
Archiv: Guardian

Bloomberg Businessweek (USA), 10.01.2022

In Afrika treffen die Covid-Maßnahmen Mädchen besonders hart, berichtet Jill Filipovic in einer mit Zahlen und Interviews gespickten Reportage. Wenn die Schulen schließen müssen, verlieren viele die einzige Zuflucht in der sie Kinder oder Jugendliche sein können: "Ntaiya, die Massai-Pädagogin, sagt, dass ihre Organisation in der Gemeinde Haus für Haus aufgesucht hat, um die Mädchen zu schützen, und dass ihre Schülerinnen im Großen und Ganzen zurückkommen. Aber sie kommen oft verwundet und traumatisiert zurück. 'Wir wissen, dass [weibliche Genitalverstümmelung] zugenommen hat', sagt sie. 'Wir wissen, dass Teenagerschwangerschaften zugenommen haben. Und Kinderheiraten - sie nehmen einfach zu. Wir hoffen, dass wir dieses Narrativ ändern und einen Weg finden können, um Mädchen zu schützen, Gemeinschaften zu schützen und ihnen zu helfen, sich zu entwickeln. Aber die ganze Arbeit, die wir geleistet haben, geht nach hinten los.' Sie hält inne und holt tief Luft. 'Es ist ein schwieriges Thema.'"
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Wired (USA), 04.01.2022

Wind- und Solarkraft - schön und gut. Aber wenn der Ausstieg aus der fossilen Energie hin zu einer klimaschonenden Alternative gelingen soll, braucht es Möglichkeiten, den gewonnenen Überschuss an Energie für jene Tage zu speichern, an denen kein Wind weht und die Sonne nicht scheint. Eine recht pfiffige Idee hat Matt Reynolds in einem Schweizer Alpental entdeckt, wo das Startup Energy Vault einen ziemlich bizarr anmutenden, riesigen Metallturm errichtet hat, um dort enorme Massen erst nach oben zu bugsieren, wo sie im Falle eines Falls nach unten rauschen, um damit wieder Energie freizusetzen. "Befürworter dieser Technologie behaupten, dass Schwerkraft eine praktische Lösung für das Speicherproblem darstellen könnte. Statt sich auf Lithium-Ionen-Batterien zu verlassen, die mit der Zeit verfallen und für die seltene Metalle benötigt werden, die erst aus der Erde geholt werden müssen, sagen Piconi und seine Kollegen, dass mit Schwerkraft betriebene Systeme eine günstige, reichhaltige und langlebige Speicherquelle für Energie darstellen könnte, die wir derzeit noch nicht ausreichend in den Blick genommen haben. ... Das Energiespeicher-Startup Gravitricity aus Edinbugh hat eigenen, neuen Weg gefunden, um die Kosten für diese Form der Schwerkraftspeicherung zu senken, indem sie die Gewichte in nicht mehr genutzte Minenschächte rasen lassen, statt Türme zu bauen. ... Im April 2021 begann Gravitricity erste Tests mit einem 15 Meter hohen Demonstrationssystem in Leith, Schottland, doch das erste kommerzielle System des Unternehmens könnte in Tschechien entstehen. Dort sind die Politiker sehr interessiert daran, neue Wege zu finden, um die Kohleminen, die bald stillgelegt werden, zu nutzen."
Archiv: Wired

Harper's Magazine (USA), 01.01.2022

Nebenbei erfährt man in Andrew Cockburns Artikel gegen den neuen Glauben an Atomkraft, dass die amerikanische Linke sich mit der deutschen doch nochmal länger zum Diskutieren in ein Hinterzimmer setzen sollte - denn Protagonistinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez sind glatt pro! Aber natürlich auch Bill Gates, der eine laut Cockburn uralte und hundertmal gescheiterte Technologie mit seiner Firma TerraPower als den neuesten heißen Scheiß verkaufen will. Cockburns Argumente gegen Atomkraft sind im wesentlichen die bekannten und die unbekannten Havarien, der Lobbydruck der Industrien und die Tatsache, dass offizielle Stellen schlimme Ereignisse systematisch herunterspielen. Er bezieht sich auf das Buch "Manual for Survival - An Environmental History of the Chernobyl Disaster" von Kate Brown, die in Tschernobyl nach der wahren Zahl der Toten recherchiert hat. "Brown verbrachte zehn Jahre in Archiven in der Ukraine, Weißrussland und Russland, wo sie Aufzeichnungen über die Millionen von Menschen ausgrub, die nicht nur der unsichtbaren Wolke ausgesetzt waren, sondern auch deren Rückständen in der Landschaft, aus der sie ihre Nahrung bezogen. (…) Auf ihren Reisen durch die betroffenen Gebiete, die zum Teil weit von der Anlage selbst entfernt waren, traf Brown Gemeinden, die durch die Strahlung zerstört wurden, und zum Beispiel auch auf Frauen, die Wolle von Schafen geschoren hatten, die in der Strahlungszone geschlachtet worden waren. Das Tragen von Ballen radioaktiver Wolle, so Brown, 'war, als würde man ein Röntgengerät umarmen, während es immer wieder eingeschaltet wurde'. Viele wurden krank und starben. Doch unter den Zehntausenden von Seiten, die Brown durchforstete, fand sich nur ein einziges obskures offizielles Dokument, das eine konkrete Zahl für die Todesfälle im Zusammenhang mit Tschernobyl nannte: 36.525. Das war die Zahl der Frauen in der Ukraine, die eine Rente erhielten, weil ihre Ehemänner an den Folgen der Katastrophe gestorben waren - eine Zahl, die weit über den Angaben westlicher Behörden lag."
Stichwörter: Tschernobyl, Atomkraft

Guernica (USA), 06.12.2021

Fast jede Kultur hat Vorstellungen von Unreinheit. Die indische Autorin Shilpi Suneja erzählt in Guernica, wie sie erstmals damit konfrontiert wurde: Als sie ihre Regel bekam, auf einer Zugfahrt der Familie zur Großmutter, Dadi genannt. Dort angekommen, musste sie ihre Kleidung auswaschen und wurde in ein Gästezimmer eingesperrt. "Meine Großmutter, so verstehe ich heute, bewältigte mein Erwachsenwerden auf die gleiche Weise wie ihre Mutter, indem sie sich der Mythologie zuwandte. Ihre religiösen Texte sagten ihr, dass die Menstruation eine Strafe sei, und zwar eine Strafe für ein Verbrechen, das Frauen nicht einmal begangen hatten. Der Gott Indra hatte einen Brahmanen getötet, die schwerste aller Sünden, und er beschloss, seine Schuld mit dem Land, dem Wasser, den Bäumen und den Frauen zu teilen. Das Land wurde mit Wüsten und unfruchtbarem Boden verflucht, auf dem nichts wächst, das Wasser mit unangenehmen Blasen und Schaum, die Bäume mit Saft und Gummi, die nicht gegessen werden können, und die Frauen mit der Periode, die Schmerzen, Leiden und Stigmatisierung verursacht. In der hinduistischen Mythologie wurden die Frauen mit der Natur in Verbindung gebracht; wir wurden als elementar, gewaltig, fähig zur Schöpfung und Zerstörung, unberechenbar und unzähmbar bezeichnet. Während die christliche Ideologie davon ausgeht, dass die Frau dem Mann untergeordnet ist, werden wir in den alten indischen Texten als gleichwertig oder sogar als mächtiger als der Mann angesehen. Aber weil sie uns für fähig halten, listig zu sein, billigen sie auch die Notwendigkeit, uns zu bestrafen. Im Rigveda, dem ältesten vedischen Text, werden wir mit den 'Analphabeten der unteren Kaste' und den Tieren in einen Topf geworfen, die alle hin und wieder eine Tracht Prügel benötigen. Und das monatliche Bluten, zusammen mit körperlichen Schmerzen, Gefangenschaft, Demütigung und der Assoziation mit Schmutz und Unglück, fungiert als Schallschlag des Universums. Wenn diese Schande für unsere leiblichen Familien zu viel ist, empfiehlt das berüchtigte Manusmriti, das als erster Rechtstext des Hinduismus gilt, uns zu verheiraten, bevor wir zu menstruieren beginnen. Das ist die Geburtsstunde der Kinderehe."
Archiv: Guernica
Stichwörter: Unreinheit, Menstruation

noahpinion.substack.com (USA), 08.12.2021

Ah, das tut gut! Eine große Dosis original amerikanischen Techno-Optimismus. Noah Smiths Substack-Blog ist diesem Antidepressivum sogar exklusiv geweiht. Warum es Anlass dafür gibt? Nun, so versichert Smith, bald haben wir durch Wind, Sonne und womöglich Kernfusuion billige Energie im Überfluss. Und das ist längst noch nicht alles. Man denke an die Biotechnologie: "Dieses Jahrzehnt begann mit mRNA-Impfstoffen, die gerade noch rechtzeitig eintrafen, um Millionen von Menschen vor einer weltweiten Seuche zu retten. Und mRNA verspricht Impfstoffe für alles, von Malaria über verschiedene Krebsarten bis hin zu einer beliebigen Anzahl anderer Krankheiten. Erstaunlicherweise ist dies aber nur einer von vielen biologischen Durchbrüchen, die gerade jetzt zum Tragen kommen! Hier ist eine kurze Liste von Wundern, die mir in den letzten Monaten über den Bildschirm gehuscht sind." Und dann kommen Gentherapie, Neurotechnologie, die Verpflanzung tierischer Organe in Menschenkörper (bei Nieren ist schon gelungen) und Gensynthese. Und dies hier, die Mensch-Maschine-Schnittstelle. Dieser Tweet zeigt Buchstaben, die ein gelähmter Mensch durch bloße Hirnanstrengung auf einen Computer übertragen kann:

Magyar Narancs (Ungarn), 10.01.2022

Im Interview mit Dénes Krusovszky spricht der Autor und Übersetzer Mátyás Dunajcsik über die Mehrsprachigkeit und Sprachenwechsel in der Dichtung der Gegenwart. "Dass jemand nur und ausschließlich in seiner Muttersprache Literatur schaffen kann, ist eine jener scheinbaren Evidenzen, von denen wir denken, dass sie allgemeingültig sei, obgleich dies in historischer Dimension in der menschlichen Kultur eine ziemlich neue Entwicklung darstellt und in der nationalen Romantik des 19. Jahrhunderts wurzelt. (…) Wenn wir uns die Realitäten des 21. Jahrhunderts und die daraus entstehenden Lebenssituationen anschauen, dann erscheint es eher eine Ausnahme, wenn jemand sein ganzes Leben in seiner muttersprachlichen Umgebung verbringen kann - und wir haben noch nicht darüber gesprochen, welch ein Privileg es ist, wenn man im eigenen Heimatland von der Literatur leben kann, die man in seiner Muttersprache geschaffen hat."

London Review of Books (UK), 10.01.2022

Mit einem gewissen Amüsement liest Tim Parks Joseph Farrells Geschichte des Duells, mit dem über Jahrhunderte die Ehre des Edelmanns auf Leben und Tod verteidigt wurde, bis diese Sitte schließlich endete wie das Tieropfer: Keiner wusste mehr, wie es überhaupt angefangen hatte und was der ganze Unsinn sollte: "Farrell, Professor für Italienisch an der Universität von Strathclyde, beginnt sein Buch mit Giacomo Casanova, der sich 1766 mit Franciszek Branicki duellierte. Casanova war damals Anfang vierzig und hielt sich in Warschau auf, um sein Glück am polnischen Hof zu versuchen. Nach einer Theatervorstellung gerieten er und Branicki in Streit um die Gunst ein Tänzerin. Als Casanova nachgab, beschimpfte ihn Branicki als Feigling und noch dazu als venezianischen Feigling. 'Es gibt keinen Menschen', schrieb Casanova später, 'der ein Wort verzeihen kann, das seine Nation verleumdet'. Der Streit war trivial, aber nicht unbemerkt geblieben. Nachdem Casanova eine Nacht lang gegrübelt hatte, entschied er, dass Philosophie und Religion zwar zur Untätigkeit rieten, dass dies aber bedeuten würde, 'an keinem Hof mehr leben zu können' ... Duelle waren in Polen verboten und wurden mit dem Tode bestraft. Die geheimen Verhandlungen zur Vorbereitung des Treffens förderten daher eine gewisse Komplizenschaft zwischen den Kontrahenten. Sie wurden zu Komplizen eines Verbrechens, wenn auch eines, das die meisten ihrer Altersgenossen billigten und sogar bewunderten. Farrell bemerkt perplex, dass Casanova den Einsatz von Pistolen ablehnte, weil sie 'zu gefährlich' seien, aber schließlich einwilligte, als Branicki ihn darum bat, 'einem Freund diese Gunst zu erweisen'. Er zeigt sich auch verwundert über Casanovas Versuche, Branicki in Smalltalk zu verwickeln. Was ihn jedoch noch mehr staunen lässt: Nachdem die beiden Männer gleichzeitig aus der vorgeschriebenen Entfernung von zehn Schritten geschossen hatten, fiel Branicki mit einer Kugel in der Brust zu Boden, doch als  sein Sekundant mit gezogenem Schwert auf Casanova zustürmte, rief der Verwundete: 'Canaille, respectez ce cavalier'. Casanovas Ehre wurde von seinem Widersacher wiederhergestellt."
Stichwörter: Duelle, Casanova, Giacomo

The Critic (UK), 04.01.2022


Wie sich die Zeiten ändern. In Granta 10 war das Reisen noch ein glamouröses Ereignis. In Granta 157 ist es so schuldbeladen, dass zu Hause bleiben die einzige Option zu sein scheint.

Tom Chesshyre erinnert sich noch gut daran, wie populär und wundervoll geschrieben in den 80ern Reisereportagen waren. Bill Buford gab 1983 Granta 10 heraus, eine Ausgabe mit literarischen Reportagen von Gabriel Garcia Marquez, Paul Theroux, Colin Thubron, Saul Bellow, Martha Gellhorn u.a.. Ja, selbst in den 00er Jahren, als der Perlentaucher seine Magazinrundschau auf die Beine stellte, waren Zeitungen und Magazine noch gespickt mit großen Auslandsreportagen. Die deutsche Sektion der Lettre vergab von 2003 bis 2006 den Lettre Ulysses Award, einen internationalen Preis für literarische Reportagen. Heute scheint diese Form der Erzählung mit ihrer Mischung aus Fakt und Fiktion aus der Mode gekommen zu sein. Es gibt mehrere Gründe dafür: Billige Flüge, die den Massentourismus in jede Ecke der Welt bringen, das Internet, die neue Vorliebe für Nabelschau und schließlich noch ein weiterer Grund: Die Reporter zweifeln heute offenbar oft an ihrer Berechtigung, von einem fremden Land zu erzählen, so Chesshyre. "In 'The Travel Writing Tribe' verweist Tim Hannigan auf eine wahrgenommene 'kulturelle Aneignung' durch privilegierte westliche Menschen, die oft 'sehr männlich, sehr weiß' und teuer ausgebildet sind und in fremden Ländern auftauchen und Fragen stellen. Der Akademiker Charles Sugnet geht noch einen Schritt weiter und beschuldigt die Chatwins und Therouxs, 'eine anspruchsvolle Version des Katalogs von Banana Republic zu sein... ihr Gepäck ist voll mit tragbaren Splittern des kolonialistischen Diskurses'. Der Gedanke, dass so gut wie niemand das Recht hat, irgendwohin zu reisen und darüber zu reflektieren, scheint sich durchgesetzt zu haben. Der Herausgeber der neuesten Ausgabe des Magazins, Granta 157, der Reiseschriftsteller William Atkins, beginnt seine Einführung in die Ausgabe zum Thema Reiseschriftstellerei mit dem Eingeständnis, dass er auf einer Reise nach Xinjiang in China (wo sich 'Umerziehungslager' für das verfolgte Volk der Uiguren befinden), 'nicht zum ersten Mal den Selbstekel des europäischen Reiseschriftstellers an einem unruhigen Ort gespürt habe, der - abgesehen von journalistischen Vorwänden - weder ein Nachrichtenkorrespondent noch ein internationaler Beobachter ist, sondern im Grunde ein Tourist mit einem Buch im Kopf'. Dies ist nur ein Aspekt dessen, was in einigen Kreisen eine fast vollständige Ablehnung - oder vielleicht ein tiefes Misstrauen - gegenüber der Reiseschriftstellerei zu sein scheint. Schon der Akt des Reisens scheint heikle Fragen über die Eignung des Genres aufzuwerfen. Jeder Langstreckenflug, so Atkins, 'kann aufgrund der Auswirkungen des Kohlenstoffs plausibel als ein Akt der Gewalt beschrieben werden'. Im Gegensatz zu Buford (dessen Titelbild eine glamouröse Frau und einen Piloten mit Koffern beim Aussteigen aus dem Flugzeug zeigte) wurden seine Autoren 'vom Fliegen abgehalten', und der Titel der Ausgabe - Should We Have Stayed At Home? - redet nicht um den heißen Brei herum. Die in der Luft hängende Antwort 'Ja' scheint die gesamte Literaturgattung zu 'canceln'."
Archiv: The Critic