Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 07.07.2015 - Magyar Narancs

Der Psychologe László Mérő erklärt am Beispiel der künstlichen Intelligenz, warum Macht kontrolliert werden muss. "Wir sollten uns nicht vor der Entwicklung der künstlichen Intelligenz fürchten, sondern vor uns selbst. Für mich ist viel erschreckender, dass wir hin und wieder bei demokratischen Wahlen und aus eigenem Entschluss eine natürliche Intelligenz als Vertreter bestimmen, die veruntreut und betrügt. Vielleicht ist es aus diesem Grund doch hilfreich zu überlegen, was passieren kann, wenn eine künstliche Intelligenz uns in der Wirklichkeit schadet, schlechte Intentionen verfolgt oder gegen uns arbeitet. Eine solch schauerliche, jedoch theoretische Situation kann uns vielleicht besser als abstrakte politische Philosophie helfen, unsere eigenen schlechten Entscheidungen künftig zu vermeiden. In Wahrheit geht es sehr wohl um Begriffe der klassischen politischen Philosophie und es wird vielleicht verständlich, warum Macht, sei sie noch auch so wohlwollend und intelligent, strikt kontrolliert werden muss, selbst wenn sie nicht von künstlicher, sondern von natürlicher Intelligenz ausgeübt wird."
Stichwörter: Künstliche Intelligenz

Magazinrundschau vom 26.05.2015 - Magyar Narancs

László Nemes Jeles" Regiedebüt, der Holocaustfilm "Sauls Sohn", wurde bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes mit dem Grand Prix der Jury ausgezeichnet. Zuvor erhielt der Film den Fipresci-Preis der Filmkritiker, den François Chalais Preis sowie für die technische Verwirklichung - insbesondere für den Ton - den Vulcan-Preis. Vor der Preisverleihung erklärte der Regisseur Rita Szentgyörgy im Interview sein Konzept des Films: "Wir haben uns bewusst gegen die gängige Kodierung des Holocaustfilms entschieden, weil in vielen Fällen die bis jetzt verwendeten Kodierungen und Logiken unhistorisch sind. Die Filmschemata der Nachkriegszeit entsprechen Überlebensgeschichten. Mir fällt aber bei der Vernichtung des europäischen Judentums nicht das Überleben ein. (...) Das Konzept war, dass wir als Partner mit dem Protagonisten präsent sind, wir begleiten ihn. Und weil er den permanenten Horror nicht betrachtet - er gewöhnte sich daran, er ist in einem anderen emotionalen Zustand -, so betrachten wir ihn auch nicht. Wir sehen nur, was mit seinem Sohn zu tun hat. Damit eröffneten wir visuell einen interessanten Weg im Film und die Grausamkeit sickert nur knapp ein, wir zeigen das Unzeigbare nicht."

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - Magyar Narancs

Vor zwei Jahren wies das Wiener Burgtheater eine Einladung zum neugegründeten internationalen Theaterfestival POSzT des Budapester Nationaltheaters unter dem Direktoren Attila Vidnyánszky zurück (mehr hier). Am diesjährigen Treffen nahm das Burgtheater zum ersten Mal teil, der Gastauftritt (mit Jan Bosses Tschechow-Inszenierung "Die Möwe") endete am gestrigen Abend mit einem Eklat, meldet Népszabadság. Nach der Vorstellung verlas Martin Reinke (in der Rolle des Jewgenij Dorn) eine politische Erklärung auf Deutsch und auf Englisch und überraschte damit den anwesenden Vidnyánszky aber auch das Publikum vollkommen: Das Burg-Ensemble bekundete in der Erklärung seine Solidarität mit denen, die - wie Teile der ungarischen Theaterszene - die wachsenden Demokratiedefizite ertragen müssen. (Mehr dazu hier)

Ein Skandal dieses Theatertreffens ist die grundlose Ablehnung der Kandidatin für den Vorsitz der fachlichen Jury, Judit Csáki, durch die von Vidnyánszky angeführte Ungarische Theatrumgesellschaft. Die Vereinigung der Theaterkritiker rief daraufhin zum Boykott auf, dem sich bisher zahlreiche Fachzeitschriften, Onlineportale aber auch Schriftsteller wie Péter Esterházy, Pál Závada oder Lajos Parti Nagy, Kunst- und Kulturhistoriker wie Péter György oder János Rainer M. und Regisseure wie Róbert Alföldi oder Árpád Schilling anschlossen. Weiterhin verkündeten einige teilnehmenden Theaterhäuser (Örkény, Szputnyik), dass sie zwar ihre Stücke spielen, sich jedoch aus dem Wettbewerb zurückziehen würden. Péter Urfi stellt die Zukunft des Festivals unter den gegebenen Umständen grundsätzlich in Frage: "Das anhaltende Schweigen über den wachsenden Boykott wird immer peinlicher. Zwar kann ein protziges Festival die Absagen von Intellektuellen wie Esterházy, Parti Nagy, Péter György, Závada u.a. vom Tisch fegen, doch die Liste mit bestimmenden Figuren des gegenwärtigen ungarischen Theaters wie Alföldi, Schilling oder der Direktorin der Vereinigung der unabhängigen Theaterhäuser Adrienn Zubek wird auch immer länger. Sie alle zu ignorieren ist - gelinde gesagt - eine Unverschämtheit, was erneut zu der Frage führt, was für eine Veranstaltung aus dem POSZT geworden ist."

Magazinrundschau vom 17.03.2015 - Magyar Narancs

Der Politologe Gábor G. Fodor ist einer des engsten Berater des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Entgegen aller bisherigen Praktiken gab er kürzlich der Wochenzeitschrift Magyar Narancs ein Interview in dem er u.a. über die ungarischen Intellektuellen sprach. Seine Äußerungen über den Begriff "bürgerliches Ungarn" lösten vor allem bei rechten Intellektuellen Verblüffung aus: "Viele der rechten Intellektuellen irren sich wenn sie den Begriff "bürgerliches Ungarn" als politische Realität empfinden. Der Begriff war seiner Natur nach lediglich ein politisches Produkt. Sie glauben aber noch heute, dass Ungarn zwischen 1998 und 2002 (der ersten Amtszeit Orbans - Anm. d. Red.) bürgerlich war. Das ist ein riesiger Irrtum. (…) Während liberale Intellektuelle sich von Toleranz und Freiheitsrechte angezogen fühlen, haben die Rechten eine postromantische Haltung gegenüber der ungarischen Geschichte. Demnach sei das Land in einigen bestimmten Zeiträumen dem kulturellen Niveau, das sie für erstrebenswert halten, nahe gewesen. Ich denke, dass Politik nicht rückwärtsgewandt ist. Gute Politik ist weder postromantisch, noch ideologisch, sondern entscheidungsfreudig und tatkräftig. So einfach ist das."

Magazinrundschau vom 07.04.2015 - Magyar Narancs

Der junge Literaturhistoriker Tamás Scheibner veröffentlichte vor kurzem eine Studie zur Sowjetisierung der ungarischen Literaturwissenschaft ("A magyar irodalomtudomány szovjetizálása" 1945-53, Ráció, Budapest 2014. 316 Seiten). Im Fokus seiner Arbeit (mehr dazu hier) steht die Periode 1945-53, und er untersucht nicht nur die Umgestaltung des literarischen Kanons in dieser Zeit, sondern analysiert auch die gezielte Verbreitung des sozialistischen Realismus in den Künsten durch die Institutionen und rekonstruiert die sogenannte Lukács-Debatte in Ungarn 1949-51, die Themen der Expressionismusdebatte zwischen Brecht und Lukács (1938/39) über den "sozialistischen Realismus" wiederaufnahm. Im Interview mit Dávid Lakner spricht Scheibner über die Wichtigkeit der Erforschung der gelenkten Literatur vor dem Hintergrund der heutigen illiberalen Demokratie in Ungarn: "Als Historiker ist meine Aufgabe die Dekonstruktion der Mythen und nicht ihre Erschaffung. Aktuelle Analogien sind dennoch gefährlich, denn jegliche Ähnlichkeit kann nur bis zu einem gewissen Grad aufrechterhalten werden, führt aber leicht in die Irre. (…) Eine solche Detailstudie der sozialistischen Ära verursacht bei den Zeitgenossen emotionale Reaktionen. Wer diese Zeit erlebt hat, glaubt oft, dass nur er weiß, was in "Wirklichkeit" passiert ist. (...) Die Literaturwissenschaft ist immer noch stark von feudalen Verhältnissen geprägt und oft begegne ich den Wunsch über bestimmte Themen nicht zu schreiben. Allgemein halte ich den kritischen Geist, insbesondere gegenüber unserer eigenen Traditionen, für schwächer ausgeprägt als wünschenswert."

Magazinrundschau vom 10.03.2015 - Magyar Narancs

Die Schriftstellerin und Theaterkritikerin Andrea Tompa hat sich mit Árpád Schilling, Regisseur und Gründer der unabhängigen Theatergruppe Krétakör, über dessen Produktion "Der Loser" unterhalten. Es geht in dem Stück um das Verhältnis von Politik und künstlerisches Schaffen. Das Interview ist von einer gewissen Spannung geprägt, da Tompa selbst vor kurzem von der Regierung für ihre schriftstellerische Tätigkeit ausgezeichnet wurde. Sie war von einer der letzten fachlichen Kommission vorgeschlagen worden und nahm darum die Auszeichnung an, nicht jedoch die damit verbundene Dotierung - aus Protest gegen die Kulturpolitik der Regierung. Dies hatte zur Folge, dass die öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn ihre Auszeichnung ignorierten: "Schilling: Im Stück "Loser" ist die Annahme der Auszeichnung der Verrat - Árpád Schilling nimmt die Auszeichnung der Machthaber an und verkauft dadurch seine Seele. Es ist aber auch wahr, dass es in deinem Falle bei einer Ablehnung der Auszeichnung nicht zum Eklat gekommen wäre. Dennoch sagt die Macht mit dieser Auszeichnung: wir wissen, wer du bist, Andrea Tompa, wir kennen deine Meinung und sieh da, trotzdem zeichnen wir dich aus. So scheint alles in Ordnung zu sein. (…) Tompa: Ich sehe meine Sache anders. Ich wurde vom letzten Fachgremium vorgeschlagen. Das Geld nahm ich nicht an. Später, nachdem die Nachricht aus den öffentlich-rechtlichen Medien verbannt worden war, wurden meine Aussagen eigentlich erst interessant, denn es ging um Zensur, und meine Geste hatte sich selbst gerechtfertigt."

Magazinrundschau vom 24.02.2015 - Magyar Narancs

Der Literaturwissenschaftler Ernő Kulcsár-Szabó, Herausgeber einer ungarischen Literaturgeschichte und seit neun Jahren Direktor des Instituts für Literatur- und Kulturwissenschaften der Budapester Universität ELTE, spricht im Interview mit Péter Urfi über den Zustand der Geisteswissenschaften in Ungarn: "Nur jenes Land wird große Wissenschaft hervorbringen, das auch große Dichtung hat. Wenn wir die edle Aussage verinnerlichen, dass wir nur das denken können, was unsere Sprache ermöglicht, dann wird plötzlich erschreckend wichtig, wozu die Literatur eine Sprache befähigt. Die Literatur ist - im Gegensatz zu anderen Ressourcen - eine unerschöpfliche nationale Ressource. Sie kann gedankenschöpfende Sprache zum Wohle aller schaffen: Nur derjenige ist fähig, artikulierte Gedanken zu formulieren, der auf einem hohen Niveau seiner Sprache gerecht wird. (…) Die geisteswissenschaftliche Fakultät ist der einzige Ort, wo der Hörer frei, ohne Konsequenzen seine Wahrheit in die Waagschale werfen kann. Hier fordert der Ausdruck der Meinung einen anderen Einsatz, als im öffentlichen Raum. Dadurch entsteht aber auch das risikobehaftete Denken, nach Gumbrecht die Essenz der Geisteswissenschaften überhaupt."

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - Magyar Narancs

Jede Regierung möchte sich mit repräsentativen Bauten verewigen. Das ist auch kein Problem, meint Dániel Kovács, wenn diese Bauten von einer inspirierten Idee getragen sind. Das ist jedoch leider nur selten der Fall: "Was heute wirklich wichtig ist, wird nicht von Architekten erbaut - doch sie spielen darin eine wichtige Rolle. (...) Wichtiges wird heute von Gruppen von Menschen kreiert, die Gärten bauen, Räume und Gebäude für neue Zwecke zugänglich machen, Veranstaltungen und Bewegungen organisieren, Kulturzentren eröffnen und betreiben, Meinungen und Standpunkte formulieren - aus der Überzeugung, dass Siedlungen nicht von Politikern oder Ingenieuren, sondern von Menschen zugänglich, erträglich und lebendig gemacht werden."
Stichwörter: Architektur, Siedlungen, Ungarn

Magazinrundschau vom 28.10.2014 - Magyar Narancs

In der acb Galerie in Budapest stellte das Underground-Künstlerduo Kornél Szilágyi und Nándor Hevesi alias Igor und Iván Buharov in einer multimedialen Installationsausstellung unter dem Titel "Alles Inbegriffen" ihr neues Filmprojekt vor. Beeindruckt berichtet Kriszta Dékei von der Präsentation: "Wir brauchen keinerlei halluzinogene Mittel zu nehmen, um auf der Ausstellung des seit 1995 zusammenarbeitenden "Geschwisterpaars" Igor und Iván Buharov high zu werden - komplexe und intensive, surreale Erscheinungen versetzen den Empfänger in einen veränderten Bewusstseinszustand. Erreicht wird dies durch multimediale Installationspräsentationen, welche "die Wirklichkeit des heutigen Osteuropa durch philosophische und transzendente Ideen mit nekro-realistischem Humor vermischt, vermittelt"… Die präsentierten Filmschnitte zeigen eine postutopische und aussichtslose Welt, in der Anarchie das System kennzeichnet. Die materialistische Welt ruft den verdorbenen Sozialismus, die Zeit der Landnahme der Ungarn, den Müllhaufen der Industriegesellschaft und die heutige verunstaltete Wirklichkeit gleichzeitig auf, in der Reiter, Schamanen, Kopftuchträger, Obdachlose und weitere durch Lochkarten miteinander kommunizieren."

Magazinrundschau vom 07.10.2014 - Magyar Narancs

Die Vereinigte Israelitische Glaubensgemeinschaft Ungarns (EMIH) ist seit ihrer Gründung 2004 (mehr hier) die institutionalisierte Form der chassidisch-orthodoxen Chabad-Bewegung in Ungarn. Nach dem in 2012 verabschiedeten Kirchengesetz, genießt sie - gleichberechtigt mit MAZSIHISZ, dem ungarischen Zentralrat der jüdischen Organisationen - Kirchenstatus. EMIH kooperiert in vielen Bereichen mit der ungarischen Regierung, die Regierung bezieht sich auf EMIH, wenn sie von "hervorragenden Beziehungen zu jüdischen Organisationen" spricht. Der Kunsthistoriker und Ästhet Péter György skizziert eine kurze Geschichte der Juden in Ungarn in den vergangenen zwei Jahrhunderten und kritisiert EMIH und ihren Rabbiner Slomó Köves für ihre ausdrücklich apolitische Haltung: "Der Neonationalismus verspricht einen im Interesse der Gemeinschaft handelnden starken Staat. Er braucht keine Individuen, sondern gefügige und nützliche Staatsbürger. Diese Ideologie sucht gerade einen Partner. Die durch Slomó Köves geführte EMIH propagiert auch prompt ein nach innen gerichtetes Gemeindeleben, in dem die Beschäftigung mit dem Holocaust und dem Zustand der ungarischen Demokratie nicht Sache der Juden ist. Als wären die Juden auf dem Mond und nicht Teil der ungarischen Gesellschaft. (...) Diese Organisation hat mit der säkularen jüdischen Subkultur nichts zu tun, sie negiert die Geschichte der jüdischen Aufklärung und damit auch die ungarische Geschichte des 19. Jahrhunderts."
Stichwörter: Subkultur