Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

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Magazinrundschau vom 23.09.2014 - Magyar Narancs

Die junge Dichterin Lili Kemény (21) arbeitet an ihrem Abschlussfilm als Regisseurin an der Budapester Universität für Schauspiel- und Filmkunst. Ihr erstes Gedichtsband ("Madaram" - Mein Vogel) erschien bereits 2011 beim Verlag Magvető. Im Interview mit Alexandra Kozár erklärt sie, warum sich Dichten und Filmemachen so ähnlich sind: "Was mit Tempo, Farben und Kamerabewegungen erzählt werden kann, besitzt keine exakte Grammatik. Was gewöhnlich als Filmsprache bezeichnet wird, ist der Dichtung nahe: Beide sind assoziativ, persönlich, kathartisch. (...) Das Spiel beim Gedichtsschreiben ist, dass du längere oder kürzere Halbzeilen suchst, in denen diese Sprache zum soliden Kern verdichtet wird. Der eine oder andere gut getroffene, genau konzipierte Satz, der Kern, funktioniert wie ein Virus, wenn er in den Kopf des Lesers gelangt (...) Sicherlich gab es vor uns überall Genies, doch es ist wichtig, dass wir die Literatur des 21. Jahrhundert erschaffen, etwas, das es noch nicht gibt, und nicht nur herausschaufeln, was bereits seit tausend Jahren existiert - nun in die Kulissen des 21. Jahrhunderts gepresst. Dahin muss man sehen, was es noch nicht gibt."
Stichwörter: Kemeny, Lili, Ungarn, Solid, Filmkunst

Magazinrundschau vom 11.09.2014 - Magyar Narancs

Der Kunsthistoriker András Rényi ist Initiator des Projekts "Lebendiges Denkmal", das in der direkten Nachbarschaft des "Denkmals für die Opfer der deutschen Besatzung" am Budapester Freiheitsplatz täglich öffentliche Gesprächsrunden veranstaltet. Die anfängliche Protestaktion entwickelte sich durch die rege Beteiligung aber auch durch Hartnäckigkeit zu einem beachtlichen gesellschaftlichen Forum der gegenwärtigen ungarischen Erinnerungskultur. Im Gespräch mit Szilárd Teczár erklärt Rényi: "Das Besatzungsdenkmal ist ein verdammtes Denkmal, nie wird daraus entstehen, was eigentlich beabsichtigt war. Doch der Ort ist zur öffentlichen Agora geworden, auf der Menschen, Bürger, Christen, Juden, Roma, Schwaben (verbreitete Bezeichnung der deutschen Minderheit in Ungarn - Anm. d. Red.) oder Ungarn anderer Herkunft miteinander sprechen, diskutieren, ihre Geschichten erzählen und Formen des öffentlichen Gesprächs lernen. Sie besuchen somit die Schule der partizipativen Demokratie. (...) Wir vermeiden Gesten der Anklage und der Stigmatisierung. Klar, wir reden viel über den Holocaust, doch wir sprechen auch über das Trauma von Trianon, über die Aussiedlungen der Deutschstämmigen oder über das sozialistische Kádár-System. Es geht also nicht darum, unsere Wunden zu lecken, sondern um Selbstreflexion."

Magazinrundschau vom 26.08.2014 - Magyar Narancs

Nach einer Rede des Ministerpräsidenten Victor Orban über das Ende der liberalen Demokratie in Ungarn diagnostiziert der Philosoph Gáspár Miklós Tamás in einem ausführlichen Interview mit Szilárd Teczár einen ernstzunehmenden Paradigmenwechsel in Ungarn: "Das Wesen des Liberalismus ist, dass keine unkontrollierte Macht oder Autorität die Menschen beherrschen kann - darum die Gewaltenteilung, darum die Herrschaft des Rechts. Der Liberalismus definiert keine moralischen Präferenzen des Einzelnen. Auch die Vorstellung, dass die Übermacht des Staates und des Marktes mit bloßen Rechtsprinzipien überschrieben werden können, finde ich utopisch. (...) Doch das über den Liberalismus gegenwärtig Gesagte ist mit den Verleumdungen vergleichbar, die in der Breschnew-Ära über die westliche Linke gesagt wurden: Etwa, dass die Doktrinen der Frankfurter Schule die EU und die hiesigen Linken beeinflussen. Ich kenne keinen ernsthaften Verfechter der Frankfurter Schule in Ungarn, und ich wette, dass Jean-Claude Junker kein Adorno-Leser ist."

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - Magyar Narancs

Rita Szentgyörgyi unterhält sich mit dem Filmregisseur Kornél Mundruczó über dessen Film "Weißer Gott", der in diesem Jahr in Cannes als bester Film in der Reihe "Un certain regard" ausgezeichnet wurde (in der FAZ fand Verena Lueken den Film viel besser als den neuen Cronenberg). Es ist ein Film über einen Mischlingshund, den seine Besitzerin, ein junges Mädchen, aussetzen muss, weil ihr Vater die hohe neue Steuer für Mischlingshunde nicht bezahlen will. Auf der Straße schließt sich der Hund mit anderen zusammen und es kommt zu einer Revolte gegen die Menschen. "Dieser Film ist eine Metapher", sagt Mundruczó. "Sicherlich ist es wichtig, dass eine Diskussion über den Film stattfindet. (...) In Cannes ist es gelungen. Vor den Kinos stand das Publikum in Schlangen, in einer Woche sahen sieben bis achttausend Menschen den Film, was die durchschnittliche Besucherzahl eines Autorenfilms in Ungarn entspricht. Sie wollten es dort verstehen und wollten darüber sprechen. Wir können nur hoffen, dass dies auch in Ungarn der Fall sein wird."

Magazinrundschau vom 17.06.2014 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller Gábor Szántó denkt über neue, dezentrale Formen der Erinnerung an den Holocaust in Ungarn nach, die zum Teil als Reaktion auf die offiziellen Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag der Deportation der ungarischen Juden entstanden: "Als vor einigen Monaten, zum 70. Jahrestag des Holocaust die Facebook-Gruppe "Der Holocaust und meine Familie" entstand, schloss ich mich neugierig an ... Die Versuche der Geschichtsverfälschung taten der Erinnerung gut: wie bei einem Virus wurde die Produktion der Antikörper augelöst ... Der Trotz hat sie ausgelöst, doch die emotionale Motivation ist zweitrangig ... Etwas fand seinen Anfang und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Bisher verdrängte, verschwiegene, oder nur im engen Familienkreis erzählte Erinnerungen und Geschichten wurden veröffentlicht, das befreit emotional und lässt vielleicht auch eine Gemeinschaft entstehen."

Magazinrundschau vom 11.04.2014 - Magyar Narancs

Im Gespräch mit Tibor Legát klagt der Holocaustforscher László Karsai über die zunehmend einseitige Darstellung der Besetzung Ungarns durch Deutschland im Jahre 1944: "Verbreitet wird die Geschichtsauffassung von sich als national-konservativ und christlich bezeichnenden Kreisen. Alles was antikommunistisch ist, wird gepriesen, und alles was antifaschistisch ist, sei es kommunistisch, sozialdemokratisch oder bürgerlich liberal, gilt als nicht existent. Die Antikommunisten wurden in das nationale, christliche Pantheon gehoben, und alles, was dieses Gesamtbild stören könnte, bleibt draußen."

Magazinrundschau vom 14.03.2014 - Magyar Narancs

Die neugegründete ungarische Kommission der Nationalen Erinnerung soll in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft politische Verbrechen vor 1989, die nicht unter die Verjährung fallen, aufdecken und "wissenschaftliche Wahrheit verkünden, Strafverfolgung initiieren und Inhaber der kommunistischen Macht benennen", was aus rechtsstaatlicher Sicht zumindest fragwürdig erscheint. Die Befunde der Kommission sind vor Gericht nicht anfechtbar, seine Mitglieder können nicht zur Verantwortung gezogen werden. Im Gespräch mit Péter Hamvay verteidigt die Vorsitzende Réka Kis die Arbeit der Kommission: "Die bisherige Forschung erbrachte zahlreiche wichtige Ergebnisse, gleichzeitig sollten wir aber die Frage umdrehen: können wir 23 Jahre nach dem Systemwechsel wirklich behaupten, dass wir genau wissen, wer die Inhaber der Macht auf den unterschiedlichen Entscheidungs- und Exekutivebenen waren und wie diese Menschen die Macht ausübten? Es gibt auch heute noch zahlreiche weiße Flecken, wir kennen die Zuständigkeitslisten der einzelnen parteistaatlichen Organe nicht, wir wissen nicht, wer für was verantwortlich war."

Magazinrundschau vom 07.03.2014 - Magyar Narancs

"Armut ist der größte Zuhälter", sagt die in der Schweiz lebende ungarische Drehbuchautorin Anna Maros. Zusammen mit ihrem Mann Men Lareida drehte sie den Spielfilm "Viktoria - A Tale of grace and greed" (mehr hier) über ungarische Prostituierte in Zürich. Der Film wurde mit Schweizer Mitteln finanziert, der ungarische Filmfond verweigerte seine Unterstützung. Über ihre Erfahrungen während der Recherche sprach Maros mit Susi Koltai: "Viele Nächte weinte ich durch, weil ich der ganzen Sache so nahe kam. Als Frau und als Ungarin war das schwerer zu ertragen als für meinen Mann. Du siehst diese Machtlosigkeit, dass die meisten betroffenen Frauen im Leben grundsätzlich keine Chance haben. Prostitution hat viele Komponenten und birgt viele Gefahren. Warum half der ungarische Staat der fünfzigjährigen Frau nicht, die sich dann aus eigenem Entschluss prostituieren ließ, damit sie ihre Strom- und Gasrechnungen und Schulden bezahlen kann? Die meisten Frauen würden diese Arbeit wohl nicht machen, wenn sie eine Wahl hätten. Die ungarische Situation muss sich ändern, damit nur diejenigen als Prostituierte arbeiten, die das wirklich wollen."

Magazinrundschau vom 07.02.2014 - Magyar Narancs

Die Theaterregisseurin Margaréta Táborosi stammt aus der serbischen Woiwodina als Mitglied der dortigen ungarischen Minderheit. Sie entwickelte das sogenannte "physische Theater". Mit Táborosi wurde in der Wochenzeitschrift Magyar Narancs ein Interview über die Bedeutung von Heimat, Krise und dem physischen Theater veröffentlicht. "Im Alltag bedeutet, eine Ungarin aus der oiwodina zu sein, sich oft erklären zu müssen. Künstlerisch bedeutet es Offenheit. In der Woiwodina leben 25 unterschiedliche ethnische Gruppen. Sprachlich ist die Umgebung bunt, reich an kulturellen Traditionen. (...) Die Krise ist die beste Gelegenheit für einen Künstler. Ich kann mich nach anderen Zeiten sehnen, doch entweder bleibe ich hier und fange mit dem Putzen an oder ich gebe auf und schwimme mit dem Strom." Zu ihrem "physischen Theater sagt sie: "Physisch wird ein Theater dadurch, dass es aus der Regung des Körpers ausgeht, es bedarf eines konzentrierten Körperbewusstseins. Die Definition des physischen Theaters kann sich je nach Künstler ändern. Es soll aber nicht zum Stigma werden."

Der Titel des Magazins ist Jancsó Miklós gewidmet (mehr zum Regisseur im Essay von Daniele Dell'Agli im Perlentaucher).
Stichwörter: Dell'Agli, Daniele, Schwimmen

Magazinrundschau vom 16.12.2013 - Magyar Narancs

Mit über hundert Büchern und einer Gesamtauflage von fast 15 Millionen ist György Moldova der meistgelesene zeitgenössische ungarische Schriftsteller. Er ist eine Identifikationsfigur für diejenigen, die ansonsten kaum jemanden haben: Menschen mit linker Identität, für urbane, antiliberale Antidemokraten und kommunistische Kreise sowie für rassistischen Antirassisten, die ihre Kritik am Rassismus davon abhängig machen, welche Gruppe er betrifft. Sándor Révész nähert sich in einer umfangreichen Abhandlung diesem Phänomen: "Folgende Parameter erklären die außerordentliche Beliebtheit und Wirkungskraft von Moldova in der Kádár-Ära: Die meisterhafte Bedienung des populärliterarischen Werkzeugs, die strikte Verfechtung der Monokausalität, die Gleichzeitigkeit von Gefügigkeit gegenüber dem System und partiellem Widerstand, die Befriedigung der Bedürfnisse nach Konformität und Kritik. Daneben gibt es aber auch die stetige thematische Pionierarbeit. Moldova hat über unzählige Themen öffentlich wirksam zum ersten Mal geschrieben: über 1956, die Judenfrage, die Romafrage, die unzureichende Kriminalitätsbekämpfung, verschiedene Industriezweige, öffentliche Leistungen, die dramatische Lage peripherer Regionen, Korruption, IM-Netzwerke, Ferenc Puskás, Che Guevara, die 'Aussiedlung' der Deutschen, Kulakengeschichten, Strafbataillonen des Militärs, Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft, Krise des Fußballs, der moderne Israel... "