Magazinrundschau - Archiv

The New Republic

168 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 17

Magazinrundschau vom 15.11.2011 - New Republic

John Gray ist wohl der trübste Pessimist unter allen Denkern der modernen Linken, und da fällt ihm mit Francis Fukyamas neuem Buch "The Origins of Political Order - From Prehuman Times to the French Revolution" (Auszug) ein optimistisches Gegenstück in die Hände, das er genüsslich zerfleischt. Denn Fukuyama hält an der Idee des Fortschritts fest und behauptet frech, dass die Geschichte nur in Demokratie enden kann: "Was Fukuyama gar nicht in Erwägung zieht, ist, dass das von ihm als alternativlos betrachtete System der Modernisierung sich im Niedergang befinden könnte. Niedergang ist ein Begriff, der bei Fukuyama immer nur auf andere zutrifft. Andere Regimes steigen auf und sinken herab, der demokratische Kapitalismus hingegen stellt sich Herausforderungen, die er stets bewältigt. Wir müssen Fukuyamas Blick auf die Finanzkrise im annoncierten zweiten Band abwarten, die das politische System der USA in den Infarkt und das der EU in die Lähmung führt - beides angeblich universale Modell, die im Moment eher aussehen wie Sackgassen."
Stichwörter: Gray, John, Abwärts

Magazinrundschau vom 27.09.2011 - New Republic

Seit es E-Books gibt, ist es leichter als je zuvor, eine aktualisierte Version eines Textes zu veröffentlichen. Das gab es natürlich auch schon bei gedruckten Büchern, aber Laura Bennett erkennt einen großen Unterschied: Beim E-Book "ersetzt die revidierte Version buchstäblich den ursprünglichen Text. Einmal heruntergeladen, verdrängt in den meisten Fällen das neue E-Book den originalen Text, als hätte dieser nie existiert. Bei gedruckten Büchern kann eine zweite Fassung neben der ersten existieren, ein E-Book dagegen löscht die Aufzeichnung dessen, was davor war."
Stichwörter: Ebooks, E-Books

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - New Republic

Ist es falsch, im Verhältnis des Westens zum Islam über Ideen nachzudenken? Bestimmen nur die ökonomischen Bedingungen die Verhältnisse? Paul Berman glaubt es nicht. Mit Ideen haben Islamisten und muslimische Liberale an Boden gewonnen. Erstere auch mit dem Argument, muslimische Liberale gebe es überhaupt nicht. Sie seien zu zornig, westlichen Ideen verfallen oder vom König von Marokko bestochen, und daher nicht glaubwürdig. Aber zehn Jahre nach dem 11. September gibt es den arabischen Frühling, es gibt "demokratische Institutionen, zitternd wie ein Blatt - bedroht von Terroristen und islamistischen Milizen im Iraq, zusammengetreten von islamistischen Milizen im Libanon, ein vages Zukunftsprojekt in Tunesien und noch schwächer in Ägypten, wenn man bedenkt, dass die anstehenden Wahlen dort die falschen Leute an die Macht bringen können. Demokratische Institutionen sind dennoch ein neues Element. Und mehr noch: Es ist eine unausrottbare Tatsache, dass Liberale, so isoliert und schwach sie sind, eine Massenerscheinung auf der öffentlichen Bühne waren und einen guten Eindruck beim Rest der Gesellschaft hinterlassen haben, dass sie sogar ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt haben, die Ereignisse herbeiführen zu können und dass ihre Zeit noch nicht vorbei sein könnte."

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - New Republic

Einen eher unsympathischen und doch faszinierenden Mark Twain hat der großartige Michael Lewis in dessen Autobiografie entdeckt: Ruhmsüchtig war er, geldgierig und oft genug ein schlechter Autor. "Aber Twains Sprache ist der Grund, warum die Leute ihn immer noch lesen. Seine Sprache gibt einem das Gefühl, er würde zu einem sprechen. Und die Menge, zu der er in seiner Gier nach Ruhm und Geld sprach, half ihm, diese Sprache zu erschaffen. Andererseits ist es sehr anstrengend, einen solchen Ton aufrechtzuerhalten, ohne irgendwann zu seiner eigenen Geisel zu werden. Kurz bevor er Selbstmord beging, besuchte ich spät nachts Hunter S. Thompson in seinem Haus. Er saß in der Küche und trank Tequila direkt aus der Flasche, umgeben von riesigen Plakaten, die mit den verschiedenen seiner skandalösen Sprüchen beschriftet waren. Er war weniger ein Autor als ein Schauspieler, der versuchte nicht zu vergessen, welche Rolle er spielen sollte." Lewis hat neulich in Vanity Fair auch eine große Reportage über die griechische Schuldenkrise geschrieben.

Magazinrundschau vom 31.05.2011 - New Republic

Trotz der Ereignisse in der arabischen Welt - die Anzahl der Demokratien nimmt seit 2005 kontinuierlich ab, berichtet Joshua Kurlantzick nach Lektüre zweier Studien (hier und hier). Das liegt unter anderem daran, dass sich mehrere Länder, die auf dem Weg zu einer stabilen Demokratie zu sein schienen, in Richtung autoritäre Regimes zurückentwickelt haben. Eigentlich hatte man immer darauf gesetzt, dass die wachsende Mittelklasse dies verhindern würde. Leider ist es nicht so. "Land auf Land hat sich dasselbe Muster wiederholt: Die Mittelklasse hat tatsächlich negativ auf populistische Führer reagiert, die in den Autoritarismus zu führen schienen. Statt aber darauf hin zu arbeiten, diese Führer an den Wahlurnen zu schlagen oder Institutionen zu stärken, die sie kontrollieren können, unterstützen sie Militärputschs oder undemokratische Maßnahmen." Kurlantzick beschreibt Thailand als Beispiel.

Magazinrundschau vom 03.05.2011 - New Republic

Auch Eric Trager hat nichts Gutes aus Ägypten zu berichten. Er porträtiert Amr Moussa, den ehemaligen Außenminister Mubaraks, der als Nationalist und erklärter Israelhasser Aussichten hat, die Wahlen in Ägypten zu gewinnen. "Obwohl ein Krieg zwischen Israel und Ägypten sehr unwahrscheinlich ist, erklärte Moussa kürzlich einer Gruppe ägyptischer Jugendlicher, dass das Camp David Abkommen 'verfallen' sei, offenbar von früheren Äußerungen zurückweichend, in denen er den ägyptisch-israelischen Friedens unterstützt hatte. Er hat auch 'Flugverbotszonen' über Gaza gefordert, Israel und das Gaddafi-Regime gleichsetzend. Darüber hinaus dürfte Ägypten unter Moussa weniger freundlich gegenüber der US-Regierung agieren: Wikileaks-Dokumente legen nahe, dass Moussa den Iran nicht als Bedrohung ansieht und arabisch-iranische Verbindungen stärken würde."

Außerdem: Barak Barfi beschreibt in einem sehr interessanten Artikel die verschiedenen Gruppen, aus denen sich der Widerstand gegen Gaddafi rekrutiert. Ihr schwächster Zweig ist - ausgerechnet - der militärische, der sich nicht nach Kompetenz, sondern nach Stammeszugehörigkeit zusammensetzt. Überaus freundlich im Ton, in der Sache dann aber doch recht ablehnend bespricht Christine Stansell Leila Ahmeds feministisch-antiimperialistisches Buch über den Schleier, "A Quiet Revolution". Für Ahmed ist der Schleier ein antiimperialistisches Statement, so Stansell, die das etwas schlicht findet: "Es gibt in dem Buch eine Menge darüber, warum Frauen ihn nach 1970 wieder anlegten, aber fast nichts darüber, warum sie ihn in der Mitte des Jahrhunderts abgelegt hatten."

Magazinrundschau vom 26.04.2011 - New Republic

Mit großer Begeisterung hat Alan Wolfes Lawrence Scaffs Buch über Max Weber in Amerika gelesen. Gibt es überhaupt eine Verbindung zwischen dem "tiefen" deutschen Soziologen und einem Amerika auf der Schwelle zum Flappertum? Weber besuchte 1904 für drei Monate Amerika. Scaffs Beschreibung dieses Besuchs zeigt Wolfe: "Weber kann nicht verstanden werden ohne seine Erfahrungen in diesem Land einzubeziehen. Und Amerikas spezieller Weg in die Moderne ist schwer zu verstehen ohne in Webers umfangreiches Werk einzutauchen. Wie Antonin Dvorak, der amerikanische Spirituals und Folkmusik in seine Symphonien und seine Kammermusik einarbeitete, straft Webers Faszination für alle Aspekte des amerikanischen Lebens die Behauptung Lügen, die alte und die neue Welt könnten sich nie auf Augenhöhe treffen."

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - New Republic

Gerade ist Imre Kertesz' Roman "Fiasko" ins Englische übersetzt worden, und Adam Kirsch macht zwei wesentliche Einflüsse aus: Kafka und Beckett. Beckett war einfach: "Der Plot des ersten Teils von 'Fiasko' stammt direkt von Becketts Stück 'Krapp's Last Tape'. Nach Inspiration suchend, kramt der Alte in seinen Aufzeichnungen und liest in alten Notizen und Erinnerungen, nur um ihre prätenziöse Prosa mit brummelnden Bemerkungen abzutun - genau wie Krapp es tut, während er seinen auf Tonband aufgenommenen Erinnerungen lauscht. Der Effekt dieser Selbstunterbrechungen - 'Aha!', 'Mein Gott!' - hängt ab von einem sicheren Gefühl für Timing und die Komik der Wiederholung, über das Kertesz glücklicherweise verfügt. Aber während Beckett etwas Neues in Kertesz ungarische Prosa gebracht haben muss, zeigt die Übersetzung dieser Prosa ins Englische nur, wieviel sie Beckett schuldet. Im Ergebnis klingt 'Fiasko' in der Übersetzung wohl eher vertrauter als im Original - eine ironische Wirkung literarischer Einflüsse."
Stichwörter: Kertesz, Imre, Tapes, Kirsch, Adam

Magazinrundschau vom 22.03.2011 - New Republic

In seiner Besprechung von Stefan Collinis Buch "That's Offensive! Criticism, Identity, Respect" hält Isaac Chotiner fest, wie schwierig es ist, mit Deutschen zu diskutieren: Ein Frankfurter Bäcker hielt ihm einen Vortrag über die miese Bush-Regierung, wies aber jede Kritik an Gerhard Schröders Engagement für Gasprom zurück. "Deutschland ist kein sich abstrampelndes Land, aber es hat nicht Amerikas Macht und Bedeutung, und Kritik wird zu oft akzeptiert, wenn es gegen die 'Mächtigen' geht und als beleidigend empfunden, wenn es gegen die 'Schwächeren' geht. Das ist natürlich ein positives Zeichen dafür, dass die Menschen sensibel sind gegenüber den weniger Glücklichen, aber es ist auch eine Gefahr für hemmungslose intellektuelle Untersuchungen." Und vor allem ist es eine gute Methode, gefahrlos den Moralapostel zu spielen!
Stichwörter: Schröder, Gerhard

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - New Republic

Der iranische Publizist Abbas Milani möchte die Ägypter warnen und ermutigen: Im Iran gab es eine ähnliche Revolution. Und die ging nach hinten los. Heute "betont die Propagandamaschine des religiösen Regimes in Teheran hämisch die Ähnlichkeiten zwischen der iranischen Revolution 1979 und den Ereignissen im heutigen Ägypten. Sie erklärt schamlos den Aufstand in Ägypten zu einem Nachbeben der iranischen Revolution. Die Ägypter müssen diese Leute der Lüge strafen. Nicht nur für das Wohl Ägyptens. Seit mehr als einem Jahrhundert ist Ägypten ein führender Staat in der ganzen Region. Freiheit in Ägypten würde daher die iranischen Mullahs in die Defensive bringen. Der ägyptische Aufstand ist weit entfernt davon, die Ereignisse von 1979 zu wiederholen, er ist ein Cousin des iranischen Aufstands von 2009 - eine echte demokratische Revolte."

Eric Trager bewundert den aufscheinenden "unabhängigen Geist" in Kairo. Die Mubarak ergebene Polizei hat die Ägypter, nachdem sie sie zusammengeknüppelt hat, im Regen stehen lassen. Nach dem Motto: Guckt doch selbst, wer eure Häuser vor Plünderern bewacht, von denen es - Überraschung! - plötzlich ganz viele gab. "Statt die falsche Wahl zwischen Tyrannei und Chaos zu treffen, haben die Ägypter ihre Sicherheit in die eigene Hand genommen. Sie haben Gruppen gebildet, die die Nachbarschaft bewachen und lassen in ihren Häusern das Licht brennen, um die Straßen ausreichend zu beleuchten. Statt Angst zu haben, sind sie - vielleicht zum ersten Mal - ziemlich sicher, dass sie auch ohne Mubarak auskommen."
Stichwörter: Iranische Revolution, Mullahs