Magazinrundschau - Archiv

The New Republic

168 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 17

Magazinrundschau vom 25.01.2011 - New Republic

Alan Wolfe hat sehr beeindruckt Eric Metaxas' Biografie des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer gelesen, "Bonhoeffer: Pastor, Martyr, Prophet, Spy", die über Wochen auf der Beststeller-Liste der New York Times stand, fragt aber: Belegt Bonhoeffers Größe auch, dass er recht hatte? Woran Wolfe zweifelt, ist Bonhoeffers Diktum, dass beim Kampf gegen das Böse nicht Tugend zählt, sondern fester Glaube: "Es ist in gewissen religiösen Kreisen populär geworden, Hitlers Hass auf das Christentum zu betonen und damit den Holocaust für unvermeidbar zu zu erklären, wenn Menschen zu säkular werden und sich von Jesus abwenden. In dieser Sicht fehlt dem Liberalismus, tatsächlich der gesamten Aufklärung, der er entspringt, die Hingabe und der Sinn für das Tragische, der nötig ist, mit dem radikalen Bösen in seiner brutalsten Form fertig zu werden ... Im liberalen Säkularismus sei nichts gefestigt - das liege in seiner Natur. Aus diesem Grund hätten weder Liberalismus noch Säkularismus eine Lösung für das Problem des Bösen. Im Angesicht von Monstern wolle der Liberale instinktiv mit ihnen diskutieren."

Bisher hat sich Nicholas Carr immer gefragt, ob Marshall McLuhan "ein Genie war oder eine Schraube locker hatte", besonders bizarr findet er diese Fernsehdebatte mit Norman Mailer. Seit Douglas Couplands Biografie weiß er jetzt: Beides ist nicht von der Hand zu weisen: "McLuhans Gehirn muss wohl am milden Ende des Autismus-Spektrums angesiedelt werden. Er litt auch an einer Reihe größerer Gehirntraumata. 1960 erlitt er einen so schweren Gehirnschlag, dass ihm die letzte Ölung gegeben wurde. 1967, nur wenige Monate vor der Debatte mit Mailer, entfernten Chirurgen aus seinem Gehirn einen Tumor von der Größe eines Apfels."

Magazinrundschau vom 11.01.2011 - New Republic

Für Evgeny Morozov könnte die Gängelung von Wikileaks durch Amazon, PayPal, Visa und Mastercard auch sein Gutes haben: "Unabhängig davon, was mit Julian Assange passiert, hat Wikileaks das Potenzial eine weltweite Kampagne zu katalysieren, die für das Internet das tut, was die Grünen in den 70er Jahren für die Umwelt taten: eine dringend nötige Debatte darüber starten, wie zerstörerisch sich Konzern-Interessen auf ein öffentliches Gut auswirken, eine Diskussion, die zu einer breiten politischen Bewegung führen könnte. Ironischerweise waren es nicht die Aktionen Assanges, sondern die Reaktionen der amerikanischen Firmen auf die Veröffentlichung der Depeschen, die Tausenden von Geeks eine triftige alternative Vision für die Zukunft des Internet gegeben hat."

Filmtheoretiker David Thomson bespricht sehr beeindruckt Claire Denis' Film "White Material", den deutsche Kinogänger wohl nicht zu Gesicht bekommen werden: "Als ich 'White Material' sah, glaubte ich mich in Afrika und ich hatte Angst. Ich glaubte an die unverheilten Wunden der jüngsten Vergangenheit so als würde ich V.S. Naipauls 'Guerillas' lesen. In jenem Roman und in diesem Film spürt man eine Gemeinheit, die sich aus dem in der Geschichte gesammelten Groll ebenso speist wie aus der vom Boden steigenden Hitze und dem Gestank der unbegrabenen Toten."

Und David Hajdu ist hin und weg von Kanye Wests neuem Video, das seiner Meinung nach Glamour, Gewalt und Sex auf furchterregende Weise verbindet: "'Monster', ein Track von Wests neuem Album 'My Beautiful Dark Twisted Fantasy', das ich in die Liste der zehn besten Alben von 2010 aufgenommen hat, ist musikalisch gesehen, ein verstörend unwiderstehliches Meta-Statement von Wests monströsem Ego."

Magazinrundschau vom 21.12.2010 - New Republic

Europa? So 19. Jahrhundert, winkt John McWhorter ab. Warum also noch Deutsch, Englisch, Französisch oder Italienisch lernen? Man muss ja auch kein Altgriechisch mehr können. Russen, Chinesen und Araber dagegen spielen in der heutigen Welt eine immer wichtiger Rolle. Warum also nicht ihre Sprachen lernen? Sie sind zwar kompliziert, aber gerade deshalb interessanter, meint McWhorter. "Abgesehen davon: Studieren Sie Chinesisch und Sie finden in großen Teilen der Vereinigten Staaten Menschen, mit denen Sie üben, Schilder, die Sie entziffern und Radio- und Fernsehstationen, die Sie hören können. Wieviele Deutsche haben Sie denn schon getroffen? Viele, damals, als Deutsch die zweithäufigste Sprache in Amerika war, so wie es das Spanische heute ist. Aber die Zeiten haben sich geändert. Chinesisch ist heute die dritthäufigste Sprache nach Spanisch."

Mark Lilla stellt fest, dass junge Chinesen sich weniger für den Liberalismus und mehr für Leo Strauss und Carl Schmitt interessieren: "Schmitts Schlussfolgerung, dass wir alle besser fahren würden mit einem System von geografischen Einflusssphären, die von einigen wenigen Großmächten dominiert werden, gefällt vielen jungen Chinesen, die ich getroffen habe, besonders gut."

Weitere Artikel: In welche Richtung Modernismus - und Postmodernismus - in der Architektur auch hätten gehen können, zeigt eine Ausstellung des Archivs von James Stirling im Yale Center for British Art, schreibt Sarah Goldhagen. Gerade weil Stirling so unbeständig war: Er hat scheußliche Gebäude (wie das Wissenschaftszentrum in Berlin) und überragende (wie die Neue Staatsgalerie in Stuttgart) gebaut. Und Ruth Franklin berichtet von zwiespältigen Erfahrungen beim Filmfestival in Marrakesch.

Magazinrundschau vom 05.10.2010 - New Republic

So sauer, wie ein Juraprofessor nur werden kann, verreißt Lawrence Lessig den Facebook-Film "The Social Network". Drehbuchautor Aaron Sorkin - der sich in Interviews damit brüstet, keine Ahnung vom Internet zu haben - hat einfach nicht verstanden, was das besondere an der Facebookstory ist. Nicht das Jungswunder Mark Zuckerberg, nicht die Idee eines sozialen Netzwerks. Sondern die Tatsache, dass Zuckerberg seine Idee mit weniger als 1000 Dollar ins Internet bringen konnte und niemanden um Erlaubnis fragen musste: keinen Provider, keine Universität, Institution oder Firma - weil das Internet frei und offen ist. "Es ist die Tragödie dieses Films, dass praktisch jeder Zuschauer das Wesentliche nicht verstehen wird. Praktisch jeder wird aus dem Kino kommen und denken, er verstünde Genie im Internet. Aber praktisch niemand wird das wirklich Geniale daran gesehen haben. Und das ist eine Tragödie, denn genau in dem Moment, in dem wir die Produkte dieser zwei Wunder - Zuckerbergs und des Internets - feiern, konspirieren Politiker aggressiv mit den Mächten der alten Welt, um die Voraussetzungen für diesen Erfolg zu beseitigen. Während die Netzneutralität wegverhandelt wird - durch eine Regierung, die angetreten war mit dem Versprechen, sie zu verteidigen - schrumpfen die Möglichkeiten der Zuckerbergs von morgen. Und dann werden wir in eine Welt zurückkehren, in der Erfolg von Genehmigungen abhängt. Und von Privilegien. Und von Insidern. In der weniger Menschen alles daran setzen, die nächste große Idee zu entwickeln."

(Ähnlich unzufrieden mit dem Film sind Nathan Heller in Slate - Heller war gleichzeitig mit Zuckermann in Harvard und hat die Uni zwar wiedererkannt, aber "nur aus Filmen wie 'Love Story' und 'The Paper Chase', mit meiner Erfahrung hat das nichts zu tun" - und Jeff Jarvis in der Huffington Post.)

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - New Republic

Ruth Franklin mochte Jonathan Franzens Roman "Freiheit" überhaupt nicht, vor allem stört sie sein Begriff von Realismus. "Ist das wirklich alles, was wir von der Kunst erwarten? Besteht Realismus nur in der Niederschrift von Realität? Noch während ich mich über die vielen Lobeshymnen wundere, die Franzens geradezu übernatürliche Gabe preisen, uns zu zeigen, wie wir tatsächlich aussehen, traf mich der Solipsismus der Formulierungen - sind wir wirklich das wichtigste und interessanteste Thema? - und der Begrenztheit eines solchen ästhetischen Unternehmens. In 'The Mirror and the Lamp' ging der große Kritiker M. H. Abrams vor vielen Jahren einem solchen geschrumpften Ideal nach. Er behauptete, dass zu Beginn der romantischen Periode eine fundamentale ästhetische Verschiebung stattgefunden habe, als Schriftsteller und Künstler von der Kunst nicht mehr das Leben widerspiegeln, sondern es mit der eigenen Vorstellungskraft erleuchten wollten. So gesehen ist es nicht die Aufgabe des Romans zu zeigen, wie wir leben, er soll uns vielmehr helfen herauszufinden, wie wir leben sollen - was genau die Form der Erhellung wäre, nach der so viele Charaktere in 'Freiheit' verlangen. Das ist der Punkt, an dem Franzen scheitert. Er ist ganz Spiegel, nicht Lampe."

Adam Kirsch hat nur eine Passage von Jonathan Franzens "Freiheit" gelesen, die aber hat ihm gereicht. Es geht um Jennas Vater, den Paul Wolfowitz nachempfundenen, jüdischen Präsidenten eines neokonservativen Think Tanks, der in Anlehnung an Leo Strauss die noble Lüge propagiert und als "jüdischer Strippenzieher" gezeichnet ist: "Dass Franzen so unkritisch ein solches Bild reproduzieren kann, erinnert daran, wie hässlich und obsessiv der Antikriegsdiskurs mitunter wurde."

Sehr gelungen findet Matt Zoller Seitz die Fortsetzung von Oliver Stones Wall-Street-Film, "Money never Sleeps". Allerdings musste Stone dafür das Drama von der Wall Street weg und in die Familie hinein verlegen, um nicht in die Falle des ersten Films zu tappen: Der "glorifizierte, was er bloßstellen wollte, und verwandelte 'Gier ist gut' von einer ironischen Klage zu einem Schlachtruf. Die alchemistische Transformation von einer warnenden Erzählung zu einem gern zitierten Blockbuster erinnert an ein berühmtes Zitat von Francois Truffaut, das auch schon für Stones 'Platoon' galt: Es gibt keine Antikriegsfilme, denn Krieg gehört zu den schönsten Kinospektakel überhaupt, und wenn man ihn auf die Leinwand bringt, ist er einfach aufregend."

Magazinrundschau vom 16.02.2010 - New Republic

Der britische Publizist Hans Kundnani hat ein Buch über die deutsche 68er-Generation und die Nazi-Zeit herausgebracht - ein Thema, das vor zwei Jahren hierzulande für heftige Kontroversen sorgte. Liest man Peter E. Gordons Kritik in der New Republic, dann wäre Kundnani in der Debatte wohl auf Götz Alys ("Unser Kampf") Seite gewesen: "Kundnani ist in seinen Urteilen auf bewundernswerte Weise zurückhaltend und lässt die Fakten für sich selber sprechen. Aber es ist klar: Er meint, dass die These von der Kontinuität zwischen Nazizeit und Bundesrepublik eine desaströse Wirkung hatte: Sie hinderte eine ganze Generation der deutschen Linken daran, den Unterschied zwischen der gegenwärtigen Demokratie und der faschistischen Vergangenheit zu ermessen, und sie bestärkte einen politischen Kampf in absoluten Begriffen, in dem sie ihre Feinde als Spät-Nazis beschrieben - bis zu dem Punkt, an dem sie sich selbst in der Rolle der jüdischen Opfer sah." Kundnani führt übrigens ein interessantes Blog, in dem es häufig um deutsche Fragen geht.

Online tobt in der New Republic, aber auch in anderen Medien, eine giftige Kontroverse um die Frage, ob der berühmte Blogger Andrew Sullivan, der auch mal bei der TNR war, heute antizionistisch, ja antisemtisch argumentiere. Eröffnet wurde die Debatte von Leon Wieseltier. Hier Sullivans Antwort. Hier Wieseltiers Gegenantwort. Die Debatte hat Weiterungen bei salon.com (hier) und in The Nation (hier).

Magazinrundschau vom 15.12.2009 - New Republic

Als "magnificent book" feiert der Philosoph Moshe Halberthal das neue Werk des sehr produktiven Ökonomen und Philosophen Amartya Sen mit dem zunächst recht unbescheiden klingenden Titel "The Idea of Justice" (Auszug). Aber Bescheidenheit, so Halberthal, ist gerade die sublimste Eigenschaft von Sens Werk, das offensichtlich recht deutlich zeigt, dass jede abstrakte Theorie der Gerechtigkeit, und sei sie nur wie bei John Rawls als Denkmodell gedacht, ein Irrweg ist. Sen plädiert für ein pragmatisches Denken: "Nach Sen sollte sich ein durchdachtes und vernünftiges Nachdenken über Gerechtigkeit auf einen ergebnisorientierten komparativen Ansatz konzentrieren, einen Vergleich verschiedener Bedingungen, statt philosophische Bedingungen für eine vollkommen gerechte Welt zu formulieren. Es ist leicht für uns festzustellen, dass eine Gesellschaft, die Sklaverei verbietet, gerechter ist als eine Gesellschaft, die sie gestattet. Solch ein einfacher Vergleich ist möglich ohne eine vollständig ausformulierte Theorie perfekter Gerechtigkeit. Denn Ungerechtigkeiten sind leichter zu definieren als Bedingungen vollkommener Gerechtigkeit."

Magazinrundschau vom 10.11.2009 - New Republic

Sarah William Goldhagen hat ihre gutmütige Familie mitgeschleppt auf eine Pilgerreise zu Peter Zumthors entrückten Bauten, deren unheimlicher Schönheit sie in nahezu religiösem Ton huldigt. Zum Beispiel der Therme Vals: "Diese strenge polyphone Symphonie aus Stein, Schatten, Wasser und Licht kommt den größten Werken der Architektur gleich: dem Pantheon in Rom, der Hagia Sophia in Istanbul, der Alhambra in Granada, Le Corbusiers Notre Dame in Rionchamp, Louis Kahns Parlamentsgebäude in Dhaka. Wie all diese Gebäude verändert Zumthors Therme unser Verständnis von Architektur und zugleich uns selbst... Mann oder Frau - in dieser Therme nimmt niemand einfach ein Bad. Man lässt sich auf ein grundlegendes Ritual der Reinigung und Klärung ein, wie es in den unterschiedlichen Kulturen über Tausende von Jahren praktiziert wurde, ein Ritual, durchzogen von symbolischen Assoziationen, kontemplativen Transformationen und spirituellen Dimensionen. Augenblicke und Räume bleiben in unserem Inneren haften, anhaltende Erinnerungen an jene seltenen Momente einer vom Menschen geschaffenen Schönheit."

Magazinrundschau vom 27.10.2009 - New Republic

Warum bewundert Gabriel Garcia Marquez ausgerechnet Fidel Castro? Enrique Krauze, Redakteur der Zeitschrift Letras Libres, nimmt Gerald Martins neue Marquez-Biografie zum Anlass, in einem langen Essay die Sympathie des Autors für die Diktatur zu untersuchen. Dabei schneidet die Biografie manchmal als zu hagiografisch für ihn ab. Krauze will es Garcia Marquez nicht verzeihen, dass er die Wahrheitssuche der Reportage feiert und gleichzeitig Fidel Castros Lügen verteidigt: "Geschichte fällt sowohl ästhetische als auch ethische Urteile. Ästhetisch gesprochen wäre es ein bisschen verfrüht, Garcia Marquez als 'neuen Cervantes' zu sehen. Aber in moralischen Begriffen ist dieser Vergleich gänzlich verfehlt. Als Held des Kriegs gegen die Türken, der in der Schlacht verwundet wurde und fünf Jahre lang als Gefangener in Algerien war, stand Cervantes mit Quixote-hafter Integrität für seine Ideale ein. Und er hatte die letzte Freiheit, seine Niederlagen mit Humor hinzunehmen. Von derartiger Geistesgröße gibt es in Garcia Marquez, der willig mit Unterdrückung und Diktatur kollaborierte, keine Spur. Cervantes? Weit entfernt!"

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - New Republic

Transparenz in der Politik ist im Prinzip eine gute Sache, meint der Jurist Lawrence Lessig, aber sie könnte unerwünschte Nebenfolgen haben. In der Politik zum Beispiel könnte die lückenlose Transparenz der Spenden an Abgeordnete die zynische Auffassung des Wählers verstärken, jede Entscheidung hänge eh nur davon ab, wer wem wieviel Geld gezahlt hat - ob das im Einzelfall nun stimmt oder nicht. Wollen wir das? Oder wäre es nicht besser, schon dem Verdacht zuvorzukommen? "Ein System mit von der öffentlichen Hand finanzierten Wahlen würde den Verdacht gar nicht erst aufkommen lassen, Geld sei der Grund dafür, wie ein Abgeordneter gewählt hat. Vielleicht hat er es getan, weil er dumm ist. Vielleicht hat er es getan, weil er links oder konservativ ist. Vielleicht hat er sich einfach nie richtig mit der Sache beschäftigt. Was immer sein Motiv war, jedes davon ist demokratiestärkend. Denn es gibt dem Wähler einen Grund, sich zu engagieren, und wenn er nur den Penner aus dem Parlament schmeißen will." Spenden sollen aber ruhig weiter erlaubt sein, so Lessig, sofern sie sich auf 100 Dollar pro Person pro Wahlzyklus beschränken.

Weitere Artikel: Jeffrey Rosen beschreibt sehr anschaulich den Kampf um die Netzneutralität. Und Daniel Jonah Goldhagen hat einen Plan, der Genozide für immer verhindern soll.