
Zwei Texte aus der letzten Printausgabe des rumänischen
Kulturbeobachters (
Observator cultural) zeigen, wie das kulturelle und öffentliche Leben im Rumänien der 1960er Jahre wirklich aussah, nachdem Nicoale Ceaușescu das Generalsekretariat der KP antrat. In einem etwas zu akademisch geschriebenen Text
stellt der Literaturhistoriker und Forscher
Dragoș Jipa von der Universität Bukarest ausführlich dar, wie ein Besuch des französischen Philosophen
Michel Foucault in Bukarest verlief. Der etwas erfahrenere Philosoph, Übersetzer und Foucault-Experte Bogdan Ghiu
fasst in der Einleitung des Textes Jipas Forschungsergebnisse zu diesem Besuch zusammen, der sich zwischen scheinbarer Liberalisierung und Öffnung Rumäniens nach außen und gleichzeitig strenger staatlicher Überwachung abspielte: "Aber heute, 58 Jahre nach Foucaults rätsel- und zweifelhafter Ankunft in Bukarest, bestätigt und widerlegt die Hartnäckigkeit des Forschers Dragoș Jipa - ein echter Foucaultianer - sowohl mich als als auch Daniel Defert: Foucault kam tatsächlich nach Bukarest, aber dieser Besuch ist so, als hätte er nie stattgefunden, weil er so konzipiert und organisiert war, dass er gleichzeitig offiziell war,
kulturell und politisch aber nicht existierte, weil er keine lebendige, markante und erinnerungswürdige Spur hinterließ. Es war ein gut 'abgeschirmter' Besuch, perfekt 'organisiert' von den Behörden, die ihn in zwei Etappen organisierten, mit einer ausgezeichneten 'Professionalität', in doppeltem Sinne, mit einer doppelten Ausrichtung: als Gastfreundschaft gegenüber dem ausländischen Gast und gleichzeitig wurde jede Spur dieses Besuches zeitnah präventiv unterdrückt, um eine mögliche
einheimische Rezeption der Foucaultschen Vorlesungen zu verhindern. Mit anderen Worten, die kommunistischen Behörden Rumäniens haben Michel Foucault, wenn auch in einer Zeit der 'Öffnung' und 'Liberalisierung', durch die Securitate ausgetrickst, und auf raffinierte Weise auch uns, wobei dieses doppelte Spiel gerade zu jener Zeit zum Merkmal des politischen Spiels 'zwischen Zweien' wurde, um sowohl den Westen als auch die verschiedenen 'nahen' und 'fernen' Orients (i.e. die anderen Staaten im Ostblock bzw. Moskau, Anm. d. Red.) zu locken und irrezuführen, wie es von Ceaușescu praktiziert wurde. Die Ankunft Michel Foucaults in Bukarest entsprach genau dem 'Parteiprogramm' (...): Sie geschah und sie geschah nicht. Sie wurde erlaubt zu sein und doch nicht zu sein. Mystisch!"