Pranay Sharma rechnet noch für diese Woche mit einer Militärsanktion gegen Syrien. Für ihn ist Obama ein gefallener Engel: Einst weltweit gefeiert und umjubelt, schlägt ihm nun weltweit Ablehnung und Skepsis entgegen. Auch Sharma ist von der Aufrichtigkeit Obamas nicht überzeugt und reiht sich bei all jenen ein, die schon immer wussten, in welchem geopolitischen Pfeffer der Hase liegt: "Die Herangehensweise der Regierung Obama sollte im Lichte der nahöstlichen Geopolitik und unter Berücksichtigung wichtiger US-Lobbys und deren vielfältiger Verbindungen zur Region betrachtet werden. Syrien, ein starker Verbündeter Irans und über diese Verbindung mit der Hisbollah im Libanon, befindet sich mitten in einem blutigen Bürgerkrieg, in dem das Assadregime umzingelt ist von Rebellen, die das Ausland, darunter Saudiarabien und die Türkei, stützt. ... Ein Schlag gegen Syrien bedeutet für die USA eine Unterminierung der Verbindungen zum Iran und der Hisbollah."
Die Begeisterung für das klassische Tamil-Kinobringt Aravind Adiga auf die Spur von Ashokamitran, einen 81-jährigen Autor, der in "My Year with the Boss" seine Erfahrungen als Werbetexter der Gemini Studios in den 50er Jahren zusammenfasste. "Zwar ist das Studio vor vielen Jahren abgerissen worden, doch ersteht es in den Seiten dieses schmalen Büchleins vor unseren Augen wieder auf: Der Tag, an dem Chou-En Lai vorbei kam, um sich eine Musik-und-Tanz-Szene anzusehen. Der Morgen, an dem Dev Anand nach Madras geflogen kam, nur um zu erfahren, dass die Arbeiten an seinem Film zwischenzeitig abgebrochen wurden und er noch am selben Abend nach Mumbai zurückkehrte. Die Art und Weise, wie das Make-Up so dick auf das Gesicht der Schauspieler aufgetragen wurde, dass sie es scherzhaft 'Pfannkuchen' nannten. Doch ist meine liebste Vignette die, in der Vasan auf der Reise durch Calcutta auf ein Kino stößt, dass einen neuen bengalischen Film statt seiner eigenen neuen Produktion zeigt. Der Chef kriegt einen Tobsuchstanfall und lässt den Film aus dem Kino entfernen, bringt aber die Kinorollen mit zurück nach Madras. Alle versammeln sich im Studio und schauen sich immer wieder diesen bengalischen Film an. Obwohl sie ihn nicht ganz verstehen, spüren sie, dass dieser Regisseur Talent hat. Der Filmtitel lautet 'Pather Panchali'."
Ein paar wenige Texte von Ashokamitran gibt es im Archiv von Outlook India, diese Playlist versammelt Klassiker des Tamil-Kinos und "Pather Panchali" steht in voller Länge auf Youtube:
Die Massenvergewaltigung einer Frau in Delhi mit mittlerweile tödlichem Ausgang beschäftigt auch Outlook India. "Wir haben uns dazu entschlossen, sie 'Jagruti' zu nennen, das 'Erwachen'. Sie ist unsere Frau des Jahres", schreiben Amba Batra Bakshi und Chandrani Banerjee. Und weiter: "Jagruti ist typisch für eine junge, urbane Frau im modernen Indien: gebildet, ambitioniert, westlich gekleidet, sie geht gerne shoppen, schaut gerne Filme und nutzt die öffentlichen Verkehrssysteme. Und doch kämpft sie, um sich ihren Platz in einer von archaischen Werten beherrschten Gesellschaft zu behaupten."
Für Meena Kandasamy ist der Vorfall eine Folge der indischen "rape culture", deren Facetten sie genauer analysiert. Dazu zählt auch eine Rhetorik der Bagatellisierung und Schuldumkehrung seitens der Institutionen: "In einer von ihren eigenen Wahnvorstellungen der Macht benebelten Stadt musste ein solches Disaster früher oder später geschehen. Die Polizei von Delhi hat Vergewaltigungen in der Region schon früher legitimiert, indem sie vor versteckten Kameras frei heraus redeten, etwa 'sie hat es so gewollt' oder 'meistens geschieht dies im Einvernehmen'. Sie beschuldigten junge Frauen dafür, dass sie sich nicht innerhalb ihrer Grenzen bewegten, dass sie kurze Röcke und keine Stolas trugen, dass sie Wodka tranken und Männer umgarnten. Ein Polizist erklärte, dass keine Vergewaltigung stattfinden könnte ohne vorherige Provokation durch das Mädchen. Gegen keinen dieser Polizisten wurden ernsthafte Maßnahmen ergriffen."
Außerdem spricht Chandrani Banerjee mit dem Freund der vergewaltigten Frau.
Pranay Sharma unterhält sich mit Israels früherem Außenminister ShlomoBen-Ami über die jüngste Eskalation im Nahen Osten. Eine Konzentration auf militärische Mittel alleine hält zwar auch dieser für falsch, doch der Ansicht, Israel verhalte sich unverhältnismäßig, kann er nur widersprechen: "Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit ist, offen gesagt, fehl am Platz. Verhältnismäßigkeit entspricht im modernen Kriegswesen keinem biblischen Konzept wie 'Auge um Auge'. Man nutzt militärische Kraft im Hinblick auf das Ziel, in diesem Fall also den Willen der Hamas zu brechen, die Bevölkerung Israels selbst noch im entfernten Tel Aviv solchen Attacken auszusetzen. Der Luftschlag ist dabei die chirurgisch präziseste Form der Durchführung; und wenn Israel bislang davor scheute, Bodentruppen einzusetzen, dann wegen der zivilen Opfer, die damit einhergingen. Kriege sind hässlich und ich kenne keine vergleichbare Art und Weise der Konfrontation wie der in Gaza, wo die Zivilisten nicht unter den Folgen leiden, vor allem auch, wenn man die Strategie der Hamas kennt, deren gesamter Militärapparat mit voller Absicht mitten unter Zivilisten untergebracht ist. [...] Ich kenne das israelische System mit seinen Vorzügen und Mängeln. Zivilisten absichtlich anzuvisieren gehört nicht dazu."
Namrata Joshi hat sich "Celluloid Man" angesehen, Shivendra Singh DungarpursDokumentarfilm über P.K. Nair, den man sich als indische Entsprechung zu Henri Langlois vorstellen muss, als einen Filmsammler und -archivar, ohne den die (ohnehin mäßig dokumentierte) indische Filmgeschichte noch schlechter überliefert wäre: "Es gelang ihm, neun von den etwa 1700 in Indien entstandenen Stummfilmen zu retten und das in einer Zeit, in der von Geldsorgen geplagte Filmproduzenten dafür bekannt waren, ihre eigenen Filme als Schrott zu verscherbeln oder das in den Filmrollen enthaltene Silber zu extrahieren, um etwas Geld zu beschaffen. ... Seine Leidenschaft für das Kino war von der Art, dass er sich noch immer daran erinnert, dass sich die Sequenz an den Stufen von Odessa in der sechsten Filmrolle des 'Panzerkreuzer Potemkin' befindet und dass das Stück 'Aaj Sajan Mohe Ang Laga Lo' in der neunten Rolle von 'Pyaasa' knistert. Dieses Maß an Hingabe machte aus ihm einen Einsiedler - selbst für seine Familie."
Im Teaser zum Film bestellt sich Nair dann auch diverse Filmrollen wie aus einer Speisekarte:
Zum 70., beziehungsweise 80. Geburtstag würdigt Bollywood-RegisseurKaran Johar die beiden zentralen Größen Amitabh Bachchan und Yash Chopra, die Johar seit seinen eigenen Kindheitstagen kennt, mit einem sehr persönlichen Text, in dem man viel über den fast gottgleichen Status erfahren kann, den große Bollywood-Stars in Indien genießen: "Ich war ein Nervenbündel, als ich Onkel Amit für meinen zweiten Film, 'Sometimes Happy, Sometimes Sad', vor der Kamera hatte. Ich wurde ohnmächtig am Set, ich musste mich ganz auf meine Choreografin Farah Khan verlassen. Es war schwierig, mich mit der Tatsache zu arrangieren, dass ichHerrn Bachchan Anweisungen gab. Die Leute denken, dass man sich an die Stars gewöhnt, wenn man in der Industrie tätig ist. Dass es keine große Sache ist, wenn man erstmal drin ist. Jedoch, das Gegenteil ist der Fall: die Sache ist eine umso größere. Da man die Mechanismen kennt, ist man sich der Position des Stars und dessen, was ihn zum Phänomen macht, noch um einiges deutlicher bewusst. Für mich war es eine außerkörperliche Erfahrung, zu Onkel Amit 'Action' und 'Cut' zu rufen." Kein Wunder, Bachchan war und ist schließlich der "Don":
"Unsere Filmindustrie ist nicht Hollywood, wo eine Meryl Streep auch noch mit Falten und Altersflecken ihre Weltherrschaft aufrecht erhalten kann", schreibt Namrata Joshi angesichts der schwiergen Comebacks zahlreicher Bollywood-Diven in jüngerer Zeit, von denen ein Großteil klassisches Divenalter eigentlich noch gar nicht erreicht hat: "'Probleme treten dann auf, wenn du versuchst, dich den Bedürfnissen des Mainstreamkinos anzupassen', sagt Shailesh Kapoor, Vorstandsvoritzender von Ormax Media. Wenn das Rampenlicht schon gegenüber reifen Schauspielern nicht gnädig ist, so ist es gegenüber seinen alternden Hauptdarstellerinnen erst recht ungnädig. Männer sind mit dem Dilemma der eigenen Wiedererfindung und den Zwängen, sich anzupassen, erst mit knapp 50 konfroniert, man frage nur Sunny Deol oder Sanjay Dutt. Himmel, sogar Amitabh. Für Frauen aber klingeln die Alarmglocken bereits, wenn sie die 30 überschritten haben. ... Substanzielle Rollen sind schwerer zu finden. Fimemacher Onir, der 'I Am', Juhi Chawlas ersten Film nach einer langen Schaffenspause gedreht hat, fordert, dass es mehr Filme mit Rollen für ältere Darstellerinnen geben sollte."
Gandhi, ein technophober Modernekritiker? Das Bild bedarf der Berichtigung, schreibt Sudheenra Kulkarni in seinem neuen, offenbar sehr netzaffinen Buch "Music of the Spinning Wheel", in dem er die Ansicht vertritt, dass gerade das Internet heute die symbolische Funktion von Gandhis Spinnrad übernehmen könnte. Outlook Indiapräsentiert daraus einige Auszüge: "Das Internet erfüllt die Erwartungen an eine ideale Maschine, wie Gandhi sie sich vorstellte. ... Der durch das Netz bedingte Wandel beweist, dass es im Dienst des 'Khadi Geistes' steht. Er bedeutet einen Übergang von Globalisierung zu Glokalisierung; von Zentralisation zu Dezentralisation; von Macht und Wohlstand in den Händen einiger in die vieler; von rein über materielle Begriffe definiertem Wohlstand hin zu einem, der den Reichtum der Kultur und ethische Werte herausstellt; von ungesundem Wettbewerb hin zur gesunden Kooperation; von einer vom Erkundungswillen geprägten Einstellung gegenüber der Natur und ihrer Ressourcen hin zu einer Einstellung des harmonischen Miteinanders." (Nur gut, dass Gandhi keine Wikipedia-Edit-Wars, Internet-Trolle und Youtube-Kommentatoren mehr erleben musste, sonst hätte er wohl doch wieder sein Spinnrad aus dem Keller geholt.)
Indien hat entschieden: Der Sozialreformer und Kastenwesengegner Bhimrao Ramji Ambedkar ist der "größte Inder nach Gandhi" (hier das genaue Ergebnis). Outlook India beleuchtet das Ereignis mit einer Vielzahl von Essays in einer Sonderausgabe. Eine Auswahl daraus: S. Anand resümiert die lange Reihe von Demütigungen, denen Ambedkar im Laufe der Geschichte ausgesetzt war, und freut sich daher umso mehr über diese Würdigung. Nichts weniger als eine Blaupause für ein neues Indienverspricht sich Raja Sekhar Vundru: "Dort, wo Gandhis Rolle an ihr Ende kam, beginnt die von Ambedkar". Sudheendra Kulkarni hält Ambedkars "Vergötterung" unterdessen für gefährlich: Wo Debatte und Kritik weggewischt werden, würden Ambedkars Bestrebungen nach Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit unterwandert. Namrata Joshi bemängelt nach einer Umschau in der indischen Filmgeschichte die kaum vorhandene Repräsentation von "Unberührbaren", zu denen Ambedkar zählte. Slavoj Zizeklobt Ambedkar als Revolutionär, der, ganz im Gegensatz zum Reformator Gandhi, dem sozial ungleichen Status der "Unberührbaren" an die Wurzel gehen wollte: "There will be outcasts as long as there are castes."
Booker-Prize-GewinnerAravind Adigaempfiehlt seinen Lieblingsroman über Mumbai, den bereits 1979 erschienen Roman "Shikari" von Yashwant Chittal, den, was Adiga kaum glauben und unbedingt ändern will, kaum jemand kennt. Das Buch handelt von einem Mann, der auf Grund einer ihm undurchsichtigen Anklage seine Spitzenposition in einem Chemieunternehmen verliert. Die Nähe zu Kafka ist dabei klar ersichtlich, schreibt Adiga, doch ist "Shikari" auch "mit Reverenzen an existenzialistische Philosophen wie Camus und Erich Fromm reich gespickt. Doch schöpft die Art, wie Chittal in einer parallelen Reihe von Bildern die Wandlung seines Protagonisten anlegt, der seine frühere Existenz in der Unternehmenswelt ablehnt, obwohl ihm die Chance eingeräumt wird, seinen Namen reinzuwaschen und an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren, aus der Hindu-Mythologie. ... Den passenden Übersetzer und bloß bescheidene Unterstützung durch einen Verlag vorausgesetzt, dürfte sich 'Shikari' als Klassiker der modernen indischen Belletristik erweisen."
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