Eine ganze Sonderausgabe zum hundertsten Geburtstag ist Bollywood gewidmet. Eine Auswahl: Mukul Kesavan verteidigt Bollywood gegen Kritiker (insbesondere auch aus den Reihen seiner Liebhaber), die es als hybrides, jedenfalls qualitativ minderwertiges guilty pleasure sehen: "Kolonialisierte Länder wie unseres borgten sich die Kurzgeschichte, den Roman und selbst den literarischen Modernismus vom Westen. ... Doch die fiktionale Form des Langfilms ist einzigartig, da sie sich in Indien exakt zum selben Zeitpunkt herausbildete wie in Großbritannien oder Amerika. ... Die Filmtechnologie ist vielleicht andernorts erfunden worden, doch die Kunst des Kinos reifte in Indien zur Blüte, als sie sich auch im Westen entwickelte. Dadasahel Phalke arbeitete zur selben Zeit an 'Raja Harischandra', dem ersten Bombay-Film, in der seine britischen und amerikanischen Kollegen Adaptionen von 'Oliver Twist' drehten. Man kann darin ein frühes Zeichen dafür erkennen, welche verschiedenen Richtungen der Langfilm hier und dort einschlagen würde. Phalke verfilmte einen Mythos, während seine westlichen Kompagnons eine Geschichte auswählten, die in einem Armenhaus zu Zeiten der Industrialisierung Englands angesiedelt ist." Leider ist "Raha Harischandra" in seiner kompletten Fassung verschollen, auf Youtube finden wir aber immerhin einen Ausschnitt aus den Überbleibseln:
Weiteres: Rauf Ahmed erinnert an "Alam Ara", den ersten Tonfilm Bollywoods, der 1931 entstand. Für Peter Bradshaw haben Bollywoodfilme in ihren besten Momenten Shakespeare-artigeQualitäten. Gulzar denkt über Filmmusik nach. Jigna Kothari begibt sich auf Spurensuche nach dem verführerischen Vamp in der Bolly-Filmgeschichte. Uptal Borpujari erinnert an die Qualitäten des nordöstlichen Kinos in Indien abseits von Bombay. Sunil Menon prüft das Hindi-Kino auf utopische Potenziale und sein Verhältnis zur sozialen Wirklichkeit ab. Sudhir Mishra birgt die Tradition des poltischen Kinos neben dem offiziellen Glamourbetrieb. Eine kleine Fotostrecke klärt darüber auf, in welchen Settings Bollywoodfilme gesehen werden. Mit viel Wonne wühlt Arnab Ray im Keller nach wüsten Trashmovies und stößt dabei etwa auf den wilden Horrorfilm "Purana Mandir".
Der Oscarerfolg von "The Artist" lässt Naman Ramachandran in der indischen Filmgeschichte stöbern. Dabei entdeckt er den Film "Pushpak" aus den Achtzigern, der sich zwar nicht am ästhetischen Modus der klassischen Stummfilme orientiert, aber ebenfalls ganz auf Dialoge verzichtet. Und er kann auch heute noch bestens bestehen, findet Ramachandran: "Gewiss, die Botschaft, dass Geld die Wurzel vielen Übels ist und Ehrlichkeit die beste Handlungsmaxime, wird hier mit der Spachtelkelle aufgetragen. Aber das ist nur ein geringer Einwand, wenn man sich vor Augen hält, wie wunderbar der Film auch bei einer wiederholten Sichtung noch funktioniert. Die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Singeetham Srinivasa Rao und dem Schauspieler Kamal Haasan, die mit 'Raja Paarvai' erstmals aufkeimte und später zu vielen, denkwürdigen Filmen führen sollte, blühte in 'Pushpak' richtig auf."
Youtube sei Dank kann man sich von dem Film selbst ein Bild machen:
Für einige Verwirrung sorgt derzeit die jüngst bekannt gegebene Entscheidung von Sony Pictures, David Finchers neuen Film, die Stieg-Larsson-Adaption "The Girl with the Dragon Tattoo", nicht in die indischen Kino zu bringen, nachdem die indische Zensurbehörde bereits im Dezember einige Schnitte angemahnt hatte, informiert Namrata Joshi. Allerdings hat Sony bislang von seinem Widerspruchsrecht keinen Gebrauch gemacht und bereits in anderen Ländern zensierte Überarbeitungen geduldet: "Dies kommt wie ein Schlag in einer Zeit, in der die indische Zensurbehörde darum bemüht ist, sich schrittweise einer weniger restriktiven Haltung anzunähern. Eine ganze Reihe von Mainstreamfilmen wurde im vergangenen Jahr ohne Schnittauflagen genehmigt. Dem Film 'I Am' wurde ein langer, schwuler Kuss gestattet und 'Delhi Belly' kam mit schmutziger Sprache und Anspielungen auf Oralsex durch. (...) Was sich wohl als praktisch erweisen könnte, wäre ein Altersfreigabesystem auf Basis des gesunden Menschenverstands statt Zensur und Verbote." (Was man wohl auch deutschen Freigabe- und Indizierungsinstitutionen ans Herz legen könnte)
In Indien häufen sich islamische Proteste gegen Salman Rushdies angekündigten Besuch beim Jaipur Literaturfestival, berichtet Saba Naqvi, die sich sehr darüber ärgert, dass die Behörden tatsächlich vor einigen Mullahs und Obskurantisten in die Knie zu gehen scheinen: "Die Affäre um Rushdie macht ein größeres Problem kenntlich: Heutzutage kann jede beliebige Gruppierung behaupten brüskiert worden zu sein, oder ein Werk der Kunst, der Geschichtsschreibung oder der Literatur der Blasphemie bezichtigen. Grundsätzlich wollen die Politiker keinen vor den Kopf stoßen - eher würden sie gerne jedem gefallen. Vom Erfolg der Extremisten Rama Sene und Shiv Sena, den Maler M.F. Husain ins Exil zu verbannen, wo er letztes Jahr starb, bis zur Streichung von A.K. Ramanujans Essay über das Ramayana aus dem Lehrplan der Universität von Delhi - allzu oft obsiegt der intellektuelle Tunnelblick. Schließlich ist die öffentliche Empörung über ein Buch oder ein Kunstwerk immer auch eine verlässliche Strategie, einer kleinen Gruppe von Schlägern und Obskurantisten, Medienberichterstattung zu sichern."
Indien trauert um Dev Anand, eine Ikone des indischen Kinos und gewissermaßen der "indische Gregory Peck". Hier der Nachruf von Namrata Joshi. Madhu Jain fragt sich, wie überhaupt mit dem Tod von Ikonen solchen Ranges umzugehen sei, und findet hierfür einen ganz und gar rührenden Einstieg: "Es war, als wäre Peter Pan gestorben. Dev Anand, dieser starrköpfig optimistische Zeitdieb, hat mit sich ein Gutteil unseres Glaubens an die Unsterblichkeit mit sich genommen. Hier war ein Mann, der den Lauf der Zeit zum Stillstand bringen, der die Zeiger der universalen Uhr anhalten wollte, um ihr Ticken zumindest in seinen eigenen Ohren zum Schweigen zu bringen."
Hier ein Stück, in dem das Spitzbübische Anands ganz wunderbar zum Ausdruck kommt (mehr in dieser Playlist):
Viel hängt für Shahrukh Khan von seinem neuen, massiv beworbenen Film "Ra.One" ab, in dem der Bollywood-Star einen Superhelden nach amerikanischem Vorbild spielt: Zwar ist Khan für den Exportmarkt noch immer das Synonym für Bollywood, doch ist sein Stern im Heimatland empfindlich im Sinken begriffen. Ob nun ausgerechnet ein Superheldenfilm in der Lage ist, generationsumfassend ein Publikum zu binden, fragt sich Namrata Joshi: "'Ra.One' steht an einem wichtigen Punkt in Shahrukhs Leben als Star. Als Produkt seiner Zeit personifizierte er den rastlosen Geist Indiens nach der Liberalisierung - ambitioniert, durchsetzungsfähig und dennoch gutgelaunt -, genau wie zuvor Amithabh Bachchan das angstbeherrschte Indien der 70er und 80er repräsentierte. Doch benötigt die Gesellschaft keinen herausstechenden Botschafter des Konsums mehr, da diese Haltung im urbanen Indien mittlerweile fest als Lebensstil verankert ist."
In rasantem Tempo entwickelt sich die Kinosituation in Indien - und zwar in Richtung der bei uns und vor allem aus den USA bereits bekannten Verhältnisse. Blockierung möglichst vieler Leinwände durch Blockbuster-Filme, möglichst schnelles Einspiel aus Angst vor den Internetpiraten. Namrata Joshi schildert die Lage: "2011 ist das Jahr, in dem das Blockbuster-Spiel seinen bislang schärfsten Twist erlebt hat. Die neuen Stichwörter sind 'möglichst breitflächiger Einsatz' und 'schnelldrehende Filme': Ausbeutung des Potenzials der Filme in der ersten Startwoche... Man könnte auch Flächenbombardierung dazu sagen: 'Bodyguard', der aktuelle Superhit, hatte einen Start mit bislang kaum fassbaren 2600 Leinwänden im ganzen Land. Die digitale Technologie hilft, die Kosten der Einzelkopien zu drücken und ermöglicht so Starts dieser Art. Uday Kaushish vom Sheila-Kino in Delhi meint, dass die Bedrohung durch die Piraterie diesen Trend zum Flächenstart ausgelöst hat. Während große Filme früher mit 13 oder 14 Kopien in Delhi anliefen, werden heute 16 bis 18 Vorstellungen am Tag programmiert, und zwar in einem einzigen Multiplex, alle halbe Stunde fängt eine neue Vorstellung an. 'Sholay', der größte Hit der Siebziger dagegen, startete nicht mal in ganz Indien, erinnert sich sein Regisseur Ramesh Sippy: 'Wir haben ihn zunächst gar nicht in Delhi gezeigt, von den USA ganz zu schweigen.'"
Auch in Indien beginnt die "erwachsene" Version des Comic, die "graphic novel", nun Fuß zu fassen. Smit Mitra stellt die jungen Verleger Anindya Roy und Sarnath Banerjee (der zugleich auch Künstler und Autor von "graphic novels" ist) vor. "'Es ist kein Mainstream-Medium', erklärt Banerjee, 'darum ist es einfacher, eher subversive Dinge zu versuchen'. Und darum hat er als Verleger gemeinsam mit Roy auch als allererstes zwei 'graphic novels' zum Thema Terrorismus veröffentlicht. Während 'Kashmir Pending' die Geschichte eines bekehrten Terroristen erzählt, dreht sich 'The Believers' um zwei muslimische Brüder, von denen der eine säkular ist, der andere aber eine fundamentalistische Gruppe anführt. In beiden Geschichten geht es um die Suche nach den Bedingungen für Terror - die globale Entfremdung der muslimischen Community und der tägliche Horror, die tägliche Gewalt im von Kämpfen zerrissenen Kaschmir. Angesichts der 'Islamophobie', die die ganze Welt ergriffen habe, sei es, so Banerjee, 'kein großes Risiko gewesen', diese zwei Bände verlegerisch zu unterstützen."
Angesichts näher liegender Unruhen hat die gewaltige Volksbewegung in Indien hierzulande vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit gefunden. Mit einem Hungerstreik hat der 74jährige Anna Hazare die Massen für seinen Kampf gegen die Korruption mobilisiert. Nun hat die Regierung eingelenkt. Outlook India widmet fast seine ganze Ausgabe diesem erfolgreichen Aufstand. Vinod Mehta hofft im Leitartikel, dass dieses Ereignis positive Folgen für die politische Kultur Indiens haben wird: "Kompromiss ist derzeit ein schmutziges Wort in unserem Lexikon. Man könnte behaupten, dass das Schlamassel, in dem wir uns befinden, der Tatsache gedankt ist, dass Kompromisse in der Vergangenheit die Regel eher als die Ausnahme war. (...) Die letzten zwei Wochen waren nervenzermürbend fürs Land. Wir sind der Anarchie in unserer Suche nach einer 'zweiten Unabhängigkeit' nahe gekommen. Noch ist die Gefahr nicht vorüber. Jedoch gibt es nun die Gelegenheit, unsere Demokratie, zu vertiefen und zu bereichern, durch die wirkliche Beteiligung des Volkes als kontinuierlicher Prozess statt einer nur alle fünf Jahre stattfindenden Übung. Ergreifen wir diese Chance."
Nicht nur die Zensur ist im indischen Kino ein Problem. Immer wieder kommt es in einzelnen Staaten zu Protesten, Boykotten und Störungen, weil einzelne Gruppen sich beleidigt fühlen. Die Regierungen der Einzelstaaten erlassen dann oft präventive Verbote. Aktueller Anlass des Berichts von Namrata Joshi ist die Zensur gegen Jakash Pras Film "Aarakshan" in Uttar Pradesh (weil sich angeblich die Dalits in schlechtem Licht dargestellt sehen). Der unabhängige Filmemacher Rakesh Sharma griff zuletzt zu Guerilla-Methoden, um seinen - übrigens auch auf der Berlinale gezeigten - Dokumentarfilm "Final Solution" über die Aufstände in Gudscharat unter die Leute zu bringen: "Er startete eine 'raubkopiert und verteilt'-Bewegung und bot jedem, der zehn weitere Kopien zu erstellen und weiterzubreiten versprach, eine Gratis-Kopie seines Films. Für ihn ging es vor allem darum, dass sein Werk überhaupt sichtbar bleibt. 'Je stärker diese außerhalb der Gesetze agierenden Zensoren den Film zu begraben suchen, desto mehr sollte er gesehen werden', erklärt er seinen Aufruf zum zivilen Kino-Ungehorsam."
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