Magazinrundschau - Archiv

The Paris Review

16 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - Paris Review

In der neuen Ausgabe der Paris Review gibt Cody Delistraty uns zu bedenken, dass Pflanzen womöglich noch viel schlauer sind als wir glauben, einerseits: "Neuerdings geben Forschungen Anlass zu einer zurückhaltenderen Vorstellung von pflanzlicher Intelligenz. Pflanzen sind höchstwahrscheinlich nicht dazu in der Lage einen Mörder zu identifizieren, allerdings teilen Bäume ihre Nahrung und Wasser über unterirdische Pilz-Netzwerke, über die sie chemische Signale an andere Bäume senden können, um sie zu warnen etwa. Der deutsche Forstwart Peter Wohlleben hat über Bäume und ihre Krankheiten geschrieben, über Insekten und Dürren. Er fand heraus, dass der Stumpf eines vor 500 Jahren gefällten Baumes noch immer voll Leben war - die benachbarten Bäume hatten ihn mit Glukose und anderen Nährstoffen versorgt. Solche Kommunikation unter Pflanzen funktioniert ähnlich wie das tierische Nervensystem. Bäume können unterirdisch elektrische Impulse aussenden und Pheromone und Gase als Signalstoffe verwenden. Wenn etwa ein Tier an den Blättern des Baumes knabbert, sondert der Baum Äthylen in den Boden ab und warnt so die anderen Bäume, sodass sie Gerbstoffe in ihre Blätter leiten können, um das Tier abzuwehren. Bäume können sogar zwischen Bedrohungen unterscheiden. Sie reagieren auf einen Menschen, der einen Ast abbricht, anders als auf ein Tier, das von ihnen frisst. Bei Ersterem werden sie einen Heilungsprozess einleiten, bei Letzterem Gift absondern. Pflanzen teilen sogar den Raum miteinander. 2012 stellte eine Studie fest, dass vier Exemplare von Cakile edentula in einem Topf ihre Ressourcen teilten und ihre Wurzeln so anordneten, dass die anderen Platz hatten. Würden Pflanzen sich einfach evolutionär verhalten, würden sie um die Ressourcen konkurrieren, stattdessen scheinen sie sich um die anderen zu sorgen und ihnen zu helfen."
Stichwörter: Pflanzen, Bäume

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Paris Review

Die Paris Review veröffentlicht einen irritierenden, aber doch recht scharfsinnigen Artikel von Italo Calvino aus dem Jahr 1947, in dem der Turiner Schriftsteller die Klugheit, Klarheit, Strenge seiner Kollegin und Freundin Natalia Ginzburg feiert, indem er sie zu einer raren Spezies erklärt: "Natalia Ginszburg ist die letzte Frau auf Erden. Der Rest der Welt sind Männer - selbst ihre weiblichen Arten gehören zu dieser Welt der Männer. Einer Welt, in der Männer Entscheidungen treffen, wählen, handeln. Und doch ist Natalia Ginzburg eine starke Frau. Ich meine eine starke Schriftstellerin. Die Last schwebt wie eine Verurteilung über ihren Büchern. Doch auch wenn sie sich diesem Urteil fügt, macht es ihre Sprache nicht ernst, sentimental oder ausweichend. Bei ihr gibt es keine weibliche Kapitulation vor dem Schauer der Empfindungen, keine trügerischen Erinnerungen wie bei Virginia Woolf, was andere Schriftstellerinnen, auch italienische, dann immer wieder kopierten. Natlia Ginzburg glaubt an Sachen, an die wenigen Dinge, die der Leere des Universums entrissen werden können: der Schnurrbart, einige Knöpfe. Sie glaubt an ihre Gefühle, an ihre Handlungen, egal wie verzweifelt sie sind."

Magazinrundschau vom 05.03.2019 - Paris Review

Lucasta Miller stellt die englische Dichterin Letitia Elizabeth Landon vor, die unter ihren Initialen L.E.L. umstrittene Gedichte schrieb, in einem Zeitraum - 1820, 1830 - der genau zwischen Romantikern und Viktorianern lag: "Die Revolutionszeit der 1790er Jahre hatte eine relativ offene Haltung zur freien Liebe gezeigt. Die Viktorianer, die ihnen folgten, würden unkonventionelle sexuelle Beziehungen in tiefer Verleugnung begraben. Aber die Ära des Zeitalters dazwischen - L.E.L.s Ära - war geprägt von einer seltsamen Kultur der bewussten Heuchelei. Letitia Landon selbst hat es in einem ihrer funkelndsten späteren Gedichte geschrieben: 'Niemand unter uns wagt zu sagen / Was niemand hören will.' Die Dichter, die die Geschichte als Romantiker heiliggesprochen hat, waren dabei vergessen zu werden. Keats war gestorben, Shelley und Byron waren im Exil in Italien und zu Hause unter Beschuss als sexuelle Verführer. Der Hofdichter Robert Southey bezeichnete sie als 'die Satanische Schule' und erklärte sie zu einer Gefahr für die Gesellschaft. Der Verleger von Shelley's 'Queen Mab', einem transzendentalen Lobgesang auf die freie Liebe, war nach einer Anklage durch die Society for the Suppression of Vice (Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters) verhaftet worden. Die Stimme Letitia Landons, die als L.E.L. kreiert worden war, war eine Antwort auf diesen labilen kulturellen Kontext und auf ihre persönliche Situation als Geliebte eines verheirateten Mannes. Einige Leser zu dieser Zeit stellten sich vor, dass die 'Lady im Teenageralter' ein unschuldiges junges Mädchen sei. Aber andere griffen ihre versteckten Anspielungen auf die Poesie der 'Satanischen Schule' auf und interpretierten ihre hübschen Blumenmetaphern als Bekenntnis, dass sie selbst eine 'gefallene Frau' war. Sie wurde eine Meisterin der manipulativen Doppelzüngigkeit und der Mehrdeutigkeit. Ihr Ich war war ich das ultimativ glitschige Subjekt, die Lücken so aussagekräftig wie ihre tatsächlichen Worte."
Anzeige

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - Paris Review

In Deutschland ist der walisische Horror-Schriftsteller Arthur Machen wohl nur Genrefans ein Begriff - im englischsprachigen Raum interessiert sich aber eine zunehmend größere Gemeinde für das Werk des 1947 gestorbenen Autors, vor dem auch H.P. Lovecraft, selbst ein Pionier der Horror Story, andächtig auf die Knie ging. Aaron Worth beschreibt Machens Arbeit im Hinblick auf die zeitliche Tiefendimension, die sein Werk im Gothic-Modus entfaltet: Gothic war schließlich immer schon an der modrigen Vergangenheit interessiert - schon der Ur-Text "Das Schloss Otranto" aus dem Jahr 1764 camouflierte sich als Text aus dem Mittelalter. Doch vor dem Hintergrund dessen, dass Machen, 1863 geboren, in einer Zeit aufwuchs, die von der Entdeckung des tatsächlichen geologischen Alters der Erde in ihren Grundannahmen erschüttert wurde, wird das Mittelalter gerade mal zum langweiligen Gestern: "Man könnte sagen, Machens zentraler Beitrag zum modernen Horror besteht darin, sich für eine gründliche Re-Konzipierung - heute würden wir vielleicht sagen: einen Reboot - des Gothic-Modus im Nachklapp zur viktorianischen Zeitrevolution eingesetzt zu haben. Wohl kein anderer Autor zuvor hat sich daran versucht, die neu entdeckten abgründigen Tiefen der Zeit mit ihren beunruhigenden Potenzialen innerhalb eines Gothic-Rahmens einzuschreiben - und ganz gewiss niemand so ausführlich oder einflussreich. Machens heimgesuchtes Wales ist von tiefer Zeit aufgeladen - es handelt sich hierbei nicht um eine Landschaft, über die Ruinen vage antiker Provenienz verstreut sind, sondern um einen codierten, mehrschichtigen Raum, der Spuren historischer, prä-historischer und prä-menschlicher Vergangenheiten bewahrt". Beim unverzichtbaren Internet-Archive finden sich zahlreiche von Machens Büchern in digitaler Form.

Außerdem bringt die Paris Review Jonathan Lethems, dem Buch "Everything is Connected" entnommenen Essay über Verschwörungen. Und Lola Peploe unterhält sich mit Filmemacher Frederick Wiseman.

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Paris Review

In der Paris Review porträtiert Edward White die russische Kampffliegerin Lilja Litwjak, die in der sowjetischen Frauen-Kampffliegerstaffel flog, die die 29-jährige Flugnavigatorin Marina Raskova 1941 gegründet hatte. Mit 20 war Litvyak eine individualistische, furchtlose und unheimlich begabte Fliegerin. Sie gilt als die erste Frau in der Geschichte, die im Luftkampf feindliche Flieger tötete. Im Juli 1943 verschwand sie mit ihrem Flugzeug, Überreste wurden nie gefunden. Aber hätte sie, die ihr Haar blondierte, ihre Uniform mit einem Pelzkragen aufpeppte und sich in einer männlichen Fliegerwelt behauptete, im agressiv erzwungenen Konformismus der Nachkriegs-Sowjetunion überleben können? "Es mag seltsam erscheinen, dass Litwjak es wagte, sich so frei ausdrücken, bedenkt man, dass sie pausenlos überwacht wurde - nicht nur von ihren Vorgesetzten, sondern auch von den Spitzeln der Partei und des Staates. Doch trotz all des Horrors, den der Krieg mit sich brachte, erlebten viele Sowjetbürger ihn als eine Oase der (relativen) Freiheit, als man sprechen und handeln konnte, ohne ständig befürchten zu müssen, die Parteilinie zu überschreiten. 'Zu denken', schrieb beißend Nadeshda Mandelstam an ihre Freundin Anna Achmatowa, 'dass wir die besten Jahre unseres Lebens im Krieg hatten, als so viele Menschen getötet wurden, als wir hungerten und mein Sohn Zwangsarbeit leisten musste.'"

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Paris Review

Billy Bragg, der Veteran unter Englands Protestbarden, hat ein Buch über Skiffle geschrieben. Im Interview plaudert er über die Gitarre im britischen Nachkriegspop, den Einfluss von Lonnie Donegan, und den Wandel von Jugendkultur: "In England markiert Skiffle den Beginn von Musik als kulturelle Avantgarde der Jugend. Das gibt es ja heute so nicht mehr. Diese Rolle hat Musik verloren. Heute macht man das anders. Wenn man wütend ist oder sich mit einem Menschen oder einer Sache identifizieren will, dann braucht man nicht mehr das Album zu kaufen oder sich wie sein Held kleiden, man ist kein Mod oder Ted mehr, kein Rocker oder Punk. Heute macht man das mit seinem Profil in den sozialen Medien. Natürlich gibt es aber immer noch Leute da draußen, die mit ihrer Musik eine Kante zeigen, für die Musik noch der wichtigste Weg ist, etwas mitzuteilen. Aber sie sind so marginalisiert wie es Leadbelly war. Bei uns sind das die Grime-Musiker -  junge, urbane Schwarze - , die HipHop und jamaikanischen Dancehall mixen. Das waren übrigens die einzigen, die sich bei den Wahlen für Jeremy Corbyn ausgesprochen haben. Mit vielleicht zwei oder drei Ausnahmen wie mich und die anderen üblichen Verdächtigen, die das sowieso immer tun."

Magazinrundschau vom 11.07.2017 - Paris Review

Adam Begley, Autor eine neuen Biografie über den großen Fotografen Nadar (eigentlich Gaspard-Félix Tournachon), blättert für die Onlineausgabe der Paris Review das Gästebuch des seinerzeit schon berühmten Porträtisten auf: Nadar bat Berühmtheiten seiner Zeit, sich mit Vignetten, Kompositionschnipseln oder Gedichten zu verewigen. Das Original des Gästebuchs ist über verschlungene Wege in eine Bibliothek in Philadelphia gelangt. Und die Promis defilierten nur so: "Der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon, Erfinder des Slogans 'Eigentum ist Diebstahl' donnerte 'Außer den Peinigern kenne ich nichts Abscheulicheres als die Märtyrer'. Viele Seiten später taucht ein weitere Anarchist aus, der russische Aristokrat und ruhelose Revolutionär Michail Alexandrowitsch Bakunin, der in französischer Schreibweise unterzeichnete: Bakounine. Er kam am 7. August 1862 zu Besuch und hinterließ die rätselhafte Warnung: 'Achten Sie darauf, dass die Freiheit Ihnen nicht von Norden kommt.' Ein Jahr zuvor hatte hatte er eine wagemutige Flucht aus Siberien angetreten. Unter Bakunins Signatur findet sich eine Skizze zweier Holzpantinen von Jean-François Millet. Nadar betrachtete Millet als einen der besten französischen Maler der Zeit und pries seine Kunst als 'im Kern demokratisch'. Bakunin und Millet - was für ein Zusammentreffen!"


Magazinrundschau vom 18.04.2017 - Paris Review



In ihrer Kolumne für die Paris Review denkt Megan Mayhew Bergman über die Heldin nach. Wo kommt sie her, was zeichnet sie aus? Anlass ist ein wunderbares Foto von einem Mittagessen 1959 im Haus der Schriftstellerin Carson McCullers. Mit am Tisch: Marilyn Monroe, Isak Dinesen (auch bekannt als Tania Blixen) und Arthur Miller. "Carson trägt schwarz und eine deprimierte Haltung. Marilyn, in Pelz und tiefem Dekolletee, erzählt eine Geschichte, wie sie Pasta mit einem Fön fertig kochte. Isaks Wangenknochen stellen sich unter dem Saum ihres Turbans selbst vor. Sie erinnert sich an den ersten Löwen, den sie getötet hat, isst an diesem Tag wenig mehr als Austern, Weintrauben und Amphetamine. Acht Jahre später sind sie alle tot. Für mich verkörpert dieses Bild die gebrochene Natur der Weiblichkeit: etwas Sinnliches, Intellektuelles und Eigensinniges, das in einem einzigen Körper existiert." 

Magazinrundschau vom 08.03.2016 - Paris Review

Vor 60 Jahren zierte Alfred E. Neumann zum ersten Mal in der heutigen Gestalt ein MAD Magazine. Woher das seitdem untrennbar mit der Comic- und Satirezeitschrift verbundene Maskottchen allerdings stammt, darüber streiten sich die Gelehrten, wie wir von Sam Sweet erfahren. Tatsächlich entpuppt sich die Vorgeschichte des charakteristischen Zahnlücken-Grinsegesichts als eine Art Vorläufer heutiger Mems, deren Ursprünge ebenfalls oft im Dunkeln liegen. Eine ziemlich frühe Emanation hat der Popkulturforscher Peter Reitan beim Auswerten alter Zeitungsscans ausfindig gemacht: "Als er eine alte Ausgabe des Los Angeles Herald durchsah, fiel ihm ein bekanntes Gesicht auf, das ihn aus der Ecke anblinzelte. Das wuschelige Haar, der fehlende Zahn - Neumann. Unter dem Gesicht stand zu lesen: 'What's the good of anything? - Nothing!' Es handelte sich um Reklame für ein Stück namens 'The New Boy'. Die Zeitungsausgabe datierte auf den 2. Dezember 1894. ... Das ursprüngliche Bild, schlussfolgerte Reitan, basierte wahrscheinlich entweder auf Bert Coote oder James T. Powers, zwei gummigesichtige, rothaarige Schauspieler, die für die ersten Inszenierungen des Stücks auf der Bühne standen. Wie Reitan ausführt, dürfte die Werbung 'wohl in jeder Stadt zu sehen gewesen sein, in der das Stück während seiner fünf Jahre dauernden Tourneen gastierte', was die spätere Omnipräsenz des Jungen erklären würde. Man nutzte das Konterfei für politische Karikaturen und wenig später für mehr Werbung, inklusive der Grafik für 'Atmore's Pie'. Jeder neue Aufgriff inspirierte eine neue Welle von Nachahmern: Die Figur spaltete sich auf und vervielfältigte sich, was wiederum ihr Mem-Potenzial bestärkte und ihre Ursprünge kaschierte." Mehr zu dieser Geschichte auch in diesem Blogposting.

Magazinrundschau vom 13.01.2015 - Paris Review

In einem Interview über seinen neuen Roman "Unterwerfung" erklärt Michel Houellebecq, warum er in absehbarer Zeit eine muslimische Partei in Frankreich für recht wahrscheinlich hält: "Ich habe versucht, mich an die Stelle eines Muslims zu versetzen und erkannt, dass sie in der Realität in einer total schizophrenen Situation sind. In der Regel sind Muslime nicht an wirtschaftlichen Dingen interessiert. Ihre großen Interessen liegen in dem was wir heute gesellschaftliche Belange nennen. In diesen Dingen sind sie offensichtlich sehr weit entfernt von der Linken und noch weiter von den Grünen. Man denke nur an die Schwulenehe, dann wird klar, was ich meine. Aber sie können auch nicht rechts wählen, schon gar nicht die extreme Rechte, die sie vollkommen ablehnt. Wenn ein Muslim also wählen will, was soll er dann tun? Die Wahrheit ist, dass er in einer unmöglichen Situation steckt. Niemand repräsentiert ihn. Darum erscheint mir eine muslimische Partei sinnvoll. [...] Auf der Ebene, die wir gewöhnlich Werte nennen, haben Muslime mehr gemeinsam mit der extremen Rechten als mit der Linken. Es gibt eine fundamentalere Opposition zwischen Muslimen und Atheisten als zwischen Muslimen und Katholiken. Das scheint mir offensichtlich."