Magazinrundschau - Archiv

The Paris Review

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Magazinrundschau vom 27.10.2020 - Paris Review

Zu den extravagantesten Paaren, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts im literarischen Paris tummelten gehörten eindeutig auch Jane Heap und Margaret Anderson. Jane Heap führte einen mystizistischen Salon, in dem auch Janet Flanner und Solita Solano ein und aus gingen, Anderson gab The Little Review heraus, jene Zeitschrift, die immer wieder beschlagnahmt wurde, weil sie James Joyces "Ulysses" in Fortsetzung brachte: Emma Garman porträtiert die beiden Frauen sehr einnehmend, über Anderson schreibt sie zum Beispiel: "Mit zweiundzwanzig schmiss sie ihr Klavierstudium an einem Frauencollege in Ohio, um nach Chicago zu ziehen. Ihre konsternierten Eltern, die von ihr erwartet hatten, dass sie heiraten und in ihrem County-Cluc- und Bridge-Milieu ein geregeltes Leben beginnen würde, wollten wissen, was um Himmels willen sie denn eigentlich suche. 'Selbstverwirklichung', sagte sie, was für sie bedeutete, denken und sagen zu können, woran man glaubt. Ihr Vater antwortete: 'Meiner Ansicht nach tust du doch nichts anderes.' In Chicago wurde Anderson Journalistin und eine produktive Literaturkritikerin. Doch sie fieberte stets einem neuem Abenteuer entgegen. Die Little Review erdachte sie, als ihr klar wurde, dass ihre deprimierte Stimmung der 'fehlenden Inspiration' in ihrem Leben geschuldet war. Aber so fand sie die Erlösung: Sie würde das interessanteste Magazin aller Zeiten lancieren. 'Ich wusste, dass irgendjemand Geld geben würde, schrieb sie in 'My Thirty Years' War'. Das war für mich wie ein Naturgesetz. Jemand musste einfach. Und natürlich gab es auch jemand.' Da war sie gerade 27 Jahre alt geworden. Anderson vertrat als oberstes redaktionelles Prinzip, dass Künstler Intellektuellen überlegen seien. Wie sie unverblümt erklärte: 'Ich halte Intellektuelle nicht für intelligent. Ich mochte sie nie besonders und auch nicht ihre Ansichten über das Leben.' Verdienst sollte das einzige Kriterium für die Annahme eines Artikels sein, ohne Zugeständnisse ans Kommerzielle oder Konservative oder einer anderen Ideologie - obwohl sie eine Vorliebe für den Anarchismus hatte und eine erklärte Feministin war. Doch grundlegend für jede Kunst, betonte Anderson, ist die Freiheit."

In ihrer Farbenkolumne widmet sich Katy Kelleher diesmal dem russet, einem stumpfen rotbraun, der einzigen Farbe, die etwa die protestantischen Schotten unter Maria Stuart für schicklich hielten, neben "schwarz, traurigem grau oder traurigem braun".

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Paris Review

Denise Dixon, Phillip and Jamie are creatures from outer space in their space ship, from "Portraits and Dreams" by Wendy Ewald. Courtesy the artist and Mack.


1985 erschien der Fotoband "Portraits and Dreams: Photographs and Stories By Children of The Appalachians", der jetzt in einer erweiterten und überarbeiteten Auflage neu erschienen ist. Rebecca Bengal erzählt die Geschichte hinter diesen ungewöhnlichen Bildern: Die Fotografin Wendy Ewald hatte sich für ein Fotoprojekt in einem Ort in den Appalachen eingemietet. Sie blieb sechs Jahre und unterrichtete in einer Schule 6- bis 14-Jährige in der Kunst des Fotografierens: verkaufte ihnen Instamatic Kameras für 10 Dollar das Stück und los ging's. Die Kinder fotografierten die Welt um sich herum, aber auch sich selbst, ihre Träume und Fantasien: "Russell Akemon liegt beiläufig auf dem Rücken 'meines alten Pferdes'; in einem anderen lehnt er an einem hohen Heuhaufen, der ihn fast vollständig umhüllt. Denise Dixons blonde Perücke trug dazu bei, sich auf einem Foto in Dolly Parton und in einem anderen in einen Filmstar zu verwandeln, schmollend und ohnmächtig in einem Nachthemd mit einer Schlange um den Hals, zerknitterten Laken und einer hinter ihr sichtbaren Holzverkleidung. In den Träumen sind sie vielleicht am freiesten. Wenn Ewald sie zur Veranschaulichung ihres Unterbewusstseins anleitete, saßen die Klassen zunächst in der Dunkelkammer zusammen und bekannten ihre schrecklichsten Träume. ... Denise Dixon stülpte Strumpfhosen über die Köpfe ihrer kleinen Zwillingsbrüder und fotografiert sie in passenden Outfits auf einem gemusterten Stuhl - 'Phillip und Jamie sind Wesen aus dem Weltraum in ihrem Raumschiff', so der Titel des Fotos. In körnigem Schwarzweiß, mit der absichtlichen Unschärfe der Bewegung, haben diese Fotografien die mystische Qualität der Arbeit ihres Gegenstücks Ralph Eugene Meatyard aus Kentucky. Die Fotos der Kinder sind rätselhaft und narrativ, aber sie haben auch die vergänglichste Qualität von allen: die Fähigkeit, eine Zeit festzuhalten, bevor die Träume vergessen sind."
Stichwörter: Ewald, Wendy, Appalachen

Magazinrundschau vom 25.08.2020 - Paris Review

Die Blüte der Vinca Minor oder des Kleinen Immergrüns. Foto: Wikipedia unter cc-Lizenz
Katy Kelleher hat eine Farbkolumne in der Paris Review. Diesen Monat schreibt sie über eine Farbe, die im Englischen Periwinkle heißt, benannt nach der Blüte der Vinca Minor, des Kleinen Immergrüns. "Vinca ist ein komplexes Pflänzchen, und Periwinkle, benannt nach seinen Blüten, ist eine ebenso komplexe Farbe: Eine Untergruppe von Lila, die eine Untergruppe von Violett ist, bezeichnet Periwinkle einen präzisen Farbton, der etwas heller ist als Lavendel, blauer als Flieder, klarer als Mauve und dunkler als Amethyst. Aber es ist schwer, dies mit Genauigkeit zu sagen, denn die Lilatöne sind seltsam, polarisierend, und die Violetttöne sind es noch mehr. Nur wenige Farbtöne sind betörender und geschmähter als diese Gruppierung, der letzte Stopp auf dem Regenbogen. Dem Gelehrten David Scott Kastan zufolge gibt es Violetttöne innerhalb ihrer eigenen speziellen Kategorie. Violett ist, wie glaucous (ein gräulicher blaugrün-Farbton), ein Farbwort, das eine bestimmte Lichtqualität bezeichnet. 'Violett scheint sich von Lila in welcher Sprache auch immer zu unterscheiden - nicht so sehr als eine andere Farbschattierung als vielmehr als etwas Leuchtenderes: vielleicht ein von innen beleuchtetes Lila', schreibt Kastan in 'On Color', seinem 2018 erschienenen Buch zu diesem Thema. "Violett ist die schimmernde, flüchtige Farbe des Himmels bei Sonnenuntergang, lila die durchsetzungsstarke, substanzielle Farbe kaiserlicher Gewänder". Diese letztere Art von violett-rötlichem, kräftigem, gesättigtem Purpur schmückt die Reichen seit ihrer Entdeckung durch die Phönizier, die lange vor Beginn der gemeinsamen Ära Purpurschnecken für ihre Sekrete melkten. Bekannt als tyrisches Purpur (angeblich für Tyrus, im heutigen Libanon), phönizisches Rot oder kaiserliches Purpur, gibt es sogar einen heroischen Mythos zu seiner 'Entdeckung'. Dem römischen Gelehrten Julius Pollux zufolge war der Hund des Herkules das erste Wesen, das die hübsche Farbe entdeckte, die sich unter den räuberischen, muschelbewohnenden Kreaturen verbirgt (Peter Paul Rubens malte seine Vision dieses Ereignisses in 'Herkules' Hund entdeckt Purpur'). Herkules war auf dem Weg, einer Nymphe namens Tyro den Hof zu machen, und als er zu ihrer Behausung kam, warf sie einen Blick auf den befleckten Hund und bat um ein Kleid in der Farbe seines Mauls. So wurde Herkules der Ruhm zuteil, das Lila von Tyro 'erfunden' zu haben. Die Nymphe wurde später von Poseidon vergewaltigt, wie Ezra Pound in seinen 'Cantos' beschrieb."
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Stichwörter: Lila, Violett, Purpur, Farben, Libanon

Magazinrundschau vom 01.10.2019 - Paris Review

In der neuen Ausgabe der Paris Review gibt Cody Delistraty uns zu bedenken, dass Pflanzen womöglich noch viel schlauer sind als wir glauben, einerseits: "Neuerdings geben Forschungen Anlass zu einer zurückhaltenderen Vorstellung von pflanzlicher Intelligenz. Pflanzen sind höchstwahrscheinlich nicht dazu in der Lage einen Mörder zu identifizieren, allerdings teilen Bäume ihre Nahrung und Wasser über unterirdische Pilz-Netzwerke, über die sie chemische Signale an andere Bäume senden können, um sie zu warnen etwa. Der deutsche Forstwart Peter Wohlleben hat über Bäume und ihre Krankheiten geschrieben, über Insekten und Dürren. Er fand heraus, dass der Stumpf eines vor 500 Jahren gefällten Baumes noch immer voll Leben war - die benachbarten Bäume hatten ihn mit Glukose und anderen Nährstoffen versorgt. Solche Kommunikation unter Pflanzen funktioniert ähnlich wie das tierische Nervensystem. Bäume können unterirdisch elektrische Impulse aussenden und Pheromone und Gase als Signalstoffe verwenden. Wenn etwa ein Tier an den Blättern des Baumes knabbert, sondert der Baum Äthylen in den Boden ab und warnt so die anderen Bäume, sodass sie Gerbstoffe in ihre Blätter leiten können, um das Tier abzuwehren. Bäume können sogar zwischen Bedrohungen unterscheiden. Sie reagieren auf einen Menschen, der einen Ast abbricht, anders als auf ein Tier, das von ihnen frisst. Bei Ersterem werden sie einen Heilungsprozess einleiten, bei Letzterem Gift absondern. Pflanzen teilen sogar den Raum miteinander. 2012 stellte eine Studie fest, dass vier Exemplare von Cakile edentula in einem Topf ihre Ressourcen teilten und ihre Wurzeln so anordneten, dass die anderen Platz hatten. Würden Pflanzen sich einfach evolutionär verhalten, würden sie um die Ressourcen konkurrieren, stattdessen scheinen sie sich um die anderen zu sorgen und ihnen zu helfen."
Stichwörter: Pflanzen, Bäume

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Paris Review

Die Paris Review veröffentlicht einen irritierenden, aber doch recht scharfsinnigen Artikel von Italo Calvino aus dem Jahr 1947, in dem der Turiner Schriftsteller die Klugheit, Klarheit, Strenge seiner Kollegin und Freundin Natalia Ginzburg feiert, indem er sie zu einer raren Spezies erklärt: "Natalia Ginszburg ist die letzte Frau auf Erden. Der Rest der Welt sind Männer - selbst ihre weiblichen Arten gehören zu dieser Welt der Männer. Einer Welt, in der Männer Entscheidungen treffen, wählen, handeln. Und doch ist Natalia Ginzburg eine starke Frau. Ich meine eine starke Schriftstellerin. Die Last schwebt wie eine Verurteilung über ihren Büchern. Doch auch wenn sie sich diesem Urteil fügt, macht es ihre Sprache nicht ernst, sentimental oder ausweichend. Bei ihr gibt es keine weibliche Kapitulation vor dem Schauer der Empfindungen, keine trügerischen Erinnerungen wie bei Virginia Woolf, was andere Schriftstellerinnen, auch italienische, dann immer wieder kopierten. Natlia Ginzburg glaubt an Sachen, an die wenigen Dinge, die der Leere des Universums entrissen werden können: der Schnurrbart, einige Knöpfe. Sie glaubt an ihre Gefühle, an ihre Handlungen, egal wie verzweifelt sie sind."

Magazinrundschau vom 05.03.2019 - Paris Review

Lucasta Miller stellt die englische Dichterin Letitia Elizabeth Landon vor, die unter ihren Initialen L.E.L. umstrittene Gedichte schrieb, in einem Zeitraum - 1820, 1830 - der genau zwischen Romantikern und Viktorianern lag: "Die Revolutionszeit der 1790er Jahre hatte eine relativ offene Haltung zur freien Liebe gezeigt. Die Viktorianer, die ihnen folgten, würden unkonventionelle sexuelle Beziehungen in tiefer Verleugnung begraben. Aber die Ära des Zeitalters dazwischen - L.E.L.s Ära - war geprägt von einer seltsamen Kultur der bewussten Heuchelei. Letitia Landon selbst hat es in einem ihrer funkelndsten späteren Gedichte geschrieben: 'Niemand unter uns wagt zu sagen / Was niemand hören will.' Die Dichter, die die Geschichte als Romantiker heiliggesprochen hat, waren dabei vergessen zu werden. Keats war gestorben, Shelley und Byron waren im Exil in Italien und zu Hause unter Beschuss als sexuelle Verführer. Der Hofdichter Robert Southey bezeichnete sie als 'die Satanische Schule' und erklärte sie zu einer Gefahr für die Gesellschaft. Der Verleger von Shelley's 'Queen Mab', einem transzendentalen Lobgesang auf die freie Liebe, war nach einer Anklage durch die Society for the Suppression of Vice (Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters) verhaftet worden. Die Stimme Letitia Landons, die als L.E.L. kreiert worden war, war eine Antwort auf diesen labilen kulturellen Kontext und auf ihre persönliche Situation als Geliebte eines verheirateten Mannes. Einige Leser zu dieser Zeit stellten sich vor, dass die 'Lady im Teenageralter' ein unschuldiges junges Mädchen sei. Aber andere griffen ihre versteckten Anspielungen auf die Poesie der 'Satanischen Schule' auf und interpretierten ihre hübschen Blumenmetaphern als Bekenntnis, dass sie selbst eine 'gefallene Frau' war. Sie wurde eine Meisterin der manipulativen Doppelzüngigkeit und der Mehrdeutigkeit. Ihr Ich war war ich das ultimativ glitschige Subjekt, die Lücken so aussagekräftig wie ihre tatsächlichen Worte."

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - Paris Review

In Deutschland ist der walisische Horror-Schriftsteller Arthur Machen wohl nur Genrefans ein Begriff - im englischsprachigen Raum interessiert sich aber eine zunehmend größere Gemeinde für das Werk des 1947 gestorbenen Autors, vor dem auch H.P. Lovecraft, selbst ein Pionier der Horror Story, andächtig auf die Knie ging. Aaron Worth beschreibt Machens Arbeit im Hinblick auf die zeitliche Tiefendimension, die sein Werk im Gothic-Modus entfaltet: Gothic war schließlich immer schon an der modrigen Vergangenheit interessiert - schon der Ur-Text "Das Schloss Otranto" aus dem Jahr 1764 camouflierte sich als Text aus dem Mittelalter. Doch vor dem Hintergrund dessen, dass Machen, 1863 geboren, in einer Zeit aufwuchs, die von der Entdeckung des tatsächlichen geologischen Alters der Erde in ihren Grundannahmen erschüttert wurde, wird das Mittelalter gerade mal zum langweiligen Gestern: "Man könnte sagen, Machens zentraler Beitrag zum modernen Horror besteht darin, sich für eine gründliche Re-Konzipierung - heute würden wir vielleicht sagen: einen Reboot - des Gothic-Modus im Nachklapp zur viktorianischen Zeitrevolution eingesetzt zu haben. Wohl kein anderer Autor zuvor hat sich daran versucht, die neu entdeckten abgründigen Tiefen der Zeit mit ihren beunruhigenden Potenzialen innerhalb eines Gothic-Rahmens einzuschreiben - und ganz gewiss niemand so ausführlich oder einflussreich. Machens heimgesuchtes Wales ist von tiefer Zeit aufgeladen - es handelt sich hierbei nicht um eine Landschaft, über die Ruinen vage antiker Provenienz verstreut sind, sondern um einen codierten, mehrschichtigen Raum, der Spuren historischer, prä-historischer und prä-menschlicher Vergangenheiten bewahrt". Beim unverzichtbaren Internet-Archive finden sich zahlreiche von Machens Büchern in digitaler Form.

Außerdem bringt die Paris Review Jonathan Lethems, dem Buch "Everything is Connected" entnommenen Essay über Verschwörungen. Und Lola Peploe unterhält sich mit Filmemacher Frederick Wiseman.

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Paris Review

In der Paris Review porträtiert Edward White die russische Kampffliegerin Lilja Litwjak, die in der sowjetischen Frauen-Kampffliegerstaffel flog, die die 29-jährige Flugnavigatorin Marina Raskova 1941 gegründet hatte. Mit 20 war Litvyak eine individualistische, furchtlose und unheimlich begabte Fliegerin. Sie gilt als die erste Frau in der Geschichte, die im Luftkampf feindliche Flieger tötete. Im Juli 1943 verschwand sie mit ihrem Flugzeug, Überreste wurden nie gefunden. Aber hätte sie, die ihr Haar blondierte, ihre Uniform mit einem Pelzkragen aufpeppte und sich in einer männlichen Fliegerwelt behauptete, im agressiv erzwungenen Konformismus der Nachkriegs-Sowjetunion überleben können? "Es mag seltsam erscheinen, dass Litwjak es wagte, sich so frei ausdrücken, bedenkt man, dass sie pausenlos überwacht wurde - nicht nur von ihren Vorgesetzten, sondern auch von den Spitzeln der Partei und des Staates. Doch trotz all des Horrors, den der Krieg mit sich brachte, erlebten viele Sowjetbürger ihn als eine Oase der (relativen) Freiheit, als man sprechen und handeln konnte, ohne ständig befürchten zu müssen, die Parteilinie zu überschreiten. 'Zu denken', schrieb beißend Nadeshda Mandelstam an ihre Freundin Anna Achmatowa, 'dass wir die besten Jahre unseres Lebens im Krieg hatten, als so viele Menschen getötet wurden, als wir hungerten und mein Sohn Zwangsarbeit leisten musste.'"

Magazinrundschau vom 08.08.2017 - Paris Review

Billy Bragg, der Veteran unter Englands Protestbarden, hat ein Buch über Skiffle geschrieben. Im Interview plaudert er über die Gitarre im britischen Nachkriegspop, den Einfluss von Lonnie Donegan, und den Wandel von Jugendkultur: "In England markiert Skiffle den Beginn von Musik als kulturelle Avantgarde der Jugend. Das gibt es ja heute so nicht mehr. Diese Rolle hat Musik verloren. Heute macht man das anders. Wenn man wütend ist oder sich mit einem Menschen oder einer Sache identifizieren will, dann braucht man nicht mehr das Album zu kaufen oder sich wie sein Held kleiden, man ist kein Mod oder Ted mehr, kein Rocker oder Punk. Heute macht man das mit seinem Profil in den sozialen Medien. Natürlich gibt es aber immer noch Leute da draußen, die mit ihrer Musik eine Kante zeigen, für die Musik noch der wichtigste Weg ist, etwas mitzuteilen. Aber sie sind so marginalisiert wie es Leadbelly war. Bei uns sind das die Grime-Musiker -  junge, urbane Schwarze - , die HipHop und jamaikanischen Dancehall mixen. Das waren übrigens die einzigen, die sich bei den Wahlen für Jeremy Corbyn ausgesprochen haben. Mit vielleicht zwei oder drei Ausnahmen wie mich und die anderen üblichen Verdächtigen, die das sowieso immer tun."

Magazinrundschau vom 11.07.2017 - Paris Review

Adam Begley, Autor eine neuen Biografie über den großen Fotografen Nadar (eigentlich Gaspard-Félix Tournachon), blättert für die Onlineausgabe der Paris Review das Gästebuch des seinerzeit schon berühmten Porträtisten auf: Nadar bat Berühmtheiten seiner Zeit, sich mit Vignetten, Kompositionschnipseln oder Gedichten zu verewigen. Das Original des Gästebuchs ist über verschlungene Wege in eine Bibliothek in Philadelphia gelangt. Und die Promis defilierten nur so: "Der Anarchist Pierre-Joseph Proudhon, Erfinder des Slogans 'Eigentum ist Diebstahl' donnerte 'Außer den Peinigern kenne ich nichts Abscheulicheres als die Märtyrer'. Viele Seiten später taucht ein weitere Anarchist aus, der russische Aristokrat und ruhelose Revolutionär Michail Alexandrowitsch Bakunin, der in französischer Schreibweise unterzeichnete: Bakounine. Er kam am 7. August 1862 zu Besuch und hinterließ die rätselhafte Warnung: 'Achten Sie darauf, dass die Freiheit Ihnen nicht von Norden kommt.' Ein Jahr zuvor hatte hatte er eine wagemutige Flucht aus Siberien angetreten. Unter Bakunins Signatur findet sich eine Skizze zweier Holzpantinen von Jean-François Millet. Nadar betrachtete Millet als einen der besten französischen Maler der Zeit und pries seine Kunst als 'im Kern demokratisch'. Bakunin und Millet - was für ein Zusammentreffen!"