Magazinrundschau

Kräfte des Lichts und der Dunkelheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.10.2020. The Baffler stellt den neuesten biometrischen Überwachungscoup vor: Gefühlserkennungssysteme. Phenomemal World bezweifelt, dass Eigentumsrechte an unseren Daten das Problem der Überwachung lösen werden. Africa is a Country erinnert das Nobelpreiskommittee daran, dass Ernährungshilfe vor allem Big Business ist. Tablet erinnert daran, dass Antifaschismus in der Sowjetunion erfunden wurde, um den Hungermord an den Ukrainern zu überdecken. Der New Yorker lernt, wie sich die Briten ihre Kolonialvergangenheit schön reden.

The Baffler (USA), 15.10.2020

Das Magazin bringt einen Text von Sanjana Varghese, die vor der umfassenden biometrischen Überwachung des Menschen warnt. Gesichtserkennung war nur der Anfang, hinzu kommen heute zum Beispiel Erkennung des Gangstils, Handgeometrie, Ohrform, Tippverhalten oder Gefühlserkennung. "Biometrische Überwachung ist nicht nur gefährlich, weil sie oft inakkurat ist. Diese Systeme legitimieren auch den Standpunkt, dass jede Datensammlung, selbst wenn sie ohne erkennbaren Grund angelegt wurde, irgendwann nützlich sein kann, auch wenn man den Nutzen erst erfinden muss. Gefühlserkennungssysteme etwa sind dahingehend trainiert, dass bestimmte Tics oder mimische Bewegungen, die der Computer aufzeichnet, die tatsächlichen Gefühle einer Person verraten. Menschen lächeln, wenn sie ihre Freunde treffen und lachen, wenn sie etwas Lustiges sehen, aber wir lachen auch aus anderen Gründen, aus Freundlichkeit oder Unbehagen. Logisch, jeder kennt das, es muss also einen anderen Grund geben, warum Amazon sein Fitnessband Halo anbietet, das Gefühle anhand der Stimme erkennt. Unternehmen, die Gefühlserkennung verwenden, sind nicht darauf aus, Menschen besser zu verstehen oder ihre soziale Kompetenz zu erhöhen. Eher wollen sie diese Information dazu benutzen, um die Stimmungen der Menschen zu beeinflussen oder ihre Reaktionen auf ein bestimmtes Produkt zu analysieren und es attraktiver zu machen."
Archiv: The Baffler

Phenomemal World (USA), 16.10.2020

Daten werden immer mehr als Form des Besitzes oder der Arbeit gesehen, schreibt Salomé Viljoen, die das kritisch sieht: "Die meisten Reformen zielen auf ein Eigentumsrecht über Daten eines Subjekts, in dem das Datensubjekt den Gebrauch oder das volle Eigentumsrecht veräußern kann. Alternativ können Daten als Form der Arbeit des Subjekts betrachtet werden, die das Datensubjekt dazu berechtigt, auf dem Daten-Arbeitsmarkt Lohn einzufordern. Der Gedanke hinter solchen Vorschlägen ist, dass eine Formalisierung des Marktes für Daten über Subjekte eine Lösung für das Problem der Datengewinnung beinhaltet. Diese Lösung verwandelt Daten über das Subjekt in Vermögenswerte, die für das Subjekt Reichtum generieren. Juristisch gesehen funktioniert das, indem Datenvermögen 'kapitalisiert' und via Gesetz codiert wird mit Schutzmaßnahmen und Eigenschaften, die die Vermögensbildung erlauben. Eine Datenreform im Sinne des Proprietarianismus postuliert eine Lösung des Problems der Datengewinnung, indem es Daten in die um 'Eigentum' und 'Arbeit' bereits existenten Konzepte und juristischen Systeme einpasst. Datenkontrolle wird so via Vertragsrecht, Eigentumsrecht und Arbeitsrecht zur Kontrolle von Eigentumsverhältnissen beziehungsweise Arbeitsverhältnissen." Dies birgt allerdings die Gefahr, dass Privatsphäre und Bürgerrechte weiter erodieren, meint Viljoen die in ihrem Essay auch über Alternativen nachdenkt.

Magyar Narancs (Ungarn), 24.09.2020

Der in Berlin lebende österreichische Soziologe Gerald Knaus (European Stability Initiative) spricht im Interview mit Krisztián B. Simon über die politische Lage in Ungarn und über sinnvolle und sinnlose Kritik an der Orbán-Regierung: "Aussagen, die nicht in der Lage sind, das Problem zu benennen, verdienen in der Tat Spott. Ungarn erwies der Welt einen großen Dienst, als es zeigte, dass feige Redensart sinnlos sind. Wenn die Mitgliedsstaaten besorgt sind, dann sollten sie keine Angst haben zu sagen, warum das so ist. Denn Orbán spricht auch nicht durch die Blume, wenn er die EU angreift. Innerhalb der EVP ist Orbán ein meisterhafter Taktiker. Er schickt die Leute seiner Fraktion in das Europäische Parlament, die an die alte moderat-rechte, EU-freundliche FIDESZ erinnern, während man seine eigenen Reden nicht mehr von der Rhetorik der AfD oder von Marine Le Pen oder von der rechten Identitären Bewegung unterscheiden kann. (…) Die Kritik an der ungarischen Regierung ist nicht auf Geschmacksunterschiede in der Politik zurückzuführen. In Ungarn greift die in kurzfristigen Interessen denkende, von Ideologien gelenkte Regierung jenes Rahmensystem an, in dem auch sie prosperierte. Gleichzeitig unterminiert sie die demokratischen Institutionen. Dies ist eine Gefahr, die viele in der Parteienfamilie von Orbán, der EVP nicht erkannt haben."
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Stichwörter: Knaus, Gerald, Ungarn, AfD

Africa is a Country (USA), 23.10.2020

Die kenianische Journalistin Rasna Warah erklärt in einer scharfen, aber sehr gut belegten Polemik, warum der Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen nicht nur völlig überflüssig (warum jemand für den Job auszeichnen, für den er prächtig bezahlt wird), sondern geradezu ein Skandal ist. Denn Hilfsprogramme wie das der UN-Organisation verzerren den lokalen Markt, zerstören lokale Solidaritätstraditionen, führen zu Korruption und verlängern das Leben autoritärer Regimes, schreibt Warah und zitiert sehr viele kritische Stimmen und Autoren, um ihre These zu untermauern. Und außerdem "sollten wir eines klarstellen - Ernährungshilfe ist Big Business und extrem profitabel für die Spender… Nach dem geltenden US-Gesetz zum Beispiel muss so gut wie sämtliche Nahrungshilfe der Vereinigten Staaten (im Wert von Milliarden von Dollars) in den Vereinigten Staaten gekauft und mindestens die Hälfte muss in Schiffen unter amerikanischer Flagge transportiert werden. Der größte Teil dieser Nahrungshilfe ist amerikanische Überproduktion, die die Amerikaner nicht auf dem heimischen Markt verbrauchen können. Nach dem 'Food for Peace"-Programm ist es der amerikanischen Regierung gestattet, amerikanische Überschussproduktion zu verkaufen oder spenden, um Hunger in anderen Ländern zu lindern. Hungersnöte in anderen Ländern sind daher sehr profitabel für die US-Regierung und für hoch subventionierte amerikanische Bauern, die von den Rohstoffpreisgarantien der Bundesregierung profitieren." Die Europäische Union gibt auf der Seite ihrer Hilfsprogramme übrigens an, notleidenden Bevölkerungen, wenn möglich, mit Geld zu helfen.

New York Times (USA), 25.10.2020

Für das aktuelle Heft untersucht Michael Steinberger die Arbeit des seit kurzem an der Börse notierten Datensammlers und -analysten Palantir. Wie weit geht das Unternehmen und inwieweit macht es mit der Regierung gemeinsame Sache? "Auch wenn Palantir behauptet, es würde keine Klientendaten speichern oder weitergeben und verfüge über robuste Datenschutzkontrollen, sehen Datenschützer in dem Unternehmen einen sehr bösartigen Avatar von Big Data. CEO Alex Karp streitet das Risiko nicht ab: 'Jede Technologie ist gefährlich, auch unsere.' Der Umstand, dass die Gesundheitsdaten von Millionen Menschen nun Palantirs Software durchlaufen, erhöht das Unbehagen. Besonders in den USA, wo das Gesundheitsministerium Palantir verwendet, um Virus-relevante Daten zu analysieren. Diese Zusammenarbeit ist Teil der größten Kontroverse um das Unternehmen, derjenigen über seine Verbindungen zur Immigrationsbehörde. Aktivisten und Kongressabgeordnete fürchten, die Daten aus dem Gesundheitsministerium könnten der Trump Regierung beim Durchgreifen in Sachen Immigration nützlich sein. Die Tatsache, dass Palantir lukrative Verträge mit dem Ministerium abschließen konnte, hat außerdem Befürchtungen befeuert, die Unterstützung Trumps durch den Palantir-Mitgründer und Vorstandsvorsitzenden Peter Thiel könnte dafür verantwortlich sein. Thiel war 2016 einer von Trumps prominentesten Unterstützern und trat sogar auf der Nominierungsversammlung der Republikaner auf. Liberale macht Palantirs Verbindung zum Präsidenten nervös. Karp frustriert das. Im Gegensatz zu Thiel sieht er sich als 'fortschrittlichen Kämpfer', der Hillary Clinton gewählt und nichts für Trump übrig hat. Karps größte Angst betrifft den Aufstieg des Faschismus …"

Novinky.cz (Tschechien), 23.10.2020

Tschechien ist derzeit das Land mit den dramatischsten Corona-Ausbreitungszahlen, und nun hat ausgerechnet der Gesundheitsminister Roman Prymula gegen die eigenen Regeln verstoßen, in dem er ein Restaurant besuchte (das geschlossen hätte sein sollen) und dabei nicht einmal die vorgeschriebene Maske trug. Wie fatal das ist, beschreibt der Politologe Jiří Pehe in seinem Kommentar: "Die Geringschätzung seitens der Politiker von Verordnungen, deren Einhaltung sie selbst von den Bürgern verlangen, und das anschließende unwürdige Verschleiern solcher Versagen stellt ein großes Problem dar. Denn der Erfolg im Kampf gegen Covid-19 hängt unter anderem vom Vertrauen der Bürger in die staatlichen Institutionen ab. Es ist kein Zufall, dass bisher diejenigen Länder den Kampf gegen die Pandemie am besten bewältigen, in denen ein hohes Maß an Vertrauen in die Staatsinstitutionen und generell in die Vernunftbestimmtheit der Politik besteht, wie dies in Norwegen, Finnland, Dänemark, Island oder Neuseeland der Fall ist." Während in diesem Frühling noch über 60 Prozent der tschechischen Bevölkerung der Regierung und ihren strengen Maßnahmen vertraute und eine entsprechend große Welle der Solidarität ihre Erfolge zeitigte, habe inzwischen die chaotische Politik von Andrej Babiš, besonders aber das Verhalten mehrerer Politiker, die "Wasser predigten und Wein tranken" dieses Vertrauen verspielt. "Wir könnten uns darüber freuen, dass sich das Ende von Babiš' politischer Karriere nähert, aber leider sitzen wir mit ihm zusammen in einer gefährlichen Falle. Sogar ein Teil der Opposition argumentiert, dass man in einer Krise von solchen Dimensionen nicht mittendrin die Führung wechselt, aber wie soll man die Krise bekämpfen, wenn immer weniger Menschen der Führung des Landes vertrauen? Das Versagen Roman Prymulas, auf dessen Fachkompetenz und Besonnenheit viele Menschen angesichts des schwachen Bilds des Premiers gesetzt hatten, macht nun den Kampf gegen die Pandemie bei uns noch ungleich komplizierter."
Archiv: Novinky.cz

Tablet (USA), 23.10.2020

Ausriss aus der New York times vom 31. März 1933
Diese Geschichte ist bekannt, aber sie kann nicht oft genug erzählt werden. Sie zeigt, wie im Namen dessen, was später "Antifaschismus" genannt werden würde, ein komplettes Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter den Tisch gekehrt und dem Vergessen anheimgegeben wurde. Es geht um die Journalisten Gareth Jones und Malcolm Muggeridge, die so gut wie die einzigen Journalisten waren, die überhaupt über den Hungermord an zumeist ukrainischen Bauern in westlichen Medien berichteten. Izabella Tabarovsky greift die Geschichte für Tablet auf. Jones und Muggeridge hatten sich sowjetischen Reisebestimmungen widersetzt und hatten Tod und Hunger in der Ukraine mit eigenen Augen gesehen und mit Hunderten Hungernden gesprochen. Was sie offenlegten, war seinerzeit keineswegs so unbekannt, wie man heute denkt, sondern ein offenes Geheimnis, so Tabarovsky. Willkommen waren ihre Berichte nicht. George Bernard Shaw und zwanzig weitere Unterzeichner protestierten in einem offenen Brief an den Guardian gegen die "rechte" Verleumdung der Sowjetunion. Der Doppelschlag ihrer Berichte war dann auch "zuviel für das sowjetische Pressebüro. Es übte Druck auf westliche Reporter aus um zu erwidern. Und ob nun eine direkte Absprache stattfand oder nicht, wie ein Reporter später behauptete - bald erschien eine öffentlichkeitswirksame Gegenversion aus der Feder keines Geringeren als Walter Durantys, des gefeierten Pulitzer-Preisträgers der New York Times, der zu jener Zeit Moskau-Korrespondent und der weltweit führende Experte für alles Bolschewistische war. Am 31. März 1933 brachte die Times Durantys heute berüchtigte Story unter dem Titel 'Die Russen haben Hunger, aber sie verhungern nicht', in der er die Fakten über die Hungersnot bestritt. Fakten, deren Wahrheit er selbst kannte und über die er in privaten Gesprächen oft diskutiert hatte. Um es auf den Punkt zu bringen, griff Duranty auf einen Spruch zurück, der heute als sein Markenzeichen gilt: 'Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerschlagen' - ein Satz, den er wahrscheinlich von seinem russischen Äquivalent, 'Wenn Holz gefällt wird, fallen Späne', übernommen hat."

(Hinweis: Darüber, ob man Trumps Regierung faschistisch nennen kann, ist ein kleiner Streit ausgebrochen. In Atlantic hält Shadi Hadid den Vorwurf mit Blick auf Länder wie China für total vermessen: "Wenn die Amerikaner nur für einen Moment über Trump hinausblicken könnten, würde ihnen vielleicht auffallen, dass eine andere Welt - eine, in der Faschismus ein lebendes atmendes Ding ist - auf sie wartet." Die britische Aktivistin Natasha Lennard sieht das im Interview, das James Miller mit ihr für Eurozine geführt hat, ganz anders: "Warum, mögen Sie fragen, sollen wir etwas faschistisch nennen, wenn wir genauso gut rassistisch-nationalistisch dazu sagen könnten. Für mich ist der Begriff 'faschistisch' Redekunst, d.h. er zielt darauf ab, eine bestimmte Wirkung bei den Zuhörer zu erzielen. Ich weise den Leser/Hörer darauf hin, dass ich glaube, dass das, was ich als 'faschistisch' bezeichne, eine militante, antifaschistische Antwort verdient."
Archiv: Tablet

Paris Review (USA), 22.10.2020

Zu den extravagantesten Paaren, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts im literarischen Paris tummelten gehörten eindeutig auch Jane Heap und Margaret Anderson. Jane Heap führte einen mystizistischen Salon, in dem auch Janet Flanner und Solita Solano ein und aus gingen, Anderson gab The Little Review heraus, jene Zeitschrift, die immer wieder beschlagnahmt wurde, weil sie James Joyces "Ulysses" in Fortsetzung brachte: Emma Garman porträtiert die beiden Frauen sehr einnehmend, über Anderson schreibt sie zum Beispiel: "Mit zweiundzwanzig schmiss sie ihr Klavierstudium an einem Frauencollege in Ohio, um nach Chicago zu ziehen. Ihre konsternierten Eltern, die von ihr erwartet hatten, dass sie heiraten und in ihrem County-Cluc- und Bridge-Milieu ein geregeltes Leben beginnen würde, wollten wissen, was um Himmels willen sie denn eigentlich suche. 'Selbstverwirklichung', sagte sie, was für sie bedeutete, denken und sagen zu können, woran man glaubt. Ihr Vater antwortete: 'Meiner Ansicht nach tust du doch nichts anderes.' In Chicago wurde Anderson Journalistin und eine produktive Literaturkritikerin. Doch sie fieberte stets einem neuem Abenteuer entgegen. Die Little Review erdachte sie, als ihr klar wurde, dass ihre deprimierte Stimmung der 'fehlenden Inspiration' in ihrem Leben geschuldet war. Aber so fand sie die Erlösung: Sie würde das interessanteste Magazin aller Zeiten lancieren. 'Ich wusste, dass irgendjemand Geld geben würde, schrieb sie in 'My Thirty Years' War'. Das war für mich wie ein Naturgesetz. Jemand musste einfach. Und natürlich gab es auch jemand.' Da war sie gerade 27 Jahre alt geworden. Anderson vertrat als oberstes redaktionelles Prinzip, dass Künstler Intellektuellen überlegen seien. Wie sie unverblümt erklärte: 'Ich halte Intellektuelle nicht für intelligent. Ich mochte sie nie besonders und auch nicht ihre Ansichten über das Leben.' Verdienst sollte das einzige Kriterium für die Annahme eines Artikels sein, ohne Zugeständnisse ans Kommerzielle oder Konservative oder einer anderen Ideologie - obwohl sie eine Vorliebe für den Anarchismus hatte und eine erklärte Feministin war. Doch grundlegend für jede Kunst, betonte Anderson, ist die Freiheit."

In ihrer Farbenkolumne widmet sich Katy Kelleher diesmal dem russet, einem stumpfen rotbraun, der einzigen Farbe, die etwa die protestantischen Schotten unter Maria Stuart für schicklich hielten, neben "schwarz, traurigem grau oder traurigem braun".
Archiv: Paris Review

Intercept (USA), 25.10.2020

Die Stimmung in den USA zwischen Trump-Anhängern und -gegnern ist derart verhärtet, dass sich niemand dem entziehen kann. Elizabeth Rubin erinnert sie an Sarajewo kurz vor dem Ausbruch des Bosnienkriege. "Wie verwandelt sich ein Bürgerzwist in einen Bürgerkrieg? Mit einer gut geplanten Agenda, charismatischem Führer und mit Angst. Und vielleicht eine letzte Zutat, die alle drei zusammenbringt: das Reduzieren der Geschichte und alle ihrer Komplexität zu einer Erzählung des kollektiven Schicksals - unseres gegen ihres, wir gegen sie. ... Eine Freundin von mir, die im Alter von 9 Jahren aus dem Iran geflohen ist, schreckte vor meinen Vergleichen mit Sarajewo zurück. 'In dem Moment, in dem jemand völlig unterschiedliche Länder vergleicht, die keine gemeinsame Geschichte haben, schalte ich ab. Das wird hier nie passieren.' Ich stimme ihr zum Teil zu. Die USA teilen weder einen politischen Kontext noch eine Geschichte mit Bosnien. Aber dann gibt es die menschliche Natur, wie wir mit Verleugnung umgehen, um zu überleben, und mit Stammesdenken, wenn wir bedroht sind, und wie schwer es ist, das Schlimmste in uns abzuschalten. Die beiden politischen Seiten stehen inzwischen für so viel mehr, als sie möglicherweise einhalten können, und jetzt stehen sie sich gegenüber wie die Kräfte des Lichts und der Dunkelheit über Gondor. Jede Seite denkt, die andere sei die Dunkelheit. ... Wenn wir einem Fremden begegnen, wissen wir fast instinktiv, ob er Trump-Anhänger oder Biden-Anhänger ist. Wer ein 'Anderer' ist. Wer hassenswert, beklagenswert, entbehrlich ist. Die Sprache des Othering rutscht uns in diesem heiklen Moment so leicht von der Zunge."
Archiv: Intercept
Stichwörter: Bosnienkrieg

New Yorker (USA), 02.11.2020

Auch Luke Mogelson schildert in einer eindringlichen Reportage die vergiftete Atmosphäre in den USA. Er recherchiert auf beiden Seiten, sieht aber doch die Hauptschuld bei der Rechten, die für mehr als 320 Tote in den letzten 25 Jahren verantwortlich sind, und der Polizei, die sie schützt. Man gewinnt aus seiner Reportage aber auch den Eindruck, dass beide Seiten längst nicht so homogen sind, wie gern unterstellt wird. Insbesondere die weiße Antifa empfinden viele als nicht gerade hilfreich im Kampf gegen Rassismus: Bei einer Veranstaltung im September im Venturapark in Portland "betrat eine Afroamerikanerin die Bühne. Sie kündigte an, dass Demonstranten zum East Precinct House des Portland Police Bureau marschieren würden. Und sie erinnerte die Menge daran: 'Wir feiern eine Vielfalt von Taktiken.' Ich hatte in Portland wiederholt Variationen dieses Satzes gehört. Die Maxime wurde erstmals von Demonstranten auf dem republikanischen Nationalkongress 2008 in St. Paul, Minnesota, kodifiziert: Um den Zusammenhalt unter den manchmal zerstrittenen Aktivisten aufrechtzuerhalten, drängten sie darauf, alle Arten von Protesten zu akzeptieren. Effie Baum, die Mitbegründerin von PopMob, sagte mir: 'Eines der Werkzeuge des Staates ist es, uns dazu zu bringen, diese Dichotomie zwischen 'guten Demonstranten' und 'schlechten Demonstranten' zu schaffen.' Ein anderer populärer Spruch bei direkten Aktionen war: 'Es gibt keine schlechten Demonstranten in einer Revolution.' Der Vandalismus, dessen Zeuge ich in Portland war, wurde von einer sehr kleinen Minderheit verübt, aber noch weniger Menschen versuchten zu intervenieren, und diejenigen, die es taten, wurden oft als 'Friedenspolizei' verunglimpft. Das Ergebnis war, dass die extremsten Taten im Allgemeinen den Ton der Demonstrationen bestimmten - ein greifbares Zeichen für das ideologische Abdriften der Bewegung", der allerdings oft genug eine noch weitaus brutalere Polizei gegenüber steht, wie Mogelson selbst erlebt.

Maya Jasanoff lernt aus "Time's Monster: How History Makes History" der Historikerin Priya Satia, wie die Briten sich bis heute ihre Kolonialvergangenheit schön reden. Eine Strategie dabei ist das Vernichten oder Wegsperren hässlicher Akten. Neun Tage vor der Unabhängigkeit Kenias etwa flogen die Briten tonnenweise Akten aus, die sie fortan hinter Stacheldraht in Hanslope Park aufbewahrten. "Indem sie schriftliche Beweise für ihre Taten aus den Archiven eliminierten, versuchten britische Beamte, die Geschichtsschreibung zu manipulieren, die zukünftige Generationen produzieren könnten. ... Das geheime Versteck im Hanslope-Park wurde erst 2011 enthüllt, während eines Prozesses, der von Folteropfern im kolonialen Kenia gegen die britische Regierung angestrengt wurde. (Der Fall basierte teilweise auf mündlichen Zeugenaussagen, die meine Harvard-Kollegin Caroline Elkins gesammelt hatte). Was aus den so genannten 'migrierten Archiven' herauskam, waren Aufzeichnungen über systematischen, weitreichenden und magenumstülpenden Missbrauch. Diese Berichte widersprachen dem weit verbreiteten britischen Mythos, dass - wie uns ein Leitfaden des Innenministeriums für den britischen Staatsbürgerschaftstest derzeit versichert - 'es zum größten Teil einen geordneten Übergang vom Empire zum Commonwealth gab, und den Ländern ihre Unabhängigkeit zugestanden wurde'."

Weitere Artikel: Hua Hsu porträtiert in einem überaus lesenwerten Artikel die große und diverse Gruppe der Amerikaner asiatischer Herkunft und ihre Rolle in der politischen Landschaft der USA. Barack Obama beschreibt seinen Kampf um die Gesundheitsreform, die mit Trump auf dem Spiel steht. Nicholas Lehman untersucht die Identitätskrise, die Trump den Republikanern beschert hat. Philip Deloria liest ein Buch über Tecumsehs Kampf gegen die weißen Invasoren. Carrie Battan hört "Grouptherapy". Alex Ross sah und hörte Wagners "Götterdämmerung" in Yuval Sharons immersiver Produktion.
Archiv: New Yorker