Magazinrundschau

Bevor die Träume vergessen sind

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.10.2020. Die Bulgaren sind längst im 21. Jahrhundert angekommen, nur ihre Mobster-Eliten noch nicht, erzählt Eurozine. In Africa is a Country schildert der Filmemacher Bentley Brown die Identitätskonflikte der sudanesischen Diaspora. Die New York Review of Books wirft einen gründlichen Blick auf die Ungleichheit in Jordanien. Himal erzählt die Geschichte der Missionierung Assams. La vie des idees erinnert an das Massaker der SS in Oradour. In Deadline erklärt Alan Moore, warum er keine Comics mehr schreiben will: Das Genre ist ihm zu bürgerlich geworden.

Eurozine (Österreich), 13.10.2020

Auch die Bulgaren könnten ein bisschen mehr Unterstützung von der EU in ihrem parteiübergreifenden Kampf gegen ihre korrupten Eliten gebrauchen, stellt man nach der Lektüre des Artikels von Evgenii Dainov fest. "In den letzten zehn Jahren hat die bulgarische Gesellschaft die Denkweise des 21. Jahrhunderts übernommen, wird aber weiterhin von Menschen regiert, die in den 1990er Jahren - dem Zeitalter der Mafiosi - feststecken. Heute wollen die Bulgaren sie loswerden und, wie der erste demokratische Ministerpräsident Bulgariens, Filip Dimitrov, zu sagen pflegte, ein 'normales westliches Land' werden. ... Es sind inzwischen eine Reihe bedeutender Dinge geschehen. Das erste ist, dass die bulgarische Nation endlich ihre Faszination sowohl für extremen Nationalismus als auch für autoritäre Regierungen überwunden hat. Zweitens haben die quasi-faschistischen Parteien, die in Koalition mit Bojko Borissows Partei GERB regieren, keine realistische Chance mehr, die Vier-Prozent-Hürde zum Parlament zu überwinden. Drittens zeigt die Tatsache, dass die Bevölkerung insgesamt gegen einen autoritären Ministerpräsidenten protestiert, dass in Bulgarien, anders als in anderen osteuropäischen Ländern, die Abhängigkeit von einem 'starken Mann' ihren Höhepunkt überschritten hat. Der Protest wird von Menschen mit liberal-demokratischen Forderungen angeführt. Zumindest in Bulgarien hat sich das Blatt des autoritären Populismus zu wenden begonnen."

Scharfe Kritik üben die Geschichtsprofessoren Cornell Fleischer, Cemal Kafadar und Sanjay Subrahmanyam an ihrem Kollegen Alan Mikhail, der mit einem Artikel in der Washington Post (die die Erwiderung der drei Historiker nicht abdrucken wollte) dem ottomanischen Sultan Selim ein kleines Thrönchen baute. Erst mal sei diese "Große Männer machen Geschichte"-Geschichtsschreibung ja wohl ziemlich altmodisch, schreiben die drei, und zum anderen sei sie fake history und zählen die Fehler auf: Selim hatte keineswegs die Handelsrouten zwischen dem Mittelmeer, China und Indien monopolisiert. Er war als religiöse Autorität in der muslimischen Welt nicht unangefochten. Er machte das Kaffeetrinken in der muslimischen Welt nicht populär (das war es längst). Und er trug keineswegs zur Verbreitung des Protestantismus bei, auch nicht indirekt: "Sein Hauptvermächtnis in konfessionellen Fragen hat nichts mit dem Protestantismus zu tun, sondern mit bitteren Erinnerungen an seine blutige Unterdrückung der 'Ketzerei' in seiner eigenen muslimischen Bevölkerung, eine bedauerliche Tatsache, die in dieser Art von 'Superman-Geschichte' völlig vernachlässigt wird, an die man sich aber zu einem Zeitpunkt erinnern sollte, an dem, dank BLM, staatliche Gewalt überall kritisiert wird."

Außerdem: Mischa Gabowitsch empfiehlt, sich erst einmal die verschiedenen Spielarten des Antifaschismus vor Augen zu führen, bevor man ihn als Kampfbegriff gegen die Rechten in den Debattenring wirft.
Archiv: Eurozine

Elet es Irodalom (Ungarn), 09.10.2020

In der EU spitzt sich die Debatte darüber zu, ob Auszahlungen von EU-Geldern an die Einhaltung von Kriterien der Rechtsstaatlichkeit geknüpft werden sollen. Einerseits will das EU-Parlament eine strenge Verknüpfung, andererseits droht die ungarische Regierung mit einem Veto bei den Haushaltsverhandlungen. Der Publizist János Széky bemängelt in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die Ungenauigkeit der entsprechenden Berichte über den Stand der Rechtsstaatlichkeit in Ungarn (und Polen). Bei der Lektüre könne der Eindruck entstehen, dass es zwar Probleme in einzelnen Feldern gebe, diese aber wohl im Sinne der EU modifiziert werden könnten. Nach Széky sind die Probleme aber systemimmanent und die ungarische Regierung will daran keineswegs etwas ändern. "Was den Unterschied zwischen der kontinentalen Rechtsstaatlichkeit und der ursprünglichen angelsächsischen Herrschaft des Rechts (rule of law) angeht, soll hier nur erwähnt werden, dass die ganze ungarische Herrschaftselite zu Recht über die Unklarheiten der Ersteren spottet. Die Liste der Kriterien ist ziemlich zufällig, einerseits ist es leicht, etwas zu finden, was der im Fadenkreuz stehende Staat nicht erfüllt, andererseits wird aus den Kritikpunkten nicht klar, was überhaupt das eigentliche Problem mit einer bestimmten Regierung und dem System ist. Solche Berichte vermitteln immer weniger ein klares Bild. Der Leser sorgt sich beinahe um die Verfasser, nicht dass ihre kleinen Finger beim Abspreizen noch einen Krampf bekommen. Wer den Bericht geduldig liest, könnte den Eindruck bekommen, dass es in Ungarn Probleme gibt mit der Judikative, mit der Verfolgung von Korruption und der Medienvielfalt, aber er wird nicht erfahren, dass es in Ungarn keine liberale Demokratie gibt und die Regierung auch nicht will, dass es eine gibt. (...) Sicherlich sind Rechtsstaatlichkeit und die Garantie von Grundrechten Teil der liberale Demokratie, es wäre allerdings erfreulich wenn die von den westlichen liberalen Demokratien errichtete Union nun auch die Demokratie schützen würde. Leider gibt es dafür keine Hoffnung."
Stichwörter: Ungarn, Grundrechte

Africa is a Country (USA), 09.10.2020

Zachary Mondesire unterhält sich mit Bentley Brown über dessen neuen Film "Revolution from Afar" (Trailer), der das Verhältnis der in Amerika, Britannien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder benachbarten afrikanischen Staaten lebenden sudanesischstämmigen Künstlern zu ihrer Heimat oder der ihrer Vorfahren auslotet, besonders zu einer Zeit, als die Sudanesen 2019 den Diktator Omar al-Baschir aus dem Amt kickten, dessen islamistische Politik Tausende das Leben kostete. Da viele nicht im Sudan geboren wurden, gelten sie dort oft nicht als "echte" Sudanesen. Dass sie Kinder mehrerer Kulturen sind, wird im Sudan so skeptisch gesehen wie in Amerika, den Emiraten oder sonstwo auf der Welt: "Während der Revolution traf ich nur mit der sudanesischen Diaspora in den USA, im Vereinigten Königreich und in Saudi-Arabien zusammen, so dass meine Stichprobengröße etwas begrenzt ist. Ich erinnere mich, wie sudanesische Menschen auf einer Straße voller sudanesischer Restaurants in Dschidda, Saudi-Arabien, auf mich zukamen, mich nach meinem Film fragten und ihre Unterstützung für die Revolution bekundeten. Mehrere sudanesische Freunde in Saudi-Arabien, aber auch Freunde anderer Nationalitäten, darunter Saudis, nutzten die Proteste im Sudan, um über Themen zu sprechen, die sie sonst gemieden hatten. Auch ich hatte das getan. Ich erkannte, dass viele der Kritikpunkte, die gegen Baschirs Parteivorgebracht wurden - wie die Reduzierung eines extrem vielfältigen Sudans auf eine einzige 'arabisch-islamische' Identität sowie der Ausschluss ethnischer und religiöser Minderheiten vom nationalen Diskurs - auch tabu gewesen waren, als ich in Saudi-Arabien Filme drehte. Andererseits ist ein anderer Freund von mir, mit sudanesischem Hintergrund, aber saudischer Staatsbürgerschaft, der einzige, an den ich mich erinnern kann, der sich vehement gegen die Revolution ausgesprach. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie sprachlos wir waren, als er beim Shrimpsessen erzählte, wie 'dumm' die Sudanesen seien, weil sie sich am Aufstand beteiligt hätten, und dass er sich in letzter Zeit eher als Saudi identifiziere. Dieser letzte Punkt ist besonders interessant, denn auch Saudi-Arabien ist ungeheuer vielfältig, und doch werden die Menschen im Allgemeinen mit einer Nationalität bezeichnet, und diese Nationalität wird fast immer bei der Geburt bestimmt. Diskussionen über hybride Identitäten werden nicht wirklich beleuchtet, und manchmal wird auf sie herabgeblickt, wie im Fall von tarsh al-bahar, 'vom Meer Erbrochenes', ein abwertender Spitzname für die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Dschidda, die seit Jahrhunderten in dieses Gebiet eingewandert sind."

Außerdem: Patrick Gathara fordert eine Reform des Strafsystems oder gleich eine Abschaffung der Gefängnisse in Kenia.
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New York Review of Books (USA), 22.10.2020

Niemand hat Jordanien eine große Überlebenschance gegeben, weiß Ursula Lindsey: Das Königreich liegt eingekeilt zwischen Israel und Saudi-Arabien, besteht fast nur aus Wüste und Flüchtlingen und ist komplett von Geldzahlungen aus den Golfstaaten abhängig. Mit dem sinkenden Ölpreis und den schwindenden Einnahmen wird Jordanien noch unwahrscheinlicher, fürchtet sie: "Das Verlangen nach Veränderung sei mit dem entsetzlichen Ende des Arabischen Frühling stark gedämpft worden, glaubt Mustafa al-Tal, ein Autor und Medienmanager aus einer prominenten jordanischen Familie (sein Onkel Wasfi al-Tal war dreimal Premierminister, bevor er von einer palästinensischen Miliz erschossen wurde): 'Die Wut ist noch da, die Frustration ist noch da, aber es gibt auch etwas Neues: Angst. Die Regierung nutzt für sich, was in Syrien passiert ist... Die Leute sagen sich jetzt, ist doch nicht so schlimm, wenn ich arm bin. Ich muss meine Meinung nicht sagen können. Hauptsache, ich werde nicht getötet.' Um Proteste in Jordanien zu untergraben, sagt al-Tal, spielen die Behörden die Unterschiede hoch, zwischen Islamisten und Säkularen, Ost- und Westbankern, Stadt und Land, Flüchtlingen und Einwohnern. Dabei besteht der größte Unterschied heute zwischen den Besitzenden und den Armen. Die Ungleichheit ist der Geografie der Hauptstadt eingeschrieben. Amman ist eine der teuersten Städte der Region, obwohl der monatliche Mindestlohn bei 220 jordanischen Dinar liegt (310 Dollar) und fünfzehn Prozent der Bevölkerung in extremer Armut leben, also von weniger als einem Dollar am Tag. Amman ist eine junge Stadt:, etwas mehr als hundert Jahre alt, ihre beigen Steinhäuser liegen verstreut auf den Hügel, den von tiefen Tälern und Highways getrennt sind. Vor allem in den letzten Jahrzehnten ist Amman schnell gewachsen, völlig planlos und fast ganz im Dienste des Autoverkehrs. Ein kleines historisches Zentrum ist der Treffpunkt zwischen den dichtbevölkerten Arbeitervierteln in Ost-Amman - wo auch die meisten palästinensischen und syrischen Flüchtlinge leben - und dem weitläufigen, luxuriösen West-Amman, wo ausländische Botschaften, Privatschulen, Ministerien und Malls ihren Sitz haben und ein Espresso so viel kostet wie in London oder New York. Je weiter man sich in der Stadt nach Westen bewegt, desto größer werden die Villen und Gärten, desto mehr Range Rovers, Hummers und Mercedes SUV stehen auf den Straßen. Es gibt Viertel voller Delis, Eisläden und Cafés, aber ohne einen einzigen Bürgersteig."

Himal (Nepal), 09.10.2020

Das Magazin für Südostasien erzählt die Geschichte des Christentums in Nagaland, einem Bundesstaat im Nordosten Indiens. Roderick Wijunamai macht auf die Hürden der Missionierung und den Zusammenhang von Teeanbau und Christianisierung aufmerksam: "In ihren ersten Jahren verbot die britische Ostindien-Kompanie die Evangelisierung in den Kolonien. Man fürchtete, die Gefühle der Einheimischen zu verletzen und den Handel zu gefährden. Das änderte sich mit der Charta von 1813, die auf Druck der britischen Öffentlichkeit Missionsaktivitäten schließlich zuließ. Schon vorher, 1792, waren die britischen Missionare William Carey und John Thomas, getarnt als Hersteller des Indigofarbstoffs, in Kalkutta eingetroffen und hatten die Basis gelegt. Weil es ihnen nicht erlaubt war, in der Öffentlichkeit zu missionieren, schlugen sie ihr Lager in Serampore auf, das seinerzeit dänisch war, und warteten ab, bis das neue Gesetz in Kraft trat, um ihre Arbeit aufzunehmen. Zur Zeit der Charta lagen das Assam-Tal und seine Berge noch außerhalb des Wirkungskreises der Ostindien-Kompanie. Der erste Indo-Birmanische Krieg brachte die Briten in das Gebiet, das 1826 schließlich annektiert wurde. Bald darauf entdeckten die Briten den regionalen Tee, und die Teeherstellung und der Teehandel bestimmten fortan die Politik in der Gegend. Ein früher Player des Teehandels war Alexander Bruce, der Leiter der Teekultur in Assam wurde. Bruce war es auch, der auf die Notwendigkeit christlicher Missionen hinwies und dafür Geld bereitstellte. Sein Anliegen, im Hochland von Naga das Evangelium zu verbreiten, war verbunden mit seinem Glauben, die Konversion würde die Nagas befrieden und ihren Angriffen auf die Plantagen auf ihrem Grund ein Ende setzen. Ähnlich dachten auch andere Unternehmer in der Region. Das half dem Missionierungsprojekt."
Archiv: Himal

La vie des idees (Frankreich), 09.10.2020

Das Massaker von Oradour sur Glane, bei dem die SS-Division "Das Reich" knapp 700 Menschen ermordete, ist das schlimmste Ereignis dieser Art, das in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs stattgefunden hat. Oradour wird bis heute als Gedenkstätte erhalten. Der Historiker Geoffrey Koenig setzt das Massaker in den Kontext, zeigt, dass es auch in Frankreich nur ein Massaker von vielen ist und schildert die grauenhaften Details der Ermordungen: Die Männer wurden erschossen, 450 Frauen und Kinder in eine Kirche gedrängt, in die dann Erstickungs- und Handgranaten geworfen wurden. Und doch ist auch dieses Ereignis noch in einen weiteren Kontext zu setzen: Frankreich wurde zum Bloodland. "Das Erhängen Dutzender Zivilisten mitten in der Stadt wie in Tulle ist ein Echo der Ausschreitungen gegen die Bevölkerung von Charkow oder Kiew, wo genauso verfahren wurde. Die Umzingelung eines Dorfes, die Hinrichtung seiner Bewohner, gefolgt von der Zerstörung durch Feuer, ist eine Methode, die schon in Lidice in Böhmen, in den weißrussischen Regionen Witebsk und Minsk und andernorts eingeübt wurde. 'Das Reich' handelte in Frankreich also nicht innovativ. Im Gegenteil, man handelte genauso wie im Osten, nur dass man das Ausmaß nicht erreichte."

Lidove noviny (Tschechien), 07.10.2020

Ein Überraschungsfund: Bislang unbekannte Texte Václavs Havels, vor allem Tagebuchhefte aus den 70er-Jahren, sind im Nachlass von Havels Dissidentenfreund Zdeňek Urbánek aufgetaucht, wie Jana Machalická berichtet. Besonders interessant sei das Heft Nr. 7, das Havel 1977 in Untersuchungshaft schrieb. "Das Thema der eigenen moralischen Integrität war für ihn tatsächlich wesentlich, und er stellte hohe Ansprüche an sich selbst. Gedanken in dieser Richtung ziehen sich durch das ganze Heft, immer wieder analysiert er sein vermeintliches Versagen in Haft, womit er seinen Brief an den Staatsanwalt meinte, in dem er zwar nicht von seiner Überzeugung abgewichen war, aber versprochen hatte, im Falle einer Freilassung seine Meinungen nicht mehr öffentlich kundzutun. Zunächst hatte er den Eindruck, den Sicherheitsdienst überlistet zu haben, später sah er den Brief als Scheitern an und nannte es 'ein Einlassen mit dem Teufel'. Heft Nr. 7 ist eine detaillierte Anatomie dieses 'Scheiterns', das keiner so empfand und ihm auch niemand vorwarf, ganz abgesehen davon, dass die Vernehmungsbeamten ihn wiederholt darüber angelogen hatten, was draußen in Freiheit geschah. Dennoch hatte Havel das Gefühl, es erst mit seiner zweiten Verhaftung wieder gutzumachen." Machalická schließt: "Havels Selbstreflexion ist ein hochinteressanter, innerlicher Text, der von seiner moralischen Integrität, seinen ständigen Zweifeln zeugt. Auch wenn er in keiner Weise versagt hatte, sollte seine 'Schwäche' ihn weiterhin verfolgen - eine Schwäche, aus der, wie Michael Žantovský richtig bemerkt, ihm neue Kraft erwuchs."
Stichwörter: Havel, Vaclav, 1970er

American Purpose (USA), 05.10.2020

Die liberale Demokratie, die einzige Regierungsform, die überhaupt in der Lage ist, Diversität zuzulassen, ist umstellt, schreibt Francis Fukuyama. Von rechts zerstören Populisten und Extremisten wie Donald Trump, Viktor Orban und Narendra Modi die Institutionen. Auch die Linke betreibe Identitätspolitik, allerdings mehr, indem sie Institutionen erobert und Diskurse entwickelt, die die universalen Ideen der Demokratie untergraben: "Viele Linke sind willens, liberale Werte für Ziele der sozialen Gerechtigkeit aufzugeben. In den letzten dreißig Jahren gab es eine fortwährende Attacke auf liberale Prinzipen, die von akademischen Disziplinen wie den Gender Studies, der Critical Race Theory, Postcolonial Studies und Queer Theory ausgehen, die universalistische Prämissen des modernen Liberalismus verneinen. Die Herausforderung liegt nicht einfach in Intoleranz gegenüber anderen Meinungen oder 'Cancel culture' in den Unis oder Künsten. Sie zielt vielmehr auf das Grundprinzip, das alle Menschen gleich geboren sind, oder dass eine liberale Gesellschaft Farbenblindheit anstreben sollte. All diese Theorien argumentieren tendenziell, dass die spezifischen Erfahrungen immer enger definierter identitärer Gruppen inkommensurabel seien und dass das, was sie trennt, mächtiger ist als das, was sie als Bürger vereint."

Prospect (UK), 04.10.2020

Jacques Derrida, der von den heutigen Social Studies so schrecklich vereinfacht wurde, ist in Wirklichkeit einer, der Dinge verkomplizieren statt vereinfachen will, schreibt Julian Baggini in einer freundlichen Hommage, die auf die ebenso freundliche Biografie Peter Salmons verweist. Ein Begriff, erläutert Baggini mit Derrida, ist schon Gewalt, denn er trifft eine Unterscheidung, die mögliche alternative Sichtweisen ausschließt: Und das Laborieren der Sprach an diesem Problem ist die "différance"! Man kann Derrida schon aus den Umständen erklären, die ihn prägten: "Jackie Derrida, wie er genannt wurde, war 1930 in Algerien geboren worden, damals eine französische Kolonie, als Sohn weitgehend säkularer sephardischer Juden. Seine Kindheit macht spätere Reflexionen über Sprache, die unfähig sei, die Ambiguitäten und Widersprüche dieser Welt abzubilden, und vor allem jene der Identität, verständlich. Er war Algerier, aber nicht Bürger Algeriens, Franzose, ohne Frankreich je gesehen zu haben, jüdisch, ohne ein jüdisches Leben zu leben, in einem arabischen Land, aber ohne Araber zu sein, zu dunkelhäutig, um von Europäern als Europäer angesehen zu werden, zu europäisch, um von den Afrikanern als Afrikaner gesehen zu werden. Kein Wunder, dass er später schreiben würde, dass Identität 'niemals gegeben, verliehen oder erreicht ist, nur der unendliche und unbestimmt phantasmatische Prozess der Identifikation bleibt." Übrigens war er in seiner Kindheit auch nicht Bürger Frankreichs, erklärt Baggini, denn das Vichy-Regime hatte den Juden das Privileg französischer Staatsbürgerschaft, das sie anders als die Araber genossen hatten, entzogen.
Archiv: Prospect

Wired (USA), 10.10.2020

Die ersten beiden Romane aus Cory Doctorows "Little Brother"-Trilogie richteten sich noch an ein jüngeres Lesepublikum, dem der Autor ein ethisches Hacker- und Kryptografen-Bewusstsein mit auf den Weg geben wollte. Der dritte Teil schlägt nun erwachsenere Töne an, schreibt Andy Greenberg: Dem Nerd-Triumphalismus der Hauptfigur Marcus Yallow folgt der Nerd-Realismus der neuen Hauptfigur Masha Maximow, eine Computerspezialistin und Idealistin, die aber feststellen muss, dass ihr Arbeitgeber in ethisch unverantwortliche Geschäfte investiert. "Doctorow geht es nicht darum, dass das Publikum sich zwischen den beiden Figuren entscheiden muss. Vielmehr möchte er, dass sich die Leser in beiden Figuren gleichberechtigt wiedererkennen, um Doctorows Moralitätenspiel aus beiden Perspektiven zu durchleben. Und er sagt, dass die zweite Perspektive vielleicht sogar viel näher an der Lebenswirklichkeit ist: Sein Buch richtet sich nicht an die kükenhaften Marcusse, die noch moralisch unbefleckt sind, sondern an die viel größere Kohorte der Mashas, die in ihren Tech-Karrieren bereits moralische Kompromisse hinter sich haben, die bei einem Social-Media-Giganten arbeiten, der die Privatsphäre unterwandert, bei einer Adtech-Firma, einem Überwachungsanbieter oder bei einem Geheimdienst. 'Ich möchte diejenigen Leute erreichen, die wie Robert Oppenheimer sind, denen mit Verspätung einfällt, ob es wirklich eine gute Idee ist, dieses Manhattan-Projekt vorwärts zu treiben, das Leute manipuliert, ausspioniert oder kontrolliert.' ... Doctorows Ziel ist es nicht, diese Leute zu beschämen, noch ihnen Absolution für ihre Sünden zu erteilen. Seine Nachricht an all die ethisch kompromittierten Mashas ist, dass es nicht zu spät ist. 'Jetzt ist die Zeit, sich darüber klar zu werden, auf welcher Seite des Kampfes man steht', sagt er: 'ob uns die Computer kontrollieren, oder ob die Computer uns Kontrolle geben."
Archiv: Wired