Magazinrundschau - Archiv

Polityka

123 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 13

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - Polityka

Pawel Potoroczyn, Direktor des Adam-Mickiewicz-Instituts (IAM), erklärt Piotr Sarzynski (hier auf Deutsch), warum Kultur nicht nur erbaulich, sondern auch nützlich ist: "Ein gewisser amerikanischer Unternehmer hat mir das einmal so erklärt: Wenn ich in Polen etwas kaufe, baue, privatisiere, möchte ich vielleicht hinfliegen, um bei der Eröffnung das Band durchzuschneiden. Meine Manager werden dort drei, vier, fünf Jahre wohnen. Sie brauchen ein Theater, eine Oper, eine Philharmonie, ein Ballett, Jazz, ein Golfspielfeld, gute Restaurants und eine gute Schule mit Englischunterricht für ihre Kinder. Technologien sind immer leichter zugänglich, die Kosten für Arbeit und die Lebenshaltungskosten gleichen sich in Europa langsam aus. Die Konkurrenz im Wettkampf um das Kapital wechselt vom Hard- in den Softbereich, das Image eines Landes wird zum Konkurrenzgegenstand. Wir haben in der Welt kein bestimmtes Gesicht. Warum sollten wir die Kultur nicht dazu machen?"
Stichwörter: Mickiewicz, Adam

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - Polityka

Alina Kowalczyk erklärt im Interview, warum der romantische Dichter Juliusz Slowacki (1808-1849) in Polen nie so geliebt wurde wie sein Zeitgenosse Adam Mickiewicz, es aber Zeit für eine Neuentdeckung sein könnte. Denn dass die Polen sich gerade von der Romantik abwenden, hat mit dem (heute vielleicht etwas nervigen) Patriotismus Mickiewiczs zu tun. "Wir wenden uns wahrscheinlich nur von dem Stereotyp ab, der die romantische Tradition mit einem nach Unabhängigkeit strebenden Patriotismus gleichsetzt. Es hat unserem Vaterland das Überleben und die Wiedergeburt ermöglicht, muss aber heute aktualisiert werden. Die Tradition der Romantik bleibt lebendig, wenn wir auch andere Werte wahrnehmen, die gerade in Slowackis Schaffen am besten zur Geltung kommen: Die Kühnheit der Gedanken, das Innovative künstlerischer Entwürfe, die großartige dichterische Fantasie, die ironische Kritik, das ungeduldige Streben nach dem Aufdecken der Wahrheit, nach dem Herunterreißen der Masken, dem Entblößen der Gesichter, so wie es in 'Fantazy' der Protagonist tut, indem er das Antlitz des Fürsten Respekt enthüllt. Und letztendlich seine Sicht auf die Welt und die Geschichte als ein Geflecht unerwarteter Ereignisse und grotesken Chaos', mit der er seiner Epoche weit voraus war." (Überprüfen kann man das an Slowackis auf Deutsch erschienenem Versgedicht "Beniowski")

Magazinrundschau vom 28.07.2009 - Polityka

Der Physiker Janusz Ostrowski berichtet in einem bewegenden Text (hier in der deutschen Version), wie er als Feuerwehrmann den Aufstand im Warschauer Ghetto erlebte. Die polnische Feuerwehr sollte im Auftrag der Deutschen dafür sorgen, dass nur die Häuser, in denen sich Menschen aufhielten, brannten, nicht aber die, in denen Güter lagerten. An einem Tag entdeckten sie in einem brennenden Haus junge Mädchen, die um Hilfe riefen: "Einen Augenblick später befiehlt der Sergeant nachzusehen, ob szkopy (deutsche Soldaten) oder szaulisy (abwertend für litauische, lettische oder ukrainische Wachleute) in der Nähe sind. Wir vergewissern uns, dass keine da sind; also sagt er: 'Wer möchte, kann zum anderen Wagen gehen; aber wenn einer keine Angst hat, werden wir sie herunterholen.' Drei gingen davon. Jurek sagte: 'Ich werde nicht mein Leben für ein paar Jüdinnen aufs Spiel setzen, die die Deutschen sowieso umbringen werden; wenn nicht hier, dann anderswo. Das hat keinen Sinn. Und wenn ihr sie nach unten gebracht habt, kommen die szaulisy, vergewaltigen die Hübschesten und knallen danach alle ab! Das alles ist eine idiotische Lebensgefährdung.' Und er zog ab. Allerdings zögernd, als schämte er sich ein bisschen. Ich dagegen dachte, dass er ja im Prinzip recht hat. Der Sergeant sah mich einen Augenblick an, aber den Blick auf die mit Wasser bespritzten Fenster gerichtet, sagte er: 'Ein Feuerwehrmann darf nicht zulassen, dass Menschen verbrennen.'"

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - Polityka

Zehn Jahre nach dem Tod des Theaterregisseurs Jerzy Grotowski erzählt der Theaterwissenschaftler und Grotowski-Forscher Leszek Kolankiewicz im Interview (hier auf Deutsch), warum es praktisch unmöglich geworden ist, einen neuen Zugang zum Werk Grotowskis zu finden: Der Erbe, Thomas Richards, hat den Zugang zum Nachlass stark eingeschränkt. Grotowski selbst hat das so gewollt: "Diese Kontrolle resultierte wohl aus seinem Charakter, aus dem Bedürfnis, zu dominieren und die Dinge im Griff zu behalten. Es hing auch mit seinen gnostischen Neigungen zusammen. Im Innersten seiner Seele war Grotowski der Meinung, dass die Geschichte eine Abfolge von Inkarnationen des Bösen ist und dass wir nur dann irgendeinen Freiheitsraum erobern, wenn es uns gelingt, Herr über die Geschichte, zumindest über unsere persönliche, zu werden. Darüber hinaus verband sich bei Grotowski der Gnostiker mit dem Künstler – jemandem, der leicht einer Inflation des Ich unterliegt. Im Ergebnis behauptete er gegen Ende seines Lebens, über die Geschichte triumphiert zu haben. Um diesen Triumph vollständig zu machen, hat er nicht nur Aufzeichnungen seiner öffentlichen Auftritte untersagt, sondern er kontrollierte auch die Publikationen und Übersetzungen seiner Texte, sogar die Publikationen und Übersetzungen von Büchern, die von seinen Mitarbeitern geschrieben waren."
Stichwörter: Inflation

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - Polityka

Adam Szostkiewicz liest (hier auf Deutsch) der PiS, aber auch denjenigen Polen die Leviten, die Patriotismus mit Selbstgerechtigkeit verwechseln und jede Selbstkritik als Verrat diskreditieren. "Hannah Arendt schrieb: 'das Böse, das mein Volk angerichtet hat, macht mich viel trauriger als das Böse, das andere Völker angerichtet haben'. Und in diese Richtung geht heute Europa: In Richtung der kritischen Geschichte, abseits von Selbstzufriedenheit, nach einem Konsens suchend. Deshalb nimmt man in Europa den Spiegel-Bericht über Hitlers europäische Helfer mit weniger Skepsis auf als unsere nationale Rechte (und Linke). ... Ähnlich steht es um den unglücklichen Satz im Europawahlprogramm der deutschen Christdemokraten. In Europa hat man das eher als eine angemessene Verurteilung der Vertreibung an sich verstanden, denn als Zeichen eines auf Polen abzielenden Revisionismus?. Vertreibung ist schließlich immer furchtbar. Auch dann, wenn die Vertriebenen oder Umgesiedelten Deutsche sind. Dies zuzugestehen bedeutet nicht, die Geschichte zu verfälschen oder die Verantwortung zu verwaschen, sondern es ist Ausdruck einer gewissen - im heutigen Europa normalen - Empathie."

Magazinrundschau vom 09.06.2009 - Polityka

Als eine "Republik der Solisten" beschreibt Justyna Sobolewska Polens Literaturszene in der Polityka (hier auf Deutsch). Und sie tröstet über die enttäuschten Hoffnungen auf die große Freiheitserzählung, auf einen neuen Bruno Schulz oder Witold Gombrowicz hinweg: "Nach 1989 hat sich weniger die Literatur selbst verändert, als ihre Rolle und Funktionsweise: das literarische Leben, der Verlagsmarkt, die Medien. Unsere Erwartungen an sie stammen noch aus einer anderen Epoche... Aus einer Welt, in der man wusste, wer ein herausragender Schriftsteller ist und wie der literarische Kanon aussieht, sind wir in eine Welt eingetreten, in der Hierarchien nicht mehr klar definiert sind. Literaturpreise sprießen wie Pilze aus dem Boden - demnächst werden wir uns beklagen können, dass sie wie in Großbritannien die Literaturkritik schlichtweg ersetzen. Die Zeit, die nun angebrochen ist, hat Professor Marian Stala während einer Diskussion im "Salon der Polityka" als eine Zeit der Verleger bezeichnet. Da sie das Marketing und sämtliche Instrumente der Werbung in der Hand haben, sind sie es heute auch, die einem Buch ein langes Leben sichern können. Die Explosion der Kulturzeitschriften vom Beginn der neunziger Jahre endete mit der Tabloidisierung der Kultur in den Medien. Aber heute gibt es die nächste Welle eines kulturellen Aufschwungs, nur im Internet. Beinahe jede Woche entstehen neue Zeitschriften, Portale und Webseiten über Literatur (erst jüngst die interessante Seite dwutygodnik)."

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - Polityka

Zwanzig Jahre nach den Wahlen am 4. Juni will sich niemand mehr über diesen Feiertag freuen, stellen Mariusz Janicki und Wieslaw Wladyka fest (hier auf Deutsch). Das Land ist gespalten in zwei "extrem verschiedene Sichtweisen" auf die Ereignisse, die zur friedlichen Revolution in Polen führten. Und so verblasst der 4. Juni als nationales Ereignis. "Wir wissen, dass sich das System verändert hat, dass die Polen etwas Großes vollbracht haben: Die friedliche Revolution. Und dass ganze Generationen vom RGW in die Europäische Union eingetreten sind. Von der Epoche der Polonez-Autos und der fehlenden Lebensmittelauswahl sind wir zum freien Markt und zu einem Kontinent ohne Grenzen übergegangen. Doch die Skeptiker, Kritiker, Nörgler, lokalen Rächer und Abrechner, die sich auf das Unrecht am Volk berufen sorgen dafür, dass der 4. Juni 1989 wie gebeugt geht, dass er verblasst, dass er aufhört, die Menschen zu berühren. Und dabei bedeutet dieser Tag keinen abgeschlossenen Zeitraum, setzt nicht die würdevolle Patina eines nicht anfechtbaren Feiertages an. Als würden wir unsere eigenen Siege nicht mögen, als fänden wir sie verdächtig. Viel besser gelingen uns Märtyrer-Spektakel, Jahrestage von Aufständen, blutig zerschlagenen Demonstrationen und Kriegen."

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - Polityka

Adam Krzeminski liest auf der deutschen Seite von Polityka Neuerscheinungen zu Karl Dedecius und Marcel Reich-Ranicki und erklärt, warum die Polen zu letzterem ein höchst zwiespältiges Verhältnis haben: "Reich-Ranicki irritiert in Polen: mit seiner Liebe zur deutschen Literatur und seiner Kühle gegenüber der polnischen. Er verärgert dadurch, dass er die sechzehn Monate, in denen er sich bei einer polnischen Familie versteckt hielt, als die schlimmste Zeit seines Lebens betrachtet, und nicht das Ghetto, wo seine Eltern ermordet wurden. Man kann verstehen, welche psychische Folter es für Menschen bedeutet haben muss, in einem Kellerversteck der Gnade und Ungnade ihrer ebenfalls von der Todesstrafe bedrohten Beschützer ausgeliefert zu sein. Dennoch schmerzt diese Bewertung..."

Magazinrundschau vom 19.05.2009 - Polityka

Jazz scheint auch in Polen, wo diese Musik einst blühte, den Barmusiktod zu sterben. Polityka übersetzt einen Artikel von Dorota Szwarcman, die in Kattowitz ein Symposion über die Geschichte des Jazz in Polen besucht und zitiert den Kritiker Tomasz Szachowski: "Sie spielen Mainstream oder Hard Bop, sagen wir mal im Stile von Adderley, denn Charlie Parker wäre für sie schon zu schwer. Free Jazz taucht überhaupt nicht auf. Es gibt nur Stilisierungen, wunderbare Stilisierungen aber altmodische. Es wäre schön, wenn junge Musiker mit einer eigenen Vision überraschen würden. Aber das kommt nicht vor."
Stichwörter: Free Jazz, Parker, Charlie

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - Polityka

Adam Krzeminski nimmt politische Mythen aufs Korn - deutsche, englische, französische und natürlich polnische. "Während die kommunistischen Staaten ihre Legitimation in historischen Mythen suchten, taten dies die westlichen Staaten (u.a. Frankreich und die Bundesrepublik) durch einen fast vollständigen Bruch mit der Vergangenheit. De Gaulles Frankreich strich die Niederlage von 1940 und die Kollaboration der Vichy-Regierung aus dem Gedächtnis, Deutschland dagegen seine klassischen nationalen Mythen. Der Mythos der bis zur Selbstvernichtung treuen Nibelungen war durch Stalingrad diskreditiert worden. Die siegreiche Schlacht der Germanen gegen die Römer im Teutoburger Wald wurde nun durch Adenauers Händedruck mit de Gaulle überdeckt. Und den Mythos von Kaiser Barbarossa, der aus seinem Schlaf erwachen und Deutschlands Feinde besiegen wird, setzte die Gründung der EWG und der NATO außer Kraft."