Magazinrundschau - Archiv

Rolling Stone

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Magazinrundschau vom 30.03.2026 - Rolling Stone

"In den 150 Jahren seit der Industriellen Revolution hatten die US-Amerikaner darauf vertraut, dass Wissenschaft und Technologie die Nation einen würde, wie zuvor die Eisenbahnstrecken und der Telegraf die kontinentalen Distanzen überbrückt haben", schreibt Jonathan Taplin mit Blick auf die digitale Oligarchie, die sich in den USA gerade herausbildet. Weniger als zwanzig Familien, so sein Befund, haben Politik und Wirtschaft fest im Griff. Die Voraussetzungen dafür schufen Bill Clinton und Al Gore in den Neunzigern, im besten Glauben und Vertrauen auf amerikanische Werte, als sie damals den digitalen Markt auf eine Weise liberalisiert haben, die Wettbewerb ermöglichen sollte, de facto aber zu Monopolstellungen geführt hat, denen legislativ kaum mehr beizukommen ist. War die größe amerikanische Firma 1994 noch 34 Milliarden Dollar wert, liegt Google etwa heute bei 3,7 Billionen Dollar. "Als Donald Trump - flankiert von eben jener technokratischen Elite mit ihrem Wohlstand, der in der Geschichte seinesgleichen sucht - im Januar 2025 seine Präsidentschaft antrat, kristallisierte sich immer plausibler heraus, dass sich die zehn vorausgegangenen Jahre auf einen Nenner bringen lassen: Techno-Faschismus, eine autoritäre, von Konzernen bestimmte Ordnung, in der eine kleine Kaste technokratischer Eliten eine digitale Infrastruktur und eine künstliche Intelligenz bereitstellen, die die Staatsführung automatisiert, die Überwachung ausdehnt und demokratische Rechenschaft untergräbt, während sie zugleich ihre Herrschaft als bloße Anwendung von Expertenwissen verkauft. ... Kommentatoren sprechen bereits von einer 'KI-Job-Apokalypse' nicht als Metapher sondern als demografische Tatsache - eine gebildete Schicht, die in die Prekarität abrutscht, während ihre einstigen Ambitionen kollabieren. Die Geschichte warnt: Steht eine Übermenge an gut Ausgebildeten kaum vorhandenen Aufstiegsmöglichkeiten gegenüber, folgen Turbulenzen und Unruhen. Die Angestellten und Praktikanten der Wissensökonomie könnten die Dissidenten eines neuen Zeitalters werden. Viele der Technokraten spüren bereits, was auf sie zukommt, ziehen es aber vor, ihre Flucht vorzubereiten. Sie kaufen Grundstücke in Neuseeland, sichern sich Flugzeug-Zugänge in abgelegenen Tälern und rüsten auf entfernten Inseln gelegene Grundstücke zu Festungen auf, die einer Belagerung standhalten. Die Geste verrät alles: Auch sie rechnen mit einem Sturm. Nur dass sie ihn einfach gerne von einer sicheren Entfernung aus beobachten wollen."

Magazinrundschau vom 30.09.2025 - Rolling Stone

Asawin Suebsaeng, Nikki McCann Ramirez und Andrew Perez porträtieren den stellvertretenden Stabschef des Weißen Hauses und Berater für Heimatschutz Stephen Miller und dessen "Schreckensherrschaft". Millers Kompetenzen gehen weit über die ihm verliehen Ämter hinaus, so die drei Reporter, er sei der eigentliche Kopf hinter Trumps brutaler Migrationspolitik. Die Autoren schildern Miller als einen rechtsextremen Fanatiker, der davon überzeugt ist, einen Kulturkampf gegen "anti-weißen Hass" und "anti-weißen Rassismus" führen zu müssen. Dabei steht ihm unter Trump nichts mehr im Wege: "Miller berührt praktisch jede politische und exekutive Maßnahme (insbesondere im Zusammenhang mit innenpolitischen Initiativen), praktisch alle Dokumente, Trump-Direktiven, verfassungsrechtlich fragwürdigen Anordnungen und Memos (...). Das umfassende Vorgehen der Trump-Administration gegen Diversitätsprogramme, Hochschulbildung und die Meinungsfreiheit, die Trump nicht interessiert, ist ein direkter Ausdruck von Millers Ethos und belebt Millers lang gehegten Wunsch, den konservativen 'Kulturkampf' auf eine Weise zu föderalisieren, die einst gesellschaftlich inakzeptabel war. Trumps ausufernde Einwanderungs- und Grenzkontrollen sind nichts weiter als 'The Stephen Miller Show', präsentiert von Stephen Miller Productions LLC und persönlich inszeniert von Stephen Miller. Jedes Stück Papier, das der Präsident zur Einführung dieser Inlandsprogramme unterzeichnet, liest der Trump-Stellvertreter sorgfältig durch, nimmt manchmal Korrekturen vor und drängt andere Trump-Beamte im gesamten Bundesapparat, es zu erledigen. Seine Beschimpfungen von Beamten innerhalb der Ministerien und Behörden sind legendär, wenn nicht gar zu Albträumen geworden. Seit Beginn der zweiten Trump-Administration berichteten zwei Quellen, die in der Bundesregierung gearbeitet und persönlich mit Miller zu tun hatten, dem Rolling Stone, dass seine Beschimpfungen sie beide bei der Arbeit zum Weinen gebracht hätten. Bei behördeninternen Diskussionen beschimpfte und schrie Miller regelmäßig Beamte an, bedrohte deren Jobs oder ihre Zukunft in der Partei und versuchte, sie vor ihren Kollegen zu demütigen. Er wird wütend, wenn er das Gefühl hat, dass die Zahl der festgenommenen Einwanderer nicht hoch genug angesetzt ist oder Trumps innenpolitische Agenda auch nur geringfügig ins Stocken gerät. Er ist bekannt für seine Überstunden und sein Mikromanagement der brutalen Politik der neuen Regierung. Seit 2017 genießt er in den republikanischen Führungsebenen den Ruf, alles zu sagen, alles zu tun und fast jeden zu verraten - im Dienste Trumps und, was noch wichtiger ist, um seine Macht und Nähe zum Präsidenten zu wahren."

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - Rolling Stone

Paul Krugman schreibt über die katastrophale Wirtschaftspolitik Donald Trumps. Der Artikel ist noch von Mai. Was er sagt, ist alles in allem nicht überraschend - vor allem fürchtet er wie so viele, dass die Schäden für lange Zeit bleiben werden. Am interessantesten ist die Passage, wo Krugman über die Motive nachdenkt. Geht es um eine Oligarchenherrschaft, darum, die Reichen noch reicher zu machen und ihnen Straflosigkeit zu verschaffen: Ja, das ist sicher ein Aspekt, schreibt Krugman. Aber diese Erklärung erscheint ihm am Ende noch zu rational. "Was meiner Meinung nach gerade passiert, ist der Triumph des Ressentiments. Lesen Sie einmal Trumps Beiträge auf Truth Social, Musks Tweets oder die Reden von RFK Jr., und Sie werden den überwältigenden Eindruck gewinnen, dass es sich hier um wütende, unsichere Menschen handelt. 'Vielleicht sollte Harvard seine Steuerbefreiung verlieren und als politische Einrichtung besteuert werden, wenn es weiterhin politische, ideologische und terroristisch inspirierte/unterstützende 'Krankheiten' fördert?', schrieb Trump auf Truth Social. Klingt das wie ein rationaler Politiker? Oder wie jemand, der einen Groll hegt? Diese Männer leiden eindeutig nicht unter 'wirtschaftlicher Angst'. Sie sind reich, bekleiden einflussreiche Positionen und bereichern sich wahrscheinlich gerade in diesem Moment durch endlose Korruption. Doch jeder, der Zeit mit Männern in privilegierten Positionen verbracht hat, weiß, wie leicht einige von ihnen bitter und wütend werden, obwohl sie ein Leben führen, um das sie 99,9 Prozent der Bevölkerung beneiden würden. Denn Privilegien sind nicht so erfüllend, wie sie gedacht hatten. (Hey, ich habe einen Großteil meines Lebens mit akademischen Eliten verbracht, ich sehe das ständig.) Das gemeinsame Merkmal der führenden Persönlichkeiten von MAGA ist, dass sie sich anscheinend, wie Trump es ausdrücken würde, 'sehr schlecht' behandelt fühlen. Trump spürt, dass viele Menschen ihn für einen ignoranten Rüpel halten, und das macht ihn verrückt. Musk ist wütend, dass er nicht mehr die Bewunderung erfährt, die er erhielt, als Tesla noch cool war. RFK Jr. scheint entschlossen zu sein zu beweisen, dass er nicht der Spinner ist, der er ist."
Stichwörter: Krugman, Paul, Trump, Donald

Magazinrundschau vom 09.07.2024 - Rolling Stone

Paul Solotaroff erkundet für den Rolling Stone die bizarr-befremdliche Welt einer App, die eigentlich eine Plattform ist, auf der Freunde selbstlöschende Fotos austauschen können, die sich aber spätestens seit Corona zu einem idealen Markt für Drogendealer entwickelt hat. Snapchat löscht die Daten seiner Nutzer und so ist es kaum möglich nachzuvollziehen, auf welchen Wegen Jugendliche wie Alex Neville an die gepanschten Drogen kommen, die sie das Leben kosten. Statt Oxycodon nehmen sie gestrecktes Fentanyl in tödlichen Dosen ein, ein Phänomen, das sich auch deshalb ausbreitet, weil Snapchat selbst nichts dagegen unternimmt: "Die amerikanische Drogenbehörde DEA hat ihre erste Warnung zu diesen Vorfällen erst im Herbst 2021 geschaltet, die örtlichen Polizisten haben sich nicht gekümmert oder nur halbherzig auf den Handys der gestorbenen Jugendlichen nach Spuren zu den Dealern gesucht. Diese Spuren waren aber längst weg, ein paar Minuten bis Stunden nach dem letzten Austausch zwischen Käufer und Verkäufer gelöscht. Das, lernt Mutter Amy Neville, ist der Grund, weshalb die Dealer auf Snapchat umgestiegen sind: Es ist im Grunde genommen ein sicherer Ort für sie. Alles Spuren sind nach 24 Stunden verschwunden, wie weggewischt von der Löschfunktion der App. Das ist kein Fehler, sondern Vorteil von Snapchat, ein Feature, das den Erfolg der App abtreibt und sie von ihren Konkurrenten abhebt. Auf TikTok und Instagram bleiben die Fotos und Nachrichten online, bis man sie einzeln löscht. Bei Snapchat ist es das Gegenteil: Alles verpufft, es sei denn, man speichert es manuell auf dem Account. Für die Jugendlichen ein Segen, denn sie können sich schreiben (oder sexten) ohne Angst vor den überwachenden Augen ihrer Eltern haben zu müssen. Aber auch für die Dealer ist diese Selbstlöschungsfunktion ein Geschenk Gottes - eine Chance, Narkotika zu verkaufen, ohne die geringste Spur für die Polizei zu hinterlassen. Das hat für die falschen Pillendreher den großen Unterschied gemacht, und für ihr Produkt, das so tödlich wie trügerisch ist. Zwei Milligramm Fentanyl - etwa zehn Körnchen Salz - lassen einen Teenager in seinem Bett ersticken. Warum Fentanyl? Weil es so reichlich und wirkungsvoll ist, dass man eine gefälschte Tablette Oxy für weniger als fünf Cent produzieren und dann für 30 Dollar an Jugendliche verkaufen kann. Dealer versuchen normalerweise, ihre Klienten nicht umzubringen, aber bei Fentanyl ist es eine Art Berufsrisiko. Keiner dieser Heimköche kann eine Charge Xanax herstellen, ohne Fentanyl-Brocken in die Mischung zu pfeffern. Diese Stücke werden in die Pillen gepresst - oder in halbe Pillen, wie es manchmal passiert. Ich habe von einem Jugendlichen gehört, der sich eine Percocet mit seiner Freundin geteilt hat und dann erstickt ist, während sie ruhig geschlafen hat. Dem letzten Bericht der Drogenbehörde zufolge enthalten rund 70 Prozent aller konfiszierten Fake-Pillen tödliche Dosen Fentanyl. Für jede Pille, die sie herausfischen, gehen ihnen aber eine Vielzahl durch die Lappen und werden online angeboten. Klar, Dealer bieten ihr Gift auf allen sozialen Medien an, aber laut den Strafverfolgungsbehörden wird der Deal für gewöhnlich über Snapchat besiegelt. Die App schirmt sie vor Undercover-Cops ab, die sich als Teenager ausgeben und stattet sie noch mit weiteren Sicherheitsvorkehrungen aus, wie der Snap Map, die ihnen in Echtzeit zeigt, wo ein Jugendlicher wartet."

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - Rolling Stone

Wenn man sich dem Kriegsgeschehen in der Ukraine nähert, wie Mac William Bishop, der sich für den Rolling Stone an die vorderste Front begeben hat und mit Soldaten spricht, nähert man sich auch der Wahrheit. Er trifft zum Beispiel den Soldaten Sasha, Kommandeur einer kleinen Einheit, der sich ihm nach längeren Schweigen bei einer Autofahrt eröffnet: "'Ich habe einen der Männer in meiner Einheit fast zu Tode geprügelt', erzählt er. 'Wir waren in Schützengräben an der Front. Er hat sein Handy benutzt.'
Sasha atmet schwer.
'Die Russen verfolgten sein Signal und lokalisierten unsere Position. Er hat 15 Minuten lang seine Mutter angerufen, dann 15 Minuten lang seine Frau... und dann fast zwei Stunden lang seine Freundin. Sie haben uns die ganze Nacht bombardiert. Deshalb habe ich ihn geschlagen.'
Später erzählt er uns mehr über die Front.
'Wir haben bei unserer ersten Patrouille sechs Männer verloren', sagt er. "'Sechs von zehn. Sie waren alle meine Freunde.'
Er bricht zusammen und weint."

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - Rolling Stone

Nataliya Gumenyuk berichtet aus der jüdischen Gemeinde in Dnipro, mit rund einer Million Einwohnern die größte ukrainische Stadt nahe der Front und "humanitäres und logistisches Drehkreuz, das drei ukrainische Kriegsregionen unterstützt". Als wichtigstes jüdisches Zentrum in der Ukraine ist Dnipro auch Hauptquartier für die Hilfe für die jüdische Bevölkerung des Landes geworden. "Jahrelang hat Wladimir Putin in seinen öffentlichen Reden die Ukrainer beschuldigt, Nazis an die Macht zu bringen. Die aktuelle Invasion wurde unter dem Vorwand der 'Entnazifizierung' angekündigt. Als Russland 2014 die Krim und den Donbass besetzte, versuchten die ukrainischen Juden - Rabbiner, Künstler, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Politiker jüdischer Herkunft - zunächst, diese Behauptungen zu entkräften, indem sie sich mit ihren Bekannten in Russland auseinandersetzten. 2022 fanden viele die Behauptungen Putins so lächerlich, dass sie sie lieber ignorierten, als sich mit ihnen auseinanderzusetzen, weil die Rhetorik des Kremls oft die eigenen Krankheiten auf andere projiziert. Aber hier in Dnipro ist die blühende jüdische Gemeinde ein täglicher Gegenbeweis für Putins falsche Behauptungen."

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - Rolling Stone

Stacey Anderson liefert einen schon wegen seiner Detailfülle sehr lesenswerten Gesamtüberblick über die chinesische Rockszene. Im Zuge der Öffnungen des Landes in den Neunzigern schwappte quasi die ganze westliche Rockgeschichte binnen weniger Jahre ins Land (viele westliche Labels nutzten die Öffnung, um ihre Produktionsüberschüsse in den Lagerhallen loszuwerden, erfahren wir). Die Szene, die sich seitdem gebildet hat und mittlerweile viele Stadion- und Chartserfolge und einen brummenden Underground vorweisen kann, steht allerdings unter den Argusaugen der Zensoren, Überwacher und Repressoren - die harte Drogenpolitik des Landes liefert hier immer wieder die besten Argumente für Übergriffe und Haftstrafen, die selbst dann, wenn sie prominente Musiker treffen, in den staatskontrollierten Medien nicht gemeldet werden. "Ein Konzertveranstalter in Shanghai erzählt mir, dass er und seine Freunde bei Shows oft 'Finde den Bullen' spielen: Sie halten Ausschau nach einem Mann in seinen Dreißigern oder Vierzigern in übertrieben trendigen Klamotten mit einer vollen Flasche Bier, die er mit seinen Händen wärmt. ... Anders als noch vor ein paar Jahren, werden Razzien heute offenbar exklusiv mit der Suche nach Drogen gerechtfertigt. 'Früher kam die Zivilpolizei, um zu sehen, ob eine Band bei einem Konzert irgendwas Kontroverses oder gegen die Regierung Gerichtetes sagt', erzählt mir der Geschäftsführer einer Plattenfirma aus Peking und Shanghai. 'Aber heutzutage wird das über andere Maßnahmen erledigt, also geht es heute nur noch um die Drogen.' Die Polizei hat auch auf Musikfestivals interveniert und dort für totales Chaos gesorgt. Eine Fotografin aus Peking erinnert sich daran, 2018 beim populären Strawberry Festival in Hangzhou, einer großen Stadt im Südosten, von der Polizei Tränengas abbekommen zu haben. Beim Auftritt der Post-Punkband Re-TROS aus Nanjing begann die Meute vor der Bühne zu pogen, sagt sie, und die Polizei hat sich mitten ins Getümmel geworfen. ... Die höhere Präsenz der Polizei beschränkt sich nicht auf Konzerte. Die Aussicht, zu jedem Zeitpunkt verhaftet werden zu können, hat in der Szene einen tiefsitzenden, McCarthy-artigen Argwohn hervorgebracht. Ein Sänger aus Peking führte eine aufstrebende Rockband an, als ein Bandkollege wegen Drogengebrauchs verhaftet wurde - wahrscheinlich verraten von einem Freund, vermutet er. Weniger später löste die Band sich auf. Heutzutage wägt er genau ab, mit wem er spricht - sowohl auf Konzerten als auch auf WeChat, einer populären Social-Media-App, eine Art Hybrid aus Instant Messenger, Twitter, Facebook, E-Mail und digitalem Geldbeutel (und von der Regierung überwacht, was mittlerweile gut belegt ist)."

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - Rolling Stone

Wie viel und wie wenig gleichzeitig die USA mit ihrem Krieg in Afghanistan erreicht haben, kann man an der 300 Millionen Dollar teuren Straße von Kabul nach Kandahar sehen, die Symbol für ein neues modernes Afghanistan sein sollte, erzählt Jason Motlagh. Vor 17 Jahren wurde sie fertiggestellt, inzwischen ist sie von Bombenkratern durchsetzt, und wer auf ihr fährt, wird von den Taliban beschossen. So geht es auch Zarifa Ghafari, die sechs Tage die Woche diese Straße benutzen muss, um von Kabul nach Maidan Shar zu gelangen, wo die 27-Jährige Bürgermeisterin ist. Sie hat bereits mehrere Attentatsversuche überlebt: "'Wenn die Taliban die Chance bekommen, werden sie mich definitiv töten', sagt sie. 'Ich stehe auf ihrer schwarzen Liste.' Ghafari ist gerade einmal 27 Jahre alt, schlank und selbstbewusst, trägt ein mitternachtsblaues Kopftuch und eine übergroße Brille. Sie ist ein kühner Beweis dafür, wie weit die afghanischen Frauen seit der US-geführten Invasion im Jahr 2001, die das extremistische Taliban-Regime stürzte, gekommen sind. Als Kind war sie gezwungen, eine geheime Schule für Mädchen zu besuchen, nur um eine Ausbildung zu erhalten. In der Post-Taliban-Ära hat sie sich durchgesetzt, einen Universitätsabschluss in Wirtschaftswissenschaften erworben und einen von den USA finanzierten Radiosender in Wardak gegründet, der sich an Frauen richtet. 2018 wählte Präsident Ashraf Ghani sie unter 137 anderen Kandidaten - allesamt Männer - zum Bürgermeister von Maidan Shar, dem Sitz einer strategisch wichtigen Provinz an der Grenze zu Kabul, in der die Taliban Unterstützung genießen. 'Alles, was ich hatte, war mein Talent und meine Ausbildung', sagt Ghafari. 'Sonst nichts.' Aber ihr tägliches, riskantes Spiel, in einer gewalttätigen Stadt so nahe der afghanischen Hauptstadt zur Arbeit zu erscheinen, ist sinnbildlich für eine Regierung in der Krise. Die Taliban kontrollieren jetzt fast die Hälfte des Landes, einschließlich großer Teile des Highway 1, und sind auf dem Vormarsch, angetrieben durch ein Friedensabkommen mit den USA im Februar. Im Austausch für ein vages Versprechen, die Feindseligkeiten zu reduzieren und keine terroristischen Gruppen wie Al-Qaida zu beherbergen, verpflichtete sich die Trump-Administration zu einem vollständigen Truppenabzug bis zum Sommer dieses Jahres. In den Monaten seither haben die Taliban ihre Offensive verstärkt."

Magazinrundschau vom 23.06.2020 - Rolling Stone

Das von Kadir Nelson gestaltete und ziemlich wuchtige Cover der Ausgabe muss man wirklich in voller Größe sehen:



Jamil Smith staunt über die Erfolge, die Black Lives Matter in den letzten Wochen feiern konnte: Zahlreiche Forderungen der Bewegung finden laut jüngsten Umfragen in der US-Bevölkerung durchaus Mehrheiten. "Doch Umfrageergebnisse und Pressemitteilungen werden auch in Zukunft keine Leben retten - genau wie Proteste, die es nur beim Protest belassen. Um ein Land, dem schwarze Leben egal sind, in ein Land umzugestalten, in dem dies nicht mehr der Fall ist, ist es nötig, die amerikanische Polizeiarbeit fundamental und systemweit zu reformieren. Der Sprung in den Mainstream, den Black Lives Matter gerade vollzieht, ist dabei nützlich. Wenn Amerika die Tatsache akzeptiert, dass schwarze Leben im besonderen Maße bedroht sind, müssen wir darüber sprechen, was und wer sie bedroht. Die Historikerin Blair L.M. Kelley, die an der North Caroline State University lehrt, sagt, 'dass wir noch immer weit von jenem Wandel entfernt sind, den es braucht, um Leben zu retten. Doch Black Lives Matter hat die Möglichkeiten deutlich erweitert'. Deutlich zutage tritt dies in den Forderungen, die die Bewegung seit George Floyds Tot aufstellt. Von den schrittweise vorgehenden Reformplänen haben sich die Kritiker verabschiedet. Stattdessen schließen sie sich einst radikaleren Positionen an, etwa dem Ruf danach, der Polizei die Mittel zu kürzen, um die so frei gewordenen Ressourcen sozialen Programmen auf kommunaler Ebene zugute kommen zu lassen."

Magazinrundschau vom 07.04.2020 - Rolling Stone

Hitzewellen machen nicht nur auf dem Land zu schaffen, sie haben insbesondere auf den Ozeanen teils erhebliche Auswirkungen - dass sie sich dort quasi im Verborgenen abspielen, macht die Sache nur noch vertrackter, wie Jeff Goddells großer Reportage zu entnehmen ist. Was sich hier rächt: Ozeane absorbieren eine gewaltige Menge jener Wärme, die der Mensch durch seinen Ressourcenverbrauch hervorbringt - diese Wärme verschwindet aber nicht, sondern wird gespeichert, neu verteilt und langsam wieder abgegeben. "'Würde ein 200 Meilen langes Waldgebiet in den Bergen Kaliforniens mit einem Mal absterben, gäbe es einen Aufschrei in der Bevölkerung', sagt Laura Rogers-Bennett, eine Meereswissenschaftlerin am California Department of Fish and Wildlife, die an der Küste im Bodega Marine Lab arbeitet. 'Wir sprechen hier von dem Kollaps eines ganzen Ökosystems.' ... Hitzewellen in den Ozeanen führen dazu, dass sich das Leben unter Wasser massiv neu organisiert. Viele Tiere migrieren in kühlere Gewässer. 'Genau in diesem Moment könnte man vom Monterey-Steg springen und stachelige Hummer sehen', sagt Kyle Van Houtan, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung im Monterey Bay Aquarium. 'Das ist eine subtropische Spezies, die man normalerweise unten in Baja findet. Die hier so weit oben anzutreffen, ist absurd.' ... Diese Wanderbewegungen verändern das Ökosystem unter Wasser radikal, aber auch das Leben jener Leute, die auf Fischerei angewiesen sind. Wissenschaftler der University of California in Santa Barbara haben vor kurzem in einer Studie herausgefunden, dass tropische Nationen von der Fischmigration am härtesten betroffen sein werden. Bis zum Jahr 2100 könnten manche Länder in Nordwestafrika die Hälfte ihres Fischbestands verlieren. 'Wenn man weiß, dass die Bestände schwinden, besteht ein kurzfristiger Anreiz zur Überfischung', erklärt James Salzman, Professor für Umweltrecht an der Universität Santa Barbara, der an der Studie mitgearbeitet hat. 'Was hat man schon zu verlieren?'"