Magazinrundschau

Finde den Bullen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
06.07.2021. In Atlantic fragt der Jurist Jonathan Zittrain, was es bedeutet, wenn Wissen nicht mehr in einer verlässlichen Version verfügbar ist. In Qantara plädiert der algerische Islamwissenschaftler Said Djabelkhir für eine Reform des Islam und die Abschaffung der Fatwas. Intercept erzählt, wie schwer es interreligiöse Paare in Indien haben. In Himal rollt der Historiker Sujit Sivasundaram die Geschichte der modernen Welt vom Indischen und Pazifischen Ozean aus auf. Der Rolling Stone taucht ein in die chinesische Rockszene.

The Atlantic (USA), 30.06.2021

Der freie, auf Schwarmintelligenz aufgebaute Inhalt des Internets ist eine schöne Sache, aber eine Bibliothek des Wissens ist es nicht, und das ist ein Problem, schreibt der Jurist und Computerwissenschaftler Jonathan Zittrain. Denn Digitalien verändert sich ständig, und das wirkt sich dann auch auf analoge Bibliotheken aus: Links werden ungültig, Inhalte entfernt oder - noch schlimmer - verändert. Was wird aus unserem Wissen, wenn es nicht mehr in einer verlässlichen Version verfügbar ist? "Wenn ein gedrucktes Buch eine Passage enthält, die jemand als diffamierend empfindet, kann die geschädigte Person dagegen klagen - und, wenn sie Recht bekommt, Schadensersatz erhalten. Selten wird die Existenz des Buches selbst in Frage gestellt, schon allein wegen der Schwierigkeit, die Katze nach der Veröffentlichung wieder in den Sack zu stecken. Jetzt ist es viel einfacher, eine Verfeinerung oder eine völlige Änderung des beanstandeten Satzes oder Absatzes zu fordern. Solange die Änderungsforderungen nicht abwegig sind, können sie in einen Vergleich aufgenommen werden, ebenso wie das Versprechen, die Tatsache einer Änderung nicht publik zu machen. Dafür muss nicht einmal eine Klage eingereicht werden; es wird nur eine Forderung gestellt, öffentlich oder privat, und zwar keine, die auf einem Rechtsanspruch beruht, sondern einfach eine, die auf Empörung und potenzieller Publicity beruht. Das erneute Lesen eines alten Kindle-Favoriten könnte dann zu einer leicht (wenn auch nur kurz) veränderten Version dieses alten Buches werden, mit dem nagenden Gefühl, dass es nicht ganz so ist, wie man es in Erinnerung hat. ... Wenn ein Gerichtsurteil, ein wissenschaftlicher Artikel oder eine redaktionelle Kolumne auf eine Website oder Seite verweist, hat der Autor in der Regel etwas ganz Bestimmtes im Sinn. Wenn sich diese Seite ändert - und es gibt keine Möglichkeit zu wissen, ob sie sich ändern wird -, dann ist ein Zitat im Jahr 2021 nicht für die Ewigkeit verlässlich, wenn die nächste verfügbare Kopie dieser Seite eine ist, die im Jahr 2017 oder 2024 archiviert wurde."
Archiv: The Atlantic

A2 (Tschechien), 05.07.2021

A2 widmet sein aktuelles Heft dem Thema "Belarus - ein Jahr danach" und unterhält sich unter anderem mit dem belarussischen Schriftsteller Sjarhej Kalenda, der im Geldberuf zugleich als Friseur arbeitet. Über seine Friseurtätigkeit habe er gelernt, den Menschen zuzuhören und sich für die verschiedensten Lebenswandel zu interessieren. Auch politische Repressalien bekommt er so aus erster Hand mit: "Ich kann behaupten, dass alle meine Kunden schon mindestens einmal verhaftet wurden, eine zweiwöchige oder auch längere Strafe abgesessen haben. (…) Minsk ist halb verlassen, es herrscht eine bedrückte, beklommene Stimmung. Es kann uns zwar freuen, dass die EU über die Situation in unserem Land beunruhigt ist, aber bislang sieht es so aus, als würden die europäischen Beamten mit ihren Sanktionen mehr mit Windmühlen kämpfen als mit den tatsächlichen Mühlsteinen, die hier und jetzt menschliche Leben zermalmen." Die Proteste im Land hätten immerhin eine große Einigkeit und gegenseitige Unterstützung unter den Menschen bewirkt, doch sie blieben Geiseln des Regimes. Über die derzeitige Atmosphäre sagt Kalenda: "Es hat etwas von einer Familie, in der der Vater ein tyrannischer Alkoholiker ist, der betrunken und gereizt nach Hause kommt und einem jederzeit eins aufs Maul geben könnte. Alle sehen und verstehen es, schweigen aber sicherheitshalber, weil sie sich fürchten…" Er selbst erleide wegen der Situation manchmal Panikattacken und fürchte um die Zukunft seiner Kinder. "Ich weiß nicht, ob der Protest wirklich verstummt ist, aber ich sehe, dass die Belarussen zu einer Art Partisanen werden."
Archiv: A2

Africa is a Country (USA), 02.07.2021

Südafrika muss sein Wohlstandsgefälle stark vermindern und das Leben der schwarzen Bevölkerung entscheidend verbessern. Aber ob die Economic Freedom Fighters, für die "rassische Ungleichheit" das Hauptproblem Südafrikas ist, dazu beitragen können? Andile Zulu hat seine Zweifel: "Die Besessenheit der EFF von rassischen Spaltungen ist irreführend. Die Rückgewinnung des weißen Reichtums wird nicht zur Befreiung der Schwarzen führen. Darüber hinaus kann die Rhetorik des Antirassismus von Schwarzen vereinnahmt werden, die hoffen, die rassische Zusammensetzung der Ungleichheit zu ändern, aber nicht die Ungleichheit selbst. Und solche Ambitionen werden oft als Wunsch ausgedrückt, unsere Wirtschaft von der weißen Vorherrschaft zu befreien. Aber wenn die Beziehungen von Klassenherrschaft und Ausbeutung fortbestehen, wird auch das Elend für die meisten Schwarzen bestehen bleiben. Denken Sie daran, dass eine kleine schwarze Elite in der Postapartheid-Ära Erfolg hatte, aber diese schwarzen Gesichter in hohen Positionen haben kein Interesse daran, die Befreiung voranzutreiben. Ihre Klassenpositionen - als Unternehmensmanager, Karrierepolitiker und erfolgreiche Tenderpreneure - zwingen sie dazu, der Selbstbereicherung nachzugehen. Und, was noch wichtiger ist, um eine Wirtschaftsordnung aufrechtzuerhalten, die die Arbeiterklasse genau dort hält, wo sie ist."

Außerdem: Roland Ngam plädiert für einen "Green New Deal" für die Landwirtschaft Südafrikas.
Anzeige

HVG (Ungarn), 01.07.2021

Der neueste Film der Regisseurin Ildiko Enyedi (Goldener Bär 2017 für "Körper und Seele"), "Die Geschichte meiner Frau", eine Literaturadaption des gleichnamigen Romans von Milán Füst (Leseprobe), läuft im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes. Mit Enyedi sprach Zsuzsa Mátraházi über die wiederholten Veränderungen des Drehbuchs: "Ich schrieb dieses Drehbuch mehrmals um. Eine der Versionen, von der mehrere Variationen entstanden, verwendete eine starke Formensprache, damit die Bilder genauso direkt 'ertönen', wie die durch unendliche Zeitdimensionen springende innere Narration des Kapitäns. Dann schmiss ich dieses Autorenkonstrukt raus und schrieb eine transparentere, als klassisch zu bezeichnende Version, bei der nicht ich spreche, sondern lediglich die Situationen und die Texte der Schauspieler blieben. Dann fing ich bei dieser Version an durch Verdichtung und mit dem Finetuning der gegenseitigen Beziehungen die Situationen zu verdeutlichen, was zuvor direkt ins Gesicht des Zuschauers gesagt wurde. Es war eine riskante Entscheidung, oft kam die Versuchung auf, auf den sicheren Boden des 'Autorenfilms' zurückzukehren. Letztlich bin ich glücklich, dass ich durchgehalten habe, ich denke, dass es dadurch ein besserer Film entstanden ist."
Archiv: HVG

Qantara (Deutschland), 29.06.2021

Im Interview mit Ismail Azzam plädiert der algerische Islamwissenschaftler Said Djabelkhir, der gerade wegen "Beleidigung des Islam" von einem algerischen Gericht zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, für eine "kritische Revision unseres gesamten religiösen Kanons - ich plädiere für ein Umdenken, eine neue Lesart der überlieferten Texte, der etablierten Narrative, der Hadith-Sammlungen, der Korankommentare. Viele Texte sind nicht mehr akzeptabel, weil sie in Widerspruch zu Logik, Vernunft und Wissenschaft stehen. Sie gehen an der heutigen Lebensrealität vorbei und stehen im Gegensatz zu den humanistischen, zivilisatorischen Werten, die die Welt und die Menschheit heute verbinden. Muslime können nicht in Einklang und Frieden mit dem nicht-muslimischen Teil der Welt leben, solange sie krampfhaft in alten Traditionen verhaftet bleiben und sich weigern, Altes neu zu denken."

In einem zweiten Interview erzählt die pakistanische Journalistin Warda Imran, wie schwer es Journalisten - und ganz besonders Journalistinnen - in ihrem Land haben.
Archiv: Qantara

Intercept (USA), 03.07.2021

Ein Beitrag von Betwa Sharma und Ahmer Khan untersucht, wie nationalistische Gruppen im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh interreligiöse Paarbeziehungen attackieren - per Gesetz: "Seit langem gehen Hindu-Nationalisten in Indien gegen interreligiöse Partnerschaften vor und bedienen sich dabei einer als 'Love Jihad' bezeichneten Verschwörungstheorie: Danach suchen sich muslimische Männer Hindu-Frauen, um sie zur Konversion zu bewegen und Indiens Hindus zu dezimieren. Seit November gilt in Uttar Pradesh ein Gesetz, das Ehen zwischen Hindu-Frauen und Muslim-Männern zu verhindern hilft. Zwar verbietet es die Ehe nicht explizit, aber Hindu-Interessenvertreter nutzen es, um gemeinsam mit der Polizei teils gewaltsam gegen 'Love Jihad' vorzugehen, Ziel: den Hindu-Suprematismus im Land zu festigen. ... Die Bürgerwehr erfährt in der Regel durch lokale Informanten von einer interreligiösen Beziehung und ruft dann die Polizei an, um eine Handyüberwachung von Paaren zu beantragen, die zusammen weggelaufen sind. Nachdem die Frau gefunden wurde, erteilen Hindu-Hardliner oft eine 'Beratung', um sie davon zu überzeugen, ihren muslimischen Partner zu verlassen. Wenn sie sich weigert, greifen sie zu emotionaler Erpressung, oft von ihren Eltern, oder drohen ihr und ihrem Partner mit Gewalt. In einigen Fällen arrangieren die Hardliner, dass die Frau einen Hindu-Mann heiratet, der möglicherweise auch rechtsgerichteten Gruppen angehört."

In einem anderen Beitrag deckt Jordan Smith auf, dass die Staatsanwaltschaft in Orange County, Kalifornien einen fragwürdigen Deal praktiziert - Straferlass gegen DNA-Proben: "Hat der Angeklagte seine Zusage zu dem Programm abgegeben, wird ihm eine DNA-Probe entnommen und er zahlt 110 Dollar, ein Beitrag zur Finanzierung der Datenbank. Allein in 2019 haben die Staatsanwälte in Orange County so 11 Millionen Dollar eingenommen, rechnet die Berkeley-Juraprofessorin Andrea Roth vor. Der Angeklagte unterschreibt eine Verzichtserklärung, die bescheinigt, dass er die Verfassungskonformität der Praxis nicht infragestellt, und verzichtet auf das Recht, seine DNA-Daten zu löschen. Dagegen hat Roth starke Bedenken. Sie hat versucht, an Informationen über das Programm zu gelangen, u.a. über die dort gespeicherten demografischen Daten der Menschen, wurde aber von der Staatsanwaltschaft abgewiesen. Das ganze scheint absurd. Menschen, die wegen Kavaliersdelikten verurteilt wurden, geben ihre genetische Daten ab - auf Lebenszeit, während andere, schwere Straftäter ihre Daten unter bestimmten Voraussetzungen löschen können … Der Unterschied ist der: Ein Mörder, der seine DNA abgibt, macht das vor dem Gesetz. Ein Gewohnheitsverbrecher in Orange County aber hat die Verzichtserklärung unterschrieben."
Archiv: Intercept

Osteuropa (Deutschland), 05.07.2021

Wladimir Putin hat die politischen und staatlichen Institutionen Russlands ganz der Machtlogik seines Regimes unterworfen, da macht sich die russische Politikwissenschaftlerin Tatjana Vorosheikina nichts vor. Und doch schätzt sie die Lage im Land nicht ganz hoffnungslos ein, denn die russische Gesellschaft hat sich trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb erheblich modernisiert: "Zivilgesellschaftliche Strukturen sind entstanden, Solidaritätsnetzwerke haben sich gebildet. Für immer mehr Menschen, vor allem in den Städten, ist es zunehmend normal, geteilte Interessen in die eigene Hand zu nehmen. Einige kämpfen gemeinsam gegen Korruption oder Behördenwillkür im Alltag. Andere kümmern sich um Umweltschutz und Stadtentwicklung, setzen sich gegen Planungen der Baubehörden und mit ihnen verbundene Bauunternehmen ein; andere engagieren sich für soziale Rechte und die Unterstützung bedürftiger Menschen und sozialer Gruppen wie Alte, Arme, Kinder, Kranke und Behinderte. Wieder andere widmen sich dem Kampf gegen Gewalt in der Familie. In vielen dieser Bereiche kompensieren Netzwerke die Defizite staatlicher Behörden, die ihren Aufgaben im Gesundheitswesen, in der sozialen Fürsorge oder im Bildungswesen nicht gerecht werden."
Archiv: Osteuropa

New York Times (USA), 03.07.2021

Es ist eine Geschichte, wie man sie aus vielen erbaulichen Arthouse-Filmen kennt, am liebsten besetzt mit Frances McDormand und einem attraktiven schwarzen jeune premier: Der Delinquent ist ein Schwarzer, drakonisch verurteilt für ein bewiesenes Verbrechen (Waffenbesitz im wiederholten Fall) und ein bestrittenes mit äußerst wackeliger Beweislage (Raub mit vorgehaltener Pistole). Der Tarif dafür waren in Louisiana sechzig Jahre. Emily Bazelon erzählt in einer epischen Reportage, wie sich eine Brieffreundschaft mit Yutico Briley entwickelte. Und es ist trotz der vorgegebenen Stadien von der Aussichtslosigkeit des Falls bis zur glücklichen Befreiung eine lesenswerte, denn sie erzählt sie gut lesbar, nüchtern und faktenreich. "Die Alltäglichkeit seines Falles war die Geschichte. Jeder kann sich vor der Verantwortung drücken, und einer wie Briley verbringt dann den Rest seines Lebens im Gefängnis." Besonders instruktiv sind die Passagen, in denen Bazelon etwa über die Unzuverlässigkeit von Zeugenaussagen und von Gegenüberstellungen schreibt, die in solchen Fällen immer wieder den Ausschlag geben. "Seit 25 Jahren schreibe ich über juristische Themen und bin von einer hartnäckigen Wahrheit frustriert: Selbst wenn die Wissenschaft eine Schwäche in der Art aufdeckt, wie Strafprozesse geführt werden oder wie eine Jury die Wahrheit ermittelt, dauert es lange, bis die Praxis in den Polizeirevieren und Gerichtssälen sich auf den Expertenkonsens einrichtet. Die Forschung zeigt, wie etwa Verhöre geführt werden können, so dass sie seltener zu falschen Geständnisse führen. (...) Aber viele Ermittlungen laufen weiter weiter wie bisher, unbeeindruckt von den neuen Studien."

Himal (Nepal), 02.07.2021

Für die atlantische Welt mag es ein großer Fortschritt sein, die Revolution von Haiti in das Zeitalter der Revolutionen mit einzuschreiben. Aber nicht für die pazifische, betont der Historiker Sujit Sivasundaram, der mit seinem Buch "Waves Across the South: A New History of Revolution and Empire" noch einmal den Blick drehen will, wie er in einem Interview erklärt: "Das Zeitalter der Revolutionen ist geprägt von den großen Ereignissen, der Amerikanischen Revolution, der Französischen oder auch der Haitianischen Revolution. Dieser enge Focus auf Ereignisse, die leicht datiert und als Abfolge von Geschehnissen identifiziert werden können, hat leider dazu geführt, dass unser Verständnis von der Entstehung der modernen Welt von der Atlantischen Welt dominiert wird. Es sind die amerikanischen, französischen und haitianischen Erhebungen in der atlantischen Welt, die unsere Begriffe von Recht, Zugehörigkeit, Widerstand, Vernunft und Nation prägen. 'Waves Across the South' ist ein Experiment in der kritischen Neubewertung des Zeitalters der Revolutionen, das Buch blickt auf die Veränderungen, die im Indischen und Pazifischen Ozean in dieser Ära der Veränderung im Gange waren. In der Welt dieser beiden Ozeane geht es im Zeitalter der Revolutionen nicht um Ereignisse, sondern um Prozesse. Seine Protagonisten sind die Seevölker am Rande der Meere, die eine aufwühlende und beispiellose Welle des Imperialismus erlebten und ihr widerstanden, aber auch die europäischen Imperialisten, die sich den Träumen, der Politik und dem Selbstbehauptungswillen der Seevölker entgegenstellten. Für mich besteht das Zeitalter der Revolutionen in dieser Dynamik aus indigenem Handeln als Revolution und dem Imperialismus als Gegenrevolution."

Als malaysische Version des Magischen Realismus empfiehlt Deepa Bhasthi S Hareeshs Roman "Moustache", in dem Kokospalmen zu sprechen beginnen und Krokodile nach Rache dürsten.
Archiv: Himal

Novinky.cz (Tschechien), 01.07.2021

Kateřina Smejkalová berichtet über die unlängst veröffentlichte Studie "Eine Gesellschaft - Unterschiedliche Lebenswelten", die das Prager Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen mit der Demokratischen Masaryk-Akademie und dem Meinungsforschungsinstitut STEM über die Zufriedenheit beziehungsweise Unzufriedenheit der Tschechen mit der Entwicklung nach 1989 durchgeführt hat. Deutlich geworden sei dabei: Sowohl die Bürger, die die Gesamtentwicklung des Landes positiv sähen, als auch jene, die dem Sicherheitsgefühl und einer größeren menschlichen Nähe der Vorwendezeit nachtrauerten, hegten eine sehr skeptische Distanz zur Politik. Dennoch zweifelten auch die kritischen Stimmen, die "starke Persönlichkeiten an der Staatsspitze" forderten, ausdrücklich nicht die Demokratie als solche an und wünschten sich keine autoritären Politikformen. In beiden Gruppen würden ferner die Immigration als auch die Stellung der Roma in der Gesellschaft als drängende Probleme gesehen und sehr kompromisslos bewertet. Ein weiteres Fazit der Studie: "Die oft genannte These von der Polarisierung der Gesellschaft in dem Sinne, dass es zwei Lager gäbe, die in allen Fragen gegensätzliche Positionen einnähmen, trifft nicht zu." Man müsse eher von einer Fragmentarisierung sprechen, da sich je nach Thema ganz unterschiedliche Lager bildeten. Smejkalová zieht hier eine klare begriffliche Unterscheidung: Während die Pluralität der Meinungen in einer Gesellschaft natürlich und wünschenswert sei, berge die Fragmentarisierung die Gefahr des Zerfalls und der Unmöglichkeit, zu einer Einigkeit oder zu konstruktiven Kompromissen zu gelangen.
Archiv: Novinky.cz
Stichwörter: Tschechien

Eurozine (Österreich), 30.06.2021

Im aktuellen Heft diskutieren die ungarische Schriftstellerin Zsófia Bán, die britische Schriftstellerin A. L. Kennedy und die BBC-Journalistin Rosie Goldsmith die Rolle der Literatur und der Intellektuellen in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit heute, auch in Anbetracht der Pandemie. Die Frage, ob die Neubewertung von kulturellen Institutionen, eine gute Sache sei, beantwortet Bàn so: "Für die Ungarn ist es eine Art Deja-vu, weil wir diese Zeit der post-politischen Transition bereits hinter uns haben. Denkmäler fielen, Straßen wurden umbenannt etc., wieder und wieder. Schaut man sich die ungarische Geschichte an, scheint alles von Zeit zu Zeit verändert und neu bedacht werden zu müssen. Das letzte Mal geschah es in radikaler Weise nach dem Ersten Weltkrieg, nachdem 600 000 jüdische Mitbürger von den Nazis und den Ungarn ermordet worden waren. Etwas, das nicht sehr gründlich aufgearbeitet wurde. Dieser Prozess dauert an. Auch bei der Zensur gibt es das Gefühl des Deja-vu, auch wenn heute viel subtiler vorgegangen wird, durch Gelder und Veröffentlichung beziehungsweise Nichtveröffentlichung. Ungarische Schriftsteller haben eine gewisse Fähigkeit entwickelt, damit umzugehen. Für britische oder amerikanische Autoren könnte es schwieriger werden." Und Kennedy ergänzt: "Wir haben keine Zeit für Depression. Wir sind am Leben, nicht im Knast. Allerdings: Die Unterstützung schwindet, das trifft vor allem die Ärmeren. Es gibt so viele Autoren und Künstler, die nicht mal die Steuern bezahlen können, was sie wieder von Förderungen ausschließt. Künstler sind weiter darauf angewiesen, sich selbst zu finanzieren. Aber wir sind nicht an einem Punkt, wo die Leute verhungern. Wir werden möglicherweise eine ganze Generation verlieren, viele Leute verlassen das Land."
Archiv: Eurozine

Rolling Stone (USA), 24.06.2021

Stacey Anderson liefert einen schon wegen seiner Detailfülle sehr lesenswerten Gesamtüberblick über die chinesische Rockszene. Im Zuge der Öffnungen des Landes in den Neunzigern schwappte quasi die ganze westliche Rockgeschichte binnen weniger Jahre ins Land (viele westliche Labels nutzten die Öffnung, um ihre Produktionsüberschüsse in den Lagerhallen loszuwerden, erfahren wir). Die Szene, die sich seitdem gebildet hat und mittlerweile viele Stadion- und Chartserfolge und einen brummenden Underground vorweisen kann, steht allerdings unter den Argusaugen der Zensoren, Überwacher und Repressoren - die harte Drogenpolitik des Landes liefert hier immer wieder die besten Argumente für Übergriffe und Haftstrafen, die selbst dann, wenn sie prominente Musiker treffen, in den staatskontrollierten Medien nicht gemeldet werden. "Ein Konzertveranstalter in Shanghai erzählt mir, dass er und seine Freunde bei Shows oft 'Finde den Bullen' spielen: Sie halten Ausschau nach einem Mann in seinen Dreißigern oder Vierzigern in übertrieben trendigen Klamotten mit einer vollen Flasche Bier, die er mit seinen Händen wärmt. ... Anders als noch vor ein paar Jahren, werden Razzien heute offenbar exklusiv mit der Suche nach Drogen gerechtfertigt. 'Früher kam die Zivilpolizei, um zu sehen, ob eine Band bei einem Konzert irgendwas Kontroverses oder gegen die Regierung Gerichtetes sagt', erzählt mir der Geschäftsführer einer Plattenfirma aus Peking und Shanghai. 'Aber heutzutage wird das über andere Maßnahmen erledigt, also geht es heute nur noch um die Drogen.' Die Polizei hat auch auf Musikfestivals interveniert und dort für totales Chaos gesorgt. Eine Fotografin aus Peking erinnert sich daran, 2018 beim populären Strawberry Festival in Hangzhou, einer großen Stadt im Südosten, von der Polizei Tränengas abbekommen zu haben. Beim Auftritt der Post-Punkband Re-TROS aus Nanjing begann die Meute vor der Bühne zu pogen, sagt sie, und die Polizei hat sich mitten ins Getümmel geworfen. ... Die höhere Präsenz der Polizei beschränkt sich nicht auf Konzerte. Die Aussicht, zu jedem Zeitpunkt verhaftet werden zu können, hat in der Szene einen tiefsitzenden, McCarthy-artigen Argwohn hervorgebracht. Ein Sänger aus Peking führte eine aufstrebende Rockband an, als ein Bandkollege wegen Drogengebrauchs verhaftet wurde - wahrscheinlich verraten von einem Freund, vermutet er. Weniger später löste die Band sich auf. Heutzutage wägt er genau ab, mit wem er spricht - sowohl auf Konzerten als auch auf WeChat, einer populären Social-Media-App, eine Art Hybrid aus Instant Messenger, Twitter, Facebook, E-Mail und digitalem Geldbeutel (und von der Regierung überwacht, was mittlerweile gut belegt ist)."