Magazinrundschau - Archiv

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91 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 10

Magazinrundschau vom 12.07.2011 - Rue89

Louise Culot berichtet über die rund 15.000 zumeist jungen Israelis, die inzwischen in Berlin leben. Für sie gelte die einzige Ausnahme, die Deutschland mit doppelten Staatsbürgern macht. Nicht Deutschland generell, sondern ausdrücklich die Hauptstadt gilt bei ihnen als cooler und erstrebenswerter Ort zum Leben. Sie lieben die Offenheit der Stadt, der Holocaust ist kein Thema mehr für sie. Der Comiczeichner Gabriel jedenfalls meint: "Wenn ich an die Shoah denke, dann vor allem in anthropologischer Hinsicht: Wie konnte Deutschland nach dem Zusammenbruch der Weimarer Republik so weit kommen? Darüber hinaus denke ich eigentlich nicht darüber nach. Es sind eher die Deutschen, die dazu neigen, das immer wieder zu thematisieren."
Stichwörter: Rue89, Shoah, Weimarer Republik

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - Rue89

Für den gestrigen Montagabend hatte Bernard-Henri Levy gemeinsam mit den Organisationen Change in Syria for democracy und France Syrie democratie zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung in Paris über Tote und Folterungen in Syrien eingeladen. In dem Aufruf "SOS Syrien" in Levys Netz-Zeitschrift La regle du jeu heißt es: "Angesichts dieser syrischen Tragödie und den diplomatischen Gesinnungswandel, kann unsere Empörung nicht länger stumm bleiben - ebenso wenig wie unsere Bewunderung für ein Volk, das Tag für Tag seine Toten beerdigt, aber nicht vor dem Terror zurückweicht."

Rue89 berichtet nun, dass einige zu dieser Veranstaltung eingeladene syrische Oppositionelle ihre Teilnahme verweigerten, weil sie befürchteten, Damaskus könne diese "Vereinnahmung" ausnützen. Sie rufen nun stattdessen ihrerseits zum Boykott des französischen Philosophen auf, der aufgrund seiner Äußerungen zur israelischen Armee ("eine der humansten der modernen Geschichte") "ein Feind der Rechte der Palästinenser" sei. Einige von ihnen - darunter der Soziologe Burhan Ghalioun, der Autor und Journalist Subhi Hadidi und der Verleger Farouk Mardam Bey - bezeichneten BHLs Initiative als "erbärmliches Manöver, das darauf abziele, die demokratische syrische Opposition von ihren Zielen abzubringen und ihre Glaubwürdigkeit bei ihrem Volk zu gefährden". Ihr schon im Mai veröffentlichter Appell gegen BHL trägt die Überschrift: "Bernard-Henri Levy, ersparen Sie den Syrern Ihre Unterstützung."

Magazinrundschau vom 14.06.2011 - Rue89

Habibou Bangre spricht mit der marokkanischen Sexualwissenschaftlerin Amal Chabach, die in ihrem neuen Buch feststellt, dass marokkanische Paare, auch wegen der besseren Bildung der Frauen, immer mehr die gegenseitige Lust und den Spaß am Sex suchen. Die Sache hat allerdings ihre Grenzen: "Arabische Männer lehnen den Cunnilungus im allgemeinen ab. Das Geschlecht berühren? Naja, zur Not. Aber Cunnilingus auf keinen Fall! Jüngere sind aber offener. Was die Fellatio angeht, so geschieht sie nicht im Rahmen der Ehe. Außerhalb der Ehe kann sich der Mann das aber erlauben (lacht). Es ist ein bisschen zwiespältig, aber so erzählen sie es mir. Sie sagen klar: 'Mit meiner Frau, nein, das geht nicht. Meine Frau ist meine Frau.' Der Madonna-Komplex."
Stichwörter: Rue89

Magazinrundschau vom 07.06.2011 - Rue89

Laurent Mauriac informiert über eine These des amerikanischen Journalisten und Medienprofessors Jeff Jarvis, wonach der ganz gewöhnliche Zeitungsartikel ein aussterbendes Genre sei. Abgelöst werde er von einer eher "prozesshaften" Berichterstattung über elektronische Medien wie Twitter. Dieses Thema wird in den USA von Medienschaffenden heiß diskutiert und vielfach bestätigt. "Laut Jarvis sind Artikel keine notwendige Form mehr, um Ereignisse abzudecken. Sie sind es noch für Printmedien, nicht jedoch 'für den Datenfluss, der nie beginnt und nie endet' ... Aber was ist ein Artikel dann noch?, fragt sich Jeff Jarvis und antwortet: 'Ein Artikel kann ein Unterprodukt in dem Prozess sein, er ist aber nicht mehr der Zweck des Prozesses'. Außerdem könne ein Artikel 'ein Luxus' sein, wenn eine komplexe Geschichte sich weiterentwickelt, 'dann ist er ein großer Service, der sie zu einer schlüssigen und prägnanten Erzählung zusammenbindet'."

Wie ein Abwehrzauber mutet in diesem Zusammenhang eine reichlich absurde Entscheidung der französischen Regulierungsbehörde CSA an: Um versteckte Werbung zu vermeiden, berichtet Pierre Haski, dürfen die Worte Twitter und Facebook künftig im französischen Radio und Fernsehen nicht mehr ausgesprochen werden - es sei denn, es ist für die Berichterstattung absolut erforderlich (mehr dazu auf Englisch bei Gizmodo).
Stichwörter: Jarvis, Jeff, Luxus, Printmedien, Rue89

Magazinrundschau vom 24.05.2011 - Rue89

In einem langen Artikel beleuchtet ein Autor mit dem Kürzel "narvic" vor allem die politischen Hintergründe der "abgehobenen", "virtuellen" und "widernatürlichen" Kandidatur des Ex-IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn für die französischen Sozialisten und trägt viele Reaktionen und Wortmeldungen zusammen. "Selbst wenn es zu einer überraschenden Wendung nach amerikanischer Art käme, wie es der Justizbetrieb dieses Landes ermöglicht, hätte sich seine Kandidatur bereits jetzt erledigt, denn die 'Blase DSK' ist letzten Sonntag im Zimmer des Sofitel in New York geplatzt. Die Konstruktion, die darauf angelegt war, diese unglaubwürdige, ja paradoxe Kandidatur bei der Linken und im Land durchzusetzen, ist zerbröselt. Es wird unmöglich sein, sie noch einmal zurechtzuflicken. Der Einsturz dieses Kartenschlosses ist die Niederlage einer haarsträubenden Story, die in den Geheimlabors der Spindoktoren der modernen Politik erarbeitet wurde. Die Sozialistische Partei Frankreichs hat das, nach einem kurzen Moment der Fassungslosigkeit, bereits zur Kenntnis genommen, genau wie die Medienkommentatoren des politischen Lebens in Frankreich. Der Wind weht jetzt aus einer anderen Richtung. Die Spindoktoren brüten schon über neuen Szenarios. Und schreiben schon an anderen Geschichten..."
Stichwörter: Rue89

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - Rue89

Hubert Artus führt ein ausführliches Videointerview mit dem (relativ) jungen Star der Neuen Französischen Philosophen, Mehdi Belhaj Kacem, der sich anlässlich der tunesischen Unruhen spektakulär von seinem Idol Alain Badiou getrennt hat. In seinem jüngsten, vor drei Monaten erschienenen Pamphlet "Apres Badiou" betont er aber, dass er Badiou nach wie vor für einen großen Philosophen hält. Es erschien pikanterweise bei Grasset, dem Verlag des Gottseibeiuns aller linksfühlenden Akademiker, Bernard-Henri Levy. "'Apres Badiou' ist ein dickes, dichtes und vor allem heftiges Werk", schreibt Artus. "Auf der Höhe der Depression, die diese Scheidung im letzten Jahr bei dem jungen Philosophen auslöste. Der Vatermord ist darin allzu spürbar. Seinem alten Mentor wirft er so gut wie alles vor: die 'philosophischen Albereien' in 'L'eloge de l'amour', sein 'Hetero-Spießertum', seinen vulgären Humor... MBK empört sich auch über alles, was Badiou nahe steht: Selbst Slavoj Zizek kriegt sein Fett weg und wird eines quasi sarkozystischen Schmierenkomödiantentums bezichtigt." Badiou konnte es nicht lassen, kurz auf Kazem zu antworten: Kacem sei "mental korrupt", schrieb er im Express.

Magazinrundschau vom 05.04.2011 - Rue89

Ein junger Ägypter, der in Frankreich aufwuchs und eine Woche vor den ersten Demonstrationen nach Kairo zurückkehrte, schildert im Interview seine Erlebnisse und erzählt von Toten und Verletzten, dem grassierenden Misstrauen während des Umsturzes und den Veränderungen seither. Seine Zukunftserwartungen und -prognosen klingen keineswegs optimistisch, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben laufe auf Sparflamme. "Ich sehe keinerlei positive Entwicklung gegenüber der Situation von vor zumindest fünf Jahren. Mit der Revolution ist alles in Scherben gegangen und Ägypten muss in jetzt wieder bei Null anfagen. Die Leute leben von einem Tag auf den anderen ... Jeder hat Angst, dass die Muslimbrüder diese Instabilität jetzt nutzen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Während der Revolution haben alle geglaubt, dass ein von Mubarak befreites Ägypten seinen ehemaligen Ruhm zurückerlangen würde, und alle Arbeit hätten."
Stichwörter: Muslimbrüder, Rue89

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - Rue89

"Arme Teufel!", ruft Caroline Six am Ende ihrer Recherche über einen der finstersten Abgründe der an Abgründen reichen Gesellschaft des Kongo. Tausende von Kindern werden in Kinshasa jährlich der Hexerei beschuldigt und verstoßen und leben, kaum betreut von Kinderhilfsorganisationen, als Prostituierte in den Straßen der Hauptstadt. Oft sind es Priester der sogenannten "Erweckungskirchen", die an den Kindern exorzistische Riten vollziehen, bevor sie verstoßen werden - und oft geht die Initiative von den Eltern selbst, nicht selten auch von "Maratres", zweiten Ehefrauen aus. Der dreizehnjährige Exauce erzählt in der Reportage, was ihm widerfahren ist: "Ich war mit meinem Vater nach Brazzaville gefahren. Als wir nach Kinshasa zurückkamen, war meine Großmutter tot. Wir sind in die Kirche meines Großvaters zur Trauerfeier gegangen. Da hat der Priester auf mich gezeigt. Er hat gesagt, dass ich meine Großmutter gegessen habe. Sie haben mich in der Kirche eingesperrt und an Händen und Füßen gefesselt. Ich konnte nicht nach draußen sehen. Drei Tage hat man mich fasten lassen (eine Methode um den Hexer in den Kindern auszuhungern, so Six). Dann kam die Reinigungszeremonie: ein Liter Palmöl schlucken (damit das Kind das Menschenfleisch erbricht, denn dadurch wird der Zauber ausgeübt, so Six)." Am Ende ist Exauce geflohen und lebt jetzt auf der Straße.
Stichwörter: Kongo, Rue89, Kinshasa, Hexen

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - Rue89

In einem Gespräch erklärt der französische Politologe Olivier Roy, der schon 1992 sein Buch "Echec de l'Islam politique" vorlegte, dass der Islamismus als politische Lösung ausgedient habe. Heute setzt er seine Hoffnung auf die Jugend: "Es ist die Ankunft einer Generation, die in der Krise geboren wurde, die den Islamismus nie als Lösung all ihrer Probleme angesehen hat, weil er bereits Teil der politischen Landschaft war, als sie ihr politisches Bewusstsein entwickelt haben. Diese Generation ist nicht ideologisch." (Olivier Roy funkt derzeit auf allen Kanälen: In der Welt konnte man seine These auf Deutsch nachlesen, im New Statesman auf Englisch und im New Humanist spricht er im Interview über sein Buch "Heilige Einfalt".)

Ebenfalls zu lesen ist der riskante Telefonbericht eines anonymen Libyers, der das "Massaker unter Ausschluss der Öffentlichkeit" beschreibt, das Gaddafi derzeit in Tripoli veranstaltet.

Magazinrundschau vom 15.02.2011 - Rue89

Die Verteidigung des Multikulturalismus gegen seine rechten Kritiker ist eine große Chance für die Linke, meint der Soziologe Michel Wieviorka. "Es reicht, zum Beispiel einen der besten Theoretiker (des Multikulturalismus) zu lesen, den kanadischen Philosophen Will Kymlicka, um zu verstehen, dass der Multikulturalismus sowohl in seinem Konzept wie in seinen institutionellen und politischen Formen, die ihn verkörpern, jegliche kommunitaristische Versuchung ablehnt und im Gegenteil Recht und Vernunft mit dem Respekt vor Unterschieden in Einklang miteinander bringt. Es ist legitim und wünschenswert, wenn ein Regierungschef auf Terrorismus und Gewalt reagiert und den herrschaftlichen Zugriff von Community-Führern auf Individuen - allen voran Frauen - verhindert. Aber wer diese Übel dem Multikulturalismus zuschreibt, wer nur die Exzesse des Systems, aber nicht dieses selbst sehen will, macht den Multikulturalismus zu einem Sündenbock."