Magazinrundschau - Archiv

Rue89

91 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 10

Magazinrundschau vom 01.02.2011 - Rue89

Rue89 berichtet, dass sich die chinesische Zensur neuerdings auch der erbitterten Kaninchenjagd widmet - im Internet. Anlass ist ein unter dem Pseudonym "Xiao Hong" ins Netz gestelltes Animations-Video über einen Haufen niedlicher und fügsamer Hasen, das viele Anspielungen auf chinesische Missstände des vergangenen Jahres wie den Skandal um mit Melanin verseuchte Milch oder die gewaltsamen Haus- und Wohnungsenteignungen durch Mitglieder der kommunistischen Partei enthält. "Das Filmchen endet mit einer drohenden Botschaft. Gegen Ende merkt man, dass die Hintergrundmusik sich ändert, die sanften Singstimmen weichen härterem Rock. Auch die Texte spitzen sich zu ... Die Botschaft ist klar und einfach: Das Kaninchen ist ein niedliches Tier, aber wenn es nervös wird, kann es beißen." Die chinesischen Behörden haben den Film vergangene Woche "harmonisiert", also für chinesische Nutzer im Netz gesperrt, auf YouTube ist er jedoch noch zu sehen:


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Magazinrundschau vom 11.01.2011 - Rue89

In einem Interview mit Rue89 (hier und hier) wiederholt Stephane Hessel, dessen Pamphlet "Empört euch" für Furore sorgt, seine Kritik an Israel, rät den Palästinensern aber zu einer Strategie der Gewaltlosigkeit: "Wenn sie gewalttätig sind, und das sind sie von Zeit zu Zeit gewesen, hat ihnen das nicht viel gebracht. Wenn sie nicht gewalttätig sind, kommen Menschen aus der ganzen Welt, um ihnen zu helfen. Was Mahmoud Abbas vielleicht bewirkt, ist auf jeden Fall mehr als die Hamas bis jetzt bewirkt hat. Die Gewalt des Schwachen gegenüber dem Starken ist keine wirksame Politik. Die Gewaltlosigkeit des Schwachen gegenüber dem Starken dagegen schon." Kritische Reaktionen auf Hessels Israel-Kritik sind hier und hier zu lesen.

Magazinrundschau vom 30.11.2010 - Rue89

Große Angst hat man bei rue89. Ob die demografische Entwicklung dazu führen wird, dass es in den kommenden Jahren vor allem Rechtsregierungen gibt, fragen Pascal Riche und David Servenay den Demografen Emmanuel Todd: "Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Die Rechtskurve in Europa war massiv. Aber wir sind nicht am schlimmsten dran. In Frankreich liegt das Durchschnittsalter bei 40 Jahren, in Deutschland bei 44. Die am weitesten fortgeschrittene Senildemokratie ist Deutschland... Die mehr als 70-jährigen sind dabei ökonomisch gesehen bevorzugt. Aber es werden 'neue Alte' kommen, deren Berufsleben härter war und deren Einkommen in der Rente sinken werden. Die goldenen Nachkriegsjahre waren nur eine Parenthese. Wie wird es für die 'neuen Alten' wie mich ausgehen? Ich bin nicht sehr optimistisch."

Magazinrundschau vom 23.11.2010 - Rue89

Dass in Frankreich etwas nicht in Ordnung ist, merkt man an kleinen Artikeln wie diesem. Ohne groß Skandal zu schreien, berichtet Jacques Davignac in rue89, dass in Marseille Verhältnisses herrschen wie in der amerikanischen Fernsehserie "The Wire". Gerade ist ein elfjähriges Kind, das in den Drogenhandel verwickelt war, per Kalschnikow von einem feindlichen Kommando von fünf Leuten vor dem Eingang seines Wohngebäudes niedergemäht worden. Der Elfjährige ist das 14. Opfer der Marseilller Bandenkriege in diesem Jahr. Laut Davignac bekämpfen sich Roma-Banden und maghrebinische Gangs. Bei einem anderen "reglement de comptes" wurde ein 16-Jähriger als Schütze festgenommen. "Am Steuer des Wagens, von dem aus er geschossen hatte, saß sein Vater." Ein Polizist kommentiert: "Sie benutzen ihre Kalaschnikows wie wegwerfbare Rasierer. Sie stecken sie nach Gebrauch in Brand und lassen sie liegen, was zeigt, dass sie massenweise davon im Keller haben." Und ein anderer sagt: "Früher gab es solche Rachekationen nur als letztes Mittel, nach Konsultation eines Vermittlers, heute wird in bar gezahlt."

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - Rue89

Käme je ein deutscher Autor auf eine solche Idee? Seit einigen Jahren arbeitet der Belgier David Vandermeulen an einer Comicreihe über den deutsch-jüdischen Chemiker und Erfinder chemischer Waffen Fritz Haber. Catherine de Coppet stellt den Band den jetzt erschienenen dritten Band der Reihe vor. Sein Titel: "Un vautour, c'est deja presque un aigle" ("ein Geier ist fast schon ein Adler", nach einem Nietzsche-Zitat) in rue89 vor: "Die Figur Fritz Habers beschäftigt Vandermeulen, der ursprünglich mit absurd humoristischen Comics wie 'Agrum comix' bekannt wurde, seit gut zehn Jahren. Die Serie stützt sich auf die Lektüre von über hundert wissenschaftlichen und historischen Büchern, die im Blog des Autors und der Website zum Comic aufgeführt sind, und sie hält sich so eng wie möglich an die historische Realität. Es ist die Geschichte deutscher Juden, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren sind, Menschen, die zwischen den Paradoxa ihrer Zeit - deutschem Nationalgefühl, der Gründung des Zionismus und dem wachsendem Antisemitismus - hin- und hergerissen sind. Alle Feinheiten dieser Geschichte werden in Dialogen wiedergegeben, die sich an Schriften der handelnden Personen orientieren, von Walther Rathenau, einem Politiker und Wissenschaftler jüdischer Herkunft, bis zu Chaim Weizmann, dem ersten Präsidenten Israels."

Magazinrundschau vom 05.10.2010 - Rue89

Ghizlaine Khairi berichtet über das Aus für die marokkanische Wochenzeitschrift Nichane, die 2006 als arabischsprachiges Pendant der Zeitschrift TelQuel entstand. Neben der juristischen Verfolgung kritischer Journalisten hat vor allem ein inzwischen über ein Jahr anhaltender Werbeboykott dazu geführt, dass das Magazin eingestellt werden muss. "Der lähmende Werbeboykott gegenüber Nichane ist in der marokkanischen Medienwelt kein Einzelfall. Diese Technik gehört vielmehr zu einer Politik der Regierung, die gegen jede Publikation vorgeht, deren Linie als 'störend' gilt ... Die Botschaft dabei ist klar: Jede Publikation, die den 'roten Strich' überschreitet, wird blockiert. Wenn zu Beginn der Regentschaft von König Mohammed VI. gewisse Beobachter von einem journalistischen Frühling in Marokko gesprochen haben, präsentiert sich das Bild im Augenblick deutlich düsterer."
Stichwörter: Marokko, Rue89

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - Rue89

Die meisten Kinobesucher sind so von der Handlung gefangen, dass sie Dreh- und Anschlussfehler in Filmen gar nicht bemerken. Alexandre Pouchard indes informiert über eine Gemeinde von Cineasten, die eine wahre Leidenschaft aus dem Aufspüren von durchs Bild tappenden Filmcrewmitgliedern, sichtbaren Mikrofonstangen oder leeren Tellern, die in der Folgesequenz wieder gut gefüllt sind, gemacht hat. So sind etwa auf der von Jon Sandys 1996 gegründeten Seite Movie Mistakes, der bekanntesten ihrer Art, stattliche 89.000 Fehler in 6.500 Filmen zu besichtigen. Sandys behauptet, einen Film trotzdem genießen zu können, allerdings: "Wenn jemand raucht oder isst, kann ich mir nicht verkneifen einen Blick auf die Zigarette oder das Essen zu werfen, um zu schauen, ob sich zwischen den Bildaufnahmen etwas verändert hat." Und der Gründer des französischen Pendants Erreurs des Films Claude Geourjon meint: "Das ist reine Gewohnheitssache. Bei mir ist es inzwischen ein Reflex, den Hintergrund zu beobachten. Und wenn es dort einen Spiegel gibt, achte ich unbewusst darauf, weil ich vermute, dass dort was passiert."
Stichwörter: Rue89, Zigarette, Unbewusste

Magazinrundschau vom 14.09.2010 - Rue89

Unter der Überschrift "Chomsky wagt sich erneut in den Sumpf der Holocaust-Leugner" berichtet das Online-Magazin über einen offenen Brief des linken amerikanischen Linguisten Noam Chomsky, in dem dieser eine Petition zur Freilassung des französischen Ingenieurs Vincent Reynouard unterstützt, der wegen Leugnung der Existenz der Gaskammern im Gefängnis sitzt. 1979 hatte Chomsky in derselben Sache bereits den französischen Literaturwissenschaftler Robert Faurisson verteidigt, seine Argumentation ist dabei heute die gleiche wie damals: Auch Holocaust-Leugner hätten ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Im Gegensatz zu den USA, wo man diesbezüglich keinerlei gesetzliche Einschränkungen kennt, gilt in Frankreich seit 1990 die "loi Gayssot", ein Gesetz, das neben der Leugnung von Völkermorden auch rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Äußerungen ahndet. Chomsky schreibt: "Ich habe erfahren, dass Vincent Reynouard auf Grundlage der loi Gayssot verurteilt und inhaftiert wurde und dass eine Petition gegen diese Maßnahmen zirkuliert. Ich weiß nichts über Monsieur Reyounard, aber ich halte dieses Gesetz für absolut unrechtmäßig und für einen Widerspruch zu den Prinzipien einer freien Gesellschaft, wie sie seit der Aufklärung verstanden werden. Dieses Gesetz hat zur Folge, dem Staat das Bestimmungsrecht über die historische Wahrheit einzuräumen und jene zu bestrafen, die sich seinen Verordnungen widersetzen. Das ist ein Prinzip, das an die finstersten Zeiten von Stalinismus und Nazismus erinnert."

Magazinrundschau vom 29.06.2010 - Rue89

"Der Leser entscheidet über die Unabhängigkeit einer Zeitung" und nicht ihre mehr oder weniger potenten Besitzer, meint der Medienhistoriker Patrick Eveno in einem Interview zur bevorstehenden Übernahme von Le Monde durch ein Bieterkonsortium. Darin geht er auch auf Spezifika der französischen Presselandschaft, die auf den Zweiten Weltkrieg zurückgehen, als man die Zeitungen politischen Gruppen übergab und dafür sorgte, dass sie mit staatlichem statt mit privatem Geld überlebten. Als Beispiel für seine These führt Eveno den Figaro an, der zwischen 1924 und 1934 achtzig Prozent seiner Leser verloren hatte. "Das finde ich großartig, weil es zeigt, dass nicht der Aktionär die Unabhängigkeit einer Zeitung sichert, sondern der Leser. Wenn die Öffentlichkeit eine unabhängige Zeitung will, kauft sie sie, wenn sie sie nicht mehr will, kauft sie sie nicht mehr... Ich denke, die Unabhängigkeit ist [für Franzosen] eine bizarre Vorstellung, weil sie dem Kapital misstrauen. In Frankreich glaubt man immer, dass das Kapital stets das Redaktionelle bestimmt. Man sollte zunächst einmal zeigen, dass es das Redaktionelle ist, das die Macht einer Zeitung bestimmt. Seinen Job als Journalist gut zu machen - damit macht man sich nicht nur Freunde... Das verbürgt Unabhängigkeit."
Stichwörter: Geld, Rue89, Unabhängigkeit

Magazinrundschau vom 09.02.2010 - Rue89

In einem Interview spricht der italienische Komiker und Politik-Kritiker Beppe Grillo über seine Verbannung aus dem italienischen Fernsehen und sein Blog, das sich in den letzten Jahren zu einem der populärsten Italiens entwickelt hat. Obwohl er glaubt, dass jeder Italiener ein wenig Berlusconi in seiner DNA habe, denkt er nicht wirklich, dass Berlusconi überhaupt existiert. "Er ist nur ein Hologramm, ein Werbespot, ein Schaufenster. Wenn sie an diesem schönen Schaufenster vorbeikommen, sagen die Leute: 'Oh, ist das schön!'. Dann gehen sie in den Laden und stellen fest, dass es nichts gibt." Nur konsequent also, dass er Sarkozy viel schlimmer findet: "Er ist moderner und deshalb gefährlicher. Weil sich seine Politik vor allem um Kernenergie und das Militär dreht und er das übrige Europa in diese Richtung beeinflusst. Sarkozy ist viel intelligenter und hinterlistiger als Berlusconi. Er versteht es, große Denker oder Ökonomen um sich zu scharen wie Amartya Sen oder Joseph Stiglitz, die er in seine Ideologie einbindet."